Im Winter 1932/33 stellte sich auch in der Oberlausitz nur eine einzige Frage von politischer Bedeutung: Wird es Bürgerkrieg in Deutschland geben, oder nicht ? Viele waren bereit, aufzumarschieren und gleich zuzuschlagen. Jeder für seine eigene Weltanschauung - egal ob rechts, links oder konservativ. Draußen auf den Straßen von der Nordsee bis zum Zittauer Gebirge lief mit tosendem Trommelwirbel eine nicht mehr zu steigernde Agitation an. Hitler wollte unbedingt die absolute Mehrheit im Weimarer Parlament erzwingen. Den Naziführer selbst traf man in diesen unruhigen Zeiten hauptsächlich im gediegenen Berliner Hotel ‘Kaiserhof’ an. Fernab der Tumulte und Straßenschlachten.
In Berlin suchte Hitler Anschluß an die Gesellschaft
Hier nahm Hitler immer an einem für ihn und seine Begleiter reservierten Ecktisch Platz und grüßte ein wenig linkisch die illustren Gäste des meist gut besetzten Hotelrestaurants. Dabei genoß er zu den Klängen einer ungarischen Zigeunerkapelle Kuchen mit frischer Schlagsahne. Dezent spielte der Primas mit schmachtender Geige das Lied vom "Traurigen Sonntag" oder "Du schwarzer Zigeuner, komm spiel mir ins Ohr."
Hitler trainierte seine Posen vor dem Spiegel
In unmittelbarer Nähe zu Hitler saßen immer die selben Damen der "feinen" Gesellschaft. Sie starrten neugierig verzückt zu ihm hinüber. Der unscheinbare Mann hatte ein unerklärliches Charisma - sendungsbewußt, dämonisch. Eine Mischung aus Zauberkünstler und Rasputin, die Hitler vor dem Spiegel selbst einstudierte. Wohl das erste Körpersprache-Training eines Politikers, der darauf aus war, mehr zu scheinen als zu sein. Heute geht man dafür in teure Schulungs-Kurse und läßt sich von Medienexperten beraten.
Hitlers effektvollen Auftritte als Redner waren genau einstudiert
Fast alle Damen, die Hitler anhimmelten, hatten das Alter mütterlicher Freundinnen erreicht, die von je her die glühendsten Verehrerinnen des Mannes aus Braunau am Inn gewesen waren, wie zum Beispiel auch Margarete Bechstein, Gemahlin des Münchner Klavier-Fabrikanten. Sie hatte ihm einst beigebracht, dass man keinen Zucker in den Wein schüttet (alkoholabstinent war Hitler erst seit 1924) - und dass man zum blauen Anzug kein violettes Hemd mit knallroter Krawatte trägt.
Diese Art von Firlefanz stand bei Hitlers Kontrahenten nicht im Vordergrund. Man hatte nur ein Ziel: Hitler durfte nicht an die Macht gelangen. Und es mißlang gründlich. Hitler spielte die Geschichte vom sanften Wolf und dem naiven Geißlein - der perfekte Ver-Führer.
"Nie wieder Sowjet-Sachsen"
Zu Hilfe kam die offenkundige Zersplitterung des bürgerlichen Parteiensystems, das in der bürgerlichen Wählerschicht eine tiefe Verunsicherung auslöste. Dem stand in Sachsen eine bemerkenswerte Konstanz der politischen Linken gegenüber. Angesichts dieser extremen Polarisierung und des in Sachsen besonders stark ausgeprägten Lagerdenkens stellte die NSDAP, die ihren Wahlkampf mit der Angstparole verzierte "Nie wieder Sowjet-Sachsen", eine willkommene Alternative dar. Wenn die Nazis auf legalem Weg die Mehrheit im Reichstag hätten, so hieß es, würden sie denselben durch Mehrheitsbeschluß für immer als überflüssig auflösen. Zusätzlich erklärte der NSDAP-Abgeordnete Cuno Meyer unverblümt "man werde den Verwaltungsapparat von linken Parteibuch-Beamten säubern, die Polizei in die Hände bekommen und dann sei Schluß mit dem roten Terror." Wer für die Kommunisten sei, könne nach Sowjetrussland auswandern.
Die bürgerlichen Parteien ließen sich auf Koalitionsverhandlungen mit den Nazis ein, die als das kleinere Übel zu einer noch immer denkbaren großen Koalition mit der SPD galt. Sachsen war mittlerweile "Großkampfplatz" der NSDAP. Auch mittelständische Verbände wie der Verein der sächsischen Hausbesitzer, das staatliche Komitee für sächsisches Handwerk und der Landbund plädierten nun für eine bürgerliche Regierung unter Einbeziehung der Nazis. Parallel dazu stand die traditionell linke sächsische Sozialdemokratie mit ihrer Entschlossenheit zur Verteidigung der Weimarer Republik, in einem erbitterten Kampf mit den Kommunisten.
Mit der KPD Thälmanns konnte es keine gemeinsame Politik geben, weshalb die Demokratie auch nicht durch die Beschwörung einer ominösen "Einheit der Arbeiterklasse" zu retten gewesen wäre. Verblüffend ähnlich argumentierten KPD-Propaganda und die Nationalsozialisten, die SPD vertrete nicht die Interessen der Arbeiterschaft, sondern agiere im Dienst des "internationalen Finanzkapitals". Der Dolchstoß der Novemberrevolution habe nicht zur Befreiung des Proletariats geführt, sondern zu seiner Versklavung.
1932 - das Jahr der Wahlkämpfe
Die entscheidende Partei, so die KPD-Meinung, die der Bourgeoisie die Massenbasis für die Sicherung ihrer Diktatur liefert, sei nicht die NSDAP Hitlers, sondern die SPD mit ihrem Anhang der Arbeiterklasse. Hitlers Anhang ist im wesentlichen nur das geringere Potential, nämlich das Kleinbürgertum.
Das Jahr 1932 war das Jahr der Wahlkämpfe schlechthin. Propagandatalent Joseph Goebbels strickte eine neue Masche nach der anderen und der stark ausgebaute Parteiapparat arbeitete effizient. Zählte man 1931 in Sachsen 500 Ortsgruppen, so waren es ein Jahr später rund 780. Damit hatte die NSDAP in etwa die Organisationsdichte der KPD erreicht, die 1931 rund 600 örtliche Gliederungen aufwies, während sich die SPD auf rund 1000 Ortsvereine stützen konnte.
Auf der 3. Reichsparteikonferenz der Kommunistischen Partei Deutschlands KPD im Oktober 1932 fasste daher auch der Führer der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung Ernst (Teddy) Thälmann seine Parteiorganisationsstruktur erneut ins Auge. Es war ihm klar geworden, dass die schon im Frühjahr 1931 vorgenommene Reduzierung der Parteiunterbezirke nicht mehr den wachsenden Erfordernissen im Kampf gegen die immer mächtiger werdenden Nazis entsprach.
Thälmann kritisierte richtiger weise die übertriebene Zentralisierung seiner Partei mit Nachdruck. "Das Schwergewicht unserer Arbeit muß auf die unteren Einheiten verlegt werden. Die damit verbundene innere Belebung unserer Partei ist zugleich eine Voraussetzung für immer festere Verbindungen der Partei mit den Massen."
Die KPD stärkt ihre Basis
So wurde auch im Bezirk Zittau die bisher geschaffenen neun Unterbezirke aufgelöst und 26 neue Unterbezirke gebildet. Diese auch in den anderen Ländern erfolgte Änderung der Parteistruktur trug wesentliche zur Erhöhung der politischen Wirksamkeit der KPD bei. Die Wahlergebnisse des 6. November 1932 bewiesen, dass die Entschlossenheit der KPD gewachsen war. 700.000 Wählerstimmen wurden hinzugewonnen. Auch in der Amtshauptmannschaft Zittau errang die KPD einen neuen Erfolg. Nazis und SPD verloren an Stimmen. Alle drei Parteien lagen nahezu gleich auf.
Im Schatten Hindenburgs kämpfte sich Hitler an die Macht
Die eine Woche danach stattfindenden sächsischen Gemeindewahlen führten außerdem noch zu einer radikalen Veränderung der Gemeindeparlamente zugunsten der KPD. Die Kommunisten unternahmen jetzt große Anstrengungen um diesen Erfolgen politischen Inhalt zu geben und gleichzeitig versuchten sie vehement, radikale Ausschreitungen zu verhindern. Denn die Zeichen in Deutschland standen noch immer auf Sturm: Die einen dagegen, die anderen dafür.
In den Gemeindeparlamenten gingen die KPDler, wie auch in Zittau entsprechend einem Beschluß der Bezirksleitung dazu über, auf eigene Kandidaten zu verzichten und für sozialdemokratische Parteigenossen im Gemeinderat zu stimmen.
SA Schulter an Schulter mit den Kommunisten
Die vornehmen Kaffeetanten rührten unterdessen in der Tasse und äugten in Hitlers heimlichem Hauptquartier, dem Berliner Hotel Kayserhof, gerührt auf den "großen Führer und leicht angeschlagenen Massendompteur. Hier musste Hitler zwei Ereignisse wegstecken, die ihn noch lange nach den letzten Metern der Machtübernahme bewegten: Beim Berliner Verkehrsstreik 1931 waren seine braunen Bataillone Schulter an Schulter mit den Kommunisten gegen die Sozialdemokratie zu Felde gezogen, was ihn Sympathien bei den Konservativen gekostet hatte. Hochfinanz und Schwerindustrie hatten ihre Zuwendungen (Parteispenden) für die NSDAP gekürzt und Deutschlands Stimmbürger den Nazis die Quittung für die Kollaboration mit der KPD gegeben. Das war am 7. November 1932, nach der letzten freien Reichstagswahl.
Ernst Hanfstaengel, damals Inlandspressechef der NSDAP, berichtete später, Hitler stürmte "weiß wie ein Bettlaken in meine Wohnung am Reichskanzlerplatz", er hätte sich mit Gedanken an Selbstmord beschäftigt. Bei diesen Wahlen am Vortag war die NSDAP von 37,4 auf 33,1 Prozent der Stimmenanteile zurückgefallen. Sie hatte 2 Millionen Wähler und dadurch 34 Mandate verloren, während die KPD 11 neue erobern konnte und nunmehr im Reichstag 100 Sitze hielt.
Das erste Attentat auf Hitler
Nun griffen die Sponsoren von Rhein und Ruhr wieder tiefer in die Taschen und finanzierten das so genannte kleinere (braune) Übel. Hitler selbst hatte es in diesem Jahr auch schon mit einem Übel zu tun gehabt. Das erste von insgesamt 42 Attentate auf den "Führer" fand auf mysteriöse Weise schon im Januar 1932 in seinem favorisierten Hotel Kayserhof statt. Etwa eine Stunde nach dem Mittagessen, so Hitlers späterer Reichskanzleichef Hans-Otto Meissner, fühlten sich alle, die daran teil genommen hatten, gleichermaßen schlecht. Erbrechen stellte sich ein, Magenkrämpfe und Schwächezustände. Ärzte wurden eilig herbeigerufen. Am schlimmsten hatte es den Adjutanten Brückner erwischt, um dessen Leben man lange bangte.
Am leichtesten war Hitler selbst betroffen, der ja nur ein mäßiger Esser und zudem Vegetarier geworden war. Von diesem Augenblick an bis zu seinem Einzug in das Reichskanzlerpalais aß er täglich nur noch bei Magda Goebbels, um der Gefahr weiterer Giftanschläge zu entgehen.
Dennoch dachte Hitler nicht daran, seinen geliebten Kayserhof zu verlassen. Im Gegenteil: Um den Skandal zu vertuschen erstattete er nicht einmal Anzeige bei der Polizei. Der Nazi-Prophet stellte sich von nun an fast trotzig an den Brennpunkten der Wahlschlacht schreiend und gestikulierend fast wie absichtlich auf den Präsentierteller. Längst schon hatte er Schauspielunterricht genommen, beim selben Lehrer, der schon Heinz Rühmann entdeckte und Berthold Brecht schulte.
Dass der Vormarsch der KPD in Sachsen mittlerweile so gut gelang, war auch durch das gute Abschneiden der Partei in der Amtshauptmannschaft Zittau begründet. Hitlers Hauptgegner kämpften dort vehement um jede Stimme. Den Auftakt dazu gab die KPD-Ortsgruppe Zittau mit einer Großkundgebung in den Kronensälen. Otto Heinig und der bekannte ehemalige Reichswehroberleutnant Fraschich begeisterten die Massen gegen Hitler. Und die SPD sah ängstlich und neidisch zu. Die Kommunisten waren ihr einfach nicht geheuer. Bei einem Überfall der Nazis auf das Gewerkschaftshaus "Schwarzer Adler" hatte es nur durch einen glücklichen Umstand keine Opfer unter den Gewerkschaftlern gegeben. Doch selbst das veranlasste die SPD-Spitze der Amtshauptmannschaft nur zu halbherzigen Protesten gegen das zögernde Eingreifen der Polizei zum Schutz von Gewerkschaftsmitgliedern und des Eigentums der Gewerkschaft. Man wollte einfach keine gemeinsame Sache mit der KPD machen. Egal, ob nun Hitler davon profitierte oder nicht.
Die KPD organisiert Streiks
In anderen Massenorganisationen wie Gewerkschaften, Arbeiter-Turn und Sportbund, Verband für Freidenkertum und Feuerbestattung und in den Mietvereinen fasste die KPD Fuß. Erste Aktivitäten waren der von der KPD in Seifhennersdorf ausgelöste Mieterstreik - Otto Simm war dort Vorsitzender des Mietvereins - man protestierte gemeinsam gegen die hohen Strompreise. Diese Aktion erreichte die gesamte sächsische Oberlausitz. Auch Reinhold Hentschke mobilisierte erfolgreich die KPD in Obersiefersdorf gegen den sozialdemokratischen Amtshauptmann Kahmann, der für alle Wohlfahrtserwerbslosen die Pflichtarbeit angeordnet hatte. Da es weder Arbeitskleidung noch tarifmäßige Entlohnung gab, weigerten sich die Oberseifersdorfer, dieser Anweisung zu folgen und traten in den Streik.
Am 6. Juni 1932 trafen sich in Oberseifersdorf über 500 Betroffene, um über die Weiterführung des Streiks zu diskutieren. In den Gemeinden Reibersdorf, Friedersdorf, Jonsdorf, Schlegel, Reichenau und Marienthal gab es Sympathiestreiks. Nach heftigen Auseinandersetzungen der verschiedenen Lager erreichte die KPD die einstimmige Annahme einer Entschließung: "Die Erwerbslosen von Oberseifersdorf und die Vertreter der Erwerbslosen aller Gemeinden erklären den Kampf gegen die Pflichtarbeit und die Kürzung der Wohlfahrtsunterstützung."
Darauf hin läßt Amtshauptmann Kahmann (SPD) starke Polizeieinheiten anrollen, die Oberseifersdorf nach außen hin abriegeln. Man gab den Streik auf und die Streikleitung wurde zu Geldstrafen oder Gefängnis verurteilt. Das Vorhaben war abgebrochen, aber der Wille nicht. Die Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 lief schlecht für die noch bestehende Demokratie. In den Orten Oberseifersdorf, Hartau, Olbersdorf, Bertsdorf wurde die KPD zur stärksten Partei.
Hitler und Göring reden in Zittau
Andererseits brachten die Wahlen auch einen bedeutenden Stimmenzuwachs für die Nazis, die auf Kosten der bürgerlichen Parteien die meisten Wählerstimmen in der Amtsmannschaft erhielten. Selbst Göring und Hitler schwangen in Zittau ihre Reden, um den Wahlkampf anzuheizen. Stimmenfang für das "1000jährige Reich" mit höchster politischer Demagogie.
Hitler wurde der erste Politiker, der konsequent das Flugzeug als Wahlhelfer einsetzte und bei jedem Wind und Wetter quer durch Deutschland kurvte: 50 Städte in 16 Tagen. Die amtliche Tageszeitung des NSDAP-Gau Sachsen - der "Freiheitskampf" - schrieb dazu voller Bewunderung: "Adolf Hitler im Flugzeug über Deutschland. Überwältigender Auftakt - ganz Sachsen im Zeichen Hitlers.
Über ein viertel Million hören den Führer in Dresden, Leipzig, Chemnitz und Plauen. Ungeheure Begeisterung - Sieg der Wahrheit - Adolf Hitler zerbricht die Bürgerkriegs- und Inflationslüge der Hindenburg-Front". Dabei war die Bürgerkriegs-Beschwörung einzig und allein eine hausgemachte NSDAP-Intrige, die Hitlers Vasallen der Weimarer Republik in die Schuhe schoben, nachdem die Kampfverbände von Reichsbanner, Stahlhelm, SA und SS in Bad Harzburg (Harzburger Front) Hitler ihre Verbundenheit erklärt hatten. So lagen die Nazis kräftemäßig vorn, sollte es zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen kommen.
Wie jedoch ein Bürgerkrieg ausgehen würde, lag nicht bei den untereinander verbandelten Kampfgruppen. Dreh- und Angelpunkt im Kräfteverhältnis war einzig und allein die unter dem Kommando der Weimarer Republik stehende Reichswehr. Daher blickten alle auf Reichswehr-General Schleicher - und Schleicher machte sich davon. Er hatte politische Ränkespiele im Kopf. Die intrigant eingefädelte Machterschleichung der Nazis konnte beginnen.
Die Clique um Hindenburg
Denn Reichspräsident Hindenburg war lediglich ein Mythos - nur Repräsentationsfigur in Uniform, übrig geblieben aus dem Kaiserreich. Er war beileibe kein politischer Führer. Altersstarrsinn trübte seine Urteilskraft. Die heimlichen Macher in seiner Umgebung - sein Sohn Oskar, General Schleicher, Chef des Ministerialamts Dr. Hans-Otto Meissner und "Fränzchen" von Papen hatten sein volles Vertrauen - und damit die eigentliche Macht im Staat. Durch ihre Intrigen wurden Regierungen gebildet und gestürzt.
Das Ende einer Ära: Hindenburg wird beigesetzt
Mit diesem Beraterteam hatte der "ältere Mann" Hindenburg die Weimarer Republik eigentlich schon zu Grabe getragen, bevor sie sich richtig entfalten konnte. Wer Hindenburgs Clique nicht passte, hatte keine Chance.
So erging es auf "Hungerkanzler" Dr. Heinrich Brünning, als er im Februar 1931 dem Reichstag seine Sparmaßnahmen vorlegte. Obwohl zum Zeitpunkt von Brünnings Amtsantritt drei Millionen Menschen arbeitslos waren und die Regierung sich einer schweren Wirtschaftskrise gegenüber sah, wollte sich keine Gruppierung, auch nicht die SPD, dem volkswirtschaftlich sinnvollen Sparkurs des Kanzlers anschließen.
Brünning konnte nur mit Notverordnungen ohne Mehrheiten im Parlament etwas bewegen. Eigentlich fatal ! Doch das Patt im Parlament stoppte - wiederum von seiner Clique beraten - der alte Hindenburg in seiner Eigenschaft als Reichspräsident. "Ich muß um Recht bemüht sein", redete sich Hindenburg lapidar raus und entließ den fähigsten Kanzler der Weimarer Republik.
Brünnings Entlassung aber war hauptsächlich das Werk von General Schleicher, dessen einziger Wunsch es war, hinter dem Rücken eines Kanzlers - wie immer dieser auch heißen mochte - in der jungen Weimarer Republik noch mehr Macht im Staate auszuüben. Gemeinsam mit Hindenburgs Sohn Oskar und Chef des Kanzleramts Dr. Hans-Otto Meissner brachte Schleicher Hindenburg so weit, den wirtschaftswissenschaftlich begabten Politiker Brünning von der katholischen Zentrumspartei durch Franz von Papen, einen "hohlköpfigen ehemaligen Kavallerieoffizier" zu ersetzen. (Papens Enkelin wurde übrigens im Jahr 2002 wegen Unterstützung rechter Gewalt in München verurteilt. Familientradition?).
Hochkonjunktur: Beschatten und Bespitzeln
Schleichers Kalkül war es, einen vermeintlich nationalistisch Gesinnten in die Regierung zu schleusen, um das Bündnis zwischen der konservativen, katholischen Zentrums-Partei und den Sozialdemokraten der SPD zu spalten. Der Plan ging auf. Das neue Kabinett bestand jetzt aus einer Gruppe zweitklassiger Köpfe, darunter etliche Anhänger der alten Monarchie und des ehemaligen Kaisers. Sie alle schienen ein gemeinsames Hobby zu haben: Ihren politischen Gegnern nachzuspionieren, deren Telefongespräche abzuhören und sie auf Schritt und Tritt beschatten zu lassen.
Dennoch war auch der neue Reichskanzler Franz von Papen nicht in der Lage, eine parlamentarische Mehrheit hinter sich zu bringen. Daher löste er kurzer Hand den Reichstag auf und setzte einen Termin für Neuwahlen an. Einmal mehr füllten sich die Straßen mit den Schlägertrupps der Braunhemden.
Danach hatte Kanzler Papen im neugewählten Reichstag nur noch 44 Abgeordnete an seiner Seite.
133 erreichte dagegen die SPD,
89 die KPD,
37 die Deutschnationale Volkspartei,
22 die Bayerische Volkspartei auf 22,
7 die Deutsche Volkspartei,
7 die Rechtspartei,
4 die Deutsche Demokratische Partei,
4 die Mittelpartei.
Und die Nazis: Sie kamen auf satte 230 Sitze. Dennoch kam keine stabile Regierung zustande. Es folgten Wahlen auf Wahlen. Selbst für die Propaganda-Schleuder Goebbels war das zu viel. Die Parteikasse der Nazis war leer und sie verloren bei der 7. Reichstagswahl innerhalb von 34 Monaten an Stimmen.
Hitler oder Bürgerkrieg?
Es ging auf und ab. Papen wurde sogar von seinem eigenen Kabinett im Stich gelassen und mußte zurücktreten. Hindenburg holte Schleicher ins Kanzleramt. Auch er konnte sich die Mehrheit im Reichstag eben so wenig verschaffen, wie seine Vorgänger. Er gab nach 54 Tagen völlig entnervt auf. Jetzt spielten die Nazis wieder voll auf die Tour: Bürgerkrieg steht vor der Tür. Nur der starke Führer Adolf Hitler kann noch alles richten. Er ist der Retter Deutschlands. Hindenburg - in seinem Herzen eigentlich gegen Hitler eingestellt, da dieser ja nur ein einfacher Gefreiter war - ließ sich von Franz von Papen überzeugen: Man könne den gefährlichen Naziführer zähmen, wenn es gelänge auch ausreichend Konservative mit in die Regierung zu bringen.
Diese trügerische Lösung entband die Reichswehrführung von der Notwendigkeit der Entscheidung. Es würde kein Blutvergießen geben auf den Strassen. Die Nazis waren dank der Anzahl ihrer Mandate stark genug, zu regieren. Alles atmete auf, auch die zögerlichen Führer der SPD. Der Riss, der durch das Volk ging, wurde mit der schwarz-weiß-roten Fahne der Konservativen und dem Hakenkreuz-Banner überdeckt.