Der Krieg nährt sich
Schon 1935 wurde das Reichsluftschutzgesetz erlassen. Fünf Monate vor seiner öffentlichen "Lebensraum-Rede", die Hitlers Kriegsabsichten deutlich machte, wurde bereits der Luftschutz streng gegliedert: In Luftschutzwarndienst, Fernmeldedienst, Sicherheits- und Hilfsdienst (SHD), den Werkluftschutz und den Selbstschutz. Am selben Tag wurde die Entrümpelung der Dachböden und die Anlage von Schutzräumen in Neubauten geregelt. Es folgte die Notdienstverordnung, durch die jeder Einzelne zu Rettungs- und Aufräumarbeiten verpflichtet werden konnte. Acht Tage später folgte die Verdunkelungsverordnung. Na, klasse, hätte man ja da schon sagen können, aber im Land errregten diese Verordnungen kaum Verdacht. Der Reichsluftschutzbund hatte seit 1930 vergeblich für den Gedanken des Luftschutzes geworben. Wer dachte schon selbst an Krieg, der in Berlin längst beschlossene Sache war. Dem ganzen Volk wurde Stärke und Siegernimbus eingeredet.



Um Lauffen herum verlief die Luftverteidigungszone West, parallel zum Westwall und der Neckar-Enz-Verteidigungslinie, ein ca. 50 Kilometer breiter Gürtel unter der Leitung des Luftgaukommandos VII in Stuttgart. Der Stuttgarter NS-Kurier schrieb hierzu, jeder Versuch eines Fliegers, diese Zone zu durchdringen, komme einem glatten Selbstmord gleich. Hermann Göring, der Oberbefehlshaber der Luftwaffe tönte gleichzeitig, wenn es jemals einem feindlichen Flugzeug gelinge, in den deutschen Luftraum einzudringen, wolle er "Maier" heißen. Später nannte der Berliner Volksmund die heulenden Luftschutzsirenen - auch in Anspielung auf Görings Jagdleidenschaft - "Maiers Waldhörner". Innerhalb einzelner Häuser oder bei mehreren Häusern bei den sogenannten Luftschutzgemeinschaften hatten die Luftschutzwarte absolute Befehlsgewalt. Sie teilten Brandwache, Löschtrupps, Laienhelfer, Melder und Ordner ein.

Das Flugwacht-Kommando (Fluko) in Stuttgart, verantwortlich für den Luftschutzwarndienst, leitete im Angriffsfall, wenn es Lauffen betraf, die Meldung an das Luftschutzkommando in Heilbronn. Von hier aus wurde der Alarm an die Warnstelle "Zementwerk" weitergegeben. In der Heilbronner Warnzentrale arbeiteten zuletzt über 90 Personen. Sie riefen allein für Lauffen 1.382 Mal Luftalarm aus. Die Warnbefehle ("Luftgefahr 15 = Angriff in 15 Minuten", "Öffentliche Luftwarnung - 7 Minuten Alarm", "Vorentwarnung" oder "Luftgefahr vorbei") gingen direkt an den Lauffener Bürgermeister.



Er drückte auf den Sirenenknopf und gab die Warnbefehle an die Bürgermeister von Neckarwestheim, Nordheim und Talheim weiter. Die Luftschutzwache der Lauffener "Einsatzstelle Rathaus" beobachtete vom Turm der Lauffener Burg aus die Lage. Luftschutz in der kleinen Weinbaugemeinde war keine ungefährliche Sache. 46 Anträge auf Verleihung des Verwundetenabzeichens für Zivilpersonen wurden eingereicht. In einigen Fällen hatte Bürgermeister Sailer jedoch etwas dagegen. Er äußerte bei sieben Verleihungsanträgen Bedenken: "Es handele sich um geringfügige Verletzungen. Bei Luftschutzmännern die auf Beobachtungsposten im Parteihaus (Braunes Haus) standen, handele es sich um Unfall im Dienst."

Als die Bomben niedersausten, wollten zwei Lauffener rasch in den Luftschutzkeller. Der Luftdruck einer Bombe warf sie auf die Kellertreppe. Einer verstauchte sich die Hand, der andere war längere Zeit arbeitsunfähig. Das reiche nicht zur Auszeichnung, so der Bürgermeister in einem Brief an den Landrat in Heilbronn.

Lauffen am Neckar hatte zu Beginn des Zweiten Weltkriegs über 5.000 Einwohner. Das liebste Stück Heimat war den Lauffenern der eigene Weinberg hinterm Haus und der Neckar vor der Tür. Für ferne Weltpolitik hatte man hier wenig Sinn. Es hieß nur: "In Berlin werden die Gesetze gemacht, in München gelesen und in Stuttgart ausgeführt. Man war also weit genug weg vom ideologischen "Tam Tam".



Als Adolf Hitler anläßlich eines Württemberg Besuches durch Lauffen fuhr, war es natürlich sofort Stadtgespräch. Aber Furore machten eigentlich drei Elefanten vom Zirkus, der gerade in Lauffen gastierte. Von Schaulustigen eingekeilt, und in dem Moment, als der Führer mit seinem Konvoi in die Stuttgarter Straße einbog, mussten sie kräftig Wasser lassen. Es gab ein großes "Hallo", denn die Umstehenden wurden regelrecht "getauft". Mit der kirchlichen Taufe war es in Lauffen a.N. mittlerweile in zweierlei Hinsicht schwierig geworden. Einerseits passte der christliche Glaube nicht mehr zur NS-Ideologie und in fast allen Kirchen fehlte das Geläut.

Auch die Lauffener Kirchenglocken wurden für Kriegsrüstungs-Zwecke eingeschmolzen. Rüstungsindustrie aber spielte in Lauffen, der Geburtsstadt Hölderlins, keine bedeutende Rolle. Lauffen war eine typische Weinbauerngemeinde mit Ackerbau und Viehzucht.

Neben dem Württembergischen Portland Zementwerk, das den Rohstoff für die Kampfbunker des Westwalls und Atlantik-Walls lieferte, gab es noch zwei kleinere, sogenannte Rüstungsbetriebe. Die einen strickten Unterhosen für Heinrich Himmlers SS, die anderen stellten Material für den Luftschutz her. Dazu kamen rund 450 landwirtschaftliche und Gärtnereibetriebe.