
In den frühen Morgenstunden des 8. August 1918 hörten die deutschen Soldaten bei Villers-Bretonneux zum ersten Mal ein unheimliches Geräusch. Es klang wie das Rasseln schwerer Eisenketten. Die Umrisse gewaltiger, nie gesehener riesiger Eisenkästen tauchten auf. Maschinengewehre ratterten los, schleuderten ihre Garben gegen deutsche Soldaten. Jede Gegenwehr schien umsonst. Die schweren Panzer, die die Engländer aus Gründen der Tarnung "unter dem Namen Tank" entwickelt hatten, stießen unaufhaltsam vor.
Im Herbst 1918 zerfiel die österreichisch-ungarische Armee. Der britische Panzerdurchbruch mit den neuen "Tanks" in die deutschen Schützengräben in Flandern war nicht mehr abzuriegeln. Die Disziplin löste sich auf. Wofür kämpfen? Der Stellungskrieg hatte alle zermürbt. Jetzt wußten die Franzosen und Engländer, das die militärische und politische Lage für die Gegner verdammt hoffnungslos war. Sie hatten es nicht mehr nötig auf Kompromisse einzugehen.
Um die Existenz der Monarchie zu retten verlangt der deutsche General Ludendorf eine neue Regierung in Berlin zu bilden und um Waffenstillstand zu ersuchen. Politiker der Sozialdemokratie, des Zentrums und der Fortschrittlichen Volkspartei bildeten dann unter dem süddeutschen Grandseigneur Prinz von Baden eine neue Regierung auf der Grundlage einer parlamentarischen Monarchie. Damit war der Kaiser gegenüber dem drohenden Debakel selbst einer Niederlage aushandeln zu müssen optisch befreit. Aber der Zusammenbruch der Front und damit auch der Verlust der letzten Verhandlungschancen war nicht mehr zu verhindern.
Admiral Scheer, Chef der Seekriegsleitung, befahl der Flotte, zum letzten Gefecht in die Nordsee auszulaufen. Sogleich verbreitete sich das Gerücht, die deutsche Flotte solle in einer letzten Ausfahrt gegen England ein heroisches Ende suchen. Auf dem Schlachtschiff "König" wurden einige Matrosen verhaftet, weil sie die Mannschaft zum Ungehorsam aufforderte. Auf dem "Kronprinz" und "Kurfürsten" rotteten sich die Matrosen zusammen.
Am 29. Oktober 1918 gegen Mitternacht entschloß sich Admiral Scheer das Unternehmen "Heldentod" aufzugeben. Aber am Vormittag des 30. Oktober 1918 änderte er seine Absicht wieder. Er wollte es doch versuche. Am 1. November 1918 sollte die Deutsche Flotte auslaufen. Während Heer und Fliegerstaffel des Kaisers im schweren Kampf standen und die Anspannung des Kriegsdienstes jeden revolutionären Gedanken verdrängte, lag die deutsche Schlachtschiffflotte nahezu untätig in ihren Häfen. Der Garnisonsdrill und die Ungerechtigkeiten zermürbten die Disziplin der Matrosen. Nach dem Auslaufbefehl schlossen sich die Mannschaften der Kriegsschiffe zusammen und erklärten: "Greift der Engländer an, so stehen wir unseren Mann und verteidigen unsere Künsten bis zum Äußersten. Aber wir selbst greifen nicht an. Weiter bis Helgoland fahren wir nicht, andernfalls wird Feuer ausgemacht". Das war der feste Entschluß aller deutschen Matrosen.

Als der Befehl zum Ankerlichten kam, wurden die Feuer unter den Kesseln des Schlachtschiffs "Thüringen" gelöscht und die Ruderanlage zerstört. Der Streik der Matrosen wurde zur Meuterei, diese löste überall den Zusammenbruch der militärischen Disziplin aus. Den Offizieren wurden die Rangabzeichen und Waffen abgenommen. Es bildeten sich überall Arbeiter- und Soldatenräte. Dem Kaiser legte die Generalität erst den Heldentod, dann aber nur die Abdankung nahe. Kaiser Wilhelm II floh im Salonwagen und mit wertvollen Gütern, eilig zusammengerafft, ins Exil nach Holland. Es waren Monate des Bürgerkrieges, des Aufstiegs und Fall der Münchner Räterepublik. Im gerade fertiggestellten Bahnhofsturm des Stuttgarter Hauptbahnhofes wurde ein Hauptquartier zur Bekämpfung der Unruhen eingerichtet. Die Soldatenräte hatten ihn nach der Abdankung des Königs von Württemberg, als "taktisch wichtigen und beherrschenden Punkt" zum Gefechtsstand umfunktioniert, Minenwerfer und MG’s installieren lassen. Die roten Fahnen der Revolution wehten über Stuttgart.
Während der berühmte Architekt Bonatz in seinem Büro noch den Weiterbau des Stuttgarter Bahnhofs überdachte, hausten im 1. Stock nun die "revolutionären Soldaten" und veranstalteten zum Zeitvertreib "Matrosenbälle". Jeden Abend wurde wild getanzt. Im Scheine von elektrischen Birnen, die in dem Rauch gefüllten Raum ein mildes Licht verbreiteten, "bewegten sich die Matrosen nach dem Takt einer Ziehharmonika in grotesk wirkenden Tanzformen". Bubi Schäfer, M1-Geschäftsführer vom Deutschlands House Musik Tempel hätte damals schon gestaunt, denn die Hingabe der Matrosen an den Rhythmus war so unbegrenzt, wie heute 70 Jahre danach. Das erste M 1, wie viele wissen, unweit des Bahnhofturms auf dem Südmilchareal gelegen hat noch eine weitere Nähe zur Geschichte: Neben den Discokellern befand sich der größte unterirdische Bunker der Nazizeit. Hier hatte sich der NSDAP-"Gau Prag" 80 Meter tief verschanzt.
Doch 1918 versuchten die Revolutionsregierungen in Deutschland erst einmal die Staatmaschinerie in Gang zu halten. Sie beschlossen die Zivilverwaltung des gestürzten Kaiserreichs in Amt und Würden zu lassen und arbeiten mit dem alten Militärapparat zusammen. Auch in Stuttgart wußte der einfache Bürger nicht mehr was läuft: Rechts, links oder kaisertreu. Das einzige war jeder zu spüren bekam, Hunger und Hoffnungslosigkeit. Der Krieg verloren, der einst mit soviel einstimmigen Hurra begann. "Zucht und Ordnung im Eimer", hieß die Parole. Im Vertrag von Versailles diktierten dann noch die Sieger Deutschland große Gebietsabtretungen und weitgehende Entwaffnung.

Riesige Wiedergutmachungszahlungen wurden festgelegt. Alleinschuld hieß die lapidare Begründung. Massenstreiks, Massendemonstrationen, Plünderungen und Straßenkämpfe begleiteten die gerade entstandene Weimarer Republik. Freiheit, Rechtsstaat und Menschenrechte sollten Versöhnung stiften. Dass die neue Nationalversammlung ausgerechnet in Weimar zusammen trat, geschah nicht um den "Geist von Potsdam" zu überwinden, nicht etwa eine Huldigung an die Musen Schillers und Goethes. Nein, Weimar empfahl sich, weil die kleine thüringische Residenzstadt durch eine Handvoll loyaler Truppen gegen die Gewalt der Straße und putschende Soldaten leicht abzuschirmen war. Große Teile des Militärs spielten zur dieser Zeit eine eigene, auf sich bedachte Rolle, sie waren zwar gegen die Revolution aber auch nicht für die Demokratie.

Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg werden bei Nacht und Nebel von Freikorps ermordet. Erst als Friedrich Ebert von Nationalversammlung zum Reichspräsidenten gewählt wurde, wird es wieder demokratischer in Deutschland. Das gesetzgebende Organ ist nun der Reichstag. An sein Vertrauen sind der Kanzler und jeder einzelne Minister gebunden. Weitgehende Befugnisse erhält nur der Reichspräsident, sozusagen als Schiedsrichter: Vor allem den militärischen Oberbefehl und das Recht auf Reichstag-Auflösung. Der Artikel 48 räumte ihm eine Ausnahmegewalt ein, "wenn im Deutschen Reich die öffentliche Sicherheit und Ordnung erheblich gestört oder gefährdet wird". Bis 1923 hat Friedrich Ebert mehr als einhundertzwanzig Mal mit Hilfe des Artikels 48 der Verfassung durch Notverordnung Gesetze über Wirtschaft, Haushalt und Sozialpolitik in Kraft gesetzt und der Weimarer Republik dadurch loyal weitergeholfen.
Der Sozialdemokrat Friedrich Ebert wollte die Republik retten, konnte sie doch nicht retten. 20 Kabinette und 12 Reichskanzler hatte die Weimarer Republik verschlissen. Die Deutschen träumten von der Einheit des Reiches, es wollte Arbeit und Wohlstand, keine perfekte Verfassung, keine Wahlen und keine ewigen parlamentarische Debatten. Unzählige Deutsche hofften wieder auf den starken Mann. Zuletzt legitimierte der nach dem Tode Eberts zu Reichspräsidenten gewählte ehemalige kaiserliche Generalfeldmarschall Paul von Beneckendorf und von Hindenburg, der Held der Kaiserzeit und Schlacht von Tannenberg, die radikale Wendung zur missionarischen Erlösung. Im ersten Weltkrieg galt er als der Volkstümliche Heerführer. Zusammen mit seinem Stabschef Ludendorf machte er als Chef der Obersten Heeresleitung große Politik. Als Reichspräsident der Republik von Weimar aber gerät er immer mehr in die Abhängigkeit seiner Berater. Einsam und ratlos starb er auf seinem ostpreußischen Gut Neudeck am 2. August 1934.
Der aufgetauchte Führer Hitler und vermeintliche Messias verkörperte nicht nur eine neue Politik sondern schlechthin ihr Ende und ihre Aufhebung durch die Diktatur der Klasse oder die Herrschaft der Rasse.

Der erste Rechtsputsch ereignete sich schon 1920, halb improvisiert, von den ostpreußischen Generallandschaftsdirektor Kapp und dem Reichswehr-Generalleutnant von Lüttwitz inszeniert.
Anlaß war, dass die Brigade Ehrhardt, eines der großen Freikorps (5.000 Mann), aufgelöst und entwaffnet werden sollte. Aber die hohen Beamten in den Berliner Ministerien machten beiden beim Putsch nicht mit und die Gewerkschaften riefen den Generalstreik aus. Die Weimarer Regierung entzog sich durch Flucht nach Stuttgart dem Zugriff der Putschisten. Die regierungstreue Reichswehr wartete ab und nach drei Tagen war der erste deutsche Rechtsputsch vorbei. Aber nun mußte auf Verlangen des sogenannten bürgerlichen Blocks neu gewählt werden und da war es mit Mehrheiten der Weimarer Gründungsparteien vorbei. Seitdem war Weimar eine Republik ohne Republikaner.
Auch Karl Wißmann, 1989 geboren in Ulm kehrte in diesen Tagen nach Stuttgart zurück. Wißmann brachte es im Ulmer Pionierbattallion 13 zum Unteroffizier und wurde vor dem Ersten Weltkrieg nach Berlin versetzt. Im ersten Weltkrieg war er Infantrieflieger. Durch seinen Mut wurde der zum Offizier befördert und für höchste Auszeichnungen vorgeschlagen.
Das Kriegsende 1918 brachte ihn in Konflikt mit dem revolutionären Soldatenrat in Baden-Baden. Nur mit der aberwitzigen Drohung, Rastatt zu bombardieren, hatte er sich Lebensmittellieferungen für seine Getreuen erzwungen. Mit seinen Leuten wollte er auf eigene Faust im Schwarzwald gegen die Franzosen weiterkämpfen. 1919/1920 schloss sich Wißmann der berüchtigten Marinebrigade Ehrhard an und beteiligte sich am Kapp-Putsch. In Stuttgart legte er ein geheimes Waffenlager an und knüpfte organisatorische Kontakte mit völkisch-anitsemitischen nationalen Kreisen. Er wurde sogar Gauleiter des völkischen Schutz- und Trutz-Bundes. Sein Sohn erinnert sich später: "Hinter dem Haus in der Rheinsburgstraße 187 gab es einen Brennholzstapel, in dem eine Menge Schießzeug verschwand. Einer konnte den Mund nicht halten und fiel dann in den Neckar. Ein anderer musste sich jahrelang mit Femegerichten herumschlagen. Wir hatten in diesen Jahren viel Besuch aus dem politischen Lager. Dietrich von Jagow, später Reichskommissar für die württembergische Polizei, Felix Graf von Luckner (Seeoffizier; Verfasser vom Seeteufel) u. a. befreundete Ingenieure und Familien, politisch Unruhige".
Unmittelbar nach Kriegsende und Revolution setzte Ende 1918/Anfang 1919 im ganzen Reich wieder eine antisemitische Hetze ein, die an Breitenwirkung und Radikalität alles bisherige übertraf. Systematisch hervorgerufen und gesteuert wurde diese Welle vom Altdeutschen Verband und dem von ihm gegründeten Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bund. Stuttgart fiel dabei zeitweise die Rolle eines Vorreiters und organisatorischen Drehscheibe zu. Der vom Vorstand eingesetzte Judenausschuß des Altdeutschen Verbandes, dem auch der Stuttgarter Gymnasialprofessor Calmbach angehörte, empfahl die Gründung einer neuen Organisation, mit dem Ziel, "den Kampf gegen Anmaßung und Überheblichkeit des Judentums ins Volk zu tragen". Justizrat Claß, Vorsitzender des Verbandes ließ keine Zweifel aufkommen: "Ich werde vor keinem Mittel zurückschrecken und mich in dieser Hinsicht an den Ausspruch von Kleist’s der auf die Franzosen gemünzt war, halten. Schlagt sie tot, das Weltgericht fragt Euch nach den Gründen nicht!"
Die Hetzjagd auf die jüdischen Einwohner war eröffnet. Und die Süddeutsche Zeitung trug von nun an ihren Teil dazu bei. Ein Artikel z. B. begann mit den Sätzen:
"Das politische Geschehen der letzten Jahrzehnte, seine Zuspitzung zur Katastrophe des Weltkriege mit allen seinen bis jetzt in die Erscheinung tretenden furchtbaren Folgen für unser völkisches Dasein ist nicht zu verstehen ohne die klare Erkenntnis und richtige Einschätzung der Rolle, die das internationale Judentum, verkörpert in der jüdischen Hochfinanz, dabei gespielt hat. Da das Judentum immer schamloser und frecher sein Haupt erhebt, ist es ein dringendes Gebot der Stunde, ... dem Todfeind aller wahren Kultur und der Kulturmenschheit die Larve vom Gesicht zu reißen". (SZ Nr. 4/1919)

Die Süddeutsche Zeitung erschien bereits seit 1913 in Stuttgart, schon damals verstand sie sich als "Bannerträger des nationalen Gedankens". Nach dem Ersten Weltkrieg stand sie den Deutschnationalen, d. h. der württembergischen Bürgerpartei, nahe, legte jedoch unverhohlene Sympathien zunächst für den Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes und dann für die NSDAP an den Tag. Chefredakteur August Horlacher, der 1932 Schriftleiter des Staatsanzeiger wurde, unterstützte schon 1920/23 die württembergische NSDAP. Die Süddeutsche Zeitung war die zweitgrößte Tageszeitung in Stuttgart. Sie erschien wöchentlich sieben Mal, vom Februar 1922 an gab es zusätzlich noch eine Abendausgabe, das "7 Uhr-Abendblatt". Ihre Botschaften fielen auf "fruchtbaren Boden". Allein die Auflistung der Stuttgarter Vereine im württembergischen Kriegerbund sprechen für die nationale Gesinnung dieser Zeit:
Krieger- und Militärverein "Königin Olga"
Militärverein "König Wilhelm II"
Deutscher Militär-Invaliden Verein
Krieger und Militär-Eintracht "Königin Charlotte"
Kameradschaftsbund Gaisburg
Kriegsverein Berg
Krieger- und Sangesbund
"Herzogin Wera von Württemberg
Württ. Artillerieverein "König Wilhelm II"
Krieger- und Militärverein Karlsvorstadt
Krieger-Vereinigung Gablenberg
Kameradschaftsbund Stuttgart-Ostheim
Kavallerieverein "Prinz Weimar"
Krieger- und Militärverein
"Herzog Albrecht von Württemberg"
Württ. Pionier-Verein
Kolonial-Krieger-Verein
Marine Verein "Fürst Karl von Urach"
Krieger- und Militärverein "Kaiser Friedrich".
Nur einer stellte sich öffentlich massiv der wieder aufkeimenden antisemitischen Propaganda entgegen: Stuttgarts Oberbürgermeister Lautenschlager. Mit einem Aufruf, der von einer Vielzahl angesehener Stuttgarter Bürger unterzeichnet war und in fast allen Zeitungen als Anzeige erschien:
"In letzter Zeit" hieß es dort, "hat in der hiesigen Presse und in Flugblättern eine heftige Auseinandersetzung über die Judenfrage stattgefunden. Die Unterzeichneten sind der Meinung, dass die schwere Gegenwart nicht dazu angetan ist, zwischen Bürgern derselben Staates Streitigkeiten über Rasse- und Bekenntnisfragen auszutragen. Wir möchte deshalb unsere Stimme erheben und alle wohlmeinenden Mitbürger und Mitbürgerinnen aufrufen, solche Auseinandersetzungen zu unterlassen, den Geist der Versöhnlichkeit zu pflegen und alle Kräfte dem Wiederaufbau des Vaterlandes zu widmen."
Allerdings ließ sich der Schutz- und Trutz-Bund von solchen Aufrufen nicht beirren. Im Gegenteil der Bund faßte immer mehr festen Boden. Die Geschäftsstelle zog von der Turmstraße in die Eugenstraße 1 um. Man konnte es sich jetzt sogar leisten einen eigenen Geschäftsführer anzustellen. Im Oktober 1919 wurde der Name "Deutschvölkischer Schutz- und Trutz-Bund" angenommen und die Vorstandsschaft neu geregelt. Hofrat Sachs wurde Gauleiter für Württemberg-Hohenzollern, Eugen Haug Vorsitzender der Ortsgruppe Stuttgart und Alfred Autenrieth übernahm die Propaganda, ihm zugeordnet war der ehemalige Kommunist Ernst Ulshöfer als Propagandaredner.
Verworren und turbulent war die Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. In München war der Wittelsbacher König Ludwig III. vertrieben. Es folgte ein gemäßigt-sozialistischer Zwischenakt unter den Sozialdemokraten, Pazifisten und Theaterkritiker Kurt Eisner. Der Geruch der Lynchjustiz lag überall in der Luft. Im Februar 1919 starb Eisner durch ein Attentat, worauf die Kommunisten im April eine bayerische Räterepublik ausrufen. Der deutsche Kommunismus schöpfte damals moralisch aus dem Reservoir der gelungenen Oktoberrevolution in Rußland. Ihr meist brutales Vorgehen brachte aber mehr Ablehnung statt Zulauf.
Im Mai wurde München dann von bayerischen, württembergischen und preußischen Truppen regelrecht erobert. Sie setzten die Reichsgewalt wieder durch. Bei den württembergischen Sicherheitstruppen, die unter Führung von Generalmajor Otto Haas gegen die bayerische Räterepublik im Namen der Weimarer Republik eingesetzt wurden war auch Karl Strölin, später Stuttgarts nationalsozialistischer Oberbürgermeister.

Vom Stuttgarter Bahnhofsturm, wo einst die Matrosen tanzten, kam nachts der Marschbefehl zum Kampf gegen die bayerischen Kommunisten. Nicht nur Gegner wurden in dieser rauhen Zeit von beiden Seiten füsiliert, auch Geiseln oder einfach Verdächtige. Linker Terror bekämpft rechten Terror und umgekehrt. "Kurzen Prozeß" machten die württembergischen Freikkorpskämpfer mit 52 ehemaligen russischen Kriegsgefangenen. Per Standgericht hat man die 52 Russen, weil sie mit der Waffe in der Hand bei Fürstenfeldbruck den württembergischen Sicherheitstruppen auf dem Marsch nach München entgegengetreten waren, zum Tode verurteilt. Die eilig gefällten 52 Todesurteile werden sofort vollstreckt. Die Russen waren unschuldig - stellte sich später heraus. Nachdem München von den Sicherheitstruppen erstürmt war suchte die Mehrheit der Bevölkerung nach den linken Rätewirren in der rechten militärischen Ordnungsmacht das weltanschauliche Heil.
Bayern gilt seit Mitte 1919 als Zentrum der Rechtsopposition in Deutschland. In seiner Hauptstadt wucherte eine fünfköpfige Hydra von Parteien und Gruppierungen jeglicher Coleur, vor allem, wie gesagt der Rechten. Und von hieraus, an diesem geographischen Punkt, begann Hitlers politischer Weg, der auch sehr schnell nach Stuttgart führte. Am 20. Mai 1920 sprach Adolf Hitler auf zwei Veranstaltungen des Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes in Stuttgart. Es waren die Startzeichen für die Gründung der NSDAP-Ortsgruppe in Stuttgart.
Zuvor hatte Hitler, man höre und staune, als V-Mann der Reichswehr gearbeitet. Er solle Soldaten ausfindig machen, die während der Rätezeit kommunistisch agiert hatten. Zum Dank für die wohl zufriedenstellende Erfüllung seiner Schnüffelorder wurde er zu Aufklärungskursen über Grundlagen staatsbürgerlichen Denkens abkommandiert. Die Kurse fanden in der Münchner Universität statt und wurden von Professoren und zum Teil von anderen national verlässlichen Personen gehalten.
Die nächste Veranstaltung mit Hitler in Stuttgart, wiederum vom Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bund einberufen fand am 26. Mai 1920 im Dinkelackersaal statt. Hitler sprach über das Thema: "Die Macher am Weltkrieg".
Die Süddeutsche Zeitung berichtete über diese Versammlung: "Als der Redner auf die inneren Verhältnisse Deutschlands zu sprechen kam und eine scharfe Abrechnung mit jenem Teil unserer Landsleute hielt, die dem Feinde in die Hände arbeiteten und noch arbeiten, fand er begeisterten Beifall, der sich am Schluß des Vortrags minutenlang ausdehnte und die Zwischenrufe versammlungsstörender Elemente erstickte. Die Debatte gestaltete sich äußerst stürmisch. Mit den Rufen: Lump, Lausbub, Zuhälter usw. versuchte eine kleine Gruppe...einen von ihnen besonders gefürchteten Redner am sprechen zu hindern." Nach dieser Politshow entschlossen sich spontan einige Deutschvölkische, auch in Stuttgart eine Ortsgruppe der NSDAP zu gründen.

Alfred Autenrieth, schon vor dem Ersten Weltkrieg antisemitisch verbandelt im Hammerbund und Deutscher Turnverein Jahn Stuttgart, berichtet in seinen Aufzeichnungen, die er nach 1933 erstellte, dass am 4. Juni 1920 noch ein weiterer Auftritt Hitlers im "Herzog Christoph" stattfand. Autenrieth kennt die genauen Details: "Herr Hitler kam verspätet erst um 10 Uhr aus Augsburg, es war mir aber als Versammlungsleiter gelungen, die Besucher solange hinzuhalten, dass sie nicht fortliefen.
Diese Versammlung ist als Gründungsversammlung der NSDAP in Württemberg anzusprechen, dann es waren unterdessen Mitgliedskarten fertiggestellt worden und blanko von PG Anton Drexler unterschrieben... An diesem Abend waren Anmeldungen und Mitgliedskarteikarten ausgestellt worden." Weiter schreibt Autenrieth in seinen Aufzeichnungen: "Am Abend der Gründungsversammlung begaben sich die führenden Mitglieder mit dem Führer ins Hotel Restaurant Rau, Sophienstraße 35, zum Abendessen... Der Führer hatte noch den Wunsch geäußert, den Waldfriedhof Degerloch zu sehen, und am nächsten Morgen bzw. Vormittag gingen wir dahin, Herr Weidle mit Frau, Ulzhöfer mit Frau und ich. Der Führer äußerte sich sehr befriedigt über die weihevolle Stille, welche über diesemTotenplatz ruht."
Die NSDAP-Ortsgruppe Stuttgart wurde also auf Betreiben des Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bundes mit Unterstützung der NSDAP-Parteileitung in München gegründet. Sie war zusammen mit Dortmund die erste Ortsgruppe außerhalb Bayerns. Nach seinen ersten Besuchen in Stuttgart entwickelte Adolf Hitler eine besondere Beziehung für unsere Stadt. Diese war zum einen entstanden durch seine Bewunderung für Stuttgarts Architektur und für die Anlage des Waldfriedhofs, eine große Rolle bestimmte aber auch die Freundschaft zu der Familie Fritz Weidle. Der Kaufmann Fritz Weidle spielte in der Anfangsphase der Stuttgarter NSDAP eine führende Rolle.
Weidle 1876 geboren, hatte im Infantrie-Regiment 125 gedient und war Unteroffizier geworden. Nach dem Ersten Weltkrieg trat er der Einwohnerwehr Bann V und dem Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bund bei. In seiner Wohnung in der Staffelstraße 3 fanden später die NSDAP-Vorstandssitzungen statt. Auch wenn Weidle als kaufmännischer Vertreter auf Reisen ging, nahm er den ehemaligen Kommunisten Ulshofer mit, damit er auf dem Lande für die neu entstandene NSDAP werben konnte. Ebenso praktisch war es für Hitler selbst bei den Weidles zu übernachten. Nach seinem Vortrag am 17. September 1920 ereignete sich am nächsten Morgen ein ziemlich pikanter Zwischenfall: Hausbesitzer Hundte traf Hitler mit Frau Weidle im Treppenhaus und verdächtigte ihn, ein Verhältnis mit ihr zu haben. Hundte gab zu Protokoll: "Herr Hitler übernachtete von 17./18. September 1920 in der Wohnung des Herrn Weidle, mit welchem er persönlich bekannt ist. Am folgenden Morgen des 18. des Monats verließ Herr Hitler mit der Ehefrau des Herrn Weidle die Wohnung. Auf der Treppe trat ich den beiden entgegen und bemerkte zu Herrn Hitler: Wer sind sie denn, wo waren sie heute Nacht, wie kommen sie dazu nach 12 Uhr nachts sich in meinem Haus aufzuhalten? Ich bin Hausbesitzer und habe dafür zu sorgen, dass solche Unanständigkeiten in diesem Haus nicht vorkommen".

Die Privatklage, die Weidle daraufhin beim Stuttgarter "Sühneamt für Privatklagesachen" gegen seinen Hauswirt anstrengte, wurde später von beiden Seiten nicht weiterverfolgt. Auch noch nach 1933 war Hitler ein gern gesehener Gast bei den Weidles, für dessen Sohn Adolf er sogar die Patenschaft übernahm. Propagandist, Organisator, Redner und Schreiber Joseph Goebbels damals noch "Mädchen für alles" hielt sich ebenfalls mehrmals bei der Familie Weidle auf und schwärmte in seinem Tagebuch: "Zum Abendessen bei Familie Weidle. Gut und ehrlich. Da fühle ich mich wohl. Abschied! Ade mein Stuttgart."
Im Spätsommer 1923 überschlugen sich nicht nur die politischen Ereignisse sondern auch die Preise. Das Geld verlor stündlich an Wert. Die Mehrheit der Stuttgarter führte einen zähen Kampf ums Überleben in einer aus den Fugen geratenen Zeit. Eine Postkarte mit einem Bild von Adolf Hitler kostet 10,5 Millionen Reichsmark. Später ein Stück Butter 24 Milliarden oder ein Ei 1 Milliarde Reichsmark. Die Teuerungsrate stieg gegenüber dem Vormonat von 28.262 Prozent an. Unvorstellbar, wie man da überleben konnte. Doch dann das Ende dieser Finanzapokalypse am 15. März 1923: Ausgabe der Rentenmark. 1 Billion Mark = 1 Rentenmark. Damit war die Inflation endlich aufgehoben.

"Der Wandel war schlechthin unvorstellbar!" erinnert sich der Stuttgarter Arzt Max Kohlhaas: "Die Metzgerläden, die eben noch leer gewesen waren, weil angeblich die Franzosen alles Vieh genommen hätten, waren voll von herrlichen Dingen - Kartoffel gab es in Unmengen..., Butter wurde einem geradezu aufgedrängt... zwar kam einem nun, da 100 Milliarden nur noch zehn Pfennige wert waren, erst langsam zu Bewußtsein, wie arm man geworden war - und doch empfand man zunächst nur die Erlösung durch die Ruhe, die in den Menschen, die Betriebe und vor allem in den Haushalt eingezogen war und wieder geordnet arbeiten und wirtschaften ließ!"
Wie schon das Ende des Ersten Weltkrieges gezeigt hat gab es auch am Ende der Inflation nur wenige Gewinner und viele Verlierer. Der Staat und die Industrie waren durch die Inflation schuldenfrei geworden. Doch der Mittelstand und insbesondere die Rentner hatte ihr Erspartes verloren und blieben verarmt auf der Strecke. Sie verloren gänzlich das Vertrauen in die Weimarer Republik und in den neuen Staat. Auf diese Weise begünstigte die Inflation 1923 den Aufstieg des Nationalsozialismus.
Unter Ausnutzung dieser Krise bereitete sich die württembergische NSDAP und SA auf einen Staatsstreich vor. Sie beschloß Ende Februar 1923 auf einer Tagung der nationalsozialistischen Ortsgruppen-Vorsitzenden Württembergs in Stuttgart: "Dass im Falle politischer Unruhen sich alle Sturmtrupps sofort auf München zu konzentrieren haben". Auch für einen Marsch auf Berlin wurden strategische Gesichtspunkte erwogen. Die konspirativen Vorbereitungen werden besonders deutlich in den Ausführungen des einflußreichen Geislinger Nationalsozialisten und Textilfabrikanten Heinrich Becker. Er kündigte die Einrichtung einer militärischen Nachrichten-Organisation an. Die von ihm geplante Nachrichtenabteilung nahm im September 1923 unter der Leitung des Stuttgarter Bildhauers Oskar Gloeckler ihre Arbeit auf. Ein sogenannter "Führungsdienst sollte darüber hinaus eine Truppe für Sabotageakte und sonstige notwendige und verwegene Taten" schaffen.
Diese Truppe sollte außerdem Verrätern in den eigenen "Reihen bekämpfen" aber auch im Rücken und in den Reihen des Gegners arbeiten. "Revolver, Zwicker und Bärte sowie Maskierungsgegenstände" gehörten zur Ausrüstung der konspirativen Bande. Für den Ernstfall legte die SA auch Waffenlager an. Ein Teil der Waffen kam aus Leutkirch. Der dortige Ortsgruppenführer berichtete später darüber: "Im Allgäu gab es... reichlich zu tun, waren dort doch größere Waffenlager. Was wir nicht benötigten, stellte ich der SA in Stuttgart zu Verfügung, die sie Lastwagen abholte". Militärische Übungen in Kirchheim/Teck, auf der Solitude und in Münsingen machten die SA-Burschen richtig heiß.
Im Spätsommer 1923 wurde sogar ein illegaler Mobilmachungsplan ausgeheckt, der Münsingen als Aufmarschplatz bestimmte. Die SA in Württemberg war für einen Bürgerkrieg oder erhofften Staatsstreich bestens vorbereitet. Hitler wollte Reichspräsident Ebert und die Regierung der Weimarer Republik stürzen.
Vor der Feldherrenhalle in München kam es dann zu einer Schießerei mit den Ordnungskräften des Staates. Es gab Tote und Verwundete. Hitler floh. Der Putsch brach zusammen. Als die ersten Meldungen vom Münchner Putsch am 8. November 1923 abends in Stuttgart eintrafen, reagierte der Militärbefehlshaber Generalleutnant Reinhard und die württembergische Landesregierung sofort. Sie sperrten jede telegrafische und telefonische Verbindung mit Bayern und unterbrachen den Eisenbahnverkehr. Damit waren die württembergischen und Stuttgarter Nationalsozialisten, die offenbar nicht im Voraus vom Putschtermin unterrichtet waren. Von allen Informationen abgeschnitten. Ihre gesamte Planung für den "Ernstfall" ging den Bach runter. Die Reichswehr des Staates hatte sich entgegen voraus gegangener Sympathien gegen den putschistischen Kurs der NSDAP entschieden. Sie wollte sich die Initiative nicht von einer einzelnen Partei aus der Hand nehmen lassen.
In den frühen Morgenstunden des 9. November 1923 verhaftete die Polizei die Stuttgarter SA-Führer Rauser und Steyrer. Die Stuttgarter Geschäftsstelle der NSDAP wurde durchsucht und vorläufig geschlossen. Die politischen Leiter der Stuttgarter NSDAP wurden nicht verhaftet. Die Herren Kaltenboeck und Autenrieth bestellte man auf das Polizeipräsidium. "Es wurde uns eröffnet", schreibt Autenrieth rückblickend, "wir sollten uns jeder politischen Tätigkeit enthalten. Von einer Inhaftnahme wollte man absehen, weil wir als besonnene Elemente der Bewegung angesehen würden". Allerdings nahm man den beiden die Parteiausweise ab. Am 21. November 1923 wurden sowohl die NSDAP als auch die KP Württembergs aufgelöst. Zwei Tage später erfolgte die endgültige Schließung der Geschäftsräume. Nur wenige der NSDAP-Mitglieder wandten sich nach dem Putsch ab, andere versuchten solange das Verbot bestand, Ersatzorganisationen zu schaffen, um dann später die Partei neu aufzubauen.
Viele Künstler hängen dem Aberglauben nach, eine Generalprobe dürfe nicht zu gut ausfallen, sonst werde die Premiere schlecht. Übertragen auf Hitler, war der Novemberputsch 1923 in München tatsächlich eine Art schlechter Generalprobe der erfolgreichen Machtübernahme von 1933. Der dilettantische Theatercoup zwischen Geheimbund und Dämmerschoppen im Bürgerbräukeller und das Fiasko des Ministaatsstreiches zeigte den Naziakteuren viele Fehler und Schwächen auf. Zehn Jahre später wurde dann der zweite Versuch Hitlers die Macht zu erlangen, zum Lehrstück faszinierender Volksbenebelung, raffiniert und brillant inszeniert.