Der Ehrenbürger
Am 22. Februar 1932 präsentierten die Nationalsozialisten ihrem Präsidentschaftskandidaten Adolf Hitler einen Mann, der gar nicht wählbar war, denn er besaß nicht die deutsche Staatsangehörigkeit - er war staatenlos. 1924, noch während der "Berufsrevolutionär" Hitler in Landsberg seine Strafe für den Münchner November-Putsch absaß, hatte die bayerische Staatsregierung sich bemüht, den "lästigen Ausländer" nach Haftentlassung abzuschieben - nach Österreich, woher er stammte.

Keine Abschiebung: Hitler versucht sich als Bayer
Keine Abschiebung: Hitler versucht sich als Bayer
Doch die Abschiebung schlug fehl, die Österreicher wollten ihn nicht zurück. Ihr Bundeskanzler Dr. Seipel erklärte, dass eine Anwesenheit Hitlers in Österreich für die hiesige Regierung innen- und außenpolitisch ernste Gefahren mit sich bringen würde; er bezweifle, ob Hitler tatsächlich noch die österreichische Staatsbürgerschaft besitze, da er im deutschen Heere gedient habe. Forsch meldete sich Hitler daraufhin beim österreichischem Generalkonsul in München und bat um Entlassung aus dem österreichischem Staatsverband - was Wien am 7. April 1932 genehmigte.
Hitlers Kampf um die deutsche Staatsbürgerschaft
Hitler hatte geglaubt, so setzte er es dem Generalkonsul auseinander, dass er im Moment, wo er staatenlos werde gemäß der deutschen Bestimmungen, infolge seiner Beteiligung am 1. Weltkrieg auf deutscher Seite automatisch die Reichsangehörigkeit erwerbe. Hitler sollte sich täuschen! Jetzt musste man das Ding anders drehen! Der Ausweg: Das deutsche Staatsangehörigkeitsgesetz aus dem Jahre 1913 ließ Einbürgerung auch dann als vollzogen gelten, wenn der Anwärter im Staatsdienst, beim Reich, bei den Ländern oder Gemeinden, im öffentlichen Schuldienst oder bei einer anerkannten Religionsgemeinschaft angestellt wurde.

Diese Bestimmung machte sich Dr. Wilhelm Frick zu Nutze. War er doch inzwischen als erster Nationalsozialist Minister geworden: thüringischer Innenminister. In aller Heimlichkeit gedachte er seinen "Führer" zum Gendarmeriekommissar in Hildburghausen zu ernennen. Ausgerechnet Hitler als "Hüter der Ordnung" und ausgerechnet in Hildburghausen! Als später die Presse davon Wind bekam, war das Gelächter heftig, Hitler als Dorfgendarm! "Schildburghausen" wurde mit einem Schlag in Deutschland berühmt.
Hitler soll falscher Professor werden
Nun musste NS-Minister Dietrich Klagges `ran. Dieses Mal hatten sich die Nazi-Politiker einen besseren Posten ausgedacht: "Es ist geplant, den Führer zum außerordentlichen Professor in Braunschweig zu ernennen. Professor für "organische Gesellschaftlehre und Politik". Hieß das nicht den Bock zum Gärtner zu machen? Untermauert wurde der Antrag jedoch von Klagges mit den Worten:

"In Rücksicht auf die politische Bildung des heranwachsenden Geschlechts halte ich es für dringend erforderlich, dass die Studierenden der Technischen Hochschule Braunschweig (TH Braunschweig) Gelegenheit erhalten, sich auch im Rahmen der Hochschule über die Grundfrage der Nationalpolitik zu unterrichten. Daher beabsichtige seit längerer Zeit eine Persönlichkeit, die sich theoretisch und praktisch in einer führenden politschen Stellung bewährt hat, an die hiesige technische Hochschule zu berufen und ihr einen Lehrauftrag für organische Gesellschaftslehre und Politik zu erteilen. Wie mir mitgeteilt wird, würde Herr Schriftsteller Adolf Hitler, München, Prinzregentenplatz 16/II bereit sein, einen derartigen Ruf anzunehmen. Da Herr Hitler nicht nur als Führer einer großen politischen Volksbewegung, sondern ebenfalls durch sein grundsätzliches poltisches Werk "Mein Kampf" als wissenschaftlicher Schriftsteller hervorgetreten ist, würde ich die Verwirklichung dieser Möglichkeit lebhaft begrüßen. Durch eine Lehrtätigkeit Adolf Hitlers würde die Bedeutung und das Ansehen der Braunschweiger Hochschule zweifellos sehr gesteigert werden. Da eine Beaufragung der Hochschule satzungsgemäß nicht erforderlich ist, kann sie in diesem Fall unterbleiben."

Doch da hatte sich Klagges schwer getäuscht - so einfach ging es nicht! Die Koalitionspartner der Nazis in der braunschweigischen Regierung zogen nicht mit und die Technische Hochschule sträubte sich vehement gegen den neuen Professor. Der deutschnationale Ministerpräsident des Staates Braunschweig Dr. Werner Küchenthal empfahl einen weniger auffälligen Posten: Vielleicht könnte Hitler komissarischer Bürgermeister in Stadtoldendorf werden?"

Klein fing alles an: Hitler im Münchner Bürgerbräukeller
Klein fing alles an: Hitler im Münchner Bürgerbräukeller
Schon drohte eine Regierungskrise wegen Hitler in Braunschweig - ein Bruch der ohnehin problematischen Koalition zwischen Bürgerblock und NSDAP. Es war ein Abgeordneter der Deutschen Volkspartei, die vor einem Bruch der Braunschweigischen Regierung und Neuwahlen das Schlimmste zu befürchten hatten - er legte schließlich das "Ei des Kolumbus" : Man solle, wenn Hitler schon zur Kabinettsfrage geworden sei, ihm doch eine Planstelle an der Braunschweigischen Gesamtschaft in Berlin einräumen, so brauche er nicht einmal im Land zu erscheinen."
Ausländer Hitler als schwieriger Einbürgerungsfall
Eilig und eifrig wurden Verhandlungen aufgenommen. Doch Propagandaminister Goebbels wollte nicht länger warten, er war seiner Sache in der Staatsbürgerschaftsfrage sehr sicher - im Berliner Sportpalast verkündete er lautstark: " Hitler wird gegen Hindenburg antreten, der Führer wird die Reichstagspräsidentenwahl gewinnen!"

Begeisterungsstürme und Jubel folgten. Doch der Amtsschimmel in Braunschweig war noch nicht so richtig bereit zu galoppieren. Wieder musste Klagges in den Sattel steigen. In einem weiteren Schriftsatz erklärte er: "Hitler legt großen Wert darauf, den geplanten Wirkungsbereich tatsächlich auszufüllen. Er begrüßt es lebhaft, dass ihm auf diese Weise Gelegenheit geboten wird, an der Lösung der Fragen, mit denen er sich bisher nur in Wort und Schrift beschäftigt hat, nun auch praktisch mitzuarbeiten."

Alles Verlogenheiten, wie schon beim Versuch, den Professorentitel für Hitler an der Hochschule festzuzurren - und das nur um der traditionellen Bürokratie Genüge zu tun. In Wirklichkeit dachte Hitler keinen Moment daran, sich als Regierungsrat in der Braunschweigischen Gesandtschaft niederzulassen und wohlmöglich Akten zu wälzen. Er hielt es jedoch für geraten, die Posse bis zum Ende mitzuspielen.

Am 25. Februar 1932 beschloss man in Braunschweig offiziell die Ernennung und schreib dazu: " ... die haushaltsmäßige Übertragung der Stelle ... auf die planmäßigen Mittel der Gesandtschaft ist in Aussicht genommen. Bis zur Übertragung der Stelle werden die Bezüge von dem Landeskultur- und Vermessungsamt bezahlt werden."

Hindenburg hielt nicht viel von dem 'Gefreiten', wie her Hitler verächtlich nannte.
Hindenburg hielt nicht viel von dem 'Gefreiten', wie er Hitler nannte
Gleichzeitig wurde dem Schriftsteller Adolf Hitler die Ernennungsurkunde zugestellt. Wie selbstverständlich erschien Adolf Hitler in der Gesandtschaft "Berlin, Lützowstr. 11" und hob die Hand zum Schwur: " Ich schwöre Treue der Reichs- und Landesverfassung, Gehorsam den Gesetzen und gewissenhafte Erfüllung meiner Amtspflichten." Er verschwand daraufhin und ward in der Braunschweigischen Gesandtschaft nicht mehr gesehen. Keinen Finger hat er krumm gemacht, um seinen Diensteid zu erfüllen. Zum Dank, dass man ihm in Braunschweig die Eselsbrücke gebaut hatte, erklärte er inmitten des Präsidentschaftswahlkampfes: "Ich habe mein Gehalt als sogenannter Regierungsrat der Staatsbank von Braunschweig zur Verfügung gestellt und werde nie einen Pfenning beziehen."
Der Beamte Hitler quittiert den Dienst
Erst am 16.Februar 1933 erinnerte sich Hitler noch einmal seiner Braunschweigischen Beamtenqualität und erst als Reichskanzler quittierte er formgerecht seinen Pseudodienst und hängte den sogenannten "Regierungsrat" an den Nagel.

Hitlers Rechnung: Ich habe die stärkste Partei und gegen mich die schwächste Regierung. "Mein Atem ist länger als der Atem meiner Gegner."

Und so kam es dann auch. Fünf Stunden lang, bis tief in die Nacht des 30. Januar 1933 hinein marschierten durch Berlin im flackernden Fackelschein nun die braunen Bataillone und es dröhnten die martialischen Gesänge der SA: "Es zittern die morschen Knochen ... heute (ge)hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt."

Der Kilometer lange Fackelzug - nur unterbrochen von Musikapellen - schwenkt in die Wilhelmstraße ein, und zieht unter den Fenstern der Reichskanzlerpalais vorbei. Dort oben steht der alte Reichspräsident Hindenburg auf seinen Stock gestützt, ergriffen von der Macht des Geschehens, die er selbst heraufbeschworen hat.

An einem anderen Fenster steht Hitler - von stürmischen Zurufen und einem Sturm der Begeisterung begrüßt. Die Offiziellen jedoch hatten wenig Zeit, sich auf dieses Ereignis vorzubereiten, und so hatte man versäumt, die üblichen Fotografen und Filmleute rechtzeitig zu benachrichtigen. Anderntags wird mit unvermindertem Eifer die ganze Chose wiederholt.

"Hitler war ungeheuer bewegt", er hoffe, sagte er, Hindenburg doch noch für sich gewinnen zu können. "Es hat dem alten Herrn doch sehr gefallen, wie ich ihm heute sagte, dass ich ihm nun als Reichskanzler genauso treu dienen will, wie ich seiner Zeit als Soldat im Heere diente." Dann sagte er noch : "Im ganzen Reich hat es nach allen Berichten nicht einen einzigen Zwischenfall gegeben, der gegen meine Ernennung gerichtet gewesen wäre. Das war die unblutigste Revolution der Weltgeschichte."
Hitler macht Front
Jetzt ließ sich Hitler durch nichts mehr halten: Nach der "Machtübernahme", jetzt die "Machtergreifung", die Machtbefestigung. Bis das Parlament noch einmal in Erscheinung trat, musste sie geschafffen sein: die nationale Revolution. Und Gegner der Nazis - man brauchte bloß auf Stichworte in Hitlers Reden zu hören, die alle "missliebigen Elemente auf den Nenner "Novemberverbrecher", "Volksverrräter", "Bonzen des Systems", Marxisten oder Juden brachten - Gegner waren alle bisherigen Demokraten, Sozialdemokraten, die "Schwarze Brut", die Gewerkschaften - also nicht nur die Kommunisten.

Ihm schoben die Nazis die Schuld für den Reichstagsbrand zu: Der Holländer Marinus van der Lubbe
Für die Nazis der Reichstags-Brandstifter: Marinus van der Lubbe
Es bedurfte keineswegs des Reichstagsbrandes den Terror gegen Leib und Leben gegenüber der Opposition zu entfesseln. Der Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 bot lediglich Gelegenheit, die Illegalitäten der Machtergreifung mit dem Mantel formaler Legalität zu umhüllen und den Terror systematisch zu organisieren.

Wie in ganz Deutschland wurden in Zittau und Umgebung insbesondere erst einmal die Mitglieder der KPD verhaftet.

In Zittau ging es in die Amtsgerichte der Stadt und nach Großschönau, Ostritz und Reichenau. Vor allem aber in die eilig eingerichteten SS-Wachen "Sächsischer Hof" und "Schwarzer Adler", sowie in das von den Nazis besetzte Gewerkschaftshaus. Hier ließen SA- und SS-Männer ihre Fäuste und Knüppel sprechen. Albin Hauspach (`+ 11. April 1933) und Julius Pawel (+ 22. April 1933), beide Mitglieder der KPD, waren die Ersten, die im Folterkeller des "Sächsischen Hofes" dem mörderischen Wüten der Nazis zum Opfer fielen.

Der im März 1933 gewählte Reichstag trat nach dem 17. Mai 1933 nie wieder zusammen und wurde im November durch einen neuen ersetzt, in dem nun die Nazis ganz unter sich waren. Aber auch dieser Reichstag spielte nie wieder eine politische Rolle. Der SPD-Abgeordnete Otto Wels sprach im deutschen Reichstag das letzte freie Wort: "Nein".

Hitler reagierte gereizt, als Otto Wels in der Debatte um das Ermächtigungsgesetz sagte: "Freiheit und das Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht!" Hitler: "Sie sind wehleidig, meine Herren, und nicht für die heutige Zeit bestimmt, wenn Sie jetzt schon von Verfolgung sprechen. Verwechseln Sie uns nicht mit einer bürgerlichen Welt, was im Völkerleben morsch, alt und zerbrechlich wird, das vergeht und kommt nicht wieder. Auch Ihre Stunde hat geschlagen!" Das Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich war verabschiedet. Und genau das Gegenteil sollte bald eintreten! Das war die wirkliche Machtergreifung!
Hitlers Weg zum Diktator
Der jetzt Ein-Parteien-Reichstag wurde wie es der politische Witz damals ausdrückte, zum "höchstbezahlten Männergesangsverein". Seine Aufgabe bestand nur noch darin, bei seinen seltenen Sitzungen nach Anhörung einer Hitler-Rede und einstimmiger Annahme einer vorformulierten Entschließung das Deutschland- und Horst-Wessel-Lied abzusingen.

Die Macht der Medien brachte Hitler den schnellen Durchbruch
Die Medien ebneten Hitler und den Nazis den schnellen Weg zur Macht
Der NSDAP als Partei ging jetzt ebenfalls die Luft aus, nachdem alle Parteien ausgeschaltet waren. Das ist eine verborgene Pointe der Parteiendämmerung von 1933, die damals niemand so richtig bemerkte. Die Partei hatte Hitler nur dazu gedient, in dem parlamentarischen System von Weimar "legal" die Macht zu erobern. Nachdem das geschehen war, hatte sie keine richtige Aufgabe mehr, sie war jetzt nur noch eine von vielen NS-Organisationen - SA, SS, Hitler-Jugend, Deutsche Arbeitsfront, Reichsnährstand und viele andere.

Die letzte Bastion gegen den braunen Einheitsstaat waren noch die demokratisch regierten Länder, bis die Reichsregierung per Gesetz die Landesregierungen entließ und Reichsstatthalter einsetzte.