In Schutt und Asche gebombt


Heilbronn, am rechten Ufer des Neckars gegründet, in einer mehr lachenden Gegend als charakteristischen Gegend ist heute noch vom Atem der Geschichte umweht. Römer, Kaiser, Dichter, Denker und Erfinder zeugen von einer großen Historie. Vieles aus Heilbronns reicher Vergangenheit sank während des Zweiten Weltkrieges in Schutt und Asche. Aus der ehemaligen Freien Reichsstadt mit ihren prachtvollen Fachwerkhäusern und stolzen Patrizierbauten wurde am 4. Dezember 1944 ein Trümmerhaufen. Über den Hauptverursacher, dem dieses Desaster zuzuschreiben ist, urteilte sein ehemaliger Lehrer: "Ich erinnere mich ziemlich gut des hageren, blassen Jungen, der täglich zwischen Linz und Leonding hin und her pendelte. Er war entschieden begabt, wenn auch einseitig, hatte sich aber wenig in der Gewalt, zumindest galt er für widerborstig, eigenmächtig, rechthaberisch und jähzornig und es fiel ihm sicherlich schwer, sich in den Rahmen einer Schule zu fügen. Er war auch nicht fleißig, denn sonst hätte er bei seinen unbestreitbaren Anlagen viel bessere Erfolge erzielen müssen. Belehrungen und Mahnungen seiner Lehrer wurden nicht selten mit schlecht verhülltem Widerwillen entgegen genommen, wohl aber verlangte er von seinen Mitschülern unbedingte Unterordnung..." Sein Name, Adolf Hitler! Seit 1933 "Führer des Großdeutschen Reiches" und selbsternannter "größter Feldherr aller Zeiten", der sich anschickte, Europa in seinen Grundwerten zu erschüttern.

Heilbronn erlebt unter ihm den härtesten Schlag in seiner über 1200-jährigen Geschichte. Hitlers Gegner töteten bei einem einzigen Luftangriff am 4. Dezember 1944 6530 Männer, Frauen und Kinder und zerstörten achtzig Prozent der Innenstadt.

Um 16 Uhr, zwei Tage vor Nikolaus 1944 startete auf der Britischen Insel, von 10 Flugplätzen aus, die 5. Gruppe des Bomberkommandos der Royal Air Force (RAF) mit Ziel "Großdeutschland".



Neun Mosquito-Begleitjäger und 283 viermotorige Lancester-Bomber hatten die Order, Heilbronn und seinen Eisenbahnknotenpunkt zu zerstören. In der Stadt heulten fünfmal die Luftschutzsirenen zur Warnung. Noch fiel keine Bombe. Keiner in der Stadt ahnte das nahende Inferno. Nur einige Zwangsarbeiter wußten schon Bescheid, vermutlich über verschlüsselte Funk-Nachrichten. Eine junge Russin, die gegen 18 Uhr ihr Quartier aufsucht, geht sofort in den Luftschutzkeller und erklärt den Mitbewohnern: "Heute abend kommt Heilbronn dran"!

Zuvor, am 26. September 1939, als zum ersten Mal alliierte Flugzeuge Heilbronn zu Erkundungszwecken anflogen, schlug die bei Neckargartach stationierte II. Flak Batterie die Angreifer in die Flucht. Viele Heilbronner hatten dabei ihre Häuser verlassen, um dem mitternächtlichen "Feuerwerk" zuzuschauen. Die NS-Presse ermahnte am nächsten Tag die Bevölkerung "dass bei Flak-Feuer jedermann gegen Flaksplitter Deckung suchen muss."

Am 16./17. Dezember 1940 erfolgte dann der erste wirkliche Luftangriff auf Heilbronn, die Stadt war nur noch durch eine leichte Flak-Batterie geschützt. Die Flugabwehr Heilbronn wurde im Mai 1940 an strategisch wichtigere Orte verlegt. So konnte die britische Royal Air Force ungestört ihre Bomben auf das Altstadtviertel am Neckar werfen. Haupttreffer gingen in die Johannis-, die Zehent- und die Wolfganggasse. Viele Brände konnten nur schwer eingedämmt werden und zerstörten 20 kleinere und mehrere alte Fachwerkhäuser. Zwei Bewohner wurden von den Trümmern erdrückt, elf Menschen verletzt. Die folgenden Bombenangriffe des Jahres 1941 (in den Nächten vom 25. auf 26. August, vom 17. auf 18. September, vom 12. auf 13. Oktober und vom 7. auf 8. November) waren eher als harmlos einzustufen.

Als beim großen Luftangriff vom 4. Dezember 1944 das "Markier-Flugzeug" eine grüne Leuchtbombe östlich des Stadtgartens abwirft, heißt es für die Bomberbesatzungen: "Wir sind am richtigen Ziel". Jetzt ist auch Heilbronn erstmals für den Feuersturm markiert. Aus dem Befehlstand der NSDAP-Kreisleitung heißt es sofort per Drahtfunk-Meldung: "Bombenabwürfe im Osten der Stadt"! Nach dem die "Beleuchtung" steht, "Christbäume" also Leuchtbomben, die am Fallschirm langsam auf die Stadt niedersinken und alles in weißes Magnesiumlicht tauchen, wirft der "Zielmarkierer" noch einmal eine Leuchtbombe, die jetzt am Boden brennt und rotes Licht verbreitetet. Andere Maschinen gehen im Tiefflug über die Stadt und werfen weitere Leuchtbomben zur Markierung für die Kampfflieger am Himmel über der Käthchen-Stadt ab. Gegen 19.17 Uhr fällt die erste Bombe. Registriert vom Seismograph der Erdbebenwarte in Stuttgart, die diese Erschütterung im nördlichen Württemberg sofort aufzeichnet.



Aus einer Höhe von bis zu 5000 Metern werfen die "Lanchester" ihre Bomben ab. 600 Tonnen hochexplosive Bomben und 400 Tonnen Brandmunition, eine von Luftmarschall "Bomber-Harris" erfundene Inferno-Mischung, die schon vorher in Hamburg, Kassel und Stuttgart Straßen ausglühen ließ. 150 Tonnen Sprengmunition wurden gleichzeitig auf die Bahnverbindungen geworfen. "Masterbomber" Maurice A. Smith fliegt mit seiner Mosquito DZ 518 zwischen 300 und 600 Metern über Heilbronn und dirigiert das Bombardement mit kriegstechnischer Präzision in die mit rotem Licht kenntlich gemachte Abwurfstelle.

Die Folgen sind verheerend. Die Stadt brennt. An vielen Stellen ist der Stadtkern eine einzige Gluthölle. Orkanartige Luftwirbel toben fast vier Stunden über der Stadt. Der Feuersturm rast durch die Straßen, erfaßt Menschen und verwandelt sie in lebendige Fackeln. Das entstehende Kohlenoxyd schleicht sich todbringend in die Luftschutzkeller.

Zwar glaubten sich die Heilbronner hier halbwegs sicher, keiner rechnete aber damit plötzlich vergiftet zu werden.

Vierzehn deutsche Nachtjäger von Typ Ju 88, 3 aus Hessental, steigen auf und greifen die Royal-Air-Force Armada über der Stadt an. Vierzehn britische Maschinen werden vom Himmel geschossen und 95 Besatzungsmitglieder sterben im Luftkampf. Maurice A. Smith leitet im Februar 1945 auch den Angriff auf Dresden, bei dem 300.000 Menschen ums Leben kommen. Der Tod überfiel die Heilbronner wie sie gerade saßen oder lagen, Kinder in den Armen ihrer Mütter, mit den Bilderbuch in der Hand an ihren Tischen, Männer am Luftschutzeingang stehend, ein Telefonist mit dem Hörer am Ohr. Hunderte verbrannten zu grauer oder papierweißer Asche. Andere waren durch die Hitze zur Hälfte ihrer normalen Größe zusammengeschrumpft , andere regelrecht verschmort.



In einem größeren Luftschutzraum muss es zu einer Panik gekommen sein oder zu einer heftigen Auseinandersetzung über das Für und Wider, den Keller zu verlassen, bis das Kohlenoxyd dem Streit ein Ende bereitete. Bei der Bergung der Toten ergab sich, dass einige der Erstickten Hieb und Schlagwunden hatten. In manchen Kellerdurchbrüchen fand man 30 bis 40 Körper regelrecht zusammen geballt und durch Hitze verschweißt, sodas man sie nach der Freilegung nur mit Gewalt voneinander lösen konnte.

NSDAP-Kreisleiter Drauz läßt alle Toten des Angriffs in einem Massengrab am Köpfer beerdigen. Als Leichenträger werden perfiderweise 50 Häftlinge des Konzentrationslagers Neckargartach eingesetzt.

Alle Versuche der Heilbronner NSDAP-Ortsgruppe Bewohner der dicht bebauten Heilbronner Altstadt zum freiwilligen Umzug aufs Land zu veranlassen, hatten wenig Erfolg. Schon vor dem ersten Angriff auf Heilbronn am 10. September 1944 will NSDAP-Kreisleiter Drauz, wie bereits im Februar 1944 vorgeschlagen, die Altstadt evakuieren lassen. Im September wurde dieser Plan erneut aufgegriffen. Doch Ortsbauernverband und vor allem die Weinbauern sind dagegen. Sie wollen ihre Heimat nicht verlassen. Auch die zwangsweise Evakuierung, die Drauz über seinen Duz-Freund Gauleiter Wilhelm Murr durchsetzen will, kommt nicht zum tragen. Drauz scheiterte an der allgemein NS-Ideologie. Gertrud Hofstetter, eine Überlebende des Infernos, erinnerte sich später an die schreckliche Bombennacht. "Aus allen Bombenlöchern schlugen mir Flammen entgegen... gräßliche Todesschreie kamen aus den Luftschutzkellern".

Jeder Luftschutzwart hatte Befehl die Türen verriegelt zu halten. Bei den meisten Toten in den Luftschutzkellern fällt die kirschrote oder blühende Gesichtsfarbe auf. Ein eindeutiger medizinischer Beweis für Kohlenoxydvergiftung. Gauleiter Murr erwirkt danach einen Beschluß, dass die Bevölkerung künftig bei Großangriffen nach dem Fallen der letzten Bombe die Luftschutzkeller sofort verlassen soll. Das hätte man schon vorher anordnen können. Doch die oberen Naziführer hatten bislang nicht den Mut dazu, diese Tatsache ihren "Volksgenossen" rechtzeitig zu erklären. Gertrud Hofstetter, in die Ludendorf-Kaserne geflüchtet, berichtet weiter, nach dem Angriff vom 4. Dezember 1944 sahen wir mit dem Fernglas wie die Toten mit Schubkarren und Lastwagen in den Ehrenfriedhof gebracht und in riesige Löcher geworfen wurden. Männer in weißen Kitteln haben nach jeder Fuhre Kalk über die Leiber geworfen, eine Schicht Kalk eine Schicht Menschen, Kalk, Menschen... so ging das tagelang. Zuvor, am 10. September 1944, legten zirka 40 Kampfflugzeuge drei Bombenteppiche über das Südviertel der Altstadt und das Wohngebiet beim Rangierbahnhof Böckingen. 279 Menschen werden getötet.



Der Krieg für das aufs schwerste zerstörte Heilbronn war immer noch nicht zu Ende. Zwischen dem 27. Dezember 1944 und dem 31. März 1945 erfolgten noch 13 Luftangriffe. Ab dem 3. April 1945 wurde um Heilbronn mit allen Mitteln des Krieges erbittert gekämpft. Mit der Besetzung von Neckargartach durch die 100. US-Inf. Division unter General Withers A. Burress begann die "Schlacht um Heilbronn", die erst am 13. April 1945 mit der Eroberung Sontheims abgeschlossen wurde. Das bedeutete auch für Heilbronn das Endes des Krieges.

Gleichzeitig hörte man auf beiden Seiten von den Soldaten und Verantwortlichen: "Ich hatte nur meine Pflicht zu tun". Die Hauptschuldigen sind die, die diesen Krieg begonnen haben: Adolf Hitler und seine strammen Nationalsozialisten.