Verfemt, verfolgt - geachtet
Im großen Sitzungssaal des Reichsluftfahrtministeriums Berlin waren an 12. November 1938 Göring, Goebbels, Wirtschaftsminister Funk, Finanzminister Schwerin von Krosigk, der österreichische Handelsminister Hans Fischbock, der Chef der Sicherheitspolizei und des SD, Heydrich und der Chef der Ordnungspolizei, Daluege, zusammen gekommen, um die "Judenfrage so oder so zur Erledigung zu bringen". Das geschah in der Tat. Schließlich verlangte in der Sitzung der von geradezu manischem Judenhass getriebene Propagandaminister sogar, die Juden aus "deutschen Bädern, Erholungs- und Vergnügungsstätten sowie Schulen zu entfernen - auch dies wurde von den entsprechenden Ressorts verfügt. Sogar den "deutschen Wald" sollten sie nicht mehr betreten dürfen.



Als "abschreckendes Beispiel" nannte Goebbels den Berliner Grunewald, wo Juden "rudelweise herumliefen und provozierten". Göring setzte in bissigem Zynismus noch eins drauf. Man solle Waldstücke eigens für Juden einrichten und dort die Tiere aussetzen, die den Juden - wie zum Beispiel der Elch seiner großen Nase wegen - "verdammt ähnlich sehen". Eingerichtet wurden mit "Judenbann" belegte Sperrbezirke.

Darüber hinaus wurden Juden bestimmte Lebens- und Genussmittel entzogen. Es wurde ihnen verboten Autos und Motorräder zu besitzen, Bücher und Zeitungen zu kaufen. Sie verloren weiter den Mieterschutz und wurden in "Judenhäuser" kaserniert. Noch am selben Tag wurden die beschlossenen Gesetze "zum Schutz der deutschen Rasse" - darunter der Ausschluss der Juden aus dem Wirtschaftsleben - im Reichsgesetzblatt verkündet. Letzte in jüdischem Besitz befindliche Unternehmen, Beteiligungen und Grundstücke - darüber hinaus Wertpapiere, Kunstschätze, Juwelen und Edelmetalle - mussten danach "zwangsarisiert", also zu einem Spottpreis verkauft und der Erlös auf Sperrkonten eingezahlt werden, die im Krieg durch das Deutsche Reich konfiziert wurden.

Seit 2000 Jahren leben Juden in Deutschland. Eine wechselvolle Geschichte von Heimatliebe und antisemitischem Terror. Deutsche Sprache und Musik, politisches Engagement, wissenschaftliche Leistung - Juden haben in der deutschen Geistesgeschichte nicht selten wichtige Beiträge geleistet.

Hitlers Judenkomplex wurde bis zur Reichsprogromnacht 1938 nie richtig ernst genommen, obwohl er ihn in seiner Hetzschrift "Mein Kampf" deutlich zum Ausdruck brachte. Hitler wurde aus dem Gefängnis entlassen und der Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky verhaftet und ins KZ verschleppt. Das war der Lauf der Geschichte.



Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in der Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik nur zaghafte Versuche die unrühmliche Nazi-Vergangenheit aufzuarbeiten. Die Hitlerzeit wurde verdrängt und Neonazis zogen unter dem neuen NPD-Führer Adolf von Tadden in Deutschland wieder auf.

"Hitler war doch gar nicht so schlecht" wurde behauptet, "er hat doch viel getan. Autobahnen gebaut, Arbeitslosigkeit beendet. Sauberkeit und Ordnung geschaffen. Deutschland wieder stark gemacht. Er ist doch von eigenen Offizieren verraten worden." Dies und weitere Absurditäten behaupteten in den Nachkriegsjahren viele, die es eigentlich hätten besser wissen müssen. Amerikaner gaben nach dem Zusammenbruch des "Dritten Reichs" aus dem Marshallplan viel Geld für den Wiederaufbau aus. Ein Großteil von alten Nazis blieb unbehelligt, sie zogen wieder in Verwaltung, Wirtschaft und Politik ein. Die Vereinigten Staaten von Amerika benutzten die neugegründete Bundesrepublik jetzt als Bollwerk gegen den Kommunismus. Der "Kalte Krieg" war geboren. Der verbrecherische Einfallsreichtum des Nazireichs stand nicht mehr zur Debatte - Wirtschaftswunder waren angesagt.



Der mörderische Judenhass der Nazis hat eine lange Vorgeschichte. Sie begann als Auseinandersetzung zwischen zwei Religionen und reicht viel weiter zurück, als bis zum Beginn jener Bewegung die 1780 - 1930 als Emanzipationszeitalter bezeichnet wurde. In den ersten dreihundert Jahren vor der Reichsgründung bis zum ersten Kreuzzug im Jahre 1096, war das Zusammenleben mit Juden im dem Reich der Salier und Staufer unbelastet.

Die Kriegshorden, die beim ersten Kreuzzug durch Deutschland zogen und mit Feuer, Schwert und Räuberbanden jüdische Gemeinden vernichteten, waren aus Frankreich gekommen. Die Geschichte einer nicht geschützten Minderheit ist immer die Geschichte einer Unterdrückung. Im Deutschland des hohen Mittelalters ist man dem Unerträglichen immer näher gekommen, in der Zeit von 13. bis zum 16. Jahrhundert wurde wiederholt sein volles Mass erschöpft.

"..., dass man ihre Synagogen mit Feuer anstecke, damit Gott sehe, dass wir Christen sind", predigte Martin Luther 1543 "von den Juden und ihren Lügen". Schon 1215 ordnete Papst Innozenz III. für Juden das tragen gelber Kennzeichnungsringe und spitz zulaufender Hüte an. Handwerkszünfte durften keine Juden aufnehmen.

1236 wurden Juden von Kaiser Friedrich II. in die Kammerknechtschaft genommen, sie mussten Sondersteuer zahlen und durften keine Waffen tragen. 1614 wurde die Frankfurter Judengasse geplündert und die Juden aus Frankfurt vertrieben. Zwei Jahre später kehrten sie nach Frankfurt zurück. Mittlerweile machten Juden wie Joseph Süss Oppenheimer an den Fürstenhöfen Karriere. Um 1750 wird unter Moses Mendelsohn Berlin geistiges und kulturelles Zentrum der deutschen Juden.

Bald vor Mendelsohns Freundschaftsbund mit Lessing, doch nach dessen ersten Eintreten für die Juden mit seinem Lustspiel "Die Juden", erließ Preußen ein "revidiertes General-Privilegium und Reglement", das in seinen Hauptaussagen gut fünfzig Jahre lang galt und fast alle Zünfte für Juden verbot, außer dem Petschierstechen, Malen, optische Gläser-, Diamanten- und Steinschleifen, Gold- und Silbersticken, weiße Ware ausnähen und Krätzwäschen.

Es war den Juden streng verboten "sich anmaßen, besonders auch kein Bier brauen und Branntwein brennen sollen..." Aber sonst waren diese neuen Privilegien eine gewisse Sicherheit die erstmals für Juden in Preußen garantiert wurde. Die sogenannten Privilegien waren jedoch viel weniger Rechte oder gar Vorrechte, als Opfer und Bußen.



Doch 1828 mit dem Emanzipationsedikt des Königreichs Württemberg, vorher schon im Rheinland und Westfalen sowie in Preußen, wurde es Juden erlaubt, handwerkliche und akademische Berufe zu erlernen sowie Haus- und Grundbesitz zu erwerben. Staatsämter blieben Ihnen jedoch verschlossen. Noch hatten die Talheimer Juden antijüdische Krawalle im bischöflichen Würzburg vor Jahren im Gedächtnis und die von Hassgeist erfüllten Parolen wie: "Brüder in Christo! Auf, auf sammelt euch, rüstet euch mit Muth und Kraft gegen deine Feinde unseres Glaubens, es ist Zeit, das Geschlecht des Christusmörder zu unterdrücken, damit sie nicht Herrscher über euch und unsere Nachkommen, denn stolz erhebt schon die Juden-Rotte ihre Häupter... nieder mit ihnen, ehe sie unsere Priester kreuzigen, unsere Heiligtümer schänden und unsere Tempel zerstören, noch haben wir die Macht über ihnen..., darum lasst uns jetzt ihr sich selbst gefälltes Urteil an ihnen vollstrecken...

Auf, wer getauft ist, es gilt der heiligen Sache... Diese Juden, die hier unter uns leben, die sich wie zehrende Heuschrecken unter uns verbreiten... nun auf zur Rache! Unser Kampfgeschrei sey Hep! Hep!! Hep!!!



Aller Juden Tod und verderben, ihr müsst fliehen oder sterben!" Unter solchen Parolen kam es zu Unruhen mit Einbrüchen, Plünderungen, Misshandlungen und Selbstmorden. Es ist kein Wunder, dass in der aufkeimenden Emanzipationsfrage damals nicht Fortschritte, sondern nur Rückschritte erzielt wurden.

1836 jedoch begann die Talheimer jüdische Gemeinde auf zublühen. Und das schon zwölf Jahre vor der allgemeinen Gleichberechtigung der Juden in Preußen und im Norddeutschen Bund und 1871 im ganzen Deutschen Reich. Ein Deutsch-israelitischer Gemeindebund wurde gegründet. Jüdische Gemeindemitglieder in Talheim lebten mit Katholiken und Evangelischen in gutem Einklang zusammen. Lediglich die große Auswanderungswelle nach Amerika, die ganz Deutschland erfasst hatte, reduzierte die Talheimer Gemeindemitglieder. Juden und Württemberger, gleichsam zog es sie ins "gelobte Amerika, dem Land der später unbegrenzten Möglichkeiten"!

Der Trend in dieser Zeit hieß: Auswandern, um der Armut der alten Welt zu entfliehen. Gewiss gab es immer Judengegner in der Welt, aber ihr Gewicht belastete die führende öffentliche Meinung damals in Deutschland nicht.

Es gehört zur Tragik der Judenemanzipation, dass sie bald nach ihren zwei wichtigsten Siegen in den Jahren 1812 und 1869 von ihrer Gegnerschaft in Frage gestellt wurde, die nach wechselvollen Kämpfen im ersten Fall nach über fünfzig Jahren fast zum Verstummen gelangte im zweiten Fall siebzig Jahre über die Aufhebung der Emanzipation hinaus zur versuchten Vernichtung der Juden führte.



Heute leben keine Juden mehr in Talheim. Niemand ist zurückgekommen. Die baufällige Synagoge abgerissen, das Schulhaus verkauft, lediglich der jüdische Friedhof zeugt stumm mahnend vom jüdischen Leben in der Region. Eine Reihe hervorragender Juden aus ganz Deutschland waren zuvor schon an der Vorbereitung und am Aufbau des Kaiserreichs bedeutsam beteiligt. Rießer gehörte zu den ersten Mitgliedern des "Deutschen Nationalvereins". Eduard Lasker schuf maßgeblich mit an der Reichsverfassung und der Reichsgesetzgebung. Ludwig Bamberger war Mitbegründer der Reichsbank und der Goldwährung. Lasker und Bamberger unterstützten Bismarck im Reichstag des Norddeutschen Bundes. Der Jude Labrand wurde zum Schöpfer des "Deutschen Staatsrechtes".



Levin Goldschmidt schuf das deutsche Handelsrecht. Er wurde zum Rat des Bundeshandelsobergerichts und zum ersten "ungetauften" ordentlichen Professor ernannt. Damals sensationell. Goldschmidt war der Rechtsberater Kaiser Wilhelm I. Die Galerie berühmter deutscher Juden ist fast unerschöpflich: Franz Kafka, Egon Erwin Kisch, Ralph Giordano, Karl Popper, Albert Einstein, Ernst Lubitsch, Rosa Luxemburg, Fritz Kortner, Heinrich Hertz, Stefan Heym, Peter Zadek, Karl Kraus, Alfred Döblin, Else Lasker-Schüler, Felix Mendelsohn-Bartholdy, Kurt Tucholsky, Arthur Schnitzler, Ida Ehre, Lili Palmer, Lion Feuchtwanger, Heinrich Heine, Otto Klemperer, Ferdinand Lassalle, Max Liebermann, Elisabeth Bergner, Walter Rathenau, Max Reinhardt, Michael Degen, Jurek Becker, Kurt Weil, Lotti Huber, Peter Lorre und viele andere.



Unter Kaiser Wilhelm II. flackerte 1916 der Antisemitismus in Deutschland wieder auf. Während des Ersten Weltkriegs zählte das Kriegsministerium jüdische Freiwillige. Das Ergebnis - weniger jüdische "Drückeberger" als nichtjüdische - wird geflissentlich geheim gehalten.

Die Gemeinde Talheim war einigermaßen durch die Wirren des Ersten Weltkriegs gekommen. Unter den gefallenen jüdischen Soldaten aus Talheim war auch Moritz Hirschfeld und weitere andere 22 Talheimer Bürger mussten ihr Leben für "Kaiser und Vaterland" opfern. Bei der Gefallenengedenkfeier am Talheimer Kriegerdenkmal sprach Lehrer Straus. Er war der beste Redner am Ort. Seine Ansprache war national betont, ganz im Sinne der israelischen Religionsgemeinschaft, die 1918 ihre Glaubensgenossen zur Treue zum deutschen Vaterland aufgefordert hatte.

Es folgen wieder antisemitische Unruhen in den Nachkriegs-Inflationswirren des 1. Weltkrieges. In Talheim blieb es ruhig. Das änderte sich auch nicht durch die Gründung der Weimarer Republik, als aus Untertanen des Kaisers Staatsbürger wurden. Die Juden in Talheim waren voll integriert im Orts- und Vereinsleben. Politisch standen sie entweder der SPD oder der Liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) nahe.

Wie schon vor dem Krieg, war das Verhältnis zwischen Juden und der übrigen Talheimer Bevölkerung, auch in der sogenannten Weimarer Zeit sehr gut. Man war miteinander groß geworden und die gemeinsamen Nöte und Leiden während des Ersten Weltkrieg hatten zusammengeschweißt. Mancher Talheimer hatte zu einem Juden ein besseres Verhältnis als zu seinen christlichen Nachbarn. Auch der katholische Pfarrer traf sich regelmäßig zum Skat mit einigen Juden im "Adler". Louis Manasse der im Ersten Weltkrieg ausgezeichnet wurde und sehr gut schießen konnte, war lange Zeit geachtetes Mitglied im Schützenverein von Talheim. Für die Neckarzeitung aus Heilbronn, eine der Demokratischen Partei nahestehende Publikation, bei der damals auch Theodor Heus als Redakteur mitarbeitete, berichtete aus Talheim die Jüdin Fanny Jordan, eine geborene Manasse.