"Knüppel aus dem Sack" - SA marschiert
Im November 1938 erschießt Herszel Greyspan den deutschen Botschaftsrat Ernst Eckard von Rath in Paris. Als Hitler am 9. November von dem Attentat erfährt, hält er sich anlässlich des Jahrestages des Putsches von 1923 in München auf. Er berät sich mit Goebbels, der eine typisch "flammende Rede" hält und ankündigt, dass das deutsche Volk den Mord rächen wird.
Die Partei, SA und SS erhalten den Befehl, dem Volkszorn über dieses "jüdische Verbrechen spontan Ausdruck zu verleihen". Die mündlichen Anweisungen des Reichspropagandaleiters sind von sämtlichen Parteiführern so verstanden worden, dass die Partei nach außen nicht als Urheber in Erscheinung treten, sie aber in Wirklichkeit alles organisieren und durchführen sollte.
In der Nacht vom 9. zum 10. November versammelte NSDAP-Kreisleiter Richard Drautz seine SA-Männer aus der ganzen Umgebung in der Heilbronner Gastwirtschaft "Harmonie". Von hier aus gab Drautz den Befehl zur Jagd auf jüdische Bürger und zur Zerstörung ihrer Geschäfte und Wohnungen, ganz im "goebbelschen Sinne". Unglaubliche Ausschreitungen folgten in dieser Nacht in ganz Deutschland. Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte wurden zertrümmert, verängstigte Bewohner jüdischer Häuser zusammengetrieben und misshandelt.
In dieser Nacht werden in Deutschland mindesten 190 Juden ermordet, fast alle Synagogen in Brand gesteckt, Einrichtungen und Hausrat kurz und klein geschlagen. Gestapo-Chef Heydrich befiehlt die Festnahme 30.000 reicher Juden und liefert sie in Konzentrationslager ein, wo sie auf ihre Ausweisung aus Deutschland warten sollten.
In der Nacht vom Donnerstag 10. und Freitag 11. November kommt es dann auch in Talheim zur "Reichskristallnacht".
Die Bevölkerung aber verhielt sich trotz schärfster Hetze in Rundfunk und Presse in Talheim ruhig, wie sie überhaupt bisher gegen die Judenverfolgung passiven Widerstand geleistet hatte und die örtliche Parteiführung wagte es daher nicht die Talheimer frank und frei, wie überall üblich zum Progrom aufzufordern.
Wegen des enormen Sachschadens und der im ganzen Reich zu Bruch gegangenen Fensterscheiben erhält das Novemberprogrom von 1938 den Namen "Reichskristallnacht", eine Bezeichnung die nichts von dem Leid ausdrückt, das über die Menschen hereingebrochen ist.

Die Sontheimer SA rückte mit drei Lastkraftwagen in Talheim ein. Man verteilte sich in Gruppen zu je 8 Mann und zog zur Burg und durch den Ort. Dabei terrorisierten die SA-Leute die jüdische Bevölkerung mit Knüppelschlägen. Da die Talheimer Juden im ganzen Ort in verschiedenen Häusern wohnten, müssen einige "linientreue" Einwohner die SA geführt und die Judenhäuser verraten haben. Vorneweg marschierte der Ortspostbote und Parteigenosse Wilhelm Ruf, der für seinen Fanatismus bekannt und berühmt war. Die meisten männlichen Juden wurden schon am Vortag von der geheimen Staatspolizei verhaftet. Frauen und alte Leute wurden rücksichtslos zusammengeschlagen.
Die Synagoge an der Nordwand der Obern Burg blieb verschont. Sie stand zu dicht an den Wohngebäuden, so dass man sie nicht gefahrlos in Brand stecken konnte. So zerschlug die SA die gesamte Inneneinrichtung und verbrannte die jüdischen Kultgegenstände unter lautem Gejohle auf dem Adolf-Hitler-Platz.
Als der damalige evangelische Pfarrer durch den Krach und das Geschrei in der Bergstraße 4 aufmerksam wurde, trat er ans hellerleuchtete Fenster. Er wurde sofort angeschrien: "Licht aus! Fenster zu! Sonst wird scharf geschossen. Deutlich hörte man Isaak Manasse schreien: "Oh Gott, oh Gott! Die machen uns alle hie!" Auch bei Moritz Manasse in der Hauptstraße 64 hauste die SA barbarisch. Einem Nachbarn, der sein Fenster öffnete, drohte man auch hier sofort: "Vom Fenster weg oder ich mach von der Schußwaffe Gebrauch!" So traute sich in Talheim in dieser Nacht keiner mehr auf die Straße.
Die überfallenen und geschlagenen Talheimer Juden wurden gleichzeitig um ihr Hab und Gut beraubt. Kein Haus und keine Judenfamilie wurde verschont, und die Ortspolizei hatte den Befehl zuzuschauen und nicht einzugreifen. In der Bevölkerung findet das Vorgehen der SA, bis auf Ausnahmen, kein Verständnis: Jedermann ist klar, dass der Befehl dazu von ganz oben gekommen war.
Dorfbüttel Kögel bekam von Drautz persönlich den Auftrag, das Wasser in Judenhäusern zu vergiften. Kögel konnte mit dieser schweren Schuld nicht leben. Vom Gewissen geplagt brachte er sich im Steinbruch von Kreisleiter Drautz um.
Staatsterror und zugleich ausgeklügelter Raubzug. Innerhalb der "Aktion Parteigenosse" wurde dann jüdischer Besitz unter den treuesten Nazis aufgeteilt oder zu Spottpreisen angekauft. Jetzt kehrten auch die am 10. November verhafteten Talheimer Männer in die Gemeinde zurück, bis auf den Metzger Julius Manasse. Er kam erst ein halbes Jahr später frei, seelisch und körperlich zerschlagen.
Vor der "Reichskristallnacht" hatten schon 23 Talheimer Juden ihre Heimat verlassen, ihnen folgten noch weitere 15 Gemeindemitglieder. Die "Reichskristallnacht" ließ die jüdische Auswanderung zur panikartigen Massenflucht aus allen Teilen Deutschlands werden. KZ-Haft wurde als Druckmittel eingesetzt, um möglichst viele Juden außer Landes zu treiben.
Die Nazis konnten sicher sein, dass Juden jetzt so weit zur Auswanderung "motiviert" waren, dass sie auch ihr Vermögen zurücklassen würden, nur um das nackte Leben zu retten.
Als das Deutsche Reich seinen Herrschaftskreis gewaltsam ausweitete, wurden viele Emigranten von einem Schicksal eingeholt, dem sie entkommen zu sein glaubten.
Auch der Talheimer Milian Manasse, damals 15 Jahre alt, war nach Frankreich geflüchtet. Von dort aus wurde er 1942 nach Auschwitz deportiert und zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet.

Einige Juden entkamen ihren Verfolgern in den von Deutschen nach und nach besetzten Ländern ein zweites Mal, meist auf abenteuerlichen Wegen und durch engagierte Helfer.
Viele Emigranten saßen im unbesetzten Teil Frankreichs, vor dem amerikanischen Konsulat in Marseille um ein Visum bittend.
Sprichwörtlich ins Niemandsland geraten die jüdischen Flüchtlinge zu vielen Tausenden dann auf hoher See. Aus allen Häfen gejagt, außerstande ihre verzweifelte menschliche Fracht wo immer in der Welt an Land zu setzen, kreuzten die "Geisterschiffe" auf den Meeren. Lebensmittel und Trinkwasser werden knapp, die Emigranten werden krank, die Selbstmorde mehren sich.
Viele Länder waren für Juden gesperrt. Wenn überhaupt durften Junge, Gesunde und Ausgebildete einwandern. Viele Staaten verlangten außerdem ein sogenanntes Vorzeigegeld, aber seit 1939 durften jüdische Emigranten aus Nazi-Deutschland nur 20 kg Gepäck und 10 Reichsmark mitnehmen.
Man durfte nichts mitnehmen, aber man sollte genug mitbringen - paradox und bewußt unmenschlich eingefädelt.
Die noch nicht deportierten männlichen Talheimer Juden wurden immer stärker schikaniert. Sie wurden von der Geheimen Staatspolizei zum Straßenbau gezwungen, schufteten an der Straße von Flein auf den Haigern. Durchhalten, hieß denken: Wenn ich hier herauskomme, obwohl alle wussten, dass man nur die Chance eins zu hundert hatte. Nach dem Zusammenbruch des "Dritten Reichs" hieß die Straße im Volksmund immer noch "Judenstraße". Auch die Burg wird heute noch als Judenburg benannt.