Euthanasie - Ärzte machen sich schuldig
1946 in Dresden vor Gericht: Ärzte und Pfleger
1946 in Dresden vor Gericht: Ärzte und Pfleger
Katharinenhof - könnte nicht ein Ort in einer TV-Seifenoper so heißen? Weit und wenig besiedeltes Land, eine schöne, manchmal etwas melancholische Landschaft. Stille der Wiesen und Wälder, romantische Alleen und Täler vermitteln ein Gefühl von Geborgenheit und Ruhe, fern dem Lärm der Städte. Dann plötzlich bei Großhennersdorf, einem kleinen Ort in der Oberlausitz, steht wie gezaubert das großmächtige, neu-barocke Bauwerk: Der Katharinenhof. Freiherrin Henriette Sophie von Gersdorf stiftete am 30. August 1721 einen Teil ihres Rittergutes für ein "Armen und Waysenhaus", das sie zu Ehren ihrer Mutter Katharinenhof nannte.

Die Mutter Henriette Katharina hatte über 35 Jahre das Gut Hennersdorf geführt und hier 13 Kinder geboren. Einer ihre Enkel war der spätere Reichsgraf und Begründer der Herrnhuter Brüdergemeinde ("Unter der Hut des Herren") Nikolaus von Zinzendorf.

"Glaubensflüchtlinge (Exkulanten)", die als Angehörige der böhmisch-mährischen Brüderkirche während der katholischen Gegenreformation ihre Heimat verlassen mussten, hatte im benachbarten Sachsen an der Landstrasse von Zittau nach Löbau vom Reichsgrafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf Land und Wald zugewiesen bekommen. Brüderlichkeit und Bewährung in der Arbeit sollten fortan der Gemeinde Herrnhut bestimmen.
Der Katharinenhof: Mehr als Armen- und Waisenhaus
Neben den Bewohnern des Armen- und Waisenhauses erfuhren hier auch Kinder vermögender Eltern eine weit über die Oberlausitz hinaus anerkannte Schulbildung. Später wurde der Katharinenhof Knabenerziehungsanstalt, Internat, Heim für ledige Schwestern und Mädchen der Herrnhuter Brüdergemeinde, Landeswaisenhaus und "Besserungsanstalt für verwahrloste Knaben". Am 1. Mai 1889 zogen erstmals Kinder mit geistiger Behinderung in den Katharinenhof ein.

1911 wurde im neu erbauten Klinikgebäude die "Königlich-sächsische Landesanstalt für schwachsinnige Kinder" eröffnet. Obermedizinalrat Ewald Melzer (1869-1940) führte den Katharinenhof bald zu einer der anerkanntesten Psychiatrie-Einrichtungen Deutschlands. Mit Beginn des 1. Weltkrieges waren Toleranz, Fortschritt und Menschenwürde in der Psychiatrie bald nur noch leere Worthülsen. Denn seit Ende des 19. Jahrhunderts hatten immer mehr sozial-darwinistisch gefärbte Schriften begeisterte Leser und Befürworter gefunden. Die Gedanken um das würdige Dasein von Behinderten wurden irreal, man setzte in Fachkreisen auf den gesunden, selbstbewußten und starken Menschen, dessen Fortkommen, Entfaltung und Fortpflanzung mit allen Mitteln gefördert werden sollte.
Die Vorläufer der Nazi-Euthanasie
Unter dem Schock des für Deutschland verlorenen 1. Weltkrieges mit seinen großen Verlusten an - wie man meinte - überwiegend "hochwertigen", da kriegstüchtigen Menschen in Materialschlachten noch nie da gewesenen Ausmaßes, bekamen die Schriften der so genannten Eugeniker und Rassenhygieniker enorme Zugkraft.

Die nationalsozialistische Bevölkerungs- und Rassenpolitik war nicht einfach nur vom Himmel gefallen. Ihre Ideen waren schon lange Fakt unter national gesinnten Psychiatern und so genannten Irrenärzten. Einer dieser Spezies schon 1918 wörtlich: "Ein unumschränkter Herrscher, der rücksichtslos in die Lebensgewohnheiten der Menschen einzugreifen vermöchte, würde im Laufe weniger Jahrzehnte bestimmt eine Abnahme des Irreseins erreichen können." Oder 1931 aus dem gleichen Horn: "Körperschwache, kränkliche Schwächlinge, Schwachsinnige, Krüppel, Geisteskranke......es wird wieder gestorben werden müssen".

Oft wird übersehen, dass bereits zwischen 1917 und 1920 vermutlich über 70.000 Patienten in Deutschlands Psychiatrien verhungert, erfroren und durch Auszehrung bedingte Infektionskrankheiten, insbesondere Tuberkulose, gestorben waren.
Eugenik und Zwangs-Sterilisation
Von Seiten des preußischen Staates wurde in Berlin 1932 eilig gesetzliche Regelungen der Sterilisation beraten. Der letzte bereits durchformulierte Text war am 2. Juli 1932 im preußischen Landesgesundheitsrat verhandelt worden. Durch diesen und andere Entwürfe bestens präpariert brauchten die Nazis nur zuzugreifen und sie für ihre Zwecke zu radikalisieren und mit Polizeigewalt gegen den Willen der Betroffenen durchzusetzen. Nach der Machtergreifung 1933 wurde dann das Zwangssterilisationsgesetz von den Nazis schnellstens verabschiedet:
"(1) Wer erbkrank ist, kann durch chirurgischen Eingriff unfruchtbar gemacht werden, wenn nach den Erfahrungen der ärztlichen Wissenschaft mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, dass seine Nachkommen an schweren körperlichen oder geistigen Erbschäden leiden werden

(2) Erbkrank im Sinne des Gesetzes ist, wer an einer der folgenden Krankheiten leidet:

1. angeborenem Schwachsinn,
2. Schizophrenie,
3. Zirkulären (manisch-depressiven) Irrsinn
4. Erbliche Fallsuch
5. Erblichen Veitstanz (Huntingtonsche Chorea)
6. Erblicher Blindheit
7. Erblicher Taubheit
8. Schwerer erblicher Mißbildung

(3) Ferner kann unfruchtbar gemacht werden, wer an schwerem Alkoholismus leidet."
Man nimmt an, dass in Deutschland nach dem Erlass der Gesetze rund 400.000 Menschen der Zwangssterilisation zum Opfer gefallen sind.

Sachsen war das einzige Land in dieser Zeit, das sein Pflegepersonal verbeamtete. Damit konnte die Personalfluktuation eingeschränkt und das Ausbildungsniveau verbessert werden. Durch die zentrale Ausbildung war es möglich, gleichzeitig neben Wertvorstellungen auch die "Unwerte" an das Fachpersonal zu vermitteln. Auch durch die Einführung der Fächer Erblehre, Rassekunde und Bevölkerungspolitik zum bisherigen Ausbildungsprogramm wurden ideologische Voraussetzung für Euthanasie und staatlich organisierten Mord geschaffen.

Auch wer anfällig war für eine Erziehung aus einer Mischung von Christentum und Nationalsozialismus, plapperte seitdem oft unbedarft daher (so bei der Pfingstfahrt der Lernschwestern der Sächsischen Schwesternschule Arnsdorf in die Oberlausitz 1933): ".....setzen wir unsere Wanderung fort und gingen in den Katharinenhof, das Heim für schwachsinnige, bildungsunfähige Kinder. Wir Lernschwestern haben ja bisher mehr oder weniger nur mit gesunden Kindern zu tun gehabt und beim Anblick dieser Knaben, elenden und verkrüppelten Wesen, erfasste uns tiefste Traurigkeit. Wie dankbar muß man doch dem Führer sein, der durch das neue Gesetz verhindert, dass solche arme unglückliche Wesen geboren werden, die doch in den seltensten Fällen der Volksgemeinschaft etwas nützlich sein können".
Ärzte sagen sich los von Ethik und Moral
Auch die deutsche Ärzteschaft bereitete sich auf die Sterilisierung geistig behinderter Patienten und Schlimmeres vor. Dr. Carriere aus Arnsdorf (1934): "...wir wissen, dass die erblich Schwachsinnigen und Asozialen sich viel stärker fortpflanzen, als die Menschen, von denen wir uns besonders viele Kinder wünschen. Hier hat das Sterilisationsgesetz einen kleinen Riegel vorgeschoben. Nicht als ob damit schon alles getan und erreicht wäre, es werden ja nur die schwersten erblichen Leiden erfasst. Wer je auf einer Idiotenstation Dienst getan hat, wird kein Verständnis mehr haben für die, die diesem segensreichen Gesetz noch Schwierigkeiten machen möchten. Hat doch die katholische Kirche noch nicht vor langer Zeit sogar gesunde Knaben entmannt, nur damit sie ihre hellen Stimmen behalten sollten."

Einfluss auf die Debatten zur Sterilisation Behinderter hatte auch die Weltwirtschaftskrise, die den ökonomischen Ansatz in den Diskussionen hochputschte. Es wurden Kostenvergleiche, zum Beispiel für die Unterbringung und Behütung von geistig behinderten Anstaltskindern (900 Reichsmark pro Jahr) und für die Erziehung gesunder Volksschüler (150 Reichsmark pro Jahr) erstellt, die in letzter Konsequenz auf die Euthanasie hinausliefen.

Horche und Bindings Thesen von 1920 wurden jetzt wieder aktuell und von den Nazis förmlich schwammartig aufgesogen. Die beiden Autoren gehörten zu den angesehensten Wissenschaftlern ihrer Zeit - Alfred E. Horche, ein Pfarrerssohn, ist Professor der Psychiatrie in Freiburg und Karl Bindig hat 40 Jahre lang in Leipzig Recht gelehrt. Die beiden Professoren waren sich einig, dass es eine peinliche Vorstellung sei, dass die Pflege der schwer Geisteskranken Kapital in Form von Nahrungsmitteln, Kleidung, Heizung und Personalkosten entzieht. Sie sprachen von "leeren Menschenhülsen", "Balastexistenzen" und "geistigen Toten". Begriffe, die den Nazis uneingeschränkt ins Konzept passten.

Die systematische Tötung wird organisiert
Spätestens im Februar 1939 beginnt die Kanzlei des Führers eine Parteidienststelle mit der Planung der systematischen Tötung Kranker und Behinderter. Die Kanzlei untersteht Reichsleiter Philipp Bouhler, einem ehemaligen Berufsoffizier und so genanntem alten Kämpfer der NSDAP. Bouhler ist zu diesem Zeitpunkt SS-Obergruppenführer. Er trägt die Mitgliedsnummer 12 und ist Blutordensträger (Der Blutorden wurde von Hitler 1934 gestiftet und wurde verliehen vornehmlich an Personen die am Hitlerputsch 1923 aktiv teilgenommen hatten).

Von den fünf Hauptämtern der Parteikanzlei des Führers wird das Hauptamt II (Angelegenheiten betr. Staat und Partei) für die Krankentötungen zuständig. Die Amtsleitung hat Viktor Brack, ehemals Heinrich Himmlers Chauffeur, ein Volkswirtschaftler, der schon 1923 zu den Nazis gestoßen war. Im Sommer 1939 werden Bouhler und Hitlers Begleitarzt Karl Brandt mit der Durchführung der so genannten Aktion T 4 beauftragt.

T4, "Geheime Reichssache", benannt nach der Tiergartenstrasse 4 in Berlin Charlottenburg. Hier bezieht die Euthanasiezentrale eine aus jüdischem Besitz zwangsarisierte Villa, weil sich an der Kanzlei des Führers wohl schlecht ein Firmenschild für Behindertenmorde gemacht hätte.
Auch die beteiligten Tarnorganisationen erhielten unverfängliche Bezeichnungen. Die einzelnen Abteilungen T4 schreiben, verhandeln und befehlen unter verschiedenen Briefköpfen:

  • Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten (RAG), zuständig und federführend für die Verwaltung der Patienten und Mordopfer, hier gingen die Meldebögen aus ganz Deutschland ein.
  • Die "Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege" wickelte die Besoldung der Beteiligten (Ärzte, Schwestern, Pfleger, Chemiker, Kraftfahrer, Büroangestellte usw.), die Beschaffung von Gebäuden und die Bezahlung der als "Desinfektionsmittel" deklarierten Giftstoffe ab.
  • Die "Gemeinnützige Kranken-Transport-GmbH (Gekrat)" besorgte mit ihren "grauen Bussen" die Abholung.
  • Ein "Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden" verantwortete die Tötung behinderter Kinder.
  • Später wird noch eine "Zentralverrechnungsstelle Heil- und Pflegeanstalten" gegründet, die alle Sterbefälle abrechnete.
Die Gewinne aus Pflegegeld, Schmuck und Zahngold werden an den Reichsschatzmeister der Partei abgeführt.

Irgendwann im Oktober 1939 unterschreibt Adolf Hitler einen von den T4-Verantwortlichen vorbereiteten Text - Es ist der einzige Satz auf einem Privat-Briefbogen Hitlers geschrieben, der den ganzen Krieg hindurch als "Rechtsgrundlage" für die Euthanasie herhalten musste. Sein Inhalt: "Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranke bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann".
Schwarze SS-Uniformen und weiße Ärzte-Kittel
Die organisierten Mörder tragen kontrastreiche Kleidung: Schwarz sind die Uniformen der SS-Einheiten, weiß die Kittel der beteiligten Ärzteschaft und ihrer Helfeshelfer. Mit dem Überfall auf Polen beginnt der systematische Krankenmord. Man will "Platz schaffen". Die ersten Opfer sind Patienten aus Anstalten in Pommern, Westpreußen und Polen. Sie werden in stundenlangen Einzelerschießungen von SS-Kommandos getötet. Während in diesen Gebieten das gnadenlose Morden schon begonnen hat, treffen sich am 17. Oktober 1939 im Gasthof des Landgestüts Marbach auf der Schwäbischen Alb zwischen Stuttgart und Ulm gelegen sieben Fremde. Sie reisen in geheimer Mission aus dem fernen Berlin an und einige tragen sich ins Fremdenverzeichnis der Herberge unter falschem Namen ein. SS-Standartenführer und Oberdienstleiter der Kanzlei des Führers, Viktor Brack, führt das Kommando an. Zu Bracks Truppe gehört auch der ehemalige Laufbote Kurt Franz, der zuvor im KZ Buchenwald Wache geschoben hat. SS-Rottenführer Kurt Franz wird nur drei Jahre später zum stellvertretenden Kommandanten von Treblinka aufsteigen. Brack und sein geheimes Kommando inspizieren ein zuvor geräumtes "Krüppelheim" - es ist das Schloß Grafeneck.
Die erste Vergasungsanstalt auf deutschem Boden
Eine Viertelstunde Fußweg von der gemütlichen Gestütswirtschaft entfernt wird das Schloß Grafeneck zur ersten Vergasungsanstalt auf deutschem Boden umgebaut. Einige Monate später reisen wieder etwa zwei Duzend Leute von Berlin nach Grafeneck: Das erste Arbeitskommando, so zu sagen die Lehrlinge des gnadenlosen Tötens. Unter ihnen Maria Appinger, Mitglied der NSDAP seit 1932, die kurz darauf Oberschwester in Sonnenstein wird. Ebenso der Krankenpfleger Heinrich Gley und der Neuruppiner Pfleger Fritz Konrad. Zu den ersten Mordgesellen gehörten auch Joseph Oberhauser und Erich Schulz, die zunächst in Grafeneck und später in Pirna als Leichenverbrenner (im Täterjargon "Brenner" genannt) eingesetzt wurden.

In diesem Schuppen wurden auf Schloß Grafeneck die Opfer vergast
In diesem Schuppen auf Schloß Grafeneck wurden die Opfer vergast
Im Januar 1940 werden die Ärzte der neu errichteten Vergasungsanstalten extra noch ins ehemalige Zuchthaus Brandenburg zu einer "Probe-Vergasung" bestellt. Parallel dazu wird vor der Vergasung bei den Opfern die Wirkungsweise verschiedener Gifte ausprobiert. Man wollte die schnellste Tötungsmethode herausfinden.

Die geheime Reichssache T4 und später Aktion Brandt geschah vorerst in fünf bzw. sechs Tötungsanstalten in Deutschland, die nach der zeitlichen Reihenfolge ihrer Inbetriebnahme mit einem Buchstaben des Alphabets benannt wurden:

  • "A" stand für Grafeneck in Württemberg,
  • "B" ab Februar 1940 für Brandenburg-Havel bzw. ab Herbst 1940 für Bernburg
  • "C" für Hartheim bei Linz in Österreich
  • "D" für Sonnenstein in Sachsen
  • "E" für Hademar in Hessen.

Die Spuren der gezielten Mordaktionen sollten gegenüber den Angehörigen der Patienten verwischt werden. Daher wurden die Kranken nicht auf direktem Wege von ihren Herkunftsorten in die Tötungsanstalten transportiert, sondern über Zwischenstationen. Die Durchgangsstationen hatten demnach neben einer Tarnfunktion auch die Aufgabe, Störungen im Ablauf des industriemäßig organisierten Euthanasie-Programms auszuschalten.
Wenn die grauen Busse kommen
Als Zwischenstationen für die sächsische Vergasungsanstalt Sonnenstein bei Pirna fungierten Arnsdorf, Großschweidnitz, Waldheim und Zschadraß. Die Auswahl der Euthanasieopfer fand nach einem simplen Verfahren statt: Alle Anstalten in Deutschland müssen Patienten nach Berlin melden, darunter auch so genannte kriminelle Geisteskranke und Personen, die sich seit mindestens fünf Jahren in Anstalten befinden - ein Todesurteil für Heimbewohner. Alles mit deutscher Gründlichkeit und Ordnungsliebe. Zu dieser Zeit bekamen viele Leute allmählich Angst, man sah die grauen Busse und wußte gerüchteweise was es damit auf sich hatte. Erschütternde Berichte waren im Umlauf.

Heimlich fotografiert: Die grauen Busse holen Kinder aus den Heimen
Heimlich fotografiert: Kindertransport
Schwester Frida bekam in wenigen Wochen weiße Haare. Schon als das Minchen mit vielen anderen sterilisiert worden war, hatte Schwester Frida bittere Tränen geweint. Was dann geschah, das konnte Schwester Frida nicht mehr mit ansehen. Sie bat ihr Mutterhaus um Versetzung. Der graue Bus war vorgefahren. Sie begriff nicht, dass die Anstaltsleitung nicht entschiedener um das Leben ihrer Pfleglinge kämpfte. "Pastor Bodelschwingh", sagte sie, "hat nicht einen einzigen Kranken herausgegeben." In Bethel bei Bielefeld sei niemandem ein Haar gekrümmt worden, dort würde sie gerne hingehen. "Ja," sagte der Anstaltsleiter," Bodelschwingh ist so berühmt, an den trauen sich die Nazis nicht heran, aber seine Mitarbeiter bei Berlin haben sie schon gefangen gesetzt." - " Dann sollen sie uns auch einsperren", sagte Schwester Frida spontan. Und als der Direktor das Wort aus dem Paulusbrief zitierte, "seid untertan der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat", antwortete Schwester Frida laut und deutlich: "Das Wort habe ich schon lange aus meiner Bibel herausschneiden wollen." Vor Erstaunen blieb der Direktor jede Antwort schuldig. Wieder kam der große Omnibus mit den undurchsichtigen Fenstern. Diesmal musste das Minchen auch dran kommen.
Ein Kuchen für die letzte Reise
Frida hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, schwere Bilder suchten sie heim. Wie bei jeder echten Ordensschwester lagen in ihrem Sinn die großen Gedanken und die kleinen praktischen Taten nahe beisammen. So verbrachte sie nach dieser Nacht voll apokalyptischer Schrecken die frühen Morgenstunden damit, Kuchen zu backen. Zum erstaunten Minchen sagte sie zärtlich: "Den Kuchen backe ich extra für dich, weil du ihn mit ein paar anderen verspeisen sollst."

Als der Bus vorrollte, lächelte Schwester Frida, um nicht weinen zu müssen. Sie packte das Minchen und die anderen warm ein, legte jedem einen Kuchen auf einem bunten Teller in den Schoß, gab dem Minchen einen Kuß und suchte nach einem Abschiedswort. Aber das Minchen sagte tapfer: "Oh, Schwester Frida, ich weiß wohl, mich fahren sie jetzt in den Himmel." Die stumm gewordene Schwester dachte bei sich: "Und ich weiß wohl, wer einmal in die Hölle fahren wird."

Dann durchzuckte es sie - Wo war denn Minchens Freund, das Jaköble, Fridas zweitliebster Schützling? Er war nirgendwo zu finden. Er hatte dem Minchen nicht einmal lebewohl gesagt, wenigstens nicht hier, vor allen anderen. Erst als sie in Minchens verlassene Schlafstube kam, entdeckte sie auf dem Nachttisch einen kleinen Blumenstrauß mit einem Zettel. Sie kannte die Handschrift.
Nur die wenigsten entkamen dem Terror
Das Jaköble war mit seinen schlenkernden Beinen nur langsam auf der Landstraße vorangekommen, bis ihn zum Glück ein Lastwagenfahrer, der Mitleid zeigte, mitgenommen hatte. So landete das Jaköble bei Hedwig, der Tochter des verstorbenen Sanitätsrats, in dessen Familie Jakob zuvor lange gelebt hatte. Hedwig erschrak, als sie sein totenblasses Gesicht sah. Noch nie hatte sie etwas von Vergasungskammern und Krematorien für Behinderte gehört. Sie konnte zuerst nicht glauben, was das Jaköble ungeschickt und in wirrem Durcheinander berichtete:

"Die Krüppelkinder klettern vor Angst auf die Bäume, um sich zu verstecken, wenn der Bus kommt. Und jetzt ist das Minchen weg, die seh ich nie wieder." Plötzlich schrie er: "Ich geh nicht mehr zurück. Lieber häng ich mich auf eurem Boden auf, ich find schon einen Strick." Hedwig beruhigte den Jungen und rief Schwester Frida an, um sie über Jakobs Verbleib zu beruhigen. Sie brachte eine Nacht mit Gedanken und Plänen zu, die nicht viel anders waren, als die von Frida. Am nächsten Morgen ging sie auf das Wohlfahrtsamt um Jakobs Zukunft zu regeln. Als Tochter des verstorbenen Sanitätsrats hatte sie noch entsprechende Verbindungen.
Widerstand mit Mut und Zivilcourage
Der Beamte schickte zuerst seine Sekretärin mit einem Auftrag hinaus, dann kam er schnell auf Hedwig zu und reichte ihr die Hand: "Ich will ihnen nur sagen, dass ich noch nie etwas so gehasst habe, wie dieses Regime. Von Verbrechern werden wir regiert. Aber was soll ich tun, ich habe Frau und Kinder. Nehmen sie sich in ahct, sie dürfen die Geschichte niemals erzählen, sonst holt man sie ab." In diesem Moment öffnete sich die Tür und der Vorgesetzte trat ein. Der andere Beamte verstummte. Doch der Amtsleiter gab seine Einwilligung, das Jaköble hier in der Stadt unter der Obhut von Hedwig in eine Lehre gehen zu lassen. Er blickte nicht mehr von den Akten auf, als Hedwig sich verabschiedete.

Jakob lernte fleißig das Korbmachen und Bürstenbinden. Er wohnte direkt beim Meister, der mit ihm zufrieden war. Die Sonntage verbrachte er bei Hedwig in der Küche. Dabei konnte er ungestört an die Menschen denken, die ihm am nächsten gewesen waren - an seine verstorbene Mutter und an das einfältige Minchen.
Sie kommen immer wieder
In den Morgenstunden des 27. September 1940 halten die tarnfarbenen Busse der Gekrat, mit den zu lackierten Fenstern, auch am Portal des Katharinenhofs. Das Begleitpersonal zückt eine Liste. Darauf stehen 173 Namen - 104 Jungen und 69 Mädchen. Schwestern und Pfleger erzählen ihnen, sie würden einen Ausflug erleben. Die Kinder sind in Reihe angetreten. Auf dem Rücken haben sie ein Heftpflaster mit einer Nummer. Die Transportliste wird abgehakt, die Busse rollen ab. Durch den einstigen Lustgarten am Schloßteich auf die berühmte Lindenallee, wo das dichte Blätterdach keine Sonnenstrahlen mehr durchlässt. Doch das sahen die Kinder schon nicht mehr. Die blinden Fenster des Busses gewährten keinen Durchblick. Die Fahrt dauerte nicht lange, sie endete vorläufig in Großschweidnitz.

Sie rollten von Anstalt zu Anstalt
Sie rollten von Anstalt zu Anstalt - die grauen Busse der Gekrat
Acht Tage zuvor am 19. September um 0:40 Uhr fielen Bomben auf Bethel, wo Fritz von Bodelschwingh seine Patienten gegen die Euthanasie-Programme mutig verteidigte. Die am Nachmittag erscheinenden Zittauer Nachrichten meldete bereits vor dem großen Parteiblatt "Völkischer Beobachter", was kurz zuvor in der Berliner Reichspressekonferenz den Journalisten in den Block diktiert worden ist. Unter der Schlagzeile "Neue Schandtaten der Royal Air Force" heißt es unter anderem: "In der Nacht zum 19. September wurden in Westdeutschland einfliegende britische Flugzeuge durch deutsche Abwehr zur Umkehr gezwungen. Sie warfen ihre Bomben auf nicht-militärische Ziele ab und griffen dabei die Krankenanstalt von Bethel an. Drei Krankenhäuser wurden zerstört, obwohl sie durch das rote Kreuz deutlich als solche kenntlich gemacht waren. Dabei wurden neun Kinder getötet und 12 verletzt." Als Kindermord von Bethel, zwei Tage später hatte sich die Zahl der toten Kinder auf 12 erhöht, wird dieser Angriff in der Presse Göbbels-mäßig ausgeschlachtet.
"Sterbehilfe" in Sachsen
Außerhalb der Bodenschwinghschen Anstalten wehte in fast allen psychiatrischen Kliniken Deutschlands der eisige Wind der Verachtung gegenüber allem menschlichen Leben. Immer mehr Ärzte und Helfer entwickelten sich zu willfährigen Propagandisten und Vollstreckern der behindertenfeindlichen Gesundheitspolitik des NS-Staates. Auch Gau-Ärzteführer Dr. Wagner drängte in Sachsen auf Verlangen des Reichsstatthalters Mutschmann zunehmend zur Anwendung der so genannten "Sterbehilfe".

Die Dresdener Staatsakademie für Rassen- und Gesundheitspflege, die den Funktionsträgern des NS-Staates, besonders aber Ärzten, Zahnärzten und weiteren ausgewählten Berufsgruppen die Inhalte der Nazi-Rassenforschung und Politik vermitteln und sie zur Propagierung dieser Politik befähigen sollte, brachte tausende Lehrgangsteilnehmer mit Bussen auf den Sonnenstein, wo durch Führungen der Eindruck der Vorträge wesentlich vertieft werden sollte.
"Jagd die Narren zum Teufel"
Auch Schulklassen und Studentengruppen mussten auf den Sonnenstein, um "lebensunwertes Leben" anschaulich vorgezeigt zu bekommen. Zum 125. Jahrestag der Anstalt titelte der Pirnaer Anzeiger: "Jagt die Narren zum Teufel". Die Redaktion bezog sich im Text mit einer spürbaren Häme auf die Tatsache, dass schon Napoleon 1813 zeitweilig die Geisteskranken per Befehl vom Sonnenstein vertreiben ließ. Auch in anderen Naziblättern wurde der direkte Bezug zu der Vertreibung hergestellt.

Die Unterhaltung von Heilanstalten sollte generell auf ein Minimum an Kosten beschränkt werden. Im Katharinenhof erkannte man sofort diese Zeichen der Zeit und versuchte durch Sparsamkeit den Fiskus wohlwollend zu stimmen. Eine Diakonisse aus dem Katharinenhof: "Um die Kinder in unserer Obhut behalten zu können, passte sich unsere Hausleitung den Verpflegungssätzen der Landesanstalten an. Das waren 35 Pfennige pro Tag und Kind. Ich sah, wie sich die Mangelernährung auswirkte. Gewichtsabnahme, Anaemie, Zahnfleischbluten. Wir, das Personal, bekamen genug zu essen. Davon gaben wir den Kindern ab, soviel als möglich war, um ihnen wenigstens etwas zu helfen. Ein Kind fragte einmal: Gibt es im Himmel auch für Kinder Personalessen?"

Es ist schon eine verteufelte Analogie, dass am 26. September 1940 auch die 17jährige Helene von Gersdorf nach Kleinwachau gebracht wird. Die Nachfahrin der Gründerin des Katharinenhofes lebte seit einem Jahr in der Großhennersdorfer Anstalt. Im Erinnerungsbericht der Katharinenhof-Diakonisse Marga Brückner sind verzweifelte Rettungsversuche für Helene nachgezeichnet, die sie mit dem Mädchen auch nach Bethel führten. Helene von Gersdorf wird nicht gerettet. Ein Sammeltransport bringt sie am 13. August 1943 von der Landesanstalt Arnsdorf nach Großschweidnitz, wo sie am 22. August 1943 stirbt.

Gedenktafel am Eingang des Friedhofes für die Euthanasie-Opfer in Großschweidnitz
Erinnerung an die Euthanasie-Opfer in Großschweidnitz