Am 19. September 2005 rückte ganz unerwartet die Geschichte eines KZ-Außenlagers in die Schlagzeilen der Medien im In- und Ausland. Bei Bauarbeiten auf dem amerikanischen Teil des Stuttgarter Flughafens wurde ein Massengrab mit 34 Toten gefunden, bei denen es sich höchstwahrscheinlich um Häftlinge des KZ-Außenlagers Echterdingen handelte. In einem Hangar im südwestlichen Teil des Flughafens befand sich zwischen 22. November und Ende Januar 1945 eines der 70 KZ-Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof, die sich in Württemberg, Baden und der Pfalz befanden. Trotz der kurzen Zeit seiner Existenz haben mindestens 119 der insgesamt 600 Häftlinge ihr Leben verloren.
Zur Lagergeschichte
Der Stuttgarter Flughafen wurde im September 1939 fertig gestellt und bei Kriegsbeginn sofort unter das Kommando der Luftwaffe gestellt. Aufgrund seiner militärischen Bedeutung wurde er am 14. August 1944 zum Ziel eines amerikanischen Luftangriffs, durch den die Start- und Landebahn stark beschädigt wurde. Daraufhin forderte die für die Instandsetzung des Flughafens zuständige Organisation Todt/Bauleitung Esslingen 600 Arbeitskräfte beim Wirtschafts-Verwaltungs-Hauptamt (WVHA) der SS, der Befehlszentrale aller Konzentrationslager, an, um die Startbahn zu reparieren und einen Verbindungsweg zur Autobahn zu bauen, damit die auf dem Flughafen stationierten Nachtjäger auch dort starten und landen konnten.
Flughafen Echterdingen als Baustelle
Die 600 Häftlinge - sie waren durchweg jüdischen Glaubens - trafen am 22. November 1944 per Bahn in Echterdingen ein. Sie kamen vom KZ Stutthof bei Danzig und waren verschiedenster Nationalität: 202 von ihnen stammten aus Ungarn, 144 kamen aus Polen, 80 aus Griechenland, 43 aus Frankreich, 32 aus Holland und weiteren Nationen, nur neun kamen aus Deutschland.
Der gesundheitliche Zustand der meisten war bereits bei der Ankunft bedenklich, viele von ihnen hatten bereits eine lange Leidenszeit von KZ-Aufenthalten hinter sich. Das eigentliche Lager war ein Hangar, der im Februar 1944 errichtet worden war und zuvor als Unterkunft für nicht-jüdische Zwangsarbeiter gedient hatte. Er war von einem Stacheldraht-Zaun und vier Wachtürmen umgeben.
Um die Löcher in der Startbahn wieder aufzufüllen, mussten die hierfür erforderlichen Steine in Steinbrüchen der näheren Umgebung gebrochen werden. Einer der Steinbrüche lag im „Emerland“ südlich von Bernhausen, der andere beim heutigen alten Leinfeldener Sportplatz. Die Wachmannschaft bestanden aus Angehörigen der auf dem Flughafen stationierten Einheiten der Luftwaffe. Lagerkommandant war der elsässische SS-Untersturmführer René Romann, der zuvor im Hauptlager Wachmann und Blockleiter gewesen war. Später wurde er Kommandant des KZ-Außenlagers Geislingen.
Auf dem Weg in die Sandsteinbrüche kamen die Häftlinge mit der Bevölkerung der Flughafengemeinden in Berührung. Das Elend der Häftlinge, die ein Bild des Jammers boten, wenn sie sich durch die Straßen von Bernhausen, Echterdingen und Leinfelden schleppten, hat sich tief im kollektiven Gedächtnis eingeprägt. Zahlreiche Bürger haben - gegen striktes Verbot - zu helfen versucht, indem sie etwas Essbares für die Häftlinge auf ihrem Weg oder in den Steinbrüchen deponiert haben.
Die schwere körperliche Arbeit bei unzureichender Ernährung und Kälte führten bald zu Krankheiten und hatten bei der mangelnden ärztlichen Versorgung bald den Tod von mindestens 119 Häftlingen zur Folge. 19 von ihnen wurden im Krematorium in Esslingen eingeäschert. Weitere 66 Opfer wurden in einem Massengrab in einem vier Kilometer entfernt liegenden Waldstück, dem Bernhäuser Forst, vergraben, aber nach Kriegsende exhumiert und auf dem Esslinger Ebershaldenfriedhof beigesetzt. Die sterblichen Überreste von weiteren 34 Opfern wurden - wie der Fund eines weiteren Massengrabs im September 2005 gezeigt hat - auf dem Lagergelände selbst vergraben. Am Leben und der Erhaltung der Arbeitskraft der Häftlinge hatten die nationalsozialistischen Machthaber angesichts der bevorstehenden militärischen Niederlage des deutschen Reiches kein Interesse. Die Vernichtung hatte schlechterdings Priorität vor der Ausbeutung der Arbeitskraft.
Die Namen der 119 Opfer sind inzwischen bekannt, somit konnte ihnen ihre Identität und damit ein Stück weit auch ihre Würde zurückgegeben werden. Allerdings ist eine Zuordnung, welche Toten auf welchem der beiden Friedhöfe liegen, nicht möglich.
Alliierte Bombardierung des Flughafens Echterdingen
Als im Januar 1945 eine Fleckfieberepidemie ausbrach, begann die sukzessive Auflösung des Lagers. Das Leiden der Häftlinge nahm aber damit kein Ende. Vielmehr begann für sie eine neue qualvolle Odyssee, auf der sie per Güterwagen in andere Lager gebracht wurden. Etwa 96 von ihnen kamen am 9. Januar in das so genannte Krankenlager Vaihingen/Enz, ebenfalls eine Außenstelle des KZ Natzweiler, 74 von ihnen starben dort, 21 wurden nach der Auflösung des Lager ins KZ Dachau verlegt. Weitere 58 Häftlinge kamen in das KZ Bergen-Belsen und 324 Personen in das KZ Ohrdruf in Thüringen, einem Außenlager des KZ Buchenwald, von den restlichen dreien ist der Verbleib unklar. Wie viele der Echterdinger Häftlinge tatsächlich ihre Befreiung erlebt haben, ist nicht bekannt, bis jetzt weiß man von 18 Personen.
Der Umgang mit der Vergangenheit nach 1945
Nach Kriegsende sorgte die französische Besatzungsmacht dafür, dass das Massengrab im Bernhäuser Forst eingefriedet und mit einer Gedenktafel versehen wurde. Auf Verlangen der US-Militärregierung wurden im Oktober 1945 die 66 Toten aus dem Massengrab exhumiert und auf dem jüdischen Teil des Ebershaldenfriedhofs Esslingen bestattet, 1947 wurde dort für die 66 dort begrabenen sowie die 19 verbrannten Toten des KZ-Echterdingen ein Gedenkstein gesetzt, der die folgende Inschrift trägt: „Hier ruhen 85 Juden unbekannter Nationalität, Opfer nationalsozialistischer Grausamkeit. Ihr Sterben sei eine Mahnung zur Menschlichkeit für die lebende Generation.“
Für drei Jahrzehnte verschwand das ehemalige KZ-Außenlager völlig aus dem öffentlichen Bewusstsein. Erst die Forschungen von Barbara Keuerleber, die in dem 1978 von Herwart Vorländer herausgegebenen Band über die KZ-Außenlager von Natzweiler erschienen, bewirkten, dass eine Jugendgruppe des Jugendhauses Leinfelden die Forderung nach einer Gedenktafel erhob. Während eine Gedenktafel auf dem Flughafen abgelehnt wurde, beschloss die Stadt Leinfelden-Echterdingen, auf dem Friedhof Echterdingen ein Mahnmal des Künstlers Raphael Habel mit einer Gedenktafel anzubringen, das am Volkstrauertag 1982 eingeweiht wurde.
Den Anstoß für einen Gedenken direkt am Ort des einstigen Konzentrationslagers gab erst die von der Stadt Filderstadt geförderte Dissertation von Gudrun Silberzahn-Jandt über die Geschichte der NS-Zeit in Filderstadt. Aus Anlass des 50. Jahrestags des Kriegsendes errichtete die Stadt Filderstadt vor dem US-Airfield ein Mahnmal zum Gedenken an die Häftlinge und die Toten des KZ-Außenlagers. Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes veranstaltete der SPD-Ortsverein Filderstadt im Jahr 2005 einen Ideenwettbewerb für eine mögliche Gedenkstätte im Bernhäuser Forst, an dem sich vor allem Schüler beteiligten.
Der Fund des Massengrabs im September 2005
Der zufällige Fund des Massengrabs mit 34 Toten innerhalb des amerikanischen Militärflughafens steigerte schlagartig das Interesse an der Geschichte des KZ-Außenlagers Echterdingen. Dies galt nicht nur für die Medien, sondern auch für die Bevölkerung auf den Fildern.
Die Staatsanwaltschaft Stuttgart leitete Ermittlungen wegen Mordes ein, die von einer Sondereinheit des Landeskriminalamtes aufgenommen wurden. Nach eingehender Abwägung entschied das baden-württembergische Justizministerium auf die von der Staatsanwalt zur Identifizierung geforderten DNA-Analysen zu verzichten. Das Land folgte damit dem Wunsch der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg und des Komitees zum Schutz jüdischer Friedhöfe in Europa, da nach den jüdischen Religionsgesetzen die Wahrung der Totenruhe eine zentrale Rolle spielt. Die feierliche Wiederbestattung fand am 15. Dezember 2005 in Anwesenheit von zahlreichen Rabbinern aus dem In- und Ausland statt. Auch zwei Überlebende wohnten der beeindruckenden Zeremonie bei.
Der Fund des Massengrabs 2005 hat entscheidende Anstöße sowohl im Hinblick auf die Erforschung der Lagergeschichte als auch für ein würdiges Gedenken an die jüdischen Opfer der NS-Diktatur auf lokaler Ebene gegeben. Als gemeinsames Projekt der Städte Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen wurde im März 2006 eine Geschichtswerkstatt gegründet, die eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte des KZ-Außenlagers vorbereitet und Überlegungen zu einer Gedenkstätte in unmittelbarer Nähe des einstigen KZ-Außenlagers anstellt.
Spuren der Erinnerung heute
Der 1995 aufgestellte Gedenkstein steht am Radweg zwischen Bernhausen und Echterdingen vor dem Zaun des US-Airfield. Seine Inschrift erinnert an die 600 Häftlinge sowie die Toten des KZ Echterdingen. Die 34 Gräber der jüdischen Häftlinge befinden sich hingegen innerhalb des Militärgeländes und sind nicht öffentlich zugänglich. Auch der Hangar, das einstige KZ-Gebäude, ist noch erhalten, da er durch das amerikanische Militär genutzt wird, ist er ebenfalls nicht öffentlich zugänglich.
In Echterdingen wurde 1982 an der Südseite des Friedhofs auf Beschluss des Leinfelden-Echterdinger Gemeinderats ein Gedenkstein errichtet.
Als drittes Mahnmal sei der Gedenkstein auf dem Ebershaldenfriedhof in Esslingen in Form eines großen Davidsterns erwähnt.
Bislang ohne besondere Kennzeichnung sind weitere Orte des Geschehens wie das ehemalige Massengrab im Bernhäuser Forst sowie die ehemaligen Steinbrüche bei Bernhausen und Leinfelden.
Text: Stadtarchiv Filderstadt
Echterdinger Supermarkt 2006: Beseitigung einer Phosphor-Bombe
Gruppenführungen zu diesen Stätten sind durch die Geschichtswerkstatt KZ-Außenlager möglich. Aufgrund der relativ weiten Entfernungen sind sie jedoch nicht im Rundgang zu Fuß erreichbar.
Kontakt: Stadtarchiv Filderstadt 07158/8219 und Stadtarchiv Leinfelden-Echterdingen 0711/9975409.
Literatur
Faltin, Thomas: Sechs Jahre im Angesicht des Todes. Benjamin Gelhorn hat das KZ Echterdingen am Flughafen und sechs weitere Lager überlebt. In: Stuttgarter Zeitung vom 6.12.2005.
sowie zahlreiche weitere Artikel in der Stuttgarter Zeitung zwischen September und Dezember 2005.
Keuerleber-Siegle, Barbara: Das Lager Echterdingen. In: Vorländer, Herwart (Hrsg.): Nationalsozialistische Konzentrationslager im Dienst der totalen Kriegsführung. Sieben württembergische Außenkommandos des Konzentrationslagers Natzweiler/Elsaß. Stuttgart 1978, S. 131-148.
KZ-Außenlager Flughafen Echterdingen. „Sie kamen abends von der Arbeit und am Morgen waren sie tot.“. In: „Räder müssen rollen für den Sieg!“ Ausländ. Zwangsarbeiter/innen im Kreis Esslingen 1940-1945. Hg. von der VVN. Esslingen 1988, S. 62-69.
Silberzahn-Jandt, Gudrun: Vom Pfarrberg zum Hitlerplatz. Fünf Filderdörfer während der Zeit des Nationalsozialismus: eine Topographie. Filderstadt 1995. (Filderstädter Schriftenreihe Band 9)
Steegmann, Robert: Struthof. Le KL-Natzweiler et ses kommandos : une nébuleuse concentrationnaire des deux côtés du Rhin 1941-1945. Strasbourg 2005.
In Vorbereitung:
Das KZ-Außenlager Echterdingen. Hg. von den Städten Filderstadt und Leinfelden-Echterdingen. Erscheint voraussichtlich Ende 2008.