Vom "Gelben Stern"
Als 1946 in den Trümmern des "Dritten Reiches" Juden als so genannte "Displaced Persons" (DC) in den eingerichteten Besatzungszonen lebten, geschah das keinesfalls aus Begeisterung für dieses Land. Sie waren Heimatlose, die aus den Konzentrationslagern befreit worden waren, oder Flüchtlinge aus Osteuropa, die vor den Feindseligkeiten und Verfolgungen in ihren Heimatländern in die Besatzungszonen geflohen waren.

Ab dem 23. November 1939 mußten Juden im von deutschen Truppen besetzten Polen, ab dem 1. September 1941 die Juden im Deutschen Reich den gelben Judenstern tragen
Ab dem 23. November 1939 mußten Juden im von deutschen Truppen besetzten Polen, ab dem 1. September 1941 die Juden im Deutschen Reich den gelben Judenstern tragen.
Für viele war Deutschland nur eine Durchgangsstation, die meisten konnten Deutschland schnell wieder verlassen. Sie siedelten direkt nach Palästina über oder wanderten in die Vereinigten Staaten von Amerika aus. Dennoch mußten viele Tausende in den "DC-Camps" ausharren und konnten nicht weg. Sie erhielten kein Visum, verfügten über kein Geld für Schiffspassagen oder andere Gebühren, waren krank, psychisch und physisch am Ende.

Dieses für uns heute unvorstellbare Gefühlsleben der Überlebenden des Holocaust drückt ein Artikel von 1946 in der in München erschienenen jüdischen Zeitung "DP-Express" treffend aus: "Die erträumte Auswanderung nach Israel ist immer noch nicht Wirklichkeit geworden. Die verfluchte deutsche Erde hat sich in ein provisorisches Heim für die jüdischen Massen verwandelt. Was soll man tun? In deutschen Fabriken arbeiten, deutsche Häuser aufbauen, in deutscher Erde säen? Kein Jude hat das gewollt und will es auch heute nicht, weil jeder Jude es als ein Verbrechen ansieht, dem Volk dabei zu helfen, seine Wirtschaft aufzubauen,...dessen bewaffnete Söhne ein Drittel des jüdischen Volkes ausgerottet haben. Es wäre absurd, wenn Juden Hand anlegen würden beim Wiederaufbau Deutschlands."

Auch die jüdische Gemeinschaft im Ausland konnte nicht begreifen, wie Juden noch unter den Nazis leben konnten. Trotzdem gab es zu Beginn der 50er-Jahre bereits Juden, die bewußt in Deutschland bleiben wollten. Manche waren sogar aus dem Ausland zurückgekehrt. Es gab wirtschaftliche und soziale Gründe dafür, bei den deutschen Juden auch kulturelle, sprachliche. Doch sie lebten ständig auf gepackten Koffern. Und erst die 68er Studentenbewegung ermöglichte es vielen Juden einen Teil Deutschlands wieder zu akzeptieren. Die 68er Revolte spülte viele Alt-Nazis weg aus Hochschulen, Politik und Kultur, aus Positionen und Ämtern.

Der Kniefall von Willy Brandt in Warschau war eine weitere Befreiung. Mit einem Mal weht ein frischer Wind durch das stickige und muffelige Nachkriegsdeutschland.

Schon früh begann die Propaganda mit allen Mitteln gegen die Juden zu hetzen
Mit allen Mitteln hetzte die Propaganda gegen die Juden
Der Judenhass Martin Luthers war 400 Jahre alt, als ihn die Nazis zur Mordbegründung zitierten. Was nach Auschwitz bleibt, ist jene Mischung vorhandener Dummheit und Bildungsarmut als Katalysator, der Fremdenfeindlichkeit nährt. Er nahm mit dem wachsenden Europa auch europäische Dimensionen an. Die Verwüstungen jüdischer Friedhöfe sind üblich seither, oft nicht einmal eine Zeitungsnotiz wert.

Als Sachsens NSDAP-Gauleiter Martin Mutschmann 1931 in Weimar erklärte: "Möge das Ringen und Kämpfen jetzt noch so schwer sein, es wird einmal alles abgerechnet und gerächt werden, und es werden einmal Synagogen rauchen..." Zwischen dem Auftritt des sächsischen Gauleiters und der Erfüllung seiner Aussage lagen nur sieben Jahre.

Was dann folgte, läßt sich sachlich-rational nicht erklären. Planung und Durchführung der Vernichtung des europäischen Judentums und der zu beobachtende Abbau elementarer moralischer Hemmschwellen bei vielen Deutschen läßt sich, auch unter Berücksichtigung der damals totalen Diktatur, kaum ausreichend beschreiben. Leo Baeck von der Reichsvertretung der deutschen Juden protestiert bei Adolf Hitler gegen die Behandlung durch die Nazis
1933 - Leo Baeck protestiert gegen die Behandlung durch die Nazis
1933 lebten in Sachsen 20.584 Juden. Das waren 0,4 Prozent der Bevölkerung. In Sachsen existierten 8 Israelische Religionsgemeinden: Annaberg, Bautzen, Chemnitz, Dresden, Leipzig, Plauen, Zittau und Zwickau.
In Chemnitz, Dresden und Leipzig wohnten insgesamt 18.348 Juden und damit fast 90 Prozent der jüdischen Bevölkerung Sachsens. Ein eigentlich ländliches Judentum, etwa wie in Baden oder Württemberg, gab es in Sachsen so nicht.

Die nach der Einwohnerzahl viertgrößte sächsische Stadt Plauen zählte 519 Juden, es folgte Zwickau mit 358 und Zittau mit 103 jüdischen Einwohnern.

Bezeichnend für die jüdische Bevölkerung Sachsens war ein hoher Anteil von Juden aus Polen. Sachsen nahm in dieser Beziehung schon seit dem Kaiserreich eine Ausnahmestellung innerhalb des Deutschen Reiches ein.

Obwohl Juden weniger als ein Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachten, beschuldigten die Nationalsozialisten sie, im Deutschland der Weimarer Republik die Macht an sich gerissen zu haben. Zu den Plänen der NS-Bewegung gehörte es daher, die Juden gesellschaftlich völlig auszugrenzen. Schon im April 1933 rief die NSDAP zu einem Boykott von jüdischen Geschäften und Warenhäusern auf. Einige jüdische Organisationen versuchten daraufhin, einen Boykott gegen Deutschland zu organisieren, doch es kam keine Einigung zustande. Ebenso schlug der deutsche Boykott fehl, da weite Teile der Bevölkerung ihn nicht beachteten.

Die Nationalsozialisten zogen daraus ihre lehre und gingen von nun an schrittweise vor. Denn sie wollten und mußten für ihre Pläne die aktive Unterstützung oder wenigstens das passive Einverständnis der Bevölkerung gewinnen. In den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erließ die NS-Regierung über 400 Gesetze, die den deutschen Juden ihre bürgerlichen Rechte und wirtschaftlichen Grundlagen absprachen. Diese vermeintlich geordnete und rechtliche Entwicklung traf auch Österreich, als es im März 1938 an das Deutsche Reich angeschlossen wurde.

Nazi-Terror gegen Juden - Boykott gegen Geschäftsleute, hier das Kaufhaus Tietz in Berlin
Naziterror gegen Juden - Boykott der Geschäftsleute
Jüdische Ärzte, Anwälte, Lehrer, Professoren und Unternehmer erhielten im Deutschen Reich Berufsverbot. Damit war ihnen die Grundlage entzogen, sich und ihre Familien zu versorgen. Jüdische Schulkinder wurden gezwungen, auf speziell eingerichtete Schulen zu gehen, jüdische Studenten durften keine Vorlesungen mehr besuchen.

1935 besiegelten die "Nürnberger Gesetze" das bürgerliche Ende: Jüdische Bürger waren nur noch Staatsbürger minderen Rechts, die "Reichsbürgerschaft" wurde ihnen vorenthalten. Viele versuchten jetzt zu emigrieren. Wem es gelang, in einem anderen Land Asyl zu finden, wurde gezwungen, sein Eigentum an den Staat abzutreten oder an private Konkurrenten. Staat und jetzt so genannte "Volksgenossen" griffen völlig ungeniert nach jüdischem Besitz, nach Kunstwerken, Schmuck, Vermögen und Immobilien. Auch jüdische Betriebe, Unternehmen und Banken wurden "zwangsarisiert".

"Arisierung" - so nannte man die bestorganisierteste Plünderung in der deutschen Geschichte. Die Nazis gingen sehr gründlich vor bei der Beraubung derjenigen, die sie anschließend in die Konzentrationslager nach Polen deportierten. Selbst das, was die Opfer mit sich trugen - Kleider, Schmuck, Schuhe, Brillen - raubte man ihnen unmittelbar nach der Ankunft.

Viele dieser Werte wurden nach Deutschland zurückgebracht und an die Bevölkerung großzügig verteilt oder konnte günstig ersteigert werden. Die SS fand sogar für Frauenhaar der Ermordeten Verwendung. Es wurde für Dichtungen in der Rüstung benutzt. Goldzähne wurden herausgerissen und von der Degussa eingeschmolzen.

Nach den rassistischen Regeln der Nazis, die größtenteils auch auf die besetzten Länder übertragen wurden, war es unter Hitler ziemlich unerheblich, ob ein Bürger jüdischer Herkunft als Christ lebte oder vielleicht überhaupt nicht religiös empfand. Für die Betroffenen waren die Zuordnungen nach dem " Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" vom September 1935 am Ende lebensentscheidend.

Am 21. Januar 1942 verließ der erste Todeszug mit Deportationsopfern Sachsen. In diesem so genannten "Evakuierungstransport" - die Gestapolüge lautete: Juden kommen zum Arbeitseinsatz nach Osten - befanden sich mindestens 738 Männer, Frauen und Kinder. Nach vier Tagen Fahrt erreichte der Zug aus Dresden und Leipzig sein Ziel. Nach einem anschließenden Marsch über etwa 16 Kilometer erreichten die Deportierten das Ghetto Riga.

Von den Leipziger Juden überlebten nur 15 Männer und Frauen. Der letzte Deportationszug fuhr am 14. Februar 1945 mit 165 Männern, Frauen und Kindern aus Leipzig nach Theresienstadt ab. Fast alle überlebten und konnten nach Leipzig zurückkehren. Ein zwei Tage später vorgesehener Transport aus Dresden kam nicht mehr zustande. Der verheerende alliierte Luftangriff am 13. Und 14. Februar 1945, der die Elbmetropole in Schutt und Asche legte, hatte dessen Abfahrt verhindert.

Nach der Befreiung Sachsens vom Hitlerterror durch amerikanische und sowjetische Truppen begann für die jüdischen Überlebenden wie schon eingangs beschrieben ein Dasein, das von der traumatischen Erfahrung des Holocaust geprägt war. Einige wenige blieben trotzdem in Deutschland und gründeten die jüdischen Gemeinden in Chemnitz, Dresden, Leipzig und Plauen neu.

Nach Zittau kehrte Mordka Schwarz zurück. Am 7. Mai 1945 zog sich die Wachmannschaft des Zittauer KZ-Außenlagers Groß-Rosen zurück, besser gesagt, sie flohen heimlich. Die Sowjetarmee stand vor der Türe. Die "Gemeime Reichssache" im Auslagerungsbetrieb der Junkers Flugzeugwerke war ihnen plötzlich egal geworden. Hitlers Wunderwaffen hin oder her.

Sowjetische Kampfflugzeuge visierten das Werk an und bombardierten die Zittauer Südstadt. Schwarz floh unter diesen Umständen unentdeckt und versteckte sich im Keller eines nahegelegenen Hauses. In der Nacht vom 8. Zum 9. Mai um Mitternacht läuteten dann die Zittauer Kirchenglocken um das Kriegsende anzukündigen. Die geflüchteten Bewohner kehrten vorsichtig zurück.

So auch in das Kleinschönauer Haus an der Dorfstrasse. Hier waren sie überrascht, einen abgemagerten Mann in Häftlingskleidung vorzufinden. Mordka Schwarz wollte nach Zittau zum sowjetischen Stadtkommandanten, um sich in die Freiheit zurückzumelden. Schwarz, geboren in Majdanek, war bis 1939 Mitglied der jüdischen Gemeinde Auschwitz, bevor ihn die Nazihäscher als Häftling in die Zittwerke verschleppten. Nach der Befreiung erfuhr Schwarz, dass seine ganze Familie von den Nazis umgebracht worden war.

In Löbau lernte er seine spätere zweite Frau kennen. Sie hatte das gleiche Schicksal erlitten wie er. Maria und Mordka Schwarz eröffneten 1946 voller Zuversicht in der Zittauer Innere Weberstraße ein neues Kaufhaus. Das Leben mußte ja weitergehen. In der Hochphase des Stalinismus wurden die Eheleute schon 1951 jäh an die Nazi-Diktatur erinnert. Bei neuen Progromen klirrten die Scheiben des Kaufhauses in der Zittauer Innenstadt. Der Judenhass war wieder gegenwärtig, dieses mal unter dem Zeichen der Befreier, angestachelt von dem neuen Diktator aus Moskau. Einst war er der größte Widersacher von Adolf Hitler: Josef Stalin.

. . . wird fortgesetzt.