Aufstieg, Gleichschaltung - Schutzhaft
Bis 1933 drehte sich in Talheim eigentlich alles um Silvaner, Trollinger oder Gutedel, Ackerbau, Obstbau und Viehzucht, Tabak, Hopfen und die besonders nahrhafte "Wurstkartoffel".



Antisemitismus gab es östlich des Neckar nicht öffentlich. Doch das sollte sich schneller ändern als man dachte. Das Unglück braute sich im fernen Staat Braunschweig zusammen. Hier ernennt Dietrich Klagges als Minister für Inneres und Volksbildung am 25. Februar 1932 Adolf Hitler zum Regierungsrat für wirtschaftliche Fragen des Landes bei der braunschweigischen Gesandschaft in Berlin. Damit war die Einbürgerungsvoraussetzung des österreichischen Staatsbürgers Hitler gelungen. Jetzt konnte Adolf Hitler für die höchsten Ämter im Deutschen Reich kandidieren.

Am 30. Januar 1933 ernennt Reichspräsident Paul von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. Im Februar löst ein Erdbeben im Raum Karlsruhe und Rastatt eine Panik aus. Es kommt zu schweren Sachschäden, überall in Deutschland redete man darüber. In Talheim aber geht alles seinen gewohnten Gang. Man hörte zwar was "draußen" passierte, blieb aber in erster Linie ortsverbunden, ohne sich groß um Weltgeschichte und Katastrophen zu kümmern. In Berlin wird eine Verordnung des Reichspräsidenten "zum Schutz von Volk und Staat" erlassen. Das bedeutet für ganz Deutschland: Aufhebung zahlreicher demokratischer Grundrechte der Weimarer Verfassung wie Freiheit der Person, Meinungs-, Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit, Post- sowie Fernmeldegeheimnis, Unverletzlichkeit von Eigentum und Wohnung: Damit war auch der willkürlichen "Schutzhaft" Tür und Tor geöffnet.

Am 1. April folgt ein erster reichsweiter Überfall auf jüdische Geschäfte und Einrichtungen: "SA" und "SS" behindern Kunden und Besucher jüdischer Geschäfte und Einrichtungen unter der Parole: "Deutsche wehrt euch! Kauft nicht bei Juden". Es geht Schlag auf Schlag - 30. Mai: Gleichschaltung aller Landesregierungen mit der Reichsregierung. 22. Juni, Verbot der SPD und Verhaftungswelle unter ihren Funktionären, danach Selbstauflösung der bürgerlichen Parteien. 14. Juli: Gesetzliches Verbot der Neubildung von Parteien. Die NSDAP ist damit die einzige "legale" Partei in Deutschland.



Im öffentlichen Dienst wird der Deutsche Gruß (der sogenannte "Hitlergruß", den der selbsternannte Führer bei den römischen Caesaren so eindrucksvoll fand, dass er ihn einfach kopierte) eingeführt. 31. Juli: 26789 Personen befinden sich im Reich bereits in "Schutzhaft". Im Talheimer Gemeinderat und im Bürgermeisteramt ziehen Nationalsozialisten ein. Die neugeschaffenen "Autoritäten" wie Ortsgruppenführer und Ortsbauernführer begannen massiv die "NS-Ideologie" zu verkünden. Die zusammengewachsene Gemeinschaft mit der jüdischen Bevölkerung liess sich jedoch nicht so leicht zerschlagen. Die Parteileitung in Talheim zog daher alle Register und startete eine ausgeklügelte Hetzkampagne.

"Die letzte Kuh von Juden", "Talheim wieder eine saubere Weinbaugemeinde", waren nur einige ihrer schmutzigen Parolen. Auch Julius Streichers "Stürmerkästen", ein sogenannter Volkspranger, wurde vor der Wirtschaft "Zum Ratskeller" montiert. Diese Wandzeitung war eine der übelsten Polemikträger im "Dritten Reich". Streicher, ein Duzfreund Hitlers, ließ sein Kampfblatt "Der Stürmer" - noch aus Zeiten der Weimarer Republik aber hier nur mit einer wöchentlichen Auflage von 15.000 Exemplaren verbreitet - plötzlich wohlfinanziert mit NSDAP-Geldern zum Millionenblatt aufsteigen. Er hatte zuvor schon 25 Jahre unermüdlich gegen jüdische Bürger gehetzt. Mit der Machtübernahme der Nazis wuchs seine Postille explosionsartig zur größten Propagandaschleuder des Reiches.

"FIPS", Philliph Ruprecht, zeichnete obszöne, pornografisch angehauchte Monster als Juden und verbreitete regelrechte Greuelmärchen über jüdische Mitbürger bei Jung und Alt, Woche für Woche. In einer Sonderrubrik wurde jeder Bürger, der noch bei Juden einkaufte, öffentlich erwähnt.

In Talheim konnte man zum Beispiel im "Stürmer-Kasten" lesen: "...dass der SA-Mann... seine Stiefel bei der jüdischen Schuh-Frida gekauft, oder dass ein anderer bei der Hausschlachtung sich einen Juden als Metzger geleistet habe. Auch der Metzgermeister und Wirt "Zum Lamm" wurde verunglimpft, als er Schlachtvieh von Juden kaufte. Zudem musste er sein Ehrenamt als Gemeinderat niederlegen. Auch der stellvertretende Bürgermeister wurde durch Gerüchte angeschwärzt, danach solle er...zuerst seine Schulden bei der Schuh-Frieda bezahlen. Mann zitierte in diesem Zusammenhang Frida Manasse auf das Rathaus. Sie konnte aber glaubhaft versichern, dass sie in den letzten Jahren mit dem Beschuldigten oder seiner Familie keine Geschäftsbeziehungen gehabt habe.



Der "Stürmer" war die perfideste Plattform für Denunziationen im "Dritten Reich". Ein Kinderbuch Streichers wurde 100.000 mal verkauft. Tenor:

"Nun wird es in der Schule schön, alle Juden müssen gehen - fort mit der Judenbrut!" Streicher selbst, ein ehemaliger Volksschullehrer, wegen Sittlichkeitsdelikten suspendiert, gab auch für Schulkinder eine Fibel heraus. In ihr hieß es: "Noch andere Streiche hat der Jud vollführt mit seinem Satansblut, dabei hat er aus Niedertracht die Deutschen allesamt verlacht. Doch dieses sollt ihm bald vergehen! Ein Kämpfer durfte uns erstehn, im deutschen Gau der Franken. Ihm müssen wir es danken, daß kerngesund bleibt unser Land, und frei vom jüdischen Bestand! Er hat die Juden all gelehrt, was ein gesundes Volk ist wert, und ließ sie spüren deutschen Geist, was Jude und was Deutscher heißt!"

Zur Fastnachtszeit 1936 schickte man Hitlerjungen mit einer Kuh aus Lauffen nach Talheim, mit umgehängtem Schild: "Die letzte Kuh von Juden". Vor jedem Haus in dem Juden wohnten wurde halt gemacht und unter Gegröle die Bewohner verspottet. Auch die "Schwäbische Tageszeitung" hetzte gegen die jüdische Gemeinde in Talheim und druckte für die Hitlerjungen einen neuen Spottvers zum nach singen:
"Es kommt e Jud von Tale her,
von Tale kommt e Jud,
der hat e große Beutelschar
ond au e freche Schud".
Schluß des Artikels hieß es dann: "...hoffentlich ist die Zeit nicht mehr fern, wo das Judenschloss das einzige Andenken an die üblen Eigenschaften dieser fremden Rasse ist". Auch die Jüngsten wurden mit diesen Texten zum Rassenhass erzogen und aufgestachelt.

Zum Ende des Krieges hat sich Julius Streicher, der in seiner "Blüte-Zeit" auch als Gauleiter von Franken fungierte, in den Alpen als Kunstmaler getarnt versteckt. In Nürnberg vor dem internationalen Kriegsverbrecher Tribunal wurde er zum Tod durch den Strang verurteilt. "Ich gehe jetzt zu Gott" flüsterte er leise, die GI's vom US-Exekutionskommando hatten jedoch vorher darauf gewettet, dass er sicher noch "Heil Hitler" rufen würde.