Das Volk steht links
Das letzte Kriegsjahr begann mit dem von Deutschland am 3. März 1918 diktierten Frieden von Brest-Litowsk. Russland verzichtet auf Polen, die Ostseeprovinzen und Litauen.

Die Ukraine und Finnland werden selbständig. Kaiser und oberste Heeresleitung können die Osttruppen an die Westfront verlagern. Zu spät. General Ludendorff strebt in der mittlerweile aussichtslosen Lage einen schnellen Waffenstillstand an, um dem totalen Zusammenbruch zuvorzukommen. Kaiser und Generäle werden jedoch von innerdeutschen Ereignissen überrollt. Mitten in den Waffenstillstands-verhandlungen meutern die Matrosen in Kiel, ein revolutionärer Akt im Kaiserreich. Die Marinesoldaten verhindern das Auslaufen der Hochseeflotte, einst Kaiser Wilhelms II ganzer Stolz, zu ihrem letzten, sinnlosen Entlastungsangriff am 3. November 1918.



Diese Gehorsamsverweigerung spricht sich in Windeseile herum. In Hamburg, Bremen, Hannover und Braunschweig werden Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. In München werden am 8. November die Wittelbacher gestürzt und in Bayern die Republik ausgerufen. Der erst vor wenigen Wochen berufene Reichskanzler Prinz Max von Baden übergibt Friedrich Ebert, dem Führer der Mehrheitssozialdemokraten (MSPD), die Regierungsgeschäfte. Kaiser Wilhelm II flieht nach Holland.

Der gewählte Staatssekretär Philipp Scheidemann ruft am 9. November 1918 vom Balkon der Reichskanzlei in Berlin die Republik aus. Am 11. November wird der Waffenstillstands-Vertrag im Wald von Compiègne unterzeichnet. Er enthält für Deutschland fatale Bedingungen. Elsaß-Lothringen, alle besetzten Gebiete des linken Rheinufers und die drei Brückenköpfe Köln, Mainz und Bonn müssen geräumt werden. In Köln und Bonn ziehen englische, in Mainz französische Truppen ein. Alle deutschen Schlachtschiffe, U-Boote und Flugzeuge müssen abgeliefert werden. Friedensverträge mit Russland und Rumänien werden annulliert. Deutschland muss Wiedergutmachung leisten und die verhängte Hungerblockade der Sieger bleibt bestehen.

Die neugegründete kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und die Linkssozialisten rufen zum Aufstand gegen die Regierung in Berlin auf. Die von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg geführten Revolutionäre bleiben ohne Resonanz bei Militär, Arbeiterschaft und in der Bevölkerung. Die als Spartakusaufstand bekannte Bewegung wurde niedergeschlagen. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht werden nach der Festnahme auf dem Weg ins Untersuchungsgefängnis Moabit von Angehörigen der Gardekavallerie-Schützendivision ermordet. Wieder wird in Deutschland gewählt.



Erstmals in der deutschen Geschichte sind Frauen bei der Wahl eines nationalen Parlaments stimmberechtigt. Es kommen keine klaren Mehrheiten zustande. Die neue Nationalversammlung tritt am 6. Februar 1919 zusammen. Sie wählt Friedrich Ebert zum vorläufigen Reichspräsidenten. Während in Weimar die neuen Volksvertreter beraten, zieht eine zweite revolutionäre Welle über das Land. Reichswehrminister Gustav Noske marschiert mit Freiwilligen in Bremen gegen den dortigen Arbeiter- und Soldatenrat und stürmt ihn.

In München wird Ministerpräsident Kurt Eisner (USPD) von einem adligen Offizier erschossen. Im März marschieren wieder Noske-Truppen gegen streikende Arbeiter in Berlin und Sachsen. Höhepunkt bildet der Generalstreik im Ruhrgebiet. Noch höhere Wogen schlägt aber die von den Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer angestrebte Loslösung des Rheinlandes von Preußen.

Zur gleichen Zeit verhandelten 27 Staaten unter Ausschluss der Besiegten in Paris über die Bedingungen für einen offiziellen Friedensschluss nach dem Krieg. Einspruchsmöglichkeiten gibt es nicht, bei Ablehnung droht der Einmarsch fremder Heere. Unter diesem Druck nimmt das Weimarer Parlament am 28. Juni 1919 mit 237 gegen 138 Stimmen das als Versailler Vertrag in die Geschichte eingehende Werk an.

Der Vertrag beinhaltet die fast totale Entwaffnung, alle Kolonien und Elsaß-Lothringen fallen an Frankreich. Eupen-Malmedey an Belgien, Posen, Westpreußen und ein Teil Hinterpommerns an Polen, das Saarland unter internationale Verwaltung. Deutschland mit seinen Verbündeten trägt die alleinige Schuld am Krieg. - Ein hartes Friedensdiktat der Siegermächte. Jetzt gibt es schuldige und unschuldige Staaten, Kriegstreiber und Friedensbewahrer. Für die Weimarer Republik gibt es durch den Vertrag von Versailles die denkbar ungünstigsten Startbedingungen. Weltwirtschaftskrise, Armut und Arbeitslosigkeit bestimmten den Alltag.



In Deutschland brachten die Menschen ihr letztes Hab und Gut zur Pfandleihe, standen Schlange vor den Suppenküchen. Die Reichswehr hasste die junge (Weimarer) Republik. Sie finanzierte die reaktionären Freikorps, Abenteurer, Schläger und Fememörder. Agenten, Spitzel und Informanten - unter ihnen auch Hitler. In Berlin scheiterte der Kapp-Putsch.



Der frühere Leiter der Vaterlandspartei, Wolfgang Kapp, verbündete sich mit der Reichswehr und besetzte mit 6000 Mann das Berliner Regierungsviertel. Die Reichsregierung flieht nach Dresden und Stuttgart. Der Putsch scheiterte am Aufruf der Gewerkschaften zum Generalstreik. Kapp flüchtet nach Schweden. In München schlug Hitlers Versuch fehl, schon 1923 die Macht zu übernehmen. Mit bewaffneten Anhängern stürmte Hitler am 8. November in den Münchner Bürgerbräukeller, in dem eine "Vaterländische Kundgebung" stattfindet, schießt mit seiner Pistole in die Luft, um sich Gehör zu verschaffen.



Hitler erklärt die Regierung Bayerns und des Reiches für abgesetzt. General Ludendorff schließt sich ihm an. Am nächsten Tag marschieren die Putschisten durch die Münchner Innenstadt. Hitler glaubte die Landespolizei werde nicht auf die Aufrührer schießen. Doch auf Höhe der Feldherrnhalle eröffnete die Polizei das Feuer. 19 Menschen sterben. Ludendorff wird verhaftet, Hitler flieht.

Der Putsch ist gescheitert. Gefreiter Hitler und General Ludendorff wurden von der republikfeindlichen Justiz ein milder Prozess gemacht. Ludendorf wird freigesprochen. Im Februar 1924 tritt Hitler die Strafe in der Festung Landsberg an, fünf Jahre Festungshaft, kommt jedoch im Dezember schon wieder frei. In Berlin kämpften die restlichen Parteien um Deutschlands Existenz. Als aus dem Elend die rote Fahne unter Thälmann immer häufiger wehte, setzten sich kapitale Interessengemeinschaften für Hitler, den Hasser des Bolschewismus und des internationalen Judentums ein. Die Rechnung ging auf.

Der Sozialismus preußischer Prägung fiel Stück für Stück einer neuen Auffassung von der Volksgemeinschaft zum Opfer - obwohl die Nationalsozialisten in der Wählergunst zunächst gar nicht gut wegkamen. Doch die Weltwirtschaftskrise lähmte jeden vernünftigen Gedanken. Hunger und Armut schrie nach starker Hand und Führung aus dem Elend.



Das Ergebnis der Reichspräsidentenwahl vom 10. April 1932 zeigte für Lauffen am Neckar, dass von 2.632 Stimmberechtigten nur 642 Hitler wählten, 265 Stimmen aus Lauffen votierten für Ernst Thälmann von der KPD, der 1944 in Buchenwald ermordet wurde. Die meisten Stimmen erhielt Paul v. Hindenburg, dessen Sohn schon heimlich hinter dem Rücken des Vaters mit Hitler paktierte und mit Kapitalgebern aus Wirtschaft und Bankkreisen die Hitler-Partei unterstützte. Im Zickzackkurs der Wahlen und Probleme der Weimarer Republik reagierte Reichskanzler Brüning schließlich mit 40 Notverordnungen. Das Parlament hatte bis zu diesem Zeitpunkt nicht ein einziges Gesetz verabschiedet. Hitler erkennt die Schwäche des Reichskanzlers und veröffentlicht einen offenen Brief an Brüning, in dem er ihm und der Regierung "Verrat an den Interessen des deutschen Volkes" vorwirft.

Gleichzeitig sickerten Gerüchte durch, dass Hindenburgs Sohn Oskar staatliche Gelder in die eigene Tasche und die seiner Freunde hatte fließen lassen. Die Nazis drohten mit Skandal und Enthüllung.

"Wir wollen unseren Führer sehen.", brüllte die Menge. Sie bekam was sie wollte. Am 30. Januar 1933 berief Hindenburg schließlich Adolf Hitler zum Reichskanzler. Wer danach nicht stramm stand oder diesen Herren sonst missfiel, wurde verfolgt, verprügelt - andere gleich verhaftet und in eines der ersten drei Konzentrationslager gebracht. Am 23. Februar 1933 erlässt Hindenburg auf Veranlassung Hitlers die Not-Verordnung "zum Schutz von Volk und Staat". Sie bedeutet das Ende der von der Verfassung garantierten persönlichen Freiheit. Die KPD wird umgehend verboten, politische Gegner ohne rechtsstaatliche Verfahren ausgeschaltet. In dieser Stimmung finden am 5. März Neuwahlen statt, bei denen die NSDAP die absolute Mehrheit verfehlt. Die durch Verhaftungen von 120 auf 94 Abgeordnete geschrumpfte SPD-Fraktion stimmt geschlossen gegen das von den anderen 441 Abgeordneten angenommene Ermächtigungsgesetz, das die erste deutsche Republik endgültig liquidierte.