Richard Drauz - NS-Karriere und Untergang
In Württemberg und in Heilbronn kam – wie in anderen Gegenden Deutschlands – der Nationalsozialismus nicht über Nacht. Rassismus, Hass gegen Juden und Sozialisten, übersteigerter Nationalismus mit Forderungen nach einem großdeutschen Reich zeichneten sich bereits in den politischen Strömungen des Kaiserreichs ab.

Als Adolf Hitler erst ein paar Monate alt war, wurde schon 1889 auf dem Antisemitentag in Bochum die "Deutsch-soziale antisemitische Partei" gegründet, von der auch in Württemberg ein Landesverband entstand. Die Partei verfügte damals über erhebliche Geldmittel. Um schneller in Württemberg Fuß zu fassen, kaufte sie die alte liberale "Ulmer Schnellpost" für 60.000 Mark und gestaltete sie zum Organ der württembergischen Antisemiten um. Neben vielen anderen antisemitischen Organisationen gab es im Kaiserreich auch eine Reihe weiterer Vereinigungen mit nationalsozialistischen und militärischen Zielsetzungen.



Hierzu gehörten mittelbar auch der "Deutsche Flottenverein" und der "Deutsche Wehrverein", denen es um die Stärkung der Marine und des Heeres ging. Der Flottengedanke begeisterte breite Volksmassen und der Matrosenanzug wurde zum beliebtesten Kleidungsstück. Seit den neunziger Jahren des damaligen Jahrhunderts machten sich die "völkischen" und "nationalen" Kreise des Kaiserreichs große Sorgen über das Sinken der Wehrtauglichkeit der Jugend und über den steigenden Einfluß der Sozialdemokratie auf die Jugendlichen. Sie forderten kurzum eine "anständige, vaterländische" Erziehung.
Vaterländische Erziehung als Vorbote
Als der Staat nach Meinung dieser Kreise nicht schnell genug reagierte und die Erfolge der Sozialdemokraten weiter zunahmen, entstanden um 1908/1909 eine große Anzahl von Organisationen – Pfadfinder, Jugendwehren, Wehrkraftvereine –, in denen sich die Staatsverwaltung, die Armee und das "nationale" Bürgertum zum Kampf um die Jugend verbanden.

Die Schirmherrschaft im Land übernahmen der württembergische König und der prominente Graf Zeppelin. Im Mai 1914 umfassten die Jugendverbände in Württemberg 300 Ortsgruppen mit über 16.000 Jugendlichen. Bereits ein paar Monate später, im August 1914, sollten die Jugendlichen ihre vormilitärische Ausbildung unter Beweis stellen können.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde der Jungdeutschlandbund mit vollem Erfolg bei der Unterstützung der Mobilmachung eingesetzt. Wie dieser Krieg ausging wissen wir alle: Kapitulation, Vertrag von Versailles und Sturz der Monarchie.



Unmittelbar nach Kriegsende 1918/Anfang 1919 setzte im ganzen Reich wieder eine antisemitische Stimmung ein, die den Antisemitismus der Vorkriegszeit noch übertraf. Systematisch hervorgerufen wurde diese Welle vom Alldeutschen Verband und dem neu gegründeten Deutschvölkischen Schutz- und Trutz-Bund. Die antisemitischen Organisationen aus der Vorkriegszeit schlossen sich zusammen und daraus entwickelte sich der Deutschvölkische Schutz- und Trutz-Bund zu einer der größten antisemitischen Organisation in Deutschland. Bis Ende Juni 1922 waren rund 200.000 Mitglieder in 19 Gauverbänden und 530 Ortsgruppen organisiert.

Aufgrund der politischen Unruhen, besonders der kommunistischen Räterepublik in München und der Streikaufrufe der Kommunisten auch in Stuttgart, machte sich im April 1919 eine fast hysterische Kommunistenangst in bürgerlichen Kreisen des Landes breit. Für die Antisemiten, die den Kommunismus als "Werkzeug der Juden" bezeichneten, war dies Wasser auf ihre Mühlen.

Ab 1922 machte sich – besonders in Süddeutschland – die "Konkurrenz" der Nationalsozialisten bemerkbar. Viele "Deutschvölkische" liefen zur NSDAP über. Nach dem Mord an Reichsaußenminister Walter Rathenau in Berlin, der wegen seiner Politik, besonders bei nationalsozialistischen und antisemitischen Gruppen verhasst war, wurde daraufhin 1922 der Deutschvölkische Schutz- und Trutz-Bund in fast allen Ländern des Deutschen Reiches – mit Ausnahme von Bayern und Württembergs – verboten.

Auch Richard Drauz, geb. am 2. April 1894 in Heilbronn, kam zu dieser Zeit mit der "völkischen Bewegung" in Kontakt.

Beginn einer NS-Karriere
Als Ingenieur nahm er eine Beschäftigung bei der Maschinenfabrik Esslingen auf. Hier arbeiteten zu diesem Zeitpunkt schon auffällig viele NS-Anhänger, die sich um den späteren württembergischen Gauleiter und Reichsstatthalter Wilhelm Murr scharten. Richard Drauz, der in dem sechs Jahre älteren Murr einen lebenslangen Freund und Förderer fand, war schnell als überzeugtes und fanatisches Mitglied dieser Gruppe bekannt.

1923 war er bereits Ortsgruppenleiter in Mettingen. Schon im November 1924 wagte er es, also kurz nach dem 1923 gescheiterten Putsch Hitlers in München, bei einer SPD-Versammlung in Esslingen, öffentlich den "nationalsozialistischen Standpunkt" vehement zu vertreten und stieß dort naturgemäß auf stürmischen Widerspruch. Auch Adolf Hitler war in diesen Jahren noch nicht überall gern gesehen. Als er am 15. Mai 1926 in der Harmonie in Heilbronn zum Thema "Wesen und Ziele des Nationalsozialismus" sprechen will, lag Ärger in der Luft.

Am Nachmittag gegen 14 Uhr trifft ein badischer SA-Trupp in einem Sonderzug auf dem Heilbronner Hauptbahnhof ein. Mit Trommel und Pfeifen marschieren die "Parteisoldaten" über die Bahnhofstraße stadteinwärts. Rechts und links auf den Gehwegen werden die Braunhemden von Hitlergegnern lautstark beschimpft! Vor der heutigen Friedrich-Ebert-Brücke kommt es zum Tumult.

Die Brücke ist von Hitler-Gegnern besetzt: Reichsbanner-Leute, die Freie Turnerschaft Jahn, Sozialistische Arbeiterjugend, Kommunisten, Gewerkschaftler und Liberale. Beleidigungen und böse Wortfolgen auf beiden Seiten, dann kommt es zu einem Handgemenge, bei dem plötzlich ein einzelner SA-Mann umzingelt wird. Er sieht aus, als sei er Hitler aus dem Gesicht geschnitten. Man will den vermeintlichen "Führer" in den Neckar werfen. Laut "Heilbronner Tagblatt" von 15. Mai 1934 so heisst es später, "handelte es sich um den SA-Mann Dietrich aus Ebersbach". Schließlich gewinnen ein paar besonnene Hitler-Gegner die Oberhand und rufen: "Haut ihm (nur) den Leib voll und schickt ihn wieder heim!"

Am Abend erfährt man, dass Hitler zum Zeitpunkt der Auseinandersetzung auf der Brücke ganz in der Nähe war. Er kam bereits in der Nacht zum Sonntag in Heilbronn an, quartierte sich im Neckar-Hotel ein und schaute von seinem Fenster aus dem Handgemenge zu. Mittlerweile jagten die Hitler-Gegner die Braunhemden durch die Frankfurter Straße. Verletzte SA-Leute werden in der Gaststätte "Halbmond" vom Arbeiter-Samariter-Bund verbunden und zum Bahnhof begleitet.

Nationalsozialistisches Affentheater
Aber die SA gibt nicht auf. Am Abend treffen mit einem Sonderzug knapp 1000 SA-Leute aus Hohenlohe in Heilbronn ein und marschieren demonstrativ mit Musik zur Harmonie. Nur SA-Männer dürfen in den Saal, um den "Führer" zu hören. "Sein Temperament, sein bohrender Fanatismus peitschen die ,Windjackenjünger‘ auf, die unzählige Male in wilde Heil-Rufe ausbrachen“, heißt es anschließend im Artikel der SPD-Zeitung "Neckar-Echo".

Vor der Festhalle protestieren die Gegner. Die Heilbronner Schutzpolizei ist zu schwach, um die Menge auseinander zu halten. Verstärkung aus Ludwigsburg wird angefordert und das Harmonie-Gelände abgeriegelt. Am Sonntag werden die SA-Leute sicherheitshalber mit Lastwagen abgeholt. Auf der Fahrt durch die Stadt werfen sie Pflastersteine auf die demonstrierenden Heilbronner.

Der Heilbronner Gemeinderat forderte daraufhin in seiner Sitzung vom 17. Mai 1926 für Hitler in Württemberg das gleiche Redeverbot wie in Baden, Bayern, Preußen und Sachsen. Über die Hitler-Veranstaltung in der "Harmonie" heißt es spöttisch: "Nationalsozialistisches Affentheater!" Stadtrat Buckel bezeichnete Hitler als einen "gemeingefährlichen Banditen!" und wetterte am 19. Mai bei einer Anti-Hitler-Kundgebung auf dem Marktplatz: "Hitler und seine Bande lehnen wir in unserer Stadt ab!"

Zu den ersten Anhängern der Nationalsozialisten, die für die Ideen von Adolf Hitler mit dem Leben bezahlen müssen, gehört auch ein Heilbronner. In der Nacht zum 9. November 1923 erklärte Hitler in München die Regierung des Reichs Bayern für abgesetzt und sich selbst zum Reichskanzler. Mit Maschinengewehrbeschuss wurde der Demonstrationszug auf die Feldherrnhalle gestoppt.

Der Umsturzversuch schlug fehl. Unter den vierzehn toten Hitler-Anhängern ist Karl Kuhn aus Heilbronn. Hitler kam ins Gefängnis nach Landsberg. 1925 gründete er, wie bekannt, die NSDAP wieder neu.
Ein Bier kostet 606.000 Mark
Im Spätsommer und Herbst 1923 überschlugen sich die politischen Ereignisse ebenso wie die Preise. Das Geld verlor schließlich stündlich an Wert. Für Margarine zahlte man in Heilbronn 7,6 Millionen Mark, für ein Bier 606.000 Mark. Eine Woche später musste man für die Margarine schon 16 Millionen Mark hinblättern.

Heilbronn behauptete sich jedoch immer wieder bis zuletzt gegen die Nationalsozialisten, die SPD lag bis 1932 stehts in der Wählergunst vorn.

SPD und sozialdemokratisch orientierte Gewerkschaften warnen immer mehr vor den Nationalsozialisten. Sie wenden sich in der "Schwäbischen Tagwacht" direkt an Arbeiter, Angestellte und Beamte. "Lasst euch nicht verwirren", heisst es hier deutlich. "Die Nationalsozialisten wollen eure elende Lage nicht bessern, sondern nur für ihre politischen Zwecke missbrauchen. Eure Not wird nicht gemindert durch Bürgerkrieg und Zerschlagung der Reichseinheit, noch durch Zerstörung der Wirtschaft, sondern nur durch zielbewusste aufbauende Arbeit in Staat und Wirtschaft. Haltet fest an der SPD und an den Gewerkschaften!..."

Jetzt kostete die Margarine schon 800 Millionen Mark. Dazu der Kommentar in der Süddeutschen Zeitung: "Es zeigt sich..., dass die Angst dem Fortschritt der Geldentwertung rettungslos preisgegeben zu sein scheint. Die Verhältnisse sind derart übermächtig geworden, dass man Glauben muss, in einer Welt des Irrsinns zu leben."

Die Verelendung weiterer Bevölkerungskreise heizte die politische Stimmung an. In dieser aufgepeitschten Atmosphäre fanden in Württemberg fünf große Wahlen statt: Wahlgänge um die Reichspräsidentschaft, Landtagswahlen und Reichstagswahlen. Hindenburg ging gegenüber Hitler und Thälmann eindeutig als Sieger hervor. Die Schwerpunkte der NSDAP-Wahlsiege bei den Landtagswahlen lagen im Nordosten Württembergs.
Kein Wahlerfolg für die Nazis in Böckingen
Dagegen musste sich die Partei in Stuttgart mit 23,1, in Heilbronn mit 22,1, in Reutlingen mit 19,1, in Schwäbisch Gmünd mit 17,7 und in Böckingen, das erst 1933 nach Heilbronn eingemeindet wurde, sogar mit nur 10,1 % der abgegebenen Stimmen begnügen. Ihren ersten Wahlerfolg in Heilbronn verbuchten die Nazis bei der Gemeinderatswahl am 6. Dezember 1931.

Drei NSDAP-Mitglieder werden gewählt: Heinrich Gültig, Hugo Kölle und Alfred Faber. Die SA im Heilbronner Raum wächst auf rund 1200 Mann an. Unter ihrem Führer Fritz Klein wird die neue SA-Standarte 122 formiert, die ihren Hauptsitz zunächst in Neckarsulm und später im Heilbronner "Braunen Haus" in der Fleiner Straße 1 hat. Jetzt beginnt auch die politische Karriere des gebürtigen Heilbronners, Richard Drauz.



Der Freund aus alten "Esslinger Kampftagen", Wilhelm Murr, war inzwischen zum Gauleiter von Württemberg aufgestiegen. Er bat seinen ehemaligen Weggefährten aus den 20er Jahren, Kreisleiter der NSDAP in Heilbronn zu werden. Diese Stadt, in der sowohl die SPD wie auch die Deutsche Demokratische Partei (DDP) über ein stabiles Wählerpotential verfügten, war für die Nationalsozialisten ein schwieriges Terrain.

Zwar bestand seit 1923 eine Ortsgruppe der NSDAP, doch war sie zahlenmäßig klein und unbedeutend geblieben. Sie hatte auch immer wieder Probleme, oft wechselnde Amtsträger zu ersetzen. Einer dieser "Parteigenossen" schrieb schon 1929 an Murr: "nach eingehendem Studium der Parteiunterlagen habe ich den Eindruck, dass Heilbronn ein schwer zu bearbeitendes Gebiet ist, d. h. die Bewohner sind mehr oder weniger alle Phlegmatiker und durchweg demokratisch eingestellt." Die SPD hat immer noch "die Nase vorn". Aber auch noch herrschte der "freie Geist" in Heilbronn.

Als "Komödie" (,Neckar-Echo‘) und "Kulturschande" (,Abendzeitung‘) wertete die Presse, was sich die einzigen drei NS-Stadträte erlauben. Bevor Rechtsanwalt Dr. Siegfried Gumbel am 13. Oktober 1932 als neuer DDP-Stadtrat verpflichtet wird, verlassen Gültig, Kölle und Faber demonstrativ den Ratsaal. Begründung: Als Angehöriger der jüdischen Rasse durfte Gumbel kein öffentliches Amt an einer deutschen Behörde bekleiden.
Heilbronn soll auf NS-Kurs gebracht werden
Oberbürgermeister Emil Beutinger rügte das Verhalten der NSDAP-Ratsmitglieder mit einem Ordnungsruf. Die hauptsächliche politische Auseinandersetzung aber spielte sich 1932 – 1933 auf den Straßen ab. Zwischen Hitler-Gegnern und Befürwortern kommt es rund um den Kiliansturm immer wieder zu heftigen Zusammenstößen. Diese Ausgangssituation stellte Drauz vor spezielle Anforderungen.

Es spricht einiges dafür, das Murr und die württembergische NSDAP-Parteiführung Richard Drauz für diese Stellung selbst auswählten, weil sie ihm das zutrauten, was er selbst in einer Rede zur Handwerkerwoche als nationalsozialistische "Tugend" pries: "unsere führenden Männer sind rücksichtslos genug, alles was sich ihnen in den Weg stellt, mit Vernichtung zu schlagen."

Vom neuen Kreisleiter erhoffte man sich in Stuttgart, dass er die "jüdisch-marxistische-liberale Hochburg" Heilbronn notfalls mit Gewalt auf nationalsozialistischen Kurs bringen würde. Darin erfolgreich gewesen zu sein, wird in den Propagandaverlautbarungen der späteren Jahre der NS-Herrschaft auch immer wieder als sein besonderes Verdienst hervorgehoben: "Wenn unsere gute Stadt Heilbronn gegenüber den Jahren vor 1933 geistig ein völlig neues Gesicht bekommen hat und heute wirklich nationalsozialistisch handelt, denkt und arbeitet, so ist das das herausragendste Werk unseres Kreisleiters, das ihn mit stolzer Genugtuung erfüllen darf".

Noch heute steht der ehemalige Heilbronner NSDAP-Kreisleiter Richard Drauz in seiner Heimatstadt in einem überaus schlechten Ruf. Kommt das Gespräch auf ihn, ist bei Zeitzeugen von Brutalität, Rücksichts- und Skrupellosigkeit die Rede, von Angstgefühlen vermischt mit Verachtung, die man ihm gegenüber empfunden habe. Am liebsten habe man nichts mit ihm zu tun haben wollen, sagten nach dem Krieg übereinstimmend sowohl Gegner als auch Mitläufer des nationalsozialistischen Regimes und sogar ehemalige Mitstreiter, die sich damit - zumindest nachträglich - von dem 1946 durch die Amerikaner in Landsberg Hingerichteten distanzierten.

Es scheint niemanden (mehr) zu geben, der an ihm - wenigstens zeitweise - positive oder schätzenswerte Eigenschaften wahrgenommen hat, wie sie im Gegensatz dazu z. B. im Fall des Heilbronner NS-Oberbürgermeisters Heinrich Gültig immer wieder geltend gemacht werden.

Das ist zunächst einmal ein festzuhaltender Befund, der zugleich aber auch Fragen aufwirft: War Richard Drauz tatsächlich die "Inkarnation des Bösen", der hundertfünfzigprozentige Nationalsozialist, dessen Macht und Willkür allseits gefürchtet waren, und auf dessen Konto nahezu alle in Heilbronn und Umgebung geschehenen Verbrechen während des Dritten Reiches zu verbuchen sind?

Welche historischen und persönlichen Bedingungen mussten überhaupt zusammentreffen, um aus einem Menschen, der bis Ende 1932 ein durchschnittliches, weitgehend unauffälliges bürgerliches Leben geführt hatte, plötzlich einen einflussreichen, machtbewussten und angsteinflößenden Kreisleiter zu machen, der sich zwölf Jahre lang offensichtlich mühelos über etliche Angriffe hinweg an der Spitze der Heilbronner NSDAP halten konnte?
Vom Mechaniker zum politischen Kommissar
Richard Drauz am 2. April 1894 in Heilbronn geboren, evangelisch (1937 aus der Kirche ausgetreten), Vater: Christian Heinrich Drauz, Postunterbeamter (1865-1937), Mutter: Friederike Johanna, geb. Dederer (1866-1938), beide stammten aus alteingesessenen Heilbronner Weingärtnerfamilien; verheiratet in erster Ehe von 1923 bis 1937 (Scheidung) mit Emma Frieda, geb. Sohn, 3 Kinder, von denen ein Sohn im Krieg gefallen ist, in zweiter Ehe seit 1937 mit Klara, geb. Schoch, 4 Kinder.

Besuch der Volks-, Mittel- und Oberrealschule in Heilbronn, Lehre als Mechaniker, 1914-1918 als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg, Vizefeldwebel, 1919-1921 Studium an der Höheren Maschinenbauschule in Esslingen, 1921-1928 Ingenieur im Kältemaschinenbau bei der Maschinenfabrik Esslingen, 1928-1932 unklare Berufstätigkeit in Dortmund und in Essen, 1932-1938 Verlagsleiter des Heilbronner Tagblatts.

1. April 1928 Parteieintritt, 1932 zunächst ehrenamtlicher, ab 1938 hauptamtlicher NSDAP-Kreisleiter in Heilbronn, ab 1933 MdR und Sturmbannführer der SA ehrenhalber, ab November 1940 Einsatzführer der Volksdeutschen Mittelstelle des Gaues Württemberg-Hohenzollern, ab 1943 Oberbereichsleiter der NSDAP und zusätzliche Übernahme der Kreisleiterfunktionen in Vaihingen/Enz und Ludwigsburg.



Tatsächlich steht außer Zweifel, dass Richard Drauz der führende Nationalsozialist in der Stadt und im Oberamt bzw. dem späteren Landkreis Heilbronn gewesen ist, bei dem die Fäden zusammenliefen und der das Geschehen in allen Bereichen wesentlich mitbestimmte. Er war nicht nur Kreisleiter, sondern wurde am 6. April 1933 auch zum Politischen Kommissar für das Oberamt Heilbronn ernannt.

Bereits im März hatte er bei der Gauleitung darauf gedrungen, dass der bisherige Heilbronner Landrat Ehemann, der seiner Meinung nach den schwierigen Verhältnissen nicht gewachsen war, zunächst in einen Krankenurlaub geschickt und - nach einer kurzen Rückkehr in sein Amt - schließlich ab November 1933 in den frühzeitigen Ruhestand versetzt wurde. Von August 1933 bis Oktober 1935 war Drauz Mitglied des Heilbronner Gemeinderats, als solcher wurde er am 12. Oktober 1933 zu einem von zwei Stellvertretern von OB Heinrich Gültig berufen.

Im November 1933 zog er als einer von 18 württembergischen Abgeordneten in den mittlerweile politisch einflusslosen Reichstag ein, dem er bis zum Ende des Dritten Reiches angehörte. Aber nicht nur im engeren politischen Bereich übte Drauz viele Funktionen aus. In einigen wichtigen Betrieben und Unternehmen in Heilbronn und Umgebung gelangte er in den Jahren vor dem Krieg in den Aufsichtsrat, so z. B. bei der Maschinenbaugesellschaft Heilbronn, der Glashütte Heilbronn AG, der Kreissiedlung Heilbronn sowie dem Portland-Zementwerk in Lauffen.
Ende der Pressefreiheit
Ebenso spielte er bei der "Gleichschaltung" von Vereinen und Verbänden eine zentrale Rolle. Er war nicht nur bei allen wesentlichen Sitzungen anwesend, sondern übernahm oft zumindest so lange den kommissarischen Vorsitz, bis ein neuer, nationalsozialistischer Vorstand gefunden war. Die Ortsgruppe des Reichsausschusses für Leibesübungen und den Verein für Rasenspiele leitete er schließlich über Jahre hinweg selbst. Als Verlagsleiter des "Heilbronner Tagblatts" war Richard Drauz auch wesentlich an der gewaltsamen Ausschaltung der sozialdemokratischen und bürgerlichen Heilbronner Presse beteiligt.

Bis 1934 gelang es durch Überfälle, Beschlagnahmungen und Verbote sowie durch massive Abwerbemethoden, Einschüchterungen und "Inschutzhaftnahme" von Anzeigenkunden, Redakteuren und Verlegern sämtliche Heilbronner Zeitungen und ihre Infrastruktur (Druckmaschinen usw.) in die Hand des "Heilbronner Tagblatts" zu bringen. "Der ehemals kümmerliche, von Stuttgart in jeder Weise abhängige Verlag ist unter der seit Oktober 1932 tatumsichtigen Leitung zu hohem Ansehen gelangt“.

Auch konnte der früher bürgerliche Krämer'sche Verlag - wohl der größte und bedeutendste im württembergischen Unterland - käuflich deshalb erworben werden, weil die Abonnentenzahl dieses Verlages bei sämtlichen vier Zeitungen durch die intensive und planmäßige Arbeit der Verlagsleitung des 'Heilbronner Tagblatts' ständig stark zurückging. So lautet die nationalsozialistische Darstellung dieser Ereignisse, ein indirektes Lob für Verlagsleiter Drauz, der auch in dieser Position die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllte.
Nörgelnde Kritiker verboten
Trotz seiner - im nationalsozialistischen Sinne - erfolgreichen Arbeit als Kreis- und Verlagsleiter war Richard Drauz keineswegs unumstritten. Auf besonders starke Ablehnung stieß er interessanterweise in den eigenen NSDAP-Reihen. Nicht wenige der "alten Kämpfer" Heilbronns waren mit seiner Person und seinem Gebaren überhaupt nicht einverstanden und beschwerten sich immer wieder bei übergeordneten Parteistellen über ihn.

Diese innerparteilichen Auseinandersetzungen fanden 1934/35 ihren Höhepunkt und Niederschlag in mehreren Verfahren vor dem NSDAP-Gaugericht Württemberg-Hohenzollern. Es ist anhand der überlieferten Aktenfragmente nicht leicht zu entscheiden, welche der einzelnen Vorwürfe gegen den Kreisleiter der Wahrheit entsprechen und welche davon - offenbar von Enttäuschung, verletzter Eitelkeit, Neid oder Rachsucht diktiert - übertrieben oder gar falsch sein mochten.

Dennoch muss auf diese Auseinandersetzungen näher eingegangen werden, da durch sie sehr interessante Erkenntnisse über strukturelle Mechanismen innerhalb der NSDAP zu gewinnen sind. So wird beispielsweise deutlich, auf welche Weise NSDAP-Mitglieder, denen bekanntlich "nörgelnde Kritik" verboten war, ihre Streitigkeiten miteinander austrugen, wie weit Anspruch und Wirklichkeit der nationalsozialistischen Ideologie oft auseinanderklafften, wie willkürlich NS-Amtsträger handeln konnten und welch zentrale Rolle Denunziation und Einschüchterung in diesem System spielten.

Die Hauptkontrahenten des Kreisleiters waren zunächst der Hauptschriftleiter des Heilbronner Tagblatts, Hans Hauptmann, der somit auch beruflich eng mit Drauz zu tun hatte, und der Ortsgruppen- und stellvertretende Kreisleiter, Paul Reppmann. Sie legten gemeinsam am 10. Mai 1934 beim Personalreferenten des Gaues Beschwerde über Drauz ein.
Einflußreiche Gönner: NS-Amigos
Die Reaktion des Kreisleiters, der umgehend von dieser Eingabe informiert wurde, ließ nicht lange auf sich warten: Er bezichtigte Hauptmann nicht nur öffentlich der politischen Unzuverlässigkeit und beschimpfte ihn als "Sexualschwein" sowie "Kulturbolschewisten", sondern sprach seinem Hauptschriftleiter "unter Mißachtung aller Bestimmungen des Schriftleitergesetzes und des unter Zeugen mündlich geschlossenen dreijährigen Anstellungsvertrags" die sofortige Kündigung aus.

Auch Reppmann verlor in den nächsten Wochen sämtliche Parteifunktionen. Doch ließen sich die beiden davon nicht beirren und nahmen jetzt erst recht den Kampf auf. "Weil vorherige Erfahrungen gelehrt haben, dass Pg. Drauz in der Gauleitung Stuttgart einen einflußreichen Gönner hat, von dem er bisher in allen Fällen gestützt worden ist," wandte sich Hauptmann zugleich an höhere Stellen und richtete sein offizielles Anklageschreiben, in dem er die Entbindung des Kreisleiters von allen seinen Ämtern forderte, nicht nur an Wilhelm Murr - den "einflußreichen Gönner" - sondern auch direkt an Josef Goebbels, Hermann Göring und Rudolf Hess. Er bezog sich dabei ausdrücklich auf den "Befehl des Führers an den Chef des Stabes Lutze" vom 30. Juni 1934, der im Zusammenhang mit dem sogenannten "Röhmputsch" erlassen worden war.

In zwölf Punkten wurden darin Richtlinien für das Verhalten von SA- und politischen Führern in der Öffentlichkeit festgelegt. Hauptmann stellte fest, dass vor allem die Punkte zwei, drei und sechs des angeführten Befehls keinerlei Zweifel darüber zuließen, wie mit Richard Drauz zu verfahren sei, denn: "In Heilbronn ist es stadtbekannt, dass Pg. Kreisleiter Drauz, trotzdem er verheiratet und Vater ist, zahlreiche Liebesverhältnisse unterhält.“
Ehrentrunk im „Ehrenkleid“
Eidesstattlich wird bezeugt, dass Drauz sehr häufig durch schwere Trunkenheit im Ehrenkleide seines Amtes Ärgernis in der Öffentlichkeit erregt hat. Das war z. B. der Fall als Röhm mit SA-Parade und "Ehrentrunk" ins Goldene Buch der Stadt Heilbronn eingeschrieben wurde.

Die neuen Herren im Rathaus (rechts Kreisleiter Richard Drauz)
Anschließend traf man sich zu einem Frühschoppen im Ratskeller. Was sich bei jenem "Frühschoppen" zwischen 11 und 15 Uhr und danach abspielt, wird aus einem Beschwerde-Brief eines NSKK (Nationalsozialistische Kraftfahrer-Korps-Staffelführers) an den Führerstellvertreter Rudolf Hess deutlich: "Kreisleiter Drauz, Oberbürgermeister Gültig, Brigadeführer Dr. Dirlewanger und Parteigenossen blieben im Ratskeller, wo die Stimmung wuchs, die schließlich mit einer allgemeinen Küsserei und Knutscherei der BDM Mädel ausklang. Das Kreischen und Jauchzen bei besonderen Griffen hörte man auf dem Markt. Dann wurden Dutzende von Gläsern an die Wand geworfen und ein Fotograf bestellt um die Gesellschaft zu fotografieren!"

Oskar Dirlewanger, Mitzecher der besagten "Ratskellerrunde" gehörte zu jenen berüchtigten Nationalsozialisten wie Gestapo-Müller, Amtschef IV im Reichsicherheitsdiensthauptamt oder Martin Bormann, Chef der Privatkanzlei von Adolf Hitler.

Der SS-Brigadeführer und ehemalige stellvertretende Leiter des Heilbronner Arbeitsamtes wird bei Kriegsende von ehemaligen polnischen Fremdarbeitern festgenommen und im Ortsarrest von Altshausen im Kreis Saulgau eingesperrt.

Am 7. Juni 1945 stirbt Dirlewanger mutmaßlich an den Folgen von Misshandlungen. Dirlewanger, der selbst viele Menschen tötete oder töten ließ, war "berühmt-berüchtigt als Kommandeur Oranienburg" und der SS-Brigade Dirlewanger im Partisanen-Einsatz und durch die "Niederschlagung des polnischen Aufstandes in Warschau". Er war bekannt für eine äusserst barbarische Kampfweise. 1922 promovierte er zum Dr. rer. Pol. 1923 trat er in die NSDAP ein. 1934 wurde er unter dem Vorwurf, eine Minderjährige verführt zu haben, zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Bei Kriegsausbruch 1939 meldete er sich freiwillig zur Waffen SS.

Seiner Idee, aus ähnlich Vorbestraften eine "Spezialeinheit für besondere Aufgaben" zu bilden, wurde entsprochen. Sein sogenannter "verlorener Haufen" war total verroht und zog eine Blutspur durch Osteuropa. Nach dem wüsten Gelage von Drauz, Dirlewanger und Co im Heilbronner Rathauskeller 1934, dessen Verlauf und Folgen noch tagelang das Stadtgespräch bildeten, hielt Drauz auf dem Marktplatz in Gegenwart einer großen Menge eine Ansprache gegenüber Schweizer Turnern aus Solothurn.

Dabei beging er im Rausch die Peinlichkeit, zu sagen, "die Gäste möchten nach ihrer Heimkehr ihren Landsleuten versichern, dass Adolf Hitler nicht daran dächte, die Schweiz zu annektieren." Drauz war so betrunken, dass er torkelte und weggeführt werden musste. NS-Oberbürgermeister Gültig hoppelte beschwippst die Freitreppe hinab. Nach der Marktplatzrede setzten Drauz und Co ihr Zechgelage in Gaststätten auf dem Wartberg, in Weinsberg und Gundelsheim fort.
Hörige Gerichtsbarkeit
Zu diesen sehr massiven konkreten Angriffen, die von mehreren, zumeist langjährigen Parteigenossen schriftlich bezeugt und unterstützt wurden, gesellten sich noch allgemeinere Vorwürfe über die nicht ordnungsgemäße Verwendung von Winterhilfswerkgeldern und anderen Spenden sowie über die zu weit gehende Protektion von eigenen Anhängern und das rücksichtslose Kaltstellen all derer, die dem Kreisleiter nicht genehm waren.

Das Fazit der Ankläger: "Abgesehen von einer rein willkürlichen, lediglich auf Gewalt abgestellten Politik, ohne jeden Begriff der Treue führt Pg. Drauz in sittlicher Hinsicht ein Leben, das jeder Beschreibung spottet und dazu angetan ist, der Bewegung in weitestem Maße zu schaden."

Richard Drauz reagierte auf diese Angriffe am 7. Juli 1934 mit einer Selbstanzeige beim Gaugericht, "um endlich die gegen mich hetzenden bekannten und nichtbekannten Pgs. fassen zu können". Er tat dies in Absprache mit dem Beauftragten der Parteileitung, der zur Klärung der Vorfälle nach Heilbronn gekommen war, und hatte Erfolg damit.

Nicht nur in der Klagesache des ehemaligen Hauptschriftleiters Hans Hauptmann wurde er am 31. August 1934 vom Gaugericht freigesprochen, sondern im Lauf des Jahres 1935 auch in allen anderen, diesem noch folgenden Verfahren. Dazu gehörte auch die Anklage eines weiteren alten Heilbronner Parteigenossen, der sich 1933 bei der körperlichen Misshandlung des Zeitungsverlegers Viktor Krämer hervorgetan hatte und dabei von Drauz gedeckt worden war, jetzt aber Hauptmann und Reppmann unterstützte.

Ihn, einen Autohändler, hatte Drauz wissen lassen, dass er ihn "wirtschaftlich und moralisch restlos ruinieren" werde, wenn er weiterhin gegen ihn zeuge. Und tatsächlich ist zum einen ein Schreiben überliefert, in dem der Kreisleiter der Autofirma, deren Vertretung dieser Händler bisher innegehabt hatte, ein anderes Heilbronner Autohaus, "das besonders in moralischer Hinsicht einwandfrei" sei, als künftigen Geschäftspartner dringend empfahl.

Zum anderen ließ der Kreisleiter durch den Bruder des Autohändlers ausrichten, dass er diesen wegen seines Meineides in der Sache Krämer anzeigen werde, wenn er sich nicht zurückhalte, "er habe es lediglich seiner Rücksichtnahme zu verdanken, dass er noch nicht in Schutzhaft sei."

Es wurde also mit massiven Drohungen und ehrenrührigen Vorwürfen gearbeitet, um die höheren Parteistellen von der Richtigkeit des jeweiligen Standpunkts zu überzeugen. Der Kreisleiter hatte allerdings in dieser Auseinandersetzung die weitaus bessere Ausgangsposition durch den größeren Handlungsspielraum, den seine verschiedenen Funktionen ihm boten, und durch die Rückendeckung aus Stuttgart.

Wie aus dem Quellenmaterial eindeutig hervorgeht, zögerte er nicht, diese Möglichkeiten voll auszuschöpfen. Drauz beließ es nicht bei Drohungen und Einschüchterungsversuchen, sondern ging weiter und leitete konkrete Schritte ein, um die wirtschaftliche Existenz seiner Gegner zumindest zu gefährden, wenn nicht gar zu zerstören. Offenbar fühlte er sich ziemlich sicher und befürchtete nicht, dass sich solche Vorgehensweisen eines Tages vielleicht rächen und gegen ihn selbst wenden könnten.

Wie die Begründung seines Freispruchs durch das NSDAP-Gaugericht vom 26. Juli 1935 zeigt, hatte er durchaus berechtigte Gründe für seinen Optimismus: "Die Kammer vermag unter Berücksichtigung aller mitwirkenden Umstände nicht, über Kreisleiter Drauz wegen Einzelheiten seines Vorgehens den Stab zu brechen und ihn schuldig zu sprechen, nachdem sie sein Vorgehen im Ganzen nicht zu beanstanden vermochte, wie sie auch bestimmt annimmt, dass kein nationalsozialistischer Strafrichter es verantworten könnte, ohne Berücksichtigung und entsprechende Würdigung des Gesamt-Komplexes des Tatbestandes und der mitspielenden politischen Notwendigkeiten rein formaljuristisch einen Verstoß gegen einzelne Paragraphen des Strafgesetzes festzustellen und diesen zur Freude der Staatsfeinde zu ahnden."

Die Zuständigkeit des NSDAP-Gaugerichts war auf innerparteiliche Konflikte beschränkt. Doch formulierte es in diesem Urteil eine deutliche Erwartungshaltung gegenüber der staatlichen Gerichtsbarkeit. So interpretierte dies damals auch der Erste Staatsanwalt bei der Oberstaatsanwaltschaft Heilbronn: "Eine ernste Gefahr für die Unabhängigkeit der Rechtspflege aber bildet das Bestreben, in den parteigerichtlichen Urteilen eine etwaige abweichende Stellungnahme des ordentlichen Gerichts von vorneherein als formaljuristische Paragraphenreiterei abzutun und zugleich mit dem Makel staatsfeindlicher Gesinnung zu brandmarken." Das war eine mutige Stellungnahme, zumal sie gerade in die Zeit fiel, als ein Strafverfahren gegen Richard Drauz wegen Untreue und Körperverletzung einzuleiten war. Für beide Delikte hatte das Gaugericht den Kreisleiter bereits freigesprochen. Das strafrechtliche Verfahren gedieh allerdings nicht über die gerichtliche Voruntersuchung hinaus, offenbar weil die Immunität des Reichstagsabgeordneten Drauz nicht aufgehoben wurde.

In Heilbronn gelang es der NSDAP übrigens immer wieder, ihre Erwartungen an die staatliche Rechtsprechung durchzusetzen. Das zeigen mehrere Fälle von Ausschreitungen gegenüber Juden und Andersdenkenden in der Stadt und im Landkreis Heilbronn, die von dem damaligen Heilbronner Polizeidirektor Josef Georg Wilhelm zwar untersucht und zur Anzeige gebracht, dann aber in der Regel durch Intervention von Murr oder Drauz niedergeschlagen wurden.

Eine wesentliche Rolle spielte dabei offenbar ein Amts- und Landgerichtsrat, der 1934 zum Oberstaatsanwalt befördert wurde. Von ihm heißt es, dass er "in völlige Hörigkeit gegenüber dem Kreisleiter Drauz geraten war und das Recht in zahlreichen Fällen zu Gunsten der führenden Parteileute vorsätzlich beugte." Einige Beispiele: In der Nähe von Dörzbach im Landkreis Heilbronn wurden im Frühjahr 1933 "zwei ältere jüdische Handelsleute vom SA-Standartenführer – Heilbronn – buchstäblich zu Tode getrampelt." Nach dem Eingreifen von Gauleiter und Reichsstatthalter Murr wurde die an die zuständige Staatsanwaltschaft eingereichte Strafanzeige nicht weiter verfolgt.

Im Juli 1933 überfielen eine größere Anzahl SA-Leute das Haus des früheren Heilbronner OB Emil Beutinger und beschädigten das Gebäude sowie die Einrichtungen schwer. Beutinger selbst konnte sich durch unbemerkte Flucht aus dem Fenster retten. Das eingeleitete Verfahren gegen etwa 40 Verdächtige wurde ebenfalls niedergeschlagen. Ende September 1933 stellte Polizeidirektor Wilhelm Strafantrag gegen einen Heilbronner SA-Truppführer, einen "alten Kämpfer", wegen Widerstand, Körperverletzung und Beleidigung von Polizeibeamten. Er wurde von der Strafkammer Heilbronn am 29. Juni 1934 zwar zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt, später aber auf Veranlassung des Kreisleiters begnadigt.

Im letzteren Fall hatte Richard Drauz bereits bei der Gerichtsverhandlung zugunsten des Angeklagten einzugreifen versucht, indem er zu Protokoll gab: "Wenn nun im Herbst vergangenen Jahres (der Angeklagte) einen Zusammenstoß mit der Polizei hatte, so ist dies nicht besonders verwunderlich, denn ein alter Kämpfer vertritt mit vollem Recht den Standpunkt, dass er sich im heutigen Staat von Beamten, die ihn während des Kampfes gedrückt und gequält haben, nicht mehr in einer derart taktlosen und unflätigen Art behandeln läßt."

Empörte Volksgenossen
Dass das Verhältnis zwischen der Heilbronner Polizei und der örtlichen Parteispitze äußerst gespannt war, geht nicht nur aus diesem Zitat hervor, sondern auch aus einem weiteren Gaugerichtsverfahren gegen Richard Drauz, das im Anschluss an einen Vorfall in der Adlerbrauerei am 11. Mai 1935 durchgeführt wurde und ebenfalls mit einem Freispruch endete. Diese Gastwirtschaft wurde von einem Juden betrieben und war Treffpunkt für Kommunisten, Juden und andere, die dem nationalsozialistischen Regime nicht genehm waren.

Sie war somit natürlich ein Dorn im Auge der Kreisleitung, bei der auch zahlreiche Beschwerden von "empörten Volksgenossen" eingingen. Als am Abend des 11. Mai wieder einmal jemand Drauz über das "staatsfeindliche Treiben" in der Adlerbrauerei berichtet hatte, hatte dieser sich zusammen mit einigen zufällig anwesenden Parteifreunden dorthin begeben und veranlasste, nachdem er unerkannt eine Weile den Gesprächen zugehört hatte, die Räumung des Lokals, wobei es zu heftigen Schlägereien und Verletzungen kam.

Was weiter geschah, schildert Drauz selbst in seiner Aussage folgendermaßen: "Als das Lokal leer war, ging ich zu dem Juden, der, um nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden, fliehen wollte. Ich stellte ihn sofort zur Rede und bemerkte, dass an der Wand ein Gummiknüppel hing, den ich an mich nahm. Ich erklärte, dass es ein Skandal sei, dass in seinem Lokal das kommunistische Gesindel verkehren würde. Ebenso sagte ich, dass die unverantwortliche Hetze gegen den Führer, die Partei und den Staat unbeschreiblich sei, was er mit frecher Geste sofort bestritt. Dieses herausfordernde Verhalten des Juden, das mich ungemein empörte, veranlaßte mich, ihm mit dem Gummiknüppel eine runterzuhauen. Dabei sprang seine Frau dazwischen, weshalb versehentlich diese getroffen wurde. Nachdem die Jüdin weggegangen war, erhielt der Jude eine runtergehauen, weil er allein für diese Zustände verantwortlich war." Drauz äußerte zugleich auch sehr deutlich, wo seiner Meinung nach die eigentlich Schuldigen für diesen Vorfall zu finden waren: "Daß es zu dieser Sache kommen konnte, ist allein dem Versagen des hiesigen Polizeidirektors Wilhelm zuzuschreiben.Wir mußten immer wieder die Erfahrung machen, dass die Heilbronner Polizei sehr rasch bei der Hand ist, wenn es gilt, gegen Pg. vorzugehen, dagegen äußerst langsam arbeitet, wenn sie gegen Gegner der Partei vorgehen soll."

Deshalb habe er sich als Hoheitsträger der Partei verpflichtet gefühlt, selbst einzugreifen. Aufgrund der ständigen und massiven Beschwerdeführung über den Polizeidirektor, der offensichtlich ein korrekter Beamter war und es für seine Pflicht hielt, alle Straftäter ohne Berücksichtigung ihrer politischen Herkunft zu verfolgen, erreichte es die Heilbronner Kreisleitung schließlich, dass dieser im Oktober 1935 von seinem Posten in Heilbronn abgelöst und zum Polizeipräsidium nach Stuttgart versetzt wurde.

Die bisher geschilderten Fälle zeigen deutlich, dass Richard Drauz sich nicht scheute, die Grenze zu Unrecht und Gewalt zu überschreiten, wenn es für seine Ziele dienlich zu sein schien. Das hing sicher auch damit zusammen, dass er offenbar von der Notwendigkeit des "ewigen politischen und weltanschaulichen Kampfes" völlig überzeugt war, wie seine zahlreichen im Heilbronner Tagblatt im Wortlaut abgedruckten Reden zu den verschiedensten Anlässen zeigen.

Zwar muss man dabei berücksichtigen, dass auch der Kreisleiter in seinen öffentlichen Verlautbarungen einer gewissen Zensur - und sei es der im eigenen Kopf - unterlag, doch lassen diese Reden in ihrer Gesamtheit einige Gewichtungen erkennen, Lieblingsthemen, auf die er regelmäßig zurückkam, während anderes von ihm kaum oder nie angesprochen wurde. So fällt z. B. auf, dass er die sogenannte "Judenfrage" nur ganz selten einmal thematisierte.

Das soll allerdings nicht heißen, dass er die nationalsozialistische Judenpolitik nicht mitgetragen hätte. Dagegen beschwor er aber immer wieder und mit Vehemenz die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg und an die "Kampfzeit" der Zwanziger Jahre, "in der alles aussichtslos schien", sozusagen als Verpflichtung, auch nach der geglückten "nationalsozialistischen Revolution" nicht mit dem "politischen und weltanschaulichen Kampf" aufzuhören.

Er postulierte auch gern den Totalitätsanspruch der NSDAP: "Weil es nun immer schwerer ist, eine eroberte Stellung zu halten, nahm die Partei in jedem Dörfchen und in jeder Straße die politische Führung so fest in ihre Hand, dass sie heute und künftig nicht mehr abgelöst werden kann. Sie bildet die eiserne Klammer, die den deutschen Staat zusammenhält.

Ihr Wille wird im eisernen Kampf solange durchgesetzt werden, bis sie überall, in allen Winkeln und Gäßchen gesiegt hat. Wir wollen nichts anderes sein als die Gesellschaft, die in Deutschland für alle Zukunft den Ton bestimmt." Der Zweite Weltkrieg war für ihn die unvermeidbare und logische Fortsetzung des Ersten: "Denn der Krieg war ja noch nie zu Ende. Er ging seit 1918, seit die Waffen ruhten, mit anderen Mitteln weiter."

Das Blatt wendet sich
Nach der Niederlage von Stalingrad entfaltete er einen regelrechten Aktivismus, indem er bis Anfang März 1943 nahezu täglich vor mehreren NSDAP-Ortsgruppen sowohl im Stadt- wie im Landkreis Heilbronn Durchhaltereden folgender Art hielt und dabei am Beispiel des Ersten Weltkriegs machte deutlich machte, wieviel von der Heimat, ihrer Weltanschauung und Haltung abhänge für den Sieg. Der Krieg wird heute nicht nur militärisch geführt.

Nein, er muß bis in die feinsten Verästelungen unser Hirn und Herz erfüllen. Wir wollen vor der Geschichte bestehen können und beweisen, dass wir den Ruf des Schicksals verstanden haben. Unsere Soldaten sollen wissen, dass sich das ganze Volk in einem gewaltigen Aufbruch zur Tat befindet. Wer heute die Stunde nicht versteht, der wird seine Zeit und das Schicksal unseres Volkes nie verstehen.

Wir haben die Kraft zu siegen. Darum müssen wir unsere Herzen stark machen und an uns selbst, den Führer und seine Wehrmacht glauben.

Nach außen hin zumindest lassen sich nie irgendwelche Zweifel an der Richtigkeit der nationalsozialistischen Ideologie und der daraus resultierenden Politik und Kriegsführung erkennen. Unklar bleibt in diesen Reden aber auch, ob und welche politischen Ziele oder Visionen er - über die nationalsozialistische Durchdringung aller Lebensbereiche hinaus - für "seinen" Kreis Heilbronn verfolgte.

In den letzten Kriegswochen und -tagen lud Richard Drauz - nach allem bereits durch ihn begangenen Unrecht - auch noch die Verantwortung für Schwerverbrechen auf sich. Für einen Menschen wie ihn, der seit vielen Jahren eng in ein politisches System eingebunden war, in dem Rücksichtslosigkeit, Brutalität und Gewaltbereitschaft - unter welchen Bezeichnungen auch immer - gefordert, gefördert und belohnt wurden, und der offensichtlich keinerlei kritische Distanz zu diesem hatte, scheint das eine konsequente Handlungsweise gewesen zu sein, so unverständlich und unentschuldbar es auch war.
Nero Befehl
Er folgte offenbar noch dem absurdesten Befehl seines "Führers". So wollte er, laut der Aussage eines Mitarbeiters bei dem Rüstungsbevollmächtigten Südwest, beispielsweise, dass Ende März 1945 die gesamten Anlagen der Fahrzeugwerke Neckarsulm gesprengt werden sollten, was schließlich am Widerstand verschiedener Stellen scheiterte, ebenso wie einige weitere, von ihm vorgeschlagenen Maßnahmen von "verbrannter Erde" in der ohnehin seit dem 4. Dezember 1944 schon völlig zerstörten Stadt Heilbronn.

Auch scheint er sich zu derselben Zeit noch ernsthaft mit Evakuierungsplänen für die Bevölkerung des Stadt- und Landkreises Heilbronn beschäftigt zu haben. Die NSDAP-Ortsgruppenleiter in den Gemeinden des Landkreises wies er an, jedes Dorf in eine Festung zu verwandeln und zu verteidigen, wozu die meisten aber nicht mehr bereit waren. Je mehr sich abzeichnete, dass der "Kampf um Heilbronn" verloren gehen würde, desto willkürlicher wurden die Handlungen von Richard Drauz.

Sie hinterlassen den Eindruck vom sinnlosen Wüten eines Menschen, der nichts mehr zu verlieren hat, aber bis zum letzten Augenblick mit Gewalt versucht, seinen bisherigen Machtanspruch zu behaupten, und sie scheinen auch nicht ganz frei von persönlichen Animositäten gewesen zu sein. So ließ er am 3. April 1945 den stellvertretenden Ortsgruppenleiter von Sontheim, Karl Taubenberger, standrechtlich erschießen, weil dieser nicht verhindert hatte, dass eine Panzersperre abgebaut wurde.

Fliegende Standgerichte waren an der Tagesordnung
Am 6. April 1945 löste Drauz die Heilbronner Geschäftsstelle der Kreisleitung auf, ließ Akten und Parteifahne verbrennen, und machte sich mit zwei zusammengekoppelten Fahrzeugen und einer größeren Begleitmannschaft auf den Weg, die Stadt zu verlassen. Einige Stunden vorher hatten abrückende Wehrmachtssoldaten denselben Weg genommen und den Anwohnern einer Straße am Stadtrand auf deren Nachfrage hin geraten, weiße Tücher herauszuhängen, da gegen die Übermacht der Amerikaner nichts mehr auszurichten sei. Dort waren nun, als der Kreisleiter mit seinem Tross vorbeikam, fünf oder sechs Häuser auf diese Weise "beflaggt". Nachdem er dies bemerkt hatte, ließ er anhalten und gab - ohne eine weitere Untersuchung der Umstände - mehrfach den Befehl: "Raus, erschießen, alles erschießen!"

Drei seiner Begleiter kamen dem nach, stürmten nacheinander die verschiedenen Häuser und schossen wahllos auf diejenigen Personen, welche die Türen öffneten. Vier Menschen fielen dieser unsinnigen Bluttat zum Opfer, weitere vier entrannen ihr nur knapp dadurch, dass sie sich tot stellten. Einer der Ermordeten war Stadtrat Karl Kübler, seit 1941 hauptamtlicher Beigeordneter für Verwaltungsangelegenheiten der Stadt Heilbronn und seit dem 1. April 1945 offizieller Amtsverweser für den zum Volkssturm eingezogenen OB Heinrich Gültig.

In einer der letzten Zeitungsausgaben, die vor Kriegsende noch in Württemberg erschienen, wurde unter dem Titel "Tod den Verrätern!" behauptet, Kübler und die anderen seien von einem Standgericht verurteilt und dann erschossen worden. Ob die Umstände nicht genau bekannt waren oder man bewusst die falsche Darstellung der Vorgänge wählte, um solch willkürlichen Ermordungen wenigstens in der Öffentlichkeit den Anschein von "Rechtmäßigkeit" zu geben, muss dahingestellt bleiben.
Zuflucht im Kloster
Richard Drauz gelang es bei Kriegsende zunächst, durch Flucht einer Gefangenschaft zu entgehen. Er fand im Kloster Dernbach bei Montabaur im Westerwald unter falschem Namen Unterschlupf, wurde dort aber im Juni 1945 vom CIC, dem amerikanischen militärischen Abwehrdienst, aufgespürt und verhaftet.

Nach der Flucht aus seinem letzten Heilbronner Befehlsstand auf dem Gaffenberg organisiert Drauz zuvor mit Resten deutscher Wehrmacht und Volkssturm bei Ober- und Unterheinriet eine neue Verteidigungslinie. Ein dreitägiger Kampf um Oberheinriet, die Zerstörung Vorhofs und die Besetzung des zur Hälfte zerstörten Unterheinriet folgen.

Danach verliert sich die Spur von Drauz. Die Amerikaner suchen ihn als Kriegsverbrecher. Das Hauptquartier der 3. US-Army und der Richter des östlichen Militärdistricts, Abteilung Kriegsverbrechen, beschuldigen Drauz, "of killing surrendered American Airmann on 24. March 1945". Drauz habe, so wird ihm vorgeworfen, am 24. März 1945 einen wehrlosen amerikanischen Soldaten getötet. Zunächst fand Drauz mit Ehefrau und seinen drei kleinen Kindern Unterschlupf in Tübingen.



Zu Fuss nach Talheim
Das Ehepaar lässt seine Kinder bei einer Betreuerin in Tübingen zurück und flieht mit falschen Papieren ins Rheinland. Im Kloster Dernbach, das zwei Krankenhäuser betreut, bekam Drauz unter dem falschen Namen "Richard Binder" Arbeit als Ingenieur. Als jedoch seine Frau hört, dass die Betreuerin ihre Kinder verließ, kehrte sie quer durch die amerikanischen Linien in die Heimat zurück. Mit wunden Füssen kommt sie in Talheim an.

Und hier warten schon die amerikanischen CIC-Gehe../picsnten. Nach einem langen Verhör ist der CIC informiert. Zusammen mit dem Agenten Al Sandwina fährt CIC-Ermittler Helmut F. W. Frey im Jeep zum Kloster Dernbach. Sie weisen sich aus, entsichern ihre Pistolen und gehen zum Gartenhaus, in dem Drauz wohnen soll. Auf der Terrasse steht ein Mann, der sich mit einer Frau unterhält. Der CIC-Agent schickt die Frau weg und fragt den Mann: "Wie heißen sie?" "Binder".

Die beiden Agenten wissen vom falschen Pass des geflohenen Kreisleiters. Die schmächtige Gestalt, die vor ihnen steht, gleicht kaum dem "Mordsbullen", den man ihnen in Heilbronn geschildert hat. Sie gehen aufs Ganze: "Sie sind Richard Drauz aus Heilbronn!" Drauz, der in seiner Glanzzeit einmal sagte, er wünsche sich Gouverneur der Krim zu werden, sackt in sich zusammen. Widerstandslos lässt er sich festnehmen.
Am Ende der Galgen
Am Abend wird Drauz in das Heilbronner Zellengefängnis in der Steinstraße eingeliefert. Nach zwei Wochen und langen Verhören wird Drauz nach Landsberg abtransportiert. Hier schrieb auch Hitler, einst selbst in der Festung wegen des Münchner Putsch-Versuchs inhaftiert, "Mein Kampf"! Wegen seiner Beteiligung an der Erschießung eines abgestürzten US-Piloten, der sich als Kriegsgefangener ergeben hatte, musste sich Drauz vor einem amerikanischen Militärgericht in Dachau verantworten und wurde am 11. Dezember 1945 als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt und am 4. Dezember 1946 in Landsberg durch Erhängen hingerichtet.

Dass seinem Leben gerade am zweiten Jahrestag der Heilbronner Stadtzerstörung ein strafendes Ende gesetzt wurde, war sicher keine bewusste Entscheidung der Amerikaner, wurde in Heilbronn aber voller Bedeutung interpretiert: "Es ist wie ein Symbol, dass dieser skrupellose Mörder, der bei Fliegergefahr abend um abend mit seinem Auto die Stadt verließ, gerade am 4. Dezember erhängt wurde, an dem Jahrestag der Katastrophe, an welchem er ebenfalls die Stadt ihrem Schicksal überließ."

Seine anderen Untaten standen in dem postumen Entnazifizierungsverfahren, das 1949/50 vor der Zentralspruchkammer in Ludwigsburg stattfand, im Mittelpunkt der Verhandlung. Denn bei der Festsetzung der Sühneleistung, die in seinem Fall aus dem Nachlass zu bestreiten war, spielte neben der formalen Belastung als NSDAP-Kreisleiter auch die individuelle eine Rolle. Richard Drauz wurde als Hauptschuldiger eingestuft, der sonst übliche Nachlasseinzug allerdings durch einen Gnadenerweis in einen festen Betrag von 1000 DM umgewandelt.

Einige andere, damals noch lebenden Heilbronner Hauptschuldige wurden z. B. mit folgenden Sühneleistungen belegt: zwischen drei und fünf Jahren Arbeitslager, wobei die bereits abgesessene Internierungshaft in der Regel angerechnet wurde, Einzug des Vermögens - manchmal wurde ein kleiner Betrag zur Bestreitung des Lebensunterhalts belassen -, Berufsbeschränkung auf die Dauer zwischen fünf und zehn Jahren sowie eine Sonderabgabe von fünf bis zehn Prozent des laufenden Einkommens an den Wiedergutmachungsfonds.

Konnte diesen, über die formale Belastung hinaus, beispielsweise die Beteiligung an Gewaltakten gegen Juden oder Andersdenkende nachgewiesen werden, wurde das, wie oben schon angedeutet, in eigenen Strafverfahren verhandelt und abgeurteilt. Man kann wohl davon ausgehen, dass Richard Drauz, wäre er von den Amerikanern nicht hingerichtet worden, als Hauptschuldiger mit ähnlichen Sühneleistungen hätten rechnen müssen sowie mit einigen weiteren Strafverfahren, z. B. bezüglich der oben erwähnten Erschießungen.

Am Ende stellen sich doch noch einige Fragen zur Ära der NSDAP und ihres Kreisleiters in Heilbronn. So ist nicht bekannt, wie Richard Drauz im Angesicht des Todes über sich und seine Rolle im Dritten Reich dachte.
Parteigänger, Mitläufer und Täter
Starb er als noch immer überzeugter Nationalsozialist, oder kamen die vorher nie gehabten Zweifel am Ende doch? Und: Wäre er vielleicht anders im Gedächtnis geblieben, wenn er noch länger gelebt und Gelegenheit gehabt hätte, sich selbst zu seiner NS-Vergangenheit zu äußern? Zwar ist durch das Vorausgegangene klar, dass er einer der Hauptverantwortlichen für die Heilbronner Geschehnisse dieser Zeit war, und dass er seinen schlechten Ruf in vieler Hinsicht auch verdiente.

Doch hätte auch Kreisleiter Drauz, bei aller Willkür, die ihm eigen war, sowie bei aller Unterstützung aus Stuttgart, nicht so viel erreichen können, wenn es nicht auch in Heilbronn Parteigänger und Mitläufer gegeben hätte, die ihn aus Überzeugung oder anderen Gründen unterstützten oder mit ihm paktierten. Da aber fast nur von Drauz als "dem Heilbronner Nat?onalsozialisten" die Rede ist, drängt sich der Gedanke auf, ob in ihm nicht der gesuchte und durch Hinrichtung abgeurteilte "Sündenbock" für alle Verbrechen des Dritten Reiches in Heilbronn gefunden wurde, der die anderen von einer Auseinandersetzung mit den eigenen Anteilen am Funktionieren des NS-Systems entlasten konnte.

NSDAP-Mitglied Nr. 80 730, Kreisleiter Richard Drauz
"Vieles, was über meinen Mann erzählt wird, ist erlogen!" sagte die Witwe des Heilbronner NSDAP-Kreisleiters Drauz im August 1981 gegenüber dem Journalisten der Heilbronner Stimme, Uwe Jacobi. Klär Drauz, Jahrgang 1910, geboren in Talheim, vier Kinder, nach dem Krieg 22 Jahre lang Inhaberin einer Pension in Berlin, zuletzt wohnhaft im Schwarzwald, war nach eigenen Angaben nie Mitglied in der NSDAP.

"Wenn heute über jene Zeit gesprochen wird, darf man nie vergessen: Viele Leute hängen den Mantel nach dem Wind", sagte damals die alte Dame. Sie könne vieles erzählen, was ihren Mann in einem anderen Licht zeige: "Aber Sie werden es vermutlich nicht glauben".

Uwe Jacobi von der Heilbronner Stimme hat in respektvoller Weise in seiner Serie "Die vermißten Ratsprotokolle" die NS-Zeit aufgearbeitet.

Dr. Susanne Schlösser vom Stadtarchiv hat unter anderem die unsägliche Geschichte des NSDAP-Kreisleiters Richard Drauz in verdienstvoller Arbeit dokumentiert. Beide Autoren dienten uns mit ihren detaillierten Ausarbeitungen als wertvolle Quelle für dieses Kapitel.