Machtergreifung auf den Dörfern
Auch im heutigen Filderstadt erfolgte die Machtergreifung der Nationalsozialisten auf lokaler Ebene stufenweise. In kurzer Zeit sicherten sie sich durch Terror-Maßnahmen gegen Andersdenkende, massive Propaganda, Auflösung bzw. "Gleichschaltung" aller pluralistischer Institutionen die Macht über nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche.
Wahlen am 5. März 1933
Durch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 besaßen die Nationalsozialisten die Polizeigewalt. Die Wahlhandlung selbst lief zwar korrekt ab, durch die Gesetze nach dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 waren aber zahlreiche Grundrechte außer Kraft gesetzt worden. Auf diese Weise konnten die anderen Parteien im Wahlkampf massiv behindert werden. In vier der fünf Dörfer (heute zur Stadt Filderstadt zusammengeschlossen / die Red.) ging die NSDAP als stärkste Partei hervor, in Bernhausen und Sielmingen hatte sie sogar die absolute Mehrheit, lediglich in Bonlanden lag sie hinter KPD und SPD an dritter Stelle.
Verhaftung Andersdenkender
In Württemberg begann die systematische Verfolgung politischer Gegner wenige Tage nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933. Den Anfang machte auf den Fildern eine Verhaftungswelle am 11. März. Sie traf vorwiegend Kommunisten, darunter auch einen Bernhäuser und Plattenhardter Gemeinderat. Am 19. April 1933 fand die größte Razzia auf den Fildern statt. Die Opfer waren hauptsächlich Anhänger von KPD und SPD, darunter auch der schwer kriegsbeschädigte Ernst Müller, der ehem. SPD-Ortsvereins-Vorsitzende von Plattenhardt. Die Verhaftungen erfolgten meist in den frühen Morgenstunden, um so die Opfer im Schlaf zu überraschen.

Bernhausens Bürgermeister Bosler wurde 1934 durch die Nationalsozialisten amtsenthoben
Bernhausens Bürgermeister Bosler wurde 1934
durch die Nationalsozialisten amtsenthoben
Die Männer wurden zunächst auf die Rathäuser geführt, dort verhört und dabei nicht selten schwer misshandelt. Auf Lastwagen wurde sie dann ins Polizeigefängnis nach Stuttgart gebracht, einige Tage später kamen sie in das Konzentrationslager auf dem Heuberg bei Stetten am Kalten Markt.

Auch wenn viele "nur" wenige Wochen im KZ zubringen mussten, so hatte die KZ-Haft das Ziel, sämtliche mögliche Kritiker des Nationalsozialismus durch Schikanen, schwere Arbeit, stundenlange Appelle, aber auch gezielte Misshandlungen so zu zermürben und einzuschüchtern, dass sie es nicht wagen würden, in Zukunft noch irgendwelche politische Aktionen gegen die herrschende Regierung zu unternehmen. Hinzu kam für die KZ-Häftlinge die Unsicherheit über die Lage ihrer Familienangehörigen zu Hause.

Allein im Jahr 1933 waren 25 Männer aus den fünf Orten aus politischen Gründen im Polizeigefängnis in Stuttgart bzw. im KZ Heuberg inhaftiert. Aber auch in den folgenden Jahren wurden immer wieder Personen von der Gestapo abgeholt und für einige Zeit inhaftiert, darunter auch der Bonländer KPD-Vorsitzende Fritz Federschmitt, der 1934 mehrere Monate im KZ Oberer Kuhberg bei Ulm zubringen musste. Sein früher Tod 1936 dürfte auf die Folgen der KZ-Haft zurückzuführen sein.
Verbot von Parteien
Schon am Tag nach dem Reichstagsbrand wurden Notverordnungen erlassen, welche die Rechte der Parteien zunächst einzuschränken und bald ganz außer Kraft setzten. So wurde den Parteien das Werben für die Reichstagswahlen am 5. März 1933 deutlich erschwert, der KPD ganz verboten.

Betroffen waren in Filderstatdt vor allem die SPD-Ortsvereine in Bonlanden und Plattenhardt sowie die KPD-Ortsvereine in Bernhausen, Bonlanden und Plattenhardt. Die führenden Persönlichkeiten wurden verhaftet, eine Reihe von ihnen sogar öffentlich bloßgestellt, indem sie mit erzwungenen öffentlichen Selbstbezichtigungen durch den Ort gejagt wurden. Die Verfolgung der politisch Andersdenkender geschah somit in aller Öffentlichkeit, ohne dass Widerspruch aus der Bevölkerung bekannt wäre. Ob dieser fehlende Widerspruch seine Ursache in mangelnder Zivilcourage oder gar ein Zeichen von Zustimmung war, mag dahingestellt bleiben.

Bis zum Frühsommer 1933 waren sämtliche Parteien außer der NSDAP verboten, bzw. sie hatten sich selbst aufgelöst, um einem Verbot zuvorzukommen und dadurch ihren Mitgliedern mögliche Verfolgung und Haft zu ersparen. Dieses Ziel hatten auch die Vorkehrungen, wie z. B. der Kassenwart des Plattenhardters SPD-Ortsvereins berichte hatte: "Die Mitgliederliste und sonstige Schriftstücke habe ich bereits nach der Reichstagswahl verbrannt, weil ich befürchtete, die Partei werde aufgelöst."
Verbot von Vereinen
Auf den Fildern gab es ein sehr vielfältiges Vereinsleben der Arbeiterschaft. Besonders ausgeprägt waren diese Vereine in Bonlanden und Plattenhardt. In Bonlanden gab es sieben, in Plattenhardt sogar acht Vereine, die den Arbeiterparteien nahestanden, darunter Arbeiter-Turn- und Sportvereine, Arbeitergesangvereine, Reichsbanner "Schwarz-Rot-Gold", Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Arbeiterradfahrvereine und Arbeiter-Samariter-Bund.

Der Arbeiter-Turn- und Sportverein Plattenhardt wurde 1933 zur Auflösung gezwungen
Der Arbeiter-Turn- und Sportverein Plattenhardt wurde
1933 zur Auflösung gezwungen
Durch ein solches umfassendes Freizeitangebot gelang es den Arbeiterparteien, große Teile der Arbeiterschaft an sich zu binden.

Die Arbeiterbewegung war daher 1933 der Hauptfeind der Nationalsozialisten. Sie gingen deshalb nicht nur gegen die Ortsvereine der Parteien, sondern auch gegen die zahlreichen Vereine der Arbeiterbewegung vor. Die meisten Vereine wurden verboten, das Vereinsvermögen einschließlich der Gebäude wie z. B. Turnhallen beschlagnahmt. Häufig profitierten dann die parallel dazu bestehenden bürgerlichen Vereine - wie z. B. der bürgerliche Radfahrerverein Pfeil in Plattenhardt - von der Auflösung des Arbeiterradfahrervereins "Fröhlich".

Andere Organisationen wie z. B. der Reichsbund für Kriegsbeschädigte wurde zur NS-Kriegsopferversorgung gleichgeschaltet, der Arbeiter-Samariter-Bund wurde in das Deutsche Rote Kreuz überführt. Die meisten politisch orientierten Arbeiter zogen sich aus dem Vereinsleben, ja überhaupt aus dem öffentlichen Leben zurück.

Allerdings gab es in der Bevölkerung durchaus auch Zustimmung zur Gleichschaltung der Vereine. Vielen Menschen hatten keine Sympathie für die starke Polarisierung des Vereinslebens während der 20er Jahre in bürgerliche und Arbeitervereine. Somit konnte die Auflösung der Vereine der Arbeiterschaft auch damit begründet werden, dass es effektiver sei, nur einen Sport- oder Gesangvereine am Ort zu haben.
Die erzwungene Auflösung der zahlreichen Vereine aus der Arbeiterbewegung hatte weitreichende Folgen. Nach 1945 gelang es den meisten Vereinen nicht mehr, an ihre Traditionen vor 1933 anzuknüpfen.
Die "Gleichschaltung" der Kommunalparlamente
Alle drei Jahre fanden in Württemberg Gemeinderatswahlen statt, bei denen je die Hälfte des Gemeinderats gewählt wurde. In den 1928 und 1931 gewählten Kommunalparlamenten der fünf Dörfer waren die Nationalsozialisten so gut wie gar nicht vertreten. Kurzerhand wurde daher am 31. März 1933 ein Gesetz erlassen, wonach die Gemeindeparlamente aufgelöst und entsprechend dem Ergebnis der Reichstagswahl - jedoch ohne die KPD - neu zusammengesetzt wurden. Kurz darauf wurden auch die sozialdemokratischen Gemeinderäte gezwungen, ihre Mandate niederzulegen. Auf diese Weise gewannen die Nationalsozialisten in allen Gemeinderäten die Oberhand.

Festzug am Rathaus Bernhausen, um 1934
Festzug am Rathaus Bernhausen, um 1934
Einer der ersten Beschlüsse der neu zusammengesetzten Gemeinderäte war die Umbenennung von Straßen. Bereits im Frühjahr 1933 wurden die wichtigsten Straßen und Schulen nach nationalsozialistischen Größen umbenannt. Insgesamt blieben den Kommunalparlamenten im "Führerstaat" wenig Spielräume in der kommunalen Selbstverwaltung.
Entlassung von Bürgermeisters Bosler in Bernhausen
Während die Nationalsozialisten in den meisten größeren Städten neue Bürgermeister bzw. Oberbürgermeister einsetzten, konnten in Württemberg rund 90% der Dorfbürgermeister ihr Amt behalten. Die Absetzung des Bürgermeisters der 2500 Einwohner zählenden Gemeinde Bernhausen war also die Ausnahme. Er war der einzige Bürgermeister der fünf Dörfer, der sein Amt verlor. Wie kam es dazu ?

Wie alle Bürgermeister der Filderdörfer begrüßte auch Theophil Bosler zunächst die Machtübernahme der Nazis. Er setzte große Hoffnungen daran, dass sie die Arbeitslosigkeit wirksam bekämpfen könnten. Die Gründe, die zu seiner Entlassung führten, sind auch heute noch nicht vollständig klar. Am unverständlichsten waren sie aber wahrscheinlich für ihn selbst, da er glaubte, ein "national eingestellter" Politiker zu sein.

Theophil Bosler dürfte bei den Nationalsozialisten vor allem wegen seiner direkten Art verhasst gewesen sein. Erfahren mussten die Nationalsozialisten dies, nachdem sie 1932 das Arbeitersportfest in Bernhausen überfallen hatten. Bosler hatte damals den Mut, klar die NSDAP als Schuldigen für die Ausschreitungen zu benennen und von der NSDAP-Stuttgart sogar Schadensersatz zu fordern.

Nach ihrer Machtübernahme arbeiteten die Nationalsozialisten nun systematisch auf Boslers Absetzung hin. Dabei nutzten sie geschickt aus, dass seine Stellung in Bernhausen nicht unumstritten war. 1929 war Bosler völlig überraschend gegen den amtierenden Schultheißen Keppler gewählt worden. Dieser focht die Wahl - wenn auch erfolglos - an, Bosler jedoch konnte sein Amt erst ein Jahr später antreten. Dieser Vorgang führte jedoch zu einer starken Polarisierung in der Bevölkerung. Besonder schwierig war es für ihn, dass seine Bürgermeister-Kollegen im Amtsoberamt eher Sympathien mit dem früheren, unterlegenen Bürgermeister Keppler hatten.

Die Nationalsozialisten entließen Bosler am 20. Juli 1933 aus seinem Amt. Es wurde ihm unter anderem vorgeworfen, er sympathisiere mit Kommunisten und er unterstütze die NSDAP bzw. die SA am Ort nicht deutlich genug. Bosler kämpfte in den folgenden Monaten verzweifelt um sein Amt als Bürgermeister und konnte zunächst noch die Vorwürfe entkräften. Obwohl er durch den Gemeinderat und große Teile der Bevölkerung unterstützt wurde, musste er im Januar 1934 zurücktreten.
Die NSDAP plaziert ihre Getreuen
Heinrich Blanz, Bürgermeister von Bernhausen 1934-1945
Heinrich Blanz, Bürgermeister von Bernhausen 1934-1945
Schließlich trat am 24. Januar 1934 Heinrich Blanz aus Ellwangen das Amt es Bürgermeisters an. Er erhielt diesen Posten aufgrund seiner Zugehörigkeit zur NSDAP. Theophil Bosler wurde nicht nur um sein Amt gebracht, sondern auch aus seinem privaten Umfeld gedrängt: Er wurde nach Stuttgart in die Justizverwaltung versetzt und musste außerdem aus Bernhausen wegziehen.