Bauern, Bürger - Götterdämmerung


Mit Beginn des "Dritten Reiches" setzte für Talheim, die seit 1230 durch Stürme der Lehensherrschaft und Geschichte gestreifte Wein- und Obstbaugemeinde an der Schozach, eine der unheilvollsten Phasen ein. Niemand konnte ahnen was auf Talheim noch zukommen sollte. Im Mittelalter führte ein wohlstandsbringender Handelsweg von Heilbronn über Talheim nach Cannstatt und von dort weiter nach Tirol und Italien. Kaiser Friedrich II. (1215 - 1250) Enkel des Kaisers Barbarossa, dessen Weltreichsidee er sich verpflichtet wusste, erhob diese Wegstrecke zur Reichsstraße.

Unbekümmertes Leben in traditioneller Dorfordnung und Dorfgemeinde bestimmten in Talheim lange Zeit das Alltagsleben. Souverän an der Schozach, die Familie von Talheim, war nicht nur Namensgeber der Ortschaft, sie bestimmten auch lange Zeit das Geschehen um die obere Burg.

So ist bekannt, dass Gerhard von Talheim, Obervogt von Lauffen am Neckar (mit Beinamen "der Alte") württembergischer Abgeordneter bei einem Vergleich mit der Pfalz dabei war. Zuvor dienten Familienmitglieder derer von Talheim als Ritter, "Canonicus" und Domherren in Würzburg. Gerhard der Alte hatte vier Söhne: Johannes, Rafan, Joachim und Gerhard.

Johannes wurde Kaplan, Rafan württembergischer Rat und Erzieher des Herzogs Ulrich. Deren Söhne unter anderem Bernhard von Talheim war "Obervogt zu Beilstein und Bottwar und 1534 Heerführer Ulrichs bei der Schlacht von Lauffen". Auch Reinhard wurde Obervogt von Weinsberg. Reinhards Sohn Hans-Ulrich, der zweimal verheiratet war, starb 1605.

Mit seinem Tod ging die männliche Linie des am Ort ansässigen Zweigs der Herren von Talheim zu Ende. Die Familie von Talheim gehörte immer der Obrigkeit an - Talheim gehörte dann später zum Staatswesen des württembergischen Königs Friedrich. Sein Ziel war die Bildung eines straff geordneten Staates nach dem Vorbild von Preußen und Frankreich. Zuvor übernahm der Deutsche Orden, mit Hauptsitz in Palästina, und Heilbronner Patrizierfamilien die Ortsherrschaft.



Einer der Patrizier, Hans Ludwig Lyher, brachte dem Dorf jedoch nur Ärger und Nachteile. Ein rauher Geselle, er unterdrückte die Bewohner wo er nur konnte.

Nach Lyher kam über Talheim der 30-jährige Krieg, die Franzosen-Kriege, Reichsgründung und Monarchie, Revolution, der Krieg von 1870-1871 und der erste Weltkrieg. Ereignisse, die in jeder Zeitepoche auf ihre Art Not und Leid verbreiteten.

Talheim entwickelte sich ab 1778 zu einem der ersten württembergischen "Judendörfer".

Die jüdischen Familien kamen aus dem nahen Horkheim. Dort hatten sie dauernd Streit mit ihren sogenannten Schutzherren, dem Kriegsrat von Buhl. Als Buhl, Herr der kurpfälzischen Burg zu Horkheim wurde, hatte er sich anscheinend von den Juden Geld geborgt, denn 1749 gab es eine große Beleidigungsklage zwischen ihm und den Horkheimer Juden. Auch drohte er immer, die Juden fortzujagen, unterließ es jedoch wegen der Einnahmen, die ihm die Schutzgelder brachten. Herr von Buhl muss ein zänkischer Zeitgenosse gewesen sein. So zogen die jüdischen Familien in den württembergischen Teil der Talheimer Rittersburg um. Buhl war einerseits erfreut über den Abzug, da er die jüdischen Familien immer als "Hauptrebellen" bezeichnete. Andererseits beklagte er sich über die nach Talheim abgewanderten Familien. Er verlangte sofort Schadensersatz für angeblich ruinierte Wohnungen und entgangenes Schutzgeld. Die jüdischen Familien dachten nicht daran diese Forderungen zu begleichen. Sie beklagten sich ihrerseits beim Oberamtmann Volz in Lauffen über Buhl, dass er sie 30 Jahre lang erpreßt und ausgenutzt hätte. Sechs Jahre später verlangte die Witwe Buhls laut eines Lehnskammerberichtes von 11. Oktober 1778 immer noch 2150 fl "in der nämlichen Vorstellung der alten Beschwerde ihres verstorbenen Mannes, gegen die im Jahre 1778 angeblich heimlich aus der Burg entwichenen und zu Talheim auf einem württembergischen Burgschloss sich niedergelassenen 8 Judenfamilien".

Nach dem die jüdischen Familien vier Jahre in Talheim auf der Burg gewohnt hatten genehmigte die herzoglich württembergische Regierung ihnen 1792 ein Back- und Waschhaus zu bauen und gegen Zahlung von 20 Karolins ein Zimmer für ihren Gottesdienst einzurichten. Über dieses "Betzimmer" sollte es zu dauerhaften und langwierigen Streitigkeiten kommen. Die Obrigkeit sah darin immer wieder den heimlichen Versuch eine Synagoge zu bauen. Ruhe trat erst zwischen den Talheimer Herrschaftlichkeiten ein, als aufgrund der politischen Verhältnisse Talheim ins neue Königreich Württemberg überging. Der württembergische König war den Juden nicht ungünstig gesonnen und wollte sowohl eine Vereinheitlichung der Rechte wie auch eine Gleichstellung zu seinen christlichen Untertanen herstellen.

Auch die Talheimer Juden verspürten erstmals die Verbesserung ihrer Situation. Gesetze wurden erlassen und den Juden der Zutritt zu allen bürgerlichen Gewerben erlaubt und der Leibzoll aufgehoben. So haben sich auch die Juden jetzt in Talheim ihre eigene Existenz aufbauen können. 1816 kaufte Aron Salomon als erster Haus und Grundbesitz in Talheim, die Hälfte des sogenannten Emendörfer Hauses (ehemals Gasthaus "Zum Ratskeller"). Nachdem der Erwerb von Häusern und Grundbesitz für Juden erlaubt war, erwarben Talheimer Juden Häuser Weinberge und Äcker. 1822 kaufte Mechnel Hirsch ein Haus in der Grubengasse (Hauptstraße 10). Ebenfalls kaufte Wolf Manasse das sogenannte Braustatthäusle auf der Burg, Seit 1839 besaßen die Brüder Moses und Aron Königsbacher das Gebäude Nr. 5 in der Langen Gasse. Auf diese Weise siedelten die jungen Söhne ins Dorf und verließen die väterlichen Wohnungen auf der Burg.

Das alte Bet-, Wasch- und Backhaus von 1793 stand an der Nordwand der oberen Burg. Im Erdgeschoß befand sich das Frauenbad und der Schulsaal. Der dazugehörige Kamin ist heute noch erhalten. Man hatte ihn durch die meterdicken Burgmauern zu einer alten "Pechnase" hochgebrochen. Im Obergeschoß des Hauses war das Betzimmer. Das Bet-, Wasch- und Backhaus wurde baulich erweitert und 1836 als Synagoge umgebaut. Im Obergeschoß wurde eine Empore errichtet. An der Ostseite der neuen Synagoge war ein Thoraschrein in die Wand gefügt. Nach der Vollendung der Synagoge wurde Isaak Sänger von Rabbiner Grünewald aus Lehrensteinsfeld in sein Amt eingeführt. Die Talheimer Juden lebten vom Pferde- und Viehhandel. Dabei zogen die einen das Schozachtal aufwärts, die anderen mehr ins Zabergäu. Die Talheimer Juden waren im ganzen Heilbronner Unterland als Viehhändler bekannt.

Jüdische Kinder wurden in der Wohnung oder im Bet-, Wasch und Backhaus des Vorsängers und Lehrers Salomon Aron unterrichtet. Der evangelische Lehrer Gottfried Burkhard gab Privatstunden in Französisch, Rechnen und Schreiben. 1827 mussten dann die jüdischen Kinder in die evangelische Volksschule gehen.

Umgekehrt wurden sie jetzt wieder per Privatunterricht in hebräisch und mosaische Religion bei Salomon Aron unterrichtet. An Martini 1836 errichtete die jüdische Gemeinde dann auch in Talheim eine eigene israelitische Volksschule. Es handelte sich hierbei um eine sogenannte freiwillige Konfessionsschule.



Sie konnte gemäß königlich-württembergischer Gesetzeslage auf Kosten der (religiösen) Gemeinde eingerichtet werden, wenn an einem Ort 30 bis 60 Familien einer "Konfession" wohnten und diese zur Übernahme der Kosten bereit waren. Für den württembergischen Staat war das eine "gefällige" Lösung, denn die Schulkosten mussten von den Initiatoren selbst getragen werden. Die Schulaufsicht über die jüdische Schule führte in Talheim der evangelische Pfarrer.

Auch ein staatlich geprüfter, jüdischer Lehrer zog nach Talheim: Isaak Sänger, 1815 in Oberndorf geboren, wurde seit dem 24. Januar 1836 provisorisch als Lehrer angestellt. Er entstammte einer alten jüdischen Familie aus dem neuwürttembergischen Raum. Seine Vorfahren waren während der Inquisition aus Toledo, Spanien, vertrieben worden. Sein Unterricht umfasste wöchentlich 26 Stunden. Die "Schuldienstprüfung" legte er 1840 ab; der "Visitator" bescheinigte ihm mittelmäßige Kenntnisse. Er wurde aber als sehr fortbildungswillig bezeichnet: "seine Lehrmethode ist einfach und angemessen, seine Schulzucht möglichst gelind und sucht mehr durch moralischen Antrieb als durch Strafen zu wirken." In der "jüdischen Konfessionsschule" unterrichtete Isaak Sänger zwölf Jungen und sieben Mädchen. Er hielt sich dabei "an Denzels gängige Einleitung in die Erziehungs- und Unterrichtslehre". Der israelitischen Talheimer Schule wird ein pädagogisch gutes Zeugnis ausgestellt.

Im Vergleich zur evangelischen Schule erhielt die israelitische hervorragende Beurteilungen. Das Engagement des Lehrers und die geringe Schülerzahl wirkten sich sehr förderlich aus. Allerdings tauchten hebräische Sprache und mosaische Religion in den Bewertungen nicht auf; sie dürften lediglich bei der Benotung des Memorierens von Liedern und Sprüchen eine Rolle gespielt haben. 1853 wurde das provisorische Lehramt zu einer ständigen Schulmeisterstelle angehoben. Dadurch besserten sich die finanziellen Verhältnisse.

Es war eine Besonderheit in Württemberg, dass jüdische Lehrer in ihren Gemeinden das Amt des Vorsängers in der Synagoge mit übernahmen.

Da viele kleine Gemeinden sich keinen Rabbiner leisten konnten, bzw. der württembergische Staat keine anstellte, wurden Lehrer oftmals zur geistigen und gleichzeitig religiösen Instanz. Sie erlangten so mehr Anerkennung als die christlichen Lehrer in ihren Gemeinden, die Pfarrern deutlich nachgeordnet waren. Die israelitische Gemeinde kaufte 1857 in der Langen Gasse ein eigenes Gebäude, das als Schulhaus mit Lehrerwohnung eingerichtet wurde. Der Vater von Eberhard Pöhnl kaufte 1949 das jüdische Schulhaus. (Foto: l. Eberhard Pöhnl, Ehefrau, r., mit dem Kaufvertrag).



Der Gemeinde waren durch Ankauf, Umbau und Ausstattung Kosten in Höhe von 1900 fl. entstanden. Der König bewilligte 1857 nur einen Zuschuß von 500 fl., obwohl das "Consistorium" zu einem Staatsbeitrag von 1000 fl. geraten hatte.

Für den Rest musste die Gemeinde selbst aufkommen. Die nicht besonders vermögende israelitische Gemeinde in Talheim scheute die hohen Kosten nicht. Juden wollten auf jeden Fall ihren Beitrag zur Emanzipation erbringen, denn das Lernen ist im Judentum traditionell von großer Bedeutung.

Innenpolitisch änderte sich in diesen Jahren einiges: Nach dem Tod Wilhelm I. übernahm 1864 sein Sohn Karl die Regentschaft in Württemberg. Presse- und Vereinsfreiheit wurde gewährt. Juden erhielten die volle bürgerliche Gleichberechtigung. 1865 lebten in Talheim 1.452 Einwohner, 667 Katholiken, 663 Evangelische und 122 Juden. Als das Schulhaus seiner Bestimmung übergeben wurde, war Isaak Sänger, der beliebteste Lehrer und Vorsänger, nicht mehr in Talheim. Er nahm 1857 eine andere Stelle mit größerer Verantwortung an.

In der Zeit nach Sänger veränderte sich die "Judenschule". Die Schülerzahlen stagnierten, weil einige Juden auswanderten oder in die Stadt zogen. Das führte zu häufigem Lehrerwechsel; es waren oft nur noch Amtsverweser tätig. 1861 gingen 31 Kinder in die israelitische Volksschule in Talheim, 16 Jungen und 15 Mädchen.

Im Frühjahr 1885 wurde der Schule ein sehr schlechtes Zeugnis ausgestellt. Das wollte man wieder ändern, 1864 wurde dafür einer der bedeutendsten württembergischen Pädagogen und jüdischer Lehrer an der israelitischen Volksschule in Talheim tätig: Theodor Rothschild aus Buttenhausen.

Rothschild erlangte später überregionale Bedeutung als Leiter des jüdischen Waisenhauses in Esslingen und als Mitglied des Israelitischen Oberrates in Württemberg, in den er 1936 berufen wurde. Wegen seiner pädagogischen Arbeit und seiner schriftstellerischen Tätigkeit zählte er zu den besonderen schwäbischen Persönlichkeiten des deutschen Judentums.



Der letzte Lehrer der freiwilligen Konfessionsschule war Milton Sahm, der 1914 sein Amt antrat. Im selben Jahr wurde die israelitische Schule aufgelöst; die Kinder mussten dann in die evangelische Volksschule am Ort gehen. Nach Milton Sahm übernahm Isaak Straus im Ort die Position des Religionslehrers und Vorsängers, bis zu seiner Auswanderung 1939.

Die jüdischen Kinder, die bis 1936 noch in die evangelische Volksschule gegangen waren, durften die neue "Deutsche Volksschule" nun nicht mehr besuchen, die Nazis hatten es verboten. Im Bericht an die Ministerialabteilung für Volksschulen ist noch von drei jüdischen Talheimer Kindern die Rede. Es handelte sich dabei um die Kinder der ersten vier Schuljahre. Die älteren Schüler gingen schon längst nach Heilbronn in weiterführende Schulen, beziehungsweise in die dort neu errichtete jüdische Privatschule, die der Ausgrenzung der Juden diente. Die "neue" Volksschule wurde auf Kurs gebracht und bot jetzt keinerlei Anlass mehr, an der nationalsozialistischen Erziehung in Talheim zu zweifeln: "Lehrer und Schüler erweisen einander den deutschen Gruß (Hitlergruß)".



In diese Zeit vor 1936 fiel auch die Beziehungsgeschichte zwischen Albert Faber, evangelischer Lehrer, und Selma Manasse aus der Gartenstraße. Schüler des verliebten Lehrers und das ganze Dorf wußten davon. Kaum jemand nahm an der Verbindung Anstoß. Aber einen Denunzianten gab es doch, die Nazis erfuhren von dieser Liebesbeziehung, denn die Nürnberger "Rassengesetze" wurden gerade verkündet, der Lehrer wurde vom Dienst suspendiert und musste Talheim verlassen. Von Selma Manasse wird berichtet, dass sie sich einmal eine ganze Nacht auf dem Dachboden ihrer nichtjüdischen Freundin verstecken musste, weil die SA-Wachen sie stellen wollten. Im Mai 1938 verließ sie mit ihren Eltern Deutschland. Als sie dann aus Amerika derselben Freundin schrieb, die sie einst versteckte, musste jene auf dem Rathaus die geöffnete Post abholen. Das Postgeheimnis gab es spätestens ab jetzt in Talheim auch für sogenannte "Arier" nicht mehr.

Vorbei am politischen Aufbruch, dem Vormärz, die 48er - und industrielle Revolution, Reichsgründung, dem kaiserlichen Deutschland und der Weimarer Republik begleitet von der Weltwirtschaftskrise, führte der Weg Deutschlands jetzt unaufhaltsam zum Regime des antisemitischen "Gefreiten" Hitler der vom General und kaiserlichen Kriegshelden Hindenburg zum "Führer" aller Deutschen ausgerufen wurde. Das bedeutete das Ende aller bürgerlichen Freiheit und wieder Willkür gegen Juden und Andersdenkende auch in Talheim. Der Antisemitismus ist zwar keine deutsche "Erfindung", die Nationalsozialisten gaben ihm aber die ausschliesslich rassistische Prägung:



Dem "Herrenmenschen" standen die "Untermenschen" gegenüber. Die zur germanischen "Herrenrasse" erklärten Deutschen waren nun vor "Schmarotzern" zu schützen und dazu zählten die Nazis vor allem Juden. Joseph Goebbels und Julius Streichers Propaganda arbeiten "musterhaft", Hitler war mit der Presse sehr zufrieden! Die Wortwahl der großen Aufhetzer in dieser Zeit, aus dem Bereich der Medizin entliehen, ließ auf keinerlei Ausweg hoffen:

Es galt, die "Infektion" des "deutschen Volkskörpers" durch die "jüdischen Parasiten" rückgängig zu machen. Die "Entseuchung" durch Vernichtung wurde als Folge dieser irrationalen Gedanken angeordnet.