Ground Zero 2001/1944
Wir haben zum ersten Mal Geschichte erlebt, als 1989 die Mauer fiel. Ein Gefühl der Freude! Jetzt haben wir zum zweiten Mal Geschichte direkt miterlebt: Unvorstellbar!Um 8.48 Uhr attackierten Terroristen das Herz der freien Welt. Kamikaze Piloten steuerten zwei entführte Passagiermaschinen in die 411 Meter hohen Türme des World Trade Center im Zentrum von New York. Panik. Chaos. Menschen sprangen aus den Türmen – viele Tausend Tote. Minuten später stürzte ein drittes gekapertes Flugzeug in das Verteidigungs-Ministerium in Washington. Als Drahtzieher der Anschläge gilt der saudische Terror-Chef Osama Bin Laden. Entsetzten und Trauer vereinen die restliche Welt."Ich bin den Tränen nahe. Das passiert mir nicht oft," sagte Alf Ludwig (29) Software-Entwickler aus Stuttgart gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Yonathan Khoury (24) Maschinenbaustudent, ebenfalls aus Stuttgart, nachdenklich: "Ich hoffe, dass wir Kraft bekommen und dass uns vergeben wird".



Die Reaktion der Menschen, als uns die Bilder aus New York und Washington erreichten, wird bleiben. Dennoch ist das Gedächtnis der Menschheit für erduldete Leiden erstaunlich kurz. Schon sind die Internetseiten der Neonazis voll mit "klammheimlicher Freude" und hetze gegen Amerika und Judentum. Haben diese Deutschen aus dem Zweiten Weltkrieg und der Hitler-Diktatur nichts gelernt? Sind die weltweiten Schrecken der Vierziger Jahre vergessen? Ist Rassenwahn, Terrorismus und Gewaltbereitschaft aus ideologischen Beweggründen, ein latenter Bazillus der x-beliebig infiziert? Erst im nationalsozialistischen Groß-Deutschland und jetzt im islamischen "Wunsch"-Groß-Arabien der Terrorinternationale al-Qaida (der Stützpunkt), Neuauflage eines mittelalterlichen Geheimbundes.

Der Untergang des Großdeutschen Reiches und das Ende, begann am amerikanischen Kampfabschnitt Ground Zero in der Normandie 1944. Am 11. September 2001, New York – Ground Zero, der Ort, an dem die freie Welt im 21. Jahrhundert ihre Gefühle veränderte. Es sind wieder die (Ver)-Führer und verquasten Ideologien, die Menschen zu tausend in den Tod treiben.Osama Bin Laden, geboren 1955, wuchs umgeben von Nannys, Chauffeuren und Reitlehrern auf. Sein Vater Mohammed stammte aus dem Hadramont, der wildesten Provinz des Jemen und stieg in Saudi-Arabien zum königlichen Hofbaumeister auf. Eine Karriere, die vermutlich damit begann, das Osamas Vater seinen Souverän Abdul Aziz bin Abdul Rahman ibn Saud, dem Begründer der Wüstenmonarchie, eine Auffahrt anlegte, so dass der König mit seinem Rolls Royce bequem in seinen Palast rollen konnte. Eine Tat die der mächtige Wüstenherrscher mit Großaufträgen belohnte, zu denen unter anderem der Ausbau der heiligen Stätten von Mekka und Medina zählten. Im Alter von 17 Jahren erbte Osama bereits 80 Millionen Dollar, nachdem sein Vater 1968 beim Absturz eines Hubschraubers ums Leben gekommen war.

Später hieß es auf den Internetseiten der radikal-islamischen Londoner "Azzam Publikation", Osama sei ein besonders "frommer Moslem". Nach einem Ingenieurstudium wollte er Karriere machen, bei den "Mutawa", der Saudischen Religionspolizei, die meist mit dem Knüppel dafür sorgte, dass die Bevölkerung fünfmal am Tag pünktlich zum Beten in die Moschee geht. Weder materielle Grenzen noch eine echte Lebensaufgabe vor Augen, kam es für Bin Laden 1979 zum Schlüsselerlebnis, als die Sowjets in Afghanistan einmarschierten. Mit Militärflugzeugen holte der damals 29-jährige Bulldozer und Geländewagen aus dem elterlichen Baubetrieb herbei. Ließ Straßen für den Nachschub bauen, Krankenhäuser und Bunker. Unter dem Kriegsnamen "Abu Abdulla" kämpfte er fortan an der Seite der legendären "Mudschahedin". Mit über 12.000 "Arabi" (Arabische Kämpfer) aus 12 Ländern bis zur Befreiung Afghanistans von den sowjetischen Besatzern.

Wer die Zukunft erkennen will, erforsche die Vergangenheit so wird es immer gelehrt. Hat dieser Ansatz überhaupt seit den Napoleon-Feldzügen Bedeutung im Angesicht des globalen Terrors oder ist diese These nur eine intellektuelle Betäubung? Wer von all den Staatsverbrechern der Neuzeit hat jemals aus der Geschichte gelernt? Eher umgekehrt, die Grausamkeiten wurden stets getopt. Von Krieg zu Krieg stieg die Gewaltbereitschaft und die technischen Zerstörungen wurden gewaltiger. Darum kam auch der Ägypter Jussuf Mussajiw, wie Bin Laden ein Anhänger des Palästinenser Abdulla Azzm zu jener These, die FBI-Beamte 1989 in seinem Notizbuch fanden: "Wir müssen die Feinde Gottes vollständig demoralisieren, indem wir die Türme zerstören, die die Säulen der Zivilisation sind – jene hohen Türme auf die sie so stolz sind."



Am 20. April 1889, einhundert Jahre zuvor, einem trüben Samstag, das Thermometer zeigte 7 Grad Celsius über Null, wurde dem österreichischen Ehepaar Alois und Klara Hitler um 18.30 Uhr, kurz vor Beginn der Osternacht in Braunau am Inn "Gasthof Pommer" ein Sohn geboren. Zwei Tage später, am Ostersonntag taufte der in Braunau amtierende katholische Geistliche Ignaz Probst dieses Kind auf den Namen Adolf. Die Hebamme Franziska Pointecker und die verheiratete Johanna Pölzl, eine Schwester Klara Hitlers, sahen den schwächlichen, dunkelhaarigen und auffällig blauäugigen Menschen zuerst, den schließlich eine ganze Generation von der fürchterlichsten Seite kennenlernte. Nach einem fanatischen Lebensweg brachte er sich am 30. April 1945 gemeinsam mit seiner Frau Eva Braun um, nachdem er einigen Getreuen befohlen hatte beide Leichen zu verbrennen. Bis zuletzt peitschten Hitlers Helfer mit Unterdrückung und taffen Parolen das Volk in den Untergang. Fest im Glauben das Richtige zu tun, gegen Bolschewismus, Amerika und Weltjudentum. "Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, das ich dem Führer des Großdeutschen Reiches, Adolf Hitler, bedingungslos, treu und gehorsam seine werde. Ich gelobe, dass ich für meine Heimat tapfer kämpfen und lieber sterben werde als die Freiheit und damit die soziale Zukunft meines Volkes preiszugeben." Mit diesem Schwur vom 12. November 1944 in Deutschland mussten die Männer des Volkssturms auch vor Gauleiter Wilhelm Murr in Stuttgart ihren Eid auf Adolf Hitler leisten. Damit begann in der württembergischen Landeshauptstadt und im ganzen NS-Reich die Kampfausbildung des letzten Aufgebots, der 16 - 60-jährigen männlichen Bevölkerung.

Der NS-Kurier vom 14. November 1944 titelte begeistert: "Die neue Millionenarmee der Idealisten!" In Stuttgart betrug die Zahl der angeblichen Idealisten rund 35.000 Männer. Im gesamten Bereich des Stuttgarter Wehrmachtskommandos, mit den Kreisen Leonberg, Böblingen, Esslingen und Waiblingen sogar 100.000 Mann. Diese Mobilisierungswelle kurz vor Ende des Krieges verbreitete bei den meisten eingezogenen und übriggebliebenen Angst und Schrecken. Einige konnten trotzdem noch abschalten, oder flohen bewußt vor der Realität des drohenden Untergangs: Am Tage der Vereidigung fanden Spiele in Stuttgart um die Fußballmeisterschaft des Gau Württemberg statt. Neben Kino mit Durchhaltefilmen und seichter Unterhaltung die vom Propagandaministerium gesteuert wurde, war das Spiel zwischen dem VfB und dem MTV eines der letzten unpolitischen Freizeitveranstaltungen. Die Mannschaften trennten sich mit einem klaren 10:0 Sieg der Wasenelf auf der Adolf-Hitler-Kampfbahn. Doch richtige Freude kam darüber auch in Stuttgart nicht mehr auf. Zu viele waren nicht mehr bereit als Kanonenfutter zu dienen. Trotz aller Ablenkung und heldenhaft klingender Dauerparolen.

Die Spitzel des Sicherheitsdienstes (SD) registrierten jetzt erstaunlich freimütige Äußerungen gegen das Regime, die zum Teil als landesverräterisch gelten konnten. Und das war für jeden einzelnen verdammt gefährlich. Gefährlicher als Juden verstecken. Fest steht heute, Hilfeleistungen für Juden allein sind nicht mit dem Tode bestraft worden. Wer Feindsender hörte, Wehrkraftzersetzung betrieb, oder antifaschistische Plakate klebte, ging häufig ein höheres Risiko ein. Bereits am 24. Oktober 1941 hatte das Reichssicherheitshauptamt in Berlin angeordnet, dass "aus erzieherischen Gründen" bei "freundschaftlichen Beziehung zu Juden, der deutschblütige Teil vorübergehend in Schutzhaft zu nehmen bzw. in schwierigen Fällen bis zur Dauer von drei Monaten in ein Konzentrationslager Stufe 1 einzuweisen ist" (die mildeste Form).

Juden, hieß es in dem Rundschreiben an alle Gestapo-Dienststellen weiter, "sind in jedem Falle in ein KZ zu bringen". NS-Urteile weisen im übrigen darauf hin, dass die Solidarität mit Deutschen, jüdischen Glaubens, eher als anormales Verhalten und nicht als Widerstand gegen die Rassenpolitik des Regimes behandelt wurde.



Als am Donnerstag, dem 11. Februar 1943 die Oberschüler der Jahrgänge 1926/27 zum Dienst als Luftwaffenhelfer (Flakhelfer) eingezogen wurden, beschritten die Nazis ein weiteres menschenverachtendes Kapitel unter den eigenen Kindern: Diese 15-16 jährigen bildeten den Mannschaftsbestand der neu aufzustellenden leichten, mittlerer und schweren Heimat-Flakbatterien. Sie kamen, so auch in Stuttgart, vorerst in der Nähe ihrer Wohnviertel zum Einsatz und erhalten weiterhin nebenbei Schulunterricht. Die jungen Flakhelfer bleiben Angehörige der Hitlerjugend (HJ). Und so gelten sie, unter völkerrechtlichen Gesichtspunkten als Teil der Zivilbevölkerung, die sich nicht am Kampf beteiligen darf, ohne der Behandlung als Freischärler ausgesetzt zu sein. Sie konnten so jederzeit laut Kriegsrecht standrechtlich erschossen werden. Bewußt von der Hitlerjugendführung in Kauf genommen, ein mieser Trick der Nazis, nur um mehr Kanonenfutter zur Verfügung zu haben.

"Wir waren stolz, dass wir schon als 15 jährige mithelfen durften die Heimat zu verteidigen", so ein Möhringer Hitlerjunge. Die Begeisterung, nicht aber der Einsatzwille vieler Jungs verschwand schnell, als sie merkten, "dass hier kein Spiel dahinter steht, sondern dass es doch eine verdammt ernste Sache ist." "Du siehst die abgeworfenen Leuchtmarkierungen der Bomber direkt über dir und denkst jetzt kommen die Bomben. Da kann mir keiner sagen, er hätte keine Angst gehabt. Ehrlich, ich hab gezittert wie..., wie..., ich will mal sagen: Jetzt geht die Welt unter. Aber trotzdem war man der Held, der stolze Held. Seine Angst hat man nicht gezeigt." Denn Soldat sein galt als erstrebenswert und zeitgemäß. Schon seit 1933 hatten dieser Generation, Lehrer und Jugendführer, das Loblied des Soldatentums gesungen. "Gell, aber zum Kanonenschießen, da sind wir recht schimpften die Kindersoldaten vom Geschütz "Emil", wenn ihnen der Zutritt zu nicht jugendfreien Filmen verwehrt werden sollte." Und noch den Angriffe: "Dann bekamen die Soldaten Zigaretten und wir bekamen Rahmbonbons". Ein anderer Hitlerjunge berichtete später. "Wir nahmen die Schule nicht mehr ernst, ja, wir haben mit der Schule telefoniert, es sei "Edelweiß". Edelweiß war das Codewort für Voralarm. Stimmte aber gar nicht und dann sind wir statt in die Schule, nach Cannstatt irgendwo ins Cafe." Sieben Tage darauf am 18. Februar 1943, proklamierte Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels im Berliner Sportpalast den "Totalen Krieg". Es ist seine Antwort auf die von den Alliierten während der Konferenz von Casablanca erhobenen Forderungen nach einer "bedingungslosen Kapitulation".



Am selben Tag werfen im Lichthof der Münchner Universität Mitglieder der Widerstandsorganisation "Weise Rose", die Studenten-Geschwister Sophie und Hans Scholl, Flugblätter mit einem Aufruf gegen Hitler. Sie werden von der Gestapo festgenommen und drei Tage später mit ihrem Freund Christoph Probst zum Tode verurteilt. Vorher traf Sophie Scholl, Susanne Hirzel in Stuttgart. Der Freundeskreis um Jenny und Eugen Grimminger versorgte die "Weiße Rose" mit Geld und Sachmittel. Im Cafe Rosenstöckle treffen sich die Hirzel Geschwister Hans und Susanne mit Sophie Scholls Bruder Hans, der mir dem erbetenen Geld von Grimminger zurückkommt: "Der Hans Scholl hat Kirschkuchen gegessen, das weiß ich noch ganz genau, und hat die Steine so rausgespuckt und war in einer wahren Euphorie. Er hat gedacht: "Jetzt können wir etwas machen. Jetzt werden es die Spatzen von den Dächern pfeifen. Er war ganz glücklich und überschwenglich, aber auch ernst", erinnert sich Susanne Herzel an diese letzte Begegnung: "Und die Sophie, die ging da die Römerstraße runter und da hab ich sie zum letzten Mal gesehen." Damals sagte sie: "Wenn jetzt der Hitler entgegenkäme und ich hätte eine Pistole, dann würde ich ihn niederschießen. Wenn es die Männer nicht machen, dann muss es eben eine Frau machen." Einige Tage später bringen Hans und Alexander Schmorell erstmal in den Straße von München die Parole an: "Nieder mit Hitler – Freiheit – Hitler, Massenmörder". Beteiligt an der nächtlichen Wiederstandsaktion ist auch Jürgen Wittenstein ein weiterer Stuttgarter im Kreis der Weißen Rose. Wieder an einem Donnerstag, dem 20. Juli 1944 unternimmt Oberst Graf Claus Schenk von Stauffenberg im Führerhauptquartier "Wolfsschanze" in Rastenburg (Ostpreußen) ein Attentat auf Hitler. In der Überzeugung, ihn getötet zu haben, löst der in Stuttgart geborene Stauffenberg den Staatsstreich aus, der jedoch wenige Stunden später scheitert (siehe Albstadt: Stauffenberg).

Ein weiteres Datum welches Hitlergegner in Stuttgart auch schaudern ließ: Sonnabend, 14. Oktober 1944, Generalfeldmarschall Erwin Rommel, der populäre deutsche Heerführer des Zweiten Weltkrieges stirbt in Herrlingen. Die Generäle Burgdorf und Maisel überbrachten ihm Hitlers Ultimatum, das die Wahl zwischen einem Verfahren vor dem Volksgerichtshof oder Selbstmord ließ. Für den Fall der Verweigerung des "Freitodes" wurden Repressalien gegen seine Familie angedroht. Rommel sollte damit seine Verbindung zu den Verschwörern vom 20. Juli 1944 büßen. Der Generalfeldmarschall hatte zwar ein Attentat abgelehnt, war aber dafür gewesen, Hitler wegen seiner unverantwortlichen Kriegsführung und Unrechtspolitik verhaften und aburteilen zu lassen. "Es wirkt in drei Sekunden", sagte General Burgdorf zu Rommel, als er ihm die Giftkapsel überreichte, Hitler ehrte Rommel anschließend, der laut Propaganda angeblich einer schweren Kopfverletzung erlegen ist, in scheinheiliger Weise mit einem Staatsbegräbnis.

Spätestens ab Mitte 1944 wurde nur noch diskutiert, wie man dem Endkampf-Inferno entgehen könnte. So fragte man auch auf den Fildern und im Neckartal: "Was sollen die Alten und Kinder gegen Panzer und viermotorige Bomber tun?" Oder: "Wenn Heinrich Himmler es fertig bringt, einen Panzer mit Dreschflegel und Sense zu erledigen, dann soll er es vormachen". Fast jeder versuchte jetzt dem Volkssturmdienst zu entgehen oder sich zu drücken.

Zur moralischen Aufrüstung druckte der NS-Kurier von nun an unter der Rubrik "Wie es damals war" täglich Erinnerungsberichte an die Befreiungskriege gegen Napoleon, sowie markige Worte Fichtes, Arnd, Gneiseman und anderer Patrioten.

Unter der Headline "Ein gewaltiges schwäbisches Aufgebot" schrieb die Parteipostille, dann voller Überzeugung: "Die Appelle an alle Ortsgruppen der NSDAP haben den Beweis erbracht, dass uns der Befehl des Führers in voller Bereitschaft fand und im Schwabenvolk noch ungeheure Kraftreserven stecken".

Die Realität jedoch sah völlig anders aus: "Das einzige Uniformstück der Volkssturm-Männer war eine Armbinde." Die Bewaffnung war unzureichend, der Vorrat an Panzerfäusten gering. Quasi ein "verlorener Haufen".



Am 9. Dezember 1944 verfügte Heinrich Himmler zusätzlich die Eingliederung der Angehörigen der inneren Verwaltung in den Volkssturm. Stuttgarts Bürgermeister Strölin hatte es bereits als selbstverständlich bezeichnet, dass jeder städtische Bedienstete beim Volksturm mitmache. Keiner wollte aber so richtig an den wöchentlichen Volkssturmübungen teilnehmen. Umfangreiche Reibereien waren die Folge. Denn der Volkssturm-Alltag spielte sich vorwiegend Sonntags ab. Am 10. Dezember 1944 wurde die 1. Volkssturm-Kompanie der Ortsgruppe Möhringen-Ost erstmals zu einem Treffen an der Plieninger Straße befohlen. Jede Gruppe, acht Männer und ein Führer mussten neun Spaten und Schaufeln sowie drei Pickel mitbringen. Auf dem Programm standen Schanzarbeiten, die Ausbildung an Panzerfäusten, Gasschutz und Orientierungslehre, selbst der Marschgesang wurde fleißig eingeübt. Wohl gemerkt, nur geübt, denn fröhlich singen konnte schon längst keiner mehr richtig. Die vielen Fliegeralarme und Angriffe hatten die Stuttgarter zermürbt.

Nach den Luftangriffen herrschte bei den Ausgebombten eine regelrechte Apathie. Die Nazis rühmten diese vermeintliche Gelassenheit sogar als tapferes Durchhaltevermögen. Es waren aber eigentlich Starrezustände, reine Schutzmechanismen der Seele gegen die allgegenwärtigen Kriegsgreuel. Einige reagierten auch mit Wut. Ein Zeitzeuge erinnert sich: "Als im Stollen die Meldung durchging, dass die Häuser in der eigenen Straße getroffen wurden. Das ging von Mund zu Mund, da hieß es, dass das Haus der Frau die neben uns saß getroffen wurde und total zerstört war. Die ist fast wahnsinnig geworden und hat dermaßen auf Hitler geschimpft, obwohl einer in brauner Partei-Uniform direkt daneben saß. Bei den Rettungsarbeiten gab es auch absurde Situationen." "Es herrschte natürlich allgemeines Chaos," erinnert sich Hans Lembach. "Menschen wollten aus brennenden Wohnungen dies oder jenes retten und warfen alles auf die Straße herunter, darunter völlig sinnlos sogar einmal ein Konzertflügel: Rums, aus dem zweiten Stock! Irrational und abgehärtet oder besser gesagt abgestumpft war man damals. Bei einem anderen Angriff wurde eine Frau durch Splitter völlig zerfetzt, bis auf den Kopf. Der war noch da. Der nächste Angriff erfolgte kurz darauf. Wieder fielen Sprengbomben. Damit der Kopf geborgen wird legte ihn ein Hausbewohner in einen Zinkeimer und stellte ihn hinter das Haus. Bis der Luftschutzwart nach dem Angriff wieder aus dem Keller kam, war der Eimer gestohlen, und der Kopf lag im Schutt. So hart war man damals. Man hat nur noch denken können, hoffentlich erwischt es mich nicht. Alles andere war egal. In dieser Extremsituation hatte man keine Energie und kein Mitleid mehr. Die von den Nazis viel beschworene Volksgemeinschaft war dahin".

Stuttgart war Anfang 1945 stark zerstört, die Infrastruktur lahmgelegt. Beim Ernährungsamt waren noch 282.000 Personen, davon 35.000 Ausländer gemeldet. Nicht jeder der hier geführt wurde, wohnte noch in der Stadt, andererseits waren manche zurückgekehrt, ohne sich wieder anzumelden. Übliches Kriegschaos. Die Stadtverwaltung hatte 185.942 "Obdachlose" Personen registriert. Die Suchkartei umfaßte rund 52.000 Blatt, über 34.000 Ausweise für Total- und über 96.000 für Schwergeschädigte hatte die Dienststelle ausgegeben. Rund 4.000 Menschen waren den Luftangriffen in der Stadt zum Opfer gefallen, im Vergleich zu anderen Städten Württembergs (Ulm, Heilbronn und Friedrichshafen) eine relativ niedrige Zahl.



Noch aber standen schwere Angriffe bevor. Ein Doppelschlag in den Abendstunden des 28. Januar 1945 brachte 119 Menschen den Tod. Die erste Angriffswelle mit 186 Kampfflugzeugen galt den Werksanlagen von Bosch in Feuerbach, der zweite Angriff mit 353 Bombern richtete in Weil im Dorf und in Botnang große Verwüstungen an. Bei Weil im Dorf befand sich eine Scheinanlage, die bei Luftalarm Lichtmarkierungen setzte um die angreifenden Bomber irre zuführen und zum Abwurf ihrer Bombenlast in freiem Gelände zu veranlassen. Jahre zuvor hatte man solch eine Tarnanlage schon in Lauffen am Neckar ausprobiert. Die Geburtsstadt Hölderlins, der kleine Weinort am Neckar kassierte deswegen über 40 Fliegerangriffe, bis die Alliierten durch neu erfundene Radartechnik merkten, dass sie noch gar nicht in Stuttgart waren.

In Weil im Dorf sollte es besser klappen, den hier stimmten jetzt die Radarortung mit dem Angriffsziel "Stuttgart" überein. Sei es, dass die Besetzung der Weil im Dorfer Scheinanlage nicht sorgfältig gearbeitet hatte, sei es dass sich die englischen "Pfadfinder", die das Ziel markierten, sich nicht irritieren ließen – die Einwohner von Weil im Dorf bekamen jedenfalls den totalen Luftkrieg erstmals Ende Januar 1945 in vollem Umfang zu spüren. Die Weil im Dorfer hatten sich mehrfach gegen die Scheinanlage gewehrt und noch im September 1944 lebhaft gegen den Ausbau protestiert, weil die Täuschungsanlage Angriffe auf Stuttgart direkt nicht verhindert habe. Nach dem letzten schweren Angriff wurden sogar die Offiziere der Anlage offen beschimpft. Der Ortsgruppenleiter von Weil im Dorf stimmte in diese Attacken zwar nicht ein, forderte jedoch von der NSDAP-Kreisleitung und der Stadtverwaltung einen besseren Schutz für die Zivilbevölkerung durch den Ausbau von Pionierstollen.

Luftangriff auf Luftangriff folgten auf Stuttgart. Die Sirenen konnten gar nicht so schnell heulen, wie die Bomben fielen. Man kam kaum noch in die Bunker. Bomben überraschten die Flüchtenden meist schon vor den Eingängen, wie beim Wagenburgtunnel. Auch im Rathausbunker brach Panik aus, sogar Kinder wurden rücksichtslos niedergetrampelt. Der Polizeipräsident kritisierte, dass bei Fliegeralarm zur Tageszeit viele Volksgenossen, teilweise sogar Kinder, gruppenweise auf den Straßen standen und dem Inferno zuschauten. Die Disziplin im letzten Kriegsjahr war dahin. Zerstörung überall, auch im öffentlichen Nahverkehr gab es erhebliche Einschränkungen, dem Fernverkehr mit Schnell- und Eilzügen hatte die Reichsbahn freiwillig eingestellt.



Für Fahrten über 75 Kilometer Entfernung mussten die Reisenden Sonderbescheinigungen vorlegen. Gleisanlagen waren durch Bombenangriffe stark zerstört und trotz erstaunlicher Leistungen der Instandsetzungsdienste musste man viele Strecken zu Fuß bewältigen. Dabei war gerade in diesen Wochen die Zahl der Pendler aus Stuttgart nicht gerade gering, zahlreiche Behörden und Körperschaften hatten ihren Sitz ins Remstal evakuiert, während im Neckartal zwischen Plochingen und Tübingen viele Rüstungsfirmen Verlagerungsbetriebe unterhielten.

Pendelten anfänglich die Beschäftigten häufig zwischen Stuttgart und den verlagerten Rüstungsbetrieben hin und her, so zwangen die katastrophalen Verkehrsverhältnisse dazu sich auswärts ein Zimmer zu mieten. Andererseits waren viele Stuttgarter in Nachbargemeinden gezogen um den Bomben auf die Landeshauptstadt zu entgehen.

Um die Bahn-Strecken in Betrieb zuhalten wurden perfiederweise KZ-Häftlingen eingesetzt. Denn die Arbeit war höchst gefährlich. Schon im Oktober 1944, wohl in grausamer Voraussicht der lebensgefährlichen Arbeiten, traf die 7. SS-Eisenbahnbau-Brigade in Stuttgart ein, sie war im Konzentrationslager Auschwitz mit etwa 380 polnischen, 120 sowjetischen und einigen deutschen Häftlingen zusammen gestellt worden und wurde per Bauzug unter strenger Bewachung von Einsatzort zu Einsatzort kutschiert. Dieses rollende KZ, dessen Insassen zuvor in Karlsruhe Bombenschäden beseitigt hatte, stand zunächst 14 Tage lang in einem Tunnel am Nordbahnhof, ab Mitte November 1944 wurde der Zug direkt vor dem Tunneleingang abgestellt. Hinzu kam noch die SS-Eisenbahnbau-Brigade mit 500 Häftlingen aus dem KZ-Sachsenheim und die XI. SS-Baubrigade, ebenfalls in Konzentrationslager Sachsenhausen aufgestellt hinzu. Die IX. Baubrigade kam anschließend in Offenburg und Darmstadt zum Einsatz und wurde Ende März 1945 in das KZ Mauthausen bzw. dessen Außenkommando Ebensee in Österreich gebracht. Wie viele Häftlinge dort noch die Befreiung erlebten ist unbekannt. Von der 8. SS-Eisenbahnbau-Brigade, die in Stuttgart und auch in Offenburg, Darmstadt, Frankfurt und Kassel, in Sachsen und in der Tschechoslowakei im Einsatz waren, starben neun Häftlinge in Stuttgart, 68 Männer wurden zu Tode erschöpft, in die Konzentrationslager Sachsenheim und Dachau überstellt, sie waren nicht mehr arbeitsfähig. Jeder kann sich heute vorstellen, was dann mit ihnen passierte.



Die 7. SS-Eisenbahnbau-Brigade blieb bis zum 1. April 1945 in Stuttgart stationiert. Die Häftlinge mussten die Trassen für eine Zweigbahn vorbereiten. Wieviele aufgrund der schwersten Erdarbeiten bei unzureichender Bekleidung, Hungerkost und der unmenschlichen Unterbringung im Zug den ganzen kalten Winter über starben ist nirgendwo festgehalten. Arbeitsunfähige wurden zum Sterben nach Buchenwald und immer wieder nach Sachsenhausen transportiert. Die Räder des Todeszuges rollten zum letzten Mal über Schussenried und Ulm am 1. April 1945 in Richtung Dachau. Eine letzte Spur dieser gequälten Eisenbahnbau-Häftlinge fand man an der Zellentür der Stuttgarter Gestapo-Zentrale "Hotel-Silber": Die Inschriften stammten von russischen, polnischen und französischen Gefangenen. Unter den vielen Namen auch der des polnischen KZ-Häftlings Capo Michat, der mit der 7. SS-Eisenbahnbau-Brigade von Auschwitz nach Stuttgart verschleppt wurde: "Capot Michat 3.4.45. 7. SS-Baubrygady K. L. Auschwicy Gef. N. 162252 Polak Radom Zeromskrieg 3".



Im Januar 1945 verschlechterte sich die Situation für die gesamte Bevölkerung auch in Stuttgart rapide. Organisatorische Schwierigkeiten wurden immer deutlicher: "Das Verwaltungspersonal war schließlich die meiste Zeit im Bunker. Schon Ende Januar kamen die Erlasse des Reichsernährungsministeriums nicht mehr rechtzeitig an." Auch innerhalb Württembergs war die behördliche Kommunikation durch die Endkriegslage bedingt, kräftig gestört. Das Landesernährungsamt saß ausgelagert in Schorndorf, der Milch-, Fett- und Eierwirtschaftsverband in Geradstetten, der Getreidewirtschaftsverband in Weißenstein bei Göppingen und das Wirtschaftsministerium in Schwäbisch Gmünd. Lebensmittelkarten die auswärts an verschiedenen Orten gedruckt wurden konnte nur mit Mühe rechtzeitig vom städtischen Ernährungsamt abgeholt werden. "Der Krieg war oft schneller am Ort als der Verwaltungsapparat mit der Verteilung der Lebensmittelkarten fertig war!"

Zu Beginn der 72. Versorgungsperiode, die am 5. Februar 1945 begann, kürzte der Ernährungsminister die Rationen. Die Schwarzbrot Zuteilung um ein Kilogramm, das waren über 25 %. Bei Weißbrot, das gegen Fleisch eingetauscht oder anstelle von Kartoffeln bezogen werden konnte, blieben die Rationen gleich, ebenso bei Fleisch. Außerdem gab es für jeden statt 250 Gramm nur noch 125 Gramm Käse und statt 550 Gramm nur 250 Gramm Nährmittel. Dabei erhielten die Stuttgarter nicht immer die ihnen zustehenden Rationen. Es gab sogar Familien die kein Stück Brot mehr im Haus hatten.



Im Februar 1945 blieben auch die Lieferungen aus dem Osten in Höhe von 4.000 Tonnen Getreide aus, nachdem dort die Rote Armee eingezogen war. Da Mehl ohnehin knapp war, musste auch hier gekürzt werden. Man erlaubte den Bäckern eine Beimischung von 30 statt 10 % Gerstenmehl zum Schwarzbrot. Reichsstatthalter Murr genehmigte den Tausch von einem Kilogramm Brot, man höre und staune, gegen 400 Gramm Fleisch. Denn bei der Fleischproduktion war Württemberg Überschußgebiet. Schwierig war die Versorgung dagegen mit Gemüse und Kartoffeln. Der Oberbürgermeister und die Kreisleiter riefen daher zum Anbau von Kartoffeln und Gemüse auf jedem freien Grundstück auf. Angesichts der herannahenden Front legte das Ernährungsamt Vorräte an. Es gelang, zusätzliche Transporte von heiß begehrten Kartoffeln, Gemüse und rund 800.000 Eiern nach Stuttgart zu lenken. Jetzt wurden Sonderrationen ausgegeben, als "eiserne Ration".

Als Murr am 3. April 1945 mit dem Stichwort "Schwabentreue" auch die Freigabe der Lebensmittel an den Handel auslöste war dadurch die letzte Regulierung bei der Versorgung Stuttgarts aufgelöst. Der Befehl wurde widerrufen man sprach vom "Kopflosen Dienstag", der zugleich das Ende einer halbwegs geordneten Arbeit in Fabriken und Behörden zufolge hatte. Trotz der unerwarteten Lebensmittelausgabe kam es jetzt immer mehr zu Übergriffen. Jeder war sich selbst der Nächste, Vorboten des totalen Zusammenbruchs. So bemächtigten sich Einwohner von Wangen und Untertürkheim mehrerer Lebensmittelzüge der Wehrmacht auf dem Untertürkheimer Bahnhof.

Die Angst vor der untergehenden Staatsmacht war verflogen. Hauptsache man überlebte, egal wie. Hitler befahl am 19. März 1945, alle militärischen, Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen zu zerstören, "die sich der Feind für die Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen könnte." Während die Wehrmacht für die Zerstörung von militärischen Objekten, Verkehrs- und Nachrichtenanlagen zuständig war, beauftragte Hitler die Gauleiter und Reichsverteidigungs-Kommissare mit der Zerstörung der Industrie und Versorgungsanlagen. Unter dem Stichwort "Cäsar" sollte die Evakuierung der Bevölkerung vorbereitet werden, die Räumung selbst löste das Codewort "Nero" aus und die Zerstörung aller militärischer, industriellen Einrichtungen und der Versorgungsanlagen sollte auf das Stichwort "Schwabentreue" erfolgen. Alle Industriellen fürchteten jetzt mehr denn je die Zerstörung ihrer Werksanlagen. So kurz vor Toresschluß und ausgerechnet durch die eigenen Leute.



Otto Fahr von Werner & Pfleiderer, der Rüstungsobmann und Alfred Knörzer, Vorstandsmitglied bei Bosch suchten am 1. April 1945 daher Oberbürgermeister Strölin in der Schönleinstraße auf. Sie fanden bei ihm ein offenes Ohr – auch für ihre Weigerung, die Fremdarbeiter abtransportieren zu lassen. Gleichzeitig hatte Rüstungsminister Speer mittlerweile auch bei Hitler eine Milderung der Zerstörungsbefehle durchgesetzt. Demnach sollte die "Produktion bis zum letzt möglichen Zeitpunkt" weiterlaufen können. Bei einer weiteren Besprechung im Innenministerium, an der neben Strölin und Gustav Asmuß, Kreisamtsleiter Weber, Polizeipräsident Wicke und der Gestapochef Mußgay teilnahmen, erklärte Minister Schmid, dann dass die staatlichen Behörden die Stadt verlassen würden. Der Polizeipräsident hatte bereits schon einige hundert Schutzpolizisten in Marsch gesetzt, die Insassen von Zuchthäusern und Stuttgarter KZ-Außenanlagen nach Dachau bringen sollten.

Innenminister Schmid, Kreisleiter Fischer und Wehrmachtskommandant Oberst von Scholley lehnten gleichzeitig eine sinnlose Verteidigung und Zerstörung Stuttgarts ab. Diese führenden Männer wollten die noch spärlich vorhandene Infrastruktur für ein Weiterleben nach dem Krieg schonen, Fischer, von Scholley und Strölin begaben sich anschließend zu Wilhelm Murr und verlangten Stuttgart vom Oberkommando der Wehrmacht zur offenen Stadt erklären zu lassen. Murr, ganz Obernazi, lehnte unter Hinweis auf die Bedeutung Stuttgarts als wichtigen Verkehrsknotenpunkt ab. Jetzt setzten die drei auf die Wehrmacht als letztes Instrument.

Auch die TWS-Direktoren Stöckle und Häberle baten die Wehrmachtsführung die Sprengung der Brücken nach Möglichkeit zu vermeiden. Vor allem sollte verhütet werden, dass die mit einigen Neckarbrücke verbundenen Wehre und Wasserkraftanlagen betriebsunfähig gemacht werden. Der Kommandeur der Pioniertruppen Major Schiefer und Oberstleutnant Anderst wollten helfen, erklärten aber dass sie bei Befehl sprengen mussten. Die TWS¹ler meinten daraufhin, dass die Eisenbahnbrücke am Rosenstein für ihre Belange unwichtig sei, ebenso wie die Daimler Brücke. Es sollte jedoch bei einer Sprengung auf die Stauwehre Rücksicht genommen werden. Oberstleutnant Anderst sicherte zu, er wolle dem Kampfkommandanten "einen schriftlichen Hinweis auf die Wichtigkeit der Brücken" und die Bitte um Schonung vorbringen.

Doch diese Phase der Vernunft ging jäh zu Ende, als Standortkommandant Scholley am 7. April 1945 abgelöst wurde. Sein Nachfolger Oberstleutnant Marbach brachte eine schwere Hypothek mit nach Stuttgart. Er hatte die Verteidigung von Karlsruhe aufgegeben und war deswegen zum Tode verurteilt worden, sollte sich aber, da er Ritterkreuzträger war, in Stuttgart noch einmal bewähren. Oberbürgermeister Strölin lief jetzt mit seinen Erhaltungs- und Übergabepläne sprichwörtlich gegen eine Wand. Erst als er Marbachs Vorgesetzten General Kurt Hoffmann, den Kommandeur der 465. Ersatzbrigade in Ludwigsburg, für eine kampflose Räumung Stuttgarts gewinnen konnte, wendete sich das Blatt wieder. Zugleich richtete die Stadtverwaltung auf Weisung Strölins "im Hinblick auf die Feindbedrohung" eine Ausweichstelle in Isny ein. Zum Leiter bestimmte Strölin den Direktor des Personalrates Sauer. Die Ausweichstelle hatte die Aufgabe, die Stadt gegenüber den Stellen zu vertreten, die das von Alliierten Truppen eingekreiste Stuttgart nicht mehr erreichen konnten.

In Isny sollten auch die Kassen- und Buchgeschäfte weitergeführt werden, insbesondere die "Zentrale Buchung der städtischen Gehälter und Löhne". Bei militärischer Bedrohung der Ausweichstelle Isny war Sauer ermächtigt, alles zu vernichten, was "für den Feind unmittelbar von Wert" war. Für diese "Säuberungsarbeit" hatte Sauer bereits beste Erfahrung. Schon am 27. März 1945 hatte ihm Personalreferent Locher in Stuttgart den Auftrag erteilt, die Personalakten der Beigeordneten sowie die bei den Personalakten befindlichen Fragebogen über politische Zugehörigkeit und politische Beanstandungen zu vernichten.

Die französischen Truppen standen schon in Mühlacker, wo am Vormittag des 6. April die Sendeanlage des Rundfunks gesprengt wurde.

Jeder in der Stadt wusste, dass der Krieg verloren war. "Die Stadt ist in Hoffnung, dass die Amerikaner bald kommen". Würden die Nazis die Stadt verteidigen, sie in Trümmer legen lassen, waren wilde Aktionen des "Wehrwolfs" zu befürchten? Denn "Haß ist unser Gebet und Rache unser Feldgeschrei", lautete mittlerweile die Losung des Gaugeschäftsführers Helmut Baumert.

Am 10. April 1945, als Generalfeldmarschall Keitel, Parteichef Bormann und Reichskanzleiboß Lammers einen Befehl zur Verteidigung aller verkehrswichtigen Städte unterzeichneten, rief Reichsleiter Murr im NS-Kurier zu "verbissenem Widerstand" auf und drohte den Württembergern: "Wer sich dem Feind unterwirft, verfällt der Ächtung und der Verachtung. Wer Feindparolen folgt, hat sein Leben verwirkt. Der Kampf um das Leben von 80 Millionen Deutschen kennt keine Rücksichten. Es kennt nur eins: ,Kampf bis aufs Messer, den Feinden unseres VolkesŒ". Der NS-Kurier erfand jetzt neue Durchhalteparolen, er schrieb: "Blicken wir auf den Führer, ihm brennt das Herz. Er trägt eine Verantwortung wie sie kaum jemals ein Staatsmann getragen hat. Halten wir ihm die Treue, wie er dem deutschen Volk die Treue hält!"



Der Landeshauptstadt waren bis 20. April 1945 die Truppen der 1. französischen Armee von Norden und Süden her nach der Einnahme von Tübingen, Reutlingen und der Orte des Schönbuchs und von Osten her die 100. Amerikanische Division in bedrohliche Nähe gekommen. Der kurz vorher zum "Reichsverteidigungskommissar" ernannte Gauleiter Murr bestand im Gegensatz zum Wehrkreiskommandeur General Veiel darauf, die Stadt bis zum äußersten zu verteidigen, ebenso starrsinnig hielt er am Befehl für die zwangsweise Räumung der Bevölkerung und die Sprengung der Brücken fest.

In dieser Lage entschloss sich Oberbürgermeister Strölin dazu, Verbindung mit dem Feind aufzunehmen. Bereits am 10. April 1945 ließ er durch einen Mittelsmann, der in der Nacht per Fallschirm abgesprungen war, mitteilen, dass er zur Übergabe Stuttgarts bereit sei. Der Nervenkrieg um die Brücken und Versorgungsanlagen war unterdessen unvermindert weiter gegangen. Der Oberbürgermeister versuchte, Kampfkommandant Marbach dazu zu bewegen, auf eine Verteidigung zu verzichten und Stuttgart zur Lazarettstadt erklären zu lassen. Aber am 12. April 1945 befahl Heinrich Himmler rigoros: "Keine deutsche Stadt wird zur offenen Stadt erklärt. Jedes Dorf und jede Stadt wird mit allen Mitteln verteidigt". Am selben Tag wurde vom Rüstungsbevollmächtigten entschieden, dass nunmehr das Kraftwerk Münster lahmzulegen sei. Wer nicht mitmache, so die Sprachregelung, oder die NS-Führung irgendwie behindere, habe sein Leben verwirkt. Die Situation war äußerst gespannt. Am Berger Steg sabotierten Soldaten die Zerstörung, indem sie – vom Brückenkommandanten unbemerkt – die Zündungen entfernten. Viele Soldaten und mutige Zivilisten hatten in Württemberg und im ganzen Nazi-Reich bereits mit dem Leben dafür bezahlt, dass sie sinnlose Verteidigung verweigerten. Mit Schrecken hörte man die Nachrichten standrechtlicher Erschießungen von Bürgern in Heilbronn und Brettenheim.

Die französischen und amerikanischen Soldaten marschierten immer schneller auf Stuttgart zu. Im Hohenlohischen und in Heilbronn wurden die Amerikaner wegen heftigen Widerstands kurz aufgehalten. (s.u. Heilbronn, "Die Hundertmänner kommen"). Dadurch stießen die Franzosen schneller als erwartet vor und kreisten von Norden, Westen und Süden Stuttgart ein, während die Amerikaner vom Remstal her auf die Stadt vorrückten. Obwohl sich die USA ausdrücklich die Besetzung Stuttgarts vorbehalten hatte, verlangte General de Gaulle von seinen Militärs die Stadt vorher einzunehmen, als Faustpfand sozusagen für spätere Verhandlungen bei der Aufteilung der Besatzungszonen.

Die Tage vor dem 20. April 1945 waren auf deutscher Seite durch die Absatzbewegungen der Reichs-, Landes- und Parteidienststellen und die Vernichtung der belastenden Akten gekennzeichnet. Während die Gestapo ihre Akten in Metallbehälter verlud, konnte man an vielen Stellen in der Stadt brennende Aktenhaufen sehen. Stuttgart konnte man nur noch über das Neckartal in Richtung Schwäbische Alb verlassen. Diese Gelegenheit nutzten die NS-Funktionäre, die sogenannten Goldfasanen, zur Flucht, an ihrer Spitze Murr und Mergenthaler, der zuletzt auch die SA-Gruppe Neckar geführt hatte.

Später, am 14. Mai 1945, vergiftete sich in der kleinen Gemeinde Egg im österreichischen Vorarlberg das Ehepaar Walter und Luise Müller aus Ulm, kurz nachdem es von französischen Besatzungstruppen verhaftet worden war. Erst ein Jahr später stellte sich heraus, dass es sich bei beiden Toten um den ehemals mächtigsten Mann in Württemberg, Wilhelm Murr und seine Frau Lina handelte. Obwohl der stellvertretende Hauptschriftleiter des NS-Kuriers, Hermann Hirsch, von einem "standhaften Herz" auf den Trümmern sprach und die letzte Schlagzeile am 20. April 1945 im Blatt lautete: "Im Unglück nicht feige, sondern trotzig werden!" verkrümelten sich die Nazibonzen in Massen. Nur wenig ehemalige Mandatsträger, wie z.B. Strölin, stellten sich ihrer Verantwortung und erwarteten die Besetzung. Den meisten Grund zur Flucht vor den Alliierten hatten natürlich die alten Schergen der Gestapo. Nachdem bereits Anfang April 1945 KZ- und Zuchthausinsaßen nach Dachau in Marsch gesetzt worden waren, zogen Gestapo-Häftlinge aus dem von französischen Truppen bedrohten Schloss Kaltenstein bei Vaihingen/Enz ins Stuttgarter Gestapo-Gefängnis nach, wo die Räumung gleichsam begonnen hatte. In diesen Tagen ermordeten die Gestapoleute in Stuttgart noch eine unbekannte Zahl von Häftlingen, darunter auch zwei Frauen. Eine von ihnen, Else Josenhans aus angesehener jüdischer Familie und durch den nichtjüdischen Ehemann bisher geschützt, war bei Fluchtvorbereitungen in die Schweiz einem Spitzel ins Netz gegangen und wurde gnadenlos ermordet. Willi Bohn, der damals bekannte Redakteur der süddeutschen Arbeiterzeitung und Widerstandskämpfer, der ebenfalls von Kaltenstein nach Stuttgart verlegt worden war, berichtete später von Giftmorden an einem polnischen und einem französischen Juden im "Hotel Silber". Während auf den Fildern schon die Franzosen einzogen, rollten in der Nacht "die schwerbeladenen" Lastwagen mit Gestapo-Größen, ihren Bekannten, Frauen und Häftlingen als Hilfskräfte aus Stuttgart hinaus, unter ihnen auch Willi Bohn.



Als Inbegriff des Terrors in Stuttgart galt das "Hotel Silber", von 1933 bis 1945 Sitz der Gestapo. Das ehemalige Nobelhotel, 1844 als Gasthof "zum Bahnhof" eröffnet, war für viele, die sich der Nazityrannei widersetzten, erste Station eines Leidensweges, der durch Zuchthäuser und Konzentrationslager führte und oft mit dem Tod endete. Chef der berüchtigten Gestapo-Zentrale "Hotel Silber", war der ehemalige Polizeiinspektor Mußgay. Nach der Festnahme erhängte er sich im Internierungslager Ludwigsburg. Er war mit verantwortlich, dass in der Nacht vom 10. auf 11. April 1945 vier Menschen im "Silber" gehängt wurden. SS-Hauptscharführer Anton Dehm gestand 1946 die Morde und berichtete auch über den Tod von Else Josenhans: "Ja, ich habe das Weib gehängt. Aber zuerst ist die Schnur abgekracht. Die Frau sagte zu mir: Sie haben doch auch eine Mutter, lassen sie mich doch am Leben. Da schlug ich ihr aufs Maul und dann habe ich Sie vollends aufgehängt". 1952 wurden die Ermittlungen gegen Dehm, der sich auf die Befehle Mußgays berief, eingestellt.

Die letzten Tage des Krieges waren auch in Stuttgart von einer seltsamen Stimmung gekennzeichnet: Auf der einen Seite hofften viele auf ein Ende des Krieges. Auf der anderen Seite gab es immer noch die jenigen, die noch einen Sinn im Kämpfen sahen und den bis zuletzt gepaukten Parolen vertrauten: "Die Entscheidung des Krieges fällt immer erst in der letzten Schlacht", oder: "Ein Volk das Entschlossen ist, zur Verteidigung seines Lebens jedes Mittel, auch das kühnste und verwegenste anzuwenden, ist schlechterdings unschlagbar".

Als die alliierten Truppen immer näher rückten, vergruben viele Stuttgarter Wertgegenstände im Garten und schmissen die Symbole des untergehenden Nazireiches einfach weg. Überall in den Wäldern lagen, Gewehre, Handgranaten, Panzerfäuste rum. Mancher Bauer hatte plötzlich drei bis vier Knechte: Soldaten, die die Uniformen einfach ausgezogen hatten und zuvor noch nie eine Mistgabel in der Hand gehabt, geschweige denn jemals einen Viehstall ausgemistet hatten, warteten nur auf einen günstigen Augenblick, in dem sie es wagen konnten, sich nach Hause durch schlagen zu können.

Es geschahen Dinge, die man sich nur zwei Stunden vorher nie erlaubt hätte: Im Postgebäude von Plattenhardt hing noch ein Hitlerbild an der Wand, sein Konterfei wurde wütend die Kellertreppe hinunter geworfen. Hakenkreuzfahnen wurden in Öfen gesteckt und in Mostfässern verborgen, zu Kopftüchern oder Röcken umgeschneidert. Im Garten der Villa Reizenstein wurden ebenso Akten verbrannt, wie im Arbeitsamt. Wer Parteigenosse war, versuchte sich zu distanzieren. Keiner will dabei gewesen sein oder gar verantwortlich. Die braun- und goldgeschmückten Parteiuniformen wanderten schnellsten in die Öfen.

Die großen Bonzen waren auf der Flucht, meist in feldgrauen Uniformen, die sie nicht mehr so leicht als Nazi-Größen identifizierbar machten. So auch an der Panzersperre in Feuerbach: Der Parteigenosse mit dem Auto befahl den Volkssturmleuten, man solle sofort die Sperre aufmachen, er müsse da durchfahren, zur Befehlsausgabe nach Stuttgart. Ihm wurde gesagt: "Jetzt ist Panzeralarm, da gelten keine anderen Befehle, wenn er unbedingt nach Stuttgart wolle, dann könnte er über die Sperranlage ein Fahrrad lupfen und nach Stuttgart radeln." Der Parteigenosse zog daraufhin wutentbrannt von dannen, natürlich wollte er sich nur aus dem Staub machen. Auf die anderen Volkssturmmänner hat dieser feige Parteiführer natürlich auch seine Wirkung gehabt. Wen sollte man noch verteidigen? Jeder schlich sich auf seine Weise nach Hause. Der Goldfasan geflohen und die Panzersperre hatte seine Verteidiger verloren.

Adolfs Geburtstag, am 20. April 1945, an diesem Tag interessierte sich keiner mehr dafür. Zum ersten Mal seit 12 Jahren ging er sang- und klanglos vorüber. Die Bevölkerung zog sich in die Keller und Bunker zurück. In den Abendstunden, an Hitlers Geburtstag, nahm die alliierte Artillerie die Innenstadt sowie die Stadtteile Zuffenhausen, Weil im Dorf und Gablenberg, später auch Bad Cannstatt unter Feuer.

Gegen 18 Uhr besetzten Einheiten der 5. Französischen Panzerdivision Plieningen und rückten gegen Möhringen vor. Am nächsten Morgen flogen die Neckarbrücken in die Luft. Das Vordringen der Amerikaner sollte erschwert werden. Gleichzeitig rückten französische Kampfeinheiten in Möhringen und Riedenberg, gegen Mittag in Sillenbuch und am Nachmittag in Heumaden und Hedelfingen ein. Ein französischer Offizier forderte Oberbürgermeister Strölin telefonisch zur Übergabe der Stadt auf. Strölin vermutete eine Falle der Nazis und verband den Offizier mit dem Kampfkommandanten von Stuttgart. Er teilte kurz darauf Strölin mit: "Ich habe den Befehl gegeben, die Stellungen zu räumen, Artillerie deckt den Rückzug". Die Wehrmacht zog sich über Obertürkheim in Richtung Schwäbisch Hall zurück. Gegen 21 Uhr zerstörte die deutsche Nachhut die letzte verbliebene Straßenbrücke über den Neckar bei Untertürkheim.

Die Franzosen hatten es eilig, Stuttgart einzunehmen. Denn nach alliierten Vereinbarungen gehörte die Stadt zum amerikanischen Besatzungsgebiet. Doch die Gelegenheit war zu günstig. Die deutsche Wehrmacht befand sich in Auflösung und die Amerikaner waren in Heilbronn aufgehalten. Es lief anders als geplant und führte später sogar zum Eklat zwischen General Eisenhower und de Gaulle. Eigentlich wollten die Amerikaner mit ihrer 13. Luftlande-Division südlich von Stuttgart abspringen, einen Flugplatz erobern und einen Brückenkopf bilden, um deutsche Fluchtrouten in Richtung "Alpenfestung" abzuschneiden.



Ein Hauptgrund, warum der amerikanische General Devers die amerikanischen Truppen vor dem französischen Vorstoß südlich und östlich von Stuttgart wissen wollte, bestand darin, dass in dieser Region eine Spezialtruppe mit dem Codenamen Alsos-Gruppe unterwegs war: Sie jagte die deutsche Atombombe. Der Alsos-Mission war sehr daran gelegen, Wissenschaftler und Forschungsunterlagen zu fassen, bevor sie in französische Hände fielen. Der Militärbefehlshaber der Alsos-Gruppe fuhr mit seiner Eskorte in Stuttgart herum und dann durch französisch besetztes Gebiet nach Freudenstadt. Von dort aus bluffte er sich regelrecht durch die vordersten französischen Stellungen. Seine Gruppe drang nach Hechingen vor, nahm die Wissenschaftler in der Stadt gefangen und fand das deutsche Atomforschungs-Zentrum in einem nahegelegenen unterirdischen Felskeller in Haigerloch. Ein bedeutender Schritt für die amerikanische Atomforschung in Los Alamos. Auch Unterseeboot U-23, das zuvor in Norwegen mit dem Ziel Tokio gestartet war, wurde zum Riesenschnäppchen für die Amerikaner. Es wurde vor der amerikanischen Küste kurz nach der Kapitulation und dem obligatorischen "setzen der Flagge Blau", mit dem sich alle Kriegsschiffe Hitlerdeutschlands auf See ergeben mussten, übernommen. An Bord: japanische Offiziere die gleich darauf Harakirie begangen, Geheimpläne von Düsenflugzeugen und das Wichtigste: Ein Behälter mit der Aufschrift U 24, waffenfähiges Uran.



Nachdem die französischen Soldaten die schwache Gegenwehr einiger Fanatiker und verblendeter Kindersoldaten bei Möhringen und Vaihingen kraft ihrer Überlegenheit gebrochen hatten, begann in den späten Nachmittags- und Abendstunden des 21. April die Besetzung Stuttgarts. Von Norden her rückte das 152. Infanterieregiment der 1. Französischen Armee in Stammheim und Zuffenhausen ein. Am Abend näherten sich von Degerloch die ersten Panzer der Innenstadt.

Ein deutscher Leutnant erschoss in Stammheim einen Landwirt, der sich nur einen Scherz über die Freundlichkeit der Franzosen erlaubt hatte, die ihn ungehindert hatten passieren lassen. Sinnlos, wie so manches in diesem Krieg kurz vor Schluß. Auch an der zerstörten Rosensteinbrücke kam es zu Schießereien, in deren Verlauf zwei französische Soldaten "in den Neckar geworfen" wurden. Zur Vergeltung erschossen die Franzosen ebenso sinnlos einen Arzt, dessen Unschuld sich bald herausstellte und bestimmten einige hundert Bürger wahllos als Geiseln. An diesem Tag soll auch der Ortsgruppenleiter von Cannstatt im Kursaal gehängt worden sein, unklar ist, ob daran Deutsche oder Besatzungsoldaten beteiligt waren.

Vielen Soldaten schien ihr Tun in den letzten Tagen des Krieges völlig überflüssig. Da kann was nicht stimmen, sagte man sich. Das ist gnadenlos, was man hier tut. Man wusste ja, dass alles mehr oder weniger schon kaputt und tot war, doch hörte man nicht auf. Und dann die Durchhalteparolen. Da war es nur noch reine Angst, dass man, wenn man nicht mitmachte, vor dem Standgericht landete. Das war wohl tatsächlich eine wichtiger Grund, warum die meisten Soldaten weitermachten. Feldgendarmerie oder SS-Streifen erschossen oder erhängten schnell jeden, der verdächtigt war nicht mehr kämpfen zu wollen. Die Philosophie der Hitler-Anhänger und Mitläufer wurde immer härter. Vor allem die jüngeren quälte in dieser Zeit die Frage: "Besteht denn Aussicht auf den Endsieg? Wir haben doch noch Wunderwaffen! Wir müssen siegen!" Es fiel ihnen einfach schwerer als den älteren Soldaten, angesichts des ohnehin sicheren Ende des Krieges, das eigene Überleben in den Vordergrund zu stellen und sinnloses Töten zu vermeiden. Zu tief saßen bei ihnen die jahrelang eingehämmerten angeblichen Tugenden: Pflicht, ein deutscher Mann ergibt sich nicht, Treue zum Vaterland, Verteidigung der Kinder, Frauen und Geschwister, aber vor allem die Perspektivlosigkeit: Sie kannten keine Alternativen zum Nazi-Staat.

Am 22. April 1945 vollzog sich dann der letzte Akt der nationalsozialistischen Herrschaft in Stuttgart. Oberbürgermeister Strölin hatte am frühen Morgen dieses Tages eine Verbindung zur französischen Führung erreicht, ein Offizier holte ihn jetzt zur Übergabe der Stadt ab. Das französische Hauptquartier befand sich im "Gasthof zum Ritter" in Degerloch. Dr. Kurt Strölin berichtete: "Es war ein strahlend schöner Tag. Der Krieg schien für Stuttgart zu Ende. Meine Aufgabe war erfüllt. Wir hielten vor dem Gasthofs zum Ritter, Panzerwagen und Militärlastwagen versperrten die Straße, Trupps gefangener deutscher Soldaten und Volkssturmleute wurden vorüber geführt. Ich musste kurze Zeit warten, dann wurde ich zum kommandierenden General geführt. Als ich ihm gegenüberstand, erklärte ich: "Oberbürgermeister von Stuttgart. Ich übergebe die Stadt. Es war der 22. April 1945, 11 Uhr vormittags." Die Tatsache, der Übergabe der Stadt wurde um 12 Uhr mittags im Rundfunk bekanntgegeben. Während in Cannstatt gegen 14 Uhr von Fellbach her Teile der 100. Amerikanischen Division einrückten, war im Stadtgebiet links des Neckars die 3. algerische Infantriedivision eingerückt, das Infantrieregiment 152. Im Norden zwischen Zuffenhausen und dem Neckar, im Nordwesten in Feuerbach das Regiment 49, und das 3. algerische Jägerregiment, im Südwesten in Heslach das 4. tunesische Jägerregiment, in Vaihingen eine Gruppe marokkanischer Jäger und Teile der 5. französischen Panzerdivision im Süden von Degerloch her über die Geroksruhe und die neue Weinsteige.

Hitler meditierte an diesem Tag im Bunker der Reichskanzlei über Selbstmord und erklärte: "Ich hätte diesen Entschluss, den wichtigsten meines Lebens, schon im November 1944 fassen sollen und das Hauptquartier in Ostpreußen nicht mehr verlassen dürfen".Er spricht es dahin, obwohl er genau weiß, dass er seit Ende 1944 eigentlich nur noch hat kämpfen lassen, um eben diesen Entschluss so lange wie möglich hinaus zögern zu können. Nachdem er sich fünf Tage später dazu entschloß, seinem Leben in Berlin ein Ende zu setzen und "den ganzen Zinnober" zurücklassen, wie er im Sprachgebrauch eines gescheiterten Va Bouqe-Spieler sagt, heroisiert und stilisiert er sein Ende vor Getreuen und erklärt: "In dieser Stadt habe ich das Recht gehabt zu befehlen, jetzt habe auch ich den Befehlen des Schicksals zu gehorchen. Auch wenn ich mich retten könnte, so tue ich dies nicht. Der Kapitän geht auch mit seinem Schiff unter". Trotz der Überredungsversuche einiger seiner Getreuen, zu denen auch die Piloten Hanna Reitsch und Hans Baur gehörten, die ihn ausfliegen wollten, blieb er in Berlin und nahm sich das Leben, als alles verloren ist. Hitler, der Mann, der einmal – nicht nur seinen Anhängern – als begnadeter Heilsbringer erschien, ließ "sein" Volk – durch seine Schuld – in einem so katastrophalen Zustand zurück, wie es ihn in seiner Geschichte noch nicht erlebt hatte. Er verschwand spurlos aus dieser Welt.



Ob sich hier Geschichte wiederholt, in Afghanistan zum Beispiel, bleibt zur Zeit noch abzuwarten. Eine Katastrophe für New York und Washington war es zu mindestens schon. In Stuttgart vor 56 Jahren hinterließ das Terrorregime Hitlers mit seinen Helfern einen gewaltigen Trümmerberg von rund 4,9 Millionen Kubikmeter Schutt, aufgetürmt heute am Birkenkopf. Über ein Drittel aller Wohngebäude waren beschädigt oder zerstört. Als Soldaten oder in andere uniformierten Diensten waren über 14.000 Menschen gefallen. Der Luftkrieg forderte in Stuttgart über 4.600 Opfer, darunter über 700 Fremdarbeiter und Kriegsgefangene, sowie zwischen 1.200 und 1.600 Angehörige alliierter Flugzeugbesatzungen. Ein Viertel der 4.490 jüdischen Bürger, die 1933 in Stuttgart gewohnt hatten, fielen der Verfolgung und Vernichtung durch Nazi-Deutschland zum Opfer. Im Zusammenhang mit der sogenannten Euthanasie wurden mindesten 400 Stuttgarter ermordet. Wie viele Oppositionelle und Widerständler genau erschlagen, erhängt oder erschossen wurden ist kaum feststellbar. Eine unvollständige Liste nennt 145 Frauen und Männer. Über 22.000 Frauen und Männer starben wegen extremistischen Wahnsinns aufgrund der zwölfjährigen Hitler-Diktatur und ihrem Terror von 1933 bis 1945 in Stuttgart.

"Das Erinnern prägt als lebenswichtige und menschliche Art unsere Verbindung zur Vergangenheit, und die Art und Weise, wie wir erinnern, bestimmt uns in der Gegenwart." so Andreas Huyssen

Noch bevor Stuttgarts Oberbürgermeister Strölin die Stadt an die Franzosen übergab und endlich Frieden in Stuttgart eingekehrt war, befreite die Rote Armee im Raum Lodz rund 870 Juden. In Tschechien gelingt es 800 Juden, deren Evakuierung vorbereitet ist, aus einem Zwangsarbeitslager zu retten. Am Mittwoch, dem 17. Januar 1945, bricht in dem ehemaligen Vernichtungslager Chelmno, wo über 300.000 Juden getötet wurden, ein Aufstand aus: Die letzten 47 jüdischen Zwangsarbeiter verschanzten sich in einem Gebäude, um der Erschießung durch die SS noch kurz vor Eintreffen der Roten Armee zu entgehen. Doch die SS steckte das Gebäude eiskalt in Brand und schießt jeden nieder, der versucht, sich aus den Flammen zu retten. Nur einem Mann gelingt der Ausbruch.

Am selben Tag kapitulierte die deutsche Garnison in Budapest: 80.000 Juden werden befreit. Am Freitag, dem 26. Januar 1945, erreichen die Soldaten der 1. Ukrainischen Front das Vernichtungslager Auschwitz. Die meisten der Lagerinsassen sind bereits einige Tage zuvor in aller Eile von der SS evakuiert worden. Die über 58.000 bisher noch am Leben gebliebenen Häftlinge befinden sich jetzt auf dem Todesmarsch in Richtung Westen, bei bitterer Kälte und ohne Versorgung. Tausende sterben vor Erschöpfung oder werden unterwegs erschossen, viele erfrieren. Die Rote Armee befreit in Auschwitz etwa 7.500 Insasse, darunter 180 Kinder. Nach späteren Aussagen des KZ-Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß, hat man im Lager über 2,4 Millionen Juden ermordet.

Am Sonntag, den 8. April 1945, werden alle jüdischen Häftlinge aus dem Lager Buchenwald vor der sich nähernden US-Armee in einer Blitzaktion in das Lager Flossenburg überführt.

Am Mittwoch, dem 11. April 1945 befreien die Soldaten der 3. US-Armee (General Patton) das KZ Buchenwald.

Am Sonntag, dem 15. April 1945, treffen die Truppen der britischen 2. Armee (General Dempsey) im KZ Bergen-Belsen ein. Sie finden hier unbeschreibliches vor: Etwa 10.000 noch nicht begrabene Leichen, die meisten davon verhungert. Selbst nach der Befreiung sterben jeden Tag über 500 Insassen an Erschöpfung oder Typhus.

Ebenfalls am 15. April 1945 werden von dem Konzentrationlagern Sachsenhausen und Ravensbrück durch die SS über 17.000 Frauen und 4.000 Männer auf den Todesmarsch nach Westen geschickt.

Am Sonnabend, dem 28. April 1945, befreit die 7. US-Armee (General Patton) das KZ-Dachau. Die Soldaten entdecken auch hier Tausende von gestapelten Leichen. Während zu dieser Zeit im ganzen Hitler-Reich und auch in Stuttgart die alten Männer und Schüler gegen die vordringenden alliierten Armeen kämpfen müssen, besteht in den vorhandenen KZ-Lagern und Evakuierungszügen das Wachpersonal aus Eliteeinheiten der SS.

Am Sonnabend, dem 5. Mai 1945, wird von den US-Truppen eines der letzten Konzentrationslagern, das KZ-Mauthausen bei Linz in Österreich befreit. Noch im letzten Augenblick versuchen die SS-Wachmannschaften im Nebenlager Ebensee noch am Leben gebliebenen 30.000 Häftlinge in einen Tunnel zu jagen, um ihn dann in die Luft zu sprengen. In Mauthausen finden die US-Soldaten in einem riesigen Massengrab fast 10.000 Opfer.

Am Mittwoch, dem 9. Mai 1945, wird in Nordböhmen das KZ-Lager Theresienstadt mit rund 30.000 Juden von den sowjetischen Truppen befreit. Einer der den Holocaust überlebt hat erzählt nach seiner Befreiung: "Wir haben den Eindruck das gegenwärtig die Menschheit nicht begreifen kann, was wir durchgemacht haben. Wir fürchten, dass wir in Zukunft nicht verstanden werden. Wir haben verlernt zu lachen, wir können nicht mehr weinen, wir begreifen bislang unsere Freiheit noch nicht, und alles das ist so, weil wir nach wie vor bei unseren toten Kameraden sind... Wir gehören in die Massengräber derer, die in Charkow, Lublin und Kowno erschossen worden sind. Wir gehören an die Seite jener Millionen, die in Auschwitz und Birkenau verbrannt worden sind, wir gehören zu den Zehntausenden, die gefoltert von Milliarden Läusen, im Schlamm am Rande des Hungertodes lebten, Kälte und Verzweiflung als einzige Kameraden. Wir leben nicht. Wir sind tot!"