In der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts gab es jüdisches Gemeindeleben in der Stadt Heilbronn, bewiesen durch eine Inschrift im Kellergewölbe der heutigen Lohtorstraße 22: "Nathan ha Parnas" (Nathan der Gemeindevorsteher). Damals waren die Lebensbedingungen in Heilbronn in der Zeit vor den christlichen Kreuzzügen, für Juden als religiöse Minderheit verhältnismäßig günstig. Doch das änderte sich relativ recht rasch.

1298 bekam die Heilbronner Judengemeinde im sogenannten Rintfleisch-Progrom die Folgen der antijüdischen Haltung der christlichen Kirche und der Gesellschaft mit voller Wucht und auf grausamste Weise zu spüren. Mit 143 Ermordeten, die das Nürnberger Memorialbuch ausweist, ist wahrscheinlich die gesamte jüdische Gemeinde Heilbronns - mindestens der wesentliche Teil mit einem Schlag "ausgerottet" worden.
Die nächste furchtbare Verfolgungswelle, die 1348/49 im Gefolge der Pest durch Deutschland tobte, brach auch über die nachfolgende, gerade wiedererstandene Heilbronner Judengemeinde herein.
Erstaunlicher Weise erholte sich das jüdische Gemeindeleben in Heilbronn auch von dieser Katastrophe, zumal 1361 Kaiser Karl IV. den Heilbronner Stadtoberen den Befehl erteilte, alle Juden in ihrer Stadt aufzunehmen, die darum bitten sollten.
1414 stellte König Sigismund, als er auf dem Weg nach Aachen und dann zum Reichstag in Konstanz durch die Stadt kam, allen Heilbronner Juden eine Schutzbrief aus, der ihre Rechte bestätigte und vergrößerte. Für diesen oft zweifelhaften Schutz hatten sie eine sogenannte Kopfsteuer, den "goldenen Opferpfennig" zu entrichten.
In Heilbronn wuchs mit der fortschreitenden Verschuldung der Einwohner an die jüdischen Kaufleute und mit der immer mehr spürbaren jüdischen Konkurrenz auf dem Gebiet des Handels und der Wirtschaft eine von Neid geprägte, starke Mißstimmung gegen die "Fremdlinge". 1437 versuchte der Rat sogar die Juden aus der Stadt zu weisen, scheiterte jedoch am heftigen Widerstand des Reichskämmerers Konrad von Weinsberg, an den der Kaiser die gesamte Judensteuer verpfändet hatte.
Auch der Reichstag von Nürnberg 1439 zwang die Stadt, durch Beschluss vorübergehend ausgewiesene Juden in Heilbronn wieder aufzunehmen. 1469 fanden die Heilbronner Ratsleute im Kurfürsten von der Pfalz unverhofft einen mächtigen Verbündeten. Mit seiner Hilfe konnten sie es wagen die Juden endgültig aus ihrer Stadt zu vertreiben und sogar den kaiserlichen Beschlüssen von Nürnberg zu trotzen.

Erst nach langem Hin und Her kam es mit dem Kaiser 1490 zum Ausgleich; Friedrich III. ließ sich Synagoge und jüdischen Friedhof in Heilbronn um teures Geld abkaufen, ebenso das Privileg, dass die Stadt fortan keine Juden mehr bei sich aufzunehmen brauchte. Entsprechend den Reichsstädten begannen viele deutsche Fürsten im 15. Jahrhundert jüdische Gemeinden in ihren Territorien aufzulösen und generell Juden auszuschließen.
So traf auch Graf Eberhard im Barte für Württemberg die Anordnung: "Item es ist auch unser Ordnung und letzterer will, das fürcht in unserer erben in unserer Herrschaft kainen Juden seßhaft wohnen, noch dehaim gewerd tryben lassen."
Für Graf Eberhard, ein damals wüster Zeitgenosse, waren die Juden, wie er sie selbst bezeichnete: "einfach nagende Würmer". 1490 wurde dann die Anordnung Graf Eberhards in der "Regimentsordnung" des Herzogtums Württemberg im wesentlichen für die nächsten dreihundert Jahre beibehalten.
Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, unter dem Einfluß der französischen Gesetzgebung erhielten Juden in Württemberg wieder Gewerbefreiheit und gewannen durch ihre aktive Rolle bei der Industrialisierung mehr und mehr den Respekt der württembergischen Könige: 1864 schließlich verkündete ein Gesetz ihre völlige Gleichberechtigung.
Im Ersten Weltkrieg kämpften jüdische Soldaten noch für das deutsche Kaiserreich. Aber schon bei ihren Wahlkämpfen während der späteren Weimarer Republik ließen die Nationalsozialisten dann auch in Heilbronn und anderswo in Deutschland keinen Zweifel mehr übrig, dass sie die Juden wieder gnadenlos diskriminieren und verfolgen würden.
Am 1. April 1933 kam es zum sogenannten Judenboykott und die Nürnberger Rassengesetze von 1935 mit ihrer rechtlichen Trennung von "Juden" und "Deutschen" boten die Handhabe zur Entrechtung der jüdischen Mitbürger.
Der Aufstieg antisemitischer Parteien mit der Jahrhundertwende und der Weg der etablierten Parteien zum offenen Antisemitismus oder dessen stillschweigender Übernahme zeigen, wie bedeutsam der Antisemitismus als politische Kraft in der deutschen Gesellschaft geworden war:
1. Seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war der Antisemitismus in Deutschland allgegenwärtig und gehörte zum damaligen Wertekanon. Die Auseinandersetzung mit Juden hatte Züge von Besessenheit.
2. Juden galten zunehmend als Verkörperung und Symbol für alles, was die deutsche Gesellschaft für schlecht hielt. Juden wurden für böswillig, mächtig, ja sogar für die Hauptursache all der Übel gehalten, die Deutschland bedrohten und daher sah man in ihnen eine Gefahr für das Wohlergehen der Deutschen. Moderne deutsche Antisemiten glaubten im Unterschied zu ihren mittelalterlichen Verläufern, dass ohne die Vernichtung der Juden auf der ganzen Welt kein Frieden möglich sei.
Seit der frühen Weimarer Republik gingen deutschnational gesinnte Bürger nicht nur verbal, sondern auch handgreiflich gegen Juden vor, bereits 1918 während der Revolution wurden jüdische Einwohner in München und Berlin tätlich angegriffen. Eine weitere Angriffswelle des jetzt auch braunen Pöbels, die 1923/1924 über Deutschland hinwegfegte führte sogar zum Tod vereinzelter jüdischer Einwohner.
Angesichts der Präsenz und Intensität antijüdischer Ressentiments verhinderten vor allem die gesetzlichen Schranken, welche die demokratische Regierung der Weimarer Republik setzte, dass die verbalen Angriffe gegen jüdisches Leben und weiter ins Körperliche umschlugen. Doch die antisemitische Grundeinstellung in den deutschnational gesinnten Kreisen inspirierten jetzt immer stärker die Parteiprogramme der rechtsaußen agierenden Opposition.
Die NSDAP war hier die radikalste politische Partei, die in der europäischen Geschichte eine Regierung übernommen hatte - bemerkenswerter Weise aufgrund von Wahlerfolgen und das trotz ihrer angedeuteten Radikalität.

Die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter-Partei (NSDAP), wie sich die Nazi-Partei offiziell nannte, war am 5. Januar 1919 in München gegründet worden, in den Turbulenzen von Niederlage, Revolution und Neubeginn nach dem Ersten Weltkrieg. Der damals 29-jährige Adolf Hitler lebte 1919 in München, fand den Weg zu der neu gegründeten Partei und wurde im September ihr siebtes Mitglied.
Schon bald war er für die Propaganda der Partei zuständig und wurde schließlich 1921 Chefideologe und mit seinen beachtlichen rhetorischen Fähigkeiten auch der wirksamste Redner. Wie Hitler und der Parteigründer Anton Drexler verschrieb sich die Partei von Anfang an der Zerstörung der unter den Radikalen nicht beliebten Weimarer Demokratie sowie der Revision des Versailler Vertrages.
Die Juden seien, wie Hitler und seine Anhänger von Anfang an verkündeten, "verantwortlich für alle Heimsuchungen Deutschlands, sei es für die Niederlage im Ersten Weltkrieg, für die Bedrohung durch den Bolschewismus, die Auszehrung der Stärke Deutschlands durch die Einführung der Demokratie". Das im Februar 1920 verabschiedete - und nie geänderte - 25 Punkteprogramm der NSDAP enthielt an zahlreichen Stellen Angriffe auf Juden und forderte, sie und ihren Einfluß aus der deutschen Gesellschaft und den staatlichen Institutionen auszuschalten.
Die NSDAP wurde schließlich zur Hitler-Partei und war durch und durch vom Antisemitismus regelrecht besessen. Sie spiegelte unverhohlen und gewalttätig die antijüdischen Stimmungen der deutschen Kultur wieder. Ende der zwanziger Jahre erlebte dann die NSDAP einen kometenhaften Aufstieg.
Hitler räsonierte, warum nach seinem Verständnis der Geschichte und der modernen Welt nationale Rettung nur durch todbringende Maßnahmen zu erreichen sei: "Nicht Fürsten und fürstliche Mätressen schachern und feilschen um Staatsgrenzen, sondern der unerbittliche Weltjude kämpft für seine Herrschaft über die Völker. Kein Volk entfernt diese Faust anders von seiner Gurgel als durch das Schwert. Nur die gesammelte, konzentrierte Stärke einer Kraft voll sich aufbäumender nationalen Leidenschaft vermag der internationalen Völkerverklärung zu trotzen. Ein solcher Vorgang ist und bleibt ein blutiger."
Bei der Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 stimmten fast vierzehn Millionen Deutsche, das waren 37,4 Prozent der Wähler für Hitler und machten die NSDAP mit 230 Sitzen im Reichstag zur stärksten politischen Fraktion. Anfang 1933, nach einer weiteren Reichstagswahl im November 1932, bei der die NSDAP zwar vier Prozentpunkte verloren hatte, forderte Reichspräsident Paul von Hindenburg Hitler wegen der größten Fraktionsstärke im Parlament zur Übernahme des Reichskanzleramts und zur Regierungsbildung auf.
Mit der Machtübernahme in Heilbronn richtete sich der Terror der neuen Machthaber mit gleichem Hass sowohl auf die politischen Gegner aus der Arbeiterbewegung als auch auf die wieder seit Jahrzehnten in der Stadt ansässigen jüdischen Bürger. SA-Trupps griffen jüdische Menschen auf der Straße an, überfielen sie nachts in ihren Wohnungen, schleppten sie in den Keller des Brauen Hauses, Fleiner Straße 1. Tekla Sänger, die 1933 in die Schweiz flüchtete, schrieb damals in einem Brief: "Ein Bekannter in der Weststraße wurde morgens um 5 Uhr aus dem Bett geholt und war eine Woche in Haft ohne Grundangabe. Er war dann wieder einige Tage daheim, da wurde er angerufen, er möge sofort ins Braune Haus kommen, was er auch tat. Hier musste er zunächst unterschreiben, dass ihm niemals etwas geschehen sei. Dann schleiften ihn sechs Uniformierte Nazis in den Keller, wo er sich splitternackt ausziehen musste und sie hieben allesamt mit Stahlruten auf ihn ein. Dasselbe machten sie mit dem Bruder von Schneider Heule von Lehrensteinsfeld... Diese beiden liegen nun schon vier Wochen im Krankenhaus und zwar bäuchlings, weil der Rücken derart malträtiert ist, dass sie garnicht anders gelegt werden können."
Schwer misshandelt wurden auch Alfred und Rosa Würzburger und deren Onkel Nathan bei einem Überfall auf den "Adlerkeller", Klarastraße 21 (heute: Galeria Kaufhof): Die NSDAP-Führung hatte in der Wirtschaft eine geheimen Treffpunkt von Hitlergegnern vermutet.
Der Adler Keller war in den folgenden Jahren eine der wenigen Einrichtungen die der großen jüdischen Gemeinde Heilbronn nach verblieben: ab 1936 befand sich in dem von Max Strauß bewirtschafteten "Israelischen Gemeindelokal" die jüdische Volksschule, nachdem jüdischen Kindern der Besuch öffentlicher Schulen verboten war.
Die Ausschaltung jüdischer Geschäftsleute, Fabrikanten, Rechtsanwälte und Ärzten begann ebenfalls im März 1933. Am 1. April 1933, am Tag des reichsweiten "Judenboykotts" zogen Heilbronner Bürger in SA- und SS-Uniformen und Hitlerjungen vor Läden, Rechtsanwaltsbüros und Arztpraxen auf. Doppelposten stellten sich mit Spruchbändern vor die Häusern und verwehrten Kunden den Zutritt. Rund um den Kiliansturm wird die Aktion von einem Komitee organisiert, zu dem die politischen Leiter, die SA- und SS-Führer sowie jeweils ein Vertreter der NS-Bauernschaft und des "Kampfbundes für die Erhaltung des Bauerntums" gehörten. Mit der Schlagzeile: "Heraus zur Abwehrreaktion gegen die jüdischen Volksschädlinge - schlagt die Volksfeinde!" heizte die Parteizeitung "Heilbronner Tagblatt" die Stimmung auf.

In den folgenden Wochen verübten die Nazis mehrere Anschläge auf jüdische Geschäfte, darunter auf das Webwarenhaus zur Brücke, Kaiserstraße/Untere Neckarstraße und auf das Kaufhaus Landauer. Das jüdische Kaufhaus war 1911 von den Gebrüdern Landauer als erstes Warenhaus in Heilbronn eröffnet worden und gehörte1933 der Familie Kaufmann. Sogenannte "unbekannte Täter" werfen am 25. April 1933 gegen 17.15 Uhr eine Bombe in das Schaufenster.
Heute steht das Gebäude leer. Der Heilbronner Arzt Dr. Otto Moos, dem im Februar 1939 mit seiner Familie die Flucht nach Holland gelang, schrieb über die Zerstörung seiner eigenen materiellen Existenz: "Die einzelnen Etappen waren dabei Verlust der Fürsorge-Ersatzkasse, der Betriebs- und Ortskassen Zulassung, schließlich Entziehung der Approbation mit dem Zusatz: ,Berechtigung ausschließlich zur Behandlung von Juden'. Wir mussten die eigene Wohnung verlassen und zogen in die Gustloffstraße 53 (heute: Weststraße) mit einem Schild an der Tür: Zugelassen zur Behandlung von Juden."
Für eine Reihe jüdischer Arbeiter und Angestellter dagegen, die in den ersten Jahren der Hitlerzeit entlassen wurden, bot die angesehen jüdische Lederfabrik Victor mit ihren Betrieben im Kleinäulein und in der Weipertstraße Zuflucht und Arbeit. Die Inhaber, Dr. Max Victor und Otto Victor, ließen auf dem Betriebsgelände einen Fußballplatz anlegen, da die Heilbronner Sportvereine jüdischen Mitgliedern längst ausgeschlossen hatten. Im Zuge der "Arisierung" jüdischer Unternehmen musste auch die Lederfabrik zwangsverkauft werden. Die Lederfabrik Knoch AG zog ein. Max und Otto Victor wanderten daraufhin nach den Niederlanden bzw. nach Südafrika aus.
Schon am 1. April 1933 hatte die Tochter des Firmengründers, die Schriftstellerin Victoria Wolf ihre Heimatstadt verlassen: "Ich kann hier nicht mehr schreiben". Sie wanderte in die Schweiz aus, 1939 - 1941 lebt sie dann in Nizza, wird als deutsche Spionin verhaftet und zieht nach ihrer Freilassung endgültig in die USA.
Wenig bekannt geworden ist, dass der "Reichskristallnacht" im November 1938 eine großangelegte Verschleppungsaktion vorausging. Im Oktober fanden diese ersten Deportationen statt: neun Einwohnern aus Heilbronn, Mitglieder der Familien Gersinskey, Mangel, Mandellaub und Schiffer, wurden in diesem Zusammenhang als "Ostjuden" an die polnische Grenze abgeschoben, sie alle fanden nach dem Sieg der Deutschen Wehrmacht über Polen in den Vernichtungslager hinter der deutschen Grenze den Tod.

Die autoritäre Regierung in Polen, damals kaum weniger antisemitisch als das Dritte Reich, erließ am 6. Oktober 1938 eine Verordnung, wonach die im Ausland lebenden polnischen Staatsbürger in ihren Pässen eine zusätzliche Sichtvermerk benötigten. Eine bewußt knappe Frist zur Erledigung wurde angesetzt. Ohne Sichtvermerk wurde jeder Pass ungültig. Das Ziel der Maßnahmen für die polnische Regierung war, mit einem Schlag rund 50.000 - 70.000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit los zu werden, die seit der Jahrhundertwende nach Deutschland gekommen waren.
Das nationalsozialistische Deutsche Reich hatte andererseits kein Interesse daran "dass uns im Wege der Ausbürgerung ,Haufen' von 50.000 staatenlosen ehemaligen polnischen Juden in den Schoß fallen würde." Verhandlungen zwischen Deutschland und Polen bleiben ohne Ergebnisse, obwohl das Reich mit sofortiger Ausweisung der Betroffenen drohte. Auf Weisung des Auswärtigen Amtes begann unter Leitung der Gestapo, in einer Nacht und Nebelaktion die Ausweisungsaktion. Die Verhafteten wurden in einen versiegelten Zug gesperrt: Aus dem ganzen Reichsgebiet rollten solche Waggons nach Osten, auch mit den Familien aus Heilbronn.
Als der Zug den polnischen Grenzort Zbaszyn erreichte, trieben deutsche Polizisten die "Auswaggonierten" in Richtung polnischer Grenze, wo sie die Polen wiederum mit Waffengewalt stoppten. Mehrere Tage und Nächte mussten sie im Bahnhofsgelände ausharren, die Gestapo im Rücken die polnischen Grenzsoldaten vor sich. Es waren etwa 15.000 Menschen im Niemandsland die weder vor noch zurück durften. Ihr einziger Ausblick, die Gewehrläufe hüben wie drüben.
Erst nachdem die polnische Regierung ihrerseits Zwangsmaßnahmen gegen Deutsche in Polen ankündigte stellte die Gestapo alle weiteren Verschleppungsaktionen ein. Als "Gegenleistung" erklärte sich Polen zur Aufnahme der bisher 15.000 Deportierten bereit.

Unter den Deportierten befanden sich auch Familienangehörige des siebzehn jährigen Herschel (Hermann) Grünspan (Grynszpan) aus Hannover, der sich illegal bei seinem Onkel in Paris aufhielt. Dort erreichte ihn am 3. November 1938 eine Postkarte seiner Schwester, die erstaunlicher Weise den Weg aus dem "Niemandslandlager" bei Zyaszyn gefunden hatte: "Lieber Hermann! Du hast gewiß von unserem großen Unglück gehört. Ich schreibe Dir, was passiert ist..."
Das Schicksal der Familie und die eigene, ungeklärte Lage waren der Auslöser für ihn, an den Deutschen Rache zu nehmen. Grünspan entschloß sich voller Verzweiflung, den deutschen Botschafter in der französischen Hauptstadt zu erschießen.
Am 7. November kaufte Grünspan einen Revolver und ging zur Botschaft in der Rue de Lille. Seinen Wunsch nach einem Gespräch mit dem Botschafter wurde nicht entsprochen. Stattdessen sollte ein untergeordneter Mitarbeiter, der Legationsrat III. Klasse Ernst vom Rath, Grünspans angeblich wichtiges Dokument entgegennehmen. Grünspan betrat das Zimmer und gab von hinten fünf Schüsse auf den vermeintlichen Botschafter ab. Zwei Schüsse aus kürzester Entfernung trafen Ernst vom Rath. Lebensgefährlich verletzt brach der Legationrat zusammen, während sich Grünspan widerstandslos abführen ließ.
Der Anschlag hat sofort zu wilden Vermutungen geführt. Während Grünspan das Los seiner Familie insbesondere und das der deutschen Juden im allgemeinen als Tatmotiv bekannte, entstanden in der internationalen Öffentlichkeit verschiedene Verschwörungstheorien. Man hielt Grünspan für einen Agent provocateur der Nationalsozialisten, der einen Anlass bot, gegen Juden in Deutschland vorgehen zu können.
Die braune Propaganda zog dagegen alle Register, um der Bevölkerung ihre Interpretation von der "jüdischen Weltverschwörung" gegen die deutsche Volksgemeinschaft einzuhämmern. Die Morgenausgaben der NS-Zeitungen vom Dienstag dem 8. November titelten in großer Aufmachung: "Judas Bluttat fordert schwere Sühne" und in den Kommentaren hieß es dazu: "Mit den Schüssen von Paris hat ,Alljuda' dem deutschen Volke auf seine Weise den Krieg erklärt...Den in Deutschland lebenden Juden ist damit ein schlechter Dienst getan, die deutsche Langmut ist zu Ende."
Die Propaganda wandte sich verstärkt den Juden in Deutschland zu. "1702 Schußwaffen hatten in der Stadt Berlins Juden noch" hieß es da, als ob alle Juden im Land geradezu darauf gewartet hätten, über ihre Nachbarn herzufallen. Eine andere Schlagzeile lautete: "November 1918 - das Werk der Juden". Damit schlug man bewußt einen Bogen, von der aktuellen zur angeblichen historischen Schuld der Juden.
Der 9. November ist einer der geschichtsträchtigsten Tage der jüngeren deutschen Geschichte. 1848 war die Ermordung Robert Blums in Wien ein fälliger Ausdruck für die Niederlage der ersten deutschen Revolution. 1918 stießen Scheidemann und Liebknecht durch die Ausrufung verschiedener Republiken die Monarchie vom Tron. 1923 unternahmen die Nationalsozialisten einen ersten noch kläglichen Versuch zur Beseitigung der Weimarer Regierung.
Am 9. November inszenierte man den offenen Terror gegen das Judentum in Deutschland, ein mittelalterlich anmutender Progrom: Denn der in Paris von dem 17-jährigen deutsch-polnischen Juden Hermann Grünspan angeschossene Legationsrat Ernst vom Rath stirbt am 9. November 1938 in Paris. Für die Nationalsozialisten ist die Todesmeldung jetzt die "willkommene" Begründung für den schon längst geplanten Judenprogrom, der als "Reichskristallnacht" in die deutsche Geschichte eingeht.
An diesem 9. November gegen 23.30 Uhr trifft auch der Befehl zur Brandstiftung der Synagoge in Heilbronn ein. Persönliche Absender und Empfänger sind heute unbekannt. NSDAP und SA-Sturmabteilungen treten sofort in Aktion. Passanten und der neben der Synagoge wohnende Frauenarzt hören gegen 1 Uhr Geräusche aus dem jüdischen Gotteshaus, "Das klang wie klappern von Benzinkanistern".

Die Feuerwehr herbeigerufen, zwischen 3 und 5 Uhr traf erst ein als die Synagoge bereits in Flammen stand. Ihr Einsatz diente hauptsächlich dazu, ein Übergreifen der Flammen auf die nahe gelegene Frauenklinik zu verhindern. "Erst gegen 6 bis 6.30 Uhr wurden wir", erzählt später ein Anwohner, "durch die lebhaften Geräusche aus der Richtung Synagoge aufmerksam, dass sich dort etwas zugetragen haben müsse."
Der Anwohner wird zum Augenzeuge: "Als wir von der Hohe Straße zur Ecke Neckar-Zeitung eilten (heute: zwischen Hauptpostamt und dem "Stimme"-Hochhaus), sahen wir bereits dicke Rauchschwaden aufsteigen. Und es bot sich uns dann das schauerliche Bild wie das Gotteshaus langsam im Laufe weniger Stunden ausbrannte und die Kuppel glühend ins Innere des Hauses fiel."
Eine weitere Zeitzeugin: "Damals sagten später alle, dass der Brand von Feuerwehrmännern gelegt worden sei. Man erzählte sogar dass sich ein Heilbronner Handwerker und ein Feuerwehrmann am Stammtisch rühmten: Das Klump hat net'zoga. Da haben wir ein Loch in die Kuppel geschlagen".
Für die gleiche Nacht waren NSDAP'ler und SA aus Heilbronn und Umgebung in die Gaststätte der Harmonie beordert worden und hatten dort vom Kreisleiter Drauz, den Befehl zur Jagd auf jüdische Einwohner und zur Zerstörung ihrer Geschäfte und Wohnungen erhalten.

Schaufenster wurden zertrümmert, die völlig verängstigt Bewohner im Haus zusammen getrieben und verprügelt, Einrichtungsgegenstände kurz und kleingeschlagen. Besonders betroffen war in der Progromnacht auch der Stadtteil Sontheim: Zwar konnte die Brandstiftung der Synagoge Deinenbachstraße durch das beherzte eingreifen eines Nachbarn verhindert werden, umso hasserfüllter wütete die SA dann im Landesasyl Wilhelmsruhe in der Hermann-Wolf-Straße 31.
Dieses 1906 erbaute jüdische Altersheim wurde nicht nur in der Nacht vom 9./10. November, sonder auch noch in den folgenden Tagen und Nächten von SA-Männern weiter verwüstet. Schwester Johanna Gottschalk erinnert sich deutlich an die Nacht zum Freitag: gegen 22.30 Uhr sagte plötzlich Schwester Edith Oppenheimer, "im Garten sind sicher welche!" Schläge donnerten gegen die Hintertür, "Aufmachen", wurde gebrüllt. Sämtliche Insassen des Altersheimes mussten sich im Speisesaal versammeln, die nicht Gehfähigen konnten gnädigerweise in ihren Betten bleiben.
Die Leiterin des Heims, Johanna Gottschalk, trat der SA-Horde als erste entgegen. Später (1940) deportierte man sie erst nach Buttenhausen dann nach Theresienstadt. Sie gehörte in dieser Nacht zu den wenigen Überlebenden und wanderte nach dem Krieg nach Südafrika aus. Sie wurde aufgefordert alle Fotoapparate auszuhändigen. Telefonleitungen wurden abgeschnitten und dann begann vom Keller bis zum Dachboden eine systematische Zerstörung des gesamten Mobiliars.
Über eine Stunde wüteten die SA-Leute mit Hämmer und Beilen im Sontheimer Landesasyl. Nach Abzug der ersten SA-Horde, kamen immer wieder vereinzelte Trupps auf das Haus zu und schossen sogar wild um sich, in die Decke, auf Lampen und Einrichtungsgegenstände. Am nächsten Morgen wurde der Schaden festgestellt: alle Waschbecken und Marmorplatten, alle Lampen, die Schreibmaschinen, der Medikamentenschrank, 1000 Teller und hunderte gefüllte Einmachgläser, alles war zerstört, die Schränke umgeworfen worden und Lebensmittel, Bettzeug sowie Einrichtungstrümmer miteinander heillos vermengt. Eine riesige "Müllhalde".
NS-Lehrer führten jetzt Schulkindern demonstrativ vor, als sie kurz darauf das zerstörte Heim besichtigten, wie mit jüdischem Besitz umzugehen sei. Auf dem Lehrplan stand programmgemäß auch Rassenhass - staatlich verordnet und praktisch zur Nachahmung vorgeführt. Auch überregionale Zeitungen, wie "Der Wille" verbreiteten vorsätzlich Unwahrheiten, um zu verschleiern, was die Nazis tatsächlich vorhatten. Sie zitierte um besonders glaubwürdig zu erscheinen, die "Prager Zeitung" als eine "ehrliche objektive Stimme", die behauptete, dass "KZ's für die Juden eine Wohltat seien". In diesem Text heißt es für uns heute unfassbar: Vor allem werden in die Konzentrationslager nur die Juden einliefert, die sich gegen die Anordnungen vergangen haben, durch die das vorläufige Leben der Juden in Deutschland geregelt wurde.
Wenn ein Jude die deutschen Gesetze und das Empfinden des deutschen Volks voll respektiert, braucht er für die Zeit, die ihm für den Aufenthalt im Lande bewilligt ist, nichts Böses zu befürchten. Allerdings besitzen einige Juden überhaupt nicht die Fähigkeit, sich den neuen Verhältnissen anzupassen, und können sich nicht vorstellen, dass die Zeit ihrer Vorrechte vorüber ist. Viele glauben immer noch, sich durch Bestechungen halten zu können, andere können sich nur schwer ihre Freudenfeste mit arischen Mädchen, ihr überhebliches Benehmen u. a. abgewöhnen. Solche unverbesserlichen Juden kommen ins Konzentrationslager, aber dies geschieht in ihrem eigenen Interesse, weil ihnen dadurch eigentlich erst die Welt geöffnet und ein neues Leben ermöglicht wird.

Der Zweck der Konzentrationslager ist in erster Linie ein erzieherischer. Durch eine vernünftige Änderung der bisherigen Lebensweise der jüdischen Häftlinge kann sehr günstig auf ihren allzu offensiven und orientalisch denkenden Charakter eingewirkt werden, der sie oft mit der Umwelt in Konflikt bringt.
Das Morgenwecken geschieht täglich um 5 Uhr. Nach einer erfrischenden kalten Dusche treten die Juden zu Leibesübungen an, wodurch eine bisherige Lücke in ihrer Bildung geschlossen wird. Diese Leibesübungen werden mit oder ohne Geräte durchgeführt. Die Juden lernen alle Bewegungen der Hände, der Füße und des ganzen Körpers, Leiternsteigen, an Tauen klettern und schwimmen, und in kurzer Zeit sind sie zu nützlicher Arbeit befähigt. Dann wird ihre Tagesordnung zweckmäßig zwischen gesunder körperlicher Arbeit, Abhärtungsübungen, Unterrichtsstunden für Moralerziehung und gehörigem Schlaf geteilt. Die individuelle Methode tut hier Wunder.
Jeder Jude und jede Jüdin hat im Konzentrationslager die Möglichkeit, ein neuer Mensch zu werden, der von der menschlichen Gesellschaft aufgenommen werden kann. Sie lernen dort arbeiten, manche von ihnen, besonders die intelligenteren, ehemaligen Rechtsanwälte, Ärzte und Börsianer erlernen auch irgendein Handwerk, so dass auch für ihre künftige Tätigkeit nach der Entlassung aus dem Lager und aus Deutschland gesorgt wird.
Daraus ist zu ersehen, dass die deutschen Konzentrationslager für die Juden eigentlich eine Wohltat sind. Sie entledigen sich dort ihrer unangenehmen Gewohnheiten und bereiten sich für ihre künftigen Arbeitsaufgaben in der Welt vor. Vielleicht werden sie noch einmal dankbar sein für die ihnen dort zuteil gewordenen Ausbildung".
Die in der "Reichskristallnacht" verhafteten jüdischen Einwohner, darunter auch 15-20-jährige aus Sontheim schleppte man ins Heilbronner Gestapo-Haus, Wilhelmstraße 4, anschließend in das KZ-Dachau. Nach Wochen entlassen, fanden sie ihre Wohnungen und Geschäfte beraubt vor. In dieser Zeit "arisierten" die Nazis 22 Unternehmen sowie zahlreiche Häuser und Grundstücke.

Allein 19 Anwesen kaufte die Stadtverwaltung zu Spottpreisen auf und vermietet sie ebenso billig an NSDAP-Mitglieder, zum Beispiel das "Kahn-Haus", für 45.000 Mark gekauft und für 100 Reichsmark Monatsmiete an Kreisleiter Richard Drauz zur Verfügung gestellt. Aber von dem Kaufpreis fließen sowieso nur ein geringer Teil direkt in die Börse der jüdischen Inhaber. Die Gelder werden auf ein Sperrkonto eingezahlt, von dem sich der NS-Staat durch Sondersteuern einen erklecklichen Batzen abzweigt.
Den niedrigen Kaufpreis begründet der Stadtrechtsrat von Heilbronn so: "Es sei keine Veranlassung vorgelegen, den Juden den vollen Wert ihres Besitzes auszuzahlen, da die Mittel doch zum großen Teil ins Ausland geschafft und dort wieder im Kampfe gegen das Deutsche Reich eingesetzt würden".
Während die Heilbronner NSDAP ihre "Aktion Parteigenosse" planmäßig vorbereitet, werden zunächst in Stuttgart und schließlich auch in Berlin dagegen Bedenken laut. Die neun für die Parteigenossen bestimmten Grundstücke werden 1939 von der Stadt Heilbronn für insgesamt 298.132 Mark erworben; der Einheitswert dieser Immobilien beträgt 411.400 Mark.
Die Preise sind viel zu niedrig. Aber die jüdischen Besitzer stehen unter dem Druck der Nazi-Machthaber.
Folgende Objekte sind für die "verdienten alten Parteigenossen" bestimmt: Wohn- und Geschäftshaus Kaiserstraße, Besitzerin Hedwig Eisig, geborene Strauss (85.000 Mark) Einheitswert/57.000 Mark). Weinberg im Lerchenberg, Besitzer Isidor Flegenheimer (8.500/5.300 Mark). Wohnhaus Solothurner Straße, Besitzer Heinrich Freudenthal (14.300/9.532 Mark).
Wohnhaus Klarastraße, Besitzer Moritz und Julius Henle (75.000/52.600 Mark). Wohnhaus Karlstraße, Besitzer Otto Igersheimer (36.000/26.000 Mark). Wohn- und Geschäftshaus Frankfurter Straße, Besitzer Louis Marx (75.000/55.000 Mark). Wohnhaus Wilhelmstraße mit Garten von 9,7 ar, Besitzer Gertrud Oppenheimer geb. Adler (35.100/30.000 Mark). Wohnhaus nebst Parzelle und Garten von 4,6 ar, Staufenbergstraße, Besitzer Mayer und Frida Stein (32.200/22.000 Mark).Wohnhaus Bismarckstraße, Besitzer Hermann und Anna Wolf (52.000/34.666 Mark). Bereits Reichsstatthalter Wilhelm Murr äussert Bedenken. Sein Ratschlag: die Stadt solle die neuen Objekte zunächst aufkaufen, aber erst nach einer Wartezeit von drei Jahren an die Parteigenossen veräussern. Murr am 13. Juni 1939: "...um in Kreisen der Bevölkerung keine unnötige Beunruhigung aufkommen zu lasse, dass gerade alte Parteigenossen sich jetzt schon beim Kauft von solchen Häusern beim Juden einschalten."

Die Heilbronner Ratsherren erklären sich am 27. Juli 1939 einmütig mit der Änderung einverstanden: Die Häuser werden von der Stadt zunächst an die Parteigenossen nur vermietet. So geschah es dann auch. Die Heilbronner "Aktion Parteigenosse" schlägt dennoch Wellen bis nach Berlin. Mann wollte zu dieser Zeit die Karten der Zwangsarisierung noch nicht so offensichtlich auf den Tisch legen. Die Aktion "PG" trat während des Krieges völlig in den Hintergrund, so dass die meisten am 4. Dezember 1944 zerstörten "arisierten" Häuser nach dem Krieg noch der Stadt gehörten. Hierfür zahlte die Stadt Heilbronn Wiedergutmachung.
Bedingt durch diese Maßnahmen erreichte die Massenflucht jüdischer Bürger einen Höhepunkt. 1938 verließen 151, 1939 156 Heilbronner ihre Heimat. Zurück blieben überwiegend ältere und mittellose Mitbürger.
Das am 30. April 1939 erlassene "Gesetz über Mietverhältnisse von Juden" zwang die jüdischen Einwohner von Heilbronn nun in von der Gestapo kontrollierte "Judenhäuser" einzuziehen. Man musste Zwangsumziehen, in die Allerheiligenstraße 32, in die Badstraße 10 und 22, Bergstraße 2, Bismarckstraße 3a, Dammstraße 26, Frankfurter Straße 46, Herweghstraße 25, Inneren Rosenstraße 14, Klettstraße 5, Schillerstaße 6, Urbanstraße 7 und in die Weststraße 53. Ab November 1938 mussten auch ältere jüdische Einwohner in das schon längst überfüllte Landesasyl Wilhelmsruhe nach Sontheim ziehen.
Seit Kriegsbeginn wurden dorthin jüdische Familien aus dem Saarland, aus der Pfalz und aus Baden, die im Bereich des Westwalls wohnten "zwangsumgesiedelt". 1940 Beschlagnahmte die "Volksdeutsche Mittelstelle" das Landesasyl, die Heimbewohner über 150 alte Menschen, mussten teils in ihre Heimatorte zurückkehren oder man wies sie gleich in "Pflegeanstalten für Geistesschwache" ein.
Auch an diesen Orten war der Leidensweg der jüdischen Mitbürger längst beschlossene Sache. Er führte ausnahmslos in den Tod. Mit dem Befehl zur "Endlösung der Judenfrage" beginnt am 31. Juli 1941 das letzte Kapitel der schwersten Verfolgung der Juden in Europa. Nacheinander prasseln in Deutschland mehr als 250 Gesetze, Bestimmungen und Verfügung über die deutschen Juden herein.
Eine Minderheit wird systematisch verunglimpft und ausgeraubt, zuerst der Ruf, dann Hab und Gut und schließlich gehen die Nationalsozialisten bis zum äussersten: Selektion, Arbeitslager, Giftgas und Völkermord. Die Deportationen im Unterland beginnen.
Eine Anweisung für Heilbronn zum 1. Transport ergeht am 21. November 1941 von Stuttgart. Sie beginnt mit den Worten: "Gemäß Weisung der Gestapo Stuttgart, haben sich nebenstehende Personen ab 26. dieses Monats zur Evakuierung nach dem Osten bereitzuhalten..."

Sie mussten sich, mit genau vorgeschriebenem Gepäck auf dem Wollhausplatz einfinden. Aus dem Judenhaus, Frankfurter Straße waren darunter Mina und Albert Hahn, Max Kander, Flora und Artur Kirchheimer, Agnes Lemberger und Siegfried Schloß und Betty Weiss.
Omnibusse brachten sie alle in das auf dem Messegelände Killesberg eingerichtete Sammellager Stuttgart. Von hier aus gingen am 1. Dezember 1941 ein Transport mit über 1.000 württembergischen Juden nach Riga. Keiner überlebte: SS-Einsatzgruppen erschossen alle 1.000 Menschen kurz nach ihrer Ankunft in einem Waldstück bei Riga.
Die zweite Deportation aus Heilbronn "am 23. März 1942 führte zunächst nach Haigerloch in den Ortsteil Haag".
Dort bestand eine sehr alte jüdische Gemeinde, die nun auch 30 der aus Heilbronn vertriebenen aufnehmen musste. Im Laufe des Jahres 1942 wurden sie und sämtliche in Haigerloch wohnenden Juden gemeinsam nach Theresienstadt transportiert und wenige Tage später im Todeslager Maly Trostinec umgebracht. Darunter 14 ältere jüdische Einwohner Heilbronns aus der Badstraße: Hermine und Max Strauss, Wolff Landsberger, Emilie Adler, Sofie Rothschild, Berta Tänzer, Meta und Max Stern, Frida Stein, Johanna Adler, Babette Bär, Clementine, Max und Hermann Rosenthal. In Haigerloch wurde den Todgeweihten vor Abtransport in die Vernichtungslager sogar noch vorgeschrieben, welchen Weg sie zum Bahnhof zu nehmen hatten, damit ja kein Aufsehen im Ort erregt wurde.

Neun weitere überwiegende ältere Juden ließ die Heilbronner Gestapostelle zwischen Januar 1942 und August 1942 in das vom NS-Regime beschlagnahmte Schloss Eschenau bei Obersulm einweisen, bevor sie am 22. August 1942 ebenfalls nach Theresienstadt deportiert wurden. Noch ein Transport verließ am 24. April 1942 Heilbronn in Richtung Izbica bei Lublin: 16 Menschen aus den "Judenhäusern" Bismarckstraße, Badstraße, Allerheiligenstraße und Frankfurter Straße wurden dem vor geplanten Tod entgegengefahren.
Am 20. August 1942 "räumte" die Gestapo auch das "Judenhaus" in Sontheim, Lauffener Straße. Dieses "Judenhaus" hatte dem bereits im Dezember 1940 in die USA geflüchteten jüdischen Arzt Dr. Julius Picard gehört.
Als im Dezember 1940 das Landesasyl Wilhelmsruhe von der "Volksdeutschen Mittelstelle" beschlagnahmt und die jüdischen Heimbewohner vertrieben wurden, fanden einige der Alten Menschen jedoch Aufnahme in Picards ehemaligem Haus das von da an provisorisches Altersheim wurde.
Am 20. August 1942 erschien auch hier im Morgengrauen die Gestapo, verlud die letzten hier lebenden 22 Heimbewohner auf einfache Lieferwagen, unter ihnen Lina Salomon und Gitta Strauß, beide 83 Jahre alt. Am 22. August wurden sie auch nach Theresienstadt deportiert.

Nach diesen ganzen Deportationen lebten in Heilbronn nur noch wenige Einwohner, die nach den Nazigesetzen "jüdische Mischlinge" oder in "Mischehen lebende" in ständiger Angst vor dem "letzten Tag". Im Oktober 1944 erfasste der Erlaß des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler, 15 Männer aus diesem Personenkreis - 12 wohnten in Heilbronn, 3 in Neckarsulm - zum "geschlossenen Arbeitseinsatz" für das Baubataillonen der Organisation Todt. Sie kamen mit 39 weiteren Leidensgefährten aus Württemberg ins KZ-Außenkommando Hettstedt im südliche Harz.
Hier mussten sie die stillgelegte Silbererzmine "Schacht Freies Leben" für die unterirdische Rüstungsproduktion ausbauen. Zu diesem Zwangskommando gehörte auch Alfred Deininger, der kurz nach der Befreiung durch die Alliierten an den Folgen der Schwerstarbeit starb. Seine Frau Hova und die damals 20- und 14-jährigen Söhne David und Elih waren noch am 15. Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert worden.
Die ehemals blühende jüdische Gemeinde Heilbronn war jetzt buchstäblich ausgelöscht. Auf dem Neuen Jüdischen Friedhof im Gewann Breitenloch am Wartberg, Erlenbacher Straße, steht seit 1984 eine Gedenktafel mit der Inschrift: "Unter nationalsozialistischer Herrschaft wurden sie gedemütigt, entrechtet, verfolgt. Wer nicht rechtzeitig fliehen konnte, wurde deportiert, in Konzentrationslager geschunden und ermordet. Was ihnen angetan wurde mahnt zu Brüderlichkeit, Toleranz und Frieden."
Das israelitische Landesasyl "Wilhelmsruhe" in Sontheim, dessen Träger der 1897 gegründete "Israelische Landes-Asyl- und Unterstützungsverein" war, wurde mit Genehmigung der amerikanischen Militärregierung 1946 Teil der städtischen Frauenklinik.
Als erstes Heilbronner Kind der Nachkriegsjahre kommt hier um 2 Uhr morgens Ulrich Mell zur Welt. Im Jahre 2001 baute Dipl-.Ing. Werner Knopp, ein in Stuttgart-Weilimdorf ansässiges Architektenbüro, die "Wilhelmsruhe" zu seiner vorerst letzten Bestimmung um, eine Schule für Erziehungshilfe. Im Foyer wird heute der bewegenden Geschichte des ehemaligen jüdischen Altersheims gedacht, einem Haus das eng mit der Geschichte der Deportierten verknüpft war.

Josef Kronenbitter, Haigerlocher Ortsgruppenleiter der NSDAP, zeichnete für die Deportationen der Haigerlocher und auch für die Heilbronner Juden aus dem Landesasyl Wilhelmsruhe verantwortlich. Er wurde nach Kriegsende unter besonderen Umständen von Edward Levy einem ausgewanderten Haigerlocher Juden aufgespürt. Levy ging 1942 als Freiwilliger in die US-Army um gegen Hitler-Deutschland zu kämpfen. Er kam 1945 genau an dem Tag in seine Geburtsstadt zurück, als sich die wenigen Haigerlocher Überlebenden des Holocoust im ehemaligen Haagschloss (Im Haag 37) zu einer Gedenkfeier zusammen gefunden hatte, darunter auch eine Verwandte von ihm.
Als die Erlebnisse in den KZ's zur Sprache kamen, geriet eine der Davongekommenen in einen schrecklichen Weinkrampf. Dabei wurde Levy auch von dem schuldbeladenen Ortsgruppenleiter Kronenbitter berichtet. Keiner wusste wo er sich jetzt aufhielt, selbst die französischen Besatzungstruppen hatten keine Kenntnis vom Verschwinden des Ortsgruppenleiters.
Erst eine deutsche Einwohnerin aus Haigerloch gab dem jungen US-Offizier den entscheidenden Hinweis: Sie sprach Levy unvermutet auf der Straße an, sie wusste, dass Kronenbitter sich im Nachbardorf versteckt hielt. Der dortige Bürgermeister zögerte auch nicht eine Sekunde Edward Levy das Haus zu zeigen, in dem sich der Nazi verborgen hielt. Die Gefangennahme erfolgte völlig unspektakulär: "Ich ging mit meinem Dienstrevolver dorthin und nahm ihn gefangen", so Levy. Kronenbitter leistete keinen Widerstand, wortlos ließ er sich von dem einst ausgewanderten und als US-Soldat zurückgekehrten Haigerlocher Juden festnehmen.
Kronenbitter wurde von Levy und seinem Fahrer auf die Motorhaube des Militärjeeps gebunden und so durch ganz Haigerloch gefahren, dass jeder es sehen konnte, damit auch Kronenbitter die Erniedrigung ertragen musste, die er bei so vielen Juden jahrelang ausgekostet hatte. Die französische Besatzungsmacht verurteilte ihn wegen seiner Taten zu nur drei Monaten Gefängnis. Am 11. September 1947 verurteilte ihn anschließend die Strafkammer des Landgerichts Hechingen zu zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus und drei Jahren Ehrverlust, so das Schwäbische Tagblatt vom 16. September 1947. Dieses Urteil gegen Kronenbitter wurde am 6. April 1948 vom Strafsenat des Oberlandesgerichts in Tübingen aufgehoben.
(Das neue Strafmaß versuchen wir noch festzustellen, vermutlich kam er "billiger" davon. In der Nachkriegsjustiz saßen wie damals schon wieder die alten Nazis in den "Sätteln").
Das schreckliche Schicksal der Juden
kann die Gemeinde Jesu nicht anders vernehmen,
als in Demut, in barmherzigem Mitleid
und in heiligem Erschrecken...
Es gibt also keine indifferente Haltung
für den Christen in dieser Frage.
Pastor Walter Hochstädter
in einem Appell an deutsche Soldaten,
im Juni/Juli 1944 - heimlich verbreitet.