Zum Thema: Dietmar Buchholz
Wenn wir ehrlich zu uns sind, dann ist es doch so, dass wir unsere nationalsozialistische Geschichte eigentlich vergessen möchten.

Erinnert werden wir meist nur an sie, wenn ein Gedenktag uns dazu mahnt oder wenn wir auch heute erkennen müssen, dass Antisemitismus und rechtsextremistische Gewalttaten leider immer noch anzutreffen sind. Immer wieder muss man von geschändeten Jüdischen Friedhöfen oder von Anschlägen auf KZ-Gedenkstätten und Synagogen hören. Ausländerfeindlichkeiten und Hass auf andere haben auch in der heutigen Zeit schon bis zum Mord geführt.

Das alles geschah früher und auch heute nicht weit weg in den großen Städten des Landes, sondern auch hier in unserer Heimat. Mehrere Löbauer wurden nach dem KZ Theresienstadt deportiert und kamen dort um, wie andere in anderen Lagern. Ein anderer Löbauer erlitt im KZ Auschwitz-Birkenau unsägliche Qualen, wurde dann nach dem KZ Buchenwald transportiert und nahm an dessen Befreiung 1945 teil.

Erinnerungen von Augenzeugen, die belegen, dass die Geschichte nicht weit weg stattfindet, sondern hier - unter uns. Wieder sehen wir uns vor der Aufgabe, überall Akzeptanz dafür zu erreichen, dass Andersgläubige, Andersfarbige oder Andersdenkende zu unserer Welt dazugehören. Wieder wird nicht fraglos anerkannt, dass alle Menschen zwar nicht gleichartig, wohl aber gleichwertig sind. Wir können nicht die dunklen Kapitel aus unserer Geschichte ausklammern und uns nur auf die hellen berufen. Wir schulden die Erinnerung auch uns selbst, um der „Wahrhaftigkeit“ unserer nationalen Biographie willen.

Einerseits rückt der Nationalsozialismus in größere Ferne, er wird zu einer Geschichtsepoche, wie sie für heute Ältere vielleicht die Zeit des Ersten Weltkrieges ist. Andererseits sind wir aufgefordert, wach zu sein, um schon den kleinsten Verstößen gegen die Menschenrechte, der geringfügigsten Verletzung von Menschenwürde entgegenzutreten.

Wir leben heute in einer rechtsstaatlichen Gesellschaft. Diese demokratischen, humanen Normen zu wahren und die Menschenrechte zu achten - das ist unser Vermächtnis. Erinnern schafft die Voraussetzung zur Vermeidung neuen Unrechts. Es macht uns wachsamer gegenüber neuen nationalistischen Überheblichkeiten.

Deshalb ist es wichtig, eine „Mahnung gegen Rechts“ auszusprechen. Wir alle dürfen nicht vergessen, welches unsagbare Leid dieser Teil unserer Geschichte hervorgebracht hat.

Wenn wir am 27. Januar zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalismus“ derer gedenken und wenn wir am 9. November Blumen für die Opfer der Reichsprogromnacht niederlegen, dann ist dies eine Geste des Gedenkens, aber es ist zu wenig.

Es ist deshalb zu wenig, weil an diesen Tagen kaum junge Menschen an den Gedenksteinen verweilen. Ist dies so, weil wir mit unserer nationalsozialistischen Vergangenheit nicht im Reinen sind oder weil das Dritte Reich für die Jugend weit zurück liegt?

Vergessen wir nicht die Menschen, die unermessliches Leid ertragen mussten, die auf Grund von Rassenwahn und einer Menschen verachtenden „Herrenmenschen-Ideologie“ misshandelt, deportiert und ermordert wurden. Deshalb muss es unser aller Aufgabe sein, diesen Teil der Geschichte nicht zu vergessen und zu verstehen, dass er auch ein Teil unserer Heimatgeschichte war und ist.
Dietmar Buchholz
Oberbürgermeister
Große Kreisstadt Löbau

OB Löbau Dietmar Buchholz