Widerstand in Filderstadt
Die Haltung der Bevölkerung zum Nationalsozialismus umfasste ein breites Spektrum. Es gab "aktive Nationalsozialisten", eine große Zahl von "Mitmachern" und einzelne "Neinsager", wie es Joachim Scherrieble über Reichenbach/Fils formuliert hatte.

Auch in den Filderdörfern gab es nicht nur wachsame Augen der Repräsentanten von Partei und Staat. Gerade in kleinen überschaubaren Dörfer herrschte eine fast lückenlose soziale Kontrolle durch die Dorfbewohner selbst.

Trotzdem hatten einzelne den Mut, sich dem Druck der Nationalsozialisten zu widersetzen und dabei auch erhebliche persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Oppositionelle Haltungen äußerten sich vornehmlich im Konfliktbereich des Staates mit der Kirche und der Arbeiterschaft.
Widerstand aus der Arbeiterschaft
In den drei Arbeiterdörfern Harthausen, Plattenhardt und Bonlanden hatte sich ein politisch gut organisiertes Arbeitermilieu herausgebildet. Es gab nicht nur SPD- und KPD-Ortsvereine, die auch in den Kommunalparlamenten stark vertreten waren, die Arbeiterparteien machten ein umfassendes Freizeitangebot in Form zahlreicher Vereine, wie z. B: Arbeitersport- und Arbeitergesangvereine, bis hin zu Büchereien.

Gerade die Wahlergebnisse der letzten Jahre der Weimarer Republik zeigen, dass der Stimmenanteil der beiden Arbeiterparteien weitgehend stabil blieb. Vor 1933 gab es auch auf den Filderdörfern einzelne Zusammenstöße mit den Nationalsozialisten. Das spektakulärste Beispiel war der Überfall der NSDAP auf ein Arbeitersportfest im Juli 1932 in der Krauthalle in Bernhausen.

Es liegt auf der Hand, dass die NSDAP nach ihrer Machtübernahme mit allen Mitteln versuchte, die Arbeiterbewegung in diesen Dörfern zu zerschlagen. Hierzu zählte das Verbot der insgesamt 21 Vereine in den fünf Dörfern, die der Arbeiterbewegung nahestanden. Allein im Jahr 1933 wurden 25 politisch Aktive aus der SPD und der KPD verhaftet, sie kamen anschließend in das Stuttgarter Polizeigefängnis oder in das KZ auf dem Heuberg.

Nach der Wahl vom 5. März 33 begann die NSDAP, die Anhänger der KPD mit gezielten Repressionsmaßnahmen zu bekämpfen. Nur eine Woche nach den März-Wahlen, am 11.März 1933, rollte die erste Verhaftungswelle über Bonlanden, Plattenhardt und Bernhausen hinweg. Die Aktion richtete sich gegen kommunistische Funktionäre. Sie wurden aus den Kommunalparlamenten ausgeschlossen, Sozialdemokraten traten von ihrem Sitz im Gemeinderat zurück. Willkürliche Verhaftungen dieser Art, Terror und brutales Vorgehen gehörten bald zur Tagesordnung.

Von Mitte März bis Anfang April traf es weitere zehn Männer aus den fünf Fildergemeinden. Sie wurden wegen Mitgliedschaft und Tätigkeit im Arbeitersportverein oder der KPD ins KZ Heuberg gebracht. Ebenfalls im April erfolgte ein nochmalige Großaktion. In den frühen Morgenstunden wurden die Opfer von der SA, der Polizei und den Landjägern förmlich aus den Betten geholt, aufs Rathaus geschleppt und dort erst einmal längere Zeit „traktiert" und misshandelt.

Während die Festgenommenen im Rathaus „verhört" wurden, durchsuchten SA, SS und Polizei deren Wohnungen und beschlagnahmten Protokollbücher, Parteiabzeichen und Fahnen. Auch diese Männer kamen letztendlich auf dem Heuberg unter, wo sie mehrere Wochen ausharren mussten. Anschließend folgten noch neun Monate im Gefängnis der Stadt Ulm. Insgesamt wurden 25 Männer aus den Filderdörfern allein in den ersten Monaten der NS-Diktatur für Wochen ins KZ auf dem Heuberg verschleppt oder tagelang auf dem Polizeipräsidium in Stuttgart festgehalten.

Diese rigorose Verfolgung der Arbeiterbewegung zielte auf massive Einschüchterung der Beteiligten und damit auf ihre Ausschaltung als politischer Faktor.
Reinhold Eckardt aus Plattenhardt
Die Person Reinhold Eckardt steht für eine spektakuläre Tat von Widerstand in den ersten Wochen des Nationalsozialismus. Er ist außerdem der einzige bekannte Fall von Emigration aus politischen Gründen.

Eckardt war seit etwa 1930 der Ortsvereinsvorsitzende der SPD Plattenhardt und Mitglied im erweiterten SPD-Landesvorstand. Er arbeitete als Jurist beim Arbeitsamt in Stuttgart. Aufgrund seiner Zugehörigkeit zur SPD verlor er am 25. Februar 1933 seine Stelle beim Arbeitsamt.

Nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 setzte die nationalsozialistische Regierung, mittels der von ihr erlassenen „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat", viele politischen Grundrechte außer Kraft. Schon davor war es für die Sozialdemokraten immer schwieriger geworden, in der Öffentlichkeit für ihre Partei zu werben. Trotzdem führte er den Wahlkampf für die SPD fort. Und er ging sogar noch weiter!

Am 2. März 1933, nachmittags um drei, drangen er und zwei weitere Männer in einen Senderaum des Süddeutschen Rundfunks ein und riefen in einer Live-Sendung: „Nieder mit Hitler, nieder mit dem Nationalsozialismus, wählt Sozialdemokraten, wählt Liste 2. Es lebe die Freiheit!". Die Rundfunkmitarbeiter, allesamt Sozialdemokraten, waren im ersten Moment wie gelähmt, so dass Eckardt seinen Wahlaufruf noch mehrmals wiederholen konnte und erst dann mit seinen beiden Komplizen flüchtete.

Doch bereits am nächsten Tag hatte die Polizei alle drei „Rundfunkstörer" verhaftet. Sie wurden von einem Schnellgericht zu Freiheitsstrafen zwischen neun und zwölf Wochen verurteilt. Obwohl der Strafantritt zunächst ausgesetzt wurde, wurde über die drei Männer „Schutzhaft" verhängt. Doch selbst in dieser Situation bestand Reinhold Eckardt auf sein Wahlrecht und schaffte es mit großer Hartnäckigkeit, in Begleitung zweier Kriminalbeamter, seine Stimme im Stuttgarter Rathaus abzugeben.

Nach dem Ende der „Schutzhaft", am 6. März 1933, flüchtete Eckardt in die Schweiz, um einer erneuten Verhaftung zu entgehen. Die Flucht am 11. März war riskant, aber sie glückte ihm mit der Hilfe einiger Parteigenossen.
Da er in der Schweiz keine Arbeitserlaubnis hatte, musste er dort von seinen Ersparnissen und den regelmäßigen Zahlungen einer Verwandten leben.

Wegen seiner SPD-Mitgliedschaft wurde Eckardt 1941 von den deutschen Behörden in Abwesenheit ausgebürgert, so dass ihm bis zum Kriegsende der Weg in die Heimat versperrt war. Erst im Dezember 1945 konnte er nach Stuttgart zurückkehren, wo er 1992 verstarb.
Weitere Verfolgung der Arbeiterschaft nach 1933
Auch nach 1933 fanden immer wieder Hausdurchsuchungen und Verhaftungen von Oppositionellen statt. Dabei wurden die Menschen vielmehr nicht terrorisiert, weil sie aktiv Widerstand geleistet hatten, sondern lediglich weil sie anderer Gesinnung waren. Diese Einschüchterungsmaßnahmen bewirkten zusammen mit der Gleichschaltung der Vereine der Arbeiterbewegung, eine Zerstörung der Arbeiterkultur.

Die Furcht vor Spitzeln und vor damit verbundenen Repressionen hatte zur Folge, dass sich Kommunisten und Sozialdemokraten auch sonst aus der Öffentlichkeit mehr und mehr zurückzogen. Waren vor 1933 Gastwirtschaften wichtige politische Treffpunkte, so mieden sie nun die Wirtshäuser. Zu sehr mussten sie fürchten, belauscht zu werden, vor allem, wenn etwas Alkohol die Zunge gelockert hatte.

In Bonlanden kam es z. B. im Juli 1934 im Anschluss an ein Vereinsfest des Kriegervereins im Gasthaus zum „Ochsen" zu einer heftigen Auseinandersetzung. Sie endete mit der Verhaftung von 17 Männern, überwiegend ehemaligen Kommunisten, die nach Stuttgart in „Schutzhaft" genommen wurden. Im Oktober 1934 gab es eine gerichtliche Untersuchung wegen des Absingens des Rosa-Luxemburg-Lieds im „Lamm" in Bonlanden.

Dennoch ist die Geschichte der Arbeiterbewegung einschließlich deren Verfolgung und Widerstand in den fünf Dörfern weit weniger ausführlich erforscht als die Kirchengeschichte.

Für die folgenden Jahre sind keine spektakulären Beispiele für Widerstand aus der Arbeiterschaft dokumentiert, statt dessen fanden sich überwiegend in den drei Arbeiterdörfern Bonlanden, Harthausen und Plattenhardt vereinzelt Fälle von passivem Widerstand. So wurde von Seiten der lokalen NS-Machthaber immer beklagt, dass sich viele Mitglieder der „gleichgeschalteten" Vereine bei den offiziellen Anlässen des NS-Regimes zu wenig beteiligten, wie z. B. beim Erntedankfest 1935 in Harthausen und in Plattenhardt.
Nein-Wähler in Bonlanden
Bemerkenswert ist schließlich der relativ offene Protest der Bonländer bei nicht-geheimen Wahlen. Im November 1933 stimmten trotz der häufigen Verhaftungen und Hausdurchsuchungen in diesem Jahr 71 Personen mit Nein. Bei einer weiteren Abstimmung am 13. August 1934 hatten sogar 101 Bonländer den Mut, mit Nein zu stimmen.

Die Folge waren wiederum Schikanen für viele Familien: 200 so genannte „Zweifelhafte" wurden von Parteigenossen besucht und „aufgeklärt", der Ortsgruppenleiter selbst knüpfte sich 100 „ganz unsichere" Männer extra vor. Und trotzdem stimmten bei der nächsten Abstimmung am 29. März 1936 immer noch 61 Bonländer mit Nein. Es dürfte vermutlich wenige Orte gegeben haben, die sich so mutig der NS-Dikatatur widersetzt haben.
Kirchlicher Widerstand
Unzweifelhaft spielte die Kirche auf den Filderdörfern in den 30er Jahren eine zentrale Rolle. Die fünf Stadtteile von Filderstadt waren konfessionell homogen, nämlich zu fast 100% protestantisch.

Ein Großteil der evangelischen Pfarrerschaft in Württemberg begrüßte 1933 die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Diese Haltung nahm auch der größere Teil der württembergischen Protestanten ein, zumal viele Protestanten eher distanziert zur Weimarer Republik standen. Wie kam es zu dieser Fehleinschätzung ?

Mit dem Zusammenbruch der Monarchie 1918 und der Abdankung des Königs verlor die württembergische Landeskirche ihr Oberhaupt, das im „landesherrlichen Kirchenregiment" die äußere Leitung der Landeskirche hatte. Obwohl die evangelische Kirche auch weiterhin zahlreiche Privilegien hatte, identifizierten sich viele evangelische Christen nicht mit der Weimarer Demokratie.

Dies hatte auch darin seinen Grund, dass sie in den staatstragenden demokratischen Parteien „Zentrum" und SPD keine politische Heimat fanden. Schließlich fühlten sich viele Protestanten verunsichert durch die zunehmende Entkirchlichung der Gesellschaft, die Schuld dafür gab man hauptsächlich dem Liberalismus und den Linksparteien.

Was die Stellung der Kirche anbetrifft, so gab es erhebliche Unterschiede zwischen den fünf Dörfern. In den beiden bäuerlich geprägten Dörfern Bernhausen und Sielmingen gehörten große Teile der Gemeinde den Hahn’schen oder Altpietistischen Gemeinschaften an. In den Arbeiterwohngemeinden gab es zwar ebenfalls Gemeinschaften, diese waren jedoch erheblich kleiner.

Ein Sonderfall war Bonlanden, dort stand ein Teil der Bevölkerung in Distanz zur Kirche. Dies zeigte sich zum einen darin, dass hier Teile der Arbeiterschaft der Kirche fernstanden, zum anderen bildeten sich gerade in Bonlanden eine ganze Reihe von religiösen Gruppierungen außerhalb der evang. Landeskirche.

Hier soll vor allem die Haltung zweier Pfarrer dargestellt werden, nämlich des Plattenhardter Pfarrers Willy Heintzeler, der der Bekennenden Kirche nahe stand, und der des Bernhäuser Pfarrers Christian Wagner.
Pfarrer Heintzeler in Plattenhardt
Noch Ende Juli 1933 veröffentlichte Pfarrer Heintzeler aus Plattenhardt seine Vorstellungen von der Kirche im nationalsozialistischen Staat im Evangelischen Gemeindeblatt. Dabei pochte er weitgehend auf die Selbstständigkeit der Kirche. Heintzeler glaubte noch optimistisch an eine Erneuerung der Kirche unter nationalsozialistischer Herrschaft.

Dieser Optimismus verschwand allerdings bald, als die Deutschen Christen mehr und mehr versuchten, die christlichen Lehre unter die nationalsozialistische, rassistische Weltanschauung unterzuordnen.

Einige Pfarrer, wie auch Pfarrer Heintzeler, organisierten sich gegen die Gleichschaltung der Evangelischen Landeskirche im „Pfarrernotbund" und unterstützten damit den Landesbischof Wurm. Auch der Plattenhardter Kirchengemeinderat kritisierte und verurteilte das Vorgehen der Kirchenobersten und der württembergischen Regierung. Vor allem Pfarrer Heintzeler kämpfte unermüdlich für eine selbstbestimmte kirchliche Arbeit, wobei ihn Mitglieder des CVJM, des Mädchenkreises und des Jungfrauenverein Plattenhardts unterstützten. Mit ihrer Hilfe, gelang es ihm, Flugblätter zur Situation der Kirche zu verbreiten.

Heintzelers öffentliche Äußerungen und Berichte lassen ihn auf den ersten Blick nicht als Gegner des NS-Regimes erkennen. Die Sitzungsprotokolle des Kirchengemeinderats, sprechen hingegen eine deutlichere Sprache. Hier kommt deutlich Heintzelers Missfallen am Nationalsozialismus zum Ausdruck. Er scheint Monat für Monat eine größere Abneigung gegen diese Ideologie entwickelt zu haben.

Im Oktober 1934 beschließt der Kirchengemeinderat: „Wir Pfarrer können jetzt um des Gewissens willen trotz des staatlichen Verbots nicht mehr schweigen."

Im Sommer 1935 erreichten die Auseinandersetzungen zwischen dem Plattenhardter Pfarrer und der NSDAP ihren Höhepunkt. Herr R. schildert rückblickend, woran sich der schon lange schwelende Streit entzündete:

„Bei uns an der Kirche war ein Zaun um die Kirche rum, ein Lattenzaun. Dorthin hat die NSDAP ein Plakat von sich hingeheftet. Und was es für Kirchenvorschriften gibt, das weiß jeder...Demnach sei es verboten, politische Plakate an der Kirche anzukleben...Er hat das Plakat weggemacht. Die Reißnägel vorsichtig entfernt. In der Zeitung stand, Pfarrer Heintzeler hätte das Plakat weggerissen und beschädigt. Das stimmt nicht...Aber dann haben sie den Pfarrer beschuldigt, da er sowieso nicht linientreu sei. Und es gab ein großes Aufheben darüber in der Zeitung."

Der Stuttgarter NS-Kurier und der Filder-Bote berichteten unmittelbar darauf am 12. August 1935 über diesen Vorfall. Pfarrer Heintzeler wehrte sich, indem er anführte, „dass es noch nie geduldet worden wäre, dass politische oder andere Plakate dort (am Kirchenzaun, d. V.) angebracht werden."

Trotzdem wurde er erst einmal auf „unbestimmte Zeit" beurlaubt, was dann tasächlich allerdings nur zwei Monate andauerte. In einer Erklärung, die der Pfarrer am ersten Sonntag seiner zwangsweisen Abwesenheit im Gottesdienst verlesen ließ, heißt es, „dass er mit der Entfernung des Plakats einer alten Uebung des Kirchengemeinderats folgend, nur die Politik von der Kirche fernhalten (!) wollte." Er betonte jedoch auch beschwichtigend, er habe damit keineswegs beabsichtigt, „gegen Partei und Staat zu verstoßen". Die Ortsgruppe der NSDAP veröffentlichte die Stellungnahme Heintzelers im Filder-Boten und versah sie mit hämischen Kommentaren.

Als Pfarrer Heintzeler nach seiner Beurlaubung zum erstenmal wieder auf der Kanzel stand, war die Kirche voll besetzt, was für Plattenhardt damals sehr ungewöhnlich war. Damit zeigten die evangelischen Einwohner Plattenhardts, dass sie uneingeschränkt hinter ihrem Pfarrer standen.

Zwei Kirchengemeinderäte, sowie der Landesbruderrat, ein beratendes Gremium von Pfarrern der Bekennenden Kirche, hatten sich für den Pfarrer eingesetzt. Der Landesbruderrat kritisierte das Vorgehen des Oberkirchenrats, da dieser nicht Heintzeler, sondern einen Dekan der Deutschen Christen angehört und Heintzeler keinerlei „Fürwort" entgegengebracht habe.

Pfarrer Heintzeler wurde durch einen offenen Brief der Nazis gedroht, indem sie ihn für eine mögliche Eskalation und auch Gewalt gegen seine Person verantwortlich machten. In völliger Verdrehung der Tatsachen wird damit der Pfarrer für mögliche Attentate auf seine eigene Person verantwortlich gemacht!!

Aber er setzte sich mutig zu Wehr, als ihm jegliche Äußerung zur Kirchenpolitik untersagt wurde. Er benutzte den Gottesdienst dazu, um zum Beispiel auf das problematische Verhältnis der kirchlichen Jugend zur Hitler-Jugend (HJ) und zum Bund Deutscher Mädel (BdM) aufmerksam zu machen. Den Raum der Kirche bis zur Außenseite des Zauns beanspruchte er als sein Territorium und seinen Machtbereich. Dennoch blieb Heintzeler noch zwei weitere Jahre in Plattenhardt. Über diese zwei Jahre ist wenig überliefert, lediglich, dass am 16.April 1936 eine Hausdurchsuchung bei ihm stattfand.

Ein neuer Konflikt entstand, als im April 1937 die württembergischen Pfarrer als Religionslehrer an den staatlichen Schulen einen Treueeid auf Hitler leisten sollten. Heintzeler gehörte zu denjenigen Pfarrern, die sich weigerten, einen solchen Treueeid abzulegen. Im Sommer 1937 trat er aus der Nationialsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) aus.

Im Herbst 1937 wurde Heintzeler nach Pfalzgrafenweiler im Schwarzwald strafversetzt. Seine letzte Predigt in Plattenhardt hielt er im August 1937.
Christian Wagner, Pfarrer in Bernhausen
Wagner (1931 - 1951 Pfarrer in Bernhausen) hatte anfänglichdie „Machtergreifung" ausdrücklich begrüßt. Im Frühjahr 1933 schrieb er in den „Heimatklängen aus Bernhausen", dem kirchlichen Gemeindeblatt,: Und am 21.März [„Tag von Potsdam" d. V.] stieg von Millionen im Volk heißer Dank nach oben, dass Gott das Schicksal unsres Volkes am Abgrund gnädig gewendet hat, verbunden mit der innigen Bitte, dass er die Führer unsres Volkes schütze und ausrüste mit Vollmacht von oben.

Seit November 1934 lässt sich jedoch eine zunehmende Ernüchterung in der Kirche gegenüber dem NS-Regime feststellen, in den Jahren 1935 bis 1939 wurde versucht, das kirchliche Leben zunehmend gleichzuschalten: Die Evangelische Jugend wurde 1934 der Hitler-Jugend und dem Bund deutscher Mädel (BDM) eingegliedert. Die Kirche sollte offiziell an staatlichen Feier- und Festtagen teilnehmen. Schließlich versuchten die Nationalsozialisten Einfluß auf Kindergärten zu nehmen, die größtenteils in kirchlicher Trägerschaft lagen.
Kampf um den Religionsunterricht
Zu einer offenen Auseinandersetzung zwischen Pfarrer Wagner und den Nationalsozialisten kam es bei der Frage des Religionsunterrichts. Bisher hatte Wagner jeden offenen Konflikt mit den Machthabern gescheut und immer nur indirekt versucht, den Einfluss der NSDAP im Machtbereich der Kirche beschränkt zu halten.

1936 war die konfessionsübergreifende „Deutsche Schule" an die Stelle der Konfessionsschulen getreten. Dabei verlangte Kultminister Mergenthaler, dass im Religionsunterricht nur noch Stoffe unterrichtet werden dürften, die dem „Sittlichkeitsgefühl der germanischen Rasse" nicht widersprechen. Konkret bedeutete dies so viel wie die vollständige Streichung des Alten Testaments, das als „jüdisches Buch" abgelehnt wurde. Das württembergische Kultministerium verlangte außerdem, dass der Religionsunterricht erteilende Ortspfarrer zuvor einen Treueeid auf Hitler leisten solle. Für Pfarrer Wagner bedeutete dies eine Gewissensfrage, da er zugleich durch sein Ordinationsgelübde gebunden war. Er leistete den Eid, fügte jedoch einen Beisatz hinzu, in dem er darauf hinwies, daß ich als Pfarrer [und] Christ in meinen letzten Entscheidungen an Gott und Sein Wort gebunden sei. In Folge darauf wurde ihm, wie auch landesweit 900 anderen Pfarrern, die Erlaubnis entzogen, an Schulen zu unterrichten.

Doch nicht nur der Pfarrer auch die Gemeinde begehrte gegen dieses Vorhaben der Herrschenden auf, ein Aufbegehren, das als „Radau in Bernhausen" durch einen Artikel in der NS-Hetzzeitung „Flammenzeichen" landesweit publik und der Lächerlichkeit preisgegeben werden sollte.

Im Juli 1937 wurde eine Elternversammlung in der Turnhalle einberufen. Den 800 erschienenen Zuhörern eröffnete Oberschulrat Kimmich, dass einige Stellen des Alten Testaments zu streichen seien. Es kam zu einem allgemeinen Tumult, bei dem sich ein Wortwechsel zwischen einem Elternvertreter und Oberschulrat Kimmich entwickelte. Er trat dabei entschlossen für den Erhalt des Alten Testaments ein. Auf den Vorwurf „Dann erziehen Sie Ihre Kinder ja jüdisch.", reagierte der Wortführer gelassen: „Wenn man das jüdisch nenne, dann erziehe er seine Kinder eben jüdisch; er nenne es biblisch." Die Versammlung endete im allgemeinen Tumult. Der Wortführer unter den Eltern wurde von all seinen Vertrauensämtern entbunden.

Nachdem Pfarrer Wagner das Recht entzogen worden war, Religionsunterricht an staatlichen Schulen zu erteilen, organisierte er in kirchlichen Räumen privaten Religionsunterricht mit zwei Wochenstunden.
Österreich-Abstimmung 1938
Hitler benutzte die allgemeine Begeisterung über den „Anschluss" Österreichs am 13. März 1938 dazu, sich und seine Politik durch eine groß inszenierte Volksabstimmung bestätigen zu lassen.

Auch die Kirchenleitungen befürworteten weitgehend den „Anschluss". Die Abstimmung brachte jedoch viele Christen in Gewissenskonflikte. Es sollte nämlich nicht nur ein „Ja" für den „Anschluss", sondern auch ein „Ja" für Adolf Hitler sein, besonders letzteres fiel vielen Christen schwer.

Die Bürgermeister wetteiferten untereinander, wer eine hundertprozentige Zustimmung erreichen konnte. Bernhausens Bürgermeister Blanz ließ „geisteskranke" und „politisch unzuverlässige" Bürger kurzerhand aus der Wahlliste streichen. Dennoch hatten vier Mitglieder der Hahn’schen Gemeinschaft in Bernhausen den Mut, mit „Nein" zu stimmen, nämlich drei Männer und eine Frau.

Bereits im Wahllokal waren die vier Nein-Wähler von NS-Männern beschimpft worden. Auch andere, die es gewagt hatten, sich während der Wahl regimekritisch zu äußern oder versucht hatten, der Wahl fern zu bleiben, wurden schon während der Wahl beschimpft und bekamen angedroht, aus der Dorfgemeinschaft ausgeschlossen zu werden.

Noch am Abend des Wahltages wurden die Fenster der Nein-Wähler eingeschlagen und teilweise deren Häuserwände mit Parolen beschmiert. Eine Woche später drangen auswärtige SA-Männer mit Knüppeln und Äxten bei ihnen ein und schlugen sie brutal nieder. Angeblich stammten die Schläger aus Neuhausen, doch bedurfte es der Unterstützung der Dorfbevölkerung. Denn von allein hätten die Ortsfremden die Häuser der angeblichen „Staatsfeinde" nur schwerlich finden können.

Im ganzen Ort waren Plakate angebracht, die darauf hinwiesen, dass diese vier Personen aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen seien. Sie waren damit so gut wie „vogelfrei".

Nachdem einzelne auf dem Rathaus schwer misshandelt worden waren, verließen sie für einige Wochen Bernhausen und konnten auswärts bei Mitgliedern der Hahn’schen Gemeinschaft oder bei Verwandten unterkommen.

Allgemein kam es in Folge der Geschehnisse um die Österreich-Abstimmung zu einer Einschüchterung der Bevölkerung und einem zunehmenden Rückzug in die Privatsphäre.