Schon 1938 stand Europa am Rande des Krieges. Lediglich die Zugeständnisse des Münchner Abkommens mit der Überlassung des Sudetenlandes stoppten die Expansionsgier des Diktators Adolf Hitler - für kurze Zeit.
Der Führer in Löbau - dichtgedrängt stehen die Massen am Straßenrand und bejubelten den Mann, der den Deutschen, so wollen sie gerne glauben, den Frieden erhalten hatte. Im offenen Mercedes lässt sich Adolf Hitler, soeben per Sonderzug angereist, durch Löbau chauffieren. Genau genommen ist Hitler auf der Durchreise. Sein Ziel: Das in jenen Tagen dem Deutschen Reich einverleibte Sudetenland.
Bereits vor Entfesselung des Zweiten Weltkriegs hatte Hitler das Deutsche Reich wesentlich vergrößert: Im Januar 1935 wurde nach überwältigender Zustimmung der Bevölkerung das Saarland zurückgewonnen, im März 1936 das Rheinland und am 12. März 1938 folgte der Einmarsch in Österreich und die Angliederung als Ostmark. Zu Beginn des Jahres 1938 hatte die Propaganda angekündigt, weitere Deutsche Siedler "heim ins Reich" zu holen und alle Deutschen in Mitteleuropa in einem Staat zu vereinen.
Die wunschgemäße Zuspitzung der Krisensituation in der Tschechoslowakei nahm Hitler zum Anlass, die Abtretung des Sudetengebiets an das Deutsche Reich zu fordern. Am 20. Mai machte die Tschechoslowakei in der irrtümlichen Erwartung eines deutschen Angriffs mobil. Nur das energische Auftreten Großbritanniens und Frankreichs wendete einen Krieg ab.
Adolf Hitlers Aufenthalt am 6. Oktober 1938 in Löbau fiel in eine hochdramatische Zeit. Es waren die Tage der Annexion des Sudetenlandes. Gleichzeitig waren die Deutschen noch nicht bereit für einen Krieg. Wer in diesen Tagen - wie in Löbau geschehen - Hitler zujubelte, glaubte der Propaganda vom Friedenswillen der Nationalsozialisten. Ebenso wurde Tage zuvor in München auch dem britischen Premierminister Arthur Neville Chamberlain zugejubelt. Das Volk wusste noch nichts von den wahren Plänen. Im Gegenteil verkündet Joseph Goebbels: "Der Frieden in Europa muss erhalten bleiben. Ich bin weiterhin der festen Überzeugung, käme ein Krieg, er wäre das größte Unglück für die Welt."
Hitler, Mussolini, Chamberlain und der französische Premierminister Edouard Daladier trafen am 29. September in der Bayernmetropole zusammen. Das Münchner Abkommen gestattete dem Deutschen Reich die Besetzung des Sudetengebietes zwischen dem 1. und 10. Oktober. England und Frankreich verpflichteten sich, die Integrität der verkleinerten Tschechoslowakei zu garantieren. Ein weltweit beachteter Erfolg für die Nationalsozialisten: Ohne Anwendung von Gewalt wurde der überlegenen Koalition England-Frankreich, unter Vermittlung Italiens, ein bedeutendes Gebiet abgerungen, sowie 3,5 Millionen Menschen und großes Industriepotential dazu gewonnen.
Doch auch nach der Besetzung des Sudetenlandes setzte Hitler seine Annexionen fort. Am 15. März 1939 begann mit dem Einmarsch in Prag die so genannte "Zerschlagung der Rest-Tschechei", Böhmen und Mähren wurden deutsches "Reichsprotektorat", die Slowakei ein deutscher Satellitenstaat. Am 23. März 1939 marschierte die Wehrmacht auch ins Memelgebiet ein. Durch einen Rückgabevertrag mit Litauen wurde das nach dem Ersten Weltkrieg abgetretene und seit 1923 unter litauischer Verwaltung stehende Memelland wieder Bestandteil des Deutschen Reichs.
Das Unglück nahm seinen Lauf: Der Deutsch-Sowjetische Nichtangriffsvertrag ebnete den Weg für den Überfall auf Polen, mit dem am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg entfesselt wurde.
Die Tschechoslowakei
Die Gründung der Tschechoslowakei erfolgte mit dem Zerfall der Monarchie Österreich-Ungarn - am 28. Oktober 1918 wurde in Prag die Tschechoslowakische Republik proklamiert. Der Staat ging aus den vorher zu Österreich gehörenden Gebieten Böhmen und Mähren, sowie aus den zu Ungarn gehörenden Gebieten Slowakei und Karpatenrussland (Podkarpatska Rus, heute Karpato-Ukraine) hervor. Als erster Präsident wurde der Philosoph und Soziologe Tomáš Garrigue Masaryk gewählt. Erster Regierungschef war Karel Kramar.
Die provisorische Verfassung von November 1918 wurde vom Tschechoslowakischen Nationalausschuss verabschiedet, der im Juni 1918 aus Vertretern tschechischer Parteien entsprechend den Wahlergebnissen von 1911 zusammengesetzt war. Im Februar 1920 wurde die zweite Verfassung nicht durch ein gewähltes Parlament, sondern durch die Provisorische Nationalversammlung angenommen, die durch eine Erweiterung des obigen Nationalausschusses gebildet wurde. Von den 270 Abgeordneten der Nationalversammlung wurden den Slowaken nur 54 Sitze zugeteilt. Die Deutschen in Böhmen und Mähren, welche die Gründung des neuen Staates überwiegend ablehnten, waren gänzlich von der verfassungsgebenden Nationalversammlung ausgeschlossen. Die ersten Parlamentswahlen fanden anschließend im April 1920 statt. Die Tschechoslowakei war das einzige Land Mitteleuropas, dass bis zum Zweiten Weltkrieg eine parlamentarische Demokratie blieb.
6. Oktober 1938 - Adolf Hitler in Löbau
Über die Ereignisse in den Tagen der Durchreise von Adolf Hitler sprach Arnd Krenz mit Zeitzeugen aus Löbau und verfasste aus den Erinnerungen eine Impression:
Deutsche in der Oberlausitz und Böhmen
Die Wurzeln für Hitlers Anspruch auf die Sudetendeutschen und deren eigenes Bestreben aus dem tschechoslowakischen Staatsverband auszuscheiden, liegen weit in der Vergangenheit.
Im 11. und 12. Jahrhundert zogen in das später Sudeten genannte Gebiet die ersten Deutschen ein. Hier, im Oberlausitzer und Nordböhmischen Raum, waren es vornehmlich Siedler aus Thüringen und Franken. Sie gründeten Dörfer und kultivierten Land, ohne die hier seit Jahrhunderten ansässige slawische Bevölkerung zu vertreiben.
Ortsnamen beiderseits der Grenze, die meist mit '-walde' und '-dorf' enden und eine ähnliche Mundart zeugen eindeutig von der ehemals homogenen Landnahme.
Viele Herren hat das Land seitdem gesehen: Bis 1076 stand die Oberlausitz unter der Herrschaft des Markgrafen von Meißen, von 1076 bis 1231, sowie 1248 herrschten böhmische Fürsten in diesem Gebiet und von 1231 bis 1324 erhielt der Markgraf von Brandenburg die Oberlausitz als böhmisches Lehen.
Über 300 Jahre - von 1324 bis 1635 - erhielt der Landstrich durch die Herrschaft der Habsburger, als Teil des Königreiches Böhmen, sein Gepräge.
Als 1635 die Oberlausitz (als Kriegspfand) an den Sächsischen Kurfürsten Johann Georg I. ging, trennte die Deutschen der Oberlausitz und Nordböhmens jene Grenze, die im Oktober 1938 unterdem Jubel der Bevölkerung von der Deutschen Werhmacht überschritten wurde.
Im Laufe der Zeit entstand, mit der Ausprägung des Österreichischen Kaiserreiches und dessen Ausscheiden aus dem Deutschen Bund 1866, im Süden der Oberlausitz endgültig eine richtige Staatsgrenze.
Aber trotz der K.u.K. Grenzposten auf der einen und Deutschen Zöllnern auf der anderen Seite des Schlagbaumes, blieben die Menschen eng verbunden. Man sprach die gleiche Sprache, sang dieselben Lieder - Sitten und Bräuche waren seit altersher fest im Volk verwurzelt und manche Familienbande blieb bestehen, ungeachtet verschiedener Staaten und Politik. Und wollte der eine oder andere mal ein Bier im "Biehmschen" trinken, fand sich schnell der Weg über die Wiese hinterm Haus.
Das Feuer wird geschürt
1918 wurde erneut ein langsam brodelnder Unruhetopf aufs Feuer gesetzt, denn mit dem Untergang der Donaumonarchie, am Ende des 1. Weltkrieges, delegierten die alliierten Siegermächte einen Teil des Vielvölkerproblemes in die neugegründete Tschechoslowakei.
Tschechen, Slowaken, Ungarn, Ukrainer, Polen und Deutsche sollten von nun an in einem, nunmehr von Tschechen dominiertem Haus leben.
Logisch: Dasselbe Virus, das schon die alte K. u. K. Monarchie lebensgefährlich schwächte, wirkte weiter latent zersetzend.
Besonders die Deutschen, mit ihrer hegemonistischen Grundeinstellung, fühlten sich seelisch gedemütigt und als Bürger zweiter Klasse von der Prager Regierung unterdrückt. Mit stillem Unmut nahmen sie ihre Rolle hin, bis sie, durch die Machtergreifung Hitlers, von Deutschland her endlich eine Chance sahen, sich von ungeliebter Herrschaft zu befreien.
Ein studierter Bankbeamter gründete am 01.10.1933 im Egerland die "Sudetendeutsche Heimatfront". Konrad Henlein war zwar kein Nationalsozialist, aber seine Bewegung wird bald zum Sammelbecken radikaler Deutscher in Böhmen. Sie entwickelte sich rasch, mit Unterstützung des Dritten Reiches, zur "Sudetendeutschen Partei" (SdP) und eroberte bei den tschechischen Parlamentswahlen 1935 immerhin 44 von 300 Mandaten.
"Der Einfluß dieser Partei wird ausgenutzt", entschied Hitler im April 1938. Nach der relativ problemlosen "Heimholung" Österreichs beschloß er, mit dem Plan "Fall Grün", die Tschechoslowakei bis 01.10. 1938 im Zusammenwirken mit der SdP militärisch zu erledigen. Er forderte Henlein auf, die Prager Regierung unter Druck zu setzen und die Republik von innen mürbe zu machen.
In den folgenden Monaten legte man gemeinsam die Zündschnur an das Pulverfass CSR. Geschickt wurden gärende Nationalitätenkonflikte hochgeputscht und die unkluge Politik Benesch´s, insbesondere der deutschen Bevölkerung gegenüber, gab der Aktion zusätzlichen Vortrieb.
Zu allem Ärger forderte Hitler auch Polen und Ungarn auf, Gebietsforderungen an die Tschechoslowakei zu stellen.
Die Prager Regierung sah sich jetzt, zudem mehr als halbherzig von den Westmächten unterstützt, völlig im Würgegriff aggressiver Nachbarn. Einzig die Sowjetunion leistete den Bedrängten noch Beistand.
Mit einer wütenden Kampagne im Rundfunk und in den Zeitungen, gelang es den Nationalsozialisten die Stimmung im Volk emotional aufzuheizen.
Die ohnmächtigen und ungeeigneten Versuche Prags, in den sudetendeutschen Gebieten für Ordnung zu sorgen und den Einfluß der inzwischen offen faschistisch gewordenen SdP zurückzudrängen, wurden von der nationalsozialistischen Presse aufgegriffen und ausgeschmückt. Ereignisse, deren Wahrheitsgehalt hin und wieder fraglich war, kamen so in erschrecklichsten Schlagzeilen in die Presse.
Löbau: Auffanglager für Deutsche Flüchtlinge aus dem Sudetenland
Auch dem Löbauer und Oberländer trieb es die Zornesröte ins Gesicht, als er in seiner Heimatzeitung, dem "Sächsischen Postillon", folgende Schlagzeilen über die Vorgänge in der nahen CSR lesen mußte:
am 17.09.1938
"Schon 27 000 Sudetendeutsche der tschechischen Hölle entflohen"
In allen Sudetendeutschen Orten steht die Bevölkerung unter dem Schreckensregiment einer verwilderten Soldateska, die vom kommunistischen Mob eifrig unterstützt wird.
Mord und Brandstiftung werden mit einer geradezu unvorstellbaren Bestialität vorbereitet.
"Neue ungeheure Schandtaten in Vorbereitung"
"Brücken zu Sprengungen vorbereitet"
In Rumburg ist es der Bevölkerung verboten, zu zweit auf die Straße zu gehen.
In Ehrenberg machte die Polizei weiterhin Jagd auf FS-Männer und SdP-Amtswalter.
In Fabriken und Wohnungen werden wahllose Haussuchungen nach Waffen gemacht.
Im ganzen Gebiet patroullieren Panzerwagen mit Begleitkraftwagen.
Auf Lastkraftwagen war bewaffnete Soldateska mit aufgepflanzten Seitengewehr zu sehen, die ebenfalls nach Sudetendeutschen fahndete.
am 19.09.1938
"Die Sudetendeutschen werden vogelfrei gemacht"
"Prag hebt Grundrecht der Verfassung auf - Blutbad unter Mithilfe der Regierung?"
"Hussitensöhne morden, schießen, plündern"
am 20.09.1938
"Brutaler tschechischer Überfall auf deutschen Grenzort"
Versuch, das Flüchtlingslager in Seidenberg zu stürmen
Mit Maschinengewehren gegen Sudetendeutsche Flüchtlinge
am 23.09.1938
"Tschechen Soldateska herrscht wieder im Sudetenland"
Zahlreiche Todesopfer der schießwütigen Soldaten - Moskau im Hintergrund
"Vier Sudetendeutsche Ordner erschossen"
16 Egerländer Blutopfer in 3 Stunden
"Ich habe das schon vor 20 Jahren gesagt", schimpfte ein Löbauer Familienvater und schlug mit der Faust auf den Tisch. "Als dieser Benesch in Versailles den Engländern und Franzosen vorgegaukelt hat, die Tschechen und Slowaken verstünden sich prima und wollen einen eigenen Staat, da habe ich´s gewußt - der größte Fehler war das, darauf einzugehen!" -
"Und dann noch unsere deutschen Landsleute - unter der Tschechenknute - pfui Teufel, das konnte nie und nimmer gut gehen!"
Herausfordernd blickte er in die Runde. "Aber unser Führer wird mit der Sauerei bald schluß machen - ein für allemal! - Richtig so!"
Wie er dachten damals die meisten Menschen in der Oberlausitz. Sahen sie doch ebenso die zahlreichen Flüchtlings- und Auffanglager entlang der Deutsch - Tschechischen Grenze. Und was sie da von den Sudetendeutschen zu hören bekamen, vermittelte nicht gerade völkerverständigende Gefühle.
Was viele eben nicht sahen bzw. sehen konnten: Diese Krise war von Adolf Hitler zielgerichtet inszeniert worden.
In einer hassvollen Rede, die er am 12.09. in Nürnberg hielt, ließ er nochmals von seiner Absicht der "Zerschlagung der Tschechei" bis 01.10. nicht ab.
Nach einer ergebnislosen Konferenz mit Chamberlin am 22.10. in Bad Godesberg und seiner Rede im Berliner Sportpalast am 26.10., befürchteten die meisten mit einem baldigen Kriegsausbruch.
Überall in Deutschland wurden von den Nazis eilig Kundgebungen abgehalten, um die Stimmung der Bevölkerung zu verbessern.
So auch in Löbau am Mittwochabend, dem 28.09.1938:
In langen Kolonnen marschierten in der achten Abendstunde die Parteiformationen der NSDAP und verschiedene andere Organisationen mit ihren Fahnen auf.
Zu ihnen strömten viele Hunderte Löbauer, unter ihnen unser Familienvater, aus allen Richtungen zum Altmarkt.
Auf Plakatanschlägen hatte er, wie alle anderen, kurzfristig erfahren, daß heute zum Protest gegen den Mann und das Regime aufgerufen werden soll, "die heute in Prag für das schwere Leid der Menschen in der Tschecho-Slowakei und für die Verwirrung in der Welt verantwortlich sind."
Andererseits sollte es eine Treuekundgebung dem Führer gegenüber sein, "der als der Garant des Rechtes der Sudetendeutschen und als der erste Arbeiter für den Frieden in Europa dem Deutschen Volke voran geht."
Gegen 8 Uhr abends war dar Markt fast bis zum letzten Winkel gefüllt und gespannte Ruhe legte sich über den Platz.
- "Volksgenossen!" - , durchbrach plötzlich eine scharfe Stimme die knisternde Stille.
Vom hell angestrahlten und beflaggten Balkon des Rathauses erhob der Gauschulungsleiter der NSDAP, Pg Studentkowski, seine Rede.
"Wenn ihr heute über die Grenze zur Tschechoslowakei schaut, dann sehe ich in euren Augen Wut und Trauer zugleich. Ich weiß genau das ihr, die ihr so nahe zu unseren deutschen Brüdern und Schwestern im Böhmischen lebt, das Leid und die Not der Menschen auf der anderen Seite der Reichsgrenze, unter dem System Benesch, kennt."....
Vom Verhältnis der Tschechen zu den Deutschen in vergangenen und heutigen Zeiten bekamen die Löbauer zu hören - und auch, daß jetzt schon, seitdem die Tschechen einen eigenen Staat haben, die dritte Deutschenaustreibung dort vor sich gehe.
Aber, so meinte der Redner, die Situation hat sich seit 1918 grundsätzlich verändert: "Es gibt kein deutsches Volk mehr, das alles hinnimmt, was man mit ihm oder einem seiner Teile beginnen zu können glaubt......."
Um sich herum sah unser Familienvater in viele bekannte, zustimmende Gesichter.
"Naja, einfach waren die letzten 20 Jahre bestimmt nicht", grübelte er vor sich hin.
"1914, wo ich als 18-jähriger von Kamenz aus mit dem 178´er Infanterieregiment ins Feld zog, da war die Welt noch in Ordnung - dann aber, Stellungskrieg und 1917 schließlich - hats mich gleich zweimal erwischt - Durschschuß am linken Oberschenkel und in der linken Schulter.
Glück gehabt, auch das ich später hier nach Löbau ins Lazarett gekommen bin.
Dann schließlich die Jahre 1918/19 - Revolution, Republik, keine Arbeit und zu allem Überdruß Anfang der 20-ziger Jahre noch diese schreckliche Geldabwertung!"
Er knöpfte seinen Mantel zu, denn es war schon empfindlich kühler geworden.
"Aber es gab auch glücklichere Zeiten:
1924 die Hochzeit mit der wundervollsten Frau der Welt, die Geburt meines ersten Sohnes, die kleine Wohnung in der Löbauer Neustadt.....
1925 kam schon mein zweiter. Sohn und Arbeit in der Maschinenfabrik Behrisch & Co. - wir waren die glücklichsten Menschen, die man sich vorstellen konnte - damals....."
"Doch 1930 traf es auch mich - Entlassung!
Mit vielen vielen anderen ging ich stempeln; wir konnten uns kaum über Wasser halten - und die Regierung? Bekam nichts mehr in den Griff - Zentrum, Sozialdemokraten - alle schwafelten und die Reichskanzler gaben sich die Klinke in die Hand.
Von der Reichswehr - daran erinnere mich noch gut - hatte sich die 16. Kompanie unseres hiesigen Ausbildungsbataillons 1932 verpflichtet, die Erwerbslosen aus der Bataillonsküche mitzuverpflegen, das hat mir und meiner Familie viel geholfen in der schweren Zeit.
Oben in der Jägerkaserne wurde die 16. Kompanie 1931 sogar Traditionskompanie für unser 178´er Regiment. Ich war immer besonders stolz, wenn die Soldaten uns als ehemalige 178´er zur Kompaniefeier ins Schützenhaus einluden, da war immer richtig was los und wir wurden als alte Kriegskameraden ehrlich geachtet - ganz das Gegenteil zum normalen Leben.
Nein - diese sogenannte Demokratische Republik hat meiner Familie unterm Strich, wenn ich´s recht bedenke, nicht viel gebracht."
Um sich herum hörte er Beifall und klatschte automatisch mit.
"Und nachdem Adolf Hitler im Januar 1933 die Reichskanzlerschaft übernahm, haben meine Frau und ich bei den Reichstagswahlen, wie die meisten Löbauer, für die NSDAP gestimmt; bereut haben wir das nicht.
Der Mann hat Ordnung im Land geschaffen und wird für alle Deutschen Volksgenossen sorgen.
Ich habe inzwischen meine alte Arbeit im Maschinenbau wieder - bin jetzt sogar Vorarbeiter und leiste etwas für die Gemeinschaft.
Darum sicherlich, hat mich vorgestern auch der NSDAP-Ortsgruppenleiter Sühnold angesprochen: Ob ich nicht Mitglied in der Partei werden wolle, fragte er - ich überlege mir das noch, habe ich ihm gesagt....."
..."Herr Benesch hat ein Terrorsystem aufgestellt,"... die laute Stimme des Redners riß ihn aus den Gedanken,... "mit dem er seinen Vielvölkerstaat aufrecht erhalten möchte, den er sich mit Hilfe der politischen Lüge zusammengestohlen hat. Ihm kam es jederzeit nur auf seinen persönlichen Ehrgeiz an, als er in Versailles kaum weniger Völkerschaften verschiedener Art zusammenschusterte als in dem alten Österreich vorhanden waren, das er beseitigen ließ.
Vom ersten Tage an stand dieser Staat auf tönernen Füßen. Den fehlenden inneren Zusammenhalt mußte brutale Gewalt ersetzen. An seinem Anfang stehen die 54 Toten vom 4. März 1919 als Sudetendeutsche ihr Selbstbesimmungsrecht einforderten. Ein solcher Staat muß eines Tages am Ende sein, denn Völker sind nun einmal nicht willenlose Gegenstände, mit denen man eine Wahnsinnspolitik betreiben kann, sondern Geschöpfe Gottes mit dem Recht, so zu leben, wie sie der Herrgott geschaffen hat. Herr Benesch möge also nicht glauben, daß er es mit den Deutschen anders machnen kann!", schimpfte der Redner mit theatralischer Geste.
Einstimmiger Beifall erhob sich über den Löbauer Altmarkt.
"Jawohl" und "Richtig" hörte man auch unseren Familienvater rufen. Er sah in seiner Umgebung in viele zornige, entschlossene Gesichter - nur die ältere Dame rechts neben ihm schaute mit gefalteten Händen versonnen auf die Rednertribüne.
Pg Studentkowski wandte sich nun an jeden einzelnen Volksgenossen:
"Wenn der Führer in diesen Tagen wirklich keine leichten Stunden verlebt - ob du wohl an seiner Stelle die Verantwortung für ein 80-millionen-Volk tragen möchtest?" fragte er eindringlich. "Wenn nicht, dann kommt dir vielleicht zum Bewußtsein, welche ungeheure Kraft er haben muß. Er sorgt sich und setzt seine ganze Kraft darür ein, den besten Weg für das deutsche Volk zu finden.
Und wenn wir sehen, wie die Vorsehung das größte Genie aller Zeiten an unsere Spitze gestellt hat, dann wollen wir ihm helfen, gleich welchen Weg er uns führen muß, weil wir keinen anderen gehen können. Wir wollen alles, was sich im Alltag zwischen uns stellt und uns ärgert begraben sein lassen, und wollen dem Führer dadurch, daß wir uns einen Willen, seinen Willen unterwerfen, die große Kraft zur Verfügung stellen. Nicht nur im begeisterten Überschwang, sondern auch in fanatischer Entschlossenheti wollen wir bekennen, daß Deutschland über allen stehen soll, damit es sich den Platz an der Sonne sichern kann.
Ein erbärmlicher Knirps", steigerte sich die Stimme des Redners warnend, "wer dazu nicht helfen will."
"Der Führer kennt keine persönlichen Wünsche, sein Leben heißt Deutschland. Wir wollen ihm sein großes Opfer danken und es ihm leicht machen, indem wir ihm auf seinem Weg nachfolgen und uns einig unter das deutsche Schicksal stellen!"
Brausend stieg nach dieser Rede das Gelöbnis der Massen zum Nachthimmel empor. Es galt dem Führer, dem Großdeutschen Reich und Volk und den sudetendeutschen Volksgenossen.
Und in ernster Geschlossenheit, die diese Worte hinterlassen hatten, klang der Gesang der Nationalhymnen auf.
Die Versammlung löste sich langsam auf, da spürte unser Familienvater plötzlich eine Berührung am rechten Arm. Es war die ältere Dame, die er schon vorher oft in der Stadt gesehen hatte.
Warme, traurigen Augen blickten ihn an:
"Was meinen sie, junger Mann, wird des Krieg geben?", fragte sie vorsichtig. Unser Familienvater zuckte verlegen mit den Schultern.
"Wissen sie, meine beiden Söhne wären jetzt in ihrem Alter, aber beide sind im Krieg gefallen. Der eine in Frankreich, der andere in Ostpreußen. Die Seele hab ich mir damals aus dem Leib geheult, wußte nicht mehr, wie es weitergehen konnte."
Sie nahm kurz seine Hand - "Ich wünsche ihrer Familie alles Gute - möge es der liebe Gott besser tun als man denkt." sagte sie schnell und verschwand mit der abrückenden Menge in Richtung Nikolaikirche.
Nachdenklich starrte unser Familienvater eine Weile aufs Pflaster -
"Ach je, mein Ältester wartet ja auf der anderen Seite des Marktes auf mich", fiel ihm ein, "hatte ja heute im Block der HJ gestanden - na dann - das mit der Partei überlege ich mir jedenfalls noch mal!"
Die Sudetendeutschen werden "befreit"
Am 29.September 1938 kam es dann auf Vermittlung Mussolinis zu jener Konferenz in München, die Hitler den Weg zum Krieg vorerst versperrte.
Der Einmarsch der Wehrmacht bis zur nunmehr neu festgelegten Tschechoslowakischen Grenze, wurde in vier Etappen geplant:
I. Etappe, südlich aus dem Raum des ehemaligen Österreich,
II. Etappe, aus dem Raum Bayern
III. Etappe, aus dem Raum Sachsen
IV. Etappe, aus dem Raum Schlesien.
Deutsches Reich
Polen
II. 02. u. 03.10.
IV. 06. u. 07.10.
Grenze des sudetendeutschen Siedlungsraumes
III. 3.,4.,5.10. Tschechoslowakei
I. 01. u. 02.10.
Deutsches Reich (ehmals Österreich)
Auf 5 Marschstraßen sollte die Wehrmacht von der Oberlausitz in das Sudetenland einrücken:
- von Reichenau (Bogatynia) - in das Gebiet Friedland
- über Weigsdorf
- von Sohland / Spree - in Richtung Schluckenau (Šluknov)
- von Ebersbach - in Richtung Rumburg und Schönlinde (Krásná Lipa)
- von Seifhennersdorf - in das Warnsdorfer Gebiet
Das damals hier in Löbau stationierte III. Bataillon des Infanterieregiments 52 (Kommandeur war zu der Zeit noch Oberstleutnant Hillebrand) nahm ebenfalls am Einmarsch teil.
Auch in der Löbauer Jägerkaserne waren große Einheiten stationiert
Schon in den Vormittagsstunden des 2. Oktober füllten sich die Straßen auf Deutscher Steite mit den Kolonnen der Wehrmacht. Rechts und links sahen die Soldaten mit Girlanden und Fahnen geschmückte Häuser.
Gegen Mittag liefen die Menschen langsam auf die Fußwege und an die Straßenränder. In ihren neugierigen und erwartungsfrohen Gesichtern spiegelte sich die Bedeutung dieses großen Tages wider und viele von ihnen hatten extra Blumen für ihre Soldaten mitgebracht. Überall entlang der Marschkolonnen konnte man Gruppen von Wehrmachtsangehörigen und Zivilisten beobachten die diskutierend und scherzend zusammenstanden - bis gegen 12.45 Uhr das Kommando zum Aufsitzen gegeben wurde.
Vor dem Zollamt in Reichenau auf deutschem Boden hielten der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe 3, Generaloberst v. Bock, der Kommandierende General, der Divisionskommandeur sowie eine größere Anzahl höherer Offiziere.
Punkt 13 Uhr hob sich der Schlagbaum und unter dem Jubel der Bevölkerung setzte sich der Wagentross, an der Spitze eine motorisierte Abteilung mit wehender Standarte, über die gefallene Grenze in Bewegung.
Überwältigt vom Empfang der Sudetendeutschen in den Ortschaften hinter der Grenze, standen sogar manch hartgesottenem Soldaten die Tränen in den Augen.
Und es waren echte Gefühle, die den Angehörigen der Wehrmacht entgegengejubelt wurden. Fast jedes Haus, die Gärten und Vorgärten waren, mehr noch als auf der deutschen Seite, in ein festliches Kleid gehüllt.
An den Straßen, teilweise dicht gedrängt, freuten sich die Menschen über die Ankunft der Befreier und die "Heimholung" ins Reich. Egal, wo die Wagenkolonne hielt - es bildeten sich Menschentrauben. Hände wurden geschüttelt, Soldaten herzlich umarmt. Geschenke und Naturalien wechselten den Besitzer.
Endlich, endlich! - dachten die Sudetendeutschen damals - wieder in einem starken deutschen Staat!
Keine Bevormundung mehr, blühendes Gewerbe ohne Grenzen, Herr im eigenen Hause sein.
Was noch auf sie zukommen würde, ahnten zu dieser Zeit wohl die Wenigsten von ihnen.
Wie es dem Naturell Hitlers entsprach, mußte er sich von der euphorischen Masse der Sudetendeutschen feiern lassen. Er fuhr persönlich vier mal ins annektierte Gebiet.
Am 3. Oktober 1938 gegen 09.48 Uhr war er mit einem Sonderzug von Berlin in Hof angekommen, überschritt gegen 11 Uhr die ehemalige Grenze bei Asch und nahm bei seiner Fahrt durch die Städte Asch und Eger sein erstes Bad in der Menge.
Am Dienstag, den 4. Oktober hat er in der Zone III den einrückenden Truppen das Geleit gegeben und ist auf seiner zweiten Jubeltour durch die Ortschaften Gaslitz, Falkenau, Ellbogen, Karlsbad, Schlackenwerth sowie St Joachimsthal gefahren.
Die Zone IV besuchte er - im Gebiet der Grafschaft Glaz und dem Gebiet um Loebschütz - gemeinsam mit Hermann Göring am 7. Oktober
Der Führer erscheint in Löbau
Ein stolzer Tag für unsere Stadt und den Grenzkreis:
Adolf Hitler fährt am 06.10. durch die Stadt und das Lausitzer Bergland zu den Sudetendeutschen; lauteten damals die Zeitungsmeldungen anläßlich seiner dritten Fahrt in den Besetzungsabschnittschnitt II.
Schon seit Dienstagabend, als die Meldung der Durchreise im Rathaus angekommen war, herrschte in der Stadt emsiges Treiben. Eilig erteilte der Erste Bürgermeister, Pg Dr. Ungethüm, die Anweisungen.
Löbau mußte sich der Bedeutung dieser Stunde gewachsen zeigen, mußte demonstrieren, wie sehr man - einig mit allen Deutschen - den Führer dankbar verehrte, und das die Oberlausitzer Volksgenossen Adolf Hitler auf seinem Erfolgskurs bedingungslos folgen würden.
"Dem Führer sollte ein Anblick geboten werden, dem nichts vorher gleichkam," wußte der "Sächsische Postillon" jenerzeit zu berichten.
Die Parteiorganisationen der NSDAP mobilisierten ebenfalls in kurzer Zeit ihre Mitglieder. Wie ein Lauffeuer verberbreitete sich die Nachricht in der Stadt.
Eifrige Bürger begannen bereits am Vorabend ihre Häuser mit Hakenkreuzfahnen zu schmücken und am Donnerstagvormittag erstrahlten die Gebäude - besonders die an der geplanten Marschroute - im herrlichsten Naziglanze.
Die Bahnsteige wurden extra festlich ausstaffiert; Fahnen, Grünschmuck, Wimpel und Girlanden sollten des Führers Auge eindrucksvoll entzücken und hakenbekreuzte Tücher und Wimpel flatterten überall im Herbstwind.
Soger Lautsprecher wurden an den Straßen aufgestellt, damit die Wartenden über die Vorgänge im Bahnhof jederzeit unterrichtet werden konnten.
Schon seit den frühen Morgenstunden des 06.10. war, so schien es, ganz Löbau auf den Beinen.Von allen Seiten marschierten singend die Formationen der Parteigliederungen heran - sie alle nahmen nach und nach an den Straßenrändern Aufstellung.
Magisch lockte dieses Spektakel auch die Bewohner der umliegenden Dörfer an.
Lange Räderkolonnen mit fröhlichen Menschen sickerten langsam in die bereits prall gefüllte Stadt ein.
Löbau: Adolf-Hitler-Platz, heute Wettiner Platz
Vom Adolf-Hitler-Platz bis zum Bahnhof marschierten SS-Leute als Absperrketten auf, während dem Bahnhofsgebäude gegenüber die Kompanien des ebenfalls hier stationierten Ergänzungsbataillons, unter dem Kommando von Major Rockau, Aufstellung nahmen. Gegen 08.30 Uhr fuhr die offene Mercedeslimousine des Führers, nebst einigen anderen Fahrzeugen vor.
Und endlich war es soweit: Der Führer kommt!
Punktgenau 09.00 Uhr rollte der 2 Loks und 12 Wagen lange Sonderzug aus Richtung Görlitz in den Bahnhof Löbau ein. - Glockengeläut erfüllte für Minuten die wartende Stadt.
Einige bereitstehende Militärs, der Befehlshaber der Heeresgruppe 3 Generaloberst von Bock, der kommandierende Gereral des IV AK General der Kavallerie von Schweller und der Befehlshaber der Luftwaffengruppe 1 General der Flieger Kesselring, stiegen in den Befehlswagen des Zuges, wo der Führer eine kurze Besprechung abhielt.
Dann begab sich Hitler nach den vorderen Wagen, um sich von Sachsens Gauleiter Mutschmann begrüßen zu lassen - entstieg darauf bedeutungsvoll dem Zuge und bekam, sozusagen als Willkommen auf sächsischem Boden, einen Blumenstrauß von Frau Mutschmann überreicht.
Auf dem Bahnsteig warteten dann: SA-Obergruppenführer Schepmann und die Führer der SS, Reichskomissar Konrad Henlein, der Kreisleiter der NSDAP Reiter und der Amtshauptmann Dr. Böhme, der Arbeitsführer Freytag, der Standortälteste Major Rockau und der erste Bürgermeister der Stadt Löbau Pg Dr. Ungethüm. Sie alle entboten ebenfalls ihren Gruß und schüttelten Hitler, bevor er weiter zum vorderen Teil des Bahnsteigs ging, die Hand.
Inzwischen war, 09.17 Uhr, auch der zweite Sonderzug mit Begleitkommandos aus dem Führerhauptquartier und SS eingetroffen.
Jetzt, als er die Gleise zum Görlitzer Bahnsteig überschritt, erschien der geliebte Führer den Wartenden zum ersten Mal leibhaftig sichtbar. Vorbei an den Blutordens- und Ehrenzeichenträgern, die ihn mit erhobenem rechten Arm lebhaft begrüßten, erreichte er den Ostausgang des Bahnhofes.
Dort trat Adolf Hitler ins Freie.
Augenblicklich schien ihn eine menschliche Woge aus Begeisterung und Dankbarkeit zu erdrücken. Hochfliegende Arme, Heilrufe, Jubel, Blumen und viele hundert fanatisch leuchtende Augen.
Sie schauten ihn an - nur ihn - und genau das, das, was er in den letzten Tagen so oft erlebt hatte, das brauchte er; genau das machte ihn die vermeintliche Niederlage des Münchner Abkommens vergessen; genau das bestätigte ihn, seinem von der "Vorsehung" bestimmten Weg unbeirrt weiterzugehen - seine Lebensgedanken in die Tat umzusetzen. Erfolg und Anerkennung; das Bad in der Menge - war Quell seiner Energie und zugleich eine der verhängnisvollen Triebkräfte künftiger Ereignisse.
Befriedigt schritt er an der Front der Offiziere des Standortes vorüber; direkt zu seinem Wagen, in dem noch Generaloberst v. Bock und SS-Gruppenführer Schaub Platz nahmen.
Am Straßenrand, nicht weit vom Cafe Rutsch, stand unser Familienvater. Neugierig beugte er seinen Oberkörper über die Absperrkette. Schräg gegenüber, auf dem Adolf-Hitler-Platz (heute Wettiner Platz), sah er die Menschen dicht gedrängt. Dort hatten auch die Formationen der HJ und des BDM Aufstellung genommen.
Er schaute auf seine Armbanduhr, ½ 10 Uhr, jetzt war es soweit - die Autokolonne, vorn die Fahrzeuge des Sicherungskommandos, setzte sich langsam in Bewegung.
Unruhe verbreitete sich - links neben sich erkannte er die junge Frau, die neulich zwei Eingänge von ihm entfernt eingezogen war.
"Der Führer! Der Führer!", hüpfte sie aufgeregt. Ihre begeistert glänzenden Augen ließen ihn fast schwach werden, doch er sah sofort wieder nach rechts.
Auf Höhe des HJ-Blockes stand der Führer im Wagen und während sich die Emotionen der Jugend noch in unaufhörlichen Zurufen entluden, blieb unserem Familienvater fast das Herz stehen - Adolf Hitler führ an ihm vorüber - und er glaubte den Bruchteil einer Sekunde seinen Blick zu spüren.
Der Sinne fast beraubt, nahm er automatisch die beim Barras so oft eingedrillte stramme Haltung ein:
"Heil, Heil, Heil", schrie er mit ausgestrecktem rechten Arm extatisch -
dann war der vergötterte Führer schon vorbei.
Die Fahrzeuge entschwanden die blumenbestreute Bahnhofstraße entlang und er sagte sich zufrieden:
"Eine großartige Zeit, man muß einfach dabei gewesen sein - gut, das ich gestern meinen Antrag zur Aufnahme in die Partei abgegeben habe."
Die Wagenkolonne bog unterdessen von der Bahnhofstraße in die Hermann-Göring-Straße (heute Promenadenring) ein. Da gerade Markttag abgehalten wurde, strömten noch mehr Menschenmassen an die Straße. Jeder versuchte wenigstens einmal im Leben, den größten Mann Deutschlands für wenige Augenblicke zu sehen.
Und auch der Neumarkt war ein brodelndes Meer von jubelnden Menschen.
Langsam fuhr hier der Wagen des Führers an die Seite heran und ein Blumenstrauß wurde ihm überreicht.
Weiter ging die Fahrt in immer schnellerem Tempo, entlang der Neusalzaer Straße nach Oppach, von hier ins Sudetendeutsche hinein, über Schluckenau, Rumburg, Kratzau bis nach Friedland.
Dort wurde ihm, ähnlich wie in Löbau, ein bespielloser Empfang bereitet und eine Kundgebung auf dem Marktplatz beendete seine dritte Fahrt ins "heimgeholte" Gebiet.
Die Stadt Löbau beging am 6.Oktober 1938 noch einen schönen Festtag.
Die Ereignisse in der Oberlausitz und in Löbau haben sich nach Zeitungs- und Zeitzeugenberichten so zugetragen. Die fiktiven Personen spiegeln die zeitgemäßen Stimmungen von Tausenden unserer Groß- und Urgroßeltern wider.
Darüber urteilen, heißt in erster Linie die Ursachen für den Aufstieg Adolf Hitlers - und politischen Extremismus überhaupt - suchen, sich selbst erkennen und eigene Positionen bestimmen - Das macht dieses Thema immer aktuell.