Im Deutschen Reich bezogen die Nationalsozialisten nun klar Stellung gegen diejenigen Parteien, die für die Weimarer Republik eintraten, sie geschaffen hatten und repräsentierten. Der parlamentarischen Demokratie setzten die Nazis ein diktatorisches System entgegen. Durch Unterdrückung der Klassengegensätze sollte die deutsche Nation in einer rassistisch geprägten "Volksgemeinschaft" neu erschaffen werden.
Darüber konnte man in Talheim immer wieder in der gleichgeschalteten Presse lesen. Doch die Wirtschaftskrise, Hunger und Armut beschäftigte die Dorfbewohner mehr als die große Politik. Bei der Reichstagswahl 1930 erhielten die Nationalsozialisten in Talheim gerade 15 Stimmen.

Als die NSDAP ihre erste Versammlung im Ort abhalten wollte, gab es grosse Schwierigkeiten. Keiner der Talheimer Wirte öffnete sein Lokal für Partei-Versammlungen, und der Gemeinderat lehnte es ab, Rathaus oder Schulhaus zur Verfügung zu stellen. Von der "NS-Volksgemeinschaft" hielt man offensichtlich nichts. Erst nach der Machtübernahme 1933 begann auch in Talheim ein anderer Wind zu wehen: Der Kelterplatz hiess jetzt "Adolf-Hitler-Platz". Der alte Gemeinderat wurde sang und klanglos aufgelöst. In den neuen Gemeinderat zog die NSDAP mit zwei Stimmen ein, die Zentrumspartei mit 3, die SPD mit 2 Stimmen und der Bauern- und Weingärtnerbund mit 1 Stimme. Der bisherige Bürgermeister Hans Helmer starb am 12. Juni 1933 nach längerer Krankheit. Doch der NSDAP-Apparat funktionierte bereits: Zuvor hatte man direkt am Krankenbett Helmers zwei NSDAP-Funktionäre, Joseph Remmer und Adolf Kögel ins Amt gesetzt.
So wurden die Gemeinderatsmitglieder nicht mehr von der Gemeinde gewählt, sondern von der NSDAP vorgeschlagen und vom Oberamt Heilbronn im Amt bestätigt. Nachdem die SPD-Gemeinderatsmitglieder ausgeschlossen waren, entledigte man sich auch Heinrich Müller und seiner Kollegen von der Zentrumspartei im Talheimer Gemeinderat. Gleichschaltung aller Orten!
Der NSDAP-Ortsgruppenleiter Bachmann beantragte bei der Heilbronner Polizei Schutzhaft gegen Müller wegen abfälliger Äußerungen über die NS-Partei. Kreisleiter Drauz setzte seinen Parteigenossen, Verwaltungspraktikant Wolly Gebhard zum Ortsvorsteher der Gemeinde Talheim durch. Damit hatten die Nationalsozialisten die Gemeinde weitgehend in der Hand.
Sie begannen die Talheimer Einwohner zu "guten nationalsozialistischen Volksgenossen" zu erziehen und organisierten Treuekundgebungen für Hitler. Sprechchöre von Hitlerjugend (HJ) und Bund deutscher Mädels (BDM) umrahmten Gesangsvorträge des Liederkranzes und schneidige Marschweisen erklangen von der Talheimer Kapelle. Damit die Redner auf dem ehemaligen Kelterplatz auch gut zu hören waren, wurden starke Lautsprecheranlagen montiert. Es folgten offizielle Anweisungen an die Bevölkerung wie: "Diese Versammlung am Donnerstagabend 21 Uhr muss die größte und eindrucksvollste Kundgebung der Talheiner Bevölkerung zum neuen Reich darstellen. An diesem Abend darf kein Mann, keine Frau, kein junger Mann und kein junges Mädel zuhause sein, sondern alle sind da, wo die Talheimer Gemeinde in einmütiger Geschlossenheit ihren geliebten Führer Adolf Hitler ehrt".
Ein Propaganda-Stakkato hagelt auf alle Talheimer hernieder: Anweisungen, Aufrufe, heimliche Drohungen. Das hatte System. Der politische Hintergrund war der Tod Hindenburgs. Am 2. August 1934 auf Gut Neudeck in Westpreußen starb Reichspräsident Paul von Hindenburg im Alter von 86 Jahren.
Die Reichswehrführung hatte auf das Ableben des ehemaligen kaiserlichen Kriegshelden und Reichspräsidenten förmlich gewartet. Zwischen ihr und Hitler herrschte schon im Juni Einigkeit über das weitere Vorgehen. Noch am Todestag Hindenburgs wird das Militär auf Adolf Hitler, den "Führer" des Deutschen Reiches und Volkes und Oberbefehlshaber der Wehrmacht vereidigt.
Oder: "Am Mittwoch den 15. August 1934 spricht Parteigenosse und Reichsbauernführer Darré über den Reichssender Stuttgart. Kein Volksgenosse, insbesondere aber kein Landwirt, sollte diese Übertragung versäumen".

Und: "Am Freitag den 17. August 1934 spricht der Führer über alle deutschen Sender. Die Rede des Führers wird auf dem Adolf-Hitler-Platz übertragen. Jeder Talheimer muss den Führer hören! "Von Freitag bis Montag wehen in ganz Deutschland die Fahnen zum Zeichen der Treue zum Führer. Es ist dafür zu sorgen, dass kein Haus in Talheim am Freitag morgen ohne Flagge ist."
"Die Führerrede wird um 20 Uhr auf dem Adolf-Hitler-Platz übertragen. Einer Anordnung der Reichsleitung zufolge wird diese Rede nicht zu Hause, sondern von der gesamten Talheimer Bürgerschaft in einmütiger Geschlossenheit auf dem Adolf-Hitler-Platz gehört. Der Bürgermeister bittet seine Gemeindegenossen sich ohne Ausnahme, auch wenn sie ein Radio besitzen, auf dem Adolf-Hitler-Platz pünktlich einzufinden. Nach der Übertragung ist eine örtliche Kundgebung anberaumt".
Am 19. August 1934 will Hitler das deutsche Volk über die schon am 1. August per Gesetz vollzogene Vereinigung beider Regierungsämter abstimmen lassen. Nach einer entsprechenden Propaganda-Schlacht erhält Hitler über 38 Millionen JA-Stimmen (89,93 %). Damit kann er offiziell als Kanzler und Reichspräsident die Alleinherrschaft antreten. Jetzt war im ganzen Land kein Freiraum mehr, eine andere politische Meinung zu vertreten.
Drei Tage vor der großen Volksabstimmung teilte das Talheimer Bürgermeisteramt unmissverständlich mit: "Es muss jedem Volksgenossen eine Selbstverständlichkeit sein, dass er am 19. August seine Treue zum Führer durch ein einhelliges "JA" bekundet.
Die Gemeinde Talheim muss dieses Mal unter allen Umständen eine 100%-ige Beteiligung nach "JA"-Stimmenzahl melden können. "Wer der Wahl fernbleibt, oder mit NEIN stimmt, hat jedes Recht als Talheimer und als Deutscher verwirkt", so Ortsvorsteher Willi Gebhard.
Was blieb den Talheimer jetzt noch übrig? Wie sollte man sich entscheiden? Augen zu und durch! Die Angst der Andersdenkenden wurde immer stärker: So auch bei der Familie des früheren SPD-Gemeinderats Friedrich Vogel. Sie ließ zum Beispiel den Vater nicht mehr so wie früher ins Wirtshaus gehen. Er machte zu offenkundig seinen Unmut über die Nationalsozialisten bekannt. Man hatte Angst, dass er "ins Lager" kommt.
Merkwürdig und untypisch für die damaligen Zustände: Weder Friedrich Vogel noch die anderen Talheimer Sozialdemokraten wurden in sogenannte "Schutzhaft" genommen. Im Juni 1935 war der Talheimer Gemeinderat in seiner Zusammensetzung vollkommen NS-Parteikonform.
NSDAP-Kreisleiter Drauz hatte auf Vorschlag des Ortsvorstehers Gebhard und der örtlichen Parteiführung linientreue Beigeordnete und Gemeinderatsmitglieder gebilligt. Beigeordnete, Gemeinderäte und Gemeindebeamte wurden folgendermaßen verpflichtet: "Ich verpflichte mich hiermit an Eides Statt, künftig jeden Verkehr mit Juden, gleichgültig ob geschäftlicher oder persönlicher Natur, zu meiden..."
Da sich der Beigeordnete Renner und Gemeinderat Farny nicht daran hielten, wurden sie prompt abgelöst. Doch die allgemeine Begeisterung für die Nazis in Talheim war eben immer noch nicht allzu groß.

Klara Lang (Foto o.l.), 1918 in Talheim geboren und aufgewachsen, weiß noch genau, dass NSDAP-Kreisleiter Drauz im Ort total unbeliebt war, er war ein großer Angeber und überzeugter Nazi-Anhänger. Keiner wollte mit ihm etwas zu tun haben, obwohl seine Ehefrau aus Talheim stammte.
Im Jahre 1936 hatte die Ortsgruppe der NSDAP so wenig Mitglieder, dass sie nicht einmal die Miete für ihr Parteizimmer im Gasthof "Zur Krone" bezahlen konnte. Das Rathaus übernahm diese Kosten. Die Nazis kämpften mit allen Mitteln um die Beherrschung des politischen und gesellschaftlichen Lebens.
Selbst die Handarbeitslehrerin Veronika Schad wird per Dienstvertrag politisch unter Druck gesetzt: "Die sofortige Kündigung wird ... verfügt, wenn die Arbeitslehrerin in- und außerdienstlich sich nicht restlos auf den Boden des neuen Staates stellt... Wenn ihr politisches Verhalten zu Beanstandungen Anlass gibt."