Von Zittau nach Odessa
Ein Zeitzeuge berichtet aus dem kommunistischen Widerstand
Alfred von Tirpitz überzeugte als Staatssekretär im Marineamt (1897-1916) Kaiser Wilhelm II. zur Jahrhundertwende, dass die deutsche Weltpolitik nicht mit Kreuzern, sondern mit einer Flotte von Großkampfschiffen betrieben werden müsse. Mit diesen lasse sich in Konfliktfällen sowohl ein defensiver wie ein offensiver Seekrieg gegen Russland und Frankreich führen - oder eine britische Nahblockade im "nassen Dreieck" zwischen Helgoland und der Themsemündung abwehren.

So besaß Deutschland im Jahre 1896 nur sechs Hochsee-Panzerschiffe, England dagegen 33, Frankreich und Russland je 17, Italien 13. Und dabei rangierte Deutschland im europäischen Aussenhandel an zweiter Stelle hinter England. Tirpitz konnte nicht nur seinen Kaiser, sondern aus die Bundesfürsten von seinem Plan überzeugen und fand im Reichstag eine große Mehrheit.

Nur die SPD zeigte überhaupt kein Verständnis für die beabsichtigte gigantische Flottenrüstung. Im Übrigen war auch Bismarck dagegen gewesen. Nach dem 1. Flottenprogramm sollten bis 1918 insgesamt 16 Linien- und acht Küstenpanzerschiffe vom Stapel laufen. Eine für Europa schicksalhafte Entwicklung nahm ihren Lauf.
Max Meyer - mit 8 Monaten Vollwaise
In diese Aufbruchzeit hinein wurde Fritz Paul Max Meyer geboren - am 4. Juli 1901 in Guben. Sein Vater, der Architekt und Bauingenieur Dr. Max Meyer und seiner Mutter Dr. phil. und Dr. jur. Maria, geborene von Douglas, kamen tragischerweise nur acht Monate nach seiner Geburt bei einem Eisenbahnunglück ums Leben. Eine Freundin von Mutter Maria nahm den kleinen Max als Pflegesohn an. Sie wohnten in Frankfurt am Main. Nach ihrer Heirat mit einem Direktor der damaligen Staatsbank wuchs Max Meyer in einer typischen kaisertreuen Familie heran.

Als er von 1911 bis 1917 das Gymnasium besuchte, interessierte er sich besonders für das Fach Geschichte. Mit großem Eifer studierte er die Bücher und Aufzeichnungen seiner verstorbenen Mutter, die ja in Philosophie und Jurisprudenz promoviert hatte. In ihren Arbeiten trat sie schon damals für soziale Gerechtigkeit und Fortschritt ein.

"Das geistige Vermächtnis meiner Mutter war für mich mein ganzes Leben lang bestimmend" erklärte Max Meyer später in hohem Alter. Durch seinen jugendlichen Wissensdurst über die Zusammenhänge in der Entwicklung der deutschen Geschichte und anhand der schriftlichen Hinterlassenschaften seiner Mutter bekam er schon frühzeitig einen anderen Blickwinkel. Im Unterricht widerlegte er oft provokativ die übliche Lehrmeinung der Kaiserlich-Preußischen Geschichtsverherrlichung und wurde daher bereits im Gymnasium als "roter Hund" bezeichnet.

Mit dieser Hypothek ging es auch bei den Pflegeeltern schief: Das Zerwürfnis mit seiner kaisertreuen Ersatzfamilie folgte. Sie verbaute ihm daraufhin auch die Möglichkeit, Jura zu studieren. 1917 begann Max Meyer daher eine Lehre als Stukkateur, Maurer und Zimmermann. Im Winterhalbjahr ging er auf die Fachschule für Bauwesen in Essen.
Sein Lehrmeister: Ein Vollblut-SPDler
Es kam, wie es kommen sollte: Sein erster Lehrmeister war Sozialdemokrat mit Leib und Seele. Er nahm seinen Lehrling Max in jede Gewerkschafts- und Parteiversammlung mit. Der alte Handwerksmeister mit dem sinnigen Namen Virus bat den jungen Max Meyer, auch beim Verteilen von Flugblättern für den Spartakusbund zu helfen. Diese ersten politischen Schritte führten den jungen Mann über die SPD zur Kommunistischen Partei Deutschlands, der er im Januar 1920 beitrat. Jetzt hatte er in dem konservativen, aber umbruchbereiten Deutschland seine politische Heimat gefunden.

Während des Kapp-Putsches im März 1920 folgte er seiner Partei und nahm aktiv am bewaffneten Aufstand gegen die Putschisten teil. Dabei wurde er verhaftet und verurteilt: 13 Jahre Festungshaft. Er wurde in das Zuchthaus Sonnenburg gesteckt. Im Dezember 1923 wurde er nach Verbüßung von knapp vier Jahren Haft im Zuge einer Generalamnestie entlassen - in unruhige politische Zeiten.

Die deutschen Parteien waren nach dem Sturz des Kaiserreichs völlig unvorbereitet, parlamentarische Verantwortung zu übernehmen. Inhaltliche Differenzen, Vorurteile und ideologische Sperren erschwerten eine fruchtbare Zusammenarbeit;

·gegenüber dem Glanz des ehemaligen Kaiserreiches verblasste der nüchterne parlamentarische Alltag;

·lediglich die SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands), das Zentrum (katholisch, republikanische Mitte) und die DDP (Deutsch Demokratische Partei, links liberal) bekannten sich von Anfang an zur Weimarer Republik;

·DVP (Deutsche Volkspartei) und DNVP (Deutschnationale Volkspartei), beide mit monarchistisch, nationale Grundhaltung, blieben stets in starker Opposition zur Republik;

·die KPD (Kommunistische Partei Deutschland) arbeitete auf die gewaltsame Beseitigung der bürgerlichen Demokratie hin;

·die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) wollte die nach ihrer Ansicht korrumpierende Parlamentswirtschaft durch einen totalitären Führerstaat ersetzen;

·Außen- und Innenpolitik wurden von rechts und links auf lähmende ideologische Grundsatzdebatten zugespitzt;

·den demokratischen Kräften fehlte es an Selbstbewußtsein und entschlossener Unterstützung durch eine aufgeklärte Öffentlichkeit;

·republikfeindliche Parteien konnten ungehindert für eine Zerstörung der Demokratie agitieren.

Meyer taucht in den Untergrund ab
Max Meyer blieben trotz der Generalamnestie die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt. Wegen seiner Teilnahme am Aufstand gegen den Kapp-Putsch musste er sich nach seiner Haftentlassung alle zwei Tage auf der Polizeiwache in Essen melden. So war er auch gezwungen, sich eine neue Existenz aufzubauen - und politisch in den Untergrund abzutauchen.

Da seine ehemaligen Abschlusszeugnisse nicht mehr ausgehändigt wurden, musste er erneut die Prüfung als Maurer und Zimmermann ablegen - dieses mal in Frankfurt am Main. Daraufhin verließ er Deutschland. Von 1924-1926 arbeitete er je nach Gelegenheit in Belgien, Holland, Frankreich, Spanien, Griechenland, Schweiz und Rumänien.

Max Meyer konnte damals hautnah erleben, welchen Einfluss die russische Oktoberrevolution von 1917 auf die Arbeiter in anderen Ländern nahm. Sein politisches Bewußtsein wurde immer deutlicher und durch die Lehren von Marx und Engels gestärkt. Es drängte ihn, wieder nach Deutschland zurückzukehren, um in der kommunistischen Bewegung seiner Heimat mitzuwirken.
Die KPD Großschönau wird wiederbelebt
1926 kehrte Meyer nach Deutschland zurück und bewarb sich auf eine Zeitungsanzeige hin als Bauleiter bei der Firma Zeißig in Zittau. Er erhielt den Job und übernahm gleichzeitig die Bauleitung für sechs Vorhaben der Firma in Großschönau. Dort nahm er auch seinen neuen Wohnsitz. Am folgenden Tag meldete er sich bei der Leitung der KPD in Zittau. Vom damaligen 1. Sekretär Martin Wehnert erhielt er den Auftrag, die in Großschönau aufgelöste Ortspartei wieder neu aufleben zu lassen.

Großschönauer Idylle - Das Strandbad
Großschönauer Idylle - Das Strandbad
Die erste kommunistische Parteigruppe von 1919 in Großschönau gab es schon längst nicht mehr. Die SPD war dort sehr stark vertreten. Der Ort war quasi eine Hochburg der Sozialdemokraten geworden. Trotzdem gelang es Meyer, eine arbeitsfähige Parteigruppe zu bilden. 1928 holte er sogar den sowjetischen Geigenvirtuosen Sermus, genannt der "Rote Geiger" nach Großschönau. Das machte ihn bekannt - die Veranstaltung wurde ein großer Erfolg und Meyer gewann an Einfluss.

Er wurde ins Ortsgewerkschaftskartell gewählt und hatte so den ersehnten politischen Einfluß auf die Arbeiterschaft in Großschönau - den er auch geschickt gegen seine Konkurrenten von der SPD im Ort zu nutzen verstand. Dennoch kämpfte er Seite an Seite mit der SPD und Gewerkschaftern gegen die Nazis. Damals war es noch üblich, handgreiflich gegeneinander anzutreten.

"Unser Gewerkschaftsbüro wurde von den Nazis zu stürmen versucht. Die andere Seite verteidigte ihr Territorium ebenso verbissen", so Meyer. Noch war Hitler nicht an der Macht und die ideologischen Lager prallten ständig aufeinander. Im September 1932 brachten dann die Hitleranhänger auf dem Schornstein der Großschönauer Firma Fabian und Krause stolz ihre Hakenkreuzflagge an. Das roch nicht nur nach Provokation, das war eine.

Die KPD-Mitglieder trachteten sofort danach, die verhasste Nazifahne wieder zu entfernen. Gesagt, getan. Meyer: "Wir verabredeten uns mit zwei Parteigenossen aus Niederoderwitz, die in Großschönau nicht bekannt waren, dass sie den Nachtwächter der Firma in ein Gespräch verwickeln sollten, damit ich ungestört vom Werktor einen Schlüsselabdruck anfertigen konnte."
Die Rote Fahne wehte noch nach der Machtergreifung
Drei Wochen später waren alle Vorbereitungen für den "Fahnensturm" abgeschlossen - Nachschlüssel waren gemacht und eine Gasmaske besorgt. Die Maske war nötig, um den Schornstein von innen besteigen zu können. Gesagt, getan. Meyer kletterte von innen den Fabrikschornstein hoch, holte die Hakenkreuzflagge herunter und setzte statt dessen die Rote Fahne mit Hammer und Sichel.

Großschönau: Traditionell konservativ - Das Kriegerdenkmal bei der Post
Großschönau: Traditionell konservativ - Das Kriegerdenkmal bei der Post
Die Nazis waren natürlich äußerst verärgert und leiteten mit Hochdruck die Suche nach den Tätern ein. Sogar mit Spürhunden. Ohne Erfolg. "Denn wir hatten mit Handschuhen gearbeitet", so Meyer "und unsere Schuhe mit Hundefett bestrichen. Außerdem wählten wir den Fluchtweg durch die Mandau, damit alle Spuren verwischt wurden." Die Hammer-und-Sichel-Fahne wehte bis Juni 1933, bis der Betriebsschlosser Byhan von der Werksleitung beauftragt wurde, sie endlich zu entfernen. Denn Hitler war ja schon längst an der Macht und die Nazis hatten landauf landab das Sagen.

"Kurz nach der Machtübernahme habe ich noch Willy Gall von unserer Partei bei mir verborgen gehalten. Da er fieberhaft von den neuen Machthabern gesucht wurde, habe ich ihn unter Gewehrfeuer über die Grenze nach Varensdorf in die CSR gebracht" erzählt Meyer (über die Schießerei mit SS-Mann Blasig steht mehr im Kapitel 'Die 1000 Jahre beginnen').

Schloß Hainewalde diente der SA als Gefängnis
Trügerische Ruhe: Schloß Hainewalde diente der SA als Gefängnis
Neue KPD-Aktivitäten
"Mit der Machtübernahme der Nazis wurden wir von der KPD nochmal besonders aktiv", so Max Meyer. "Nachts habe ich mit meinen Genossen auf das Straßenpflaster und auf Brückenbegrenzungen Parolen geschrieben. Wir mischten Kalk im Wasserglas, das war sehr schwer runter zu kriegen." Viele wurden verdächtigt, diese Parolen wie "Wer Hitler wählt, wählt Krieg!" angebracht zu haben.

Es ist den Nazis selten gelungen, die Verursacher zu stellen. Leider wurden sogar Falsche verhaftet, wie Malermeister Engler. Obwohl er ein handfestes Alibi vorweisen konnte, wollte ihn die SA zu einem Geständnis zwingen. Er mußte jedoch wieder frei gelassen werden.

Die SA nimmt auf Schloß Hainewalde neue Verhaftete in Gefangenschaft
Die SA nimmt auf Schloß Hainewalde neue Verhaftete in Gefangenschaft
Anders bei Max Meyer. Er wurde am 6. März 1933 verhaftet und kam ins Zittauer Gefängnis. Am 24. April wurde er in das Schutzhaftlager Hainewalde überwiesen. Diese Lager, die in ganz Deutschland eingerichtet wurden, dienten ausschließlich dazu, politische Gegner, kritische Intellektuelle Kommunisten oder einfach nur persönliche Feinde auszuschalten und zu schikanieren. Neben Kommunisten und Sozialdemokraten wurden auch Juden und Slawen, Roma und Sinti, aber auch Priester aller Konfessionen, Jesuiten, Sektenmitglieder, Bibelforscher, Logenmitglieder, Homosexuelle und andere zu Opfern der Schutzhaft.
SA-Folter in Hainewalde
Max Meyer wurden in Hainewalde alle Zähne eingeschlagen und das Gehör so schwer geschädigt, dass es auch später nicht mehr herstellbar war. Im August wurde Meyer aus Hainewalde entlassen, mit der Auflage, sich täglich bei der Polizei zu melden. Sofort baute er wieder ein illegale KPD-Gruppe auf. Dazu gehörten Hermann Wende, Martin Neumann, Martin Tempel, Otto Böhme, Adolf Wurst, Walter Lehmann, Hermann Wenzel, Walter Fiebiger, Alfred Gulke und Hermann Guhlich.

Durch Verrat wurde auch diese Gruppe verhaftet und zu Zuchthausstrafen verurteilt. Meyer wurde als Rädelsführer jeden Abend stundenlang in Dresden "Münchner Platz" verhört. Über 14 Tage lang. Im Nebenraum wurde ein Tonband mit Schreien von Mißhandelten abgespielt, um ihn mürbe zu machen. Die ergangene Zuchthausstrafe von zwei bis drei Jahren musste die Gruppe in Zwickau verbüßen. Da Meyer schon politisch vorbestraft war, kam er eineinhalb Jahre in Einzelhaft.

Nach der Strafverbüßung kamen Wenzel, Neumann und Wurst ins KZ Buchenwald auf den Ettersberg bei Weimar. Die anderen wurden, wie Meyer, erst einmal entlassen, aber nach 14 Tagen wieder festgesetzt. Man transportierte sie nach Berlin, wo sie in einem Rüstungsbetrieb Zwangsarbeit leisten mußten.
Nach der Zwangsarbeit die Strafeinheit 999
1941 wurde Meyer wieder in die Oberlausitz nach Hause entlassen. Wieder unter ständiger Polizeiaufsicht. Meyer: ":Doch die Nazis ließen mich nicht aus den Augen."

"1942 wurde ich einberufen zur Strafeinheit 999. Mit etwa 200 politisch Verfolgten wurde ich von Dresden-Hauptbahnhof nach dem Truppenübungsplatz Heuberg bei Stetten am kalten Markt gebracht. Dort wurden wir eingekleidet und erhielten das Soldbuch der Strafeinheit Bat. 999.

Die Ausbildung erfolgte erst normal, ohne besondere Schikane. Im August 1942 wurde ich mit vier Mann der Kompanie zum Militärarzt befohlen, wo wir eine Spritze bekamen, die in den darauf folgenden zwei Wochen jeweils wiederholt wurde. Diese Spritzen hatten auf uns eine verheerende Wirkung. Zwei Mann starben in der vierten Woche. Wir anderen drei Überlebenden bekamen Brüste wie Frauen, waren nicht mehr in der Lage, das Gewehr oder den Tornister zu tragen und litten unter starken Schwindelanfällen und Kreislaufstörungen. Hinterher erfuhren wir, daß wir zu Tests herhalten mussten.

Ende Oktober 1942 erhielten wir den Marschbefehl an die Front. Wir wurden in Viehwagen verladen und nach dem Balkan transportiert. In Saloniki wurden wir ausgeladen. Der Ort war mir bereits von meinem früheren Aufenthalt in Griechenland bekannt.

Kein Regiment wollte uns dort aufnehmen, da wir als Aufrührer und Außenseiter abgestempelt waren. Daraufhin wurden wir wieder verladen und in die Sowjetunion nach Nikolajew gebracht. Von da aus mußten wir einen zweitägigen Fußmarsch antreten, bis wir das Dorf Belaserka erreichten. Es liegt zwischen Odessa und Cherson am Dnjepr. Unser Standort sollte auf einer Halbinsel errichtet werden. Das Übersetzen über einen Seitenarm des Dnjepr erfolgte mit Schlauchbooten. Das erste Boot wurde so überladen, dass es mit 25 Mann unterging. In dieser Nacht konnte keiner gerettet werden.

Wir landeten auf dieser versumpften Insel am 24. Dezember 1942. Dort mussten wir uns selbst einen Trampelpfad durch 2-3 m hohes Schilfrohr schaffen. Als wir unseren Stützpunkt erreicht hatten, hörten wir durch die Lautsprecher der Sowjetarmee: "Genossen schießt nicht, wir schießen auch nicht!"
"Schießt nicht, Genossen!" - Erster Kontakt mit Sowjets
Sie wußten bereits, dass wir von der Strafkompanie waren. Wir hatten keinerlei Unterkünfte. Jede Zehnergruppe baute sich auf dem Schnee von den Zeltplan-Umhängen eine Art Hundehütte, in der bei der Kälte gehaust wurde. Zu unserer Ausrüstung im tiefen Winter hatten wir nicht einmal Stiefel, sondern Schuhe bekommen.

Nach 14 Tagen erhielt ich vom Kompanieführer den Auftrag, mit meinen Kameraden eine Unterkunft zu bauen. Das Material dazu sowie auch unsere gesamte Verpflegung mußten wir zu Fuß und per Schlauchboot aus Belaserka holen, das bombardiert und ohne Einwohner war. Die erste Unterkunft mußte natürlich für die Offiziere gebaut werden.

Ende Dezember 1942 kam ein Trupp und legte Telefonkabel zu unserem Stützpunkt. Sechs große Rollen Telefonkabel hatten wir, Genosse Hawlishek aus Wien, Genosse Sieber aus Karlsbad und ich requiriert. Wir planten ein großes Risiko einzugehen, was uns auch glückte. Nach gründlicher Planung schlossen wir dieses Kabel an die Telefonleitung an. Anschließen rollten wir es über den zugefrorenem Dnjepr, gut getarnt auf der Insel unter Schnee eingetrampelt, der Sowjetischen Armee in ihre Stellung. Dadurch konnten diese drei Monate lang unsere Südfront von Cerson bis Odessa abhören.

Die Bestätigung unserer geglückten Aktion erhielten wir dadurch, dass die von uns durchzuführenden Angriffe der Stoßtrupps ins Leere trafen. Das geschah folgendermaßen: In Belesarka waren deutsche Nebelwerfer stationiert, die nur bei Nacht eingesetzt werden konnten. Während diese in Aktion waren, mußten unsere Stoßtrupps über den zugefrorenen Dnjepr vordringen. Doch es waren keine Sowjetsoldaten mehr zu sehen und der Angriff wurde ohne Verluste zurückgezogen. Am frühen Morgen war die Sowjetarmee wieder vollzählig an ihrem Stützpunkt auszumachen.

Obwohl wir bei diesen Aktionen die Möglichkeit gehabt hätten, zu den sowjetischen Truppen überzulaufen, war das nicht möglich für die 999ger - denn in diesem Fall wären unsere Familien in der Heimat wohl umgebracht worden.
Nächtliche Entführung der Offiziere
In der Nacht vom 28. März 1943, als uns ein tüchtiges Schneegestöber umgab, befand ich mich mit einem Genossen auf Wache im Schützengraben. Plötzlich wurden wir am Kragen gezogen und vor uns standen zwei völlig in Schneekleidung gehüllte Gestalten. Nur die Augen waren zu sehen. Sie fragten uns in gebrochenem Deutsch: 'Wo Offiziere?' Sie deuteten uns an, dass wir ihnen den Weg zu der Offiziersunterkunft zeigen sollten. Auf einmal wurden noch mehr solcher Gestalten sichtbar.

Sie drangen in die Behausung der Offiziere ein, die bis auf die Unterwäsche ausgezogen im festen Schlaf lagen. In diesem Zustand, also in Strümpfen und Unterhosen, wurden sie von den sowjetischen Soldaten abgeführt. Von der Mannschaft haben sie niemanden mitgenommen.

Drei Tage später wurden wir all von deutschen Offizieren aus unseren Bunkern und Unterkünften heraus verhaftet und entwaffnet. Wir wurden zu Fuß zurück transportiert. Unter starker Bewachung marschierten wir zuerst nach Nikolajew, dann ging der Marsch über eine gebaute Betonbrücke über den Bug bis nach Odessa. Dort wurden wir in ein ehemaliges Schloß zur Übernachtung gebracht.
Eingepfercht in Viehwaggons
Am nächsten Morgen wurden wir in Güterwagen gezwängt und mit dem Ziel 'unbekannt' - 'Ungewissheit' abtransportiert. In jeden vergitterten Waggon waren etwa 40 Mann gedrängt worden. Zwei Mal während der 20 Tage dauernden Fahrt wurden wir herausgelassen und erhielten Verpflegung - allerdings nur Wasser und je eine Büchse sehr fettes Fleisch mit drei Scheiben Brot.

Die übrigen Tage blieben wir ohne Verpflegung. Nach den drei furchtbaren Wochen im Waggon wurden wir wieder in Baumholder ausgeladen, völlig entkräftet. In unserem Waggon waren vier Genossen gestorben. Wir waren völlig verdreckt und verlaust, dennoch erkannte ich beim Ausladen einen Bekannten aus dem Kreis Zittau wieder: Den Genossen Karl Henschke aus Oberseifersdorf, der Bruder unseres Genossen Reinhold Henschke.

Bei der Ankunft in der Kaserne mußten wir alle auf dem Hof antreten und es wurde durchgezählt. Wir waren genau 408 Mann. Ein sehr alter Oberst übernahm uns. Er ermahnte uns, alle eventuell noch in unserem Besitz befindlichen Waffen abzuliefern. Später nämlich stünde auf Waffenbesitz die Todesstrafe. Obwohl wir bei der Verhaftung entwaffnet worden waren, füllten sich noch zwei Wäschekörbe mit Munition und Waffen aus unserem Besitz.
Die Österreicher waren erstaunt über unsere Waffen
Die Offiziere und Mannschaften, die uns auf der Fahrt bewacht hatten, waren Österreicher. Angesichts der abgegebenen Waffen war ihnen doch recht komisch zu Mute uns sie sagten: 'Es ist ein Glück, dass wir zu den Gefangenen anständig waren, sonst hätten wir wohl das Ende der Fahrt nicht erlebt'.

Vier Wochen lebten wir in völliger Ungewissheit über unser weiteres Schicksal - ob wir zu Zuchthaus, KZ oder zur Todesstrafe verurteilt würden. Aber wir erhielten kein Gerichtsverfahren, sondern wurden nach vier Wochen plötzlich als eine neue Einheit aufgestellt.

Während unseres vierwöchigen Aufenthalts in Baumholder flogen bei Luftangriffen der Amerikaner immer zuerst Jagdflugzeuge über unser Lager und schrieben mit Kondensstreifen 999 an den Himmel. Daraufhin blieb Baumholder diese ganze Zeit über von Bombenangriffen verschont.
Amerikaner waren besten über die Lager informiert
Am 2. Juli 1943 wurde wir wieder neu eingekleidet und bewaffnet. Am 4. Juli mittags um 13 Uhr sind wir mit Personenzügen zu einem unbekannten Ziel abtransportiert worden. Später erfuhren wir, dass in der folgenden Nacht Baumholder und seine Umgebung durch einen Bombenangriff völlig in Schutt und Asche gelegt wurde. Die Alliierten waren also stets bestens über die Lager informiert.

Nach einer vierwöchigen Fahrt sind wir in Griechenland, in Larissa, angekommen. Von da aus mussten wir zu Fuss einige Tage bis nach Granizza marschieren. Dort wurden wir im Partisanenkampf eingesetzt.

In unsere Einheit schleuste man kriminelle Subjekte ein, was für uns bedeutete, dass wir nicht mehr offen unter Genossen sprechen und handeln konnten, wie wir es bisher in unserer Einheit gewohnt waren. Wir mussten sehr, sehr wachsam sein, denn wir wußten nicht mehr, wer ein Freund und wer ein Verräter war.

Zu uns kam unter anderem ein Sträfling, der von Beruf katholischer Geistlicher war. Man hatte ihn wegen Devisenvergehen verurteilt. Wir trauten ihm erst auch nicht, bald aber wurde er einer unsere zuverlässigsten Freunde und Helfer. Da er die griechische Sprache beherrschte, war er für uns besonders nützlich. Mit ihm gemeinsam bildeten wir in unserer Einheit eine kleine Widerstandsgruppe, deren Mitglieder wir zuvor auf Herz und Nieren prüften.

Für uns als Kommunisten stand fest, dass wir der internationalen Befreiungsbewegung helfen mussten, wo wir nur konnten. Dabei mußten wir Hitlers Eroberungsfeldzug untergraben, sobald wir nur eine Gelegenheit fanden, ohne an unser Leben zu denken.

Mit Hilfe des Pfarrers haben wir der Bevölkerung mitgeteilt, dass wir Gegner und Verurteilte des Faschismus sind. Gleichzeitig warnten wir die Partisanen vor geplanten Angriffen. Dadurch hatten wir selbst in unserer Einheit auch sehr wenig Verluste an Menschen.
Kampf gegen die SS gemeinsam mit Partisanen
Als wir beispielsweise in Vollus im Hafen lagen, wußten wir schon zwei Tage im voraus, dass ein Ort, der hinter einem Vulkanberg lag, von der SS gestürmt werden sollte. Unsere Einheit sollte als Vorhut vor der SS marschieren. Der Ort war nur über diesen sehr schwierig zu besteigenden Berg erreichbar. Die angreifende SS-Gruppe fand nach den großen Strapazen der Bergbezwingung den Ort völlig geräumt.

Beim Rückmarsch haben wir es so eingerichtet, dass wir als erste Gruppe ganz dicht marschierten und einen nicht verkennbaren Abstand zur SS hielten. Als wir dann an einem gewissen Punkt angekommen waren, wurde die SS von den Partisanen fast vernichtet, ohne dass ein Angreifer zu sehen gewesen wäre. Die Partisanen hatten sich in den Bergen so gut getarnt. Wir dagegen hatten kaum Verletzte. Darauf hin wurden wir nie wieder einer SS-Gruppe zugeteilt.

Ein anderer Vorfall ereignete sich, als wir am Hafen von Vollus bei Nacht abwechselnd Wache halten mussten, da ein Dampfer mit Nachschub eingelaufen war. Die Nächte in Griechenland sind aber wesentlich heller, als bei uns. So sahen wir, dass sich einige Gestalten um uns herumschlichen. Wir riefen sie an, erhielten aber keine Antwort, sondern wurden beschossen und dabei einer von uns Wachhabenden verletzt. Daraufhin erwiderten wir alle zehn Mann der Wache das Feuer. Am Morgen konnten wir feststellen, dass es unsere vier Vorgesetzten waren, die uns auf unsere Zuverlässigkeit hin prüfen wollten, das sie uns nicht trauten.

Dieses Mißtrauen, das uns nicht entgangen war, mussten sie mit dem Leben bezahlen - einen Esel hatten wir dabei auch erwischt.
Partisanen befreien gefangene Matrosen
Kurz bevor wir Griechenland verlassen sollten, kam ein Kommando mit über 90 Marinesoldaten an, die mit Ketten aneinander gefesselt waren. Zu je fünf Gefangenen war ein Posten zugeteilt. Die Ankunft dieser festgenommenen Matrosen, die wegen Meuterei und Widerstandsleistungen verurteilt werden sollten, beobachteten wir. Unser guter Mitarbeiter, der katholische Pfarrer, teilte das sofort einigen der Zivilbevölkerung mit. Wir wußten, dass sie sofort die Partisanen darüber informieren würden.

Dieses Kommando marschierte mit uns gemeinsam von Vollus bis Larissa. Zwischen diesen beiden Städten war ein Berg, die so genannte Teufelsinsel, die für die Faschisten uneinnehmbar war. Als wir dort angelangt waren, wurden wir blitzartig von einer großen Übermacht der Partisanen umzingelt. Die gesamte Bewachung der Matrosen wurde erschossen. Die Partisanen nahmen gefesselten Matrosen unter ihren Schutz und führten sie mit ihren Ketten weg. Wir konnten unseren Marsch fortsetzen, ohne dass wir einen Verlust gehabt hätten. Zu unserer Verwunderung ließen sie alle unsere Offiziere unbehelligt gehen.

Bis 1944 waren wir ständig in Griechenland eingesetzt. Ich wurde dort durch einen Granatsplitter am Bein verwundet, erhielt eine Blutübertragung und bekam die Tropik-Malaria, da dieses gespendete Blut nicht einwandfrei war. Die Auswirkungen dieser Malaria spüre ich heute noch zeitweise.
Britische Jagdflieger schießen Lazarettflugzeug ab
Eines Tages landete ein Wasserflugzeug des Roten Kreuzes im Hafen, um Verwundete in eine größeres Lazarett zu bringen. Ich verhandelte mit dem Feldwebel, der Transportverantwortlicher war, um mich und einen Kameraden mitzunehmen. Es wurde abgelehnt, da wir 999er waren. Die Begründung: Das Flugzeug sei bereits überladen. Wir mußten also zurückbleiben.

Als das Flugzeug gestartet war, tauchten auf einmal englische Jagdflugzeuge auf. Wir flüchteten in den Keller. Von dort aus wurden wir Augenzeugen, wie das Lazarettflugzeug beschossen wurde und brennend ins Meer stürzte.
Der Feldwebel war unfreiwillig zu unserem Lebensretter geworden.

Von Vollus aus wurden wir mit Lastwagen nach Bulgarien transportiert. Als wir dort ausgeladen wurden, wußten wir überhaupt nicht, woran wir waren - wir wurden plötzlich von Panzern und Geschützen mit deutschen Hoheitszeichen beschossen. Wir wußten nicht, dass in Bulgarien bereits die Revolution ausgebrochen war und in den deutschen Fahrzeugen die Bulgaren gegen die Faschisten kämpften.

Wir traten mit unseren Fahrzeugen sofort den Rückzug nach Griechenland an und fuhren von da aus weiter in Richtung Rumänien. Später wurden wir in Albanien und Jugoslawien an den größten Brennpunkten eingesetzt. Dabei wurden wir kaum mit Zügen oder Autos transportiert, sondern mußten fast alle Strecken zu Fuß zurücklegen.
Zurück nach Baumholder
In Jugoslawien mußte ich wegen Malaria und Tropengeschwüren in das Lazarett in Sarajewo eingeliefert werden. Nach vier Wochen wurde ich mit dem Lazarettzug nach Feldkirchen an der Schweizer Grenze befördert. Nach einer vierwöchigen Behandlung wurde ich unter Bewachung wieder nach Baumholder gebracht. Von da aus transportierten mich zwei Soldaten wieder zu meiner Einheit nach Schlesien

In Jägerhof kamen wir mit meiner Einheit zum Einsatz. Dort fand eine große Entscheidungsschlacht statt, nach der wir den Rückzug antreten mußten. Bis nach Freudental zogen wir uns zurück. Wir waren zehn Mann, die zu einem Beobachtungsstützpunkt kommandiert wurden, um die Bewegung des Feindes zu erforschen. Dabei wurden wir ausgemacht und beschossen. Nach dem Verlust von zwei Kameraden mußten wir uns zurückziehen.

Unsere Offiziere kamen uns entgegen und wollten uns zwingen, in den Beobachtungsposten zurückzukehren. Da wir nicht gewillt waren, den Befehl auszuführen, zog der Hauptmann den Revolver und erschoß drei unserer Kameraden. Wir restlichen fünf Mann schworen uns, die Kameraden zu rächen.
Wir rächen unsere Kameraden
Wir unternahmen ein Scheinmanöver zu dem Stützpunkt, schlugen aber, als wir außer Sichtweite waren, den Weg zum Munitionslager ein und versorgten uns mit scharfer, schwerer Munition. Damit schlichen wir uns zu dem Offiziersstützpunkt, der in einem ganz kleinen, niedrigen, versteckt liegendem Wohnhaus untergebracht war. Mit allergrößter Vorsicht umstellten wir das Haus. Wir waren so empört, dass unsere Kameraden so skrupellos ermordet wurden, dass wir nichts mehr kannten, als einen großen Racheakt zu unternehmen.

Mit Panzerfäusten, Handgranaten und Maschinengewehren feuerten wir von drei Seiten in das Gebäude, in dem die Offiziere versammelt waren. Hinterher überzeugten wir uns, dass alle Offiziere samt dem General tot waren.

Als wir das Haus verließen, kamen schon die schweren deutschen Tigerpanzer auf dem Rückzug angefahren. Einer hielt und sagte: "Steigt auf, der Russe kommt!" Es herrschte eine allgemeine, große Panik. Wir nahmen die günstige Gelegenheit war, um schnell fortzukommen. Wir stiegen außen auf den Panzer und fuhren zwei Stunden bis vor Glaz mit. Dort trennten wir fünf uns, um unsere Spuren zu verwischen.

Ich bin dann alleine bis nach Glaz gelaufen. An der Neißebrücke nahmen mich zwei Feldgendarme - Kettenhunde genannt - fest. Sie entwaffneten mich, nahmen mir das Gewehr und Soldbuch ab und bemerkten, als sie da hineinsahen: "Ach, da haben wir ja einen Richtigen getroffen!" Sie nahmen mich in ihre Mitte und führten mich zu einem etwa zehn Minuten entfernten Wäldchen, wo sie mich umlegen wollten.
"Ich mußte doch mein Leben retten"
Aber ich hatte in meiner Hosentasche noch einen Revolver. Zum Schein habe ich mir einige Male das Taschentuch herausgenommen und die Nase geputzt. Als wir bei den ersten Bäumen des Wäldchens angelangt waren, entsicherte ich in der Tasche mit der rechten Hand den Revolver. Blitzartig zog ich ihn heraus, schoß den rechts neben mir gehenden Feldwebel mit einer raschen Handbewegung ins Genick, drehte mich sofort zu dem an meiner linken Seite und schoß ihm von vorn und von der Seite in den Hals.

Ich mußte ja versuchen, mein Leben zu retten. Ich nahm ihnen mein Soldbuch und mein Gewehr wieder ab und ging über die Brücke zurück. Dort war inzwischen durch die vielen Flüchtlingskolonnen und die zurückflutenden Truppen ein großer Stau entstanden. Ich konnte in der Masse untertauchen.

Kurze Zeit darauf kam eine schwere Flakeinheit, der ich mich während des Rückzuges anschloß. Mit ihnen bin ich bis Reichenberg - jetzt Liberec - gefahren. Dort wurden wir alle von tschechischen Partisanen und Soldaten gefangen genommen. Ich wies mich bei ihnen mit meinem Soldbuch als Strafgefangener aus. Die SS-Soldaten wurden gesondert herausgezogen und zu einer nahegelegenen Sandgrube geführt....
In sowjetischer Gefangenschaft
Am 9. Mai 1945 wurden wir der sowjetischen Armee übergeben. Der Fußmarsch in die Gefangenschaft führte uns durch das tschechische Frydland nach Friedland in Schlesien in das ehemalige Juden-KZ. Dort blieben wir drei Wochen und kamen dann in ein Lager in Hundsfeld hinter Breslau.

Allen Gefangenen wurden die Soldbücher abgenommen, aber mir gaben sie es wieder zurück und setzten mich als Lagerpolizist ein. Außerdem wurde ich in das Komitee "Freies Deutschland" aufgenommen. Diese Unterlagen habe ich heute noch alle in meinem Besitz.

Im August 1945 erfolgte eine große Überprüfung all derer, die angegeben hatten, dass sie der SPD oder KPD angehört hätten. Nach fünf Wochen fand ein Appell statt, bei dem die Überprüften in drei Gruppen eingeteilt wurden:
  1. in nachgewiesene Zugehörigkeit zur SPD
  2. in tatsächliche Mitgliedschaft zur KPD (dies war die kleinste Gruppe)
  3. in die, die falsche Angaben gemacht hatten (dies war die größte Gruppe)
Diese hatten die sowjetischen Soldaten, entsprechend der Propaganda Hitlers und Goebbels, für dumm gehalten und niemals daran geglaubt, dass nach dem Chaos des gesamten Zusammenbruchs des "Tausendjährigen Reichs" eine Überprüfung ihrer Angaben möglich wäre. Diese ganze Gruppe wurde am zweiten Tag nach dem Appell abtransportiert.

Mit noch zwei Genossen wurde ich ausgewählt, auf die Politschule nach Moskau delegiert zu werden. Dies konnte jedoch leider nicht realisiert werden, da in der Zwischenzeit der Para-Typhus im Lager ausbrach und wir alle drei daran erkrankten. Die erkrankten Genossen wurden in das Krankenhaus nach Breslau gebracht. Dort vergingen drei Monate, bis ich körperlich wieder einigermaßen hergestellt war. An ein Studium konnte ich nun leider nicht mehr denken.
Entlassen in die Heimat
Mitte Dezember 1945 erhielt ich meine Entlassungspapiere in die Heimat. In meinem Passierschein hatten die sowjetischen Dienststellen einen besonderen Vermerk angebracht, denn ich erhielt unterwegs von allen sowjetischen Soldaten jegliche Hilfe. Wenn ich meinen Passierschein zeigte, nach mich jedes sowjetische Militärfahrzeug mit.

Dadurch kam ich bis nach Görlitz. Als ich dort das letzte sowjetische Fahrzeug verlassen hatte und zu Fuß die Neißebrücke passieren wollte, hinderte mich ein polnischer Posten daran. Sofort kam aus dem Fahrzeug, das mich mitgenommen hatte, ein sowjetischer Soldat zu Hilfe. Er wurde gegen den Posten handgreiflich, haute ihm dann noch ein paar Ohrfeigen runter und führte mich selbst über die Brücke nach Deutschland.

In Görlitz kam ich, den gesetzlichen Vorschriften entsprechend, eine Woche in ein Quarantänelager. Am 16. Dezember wurde ich dort entlassen. Auf dem Bahnhof erhielt ich auf Grund meiner Entlassungspapiere eine Fahrkarte in meinen Wohnort Großschönau, wo ich abends um 20 Uhr dann eintraf.

Von meiner Frau erfuhr ich, dass auch Soldaten der sowjetischen Besatzungsmacht beim Einmarsch in unserer Wohnung waren. Als sie erfuhren, dass ich und ihr Sohn von den Nazis verurteilt worden waren, sprach der Soldat perfekt deutsch mit ihr. An einem Lichtmast vor unserem Haus brachten sie ein Zeichen an, worauf hin nie mehr ein sowjetischer Soldat unser Haus betrat.

Am Tag nach meiner Rückkehr meldete ich mich sofort beim Bürgermeister in Großschönau und bei der sowjetischen Kommandantur. Dort war meine Person durch die Berichte des Bürgermeisters bereits bekannt und der Kommandant empfing mich sehr herzlich. Er gab mir zur Begrüßung etwas, was damals eine Kostbarkeit war: Ein großes Stück Speck und ein Brot.
Zuhause - nach jahrelanger Gefangenschaft
Er sagte, dass ich nun in ein Land zurückgekommen sei, in dem das verwirklicht werden soll, wofür ich jahrelang gekämpft und mein Leben aufs Spiel gesetzt hatte.

Ich war überglücklich, dass ich diesen Tag noch erleben konnte und versprach den sowjetischen Genossen, meine ganze Kraft einzusetzen, um zu helfen, einen neuen antifaschistischen Staat aufzubauen.

Soweit die authentische Erzählung eines Mitglieds aus dem kommunistischen Widerstand.

Max Meyer - Ein Zeitzeuge aus dem kommunistischen Widerstand der Oberlausitz