Aus dem Reichstag in Berlin lodern die Flammen. Es ist kurz nach 21 Uhr an diesem 27. Februar im Jahr 1933. Innerhalb einer Stunde brannte das ehrwürdige Gebäude völlig aus. Adolf Hitler eilte sofort herbei, im Schlepptau Goebbels, Göring und August Wilhelm, genannt "AnWi", Sohn des letzten deutschen Kaisers und jetzt SA-Mann. Hitler preist das Feuer sofort deutungsschwanger als "von Gott gegebenes Zeichen".
Die Nazis nutzten den Reichstagsbrand für Terror gegen politische Gegner
Seit der Machtübernahme am 30. Januar hatte das nationalsozialistische Propagandateam nach einem Weg gesucht, dem Hitler-Clan mehr Wählerstimmen zuzuführen. Die nächsten Reichstagswahlen waren für den 5. März vorgesehen und die Nazis brauchten jede Stimme. Die Opposition war noch stark: Die Sozialdemokratische Partei hatte noch 121 Mandate, die KPD verfügte über 100 Abgeordnete, der Rechtsblock umfasste mit 196 Nationalsozialisten und 52 Deutschnationalen insgesamt 248 Abgeordnete.
Noch während im Reichstag die Flammen loderten, erklärte Göring die Brandstiftung zu einem Werk der Kommunisten. Nun also hatten die Nazis ihren "Aufhänger", nach dem sie so dringend gesucht hatten.
Terror zum "Schutz von Volk und Staat"
Die Naziclique veranlasste listigerweise Präsident Hindenburg, eine Notverordnung zum "Schutz von Volk und Staat" als "Abwehrmaßnahme gegen kommunistische Gewaltakte" zu unterzeichnen. Damit hatte der frisch gebackene Reichskanzler Hitler die Mittel in der Hand, auf legale Weise die Freiheit der Person sowie die der Presse aufzuheben und ohne Beschluß Hausdurchsuchungen durchzuführen, Eigentum zu beschlagnahmen, Briefe zu öffnen und Telefongespräche abhören zu lassen - also die Möglichkeit, sich über jeden von der damaligen Verfassung garantierten Schutz der persönlichen Freiheit hinwegzusetzen.
Jetzt wurden systematisch Regimegegner verhaftet und - als die Stadtgefängnisse überfüllt waren - in die ersten Konzentrationslager gesperrt. So auch der Gemeindearbeiter Fritz Willy Berndt aus Großschönau. Berndt: "Nur auf Grund meiner SPD-Zugehörigkeit wurde ich vom damaligen örtlichen Lehrer Seidel und einem mir unbekannten SA-Mann in meiner Wohnung verhaftet. Zwei SA-Männer brachten mich sofort nach Löbau ins ‘Braune Haus’.Hier, wo ich ein viertel Jahr eingekerkert war, tanzte von Anfang an nur der Gummiknüppel. Die SA-Männer Lehmann aus Löbau, May aus Weissenberg und Dörr, ebenfalls aus Löbau, verprügelten mich so dermaßen, dass ich faustgroße Löcher im Gesäß hatte. Doch damit nicht genug, meine nächste Zwangsstation hieß Hainewalde und das Leiden unter den Nazis ging weiter".
"Kleiner Reichstagsbrand" in Niederdorf
Am 21. März 1933 gegen 23 Uhr heulte in Eibau die Feuerwehrsirene. In Niederdorf brannte das kleine Häuschen des SA-Mannes Jäckel. So kam es, dass später in der Umgebung nur vom "kleinen Reichstagsbrand" gesprochen wurde. Noch in der gleichen Nacht rollte eine Verhaftungswelle an. SA-Leute schrien: "Aufstehen, ihr roten Schweine, ihr Brandstifter", erinnerte sich Fritz Seiler. Auch er wurde in das eilig eingerichtete "Schutzhaftlager Hainewalde" verschleppt. Die örtlichen Gefängnisse waren längst überfüllt.
Selten, aber auch das gab es: Entlassungen aus dem KZ Hainewalde
Auch in Zittau stand die SA mit Lastwagen bereit um sofort loszuschlagen. Extrablätter, Ministerreden und Plakate verkündeten:
"Die Kommunisten haben den Reichstag angezündet. Dem Brand sollen Aufstand und Bürgerkrieg folgen.
Die Kommunisten wollen Eure Kinder ermorden und Eure Frauen schänden.
Die Kommunisten wollen das Wasser der Brunnen und die Speisen in den Restaurants vergiften."
Propaganda dieser Form hämmerte permanent auf die Zeitungsleser und Rundfunkhörer ein.
Die Verfolgung der Kommunisten war für die Hitler-Regierung jetzt selbstverständlich und Hitler eiferte: "Niemand wird und daran hindern, die Kommunisten mit eiserner Faust zu vernichten!" Doch die Kommunisten wehrten sich so gut sie konnten und starteten Aufklärungsaktionen. In Seifhennersdorf verteilten Artur Stolle, Georg Eifrig und Helmut Schreiber Flugblätter über die Hintergründe des Reichstagsbrandes. Dabei wurde Schreiber erwischt und verhaftet.
Die Nazis waren gnadenlos gegen jede Opposition. Hausdurchsuchungen der Polizei mit SA und SS-Verstärkung standen nun auf der Tagesordnung. Das Zittauer KPD-Büro befand sich damals in Räumen einer alten Brauerei. Auf dieses Büro war der erste große Angriff der Nazis gerichtet. Man nannte dieses Vorgehen "Haussuchung nach Waffen". Alles wurde durchwühlt. Unterlagen über die Partei und ihre Mitglieder fanden sie jedoch nicht. Die waren längst an anderer Stelle versteckt. Wütend rissen die Nazis sogar die Fußböden auf.
Erste Verhaftungen im Bezirk Zittau
Am 1. März 1933 wurden im Bezirk Zittau die ersten Mitglieder der KPD verhaftet. Es waren Emil Nicht aus Oberseifersdorf, Alfred Hanisch aus Neu-Jonsdorf und Fritz Henning aus Jonsdorf. Bereits mit der Verhaftung begannen die Misshandlungen und Folterungen. Mit vorgehaltener Pistole wurden Oppositionelle und ihre Familienmitglieder bedroht und bei der Hausdurchsuchung die Wohnung systematisch demoliert und verwüstet. Kinder mussten mit ansehen, wie ihre Väter misshandelt, aus der Wohnung geprügelt und auf die bereitstehenden Lastwagen geschleppt wurden.
Es ging ins Gerichtsgefängnis Zittau, Großschönau, Ostritz und Reichenau. Ziel waren oft auch die Kellerräume der SA-Wache "Sächsischer Hof" und "Schwarzer Adler" in Zittau. Wenn es hier zu voll wurde, wurden die Verhafteten auch nach Löbau in den Keller der "Volkszeitung" und ins "Braune Haus" verschleppt.
Bei der Ankunft war die gesamte Mannschaft angetreten. Taschenlampen blitzten auf, die Gewehre wurden durchgeladen und die Revolver schußbereit gemacht. "Wir wurden mit Schimpfworten begrüßt wie Strolche, Lumpen, Verbrecher, rote Hunde. Vom Eingang bis in den Keller wurden wir durch ein Spalier von SA-Leuten die Treppe heruntergestoßen. Dabei hagelte es Fußtritte und Faustschläge. Im Keller stieß man uns mit Gewalt in einen finsteren Raum. Auf allen Vieren krochen wir im überbelegten Kellerraum umher, um in völliger Dunkelheit einen freien Platz zu finden",erinnert sich ein Zeitzeuge. "Ich war im Vorhof der Hölle gelandet." Doch es sollte noch schlimmer kommen. Nicht nur für ihn allein. Fast die gesamte Opposition wurde in Ketten gelegt, traktiert, in manchen Fällen sogar brutal ermordet.
Hainewalde - das erste KZ in Sachsen
Am 26. März 1933 wurde der ehemalige Adelssitz der Herren von Kyau, mittlerweile wegen totaler Verschuldung der Familie in Besitz der Gemeinde Großschönau, als sogenanntes Schutzhaftlager eröffnet. Im Kyau’schen Schloß zog der SA-Sturmbann III-102 aus Dresden als Schutzwache auf. Am 27. Und 28. März 1933 wurden Strohsäcke, Schlafdecken, Waschschüsseln, Eimer und 35 Gummiknüppel angeliefert. Am 28. März trafen bereits die ersten Transporte mit politischen Häftlingen ein. Regie führte das Landeskriminalamt Dresden - Schutzhaft-Zentrale.
Ein Schloß als KZ: Am Turm von Hainewalde prangt nun das Hakenkreuz
Die Gefangenen in den neuen Konzentrationslagern hatten selbst nach den Nazi-Gesetzten keine Straftaten begangen. Die Häftlinge hatten nie einen Richter gesehen und das war auch nicht vorgesehen. Unterdessen beteuerten die Naziführer immer wieder, dass die Schutzhaft eine reine "Verwaltungsmassnahme" sei.
Um die Öffentlichkeit über den wahren Charakter des KZ Hainewalde zu täuschen schrieb die Oberlausitzer Tageszeitung in ihrer Ausgabe Nr. 147 von 1933: "An den Hängen des herrlichen Mandautales im Lausitzer Dorf Hainewalde erhebt sich das schöne turmgekrönte Schloß, ein Zeuge alter Zeit, errichtet von dem alt eingesessenen Adelsgeschlecht derer von Kyau, deren Name in den Annalen sächsischer Geschichte für alle Zeiten eingetragen ist. Heute schmückt den Mittelbau des Schlosses an der Vorderfront das Symbol des neuen nationalsozialistischen Staates, lustig weht auf den Zinnen weithin leuchtend die Fahne des Nationalsozialismus. Das Schloß dient den Zwecken der großdeutschen Bewegung und ihrer Stärkung. Es bildet das Schutzhaftlager der Oberlausitz für bis zu 400 politisch unzuverlässige Personen. Erst beim näherkommen merkt der Beschauer als äußeres Zeichen des Lagers hohe Drahtzäune, deren Eingänge von SA-Posten bewacht sind."
Politischen Gefangene füllten das erste KZ
Seit am 1. März 1933 die Verhaftungswelle ins Rollen kam, füllte sich das KZ schnell. In einem dieser Fälle steht in der Polizeiakte: "An das Amtsgericht Zittau - Auf Grund eines Funkspruchs vom Ministerium des Inneren (Dresden) vom 1.3.1933 wurde der Tischler Nicht, Vorname Emil, geb. am 19.12.99 in Oberseifersdorf, daselbst wohnhaft, Ortslistennummer 187, in Schutzhaft genommen und dem Amtsgericht Zittau zugeführt, weil er sich mit Henschke verbunden und in scharfer Form gegen Behörden und rechtsstehende Kreise vorgehen will.
Vorläufig in Schutzhaft genommen am 1.3.33, 13.00 Uhr - Eingeliefert in das Amtsgericht Zittau am 1.3.33, 15.15 Uhr - Gendarmarie-Kommissar."
Am folgenden Tag wurden zwischen 7.30 und 8.30 Uhr die KPD-Mitglieder Alfred Bruhn, Karl Metzner, Max Richter, Martin und Lina Wehnert (alle aus Zittau) sowie Hermann Schmidt und Gustav Heptner (beide Friedersdorf) verhaftet. Um 12.30 erwischten die Nazihäscher noch Richard Schramm (Ostritz), Richard und Oskar Schubert (Bertsdorf), gegen 16.15 Uhr Erdmann Hoffmann aus Seifersdorf und um 18.30 Uhr Richard Schneider aus Niederoderwitz.
Über die Verhaftungswelle schrieb die "Oberlausitzer Tageszeitung" Nr. 52 vom 2. März 1933 "dass gestern und heute vormittag in vielen Orten der Südlausitz, u.a. Seifhennersdorf und Niederoderwitz, Haussuchungen bei Funktionären der KPD von Polizei und Gendarmerieorganen durchgeführt wurden. In vielen Fällen wurden Druck- und Flugschriften sowie Material zur Herstellung von solchen beschlagnahmt. Nach Haussuchungen bei Zittauer kommunistischen Funktionären, wobei man verbotene Schriften und Zersetzungsmaterial sowie Hieb- und Stichwaffen gefunden und beschlagnahmt hat, wurden bereits gestern, Mittwoch, zwei Verhaftungen, darunter die eines Ausländers vorgenommen. Heute Donnerstag früh, erfolgten weitere fünf Verhaftungen kommunistischer Führer, die dem Amtsgericht zugeführt wurden. Außerdem wurden zwei kommunistische Führer in Polizeigewahrsam genommen und das kommunistische Parteilokal polizeilich geschlossen."
"Gebt unsere Führer frei"
Auch die KPD’ler Martin Kluge und Paul Ebermann aus Oberseifersdorf sollten verhaftet werden, doch sie waren nicht aufgreifbar. Als Gustav Heptner und Hermann Schmidts Verhaftung am 2. März 1933 bekannt wurde, führten die Friedensdorfer Parteigenossen noch am selben Tag einen Protestmarsch durch. Als dann das Zittauer Überfallkommando anrollte, um die Demonstration zu zerstreuen, rief ihnen Herbert Ziegler zu: "Gebt unsere Führer frei". Umsonst.
Stolz auf die neue Uniform: SA-Mann Moskewiat im heimischen Garten
Der Zittauer Gefängnisvorstand meldete nun alle sieben Tage in das Ministerium der Justiz in Dresden die Anzahl der eingelieferten Schutzhäftlinge:
| 1. März 1933 | - | 03 männl. / 0 weibl. Gefangene |
| 2. März 1933 | - | 14 männl. / 1 weibl. Gefangene |
| 7. März 1933 | - | 24 männl. / 1 weibl. Gefangene |
| 14. März 1933 | - | 43 männl. / 0 weibl. Gefangene |
| 21. März 1933 | - | 54 männl. / 0 weibl. Gefangene |
| 23. März 1933 | - | 59 männl. / 1 weibl. Gefangene |
Das waren nur die ersten Tage, die Liste wurde lang und länger. Eine regelrechte Jagd auf anders Gesinnte war im Gang. Immer mehr Regimegegner verschwanden in den Folterkellern und Schutzhaftlagern. Die Oberlausitzer Tageszeitung Nr. 53 vom 3. März 1933 teilte der Öffentlichkeit mit, dass der Grenzschutz durch Hilfskräfte der SA verstärkt wurde. Gleichzeitig dazu wurde eine verschärfte Kontrolle der Ausweispapiere durchgeführt. Man wollte alle Kommunisten in der Region erwischen und die grüne Grenze zur CSR abschotten, damit keiner mehr "rüberwitschen"konnte.
Die Arbeiter kämpfen gegen die Hitler-Diktatur
Doch die KPD ließ sich nicht klein kriegen. Selbst als ihr Vorsitzender Ernst Thälmann durch Verrat verhaftet wurde, geht der Kampf gegen die Nazis unvermindert weiter. Die Masse der Arbeiter ist zur Abwehr der Hitler-Diktatur entschlossen.
Ein Signal zum vereinten Kampf gegen die Nazis aber bleibt aus. Die SPD-Führung will im Widerstand gegen die Nazis den "Boden der Verfassung nicht verlassen". Der von der KPD angebotene Generalstreik scheint ihr noch verfrüht. So kann Hitler zunächst die KPD hart anschlagen und in die Illegalität abdrängen, um sich dann der Verfolgung der SPD zuzuwenden. Die Sozialdemokraten und die Gewerkschaften zahlten für das Stillhalten nicht nur mit dem Verlust ihrer Organisationen, sondern auch mit Blut und Freiheit vieler tausend Mitglieder.
Honecker über Hitlers Machtergreifung
Erich Honecker, damals Mitglied des ZK des Kommunistischen Jugendbundes Deutschland, erinnerte sich in seiner Biographie "Der Sturz" - womit sein eigener gemeint war - noch genau an diese Zeit:
"Wir hatten nicht die massenhafte Zustimmung des deutschen Volkes für die Hitlerbewegung vorausgesehen. Man muß das ganz offen sagen ! Das war selbst bei den Wahlen am 3. März noch nicht der Fall gewesen. Diese Wahlen, die schon unter dem Eindruck des Geschehens nach dem Reichstagsbrand und des Terrors standen, ergeben noch eine sehr starke Stimmabgabe von über fünf Millionen für die KPD und sieben Millionen, soweit ich das in Erinnerung habe, für die SPD. Das heißt, über 12 Millionen Stimmen waren alleine in der Linken vorhanden. Hitler und die NSDAP, die alle Register zog, die führenden Kräfte ihres Gegners, soweit sie ihrer habhaft werden konnte, ermordete beziehungsweise in Konzentrationslager warf, hatte keine Mehrheit im Reichstag, auch nicht im Bund mit den Deutschnationalen Kräften. Es fehlte die Zweidrittelmehrheit zur Verfassungsänderung. Dass Hitler mit Hilfe von Wahlen an die Macht gekommen sei, ist vollkommener Quatsch."
Göring kündigt Kampf gegen Kommunisten an
Ein seltsames, fatales Schauspiel nahm 1933 seinen Lauf: Willkür und Gewalt, öffentlich angekündigt und dann in die Tat umgesetzt. Hermann Göring konnte öffentlich als Preußischer Innenminister in Berlin erklären: "Volksgenossen, meine Maßnahmen werden nicht angekränkelt sein durch irgendwelche juristische Bedenken. Meine Maßnahmen werden nicht angekränkelt sein durch irgendwelche Bürokratie. Hier habe ich keine Gerechtigkeit zu üben, hier habe ich nur zu vernichten und auszurotten, weiter nichts...Solch einen Kampf führe ich nicht mit polizeilichen Mitteln. Das mag ein bürgerlicher Staat getan haben, gewiß, ich werde die staatlichen und polizeilichen Mittel bis zum äußersten auch dazu benutzen, meine Herren Kommunisten, damit sie hier nicht falsche Schlüsse ziehen, aber den Todeskampf, mit dem ich Euch die Faust in den Nacken setze, führe ich mit denen da unten, das sind die Braunhemden."
Ein Aufruf, der sich so über ganz Deutschland verbreitete. Veranstaltet nach dem selben Muster: Mitternacht in der Umgebung von Zittau, in der Nacht vom 4. auf den 5. April 1933. Von Rimburg aus nach Kreibitz macht sich eine große Limousine mit abgedunkelten Scheinwerfern auf den Weg.
Im Ort angekommen stiegen vier Männer leise aus. Einer sagte noch: "Gehen wir, niemand spricht, nur Anton." Um 1.00 Uhr klopft es am Fenster des Hauses Nr. 43. Hier hatte der KPD-Funktionär Richard Martin Unterschlupf gefunden. Drei Mann duckten sich an der Hauswand, der vierte klopfte weiter. Schließlich stand im Haus jemand auf. Alfred Kögler fragte, wer draußen sei.
"Das bin ich, Anton Richter aus Cribske, öffnet doch die Tür."
"Herr Kögler, wir brauchen ein Nachtlager für vier Reichsdeutsche, sich haben sie noch Platz"
"Verschwinden Sie, hier ist keine Herberge" antwortete Kögler. "Kommen Sie am Tage wieder, wie anständige Leute."
"Ach Herr Kögler, geben sie mir wenigstens einen Rat" säuselte der angebliche Anton vertrauensheischend. Kögler ließ sich erweichen und öffnete. Mit einem Sprung drangen die SS-Leute mit Gummiknüppeln und gezogenen Pistolen in das Haus und stürmten in die Küche. Hier fanden sie Richard Martin und zogen ihn aus dem Bett. Der Greifer-Trupp wollte ihn gleich in Unterhosen mitnehmen. Kögler aber wollte, dass er sich anziehen kann. Die SS’ler schlugen ihn kurzerhand zu Boden. "Ihr benehmt euch wie Tiere" rief er noch. "Halt die Schnautze", war die Antwort. "Oder wir nehmen dich gleich mit."
Brutale Verhaftungsaktionen waren die Regel
Köglers Frau, die sich schützend vor ihren Mann stellte, wurde mit einem Revolverknauf niedergeschlagen. Richard Martin wurde von drei Kerlen hinaus geschleppt. Einer hielt mit der Pistole Alfred Kögler in Schach und schoß von draußen die Tür. Richard Martin und seine Entführer schienen ab sofort wie vom Erdboden verschluckt.
Die Vorgeschichte: Wilhelm Richard Martin wurde, wie damals leider oft geschehen, von tschechoslowakischen Nazi-Spitzeln ans Messer geliefert. In seinem Fall war es der 35jährige Chauffeur Josef Schubert und zwei seiner Kumpane aus Vlei Hory. Schubert gab den entscheidenden Tipp. Alfred Kögler, der in Kreibitz (CSR) wohnte und in Warnsdorf arbeitete, wurde zwei Tage zuvor vom Pförtner seines Betriebes gefragt, ob er zu Hause für einige Tage eine Liege frei hätte. Kögler verstand die Frage sofort richtig: Ein Parteigenosse aus dem Reich brauchte ein Nachtquartier.
Am 4. April vormittags begrüßte Kögler seinen "illegalen" Gast. Der hatte bereits eine unruhige Nacht hinter sich. Er stellte sich als Martin Richard vor. Sie gingen zusammen in die Küche und Köglers Frau zeigte ihm die vorbereitete Liege. Kurze Zeit später schlief Richard Martin ein. Am selben Tag überschritten drei Männer die Grenze von der CSR nach Deutschland. Einer wollte nach Hermsdorf bei Sebnitz, die anderen beiden gingen direkt in das SA-Heim in Sebnitz, um einen flüchtigen Kommunisten anzuzeigen.
Die Denunzianten kamen von jenseits der Grenze
Im SA-Heim wurden die Verräter bevorzugt empfangen. Ein SS-Mann fragte: "Wie heißt denn der, Kameraden?"
"Das wissen wir nicht. Wir sahen nur von weitem, wie er mit Kögler ins Haus ging."
"Wie sah er denn aus?"
"Mittelgroß, braune Haare, etwa 40 Jahre alt."
Der SS-Mann rief einen Zivilisten, der eine Fotokarte herumzeigte. "Ist er das?" fragte der ominöse Zivilist.
"Nein, der ist aus Kreibitz, der ist auch älter!"
"Das scheint nur so", sagte der SS-Mann hämisch lachend. "Wenn wir mal einen in der Mache hatten, sieht er danach auch älter aus."
Die Fotoschau ging weiter, bis die zwei tschechoslowakischen Nazi-Agenten einstimmig sagten: "Das da, das ist er!"
Na klar, das ist er: Martin Richard, geboren am 17. Juni 1890 in Seifhennersdorf. Zuletzt arbeitete er in Leutersdorf, ein bekannter Kommunist - die SS-Schergen waren begeistert. "Was wisst ihr über ihn, wem gehören die Nachbarhäuser, ist Kögler bewaffnet, wird er Widerstand leisten, wer von euch ist bereit, an einer Aktion teilzunehmen?" Die Entführung wurde sofort geplant: "Die Aktion machen wir noch heute Nacht, damit der Vogel nicht davon fliegt. Und euch Kameraden danke ich im Namen des Führers."
Nachspiel: Zwischen der Gesandschaft der CSR in Berlin und dem sächsischen Außenministerium gab es von April bis Juni 1933 folgenden Briefwechsel:
Berlin, den 10. April 1933/XI
Einer Pressemeldung aus Prag zufolge soll der Italiener Riccardo Martini in der Wohnung eines gewissen Koegler im Dorfe Kreibitz auf tschechoslowakischem Gebiet von vier Deutschen überfallen und über die deutsche Grenze geschafft worden sein. Das Unternehmen sei von einer gewissen, in Kreibitz wohnhaften Person namens Richter begünstigt worden."
Die Antwort aus Dresden am 20. Juni 1933: "Bei Martini handelt es sich nicht um einen italienischen Staatsbürger, sondern um den deutschen Staatsangehörigen Weber Wilhelm Richard Martin, geb. am 17. Juni 1890 in Seifhennersdorf, wohnhaft in Leutersdorf. Martini ist bei Ausbruch der nationalen Revolution nach der Tschechoslowakei geflohen, weil er sich als KPD-Funktionär und geistiger Führer der Ortsgruppe Leutersdorf der KPD betätigt hatte. Er hat sich in Kreibitz in der Tschechoslowakei bei Gesinnungsgenossen verborgen gehalten und von da aus gegen die nationale Regierung in Deutschland gearbeitet. Es bestätigt sich, dass Martin am 05. April 1933 von Mitgliedern der SA die Grenzüberwachungsdienst geleistet haben, über die Grenze in das deutsche Staatsgebiet zurück gebracht und hier verhaftet worden ist. Die Leute, die Martin über die Grenze gebracht haben, haben im einzelnen nicht festgestellt werden können. Es ist ohne weiteres zuzugeben, dass sie sich einer Grenzverletzung schuldig gemacht haben...&quto;
So die offizielle Note des Sächsischen Außenministeriums zu diesem Vorfall an die Gesandschaft der CSR.
Die KPD'ler organisierten sich von der CSR aus
Zur damaligen Zeit befanden sich schon viele KPD’ler in den nahen Grenzorten der CSR. Von hier aus organisierten sie ihren Widerstand gegen das Nazi-Regime in Deutschland. Ständiges Zentrum für die illegale Arbeit der KPD in der ersten Zeit wurde das Arbeiterheim in Grottau (CSR). Später mussten die Beratungen und Versammlungen in andere Orte verlegt werden, da die Zittauer Gestapo einen Spitzel in Grottau eingeschleust hatte. Treffpunkte waren nun unter anderem Ketten, Niederberzdorf und einige umliegende Dörfer in der CSR.
Einmal lief Rolf Posselt auf der Straße nach Marienthal, einen Rucksack auf dem Rücken voller Propagandamaterial gegen den Hitlerterror. Es war ein nebliger Tag. So gegen 16.00 Uhr marschierte ihm singend ein SA-Trupp der Grenzwache entgegen.
Posselt holte tief Luft und marschierte flott an dem SA-Trupp vorbei. Glück gehabt, es kam zu keiner der sonst üblichen Provokationen und Posselt wurde nicht beachtet. Man musste immer auf der Hut sein, denn das Überfallkommando Zittau machte zusätzlich die Gegend im Grenzraum unsicher. Doch der illegale Kurierdienst fand immer neue Wege, um die Nazis zu täuschen. Eine Strecke führte zum Beispiel von Böhmisch-Ullersdorf an der Reismühle vorbei, Poritscher Strasse, Lammergasse, Georgstrasse bis zu Litfaßsäule am Hotel "Zur goldenen Weintraube". Hier wurden auch versteckte Botschaften ausgetauscht und Termine festgelegt. Ein weiterer Treffpunkt war im Ullerdorfer Gebiet, zwischen dem Rittergut und dem Wald, am so genannten Kuhgraben. Von hier aus ging Literatur, Flugblätter und Propagandamaterial via Görlitzer Bahnhof nach Berlin.
Politische Morde: Der Fall Hanspach
Auch der bekannte KPD-Funktionär Reinhold Hentschke wurde während eines kleinen Grenzverkehrs kurzfristig geschnappt. Im gelang aber sofort die Flucht aus dem Grenzhaus und er floh nach Friedersdorf zum Parteigenossen Alwin Hanspach, der ihn dann sicher über die grüne Grenze geleitete. Hanspach ereilte später ein grausames Schicksal, wie viele seiner aktiven Genossen im Kampf gegen Hitler und sein Regime.
Die Vossische Zeitung meldete am 11. April 1933: "Alwin Hanspach, kommunistischer Arbeiter aus Freidersdorf bei Zittau in der Schutzhaft erschossen...Hanspach versuchte in den Schlafraum der SS einzudringen...als ihm ein SS-Mann entgegentrat wollte er ihm die Waffe entreißen. Der SS-Mann gab einen Schreck-Schuß ab und als Hanspach nicht von ihm ließ, feuerte er einen gezielten Schuß ab, durch den Hanspach tödlich getroffen wurde. Die Frau des Erschossenen befindet sich seit gestern wegen kommunistischer Umtriebe in Schutzhaft."
In einer offiziellen Anzeige über Unglücksfälle bzw. Selbstmorde bei der Amtshauptmannschaft Zittau wurde mitgeteilt, "dass am 11. April 1933 gegen 3.00 Uhr in Zittau in der Wachstube der SS-Wache (früher Volksbuchhandlung) der Alwin Max Hanspach aus Freiderdorf den Tod durch Erschießen fand. Der Verstorbene wurde bei einem tätlichen Angriff gegen SS-Mannschaften getötet. Der technische Betriebsleiter Erich Hanisch hat Hanspach in Notwehr erschossen."
Protest gegen die braunen Mordbestien
Bei der Urnenbeisetzung von Alwin Hanspach durfte laut Nazi-Verwaltung niemand dabei sein. Um ihm einen letzten Gruß zu erweisen legten die Zittauer KPD-Genossen heimlich nachts einen Kranz mit roter Schleife auf’s Grab. Als die Polizei dies feststellte, entfernte sie den Kranz wieder. Nach der Beisetzung von Hanspach schrieben die KPD’ler Richard Horn und Reinhold Rau ein Extra-Flugblatt mit dem Titel: "Heraus zum Protest gegen die braunen Mordbestien!"
Da in Marienthal keine Schreibmaschine zur Verfügung stand, wurde das Protestschreiben mit einem Griffel geschrieben und vervielfältigt. Per Fahrrad und mit Motorrädern schwärmten die Genossen aus und verteilten den Aufruf in Bahnhöfen, so in Hirschfeld, Marienthal und Ostritz. Auch diese Aktion war in Nazi-Deutschland natürlich lebensgefährlich. Denn Gewerkschaftler, Liberale, Sozialdemokraten und besonders Kommunisten wurden gejagt, verhaftet und gefoltert. Jede Art von Opposition sollte ausgeschaltet werden. Hitler über die KPD: "Nunmehr ist die Stunde der Abrechnung gekommen, in der wir eiskalte Konsequenzen ziehen. Sie sollen sich keiner Täuschung hingeben, dass diese Abrechnung ein nicht natürliches Ende nehmen könnte. Das Ende der Revolution ist das Ende der Novemberverbrecher, das Endes des Systems, das Ende dieser Zeit. Wir werden diese Männer verfolgen bis in die letzten Schlupfwinkel hinein und werden nicht rasten, bis dieses Gift restlos aus unserem Volkskörper entfernt sein wird."
20. April 1933 - Führergeburtstag. Hitler und die Nazis feiern kräftig und selbstzufrieden. Für den KPD-Genossen Walter Kretschmer aus Reichenau war es jedoch kein Feiertag - er wurde verhaftet und auf die SS-Wache Zittau verschleppt. Da er im Verhör schwieg, wurde er erst einmal zusammengeschlagen. Dann das Kommando: "Hosen runter und den Hintern zeigen!" Jetzt stachen die SS'ler mit ihren "Ehrendolchen" auf das zerschundene Hinterteil ein. Danach wurde Kretschmer, da aus ihm nichts rauszuholen war, nach Löbau in die Räume der "Volkszeitung" gebracht. Dort angekommen bat Walter Kretschmer den SA-Sanitäter um etwas Salbe für die Wunden. Dieser streute jedoch Salz darauf, so dass sich der gesamte Wundbereich entzündete. Kretschmer musste später im KZ-Hohnstein monatelang mit Krücken laufen.
Das Morden geht weiter
Keine Chance hatte Julius Pavel zwei Tage später. Pavel wurde während einer Vernehmung, die SS-Standartenführer Prodehl selbst leitete, in der Zittauer SS-Wache erschlagen. Nachdem sich der Standartenführer überzeugt hatte, dass Pavel die letzten Atemzüge machte und selbst das ständige Übergießen mit kaltem Wasser keine Reaktion mehr zeigte, ließ er Pavel in einer Kellerecke aufhängen. Die Nazis teilten den Angehörigen lapidar mit, dass Julius Pavel am 22. April 1933 den Freitod durch Erhängen gewählt hatte.
Im offiziellen Untersuchungsbericht der Amtshauptmannschaft Zittau über Unglücksfälle bzw. Selbstmorde wurde dazu mitgeteilt, "dass am 22. April 1933 gegen zwei Uhr bis halb sieben Uhr in Zittau im Bierkeller Neustadt 34 der Julius Pavel den Tod fand durch Erhängen." Als Grund wurde angegeben: "wirtschaftliche Verschuldung und wahrscheinliche Furcht vor einer Strafe."
Ständig wurden wo genannte Säuberungsaktionen, Razzien und Hausdurchsuchungen durchgezogen. Damit die Bevölkerung von Zittau auf der Strasse die Schmerzensschreie der Gefolterten nicht hörte, spielte die SS bei den Vernehmungen laute Musik vom Grammophon ab.
Verhaftet und gefoltert wurde jetzt von den Nazis am laufenden Band. So auch Max Meyer aus Großschönau. Seine Geschichte begann, als ihn ein Reichstagsabgeordneter aus Berlin besuchte. Er war KPD-Funktionär und sollte als Agitator bei der Landbevölkerung wirken.
"Er wohnte einigen Zeit bei mir", so Meyer. "Gemeinsam haben wir die Bauern besucht und über unsere Ziele aufgeklärt. Zur Unterstützung unserer Parteiarbeit war uns Willi Gall zugeteilt, mit dem ich auch persönlich befreundet war. Bei der Machtübernahme hatte ich ihn zwei Wochen in meiner Wohnung versteckt, da ihn die Nazis gleich auf der Fahnungsliste hatten."
Auf der Flucht
Gall musste über die Grenze nach Varnsdorf gebracht werden. Meyer weiter: "Als wir zu Fuß kurz vor der Brücke bei der Gartenstraße in Großschönau waren, ist uns der SS-Mann Blasig in die Hände gelaufen. Er folgte uns sofort und schob sein Fahrrad, um an uns dran zu bleiben. Ich trat ihm gegen das Rad, um ihn abzulenken und Gall konnte loslaufen und die Grenze erreichen. Blasig zog seine Pistole und schoß sofort los. Gall wurde ins Bein getroffen. Er konnte sich aber noch über die Grenze schleppen. Die tschechischen Grenzer erwiderten das Feuer in Richtung Blasig. In diesem Durcheinander schnappte ich mir das Fahrrad von Blasig und radelte davon. Zurück nach Großschönau, zum Weinhaus. Jetzt war ich selber auf der Flucht. Aber die Nazis erwischten mich. Über das Zittauer Gefängnis kam ich am 24. April 1933 nach Hainewalde. Damals ahnten wir noch nicht, dass in der KPD Verräter direkt für die Gestapo arbeiteten, wie Bernhard Glufke, Karl Mai, Paul Kretschmar und Buttke. Unter den acht KPD-Genossen, die mit mir von Zittau nach Hainewalde gebracht wurden, war auch der Geschwerkschaftssekretär Heidel. Er wurde sogar mein Bettnachbar und ich musste erleben, wie er drei Wochen lang jede Nacht aus dem Bett geholt wurde. Verhöre und Misshandlungen wechselten sich ab. Obwohl wir, die Gefangenen, uns sehr um seinen Gesundheitszustand bemühten, konnte er nach 21 Tagen kaum noch laufen. Man hatte ihm eine Niere zerschlagen." Schwer krank wurde er nach hause entlassen, wo er kurze Zeit darauf starb."
Wer den Nazis passte, kam frei
Knapp einen Monat zuvor erlebte Zittau ein anderes Szenario der völlig gegenteiligen Art:
"Aus der Schutz entlassen - Wiedereinsetzung in alle Ämter!" titelte die NS- und Lokalpresse und erklärte den staunenden Lesern, dass gegen 19 Uhr Oberbürgermeister Zwingenberger, die Standartenführer Unterstab und Klein bei den im Rathaus in Schutzhaft befindlichen Bürgermeister Dr. Kloßenburg, Verwaltungsdirektor Stab, Amtmann Hoffmann und Polizeidirektor Thiele auftaucheten und ihnen mitteilten, dass ihrer Entlassung und der Wiederübernahme ihrer Ämter nichts mehr im Wege stehe. Die Schutzhaft sei nur eine vorbeugende Massnahem gewesen, weil man Polizeiinspektor Thiele als alten Offizier und pflichtbewußten Beamten nicht in Gewissenskonflikte führen wollte. Der Nazi-Standartenführer habe seinen ihm erteilten Auftrag so schnell wie möglich und ohne Konflikte durchführen müssen.
Oberinspektor Thiele hat nach einer ehrenvollen Erklärung seinen Dienst sofort wieder aufgenommen. Weiter sind auch alle übrigen in Schutzhaft genommenen Personen - bis auf einen Assesor des Arbeitsgerichts und natürlich eine Anzahl Kommunisten - wieder entlassen worden. So einfach war das damals, es kam nur darauf an, ob man Gegner der Nazis war, oder Befürworter.
Adolf Hitler ist Ehrenbüger von Zittau
Denn schon längst war Hitler Ehrenbürger auch in Zittau und OB Zwingenberger erklärte hierzu am 21. Mai 1933: "Eine von Herzen kommende Bitte richte ich an die verehrten Mitglieder des Rates und Stadtverordneten-Kollegiums, die sehr geehrten Herren Vertreter der SA und SS sowie des Stahlhelms und der Presse und ein Gelöbnis soll es sein: Wir wollen der Stunde dieses historischen Tages an dem Adolf Hitler zum Ehrenbürger der Stadt Zittau ernannt wurde immer gedenken mit der Tat.
Es liegt ein schwerer Weg vor uns. Nur mit stärksten moralischen Kräften können wir ans Ziel kommen, aber wir werden es erreichen. Auch jene, die der nationalen Bewegung bisher ferngestanden haben, sollen von uns aufgenommen werden, wenn sie den ehrlichen Willen bekunden, mitzuarbeiten am Wiederaufbau unseres schönen und schwer geprüften Vaterlandes."
"Mit Hoffnung im Herzen gingen die Ratsmitglieder und Stadtverordneten" so schrieb die Zittauer Nachrichten in ihrer Sondernummer am nächsten Tag "die vielen Stufen des Rathauses hinunter, hinein in den echten Frühlingstag, der erfüllt war von Sonne, von Glockengeläut udn faltternden Fahnen. Ein glücklicher Tag - mögen alle seine Hoffnungen erfüllt werden."
Auch SPD-Presse wird in Sachsen verboten
Neun Tage später stand in der "Oberlausitzer Tageszeitung" zu lesen, dass der Kommisar des Reiches für das Preußische Innenministerium durch einen Runderlass angeordnet hat, dass die Vertreter der KPD an Sitzungen der Vertreter-Körperschaften der Gemeinden und Gemeindeverbände nicht mehr teilnehmen dürften, das sie sämtlich unter dem Verdacht des Hochverrats stünden. Ihre Einladung habe daher zu unterbleiben. Parallel dazu wird die gesamte SPD-Presse in Sachsen verboten und der Judenboykott beginnt. Überall im Hitler-Reich wurden jüdische Geschäfte durch die SA geschlossen, jüdische Rechtsanwälte entlassen und jüdische Bürger verhaftet. Die "Oberlausitzer Tageszeitung" vom 30 März 1933 erklärte dazu, dass in Zittau am Donnerstag 20 jüdische Geschäfte aus Gründen der öffentlichen Sicherheit mit Rücksicht auf die besonderen Verhältnisse im Grenzgebiet auf Anordnung des städtischen Kommisars geschlossen werden mussten.
Mit Schreiben des Stadtrates von Zittau vom 16. Mai wurden Adolf Wiegemann, Martin Langfeld, Martin Wehnert, Richard Kretschmar, Bruno Schröter, Albin Bock, Otto Burkholdt, Ella Kloß, Fritz Prochaska, Otto Hermann, Max Richter und Lina Wehnert ersucht, da sie nun nicht mehr dem Stadtverordnetenkollegium angehören, ihre Ausweise unverzüglich an die Ratskanzlei zurückzugeben.
Währendessen drehte sich das "Schutzhaft-Karusell" lebhaft weiter. Am 1. April 1933 - der Gendarmerieposten "Grenzstelle" meldete unter der Tagebuchnummer D 140/33 - Schutzhaft - vorläufig festgenommen: 8.10 Uhr eingeliefert. An das Amtsgericht Zittau: Am 1.4.1933 gegen 8.00 Uhr wurde von mir der in Oberseifersdorf Nr. 84 bei Arlt wohnende Gärtner Fritz Rudolf Dutschke, geb. am 16.6.1911 in Oberseifersdorf, auf Grund der Reichspräsidenten-Verordnung zum Schutz von Volk und Staat vom 28.2.1933 in Schutzhaft genommen und wird hiermit dem Amtsgericht Zittau übergeben. Dutschke war Mitglied der KPD-Ortsgruppe Obersiefersdorf. Er hat oft kommunistische Flugblätter und Ortszeitungen verteilt und steht im Verdacht, jetzt mit dem flüchtigen Kommunistenführer Reinhold Hentschke in Verbindung zu stehen und ein kommunistischer Verbindungsmann zu sein. gez. Gendarmerie Hauptmwachtmeister."
"Pfoten anlegen" befahl der SA-Mann
Am gleichen Tag wird Erich Böhm, als er von der Arbeit kommt, in seiner Wohnung in Leutersdorf von dem Ortsgruppenleiter der NSDAP Hohlfeld und dem SA-Mann Salmke verhaftet. Eine Hausdurchsuchung war erfolglos. Auch das Versprechen der Nazis, er würde straflos ausgehen, wenn er seine Pistole abliefere, wurde von Böhm nicht beachtet. Böhm wurde nach Hainewalde verfrachtet. Gleich nach der Einlieferung wurde er zum Lagerführer Müller gebracht, wobei ein bewaffnerter SS-Mann Wache stand. Müller zerrte Böhm gleich am Kragen und schlug ihm, während er ihn als "ein freches Schwein" beschimpfte, mit der Faust ins Gesicht. Als Böhm die Hände zur Abwehr hob, bekam er von einem anderen SA-Mann noch ein paar extra Hiebe und die Aufforderung: "Pfoten anlegen".
Antreten für ein Erinnerungsfoto: Wachmannschaft mit den Gefangenen
Nachdem das KZ Hainewalde "betriebsbereit" gemeldet war, wurden die verhafteten Regimegegner aus den damaligen Amtshauptmanschaften Zittau und Löbau hierher gebracht. Einige wurden mit der "grünen Minna" herangekarrt. Größere Gruppen, vor allem die aus Löbau, mußten die Strecke unter strenger Bewachung zu Fuß zurücklegen. So auch KPD-Parteimitglied Schönberner. Er mußte den Weg mit Rippenbrüchen zurücklegen, sechs Stunden dauerte die Qual. Einzelne Verhaftete erfuhren nicht selten eine Sonderbehandlung. Sie wurden mit Stricken zwischen zwei Fahrräder gebunden. Auf diese Weise hetzten die SA-Bewacher die Häftlinge im Laufschritt nach Hainewalde.
"Aus euch machen wie anständige Menschen"
Dort angekommen wurden die Schutzhäftlinge vom "Schloßgeist" - mal Scharführer Heinz, mal Sturmbannführer Mittag - empfangen. Strafexerzieren war angesagt. Begrüßt wurden sie mit den Worten: "Aus euch wollen wir anständige Menschen machen!" Die SA stand schon bereit.
Durch ein Spalier von Hitlers braunen Parteisoldaten wurden die in Haft genommenen über den Vorhof des Schlosses, die riesige Freitreppe hinauf bis zur Ballustrade getrieben. Die SA-Männer prügelten dabei mit Gewehrkolben, Gummiknüppeln und Ochsenziemern auf die Verhafteten ein. Dabei brüllten sie: "Rote Hunde, Kommunistenschweine, Marxistenhengste" und ähnliches. Genannt wurden diese Mißhandlungen im Nazi-Jargon: "Kitzeln der Schutzhäftlinge" Oft wurden die neuen Häftlinge so lange die Freitreppe hinauf und hinunter getrieben, bis sie erschöpft zusammenbrachen.
Hielt sich für ein Vorbild: SA-Sturmbannführer Mittag
In anderen Fällen mußten die Neuankömmlinge über sieben Stunden auf dem Schloßvorplatz militärisch stramm stehen. Schon wenn die Häftlinge in Folge der Überanstrengung in der Haltung nachliesen, wurde sie sofort mit Gummiknüppeln traktiert und übelst beschimpft. Nach dem vorausgegangenen sechsstündigen Fußmarsch fielen fast alle vor Erschöpfung um und die Wachmanschaften amusierten sich prächtig darüber.
Nach diesen üblen Empfängen in Hainewalde mußten die Schutzhäftlinge zur Aufnahme in die Schreibstube. Hier setzte es gleich wieder Prügel, danach wurden sie in die Unterkünfte eingewiesen. Geschlafen wurde auf den rauhen Brettern, vier Etagen übereinander. Die erste Arbeit war das Fassen von Decken und Strohsäcken. Die Strohsäcke wurden in der Scheune des Ritterguts gestopft.
Jugendliche sollten zu Nazis umerzogen werden
Die älteren Schutzhäftlinge waren im zweiten Stockwerk in einem Saal mit etwa 150 Mann untergebracht. Die jüngeren Verhafteten waren im dritten und vierten Stock untergebracht. Sie wurden bewußt von den älteren Gefangenen getrennt, um sie ihrem politischen Einfluß zu entziehen. Die Nazis hofften, die Jugendlichen im nationalsozialistischen Geiste umerziehen zu können. Doch das ging - bis auf wenige Ausnahmen - voll daneben. Nachdem alle Gefangenen obligatorisch wie Schwerverbrecher eine Glatze geschoren bekommen hatten, begann der Schutzhaftlageralltag: Morgens um 6.00 Uhr gellten die Trillerpfeifen durch das Lager. Wecken war angesagt. Waschen erfolgte im Keller. Den Weg dahin mußten die Schutzhäftlinge im Laufschritt zurücklegen, streng militärisch. Auch Frühstück, Mittagessen und Abendbrot wurden im Gänsemarsch und Laufschritt gefasst. Gegessen wurde auf den kärglichen Betten, denn in den Unterkünften gab es keine Tische und Stühle.
Nach dem Frühstück ging es gleich zum Zählappell mit der anschließenden Einteilung der Arbeiten. Der Morgenappell wurde oft in die Länge gezogen und die SA-Leute nutzten hier bereits den frühen Morgen um die Schutzhäftlinge zu schikanieren und zu beschimpfen. Die Arbeitszeit dauerte von 7.30 bis 18.00 Uhr, unterbrochen vom Mittagessen um 13.00 Uhr. Ab 18.30 wurde das Abendbrot ausgegeben. Danach mußten die Häftlinge wieder zum Zählappell antreten, in der Regel länger als am Morgen. Neben den üblichen Schikanen mußten die Schutzhäftlinge nun auch noch singen. Sie wurden gezwungen, im Marschschritt populäre Nazilieder wie das Horst-Wessel-Lied anzustimmen.
Laut brüllend mussten sie singen und wehe, es war zu leisen, dann setzte es was mit dem Gummiknüppel. Die SA-Leute beobachteten die Schutzhäftlinge genau - ob jeder den Mund öffnete und mitsang. Wenn sie bemerkten, dass ein Häftling nur die Lippen bewegte oder einfach nur leise sang, bekam er Schläge.
Vor dem Schlafengehen gab es noch Schulungen, Anschauungsunterricht und Übungsmärsche. Dann ging es in großen Gruppen auf die Toilette. Hier gab es die einzige Möglichkeit am Tage zu rauchen. Im so genannten Bad, einem 50 cm hoch gemauerten Trog im Keller, wurden anschließend die Quälereien fortgesetzt. 30 bis 40 Häftlinge mussten gleichzeitig nackt ins Wasser. Kaum hatten sie sich eingeseift, wurden sie wieder aus dem Trog getrieben und mit kaltem Wasser übergossen.
Feldarbeit und Latrinendienst
Tagsüber war es eine der Hauptbeschäftigungen, auf den Feldern des Rittergutes zu schuften. Die Felder waren verwarlost und verunkrautet, der Boden knochenhart und steinig. Die Schutzhäftlinge wurden wie Zugtiere vor die Pflüge und Eggen gespannt. Sie mußten die schweren Ackergeräte, die noch extra mit Steinen beschwert wurden, um den Boden wieder urbar zu machen, mit ihrer eigenen Muskelkraft über die Felder schleifen. Streng bewacht von SA-Leuten mit Fang-Hunden. Diese Außenposten waren außerdem bis an die Zähne bewaffnet: Obligatorischer Gummiknüppel, Pistole und zusätzlich noch ein Karabiner.
Scharf bewacht: Vor Eggen gespannte Gefangene bei Feldarbeit
Andere Häftlinge arbeiteten beim Holzhackerkommando oder beim Latrinendienst. Das Latrinenkommando mußte regelmäßig die Abortgrube leeren. Hierzu wurde eine längere Leiter in die Grube gesetzt. Die Häftlinge wurden auf der Leiter verteilt, so dass die Eimer von Mann zu Mann nach oben gereicht werden konnten. Immer wieder stießen wachhabende SA-Männer die oben stehenden Eimer mit dem Fuß um und die Fäkalienbrühe ergoß sich über die auf der Leiter stehenden Männer. Wenn einem der Häftlinge dabei übel wurde, brüllte SA-mann Wittig stets: "Ihr Schweine bleibt da unten - und wenn ihr verreckt"
Viel besser erging es den übrigen Häftlingen in Hainewalde auch nicht. Im Irrgarten des Schlosses mussten sie regelmäßig militärisch strafexerzieren. Doch immerhin: Frische Luft statt des Gestanks der Jauchegrube. Dennoch war das Ganze noch eine Spur grausamer als das Abortkommando. Zum Exerzieren musste jeder Schutzhäftling einen Tornister mit Ziegelsteinen oder Sand auf den Rücken schnallen. Mit Stahlhelm auf dem Kopf ging es dann los. Die Nazi-Schinder kommandierten: "Im Laufschritt marsch marsch!"
Das Latrinen-Kommando - Die Aufpasser der SA sind stets dabei
Dabei wurden die Häftlinge über Gräben, Planken und Drahthindernisse gejagt. Über einen mit Wasser gefüllten Graben war ein glatter Baumstamm gelegt, auf dem die meisten Häftlinge ausrutschten. Wer runter fiel, bekam Fusstritte. Die Schinderei beim Strafexerzieren wurde so lange betrieben, bis die Schutzhäftlinge ohnmächtig zusammensackten. Mit Schlägen und Fusstritten sowie durch Übergiessen mit eiskaltem Wasser wurden sie wieder hoch getrieben. Wer nicht aufstand, wurde liegen gelassen und später eingesammelt. Sie wurden in die Kellerzelle gesteckt, wo sie auf blankem Boden bis zum nächsten Morgen ohne Essen und Trinken eingesperrt blieben.
"So wirst du endlich den Marxismus ausscheißen."
Das Schutzhaftlager füllte sich inzwischen immer weiter. Die Wachmanschaften wurden von Tag zu Tag brutaler. Nachdem die SA-Mannschaft nach einem Saufgelage mal wieder die Stube "vollgekotzt"hatte, wurde Schutzhäftling Heindel mit dem Gesicht in das Erbrochene gestoßen. Zusätzlich wurde ihm mit einem Trichter Rizinusöl eingeflößt. Er wurde geknebelt und die SA-Leute lachten schallend, verhöhnten ihn: "So wirst du endlich den Marxismus ausscheißen."
Heindel starb, wie erwähnt, kurz nach seiner Entlassung aus Hainewalde. Bei anderen, voraus gegangenen Mißhandlungen waren ihm die Nieren zerschlagen worden. Ähnlich und ebenso grausam wurden auch die politisch engagierten Juden unter den Schutzhäftlingen in Hainewalde traktiert. Einer wurde in der Wachstube derart mißhandelt, dass er auf Händen und Füssen unter lautem Stöhnen in die Unterkunft zurück gekrochen kam. Ein anderer mußte für den "Anschauungsunterricht" herhalten. Im großen Schloßsaal waren in der Mitte vier Tische zusammen gestellt. Der Häftling wurde von der SA auf diese "Bühne" gezerrt. Nachdem die anderen Häftlinge als Zuschauer in den Saal geführt worden waren, begann die SA mit ihrem "Unterricht". Mit Gummiknüppeln und Gewehrkolben wurde so lange auf das Opfer eingeschlagen, bis dieses bewußtlos und wie tot erschien.
Danach wurde der jüdische Schutzhäftling von SA-Leuten in ein Auto gezerrt und über die tschechische Grenze gefahren. In der Nähe von Varusdorf warfen sie den Schwerverletzten auf einen Acker. Dort wurde er von einer tschechisch-slowakischen Grenzstreife gefunden und in ein Krankenhaus gebracht. Jedoch konnte ihm dort nicht geholfen werden, allerdings kam er nochmals zu Bewußtsein, ehe er verstarb. Er machte Angaben darüber, wie er und andere Schutzhäftlinge in Hainewalde mißhandelt wurden. Die tschechische Presse berichtete ausführlich über diesen Vorfall und durch die illegale Grenzarbeit der KPD kamen diese Berichte auch in die Oberlausitz.
Doch die jüdischen Schutzhäftlinge in Hainewalde wurden nicht nur unmenschlich behandelt, sondern sie mußten auch für die gemeinsten Beschimpfungen herhalten. Standartenführer Paul Unterstab von der SA-Standarte 102 sagte bei jeder Gelegenheit zu den versammelten Schutzhäftlingen: "Da, seht euch die Judenschweine an, die euch erwerbslos gemacht haben."
"Geständnisse" erpresst mit Scheinerschiessungen
SA-Führer Heinze, auch der "Schloßgeist" genannt, schrie stets: "Verfluchter Saujude, du hast das ganze deutsche Volk verseucht." Grundsätzlich war es in Hainewalde so, dass jede Vernehmung von Häftlingen mit Schlägen einher ging. Zu Beginn wurden die Schutzhäftlinge meist über ein Wasserfass oder einen Tisch gezogen. Danach hagelte es 30 bis 60 Schläge auf das nackte Gesäss. Wenn die Häftlinge dabei schrien, gab es mit dem Gummiknüppel zusätzlich Schläge ins Gesicht.
Eine andere Form der Geständniserpressung war nicht weniger grausam: Der Kopf der Opfer wurde so lange in ein Fass mit kaltem Wasser gedrückt, bis den Häftlingen die Luft aus ging und sie nahezu erstickten. Um Angst einzujagen und Aussagen zu erpressen wurde auch mit Erschießungen gedroht. "Gesicht an die Wand!" - in der Stille knackten dann die Sicherungsbügel der Pistolen. Dann das knappe Kommando: "Legt an! Gebt Feuer!"
Nach diesen Scheinerschiessungen wurde das Verhör wieder fortgesetzt. Auch der inhaftierte Amthauptmann von Zittau, Kaman (SPD), stand oft im Visier der SA-Bewacher. Man zwang ihn, die Spucknäpfe mit seinem eigenen Taschentuch zu säubern und mit seiner Zahnbürste das Klosett des Sturmbannführers Jirka zu scheuern - einem Mann, vor dem alle in Hainewalde zitterten. Jirka ließ, um die Schmerzensschreie der Opfer zu dämpfen, den Gefolterten eine Decke über den Kopf ziehen. Zusätzlich hatte Grammophonmusik zu laufen.
Medizinische Betreuung war nur Fassade
Besonders schwer misshandelte Schutzhäftlinge wurden in den Schloßkeller gebracht. Dort wurden sie so lange isoliert, bis die schlimmsten Wunden vernarbt waren. Zu diesen Zellen hatten nur besonders ausgesuchte SA-Wachen Zutritt. Für schwerste Fälle gab es eine Sanitätsstelle im Konzentrationslager Hainewalde. Das Krankenrevier war hauptsächlich mit so genannten SA-Sanitätern besetzt. Als Ärzte waren Dr. Steiner aus Oybin und Dr. Schubert aus Hainewalde eingeteilt. Im Krankenrevier waren nur Schutzhäftlinge untergebracht, bei denen die medizinische Pflege nach Mißhandlungen unverzichtbar war.
Die medizinische Behandlung jedoch war sehr mangelhaft. Die Verbände wurden selten gewechselt und die Wunden kaum behandelt. Noch arbeitsfähige Schutzhäftlinge wurden von Schubert oder Steiner regelmäßig gesund geschrieben. Schwerverletzte, die eigentlich nur in einem Krankenhaus behandelt werden konnten, wurden von den beiden Ärzten grundsätzlich nicht verlegt. Wenn sich der Zustand von Schutzhäftlingen deutlich verschlechterte und absehbar war, dass sie kaum Überlebenschancen hatten, wurden sie kurzerhand nach Hause entlassen.
Neben den psychischen Misshandlungen wurden die Schutzhäftlinge systematisch psychischen Qualen ausgesetzt. Es gab zum Beispiel keinerlei Literatur, außer den Nazi-Schriften. Einzelne Schutzhäftlinge, vorzugsweise Kommunisten, mußten "bis zum Erbrechen"aus Hitlers "Mein Kampf" vorlesen. Eine andere Methode der versuchten ideologischen Beeinflussung waren Vorträge, die Studienrat Schorisch aus Zittau hielt.
Schorisch war Landschaftsmaler, der den Schutzhäftlingen heimatliche Landschaftsbilder zeigte. Dabei erklärte er ihnen, dass es doch herrlich sei, in dieser schönen Landschaft in Freiheit zu weilen. Sehnsüchte sollten bei den Inhaftierten geweckt werden, um sie bei den Vernehmungen "weich" zu machen. Auch unter dem Deckmantel eines Gottesdienstes wurden die Schutzhäftlinge Sonntags in den Schulungsraum getrieben. SA-Leute, die als Pfarrer verkleidet auftragen, "predigten" von der Zukunft des Großdeutschen Reiches und von der Gefahr der Versklavung durch den Bolschewismus. Bei solchen "Predigten" begannen die Schutzhäftlinge oft laut zu husten und zu niesen, so dass der vermeintliche Pfarrer nicht mehr weiter sprechen konnte. Aber der intelligente Protest blieb wirkungslos.Vielmehr gab es als Antwort Prügel und am nächsten Sonntag ging es weiter mit den Nazi-Phrasen.
Mord- und Rollkommando
Das Konzentrationslager Hainewalde wurde - wie erwähnt - am 25. März 1933 vom SA-Sturm Dresten III eingerichtet - einer selbst für damalige Zeiten besonders miesen Schlägertruppe. Geführt wurde dieser Haufen von Sturmführer Jirka. In der eigenen Sturmfahne war ziemlich ungeschminkt das Motto "Mord- und Rollkommando" eingestickt.
Ihr Anführer Jirka war ein heruntergekommener Intellektueller, der ständig unter Alkohol stand. Von Mitte April bis Mitte Mai wütete der SA--Sturm Dresden III in Hainewalde. Die besonders brutalen Misshandlungen der Dresdner SA-Männer an den Schutzhäftlingen wurden trotz aller Verschleierungsversuche bekannt. Durch eine Reihe von Beschwerden aus der Bevölkerung, bis an höchste Regierungsstellen, kam es zu einer Untersuchung über die Vorgänge in Hainewalde. Als Ergebnis dieser Untersuchung wurde der Dresdner SA-Sturm Mitte Mai abgezogen und durch die SA-Standarte 102 aus Zittau ersetzt.
Oft im Blutrausch, öfter im Rausch - Wachmannschaft des KZ Hainewalde
Führer der Zittauer SA-Standarte 102 war Paul Unterstab, ein ehemaliger Lehrer aus Strahwalde. Jirka blieb als SA-Führer im Lager, er wütete weiter wie bisher. Als Lagerkommandant löste Amtmann Barth, der seitherige Leiter der Gefangenenstelle des Zuchthauses Waldheim, den Sturmbannführer Müller ab. Insgesamt änderte sich bis auf den Mannschaftswechsel des SA-Fußvolkes als nicht viel in Hainewalde.
Generell waren in der Lagerverwaltung keine Schutzhäftlinge eingesetzt. Erst nach dem Führungswechsel übernahmen die Schutzhäftlinge Schönberg und Metzner Funktionen. Schönberg musste die Lagerverwaltung wieder in Ordnung bringen, die SA-Mann Biewald total verlottert hinterlassen hatte. Metzner wurde als Bademeister eingesetzt. Die übrigen Funktionen im Lager wurden ausschließlich von SA-Angehörigen ausgeübt. Lageradjutant war Sturmbannführer Mittag, ein Gastwirtssohn aus Cunewalde. Scharführer Galle war stellvertretender Wachhabender, Scharführer Knutsche war Leiter der Schreibstube, Küchenleiter war Mroskowiak. Das Lager wurde ständig von mindestens 150 SA-Männern und Hilfspolizisten bewacht.
Für die Schutzhaft sollten die Häftlinge zahlen
Die Schutzhäftlinge wurden unterschiedlich lange im Konzentrationslager Hainewalde festgehalten, im allgemeinen zwischen drei und 20 Wochen. Häftlinge, die das Glück hatten, entlassen zu werden, mußten ausdrücklich erklären: "...dass ich im Falle meiner Entlassung aus der Schutzhaft mich verpflichte, mich der neuen Regierung gegenüber loyal zu verhalten, insbesondere mich jeder Agitation im Sinne der marxistischen Parteien zu enthalten. Außerdem bescheinige ich, dass ich keine Klagen über Behandlung und Verpflegung während der über mich verhängten Verwahrungshaft sowie überhaupt wegen der Verhängung und Durchführung zu erheben habe und auf etwaige Ansprüche aus Anlass meiner Verwahrung verzichte. Schließlich erkläre ich, mir bewußt zu sein, dass jeglicher Verstoß gegen dies Verpflichtungserklärung meine erneute Verwahrung zur Folge haben kann."
Doch damit nicht genug, nach jeder Entlassung erhielt der Gemeinderat der Ortschaft, in die Schutzhäftlinge entlassen werden, folgende Anweisung:
"Leitung Schutzhaftlager
Schloß Hainewalde
Amtsh. Zittau
An den Gemeinderat
Der Reichskommissar für das Land Sachsen hat angeordnet, dass bis auf weiteres und auch für die rückliegende Zeit der Schutzhäftling für jeden Tag Schutzhaft - Tag der Einlieferung und Tag der Entlassung als ein Tag gerechnet - 2,- RM zu bezahlen hat ( 1,- RM Verpflegung und 1,- RM Unterbringung und Bewachung). Es wird darauf hingewiesen, dass das Ministerium des Innern die den Schutzhäftling verwahrende Stelle aufgefordert hat, mit allen ihr zu Gebot stehenden Mitteln für die alsbaldige Erstattung des jeweiligen Kostensatzes besorgt zu sein.
Die Leitung des Schutzhaftlagers
gez. Barth
Amtmann"
Am 10. August 1933 wurde das KZ Hainewalde aufgelöst - aus organisatorischen Gründen. Es wurden neuere und größeren Konzentrationslager eingerichtet und der Terror gegen Oppositionelle auf einer höheren und grausameren Stufe fortgesetzt. Ein Teil der Hainewalder Häftlinge wurde unter Auflagen entlassen, der andere Teil wurde nach Hohenstein verlegt. Die Mühlen der Nazi-Unterdrückung und der Folter drehten sich noch fast 12 Jahre lang. Die Nazis nutzten das Kyau'sche Schloß und seine großräumigen Parkanlagen bis über 1944 hinaus als so genanntes Wehrertüchtigungslager für künftige Soldaten.
Die Verbrecher vor Gericht
Nach dem Krieg wurden die Verbrechen von Hainewalde vor der 2. Großen Strafkammer des Landgerichts Bautzen geahndet. Die Verhandlung fand 1948 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung statt. In den ehemaligen Textilwerken Hermann Schubert in Zittau wurden 39 Angehörige der SA Wachmannschaft Hainewalde angeklagt und mehr als 100 Zeugen gehört. Alle 39 Angeklagten wurden für schuldig befunden und verurteilt. Die Verurteilung erfolgte auf der Grundlage der Direktive des Alliierten Kontrollrats in Verbindung mit dem Befehl 201 der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD). Bei der Strafzumessung hat das Gericht allen Angeklagten, die selbst Misshandlungen druchgeführt haben, mit Zuchthausstrafe belegt.
Angeklagte, deren Verbrechen in der Ausübung des Wachdienstes bestand, erhielten Gefängnisstrafen. Die vor Gericht gestellten Angeklagten waren nur die Spitze des Eisberges der Täter, die in Hainewalde Verbrechen begangen hatten. Die Staatsanwaltschaft in Bautzen hatte außer den Namen der Verurteilten noch die von weiteren 71 SA-Führern und Wachmannschaften festgestellt. Davon waren 31 geflüchtet oder unbekannt verzogen. Von den übrigen SA-Verbrechern waren 16 verstorben oder im Krieg gefallen. Sechs wurden vom SMAD zur Verantwortung gezogen, fünf waren zu diesem Zeitpunkt noch in Gefangenschaft. 13 Täter konnten bis heute nicht ermittelt werden.