Invasion, Kapitulation - Schwarzmarkt


Am 3. April 1945 stand die US-Armee noch 20 km vom Neckar entfernt. Das 3. Bataillon des 398. US-Infantrie-Regiments sollte unter dem Befehl der 10. US-Panzerdivision einen Brückenkopf am Ostufer des Neckars bilden, dadurch den Bau einer Brücke ermöglichen und den nachfolgenden Übergang decken.

Am nächsten Morgen setzten die Amerikaner mit 14 Sturmbooten über den Neckar, ohne einen einzigen Schuss abzugeben zu müssen. Das eigentliche Ziel Heilbronn war für die Amerikaner vorerst nur eine Art "Nebenkriegsschauplatz". Eine Entscheidung in Süddeutschland musste nicht schnell erzwungen werden.

Hauptfrage für die Alliierten war, ob ein weiterer Vorstoß nach Berlin notwendig sei und wo man sich mit den russischen Streitkräften treffen wollte. Erst nach dem Stillstand der Amerikaner an der Elbe begann verstärkt die Südoffensive. Nach Beendigung der Kämpfe um Heilbronn stießen die Amerikaner über Flein, Haigern, Talheim weiter nach Schozach vor, wo die US-Truppen wegen starken Widerstands in Schozach an den Waldrändern des Jungholz gestoppt wurden.

Durch Talheim zogen gleichzeitig deutsche Truppen, sie waren auf dem Rückzug von der Front. Selbst ein General nahm in Talheim kurz Quartier. Die Mannschaften nächtigten im Heu der Scheunen. Man kochte für die Soldaten in der Waschküche Kartoffeln.

Oberhalb der Schozach und auf Hundsberg und Haigern geht die Wehrmacht mit Infantriegeschützen in Stellung. Plötzlich liegt Talheim im Kreuzfeuer. Auch Häuser werden getroffen und das Schloss wird beschädigt. Unter der Bevölkerung werden viele verletzt.



Von den "Kinder-Soldaten", das von Kreisleiter Drauz zusammengestellte unnötige "letzte Aufgebot", fordert der Krieg in diesen Tagen noch viele unnötige Opfer. Wehrmachtstruppen und Reichsarbeitsdienst rücken in Talheim ein und meist nachts wieder ab.

Der Talheimer Weinkeller ist seit vielen Tagen Nachtquartier für über 50 Menschen aus Dorf und Schloss. Dass der Krieg auch im Ort direkt einzog, merkte die Bevölkerung lautstark an der Sprengung aller Brücken. Selbst die Fußgängerbrücke zum Kriegerdenkmal wurde gesprengt. Warum bleibt ungeklärt. Strategisch hatte sie keine Bedeutung.

Dann setzte Artilleriebeschuss ein. Die ersten Einschläge lagen sinnigerweise in der Nähe des Adolf-Hitler-Platzes, dem heutigen Rathausplatz. In der kurzen Gasse wurde das Anwesen von Heinrich Henn in Brand geschossen. Es gab Verletzte und später beim "täglichen Sperrfeuer" auch Tote.



Im Steinbruch sprengte die Wehrmacht Munition, die man vorher vom Bahnhof abtransportiert hatte. Alle Fenster im Dorf wurden geöffnet, damit bei dieser Aktion nicht allzuviel zu Bruch ging.

Am 14. April 1945 um 5 Uhr morgens kamen die Amerikaner mit Panzern ins Dorf. Haus für Haus wurde durchsucht, versprengte Soldaten gefangengenommen.

Auf dem Weg von Flein nach Ilsfeld, im Durstwald, wurden die Amerikaner einen Tag lang hingehalten. Auf der kurvenreichen Gefällstrecke der Straße, bei der Abzweigung zum Talheimer Hof, verhinderte eine Panzersperre jedes weitere Vorrücken der Amerikaner. Die deutschen Soldaten - nach amerikanischen Angaben soll sich auch eine Marineeinheit an diesen Kämpfen beteiligt haben - verteidigen die Panzersperre von 7 Uhr morgens bis 17 Uhr abends. Erst als die festliegende 1. US-Kompanie des 339. Infantrie-Regiments Panzer und eine weitere Kompanie Soldaten zur Verstärkung erhalten hatte, konnte nach einem direkten Panzerbeschuss mit 50 Granaten der Widerstand der nur 4 deutschen Maschinengewehrstellungen und der etwa 60 Mann starken deutschen Kampftruppe gebrochen werden.

Am nächsten Tag fanden die Amerikaner in dem Waldstück Lerchenhain 50 deutsche Soldaten, die bei den Kämpfen im Ilsfelder Wald gefallen waren. Das Hofgut Haigern wurde wieder beschossen. Hier befand sich ein letzter Gefechtsstand deutscher Truppenteile. Das Wirtschaftsgebäude mit Scheuer brannte ab, das Kindererholungsheim wurde stark beschädigt.

Amerikanische Divisionsvorhut und Stäbe requirieren jetzt wechselweise das Schloss und Häuser in der Bahnhofstraße um zu übernachten. Immer wieder mussten Einquartierte und Anwohner ein- und ausziehen. Nach langem Hin und Her erhielten sie dann die Erlaubnis, wenigstens in den Wirtschaftsräumen (Knechtkammern, Kornboden oder Scheuern) hausen zu dürfen.

Wie von der Welt abgeschnitten lebte man jetzt in Talheim: Ausgangssperre - nur einzeln und mit Passierschein durfte man sich im Dorf bewegen. 91 Talheimer sind bei Kampfhandlungen im zweiten Weltkrieg im Dienst von Wehrmacht, Luftwaffe und Marine gefallen, 37 werden vermißt.



Das "Tausendjährige Reich" zerfiel unter den Alliierten in vier Zonen: die sowjetische im Osten, die britische im Nordwesten, die französische im Südwesten und die amerikanische im Süden. Die Regierungsgewalt übernahm der "alliierte Kontrollrat", der sich aus den Oberbefehlshabern der Besatzungsstreitkräfte zusammensetzte. Nord-Württemberg und der ganze Kreis Heilbronn gehörten zur amerikanischen Zone.

Ein neuer "Mythos" zog auf: Schwarzmarkt und Hamsterfahrten. In der sogenannten "Niemandszeit", als alte Löhne nicht mehr bezahlt und neue noch nicht ausgegeben waren, als der eigene Geldvorrat zu Ende und die Kreditinstitute zugesperrt waren, musste der "Schwarzmarkt" die zum Überleben notwendigen "Gewinne" liefern.

Aber auch hier gab es Auswüchse, die über den eigenen Bedarf zum Überleben weit hinaus gingen. Nordwürttembergs größter Schieberskandal der Nachkriegszeit wurde in Talheim und Stuttgart aufgedeckt. Es ging um 10 Tonnen Butter und fast 32 Tonnen Käse.

Im Rahmen einer Routinekontrolle auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof griff die Polizei einen Talheimer mit einigen Paketen Butter auf. Er wollte sich ein Klavier kaufen. In einem kurzen Verhör erwies sich der Aufgegriffene als äußert gesprächig. Sein eigener Schwager war der Drahtzieher. Hauptschuldige wurden nun rasch aufgedeckt: Wilhelm Wolfgang Dubke, Leiter der "Fachabteilung Milch, Fett, Eier" im Stuttgarter Ministerium. Dubke hatte seine Amtsbefugnisse grob missbraucht, als er gegen Bestechungsgelder von insgesamt 165.000 Reichsmark und Naturalien dem Käsegroßhändler Bezugsscheine in großen Mengen und ohne Abrechnung zur Verfügung stellte.

Als die Währungsreform den Schwarzmarkt zum Einsturz brachte, hatte sich der Dubke-Prozeß inzwischen zum größten Gerichtsverfahren der Nachkriegs-Wirtschaftskriminalität in Württemberg-Baden ausgeweitet. Gegen insgesamt 203 Beschuldigte ermittelte die Staatsanwaltschaft. Ein Mammutprozess, der nach der Zahl der Beschuldigten bemessen, sogar den Nürnberger Kriegsverbrecherprozess übertraf. Als die einheimischen Schwarzmarkthändler aus der Haft entlassen wurden, spielte der Musikverein einen Begrüßungsmarsch. Noch heute sagt man: „Talheim wurde aus Butter wiederaufgebaut“.



Eine weitere Talheimer "Berühmtheit" ist bei Eisenbahn-Fans bekannt geworden: Das "Bahnhöfle", ein Faller-Modellbausatz steht heute noch inmitten vieler Märklin-, Trix- oder Fleischmann Modell-Anlagen. Kaum jemand von den Modelleisenbahnern weiß, welche Geschichten sich während der Nazi-Diktatur im kleinen Weinbauort Talheim an der Schozach abgespielt haben.

Für unzählige Talheimer waren die Deportationen vom Talheimer "Bahnhöfle", dieser unschuldigen Freunde und Nachbarn, die dunkelsten Tage des ganzen Krieges. Die für viele unbegreiflichen Maßnahmen des Dritten Reiches schnitten tief ins Herz der Bewohner. Übrigens durfte man nur heimlich den Abtransport verfolgen, jeder Zuschauer wurde unter Drohungen der Straße verwiesen. Namen der aus Talheim deportierten jüdischen Mitbürger sind:

Name geboren am deportiert nach und dort angekommen: verstorben:
verschollen:
für tot erkl
.

Vor dem Kriege:

Julius Hirschfeld,
Wolfs Sohn
23.9.1938
KZ Buchenau
3.6.1897
7.12.1940

1. Transport, Ende November 1941

Lionel Hirschfeld,
Josuas Sohn
4.3.1880
Riga-Jungfernhof
1.12.1942
verschollen

Pauline Hirschfeld
17.12.1881
unbekannt
unbekannt

Frida Hirschfeld
23.10.1885 unbekannt
unbekannt

Max Hirschfeld
19.7.1894
Riga-Jungfernhof
1.12.1942
für tot erklärt

Ludwig Levi,
Bernhards Sohn
3.3.1882
Riga-Jungfernhof
1.12.1942
für tot erklärt

Rosa Levi geb. Hirschfeld
28.2.1892
Riga-Jungfernhof
1.12.1942
für tot erklärt

Hilda Löwental,
Emils Tochter
28.8.1896
Riga-Jungfernhof
1.12.1942
für tot erklärt

Lydia Löwenthal
24.2.1899
Riga-Jungfernhof
1.12.1942
für tot erklärt

Theo Löwenthal
24.5.1913
Riga-Jungfernhof
1.12.1942
für tot erklärt

Albert Manasse,
Max’ Sohn
16.3.1890
Riga-Jungfernhof
1.12.1942
für tot erklärt

Gitta Manasse,
geb Wollenberger
7.2.1895
Riga-Jungfernhof
1.12.1942
für tot erklärt

Ilse Manasse
10.10.1922
Riga-Jungfernhof
1.12.1942
für tot erklärt

Julius Manasse,
Abrahams Sohn
6.1.1879
Riga-Jungfernhof
1.12.1942
für tot erklärt

Rosa Manasse,
geb. Manasse
6.12.1889
Riga-Jungfernhof
1.12.1942
für tot erklärt

Irma Manasse
4.8.1914
Riga-Jungfernhof
1.12.1942
für tot erklärt

Johanna Manasse
9.10.1926
Riga-Jungfernhof
1.12.1942
für tot erklärt

2. Transport April 1942

Jette Hirschfeld,
geb. Manasse
2.5.1858
Stuttgart-Killesberg
24.8.1942 verstorben

Fanny Jordan,
geb. Manasse
16.4.1861
KZ Theresienstadt
22.8.1942
11.9.1942 verstorben

Rosa Löwenthal
23.8.1902
KZ Theresienstadt
und KZ Auschwitz
22.8.1942
29.1.1943
für tot erklärt

Louis Manasse,
Abrahams Sohn
16.8.1881
KZ Izbica (b. Lublin)
26.4.1942
für tot erklärt

Frieda Manasse,
geb. Manasse
2.4.1893
KZ Izbica (b. Lublin)
26.4.1942
für tot erklärt

Alfred Manasse
19.2.1923
KZ Izbica (b. Lublin)
26.4.1942
für tot erklärt

Isak Manasse,
Hirsch Isaks Sohn
12.9.1868
KZ Theresienstadt
und KZ Maly Trostinec
22.8.1942
29.9.1942
verschollen

Isak Manasse,
Seilgmanns Sohn
5.5.1879
KZ Theresienstadt
und KZ Auschwitz
22.8.1942
23.10.1944
für tot erklärt

Mina Manasse,
Tochter Abrahams
9.4.1875
KZ Theresienstadt
und KZ Maly Trostinec
22.8.1942
29.9.1942
verschollen

3. Transport. Dezember 1942
Frida Manasse,
geb. Manasse
16.9.1884
Ort und Zeit
unbekannt
für tot erklärt

Berta Manasse
30.10.1922
Ort und Zeit
unbekannt
für tot erklärt

Fried. Gust. T.
Julius Manasse,
Moses Sohn
4.3.1886
Ort unbekannt
1942
für tot erklärt

Hilda Manasse,
geb. Frank
3.8.1895
Ort und Zeit
unbekannt
für tot erklärt

Siegbert Manasse
10.10.1922 Ort und Zeit
unbekannt
für tot erklärt

Moses, Alfred Manasse 19.3.1940
Ort und Zeit
unbekannt
für tot erklärt



"Das Vergessenwollen verlängert das Exil. Und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung." So zitierte Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Ansprache zum 40. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkriegs am 8. Mai 1985 eine jüdische Weisheit.