Barfuss ins Salzbergwerk
Für die nationalsozialistische "Neuordnung" Europas ist offiziell niemals ein zusammen hängender Plan aufgestellt worden. Nur Hitler selbst hatte eine genaue Vorstellung davon wie ein vom Nationalsozialismus beherrschtes Europa wirtschaftlich ausgebeutet werden sollte. Dabei ging es nicht nur um Rohstoffe oder Kunstschätze. Es ging auch gegen Menschen: Juden, Sinti, Roma und Angehörige slawischer Völker galten als "Untermenschen".

In seinen Augen hatten sie keine Daseinsberechtigung, eine Ausnahme machte er für "solche Slawen, die von ihren deutschen Herren als hörige Knechte und Bergarbeiter gebraucht wurden". Es sollten nicht nur die Großstädte des Ostens, Moskau, Leningrad und Warschau "niedergerissen und unbewohnbar" gemacht werden, es sollte auch die Kultur der Russen, Polen und anderer slawischer Völker ausgelöscht und ihnen jede Möglichkeit zu höherer Bildung genommen werden.



Am 16. Juli 1941, keinen Monat nach Beginn des Rußlandfeldzuges, zu einem Zeitpunkt, an dem Anfangserfolge erkennen ließen, dass der Diktator bald einen Großteil der Sowjetunion im Griff haben würde, bestellte Hitler Göring, Keitel, Rosenberg, Bormann und Lammers (Chef der Reichskanzlei) in das Führerhauptquartier, um ihnen noch einmal vor Augen zu führen, welche Absichten er in den neu eroberten Gebieten verfolgte.

Hitler betonte jedoch, dass die "Zielsetzung nicht vor der ganzen Welt bekannt zu geben" sei. "Grundsätzlich kommt es darauf an, den riesenhaften Kuchen handgerecht zu zerlegen, damit wir ihn erstens beherrschen, zweitens verwalten und drittens ausbeuten können". Göring hierzu: "Früher nannte man das plündern... Nun die Formen sind humaner geworden. Ich gedenke trotzdem zu plündern und zwar ausgiebig". In dieser Hinsicht wenigsten stand er zu seinem Wort in Bezug auf alle eroberten Länder.

Der größte Kunstraub in der Geschichte der Menschheit rollte an. Mit der Verwirklichung dieser speziellen Raubes wurde Reichsminister Alfred Rosenberg betraut, der zu dem Zweck den sogenannten "Einsatzstab Rosenberg" zusammenstellte (Rosenberg wurde 1946 vom alliierten Tribunal als Kriegsverbrecher und Verbrecher gegen die Menschlichkeit zum Tode verurteilt und in Nürnberg gehängt).

Er wurde nicht nur vom gierigen Göring sondern auch von Keitel unterstützt. Tatsächlich hieß es in einem Befehl des Generalfeldmarschall Keitel an die Wehrmacht: "Er (Rosenberg) ist ermächtigt, die ihm wertvoll erscheinenden Kulturgüter nach Deutschland abzutransportieren und sicherzustellen. Über ihre Verwendung hat der Führer sich die Entscheidung vorbehalten". Einem amtlichen Geheimbericht zufolge gingen bis Juli 1944 137 Güterwagen mit 4.174 Kisten, darin 21.903 Kunstgegenstände, darunter 10.890 Gemälde nach Deutschland. Zu den Gemälden gehörten unter anderem Werke von Rembrand, Rubens, Vecchio und Gainsborough.


Raub und Plünderung hätten die unterworfenen Völker indes noch ertragen können – Kriege und Fremdherrschaft haben stets Entbehrungen zur Folge. Aber das war nur ein Aspekt der nationalsozialistischen Neuordnung. Was die nur zwölf Jahre dauernde Neuordnung nicht vergessen machen wird, war nicht Kunstraub sondern Menschenraub.

Millionen Menschen wurde in die Zwangsarbeit verschickt, Frauen, Männer und Kinder in KZ’s gefoltert und gequält, weitere Millionen, darunter viereinhalb Millionen Juden, kaltblütig umgebracht oder bewusst dem Hungertod preisgegeben und sterblichen Überreste – zur Verwischung der Spuren – verbrannt.

Ende September 1944 schufteten etwa siebeneinhalb Millionen ausländischer Zivilpersonen für das nationalsozialistische Deutschland. Nahezu alle waren mit Gewalt zusammengetrieben und in Güterwagen nach Deutschland zur Arbeit in Industrie, Landwirtschaft und Bergbau deportiert worden. Was vor ihnen lag, waren Hunger und Prügel, Krankheit und im Winter Frieren in ungeheizten Unterkünften und dünnen Kleidern. Was vor ihnen lag, waren lange Arbeitsstunden, die erst dann endeten, wenn sie sich nicht mehr auf den Beinen halten konnten.



Nach der Landung der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie werden in Neckargartach und Kochendorf zwei neue KZ’s aus dem Boden gestampft. In den 100 mal 150 Meter großen Lager entlang der Böblinger Straße auf Höhe des heutigen Sportplatzes werden etwa 1.100 Häftlinge eingepfercht. Ihr "Gefängnis" wird umgrenzt von mehrfach gespanntem Stacheldraht, einem Bretterzaun und vier Wachtürmen. Zur Bewachung sind 80 SS-Leute im Einsatz, zu denen später 20 Luftwaffenangehörige hinzu kamen.

Außerhalb des umzäunten Lagern, in Richtung Ortskern, lagen die Unterkünfte der SS-Wachmannschaften und die Baubüros der Organisation Todt (OT), sowie ein weiterer Barackenkomplex, das "Russenlager". Das KZ-Außenkommando Neckargartach gehörte zu den sogenannten "Neckarlagern", in die im Spätsommer 1944 die Häftlinge des KZ-Natzweiler und seiner im besetzten Frankreich gelegenen Außenkommandos vor den heranrückenden alliierten Befreiungsarmeen zurück verlegt wurden. Es unterstand der Kommandantur in Guttach.

Zu den Aufgaben der Kommandantur gehörte es, die Anforderungen der Firmen nach Häftlingen, versehen mit einer Stellungnahme, an das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt weiterzuleiten. Ferner mußte sie aufgrund der Meldungen aus dem Außenkommandos Gelder berechnen, welche die jeweilige Firma für Häftlinge zu bezahlen hatten und anhand der täglichen Meldungen der Außenkommandos die jeweilige Gesamtzahl von Häftlingen registrieren. Ende Februar, Anfangs März setzte sich dieser Kommandanturstabes nach Stuttgart ab.

Die Häftlinge mussten Tag für Tag arbeiten, nur am Sonntagnachmittag ist Pause. Unter der OT-Bauleitung und der Tiefbaufirma Berger begannen die Neckargartacher Häftlinge in Herbst 1944 unter der Tarnbezeichnung "Steinbock" den Stollenausbau für die Verlagerung der Rüstungsfirma IG-Farben AG in die etwa 200 Meter unter der Erde gelegenen Salzkammern.

Einen weiteren Stollen ließ sich die Lebensmittelfirma Tengelmann von KZ-Häftlingen ausbauen: Sie lagerte hier mehrere Schiffsladungen Lebensmittel ein. Die verschiedenen Stolleneingänge dieser "riesigen Speisekammer" befanden sich auf dem heutigen Gelände der Energieversorgung Schwaben bzw. 2 km entfernt am Fuß des Stiftsberges. Die Häftlinge werden äusserst streng bewacht. Wenn einer auf dem Weg zur Arbeit schlappmacht, bekommt er einen Gewehrkolben ins Kreuz gestoßen.

Als zwei Häftlinge einmal gefrorene Kartoffeln am Wegesrand aufheben wollen, werden sie sofort "gepeitscht". Nur einen Apfel wirft eine Neckargartacherin den Arbeitskolonnen zu, sofort wird ihr Haus von der SS nach Waffen durchsucht.



Eine Zeitzeugin sah die Häftlinge regelmäßig auf dem Anmarsch zur Arbeitstelle. Sie spricht von "lebenden Leichen, die kaum hatten gehen können", sie hätten im strengen Winter nur die grau-blau gestreiften Drillichanzüge angehabt und ein ehemaliger Kommandoführer gesteht, ein großer Teil der Häftlinge, ca. 200, hatte überhaupt kein Schuhwerk.

Neben der Arbeit im Verlagerungsprojekt "Steinbock" mussten die KZ-Häflinge an der Wimpfener Straße noch einen Luftschutzstollen für OT-Angehörige und Zivilpersonen ausbauen Sie selbst durften diese Schutzräume generell nicht benutzen. Nach dem schweren Bombenangriff am 4. Dezember 1944 auf Heilbronn, unterbrach man die Arbeiten am Objekt "Steinbock" für knapp zwei Monate: Die Häftlinge wurden zu Aufräumarbeiten in der total verschütteten Innenstadt gebraucht.

Ende Januar 1945 ging die Arbeit unter Tage in unverminderter Härte weiter. Im Stollen lief bereits die Produktion für Rüstungsteile und eine unterirdische Gleisanlage war in Betrieb. In der ersten Aprilwoche 1945 räumte die SS wegen den vorrückenden alliierten Kampfverbänden das Lager.

Die Häftlinge wurden teils zu Fuß, teils in Güterwaggons, in das KZ-Dachau verlegt. Dort wurden am 27. April 1945 die Ankunft von 258 Neckargartacher Häftlingen registriert. Was mit den übrigen 842 Häftlingen, die einst zur Mannschaft von Neckargartach gehörten geschah, läßt sich nicht genau klären. Nur soviel ist nach vollziehbar: Ab Oktober 1944 wurden die Toten aus dem Lager auf dem Standesamt Heilbronn registriert. So starben im Oktober 1944 fünf im November 18 und im Dezember 38 KZ-Häftlinge an Hunger, Krankheit, Schwäche und Mißhandlungen.

Für den Zeitraum 1. Januar – 28. März 1945 sind weitere 130 Todesfälle beurkundet. Doch die Zahl von 191 gemeldeten Toten ist unvollständig: In den Listen fehlen die Todesfälle im September 1944 sowie die Namen derer die nach dem 28. März 1945 bis zur Auflösung des Lagers starben. Bis Anfang Dezember 1944 wurden Tote des KZ-Außenkommando Neckargartach auch im Krematorium Heilbronn verbrannt: Eine Liste nennt 31 sowjetische und polnische Häftlinge.

Die Opfer der "Evakuierung in das KZ-Dachau" finden sich in keiner Liste: SS-Bewacher hatten bereits zu Beginn des Todesmarsches in Böckingen auf dem Sportplatz 16 erschöpfte Häftlinge erschossen. Während des sogenannten Hessentaler Todesmarsches starben noch unzählige Häftlinge mitten auf der Wegstrecke. Der Häftlingszug schleppte sich durch ganz Süddeutschland, begleitet von mehreren Fuhrwerken.

Bauern waren gezwungen, die zusammengebrochenen oder von SS-Leuten erschossene Häftlinge aufzuladen und hinter der Kolonne herzufahren, damit man sich ihrer bei nächster passenden Gelegenheit entledigen konnte. Zwei Neckargartacher Häftlinge wurden auf den jüdischen Friedhof Sontheim begraben, die Mehrzahl der Toten vergrub man auf der Anhöhe oberhalb des Lagers zwischen dem Gewann Werthalde und Hüttenacker.



Die Heilbronner KZ-Außenstellen waren zwar keine ausgewiesenen Vernichtungslager aber der Tod war trotzdem ein ständiger Begleiter, besonders zum Ende hin. Der Arbeitseinsatz von KZ-Häftlingen fand – im Vergleich mit den anderen Kategorien von Zwangsarbeitern – unter den härtesten Bedingungen statt.

Das zeigt sich schon allein daran, dass die Todesstrate während des allgemeinen Betriebes zwischen 25 und 40 Prozent lag. Im Neckargartacher KZ starben in dem halben Jahr seines Bestehens 191 namentlich bekannte, schätzungsweise aber 295 Häftlinge an allgemeiner Entkräftung, Lungenentzündung und Flecktyphus.

Wie der Lageralltag für die Häftlinge aussah ist für uns heute schwer vorstellbar: Tag für Tag nach dem festgesetzten Rhythmus ausrücken und einrücken, arbeiten, schlafen und essen, krank werden, gesund werden oder sterben. Wie man sich in diesem Dasein fühlte macht Primo Levi deutlich, er schreibt über seine dunkelste Zeit im KZ: "Nun bin ich also in der Tiefe. Vergangenheit und Zukunft auszulöschen lernt man rasch, wenn die Not drängt.

14 Tage nach meiner Einlieferung habe ich schon den Hunger, den chronischen Hunger, den die freien regelrechten Menschen nicht kennen, der nachts Träume hervorruft und der in allen Gliedern unseres Körpers wohnt. Schon schnell habe ich gelernt, mich nicht bestehlen zu lassen, und sehe ich einen Löffel, einen Bindfaden, einen Knopf herumliegen, den ich mir ungestraft einstecken kann, so stecke ich ihn ein und betrachte ihn mit vollem Recht als mein Eigentum. Schon habe ich auf meinem Fußrücken die stumpfen Wunden, die nicht heilen werden. Ich schiebe Waggons, arbeite mit der Schaufel, ich ermatte im Regen, ich zittere im Wind. Schon ist mein Körper nicht mehr mein: Der Bauch ist gedunsen, die Glieder sind verdorrt, das Gesicht ist am Morgen verschwollen und am Abend ausgehöhlt. Einige von uns haben eine gelbe Haut, andere eine graue, sehen wir uns einmal drei oder viert Tage lang nicht, erkennen wir uns kaum wieder".

Ein anderer Häftling erklärte ebenso deutlich wie unvorstellbar. "Der Tod beginnt mit den Schuhen! Für die meisten von uns haben sie als wahre Marterwerkzeuge erwiesen, weil sie schon wenige Stunden Arbeitseinsatz schmerzende Wunden verursachen. Wer davon heimgesucht ist, muss so laufen als habe er ein Gewicht am Fuß hängen (daher die eigenartige Gehweise der Gespensterkolonnen, die allabendlich ins Lager ziehen); er ist überall der letzte, und überall bekommt er Schläge; er kann nicht davonlaufen, wenn man hinter ihm her ist, seine Füße schwellen an und je mehr sie anschwellen, desto unerträglicher wird die Reibung am Holz und am Leinen der Schuhe. So bleibt dann nichts anderes als der Krankenbau. Doch mit dem Befund ,dicke Füße‘ in dem Krankenbau zu kommen ist äusserst lebensgefährlich, denn alle, besonders die SS, wissen sehr wohl, das man dieses Leiden hier nicht loswerden kann..."

Auch für die Kriegsgefangenen, die einem etwas menschlicheres Los als die KZ-Häftlinge unterworfen waren gab es trotzdem wenig Hoffnung, die Zeit einigermaßen unbeschadet zu überstehen: Sie mussten ständig darauf gefaßt sein, eines Tages das härtere Schicksal ihrer Kameraden in den KZ zu teilen. Im Februar 1944 belief sich die Zahl der "Zwangsarbeiter in Uniform" auf 1.930.000.

Allein von den über fünf Millionen gefangen genommenen russischen Soldaten, starben in der Gefangenschaft über drei Millionen an Krankheiten, Hunger und Kälte.

Organisatorisch gesehen war der Einsatz von Kriegsgefangenen für die nationalsozialistischen Behörden und Parteistellen die einfachste und bequemste Art des Arbeitseinsatzes von Menschen aus angegriffenen Ländern. Denn die Gefangenen unterstanden bereits der militärischen Überwachung in den sogenannten Stammlagern (STALAG). Von dort aus konnten sie außerordentlich kostengünstig und flexibel an Rüstungsbetriebe "vermietet" werden. In Heilbronn begann der Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen vergleichsweise spät. Der Erste – ein Franzose – ist ab August 1940 nachweisbar.

Die in Heilbronn eingesetzten Arbeitskommandos kamen zunächst aus den Stammlagern (Ludwigsburg oder Offenburg und wurden in der Regel in Barackenlagern auf dem jeweiligen Firmengelände untergebracht. Die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen mussten im November 1941 in Heilbronn die Arbeit aufnehmen. Um Zwangsarbeiter oder Kriegsgefangene zugeteilt zu bekommen, musste eine Firma als Produzent kriegswichtiger Artikel anerkannt sein: In Heilbronn waren das über 100 Industrie- oder Gewerbebetriebe.

Dazu gehörten Firmen der Lebensmittelbranche (damals Bäckereien, Metzgereibetriebe und einige Gaststätten), metallverarbeitende und chemische Unternehmen, das Baugewerbe, die Reichsbahn, die Reichspost und Behörden oder das württembergische Innenministerium, das hier eine Entladekolonne im Hafen beschäftigte.

Daneben waren noch einmal in rund 160 Gartenbau- und Landwirtschaftsbetrieben Zwangsarbeiter beschäftigt und in neun Fällen auch in privaten Haushalten. Insgesamt sind im Stadtkreis Heilbronn 272 Arbeitgeber bekannt, bei denen Zwangsarbeiter eingesetzt waren.



Das größte Lager für ausländische Zwangsarbeiter, das "Nordlager", in dem 900 Menschen untergebracht waren, befand sich in Kleinäulein. Hierher, genauer in die Fabrikräume der 1939 "arisierten" Lederfabrik Victor, hatte die Daimler-Benz AG Teile ihrer Kriegsproduktion verlagert; mindestens 250 ausländische Zwangsarbeiter mussten hier schuften. Noch mehr Menschen, nämlich 732 lebten in den mindestens fünf verschiedenen Lagern der Reichsbahn auf dem Bahnhofsgelände, am Floßhafen, am Karlshafen, an der Neckargartacher Straße und auf dem Gelände Südstraße 4.

Zeitweise befand sich auch in der Gottlieb-Daimler-Straße ein so genanntes "Arbeitererziehungslager" (AEL) in das Zwangsarbeiter wegen Verstößen gegen die Arbeiterordnung zur Strafe eingeliefert wurden. Die AEL-Häftlinge mussten im Steinbruch und an der Eisenbahnlinie arbeiten, sie bekamen geringe Essenrationen und Prügelstrafe gehörte zum regelrecht Arbeitsalltag.

Dass die Vergehen der Zwangsarbeiter immer hart bestraft wurden, ist aus der Heilbronner NS-Presse zu erfahren: Das Sondergericht Stuttgart verurteilte bei einer Verhandlung in Heilbronn zwei Polen wegen einfachen Diebstahls zu fünf Monaten Gefängnis. Sie hatten versucht bei der Firma, bei der sie arbeiteten, ein Stückchen Leder zu entwenden.

Im Oktober 1942 wurde über einen in Heilbronn beschäftigten Polen die Todesstrafe verhängt, der nach Feierabend Kellerdiebstähle in Heilbronner Häusern verübt hatte. Eine Ostarbeiterin ertränkte sich am 30. Oktober 1943 nach der Aufdeckung eines Diebstahls – wohl aus Angst vor der zu erwartenden Strafe – selbst im Neckar.

Am 12. März 1945 erschoß Oberbürgermeister Heinrich Gültig einen als Zwangsarbeiter eingesetzten französischen Kriegsgefangenen, der in der Molkerei in Neuenstadt, dem damaligen Hauptlieferanten von Milch und Butter für die Stadt Heilbronn beschäftigt war. Mit dem Zwangsarbeiter hatte es Probleme gegeben, weshalb Gültig dorthin fuhr, um den Fall zu prüfen.

Er nahm den Franzosen André Guyot in Haft und fuhr mit ihm und zwei Begleitern nach Heilbronn zurück. Während einer Pause in der Nähe von Eberstadt versuchte der Kriegsgefangene zu fliehen und schlug einen der Begleiter mit einem Faustschlag nieder. Gültig schoß sofort mehrmals auf André Guyot und traf in tödlich. Tatort ist der Steinbruch beim Klingenhof auf der Gemarkung Eberstadt nahe des Gemeindewalds Eberfirst. Der Heilbronner SA-Standartenführer und NSDAP-Oberbürgermeister Heinrich Gültig erscheint an jenen Märztag in Begleitung eines zweiten Mannes im Rathaus Eberstadt. "Im Steinbruch liegt ein toter Franzose", berichtet er Bürgermeister Gaißer. Nach Darstellung von Gemeinderat Herbert Fröhlich vollzieht sich die Ankunft des toten André Guyot so: "Der Leichnahm wird in einem Kübelwagen aus Richtung Neuenstadt gebracht, in der Rathaus-Kelter aufgebahrt und später beerdigt".

Kurz vor Kriegsende gerät Gültig als Führer einer Volkssturmeinheit bei Wangen in französische Kriegsgefangenschaft. Die Franzosen machen ihm sofort den Prozess wegen der Erschießung eines französischen Kriegsgefangenen.



Nach Kriegsende meldet sich die Mutter von André Guyot und lässt seinen Leichnahm in die Heimat überführen. In Rastatt verurteilt letztlich ein französisches Militärgericht am 22. Dezember 1952, Gültig zu einer Gefängnisstrafe von elf Jahren mit Zwangsarbeit. Ein weiteres Verfahren "1 Js 5771/59" bei der Staatsanwaltschaft Heilbronn gegen Gültig wird wegen des Rastatter Urteils eingestellt. Auf Anordnung des französischen Hohen Kommissars André François Pon´cet, wird der ehemalige NS-Oberbürgermeister Gültig und vier weitere Deutsche zum französischen Nationalfeiertag am 14. Juli 1953 begnadigt und nach Heilbronn entlassen.

Gültig der in einem ersten Prozess 1948 zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, hatte zu diesem Zeitpunkt acht Jahre verbüßt. Nach dem Tod im Alter von 65 Jahren wird der ehemalige Heilbronner OB in seiner Heimat in aller Stille beerdigt. Gemäß der Ausländerstatistik des Landesamtes Südwestdeutschland vom 20. November 1942 waren zu diesem Zeitpunkt im Arbeitsamtsbezirk Heilbronn 7.956 ausländische Zwangsarbeiter eingesetzt, darunter 3.000 Frauen. Die meisten, 5.203 Menschen waren aus Polen und der Sowjetunion verschleppt worden. Unter ihnen lebten auch 31 Kinder bis zum Alter von 14 Jahren.

Zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wurden auch in der Zuckerfabrik, den Salzwerken, der Glashütte, bei der Kali-Chemie, Knorr und Kupfer-Asbest eingesetzt. Durch die zahlreichen Erlasse und Verordnungen der Nazis, die für jede Kategorie von Ausländern eigene Behandlungsvorschriften enthielten, war ein ziemliches Durcheinander entstanden.



Vor Ort entwickelten sich eigene Gesetze, wie mit den vielen "Fremdarbeitern" umgegangen wurde. Die von den Nationalsozialisten geforderte strikte Trennung nach Nationalitäten stand nur noch auf dem Papier.

In Heilbronn mit den Stadtteilen Böckingen, Neckargartach und Sontheim gab es 557 unterschiedliche Unterkünfte für zivile Zwangsarbeiter. Selbst in dem über 300 Quartieren die von Privatpersonen zur Verfügung gestellt wurden, finden sich völlig entgegen der Nazi-Ideologien und Verordnungen immer wieder sowohl West- wie Ostarbeiter Tür an Tür.

Im Gegensatz dazu versuchte man jedoch bei der Silberfabrik Bruckmann, die geforderte Trennung zu verwirklichen. Auf dem Firmengelände (Kirchstraße 40) und im Kegelsportheim (Olgastraße 55) waren vorwiegend Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter und 1944 einige Tschechinnen untergebracht. Im Beckschen Saalbau und der Wirtschaft zum Löwen in Böckingen, welche die Firma Bruckmann zusammen mit weiteren Gasthöfen als Unterkunft gemietet hatte, wohnten schwerpunktmäßig die männlichen "Westarbeiter", während die Belgierinnen und Französinnen im Hotel Vaterland (Bahnhofstraße 35) einquartiert waren. Ausschließlich Italiener waren im Zanners Bierhalle (Kranstraße 20) untergebracht. Auch im Gasthof zum Schützen (Allerheiligenstraße 28) wohnten in Sechszimmern und einer Kammer 1943 zehn Franzosen.

Im Deutschen Hof (Deutschhofstraße 1), der ehemaligen Adlerbrauerei, die dem jüdischen Ehepaar gehört hatte und von der Cluss Brauerei übernommen wurde, waren vermutlich 70 Kriegsgefangene wohnhaft und neun Zwangsarbeiter (fünf Italiener, ein Franzose, zwei Russen, eine Person dessen Nationalität ungeklärt ist) untergebracht. In der Gaststätte Paulinenhof schließt man aufgrund einer Bauakte, die die Firma Fischer, Eckert & Co einreichte, dass 40 russische Zwangsarbeiter untergebracht werden sollten. Am 1. März 1943 beantragte die Firma W. Bälz AG (nicht identisch mit Bälz & Sohn) nachträglich die Genehmigung für den Ausbau der Gartenhalle an der Kegelbahn für die Unterbringung von 270 Ostarbeitern. 14 Tage später war der Antrag genehmigt. Eine Sonderstellung nahm das sogenannte Lachmannheim (Wanderherberge des Vereins Herberge der Heimat) in der Klostergasse 9-11 ein.

In dem Gebäude gab es rund 50 Räume. Schon 1940 zogen hier drei Tschechen und ein Ukrainer ein. 1941 wird bei 17 Personen diese Adresse angegeben: ein Tscheche, zwei Ukrainer, ein polnisches Ehepaar und elf Westarbeiter (Franzosen, Belgier, Holländer), darunter zwei Ehepaare und alleinstehende Frauen, sowie ein Mann unbekannter Nationalität.

Für 1942 sind 21 Männer als im Lachmannheim wohnhaft registriert: je ein Kroate und Pole, vier Slowenen, fünf Ukrainer, acht Tschechen und zwei Männer unbekannter Nationalität. 1943 lebten im Heim 54 Personen, davon zwei Frauen; neun Westarbeiter, einundzwanzig Ostarbeiter (Polen, Russen, Ukrainer), sechs Slowenen, zwei Kroaten, zwölf Tschechen und fünf Bewohner deren Nationalität unbekannt geblieben ist.

Für 1944 sind 49 Insassen bekannt, von denen 33 am 4. Dezember 1944 ums Leben kamen, als bei einem alliierten Bombenangriff das Gebäude zerstört wurde. Als Unterkünfte sind noch das Gasthaus Zum Anker und das Gasthaus Zum Hecht bekannt. Firmenlager wurden in der Liebigstraße in der Hauptstraße und im Klingenberg unterhalten. In diesen Lagern lebte neben Zwangsarbeiter verschiedener Nationen auch etwa 90 französische Kriegsgefangene, die im Straßenbau eingesetzt waren.

Nach der gewalttätigen Vertreibung der jüdischen Bewohner aus dem Landesasyl Wilhelmsruhe, Sontheim, wurden aus Jugoslawien verschleppte Familien eingewiesen.



Diese mussten ebenso wie aus Polen und der Sowjetunion verschleppte Frauen in Sontheim Zwangsarbeit verrichten. In der Sontheimer Synagoge, die der Zerstörung in der "Reichskristallnacht" entging, war ein Kriegsgefangenen-Arbeitskommando aus dem Stalag Ludwigsburg einquartiert. Wie der NS-Staat mit seinem Zwangsarbeitern gnadenlos umzugehen pflegte, macht auch die Errichtung einer eigenen Ausländerbaracke am städtischen Krankenhaus deutlich: Sie diente für Geburten und andere Krankenhausaufenthalte, damit nicht mit "Volksdeutschen" in einem Raum behandelt werden musste. Am Ende des Krieges war das Leben der Zwangsarbeiterinnen und –arbeiter, genauso wie das der deutschen Bevölkerung, von den Bombenangriffen bedroht, wobei ihnen Luftschutzmöglichkeit erlaubt war.

Über 300 von ihnen verloren bei Luftangriffen auf Heilbronn ihr Leben. Nach der Befreiung legten Neckargartacher Bürger in unmittelbarer Nähe des Lagers den KZ-Friedhof Neckargartach, Böllinger Straße an; sie fanden 246 Tote, bestatteten sie und errichteten ein Mahnmal: "Sie starben kurz vor ihrer Befreiung".