Die Wahlkämpfe in den letzten Jahren der Weimarer Republik hatten zeitgemäß ihre Eigenart. Das Radio stand längst noch nicht in allen Wohnstuben und mit dem Fernsehen gab es gerade die ersten Versuche. Als einziges "elektronisches" Medium spielte der Propagandafilm eine maßgebliche Rolle. So ließ die SPD zur Reichs- und Landtagswahl 1928 einen Film mit dem Titel "Dein Schicksal unser Schicksal" auf Versammlungen und in den Kinos laufen. Die NSDAP kündigte 1932 überall, in Stadt und Land groß ihren sogenannten Film der Bewegung "Tannenberg" an. Der eigentliche Wahlkampf fand im Saale statt: Und auf der Straße. Daneben spielten die Zeitungen ein bedeutsame Rolle.

Unabhängige oder überparteiliche Blätter wie heute gab es kaum. Jede Partei hatte ihre eigenen Zeitungen. Die vielen Zeitungen waren neben der Mund zu Mund Propaganda die einzige Nachrichtenquelle für die Bevölkerung. Die wichtigsten Blätter von damals waren: Die Süddeutsche Arbeiter Zeitung (SAZ) der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD), die Schwäbische Tagwacht (STW) der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD), Deutsches Volksblatt (DVB) vom Zentrum, Stuttgarter Neues Tagblatt (SNT), Deutsche Demokratische Partei (DDP), die Württemberger Zeitung (WZ), ein zweites liberales Blatt aus dem Hause des Neuen Tagblatt, Schwäbischer Merkur (SM) der Deutschen Volkspartei (DVP), die Schwäbische Tageszeitung (STZ) des Bauern- und Weingärtnerbundes (SZ), die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) und natürlich der NS-Kurier (NSK) der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP).
Wie bedeutungsvoll die Rolle der Zeitungen, unter anderem während der Wahlpropaganda war, machen zwei Beispiele klar: Die Schwäbische Tagwacht (SPD), verkündete nach der Auflösung des Reichstages im Jahre 1928: "Die erste Wahlarbeit muss sein, die sozialistische Presse zu verbreiten. An dieser Arbeit hat sich jeder Parteigenosse ohne Unterschied zu beteiligen. Sagt euren Freunden, Bekannten, Kollegen, dass sie sofort ein sozialdemokratisches Blatt bestellen müssen, wenn sie ihre Pflicht in dem nun beginnenden Kampfe erfüllen wollen".
Der NS-Kurier (NSDAP) titelte später ebenfalls deutlichst: "Unbedingte Pflicht jedes einzelnen NS-Kurier-Lesers ist es, den NS-Kurier weiterzugeben oder in fremde Briefkästen zu stecken. Der NS-Kurier ist die beste Waffe gegen Lüge und Verleumdungen im Reichstags-Wahlkampf".
Genauso wichtig wie die Zeitungen, wenn nicht sogar eine Spur wirkungsvoller, waren die klassischen Wahlkampfschriften, Plakate, Flugblätter und Anzeigen. Sie hatten die Hauptfunktion, das Volk mit den Gedanken der Partei indirekt vertraut zu machen und den Parteimitgliedern selber eine Grundlage für neue Diskussionen zu geben. In den Tageszeitungen wurden die großen Plakataktionen immer im Vorfeld angekündigt. So der NS-Kurier vom 6. April 1932: "Achtung! Ab heute hängt täglich ein neues Textplakat an der Plakatsäule. Parteigenossen! Diskutiert überall über den angegebenen Gedanken Adolf Hitlers".
Die eigentliche Basisarbeit aber machten die Zettelkleberkolonnen. An allen möglichen Gegenständen sowie an Häusern, Mauern und Zäunen wurde nachts wie wild geklebt. Die Werbekolonnen verwandelten bei ihren Propagandastreifzügen durch die Stadt oft manche Häuser regelrecht in Plakatsäulen.

Eine andere Form der Wählerwerbung waren auch die Propagandamärsche der Parteien. In geschlossenen Formationen ging es mit Tschingderassabum und wehenden Fahnen durch die Wohngebiete und endete meist mit einer großen Kundgebung, anschließende Prügeleien mit den politischen Gegnern waren nicht selten. In Heilbronn wurde bei solchen Anläßen das "schneidige Eingreifen" von Polizeihauptmann Petry lange gerühmt. Wenn Hauptmann Petry eintrifft, häufig hoch zu Ross, finden die Konflikte ein schnelles Ende. Souverän gibt Petry "von oben herab" seine Befehle, die Kontrahenten spricht er in einem kräftig-humorigen Ton an und hat damit meistens Erfolg. Viele Pflastersteine die schon zum Wurf aus der Straße herausgeklaubt wurden bleiben liegen.
Im Jahre 1932 steuerte die politische Polarisierung, die das Ende der ersten demokratischen Republik auf deutschem Boden brachte, ihrem Höhepunkt zu. Die Weltwirtschaftskrise verursachte in Deutschland 6 Millionen Arbeitslose. Die Konkurse im Land schnellten in die Höhe und in weiten Kreisen der Bevölkerung machte sich eine übermäßige Existenzangst breit. In ihrer Argumentation versuchte jetzt die Nationalsozialistische Arbeiterpartei alle gesellschaftlichen Gruppen mit ihren Thesen anzusprechen. Sie baute dabei hauptsächlich auf die wirtschaftlichen Ängste. Hitler wurde als der mögliche Retter aus der mißlichen Lage hingestellt. Der Führer als einziger Hoffnungsträger!

Nachdem es Hitler am 30. Januar 1933 aufgrund seiner Mehrheitsverhältnisse im Reichstag gelungen war, zum Reichskanzler ernannt zu werden, löste er umgehend diesen auf und rief neue Wahlen aus. Von freien Wahlen konnte hier aber keine Rede mehr sein. In Preußen, dem größten Land des deutschen Reiches "herrschte" Hermann Göring als Innenminister, der flink die politischen Aktivitäten anderer Parteien aus vorgeschobenen Gründen der Inneren Sicherheit einschränkte oder einfach verbot. Nicht so drastisch ging es anfangs noch in Württemberg zu, wo der liberale Zentrumspolitiker Eugen Bolz als Staatspräsident amtierte. Dr. Bolz kam am 19. Juni 1932 zwar auch in Schutzhaft, wurde aber nach mehreren Wochen wieder freigelassen.
Am 20. Juli 1944 stand Bolz auf der Kabinettsliste des deutschen Widerstands. Der Volksgerichtshof verurteilte ihn daher zum Tode. Er starb am 22. Januar 1945 in Berlin-Plötzensee unter dem Fallbeil. Noch während der Amtszeit von Eugen Bolz wurden SPD und KPD Wahlaktivitäten massiv behindert wo es nur ging, während im Gegensatz dazu die Nationalsozialisten ihren Propagandarummel uneingeschränkt inszenieren konnten. Auch Bolz konnte sich politisch nicht mehr halten er wurde aufs schärfste von den Nationalsozialisten attakiert und verunglimpft. Nach dem der Reichsinnenminister den SA-Führer Jagow als Polizeikommissar in Württemberg eingesetzt hatte, trat die Regierung Bolz aus Protest zurück. Jagow am 29. Februar 1892 in Frankfurt/Oder geboren, diente von 1912 bis 1920 als aktiver Seeoffizier. Nach seinem Ausscheiden aus der Reichswehr schloß er sich 1920 der "Marinebrigade Erhard" an, einem der damals, nach dem Sturz der Monarchie üblichen Freikorps. Seit Januar 1922 gehörte Jagow zu den wichtigsten Figuren der württembergischen NSDAP. Am 15. März 1933 wählte der Landtag Murr, den Führer der Nationalsozialisten in Württemberg und Duzfreund des Heilbronner NSDAP Kreisleiters Drauz, zum Staatspräsidenten. Danach tagte bis 1946 kein Landesparlament mehr in Stuttgart.
Im Auftrag der Reichsleitung inspizierte Jagow von Tübingen aus die SA des Landes. Gleichzeitig leitete er noch den württembergischen Teil der "Organisation Consul", eine Geheimorganisation ehemaliger Angehöriger der Marinebrigade Ehrhard, die für die Ermordung der demokratischen Politiker Erzberger und Rathenau verantwortlich war. Sein Credo, so Jagow, bestehte darin, den nationalen Teil des Volkes zu schützen und zu stärken und dem der deutschen Erhebung feindlichen Volksteil sein Handwerk zu legen. Jagow, als verlängerte Arm der NSDAP setzte im Land unmißverständlich die Gleichschaltungsmaschinerie in Gang: SA und SS berief er nach preußischem Vorbild zur Hilfspolizei; Zeitungen und politische Organisationen wurden in seinem Auftrag verboten, mißliebige politische Gegner wanderten zu Hunderten in die Gefängnisse und in das neue Konzentrationslager Heuberg bei Stetten am Kalten Markt.

Jagow hatte es eigens dafür herrichten lassen, es war das erste KZ in Deutschland. Schlag auf Schlag griffen jetzt die Nationalsozialisten auch in Heilbronn zu. "Verboten!" mit dieser Schlagzeile und nur mit dem Titelblatt erscheint am 7. März 1933 die SPD-Zeitung "Neckar Echo" zum letzten Mal. Fünf Tage später besetzt die SA mit 70 Mann morgens um 7 Uhr die Vereinsdruckerei an der Allee. Die NSDAP machte mit dieser Aktion nicht nur einen politischen Gegner mundtot, sondern verschaffte sich auch auf diese Weise eine Druckerei zur Herstellung ihres eigenen Kampfblattes "Heilbronner Tagblatt". Was die Bürger im Land und auch in Heilbronn zu erwarten haben formulierte Württembergs neuer "kleiner Diktator" Wilhelm Murr nach seiner Ernennung zum Staatspräsidenten des Landes so: "Die neue Regierung wird mit aller Brutalität jeden niederschlagen, der sich ihr entgegenstellt. Wir sagen nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn. Nein, wer uns ein Auge ausschlägt, dem werden wir den Kopf abschlagen und wer uns einen Zahn ausschlägt, dem werden wir den Kiefer einschlagen!"
Am 14. Mai 1945 vergiftete sich in der Gemeinde Egg im österreichischen Vorarlberg ein Ehepaar Müller aus Ulm, kurz nachdem es von französischen Besatzungstruppen verhaftet worden war. Erst zwölf Monate später stellte sich heraus, das es sich bei den Toten um den ehemals mächtigsten Mann in Württemberg, Wilhelm Murr und seine Frau Lina handelte.
Für die Gegner von Hitler begannen sofort nach der Machtübernahme harte Zeiten. Bereits vor der Reichstagswahl am 5. März 1933 werden in Heilbronn etwa 30 Kommunisten in Schutzhaft genommen. Am 27. März brannte der Reichstag in Berlin. Dieses Ereignis wurde den Kommunisten unberechtigterweise zur Last gelegt. Unter dem Vorwand einer Staatsgefährdung setzte die Hitler-Regierung mit einer Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat alle wichtigen Grundrechte der Verfassung ausser Kraft.
Politische Gegner waren von jetzt an ungeschützt der ganzen Willkür des Staates ausgesetzt. Daß in Heilbronn noch schneller und umfassender als anderswo zugegriffen wird, hat etwas mit Sprengstoff zu tun, der beim Bau des Neckarkanals verschwindet. Der Verdacht fällt sofort auf die Kommunisten in Heilbronn.
Polizeidirektor Wilhelm lässt daraufhin einen Großteil der bei der Politischen Polizei registrierten Kommunisten festnehmen. Später stellt sich heraus, daß tatsächlich zwei KPD-Genossen den Sprengstoff gestohlen haben. Sie dachten, man könne den Sprengstoff gebrauchen, wenn es zum Konflikt mit den Nazis kommt. Mittlerweile füllt sich das Polizeigefängnis in der Wilhelmstraße mit immer mehr und mehr Kommunisten. Ohne vorausgehende Gerichtsverhandlungen werden schließlich am 28. März 1933 zwei Busse, besetzt mit etwa 60 Nazi-Gegnern ins KZ-Heuberg geschickt, darunter der Heilbronner Stadtrat Erich Leucht und Walter Vielhauer.

Zuvor stürmten am 14. März 1933 SA-Abteilungen in den Arbeitergemeinden Böckingen und Neckargartach die Rathäuser, dabei ging die SA, wie die neue NSDAP-Postille "Heilbronner Tagblatt" kommentierte, "mit aller gebotenen Rücksichtslosigkeit auf das moskowitische Gesindel los". Wenige Tage später überfielen Nationalsozialisten den Ratschreiber Waibinger, SPD-Fraktionsvorsitzender in Böckingen und verprügelten ihn. Am 16. März 1933 verlangte die gesamte Heilbronner NSDAP-Fraktion im Stadtrat, daß der parteilose Oberbürgermeister Prof. Dr. Emil Beutinger abgesetzt wird.
Auf dem Weg zur Abstimmung schlagen SA-Trupps die beiden SPD-Stadträte Karl Britsch, Ernst Riedgraf und den KPD-Stadtrat Wilhelm Schwan in aller Öffentlichkeit auf dem Marktplatz nieder. Willy Dürr von der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und Redakteur der Heilbronner Abendzeitung wurde schon am Vortag im Verlagshaus überfallen und derart verprügelt, dass er mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus kam. Damit waren alle oppositionellen Stimmen im Stadtrat kurzfristig ausgeschaltet.
Der am gleichen Tag zum Stellvertreter des amtierenden Oberbürgermeisters ins Amt gehiefte Heinrich Gültig von der NSDAP wurde wenige Tage darauf noch zum Staatskommissar für Heilbronn ernannt. "Ich will mir unseren obersten Führer zum Vorbild nehmen!" verkündete Pg. Gültig in seiner Antrittsrede. Es müsse gelingen "aus dem ehemaligen marxistisch roten Heilbronn ein braunes" zu machen. Die Parteizeitung "Heilbronner Tagblatt" jubelt: "Der rechte Mann am rechten Platz" und "Starke und reine Hände haben die Zügel ergriffen." Anfang April 1933 löste er den gewählten Stadtrat mit seiner für die Nazis bedrohlichen demokratischen Gesinnung auf. Der alte Gemeinderat wird am 5. April nach Hause geschickt. Damit war der Weg für Alleinherrschaft der Nazis, unter Zuhilfenahme der Ermächtigungsgesetze geebnet.
Nicht nur der Heilbronner Gemeinderat verliert jetzt jegliche Eigenständigkeit, sogar der Oberbürgermeister war von den "Hakenkreuzlern" aus dem Amt gedrängt worden und wurde zusätzlich noch unschuldiger Weise vor Gericht gezerrt. In einem von den Nazis initiierten Prozeß wird dem ehemaligen Oberbürgermeister vorgeworfen, er habe die Stadt Heilbronn 1931/1932 um insgesamt 6000 Mark geschädigt. Das Gericht: "Beutinger habe dem Generaldirektor des Württ. Portland-Cementwerkes Lauffen, Dr. Müller, bei dem die Stadt die Mehrheit der Aktien besitzt und der OB der Vorsitzende des Aufsichtsrats war, dazu veranlaßt, ihm und dem Aufsichtsratsmitglied Britsch, von den der Stadtkasse Heilbronn zufließendem Tantiemen jährlich 2000 Mark auszuzahlen, obwohl ihm als OB keine Vergütung und Britsch nur 500 Mark zugestanden hätten".
Beutinger kann seine Unschuld beweisen. Die Erhöhung der Diäten sei im Einverständnis mit den Fraktionsführern erfolgt, das Geld habe er ausschließlich für wohltätige Zwecke verwendet. Der Oberstaatsanwalt beantragte trotzdem drei Monate Gefängnis und 3000 Mark Geldstrafe: Das Gericht jedoch spricht Beutinger frei. Laut Urteil sei nicht nachzuweisen, dass Beutinger sich bereichern oder Britsch gegen den Willen des Gemeinderats etwas zukommen lassen wollte.
Nach dem Freispruch wird aus Rache nachts das Haus von Professor Beutinger in Gemmingtal von der SA überfallen. Beutinger kann sich durch einen Fenstersprung in die nahen Weinberge retten, die Wohnungseinrichtung wird zertrümmert. Kreisleiter Drauz droht daraufhin öffentlich am 24. Juni 1933 im "Heilbronner Tagblatt" in einem Kommentar: "Herrn Beutinger werden wir bekämpfen als einen typischen Vertreter des marxistisch-demokratischen Systems."

Das lokale Leben in Heilbronn wird jetzt Schritt für Schritt einbezogen in die Uniformität der braunen Diktatur. In allen Stadtteilen weht das Hakenkreuz an Hausfassaden und auf öffentlichen Plätzen. Die Schlagworte vom Reich, Führer und Volksgenossen werden in der Lokalzeitung zum Überdruß gedroschen. "Man redet, singt, marschiert, fährt und reitet für Deutschland und den Führer." Alle Tage, im besonderen Maße dann immer am 30. Januar, dem Jahrestag der "nationalen Revolution", am Heldengedenktag im März, zu Hitlers Geburtstag am 20. April, zum Tag der nationalen Arbeit am 1. Mai, zum Erntedankfest im Oktober und zum Gedenken an Hitlers Marsch zur Feldherrenhalle im November. Am 1. Mai 1933 inszenierten die Nationalsozialisten zum ersten Mal ihren "Tag der nationalen Arbeit". Der Bevölkerung Heilbronns war die Teilnahme an dem Marsch vom Kiliansplatz zu den Böckinger Festwiesen in geschlossener Formation befohlen wurde. Hinzu kam auch das der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund zu dieser Maikundgebung unter dem Hakenkreuz mit aufgerufen hatte.
Gerade in Heilbronn, so der Sozialdemokrat Albert Großhans, war die Enttäuschung groß. Doch die Kraft der Gewerkschaften war durch die schon seit Jahren anhaltende Wirtschaftskrise sehr geschwächt und viele Gewerkschaftler klammerten sich wie Ertrinkende an den vermeintlichen "Strohhalm Adolf Hitler". Hitlers SA fand in Heilbronn eine zwar noch intakte aber nicht mehr zum äußersten Widerstand entschlossene Gewerkschaftsstruktur vor.
Am Morgen des 2. Mai 1933 besetzten SA- und SS-Männer die Büros der Gewerkschaften: Das Volkshaus, Ecke Weinsberger-/Paulinenstraße und das Haus des Metallarbeiterverbandes, Gartenstraße (heute DGB-Haus). Im Treppenhaus des "Volkshauses" wimmelt es nur so von SA-Männern. Wilhelm Jaisle, Volksfürsorge Geschäftsführer Fichte und die anderen werden im Spießrutenlauf auf die Straße getrieben. Alle hauptamtlichen Gewerkschaftssekretäre werden abgesetzt, mit vorgehaltenem Revolver wird die Unterzeichnung der Entlassungsurkunde erpreßt.
"Der rote Saustall wird jetzt von uns übernommen, brüllt der Obmann der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSB) beim Betreten des Gewerkschaftshauses laut herum. Unzählige Heilbronner Gewerkschafts-Funktionäre werden noch am gleichen Tag oder in der folgenden Zeit verhaftet und grundlos eingesperrt. Unter ihnen Carl Baßler, Hermann Gerstlauer, sowie Wilhelm Schwan und Adolf Hermann. Adolf Hermann wurde anschließend zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, er überlebte die Haft im Gefängnis Rottenburg und die anschließende "Schutzhaft" im KZ-Buchenwald. Nach seiner Befreiung war er Mitbegründer des Württembergischen Gewerkschaftsbundes und Heilbronner DGB-Vorsitzender.

Nach dieser Verhaftungswelle sind die 23 Heilbronner Einzelgewerkschaften mit insgesamt 12000 Mitgliedern offiziell zerschlagen. Sie können ab jetzt nur noch im Untergrund wirken.
Am selben Tag gab Reichsarbeiterführer Robert Ley, der die Aktionen am 2. Mai von Berlin aus geleitet hatte, die Bildung einer "Deutschen Arbeiterfront" (DAF) bekannt, die eine Woche später gegründet wurde. Diese Organisation faßte zunächst alle gleichgeschalteten Verbände der Arbeiter und Angestellten zusammen.
Nachdem am 19. Mai sogenannte "Treuhänder der Arbeit" eingesetzt wurden, die "rechtsverbindlich" für die Arbeiter- und Angestellten die jetzt neuen Bedingungen für den Abschluß von Arbeitsverträgen aushandelten, degenerierte die neue Einheits-Gewerkschaft zum politischen Schulungsklub und ihre Arbeit beschränkte sich nur noch auf die soziale Betreuung in den Betrieben, die Sorge für die hygienische und ästhetische Verbesserung der Arbeitsplätze sowie die Freizeit- und Reisebetreuung durch die im Zuge dieser Gleichschaltungwelle entstandene NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" (KdF).
Den Bauern und Winzern im Unterland erging es nicht anders als allen Arbeitern und Angestellten. Dem von Hitler eingesetzten Agrarspezialisten Walter Darré gelang es schon im Mai 1933, die Leitung des größten Bauernverbandes, den Reichlandbunds, unter nationalsozialistischen Einfluß zu bringen.
Als Darré nach dem Rücktritt von Medienzar Hugenberg so zusagen der Berlusconi der 30er Jahre bis dato geheimer Finanzrat und Reichsminister für Wirtschaft und für Ernährung und Landwirtschaft selbst Landwirtschaftsminister wurde, vereinigte er im "Reichsnährstand" kurzerhand die Verbände der Klein- und Großbauern, die sich zum Teil schon vorher selbst aufgelöst hatten.
Im Januar 1934 erfolgte dann die Ernennung Darrés zum Reichsbauernführer. Auch Handel, Handwerk und Industrie wurden gleichgeschaltet. Die politischen Parteien waren wie gesagt aufgelöst, Verbände verschmolzen und Vereine und Innungen verboten doch damit nicht genug: Selbst Sportklubs und Kegelvereine bleiben nicht verschont. Ohne viel Aufhebens wurde das ganze deutsche Volk zu Parteigängern Hitlers gemacht.

In den Monaten der sogenannten Gleichschaltung richtete sich die Unterdrückung der Nazis vor allem wieder gegen die Arbeiterbewegung und ihre politischen und kulturellen Einrichtungen, aber auch gegen andere, in Heilbronn bekannte Hitler-Gegner. Zu ihnen gehörte schon lange der katholische Stadtpfarrer Dr. Anton Stegmann, der in den Jahren vor 1933 unerschrocken der Naziideologie, besonders dem Antisemitismus entgegengetreten war.
An einem Montagvormittag kommt es vor dem Pfarrhaus von Stegmann zu einem Volksauflauf, gesteuert, mutmaßlich von NSDAP-Kreisleiter Richard Drauz. "Mieser Deutscher!" schreit die aufgehetzte Menge. Man ereifert sich, weil er 1928 in seinem Reisebuch "Ins Herz Spaniens" schrieb: "Der katholische Spanier steht mir ungleich näher als der protestantische Deutsche".
Tatsächlich aber hat die "Volksempörung" einen anderen Hintergrund: Stegmann hat einen Konflikt mit einem neuen NS-Lehrer wegen dessen Religionsunterricht. Als Stegmann an jenem Montag vom traditionellen Pfarrertreffen in einer Gastwirtschaft nahe beim Hauptbahnhof nach Hause gehen will, bleibt es nicht bei Schimpfworten.
Der SA-Trupp unter Standartenführer Fritz Klein überfällt Stadtpfarrer Stegmann, setzt ihn in einen Leiterwagen und zieht durch die Stadt. Unterwegs wird er verhöhnt, sein Hut vom Kopf geschlagen, verprügelt. Schließlich ist er schmutzbedeckt und in einem erbärmlichen Zustand. So wird der Pfarrer im Leiterwagen durch die Straßen von Heilbronn gezogen, vorbei an einer großen Menschenmenge. Manche johlen mit den Nazis kräftig mit, andere schweigen aus Scham. "Als ich dieses entsetzliche, unwürdige Geschehen sah, diese Demütigung, muss ich leichenblass ausgesehen haben, erinnert sich ein Zeitzeuge. Der höchste Heilbronner Hitlerjugendführer sieht, daß ich erschüttert bin und herrscht mich an: Das ist vollkommen Gerecht!"
Dr. Stegmann kommt ins Gefängnis, der "linientreue Lehrer" wird Rektor... Schikanen hatte auch der evangelische Pfarrer Weitbrecht aus Neckargartach zu erdulden, der dem Bund religiöser Sozialisten angehörte. Gesteuert wurden all diese Aktionen, ebenso wie der noch bis zum Exzess gehende Terror gegen die jüdische Bevölkerung im Braunen Haus, im ehemaligen Goppeltschen Anwesen, Wilhelmstraße 1. Während sich in den obersten Stockwerken die NSDAP-Kreisleitung befand, waren im Keller die Folterräume.
Die hier Gefolterten waren stets die politischen Gegner der Nazis und vor allem jüdische Bürger aus Heilbronn und anderen Orten, die der berühmt-berüchtigte SA-Standartenführer Fritz Klein aus dem Gebiet zwischen Tauber und Kocher nach Heilbronn verschleppt hatte. Immer wieder hörte man Schreie der Mißhandelten, einmal habe ein im Keller des Braunen Hauses blutig geschlagener Jude lange auf der Straße vor der Fleiner-Tor-Apotheke gelegen, ohne dass sich Passanten um ihn gekümmert hätten.
Keiner traute sich wohl zu helfen, denn in der Nähe des Braunen Hauses, in der Wilhelmstraße 4 befand sich auch das Amtsgericht, die Polizeihauptwache, die Gestapostelle und das Untersuchungs- und Polizeigefängnis.

An ein weiteres Gefängnis, genauer gesagt an die geglückte Flucht zweier Häftlinge, erinnert heute eine Gedenktafel in der Siebengasse 12. Nahe dieser Mauer des ehemaligen Klara-Klosters stand hier bis 1944 das Oberamtsgefängnis, in dem zeitweilig auch Hitler-Gegner inhaftiert waren.
Am 16. August 1934 gelang dem Heilbronner Metallarbeiter Gottlob Feidengruber hier Ausbruch und Flucht aus dem Oberamtsgefängnis nach Frankreich. Von dort aus wirkte er politisch weiter gegen Nazis und Krieg. Gottlob Feidengruber, aus einer kinderreichen, katholischen Arbeiterfamilie stammend, schloß sich Ende der 20er Jahre mit seiner Frau Rose der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an.
Erstmals musste er im Juli 1932 ins Gefängnis, weil der den Heilbronner Rotfrontkämpferbunds (RFB) trotz Verbot der Nazis zusammengehalten hatte. Nach seiner Haft im Landesgefängnis Rottenburg kehrte er am 26. Mai 1933 zu seiner Familie nach Heilbronn zurück und arbeitete sofort weiter. Er wird zum Mitorganisator des Heilbronner Widerstands.
Im April 1943 fiel er der Gestapo erneut in die Hände. Zunächst in der Wilhelmstraße verhört, erreichte er wegen einer schweren Magenerkrankung und wohl auch weil das Gefängnis im Sommer 1934 total überbelegt war, die Verlegung in das besagte Oberamtsgefängnis.
Hier konnte ihn seine Frau Rose mit Schonkost versorgen und sie nutzte die Hohlräume der Thermoskanne, in der sie Kräutertee brachte, für heimliche Mitteilungen. Auf diese Weise bereiteten Gottlob, Rose und ein Mithäftling, der Kommunist Hans Grünberg, die Flucht vor. Unterstützung fand Rose Feidengruber bei einem antinationalsozialistisch Gesinnten jungen Amtsgerichtassessor und dessen Frau.
Zwei gute Herrenanzüge wurden zur Verfügung gestellt, Freunde gaben Geld zur Flucht. Diese Solidarität zu einem Zeitpunkt, wo die Gestapo bereits gegen 85 Heilbronner Kommunisten ermittelte, die fast alle in U-Haft saßen war recht ungewöhnlich und für alle Beteiligten höchst lebensgefährlich.
Der sorgfältig geplante Ausbruch Feidengrubers gelang dann aus einer Dachluke heraus, den Blitzableiter hinab über mehrere Hinterhöfe zum Kleiderwechseln und über wiederum von Freunden auf dem Weg abgesichert, zum Bahnhof, wo die Flüchtlinge knapp vor Abfahrt den letzten Zug in die Freiheit erreichten. Aus der Emigration heraus arbeitete Gottlob und Rose Feidengruber weiter gegen den Nationalsozialismus. Ihre Stationen waren das Saarland, nach der Rückgliederung der Saar in das Nazideutschland flohen sie nach Frankreich. Von dort meldete sich Gottlob Feidengruber zu den internationalen Brigaden nach Spanien.
Nach der Niederlage der spanischen Republik, die mit Hitlers Hilfe in die Knie gezwungen wurde, hier probte schon Hermann Görings Luftwaffe mit der "Legion Condor" den Ernstfall, kam Feidengruber in ein französisches Internierungslager.
Wiederum gelang ihm hier die Flucht in den noch unbesetzten Teil von Frankreich. Als deutsche Truppen auch Südfrankreich besetzten, stellten sich Rose und Gottlob Feidengruber der Résistance zur Verfügung. Am 18. März verhaftete ihn in Frankreich die Gestapo, brachte ihn zunächst nach Lyon, zehn Monate später nach Paris.
Der Eisendreher und Widerstandskämpfer Gottlob Feidengruber wird am 12. Januar 1944 vom Gericht des deutschen Kommandanten von "Groß-Paris" wegen Zersetzung des Wehrkraft zum Tode verurteilt. Auf dem Monte Valerien, der Hinrichtungsstätte für französische Patrioten im Westen von Paris, wird er am 26. Januar 1944 von einem Wehrmachtskommando erschossen.
Nach der Befreiung von Paris wird sein Leichnam exhumiert und in Frèsenes bei Paris beigesetzt. Die Franzosen stellen für den Heilbronner Widerständler einen Gedenkstein auf.
Im Gegensatz zu den Frauen und Männern die vom Anfang an europaweit in Opposition zum Dritten Reich standen wurde die breite Masse des Volkes im "Deutschen Reich" immer mehr von Hitler eingenommen.

Getragen von einer großen Welle der Begeisterung traten in den ersten Monaten des Jahres 1933 rund 500.000 Deutsche in die Hitler-Partei ein. Am 21. August 1933 zählte die NSDAP 1.930.000 Mitglieder, dazu kamen noch über zwei Millionen gestellte Aufnahmeanträge. Die Hoffnung auf Arbeit und die Hoffnung auf einen besseren Lebensstandart waren sicherlich die entscheidenden Beweggründe für diesen enormen Zuspruch. Das Hemd war den meisten deutschen Bürgern eben näher als der Rock. Darüberhinaus übten die Großveranstaltungen, die im wesentlichen aus Treueschwüren und Kampfgesängen bestanden, eine beträchtliche Faszination aus. Der "Zauber" von Feuer und Fackeln, von Aufmärschen und prächtig inszenierten Illuminationen, delikater Weise hauptsächlich mit lichtstarken Flakscheinwerfern, aus der Kriegsproduktion, zog viele in seinen Bann. "Aktivismus war wichtiger als Intellektualismus", so die Pauschalaussage der NS-Demagogen.
Hitler 1938 selbst: "Wir leiden heutzutage an einem Zweifel an Erziehung. Die Neunmalklugen aber sind die Feinde des Handelns. Was wir brauchen sind Instinkt und Wille". Daß dabei zahlreiche Wertvorstellungen auf der Strecke bleiben, daß die Demokratie binnen weniger Wochen zur Diktatur geworden war, merkten die meisten erst, als die Weichen längst gestellt waren, einige im Krieg oder spätestens nach dem Zusammenbruch 1945.
In Heilbronn, sowie im übrigen "Reichsgebiet" tritt am 1. April 1935 die neue "Deutsche Gemeindeordnung" in Kraft. NS-Oberbürgermeister Gültig führte demnach jetzt "in voller und ausschließlicher Verantwortung" die Verwaltung der Gemeinde. Die alten Pläne zu Eingemeindung von Böckingen, Neckargartach und Sontheim werden wieder hervorgeholt. 1933 geht Böckingen, 1938 die beiden anderen Orte in der Stadt Heilbronn auf.
Die Bevölkerung wächst bis zum Jahre 1938 auf 77.669 Einwohner an. Heute leben und arbeiten in Heilbronn über 120.000 Menschen. Einen freiwilligen Arbeitsdienst rief der Heilbronner Gemeinderat aber schon im Jahr 1932 ins Leben. 1935 wird die generelle Arbeitsdienstpflicht eingeführt.
Durch den Bau des 2,3 Kilometer langen Kanalhafens zwischen Neckargartach und dem Hochwasserabschluß, der am 28. Juli 1935 vom Reichsverkehrsminister Eltz-Rübenbach eingeweiht wird und den Bau der Autobahn Stuttgart-Heilbronn (1936) werden die unzähligen Arbeitslosen nun beschäftigt. In den Posen des "Erretters" kommt Adolf Hitler zum zweiten Mal, am 20. März 1935 nach Heilbronn. Schon in der Sontheimer Straße und erst recht in der Kaiserstraße wird er stürmisch gefeiert. Vergessen sind die Zeiten, als die Heilbronner den "gemeingefährlichsten Banditen" fast in den Neckar geworfen hätten.

Am 18. März 1936 trägt sich auch der Führer-Stellvertreter Rudolf Hess auf seiner "Jubelfahrt" durchs Unterland in das goldene Buch der Stadt Heilbronn ein. Während sich die Naziprominenz auf den Straßen feiern ließ, arbeitete in Heilbronn auf bemerkenswerte Weise der Widerstand ungeachtet von unterschiedlichen, parteilichen Ideologien im Untergrund längst eng zusammen.
Auch die in der Arrestzelle entstandene Freundschaft zwischen Ernst Riedgraf (SPD) und Wilhelm Schwan (KPD) war hierfür bestimmend. Seit 1933 gab es in zwei Betrieben größere Widerstandsgruppen. Bei der Silberfabrik P. Bruckmann & Söhne bildeten den Kern frühere Werksangehörige, Mitglieder der KSVD oder der KPD, darunter Hermann Schmidt, Karl Kübler, Friedrich Schupp, Adolf Wolf und Fritz Weselin. Und für kurze Zeit auch der im Untergrund lebende Walter Vielhauer sowie die noch im Betrieb beschäftigten deutschen Kommunisten Friedrich Jung, Emil Gessinger, Erich Mai und Gustav Theuß.
Eine acht Mann starke Widerstandsgruppe arbeitete parallel ab September 1933 bis April 1934 bei der Glashütte Heilbronn, die eine eigene Betriebszeitung "Der Glasbläser" heimlich druckte und verbreitete. Für die Redaktion waren Adolf Zeyer, Otto Farr und Otto Kirchner verantwortlich.
In der Glashütte gab es auch einen mutigen Protest-Streik gegen die nationalsozialistische Machtübernahme, einem der dafür Verantwortlichen war Hans Grünberg, der später mit Gottlob Feidengruber aus dem Oberamtsgefängnis von Heilbronn floh. Schwerpunkte des Widerstandes aber waren die Wohngebiete der Arbeitergemeinden Böckingen und Neckargartach, Kontakte untereinander bestanden zu einer Gruppe in Neckarsulm sowie in die NS-Arbeitslager in Neustadt a. K. und Siglingen/Jagst. Zu den Aufgaben dieser Widerstandsgruppen gehörte auch der Weitertransport oppositioneller Zeitungen, die von der konspirativen "Transportkolonne Otto" aus der Schweiz nach Stuttgart geschmuggelt wurden.

Auf diese Weise kamen verbotene Publikationen wie das "Tribunal", die "Rote Fahne", die "Süddeutsche Arbeiterzeitung" und Tarnschriften wie "Das gute Opel-Rad" und "Elektrolux, der beste Staubsauger" sowie das "Braunbuch über Reichstagsbrand und Hitlerterror" nach Heilbronn.
Die "Transportkolonne Otto", war eine äusserst verschworene Gemeinschaft. Aus Sicherheitsgründen kannten sich nur wenige Mitglieder persönlich. Hauptanteil an den illegalen Transporten aus der Schweiz nach Deutschland hatten vor allem die Arbeiter, Sportler, besonders die Schwimmer, die in wasserdichten Säcken oder mit Paddelbooten das Material über den Rhein brachten. Unvergessen bleibt den Beteiligten auch Franz aus Schaffhausen, der mit seinem Ruderboot "Möve" viele wichtigen Funktionäre aus Deutschland über den Bodensee und den Rhein hinab, in Sicherheit brachte. Auch einfache Schmuggler setzten sich ein, die außer dem üblichen Zucker auch verbotene Schriften über die Grenze transportierten.
Mit der im Untergrund arbeitenden württembergischen KPD-Bezirksleitung trafen sich die Hitler-Gegner aus dem Raum Heilbronn heimlich bei Wanderungen am Weinsbergsattel, an der Katzensteige, auf dem Wartberg, im Jägerhauswald und im Köpferwald.
Auf der Straße von Weinsberg nach Ellhofen hatte man zwischenzeitlich für längere Zeit lesbar die Parole "Hinweg mit dem Faschismus" direkt aufs Pflaster geschrieben und in Heilbronn wurden regelmäßig Flugblätter verteilt. Sehr zum Ärger der Nationalsozialisten wurde darauf hingewiesen, dass die Aufrüstung fortschreite und politische Gefangene freigelassen werden sollten.
Mit dem 2. Mai 1934 begannen in Heilbronn dann Massenverhaftungen im großen Stil. Im August ermittelte die Gestapo schon gegen 85 Kommunisten, von denen der größte Teil im Untersuchungs- und Polizeigefängnis Wilhelmstraße 4, teils auch im Oberamtsgefängnis eingesperrt waren.
Ein Sondergericht wurde einberufen. Es tagte im Amtsgericht Wilhelmstraße 4. Im ersten Prozeß des "Sondergerichts Stuttgart", unter dem Vorsitz von Amtsgerichtsdirektor Alfred Flaxland, wurden 12 Kommunisten aus Heilbronn, Neckargartach und Böckingen zu Gefängnisstrafen zwischen 8 und 26 Monaten verurteilt, darunter die Mitglieder der Widerstandsgruppen bei der Glashütte und bei der Silberwarenfabrik. Im zweiten Prozeß verurteilte das "Sondergericht Stuttgart" anschließend den Lehrer Bruno Vogelmann, Hedwig Vielhauer, Christiane Stegmeier sowie die Mitangeklagten Doderer und Schmidt ebenfalls zu hohen Gefängnisstrafen, für Hedwig Vielhauer werteten die Nazirichter als strafverschärfend, dass sie versucht hatte, im Dezember 1933 ihren Bruder Walter Vielhauer aus der Untersuchungshaft zu befreien.
Ein dritter Prozeß, der sogenannte "Sprengstoff-Prozeß", wurde gegen die Neckargartacher Kommunisten Karl Schmoll, Robert und Otto Kühlmann geführt, trotz dünner Beweismittellage endete er für die Beschuldigten mit Zuchthausstrafen von je drei Jahren. Im vierten Sondergerichts-Prozeß, der am 4. Juni 1936 begann, stand die Gruppe Erich Leucht, Karl Feidengruber mit insgesamt 29 Angeklagten vor Gericht.
Mit den vorausgegangenen Massenverhaftungen im Sommer 1934 hatte die Geheime Staatspolizei keineswegs alle illegalen Kerngruppen des Heilbronner Widerstands aufgespürt. Seit Beginn der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten war lange Zeit die Wohnung von Sascha und Karl Kaiser, Dittmarstraße 5, später Oststraße 5, konspiratives und unentdecktes Zentrum der Widerstandsbewegung.
Dr. Karl Kaiser, aus einer angesehenen Heilbronner Unternehmerfamilie stammend war 1932 mit seiner Frau nach Heilbronn zurückgekehrt, beide hatten sich in die Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus der Kommunistischen Partei Organisation (KPO) um August Thalheimer ausgeschlossen.
August Thalheimer gehörte seit dem 1. Weltkrieg zu den bekanntesten württembergischen Führern der revolutionären Arbeiterbewegung. Bis 1924 war er in der Zentrale der KPD leitender Redakteur der "Roten Fahne" und Herausgeber der Theorie-Zeitschrift "Die Internationale".
Wegen ideologischer Differenzen wurde er aus der KPD ausgeschlossen, ging nach Moskau und lehrte an der Sun-Yat-Sen Universität. Thalheimer wurde Haupttheoretiker und Leitungsmitglied der KPD-Opposition (KPO). Später, nach Internierung in Paris und Südfrankreich ging er nach Kuba. Hier starb Thalheimer am 19. September 1948. Sein Grab liegt heute auf einem jüdischen Friedhof in der Nähe Havannas.
Ausgehend von der Karl Marx Analyse der bonapartistischen Diktatur bereicherte Thalheimer die Faschismus-Diskussion in Deutschland mit der bonapartismus Theorie. Von Thalheimers Gedanken angesteckt, knüpften Karl und Sascha Kaiser Kontakte über Wilhelm Schwan und Bruno Vogelmann zur Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und über Helmut Riedgraf zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) und gleichzeitig zu antinazistischen Kreisen des Bürgertums. Karl Kaiser war als Assessor beim Amtsgericht in Heilbronn tätig, eine gute Tarnung gegenüber der Gestapo.
Tarnschriften mit unverfänglichen Deckblättern
Ein weiterer geheimer Treffpunkt in Heilbronn war die Wohnung des Innenarchitekten Konrad Lindenmeyer, David-Friedrich-Straße 5 (heute Erlenbacher Straße). Zum "harten Kern" dieser Gruppe, die sich nach Schillers Drama "Käthchen von Heilbronn", den Decknamen "Käthe" gab, gehörten u.a. Wilhelm Jaisle, in dessen Polsterwerkstatt, Wollhausstraße, häufig konspirative Treffen stattfanden, sowie Helmut Riedgraf, Studienassessor, Hermann Gerstlauer, Polizeimeister, Paul Engel, Vertreter aus Mannheim und Eugen Freimüller, Lackierer aus Böckingen. Die "leitende Kraft" dieser Gruppe, die auch in Neckarsulm und Bad Wimpfen wirkt, ist eine junge Frau aus großbürgerlichen Kreisen.
"Wer Hitler wählt, wählt den Krieg! Keine Stimme für Hitler!" Diese Parolen klebten am Morgen des 23. März 1936 an Hauswänden und Zäunen nur in den Heilbronner-Außenbezirken, um den Eindruck zu erwecken es handele sich um Hitlergegner außerhalb Heilbronns. Doch die Heilbronner Widerstandsgruppe "Käthe" hat in der Nacht zuvor zwischen 21 und 22 Uhr hier rot bedruckte Zettel verbreitet.
Die roten Zettel klebten aber nicht nur in Heilbronn, sondern in allen großen Städten zwischen Nordsee und den Alpen. Die Sozialistische Arbeiter Partei (SAP), eine linke Abspaltung der SPD aus Weimarer Zeit, zu der auch die Heilbronner Widerstandsgruppe "Käthe" gehörte, wird von Paris aus gesteuert. Zu den Männern, die an der Seine in der zentralen Leitung sitzen, gehören auch Willy Brand und Jacob Walcher. Der feste Kern von "Käthe" besteht aus fünfzehn Kommunisten, ehemaligen Sozialdemokraten und Parteilosen, dazu kommen noch etwa fünfzig "Sympathisanten" aus Heilbronn und Umgebung. Zu dieser Gruppe kam 1934 noch Hermann Hertz, Sohn eines jüdischen Kaufmanns, der in Paris von Jacob Walcher mit dem Aufbau von Widerstandsgruppen in Süddeutschland beauftragt worden war, hinzu.
Die Zusammenkünfte auch dieser Gruppe fanden bei unverdächtigen Wanderungen in der Umgebung statt. So war das Freibad Bad Rappenau Treffpunkt, von dem man in kleinen, unverdächtigen Spaziergängergruppen zu einer nahen Waldlichtung wanderte. Dort wie auch im Ilsfelder Wald, trafen sich alle Teilnehmer zu Vorträgen und Diskussionen.
Über Paul Engel kamen auch Widerstands-Schriften wie das "Banner" über Mannheim nach Heilbronn. Über diese Literatur wie auch über die von der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) eingeschleusten Materialien wurde in allen Gruppen heftig diskutiert: "Wie dann das Braunbuch herauskam haben wir es verschlungen, man kann sagen wie früher einen Karl-May-Roman...", so Helmut Riedgraf. Im August 1936 wurden dann plötzlich Helmut Riedgraf und Eugen Freimüller kurzfristig verhaftet, doch trotz Prügel beim Verhör kam die Gestapo mit ihren Ermittlungen nicht weiter.
Erst Ende August 1938 gelang es der Gestapo im Zuge der dauernden Fahndung nach Mitgliedern der Sozialistischen Arbeiter Partei (SAP) in Baden die Festnahme von Sascha und Karl Kaiser und auch wieder Helmut Riedgraf, die alle inzwischen nach Mannheim übergesiedelt waren, in Heilbronn verhafteten sie Eugen Freimüller, Wilhelm Jaisle, Paul Engel und Hermann Gerstlauer.
Hermann Herz flüchtete nach Spanien, zu den Internationalen Brigaden. Viele deutsche Kommunisten kämpften hier quasi im Exil gegen Spaniens Diktator Franco, der mit Hitler-Deutschland verbandelt war. Im Prozeß gegen die führenden Mitglieder der SAP, der im April 1939 nun vor dem Sondergericht Mannheim begann, wurden mehrjährige Zuchthausstrafen verhängt.
Im ganzen "Reich" wendete sich indessen das Blatt, von "Recht auf Frieden und Arbeit", von "Kraft durch Freude" war nichts mehr zu merken. Stattdessen wurden Parolen laut wie: "Kanonen statt Butter" oder zu Ende hin sogar die Suggestivfrage: "Wollt ihr den totalen Krieg?" Diese Schwertworte und Verpflichtungsschwüre hatten längst ihre Wirkung getan, als der "Führer" sein Volk ans Gewehr rief und seine Soldaten in einen größenwahnsinnigen Eroberungskrieg schickte. Die Versorgung der Bevölkerung dagegen sank auf den tiefsten Stand seit der Weltwirtschaftskrise.
Zwischen September 1939 und Oktober 1942 fiel die wöchentliche Brotration von 2400 Gramm auf 2000 Gramm, die Fleischzuteilung fiel von 700 Gramm auf 300 Gramm, bei Fett wurde die Zuteilung von 340 Gramm auf durchschnittlich 206 Gramm zurückgesetzt. Schwer- und Nachtarbeiter erhielten zunächst weiterhin ausreichende Mengen an Lebensmitteln, denn ihr voller Arbeitseinsatz wurde für die Rüstungsindustrie gebraucht. Trotzdem war die Moral an der sogenannten "Heimatfront" bis zum Ende des Jahres 1942 weitgehend ungebrochen. Wer nicht heimlich "Feindsender" abhörte, konnte kaum ahnen, dass sich das Schicksal gegen Deutschland längst entschieden hatte.
Wer nicht zwischen den Zeilen der Wehrmachtsberichte lesen konnte, wer sich nur von Wochenschauen, Volksempfänger und "Völkischen Beobachter" beziehungsweise von dessen Ablegern in der Provinz einlullen ließ, der verfiel nur zu leicht der Propagandalüge vom baldigen "Endsieg". Ein interner Gestapo-Bericht vom 10. April 1939 registrierte an diesem Tage, dass wegen politischer Vergehen 162.734 Schutzhäftlinge (KZ) 27.369 politisch Angeklagte und 112.432 politisch Verurteilte in Haft waren.
Die meisten Gegner des Hitler-Reichs waren wie gesagt untergetaucht, ihre mahnenden Stimmen "weggeschlossen", hinter Gittern. Auch der Heilbronner Walter Vielhauer, er wurde einfach "kaltgestellt". Von den 12 Jahren die das sogenannte "Tausendjährige Reich" existierte, lebte Vielhauer beispielsweise nur knapp vier Monate in Freiheit.

Der damals 25-jährige Silberschmied kam über seine Firma Bruckmann & Söhne, daher während seiner Lehrzeit zur Gewerkschaft. Er gehörte mit zu den ersten Verhafteten von 1933. Schon damals im Heilbronner Polizeigefängnis sollte er sich nicht in das Schicksal eines Gefangenen fügen: Wegen "ungebührlichen Lärm" bekam er gleich drei Tage Sonderhaft.
Nach der anschließenden Entlassung aus dem Konzentrationslager Heuberg kehrte er zunächst noch nach Heilbronn zurück und kümmerte sich intensiv um die Entwicklung des Widerstands gegen die NS-Machthaber in seiner Heimatstadt. Ende Juli 1933 rettete er sich mit einem Sprung aus der im Hochparterre liegenden elterlichen Wohnung vor einer erneut drohenden Verhaftung, fand Unterschlupf im Südviertel, bis ihn ein Freund mit dem Motorrad zu einem früheren Arbeitskollegen nach Schwäbisch Gmünd brachte. Von hieraus schlug er sich nach Stuttgart zur illegalen Bezirksleitung der KPD Württemberg durch. Er transportierte hier von den Nazis verbotene Schriften mit der "Transportkolonne Otto" aus der Schweiz nach Stuttgart.
Auch in Stuttgart wurde er wieder von der Gestapo ergriffen. "Mit Zuckerbrot und Peitsche" will man ihn in der U-Haft zur Preisgabe der Namen seiner Freunde zwingen vergeblich. Durch Folterungen bleibt seit dieser Zeit seine linke Gesichtshälfte gelähmt. Das Oberlandesgericht verurteilt ihn wegen der Einfuhr verbotener Schriften zu fünfeinhalb Jahren Zuchthaus. Bis Kriegsende ist Vielhauer wie so viele Hitler-Gegner nun nicht mehr in Freiheit.
Nach der Einzelhaft im Zuchthaus Ludwigsburg brachte ihn die Gestapo in das KZ-Welzheim und einen Monat später nach Dachau. Zusammen mit 1600 Dachau-Häftlingen wird Vielhauer nach Mauthausen, 25 km Donau aufwärts von Linz gelegen, verlegt.
Das Lager musste von Dachauer-Häftlingen aber erst erbaut werden. Mauthausen umfasste später 30 Blocks von 50 auf 7 Metern, mit Steinen aus dem nahen Steinbruch errichtet, die die Männer auf dem Rücken eine Treppe von 186 unregelmäßigen Stufen hinaufschleppen mussten eine quälende Vernichtungsmethode, eine grausame "Spezialität" von Mauthausen.

Walter Vielhauer erinnert sich: "Schon bald nach der Ankunft im Lager wurde die Steinbrucharbeit zu schwer für mich, meine Dachauer Kameraden rieten mir zum Flunkern, ich hätte in Dachau beim 'Kommando Garagenbau' als Mauerer gearbeitet, und könne nun auch in Mauthausen bei diesem Kommando gute Arbeit leisten. Die Notlüge wurde geglaubt und zwei halbwegs kräftigere 'Dachauer' nahmen mich als Maurer in ihre Mitte. Aber ich war zu geschwächt, um in dem sturmgepeitschten, immer wieder waagrecht heranwehenden Schnee die Granitsteine aus dem Steinbruch zurechtzuhauen, mit Mörtel zu bewerfen und einzusetzen. So machte ich den Laufburschen für die Maurerkolonne. Der Hunger wühlte in den Gedärmen und der eisige Wind pfiff durch die dünne Drillichkleidung. Ich bekam Wasser in die Beine und die Hände waren von den Granitsteinen aufgerissen. Es war meine grausamste Zeit in den ganzen 11 Jahren Haft."
Von den 1600 Dachauer KZ-Häftlingen kamen nach fünf Monaten Bautätigkeit in Mauthausen nur knapp dreihundert lebend zurück nach Dachau. Die Kommunisten unter ihnen begannen hier eine geheime Lager-Widerstands-Organisation aufzubauen. Walter Vielhauer gehörte natürlich dazu. Am 1. April 1944 entdeckte die SS zufällig eine geheime Besprechung dieser Widerstandsgruppe, in der Tuberkulose-Baracke des Lagers.
Die Verhafteten, darunter wieder Vielhauer kamen in Dunkelarrest, ihnen drohte die Erschießung. Durch geschicktes Ausnutzen von Widersprüchen innerhalb der Lager-SS kam es für die Gruppe nach ergebnislosen Verhören zur Verlegung in das KZ-Buchenwald, die Dachauer KZ-Leitung hatte es vermutlich satt, sich mit der renitenten Gruppe weiter auseinanderzusetzen. Sicherlich war Buchenwald kein besserer Ort als Dachau, doch nur durch diese Verlegung entgingen alle der Erschießung. In Buchenwald bestand ebenfalls ein illegales Lagerkommitee aus Widerstandskämpfern, unter ihnen war auch Willy Bleicher aus Cannstatt, dem späteren Bezirksleiter der IG-Metall in Baden-Württemberg.
Das Buchenwald-Komitee besetzt von Mitgliedern aus elf Nationen, zeigte ungeheuren Mut und Klugheit, zum Schluss des Krieges konnte 21.000 Häftlingen auf dem Ettersberg bei Weimar das Leben gerettet werden. Zuvor hatte das sogenannte Buchenwald-Komitee, von der Ankunft der Dachauer Gefangenen erfahren, Walter Vielhauer wurde in den Krankenbau geschmuggelt und erhielt eine getürkte Häftlings-Nummer. Nur dank dieser Solidarität und des geglückten Täuschungsmanövers überlebte Walter Vielhauer Buchenwald.
Man weiß nicht, wie viele Heilbronner Bürger wegen "Heimtücke", Wehrkraft-Zersetzung, Abhören von Feindsendern oder Umgang mit Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen angeklagt wurden, wieviele Antinazis, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftler und Soldaten in die berüchtigten Strafbataillone kamen, ebenso wenig kann man die Wege derer heute genau nachzeichnen, die nach Zuchthausaufenthalt oder im Zuge der "Aktion Gitter" nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 in Konzentrationslager gesperrt oder umgebracht wurden.
Wie hart die Nationalsozialisten im Kriegsalltag an der sogenannten "Heimatfront" auch mit eigenen "Volksgenossen" umgingen, belegen die erschütternden Tagebuch-Aufzeichnungen eines Altheilbronners. Als der Schreiber, ein ehemaliger Lehrer, zu dieser Zeit in der Wehrmacht dienend, gegen 16.30 Uhr den Heilbronner Marktplatz überquerte, stehen einige Dutzend Leute herum. Niemand will so recht mit der Sprache heraus, was los ist. Ein Polizist klärt auf: "Jetzt wird rasiert". "Wer?" "Eine junge Frau die sich mit einem ,Polaken eingelassen haben soll", so der Dialog.
In kürzester Zeit füllt sich der Marktplatz. Auf der Rathaustreppe werden die Blumen entfernt, Oberbürgermeister Gültig hilft persönlich mit. Gegen 17 Uhr wird das Gedränge beängstigend. Ein Mann, der über dem Kopf einen Stuhl trägt, wühlt sich durch die Menge. "Dort sitzt sie ja schon!" ruft plötzlich jemand. Das schieben und drücken auf dem Marktplatz wird geradezu irrsinnig. Die 39-jährige Frau, die sich mit einem Polen eingelassen haben soll, wird auf einem Lieferwagen gehoben und auf einen Stuhl geschubst. Einige spucken zu der Büßerin hinauf, die "biblischen Steine" fliegen.
Plötzlich taucht neben der Frau ein junger Mann in Mechanikerkleidung auf. Mit einer riesigen Schneiderschere säbelt er das Haar strähnenweise ab. Zuletzt wird unter Gejohle der gaffenden Masse der Kopf glattgeschert. Die Geschändete verzieht keine Miene, ihr Gesicht wirkt wie aus Lehm modelliert.
Zum Schluß hält der "Friseur" als krönenden Abschluß seiner Tat noch eine Rede ans Volk. "Die Zeit muss wieder kommen", so verkündete er voll Überzeugung, "in der solche ehrvergessenden Weiber offen auf dem Markt vor versammeltem Rat nackt ausgepeitscht werden".
Als der Tagebuchverfasser betroffen den Marktplatz verläßt, hört er eine Zuschauerin sagen: "Wie schön wird es erst, wenn auf diesem Platz allen Soldaten die Haare abgeschnitten werden, die in Frankreich oder sonstwo eine Liebschaft haben!" Von der geschändeten Frau, Mutter zweier Kinder heißt es später, dass sie sich erhängt habe.

Anders, aber auch mit unerbittlicher Härte schlägt das Dritte Reich bei einem "alten NSDAP-Kämpfer" zu: Willy Fröhle wird 1944 in Heilbronn zum Tode verurteilt und am 5. Juli 1944 morgens um 5 Uhr in Stuttgart erschossen. Für das Todesurteil zeichnete kein Geringerer als der berüchtigte Volksgerichtshof-Präsident Roland Freisler verantwortlich.
Mit Fröhle stellten die Heilbronner Nationalsozialisten einen ihrer eigenen Männer an die Wand. Willy Fröhle, gebürtig aus Schöntal, gehörte zu den ersten Heilbronner Hitler-Anhängern, zeitweise Stellvertreter von Kreisleiter Drauz und Geschäftsführer des Heilbronner Wohnungsvereins mit Sitz im Rathaus. Seine lebensgefährliche Bemerkung machte Fröhle im August 1943, als er als Buchhalter in einem Nordheimer Rüstungsbetrieb tätig war. "In sechs Wochen ist der Krieg aus. Dann wird das Blut in den Straße von Heilbronn fließen!" sagte Fröhle zu einer jungen Kollegin. Weil Fröhle mit seiner Äußerung in Nordheim den Endsieg bezweifelte, wird er von Freisler, der extra nach Heilbronn reiste, wegen Defaitismus zum Tode verurteilt: "Als Feind der kämpfenden Volksgemeinschaft." Zum Abschluß seines Heilbronner Gerichtsgastspiels amüsierte sich "Blutrichter" Freisler, so wird später berichtet, bei einem Skatspiel mit Heilbronner Justizbeamten.
"Todesstrafe für zwei Verräter", meldete daraufhin das "Heilbronner Tagblatt" am 27. Juni 1944. Der zweite Verurteilte ist Georg Weitzel aus Frankfurt/M. Ihm wird das Abhören von Feindsendern und die Verbreitung deren Parolen vorgeworfen.
Die ganze Nation wurde von Hitler reklamiert zu Unrecht zwar, wie wir heute wissen, aber damals nicht ohne Erfolg.
Zu den Männern des Widerstandes um den 20. Juli 1944, als Claus Schenk von Stauffenberg Deutschland von Hitler befreien wollte, gehörte auch Dr. Walter Bauer aus Heilbronn. Die Verantwortlichen des 20. Juli sind vom Erfolg her gesehen gescheitert. Sie zerbrachen auch an der Übermacht der NS-Herrschaft wie zuvor auch die Geschwister Scholl und Johann Georg Elser.
Christlich-sozialer Widerstand: Der Kreisauer-Kreis
Im übertragenen Sinne aber war der Widerstand dennoch erfolgreich. Alle Widerstandsbestrebungen, in der viele Gruppierungen unabhängig voneinander tätig waren, haben Deutschland und der Welt gezeigt, dass das deutsche Volk nicht ausschließlich mit den Nationalsozialisten gleichzusetzen ist. Viele wirkten unter Lebensgefahr, weil sie getan haben was das Gewissen ihnen befahl, Gewerkschaftler, Sozialdemokraten, Kommunisten, katholische wie evangelische Kirche engagierten sich gegen Hitler-Deutschland. Auch Dr. Walter Bauer, Sohn des Heilbronner Lederwarenhändlers
Bauer aus der Sülmer Straße tat was in seiner Macht stand. Während der ganzen NS-Zeit hilft er der Bekennenden Kirche mit Geldspenden, versteckt deutsche Juden in seinem Haus in Berlin und rettet manchen vor der Überstellung in das KZ-Dachau. Vor dem Attentat am 20. Juli 1944 schreibt er das Kulturprogramm für die geplante Regierungserklärung des designierten Reichskanzlers und Leipziger Ex-Oberbürgermeister Karl Friedrich Goerdeler.
Nach dem gescheiterten Attentat findet die Gestapo, im Zuge der groß angelegten Razzien mit der die gesamte noch verbleibende Opposition im ganzen Reich auf einen Streich ausgeschaltet werden sollte auch den Namen von Walter Bauer in einem Notizbuch. Er wird daraufhin festgenommen und im Gefängnis in der Lehrter Straße in Berlin-Moabit eingeliefert. Bauer überlebte die NS-Haft und wirkte an maßgeblicher Stelle nach Kriegsende beim Aufbau der neuen Bundesrepublik Deutschland mit.