Der Ton auf den NSDAP-Versammlungen auch in Württemberg und Baden wurde immer rauer; frei nach dem Motto: Ein Volk einigt man am besten, indem man ihm etwas zu hassen gibt. "Die Sozialisten", so die NS-Funktionäre, "waren es, die während des Ersten Weltkriegs einen Dolchstoß in den Rücken des Heeres stießen."
Ihre Zersetzungspolitik in der Revolutionszeit unter dem Regime der Arbeiter und Soldatenräte, zerstörte die innere Einheit der Nation. "Hier haben vorwiegend die Juden ihre Hand im Spiel." Oder: "Als die großen Drahtzieher im politischen Kampf, als die wirklichen Profiteure der wirtschaftlichen Not und Verursacher des Krankheitskeims im deutschen Volke seien die Juden zu entlarven". Und: "Die Zentrumspartei unterstützte durch Einführung von Juden in die Regierung von Weimar den Kapitalismus und damit das internatinale Judentum."

Auch die Bauernführer zogen in ihren Propagandareden immer rabiater vom Leder: "Ein ehrlicher Landarbeiter kommt heute zu nichts mehr. Wir sorgen dafür, dass nicht mehr das Zentrum regiert, nicht mehr der Jude triumphiert und das Volk krepiert." Der Reichstag sei heute nur eine Redebedürfnisanstalt, in welcher nur die Mehrheit, aber nicht der Wille des Volkes entscheide. Die Nazis kämpften mit allen Tricks, um andere Parteien verächtlich zu machen und anzuschwärzen.
Nach der Machtübernahme 1933 spürte man auch in Lauffen am Neckar die neue nationalsozialistische Gangart deutlich. Bei einer kirchlichen Jugendversammlung war die ganze Jugend der Gemeinde eingeladen. Die neue Hitlerjugend (HJ) erschien unter ihrem Gefolgschaftsführer, dem Lehrer Sawall, geschlossen in Uniform. Noch waren die Hitlerjungs von der kirchlichen Veranstaltung beeindruckt, doch ihr "Gefolgschaftsführer" versuchte die Wirkung zu untergraben und erklärte: "Unser Gottesdienst findet auf der Heide statt - wir stehen auf einem anderen Boden."

Es wurde angeordnet, dass der HJ-Dienst künftig während der Gottesdienstzeit veranstaltet werde. Die Auswirkung auf Religionsunterricht an den Schulen und im Konfirmandenunterricht war für die Kirche verheerend. Auch die NS-Frauenschaft in Lauffen warb nun ständig für den Kirchenaustritt. Ortsgruppenleiter Ley besuchte den krank im Bett liegenden Stadtpfarrer, konfiszierte eine Unterschriftsliste von 150 Gemeindemitgliedern für den Landesbischof und beschlagnahmte die Kanzelverkündigung. Später wurde die Kanzelverkündigung des Landesbischofs auch unter Strafandrohung verlesen. Auch den inhaftierten Geistlichen in den KZ's gedachte man in Lauffen a.N. mutig namentlich. An etwas anderes als an Hitler zu glauben war jedoch nicht mehr oppertun. Die Kirche störte in der Volksgemeinschaft.
Juden, die aus dem benachbarten Talheim zum Viehhandel noch nach Lauffen kamen, wurden vom NSDAP-Schuldiener immer wieder schikaniert, beschimpft und sogar verprügelt. Das Klima der Diktatur beherrschte jetzt alles dörfliche und städtische Leben in Deutschland. Im Lauffener Kindergarten in der Heilbronner Straße zogen sogenannte parteikonforme NSV-Tanten ein, und die aus Großheppach stammende Kinderschwester wurde aufgefordert, zur NS-Volkswohlfahrt (NSV) überzutreten.
Der kirchliche Kindergarten in der Schulstraße sollte enteignet werden. In der Oberschule wurde der Weltanschauungsunterricht (WAU) eingeführt. Noch ohne grundsätzliche Polemik gegen die Kirche. Studienrat Wörz, der den Unterricht erteilte, konnte es nicht lassen, Kirchgänger spöttisch zu kritisieren. Anders in der Volksschule: Der vom Kultusminister eingesetzte Rektor Kärler war zwar gehässiger, aber sein Parteifanatismus war so plump, dass er nur geringe Erfolge erzielte. In der "Neckarglocke", der Ortszeitung, ließen sich Ortsgruppenleiter Ley und Kreisleiter Glaser polemisch gegen den Lauffener Pfarrer aus, weil dieser gesagt hatte: "Die Kirche muss von Evangelien her gebaut werden und darf nicht von außen zerstört werden."

Auch das SS-Kampfblatt "Flammenzeichen" schmähte die Kirchenvertreter: Als zahlreiche Jugendliche in der Kirche randalierten, versetzte der Pfarrer einem "kleinen Oberrandalierer" einen sogenannten "leichten Backenstreich". Das war zuviel für die NS-Postille und ihr Artikel schäumte vor Wut gegen Pfarrer und Kirche.
Auch außerhalb der Kirche wurden Lauffener Bürger wegen ihres Glaubens behelligt, so Frau Lörr aus der Seugenstraße. Sie wurde zu 100 Reichsmark Buße verurteilt, weil sie sich gegen die Sonntagsarbeit ausgelassen hatte und demonstrativ Balken auf den Weg zur Kirche geworfen hatte. Es war eben nicht immer strahlender Schein des Parteiabzeichens, das Lauffen erhellen sollte, es warf mehr Schatten als Licht. Während der Küfermeister sein Amt als Kirchengemeinderat niederlegen musste, um die Stelle eines städtischen Eichmeisters nicht zu verlieren, lehnte der Fabrikdirektor Hermann jede derartige Zumutung ab.
Und als Kreisschulungsleiter Eichmüller im Saal des Gasthauses "Zur Eisenbahn" die Bibel als "schmutziges Judenbuch" lächerlich machte und Jesus als Person in gemeinster Weise beschimpfte, sorgte der damalige Leiter des Kreiswirtschaftsamtes, Schultes, beim NS-Kreisleiter Drauz dafür, dass Eichmüller nicht mehr in Lauffen auftauchte.

Auch Oberlehrer Hammer und Hauptlehrer Sommerberger weigerten sich erfolgreich, den sogenannten Welt-Anschauungsunterricht zu erteilen. Sie stellten diesen Unterricht offen als Zumutung für die gesamte Lehrerschaft dar. Die Schule im NS-Staat war im wahrsten Sinne eine "harte Schule", hauptsächlich für die Schüler. Der Rohrstock regierte im Klassenzimmer, wo Erst- bis Viertklässler meist zusammen am Unterricht teilnahmen. Es gab für Fehlverhalten "Tatzen" oder in heftigeren Fällen "Hosenspannes".
Diese üblichen, schon im Kaiserreich praktizierten Erziehungsmaßnahmen entsprachen der allgemeinen NS-Ideologie. Wo sollten sie denn herkommen, "zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl, flink wie die Windhunde", die "Pimpfe", Hitlers Zukunft.
Kein Wunder, dass für manche Kinder die Alarmsirenen, die den Anflug feindlicher Flugzeuge ankündigten, anfangs noch keinen Schrecken auslösten, eher Freude!
Geschlossen ging es dann in benachbarte Luftschutzkeller, zwischen Weinfässer, Einmachgläser und Kartoffeln war es allemal angenehmer, als in der "strengen" Schule. Der Alarm konnte nicht lange genug dauern.
Trotz der verhassten Erziehungsmethoden sogen sie gierig alles auf, was mit Adolf Hitler zu tun hatte. Der Führer wurde mystisch, spannend zur Lichtgestalt aufgebaut. Sie sangen schon bald aus voller Kehle "Ich bin Adolf Hitlers kleiner Soldat..." oder sprachen gemeinsam das "NS-Morgengebet": "Wer nicht schafft, soll auch nicht essen, lass uns Herr das nie vergessen, lasst uns alle, groß und klein, immer treu am Werke sein." Nach der Schule war "Soldäterlesspiel" angesagt. Man gab sich alle militärischen Dienstgrade vom Oberleutnant bis zum Unteroffizier. Fremde Kinder aus der Nachbarschaft durften nur als einfache Soldaten, Gefreiter oder Obergefreiter mitspielen. Mädchen waren in der Regel nicht dabei, weil man mit ihnen einfach noch nicht spielen wollte.
Aber es gab auch Ausnahmen. Die Mädchen bekamen Rotkreuzarmbinden und mussten als Krankenschwestern die Verwundeten mit Lappen verbinden und ins Lazarett bringen. Kamen echte Soldaten ins Dorf, wie 1939/40 sogar die Waffen-SS zur Einquartierung, waren die Kinder nicht mehr abzuschütteln. Schon vorher, wenn "nur" das Jungvolk aufmarschierte und das "Fähnlein" durchs Dorf zog, tollten die Kinder hinterher.

Heimlich bewunderten sie Uniformen, Orden, Auszeichnungen und Kordel. Jeder wünschte sich nichts sehnlicher als endlich das Alter von 10 Jahren zu erreichen, denn mit 10 wurde man ins Jungvolk aufgenommen und konnte mitmarschieren.
Sie alle waren keine freien Kinder ihrer Zeit mehr, sie wurden systematisch nationalsozialistisch verbogen, aufgehetzt und "scharf" gemacht. Im November 1937 gab Hitler in einer seiner üblichen Reden den Oberbefehlshabern der Wehrmachtsteile und dem Reichsaußenminister bekannt, die vorgeblich so dringende Frage des Lebensraumes für das deutsche Volk sei "mit dem Schwert" zu lösen. Wer wollte, konnte dies schon zuvor in Hitlers "Mein Kampf", schwarz auf weiß lesen.