Welch tragischer Weg führte 1944 Claus Schenk Graf von Stauffenberg, in der Jugend aufgewachsen mit seinen Brüdern im heutigen Albstadt auf Schloss Lautlingen, zu jenem schäbigen Sandhaufen im Innenhof des Kriegsministeriums in Berlin, wo er blindwütig erschossen wurde. In einem grausigen Hinrichtungsschuppen der Berliner Strafanstalt Plötzensee musste später auch Stauffenbergs Bruder Berthold mit vielen anderen Oppositionellen des Dritten Reichs das Leben lassen.
Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler wurde der deutsche Widerstand im Urteil der Welt zunächst zwiespältig bewertet. Erst als sich der Schleier der Tarnung verzog und auch die von den Nationalsozialisten geschaffene Legende von der "Clique der ehrgeizigen Verschwörer" zusammenbrach, wandelte sich das Bild vom deutschen Widerstand. Die Aktion war keine Offiziersrevolte, kein reaktionärer Putsch, sondern ein wahrer "Aufstand des Gewissens", ein Aufstand der Sozialisten und Christen, Arbeiter und Intellektuellen, Bürger und Adlige, Geistliche und Soldaten ein repräsentativer Querschnitt des ganzen Volkes.

Kein geringerer als Winston Churchill hat zwei Jahre nach dem Juli-Attentat, vor dem britischen Unterhaus dem deutschen Widerstand ein zeitloses Denkmal gesetzt mit den Worten: "In Deutschland lebte eine Opposition, die quantitativ durch ihre Opfer und eine entnervende internationale Politik immer schwächer wurde, aber zu dem Edelsten und Größten gehört, was in der politischen Geschichte der Völker je hervorgebracht wurde. Diese Männer kämpften ohne Hilfe von außen, einzig und allein getrieben von der Unruhe ihres Gewissens. So lange sie lebten, waren sie für uns unerkennbar, da sie sich tarnen mussten. Aber an den Toren ist der Widerstand sichtbar geworden. Ihre Taten und Opfer sind das unzerstörbare Fundament eines neuen Aufbaues. Wir hoffen auf die Zeit, in der dieses heroische Kapitel der inneren deutschen Geschichte seine gerechte Würdigung findet."!
Oberst Graf von Stauffenberg war von 1943-1944 der unermüdliche Motor der militärischen Verschwörung zum Sturz der Hitler-Diktatur. In seiner Berliner Villa am Wannsee, Tristanstraße 8, tagte oft die sogenannte "Grafen-Runde"; Widerstandskämpfer aus adligen Kreisen wie er und sein Bruder Berthold sowie Albrecht Ritter Merz von Quirnheim, Cäsar von Hofacker und Werner von Haeften.
Loyalität, Königstreue und Humanismus Erzogen zu Staatsdienern
Der am 15. November 1907 in Stuttgart geborene Claus von Stauffenberg stammte aus einer traditionsreichen Adelsfamilie. Im Mai 1904 heiratete Graf Alfred Stauffenberg, zuletzt Präsident der herzoglich-württembergischen Rentkammer, Gräfin Caroline von Üxküll-Gyllenband. Sie war die Tochter des kaiserlich/königlichen österreichischen Oberleutnants Graf Alfred von Üxküll-Gyllenband und seiner Frau Valerie, geborene Gräfin von Hohental.
Über die Mutter der Gräfin von Hohental führte ein Stammbaum direkt zu Gneisenau, dem Generalstabschef von Feldmarschall Blücher. Die Linie von Stauffenbergs entstand, als die Grafen von Zollern wie andere Fürsten im Niedergang des deutschen Königtums im 13. Jahrhundert zur Heung ihres Ansehens das Schenken- und Truchsessamt einrichteten.
Aus dem Dienst der Grafen von Zollern zogen sich die Stauffenbergs im 15. Jahrhundert spontan zurück, nachdem ein Bruder-Krieg unter den Grafen ihre Loyalität zu sehr strapazierte. Sie boten ihre Dienste jetzt den Württembergern an. Als der berühmt-berüchtigte Herzog Ulrich an die Regierung kam, befanden sich die Schenken von Stauffenberg wieder im Zwiespalt. Ulrich war in den Augen vieler Zeitgenossen ein Mörder und Gesetzesbrecher, mit dem die Stauffenbergs nichts zu tun haben wollten.
Ein Zweig der Familie wurde 1698 von Kaiser Leopold I. in den Freiherrenstand, ein anderer 1791 von Kaiser Leopold II. in den Reichsgrafenstand erhoben. Aus der Freiherren-Linie der Stauffenbergs gingen im 17. und 18. Jahrhundert Domherren von Bamberg, Würzburg und Augsburg hervor sowie Mitglieder der Bamberger fürstbischöflichen Regierung und einen Fürstbischof von Bamberg. Franz Ludwig Schenk Freiherr von Stauffenberg wurde 1874 von Ludwig II. in den erblichen Grafenstand des Königreiches Bayern erhoben.
Sein Neffe Franz August setzte sich als bayerischer Landtagsabgeordneter 1867 und 1870 für die Abschaffung der Todesstrafe ein, als "eine reine Frage der Menschlichkeit". Im Hof des Kriegsministeriums und in der Berliner Strafanstalt Plötzensee war 77 Jahre danach keine Rede mehr davon. Die Frage der Menschlichkeit war im Dritten Reich nur noch eine Farce. Zeitgeschichtliche Ereignisse, Macht, Revolution und Krieg prägte die Familie der Stauffenbergs stets an den Brennpunkten deutscher Geschichte.

Die Stauffenberg-Kinder, Claus, Alexander und Berthold verbrachten ihre Jugendjahre zwischen Stuttgart, Lautlingen, Jettingen und Amerdingen. Sie fuhren mit den Eltern regelmäßig an die Nordsee und nach Berchtesgaden. Vertraute Stätten ihrer Jugend: große Gärten, Salons, die Dienstwohnung im Alten Schloss in Stuttgart und der Wilhelma Park in Cannstatt.
Bis 1913 erhielten die Zwillinge Berthold und Alexander Privatunterricht. Ab Herbst 1913 besuchten sie die Vorklasse des renommierten humanistischen Eberhard-Ludwig-Gymnasiums in Stuttgart. Hier lernten sie fleißig, neben den üblichen Fächern auch Latein und später Griechisch.
Claus von Stauffenberg ging zur gleichen Zeit in eine private Elementarschule mit vier anderen Kindern. Er war fleißig und wetteiferte im Lernen mit seinen Brüdern. Später wechselte auch Claus auf das elitebewußte Eberhard-Ludwig-Gymnasium. Mitten in den Ferien in Lautlingen erfuhr die Stauffenberg-Familie telefonisch am 31. Juli 1914, der württembergische König habe seinen Sommerurlaub in Friedrichshafen wegen der drohenden Kriegsgefahr abgebrochen und sei nach Stuttgart gefahren. Am selben Tag musste natürlich auch Oberhoffeldmarschall von Stauffenberg in die Residenz zurück. Gruppen erregter Männer standen in Lautlingen auf der Straße, Frauen weinten. Von der oft beschriebenen "Hurra-Stimmung" für Krieg und Vaterland war an diesem Tag im Eyachtal, rings um das Stauffenberg-Schloss, nichts zu spüren.
Der Kaiser von Kamerad zu Kamerad: "...und jetzt wollen wir sie dreschen!"
Am 2. August 1914 reisten auch Gräfin von Stauffenberg, Kinder und Dienerschaft per Eisenbahn nach Stuttgart. Im Zug schwirrte es von Gerüchten "um gesprengte Donaubrücken und erschossene Spione". Jetzt wurde der Aufruf des Kaisers vom 6. August 1914 verkündet und überall angeschlagen, er war eindeutig und lautete unheilschwanger:
An das deutsche Volk!
"Seit der Reichsgründung ist es durch 43 Jahre mein und meiner Vorfahren heißes Bemühen gewesen, der Welt den Frieden zu erhalten und im Frieden unsere kraftvolle Entwicklung zu fördern. Aber die Gegner neiden uns den Erfolg unserer Arbeit. Alle offenkundigen und heimlichen Feindschaften in Ost und West und von jenseits der See haben wir ertragen und im Bewußtsein unserer Verantwortung und Kraft. Nun aber will man uns demütigen.
Man verlangt, dass wir mit verschränkten Armen zusehen, wie unsere Feinde sich zu tückischen Überfällen rüsten. Man will nicht dulden, dass wir in entschlossener Treue zu unserem Bundesgenossen stehen, der um sein Ansehen als Großmacht kämpft und mit dessen Erniedrigung auch unsere Macht und Ehre verloren ist. So muss denn das Schwert entscheiden. Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Drum auf zu den Waffen! Jedes Zögern, jedes Schwanken wäre Verrat dem Vaterlande gegenüber: Um Sein oder Nichtsein unseres Reiches handelt es sich, das unsere Väter sich neu gründeten, um Sein oder Nichtsein deutscher Macht und deutschen Wesens.
Wir werden uns wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Roß. Und wir werden diesen Kampf bestehen, auch gegen eine Welt von Feinden. Noch nie ward Deutschland überwunden, wenn es einig war. Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird, wie er mit den Vätern war."
König von Württemberg, Königin und Gräfin von Stauffenberg
Im Alten Schloss von Stuttgart wurden sofort nach dieser Proklamation des Kaisers Lazaretträume eingerichtet. Am 28. August gab es sogar für Stuttgart Fliegeralarm und "eine tolle Knallerei", doch es war anscheinend alles Fehlalarm. Die Aufzeichnungen von Stauffenbergs Mutter aus dieser Zeit halten in erster Linie die erstarrte Teilnahmslosigkeit der Verwundeten fest, schreckliche Kriegsgreuel und die Sorge um den verletzten Bruder, sowie den Wunsch nach Frieden, aber kein Wort eigener Begeisterung.
Ihre drei Söhne reagierten anders. Bei Kriegsausbruch "ergreift die Kinder ein solcher Enthusiasmus", dass Claus eines Morgens schluchzend klagte, "die Brüder sagten, in zehn Jahren dürften sie in den Krieg und er dürfe nicht mit." Die Mutter musste ihn lange beruhigen und versprechen, dass sie bestimmt "heldisch" sein werde und alle ihre Buben in den Kampf ziehen lasse.
Claus betete jeden Abend: "Gib dass alle Soldaten wiederkommen, dass jeder verwundete Soldat wieder ganz gesund wird und jeder tote Soldat in den Himmel kommt". Alexander schrieb ein Gedicht auf den Sieg von Lüttich, auf General Otto von Emmerich, auf den untergegangenen Minenleger "Königin Luise" und eines auf Deutschland.
Berthold und Claus dichteten mit vaterländischem Pathos über "unsere Feinde" und den Erfolg von "U 9". Die Feindfahrt von "U 9" wurde im Kaiserreich glorifiziert und zum Mythos neuer Unbesiegbarkeit der kaiserlichen Seemacht erhoben. Die Geschichte von "U 9" und seines Kommandanten Otto Weddigen kannte damals jeder Knabe.
Der Kaiser verlieh dem Kommandanten des Unterseebootes "U 9", Kapitänleutnant Otto Weddigen, das Eiserne Kreuz 1. und 2. Klasse, den übrigen Offizieren und Mannschaften das Eiserne Kreuz 2. Klasse. Auch von anderen "Bundesfürsten" erhielt Kapitänleutnant Weddigen hohe Ordensauszeichnungen, vom österreichischen Kaiser Franz Josef das Ritterkreuz des Leopoldordens mit der Kriegsdekoration.
Zwischen Ernte und Kriegsgreuel
Mit Ende des ersten Kriegsschuljahres im Juli 1915 gingen alle im Alten Schloss von Stuttgart tätigen Lazaretthelfer in Urlaub. Mutter und Söhne von Stauffenberg fuhren nach Lautlingen auf ihr Schloss. Nach der Eroberung von Warschau am 7. August und Brest-Litowsk am 18. und 25. August 1915 veranlaßte der Vater Stauffenbergs, dass die Fahne herausgehängt wurde und der Pfarrer die Glocken läuten ließ.
Im Frühjahr 1916 notierte die Gräfin: "Immer große Angriffe bei Verdun aber die Leute haben gar keine Stimmung dafür sie sagen immer, "An Verdun verbluten wir uns". Berthold von Stauffenberg interessierte sich in dieser Zeit mehr und mehr für die kaiserliche Marine und schrieb sogar einen Aufsatz über die Entwicklung der deutschen Flotte bis zum Weltkrieg.

Am 10. März 1917 fiel in Verdun Alfred von Hofacker, Sohn der Tante Stauffenbergs. Der Bruder des gefallenen Alfred von Hofacker, Cäsar von Hofacker, kam gleichzeitig aus Mazedonien auf Heimaturlaub nach Lautlingen. Hier verbrachten die Familien von Stauffenberg und Hofacker gemeinsam das Osterfest. Cäsar von Hofacker musste allen versprechen, auf seine große Leidenschaft, das Fliegen, zu verzichten. Es war den Familienangehörigen zu gefährlich.
Auf "Allerhöchsten Wunsch s.M.d. Königs" wurde Cäsar von Hofacker zur Ersatz-Eskadron des Ulanen-Regiments 20 versetzt und schließlich im Juni 1918 zur Deutschen Militär-Mission in die Türkei abkommandiert. Die Stauffenberg-Brüder wuchsen im Zentrum von Staatsmacht und Militär heran, aber auch dörfliches Leben, Kunst und Kultur spielte eine große Rolle.
Als die Zwillinge Alexander und Berthold kräftig genug waren, den Lautlinger Bäuerinnen bei der Ernte zu helfen, ging es kurz nach 6 Uhr hinaus zum Mähen. Claus zog das Vieh aus dem Stall und spannte an. Im frischen Heu bauten die Stauffenberg-Kinder gemeinsam "Fuchsbauten, 5-10 m lange unterirdische Gänge mit 3 Ausgängen", jäteten Unkraut aus Wegen und Beeten und säten ein. In dieser Zeit kam der fünfmal im Ersten Weltkrieg verwundete "Kriegsheld", Herr von Plüskow mit seinen Eltern aus Ludwigsburg zum Tee auf das Stauffenberg-Schloss in Lautlingen.
Eine willkommene Ferienabwechslung für die Stauffenberg-Brüder. Plüskow war sehr stark am Fuß verwundet und trug eine Schiene. Man musste ihn vom Wagen aus zu dritt in den Garten tragen. "Der schneidige Kerl wollte aber trotz seiner fünf Verwundungen wieder an die Front". Auch den Vater von Plüskow galt es für die Kinder zu bestaunen: Mit 2 Meter und 8 cm Größe war er der längste Soldat in der damaligen Armee. Der Kaiser nahm ihn daher immer als Flügeladjutanten auf Auslandsreisen mit.
Aber auch die andere Seite des Krieges abseits von Glanz und Gloria bekamen die jungen Stauffenberg-Kinder immer wieder mit. Ihre Tante Ulla, Oberin des Deutschen Roten Kreuzes, kam aus Moskau ins Lautlinger Schloss, noch unter dem Eindruck der Ermordung des deutschen Gesandten Graf von Mirsbach-Harff während des Bürgerkriegs in Rußland. Tante Ulla hatte per Bahn und Schlitten als Schwester Kriegsgefangenenlager bereist, unter anderem in St. Petersburg und Ostsibirien.
Tante Ulla (Bildmitte, in Rot-Kreuz-Tracht)
Die Zustände in den Lagern waren erschütternd, wie sie ausführlich berichtete. Noch konnte sich niemand ahnen, dass einmal das Vermächtnis des 1. Weltkriegs 20 Jahre später Europa noch schwerer ins Unglück stürzen würde. Schon im November 1914 hatte der Chef des Großen Generalstabes, General Erich von Falkenhayen, dem damaligen Reichskanzler von Bethmann Hollweg gesagt, der Krieg könne nicht mehr gewonnen werden. Seitdem hatten dennoch deutsche und verbündete Heere Jahr für Jahr in verlustreichen Offensiven und unmenschlichen Giftgas- und Stellungskriegen die Entscheidung gesucht.
Waffenstillstand und Revolutionsgedanken
Der am 3. März 1918 mit dem revolutionären Rußland geschlossene Friede von Brest-Litowsk brachte auch nicht die von Falkenhayns Nachfolger General Ludendorff erwartete Entlastung. Die 1917 in den Krieg eingetretenen Amerikaner glichen die Verluste der Franzosen und Engländer aus. Am 13. August erklärte General Ludendorff dem neuen Reichskanzler Herrling, dass es nicht mehr möglich sei, "den Feind durch Angriff friedenswillig zu machen". Die Beendigung des Krieges musste auf diplomatischem Weg herbeigeführt werden.
Gräfin Stauffenberg erfuhr auf dem Weg von Stuttgart nach Jettingen vom deutschen Waffenstillstandsgesuch. Sie notierte später, "nach all den Heldentaten und all dem Blutvergießen stehe man plötzlich vor dem schimpflichsten und demütigsten Frieden, der jemals einem Volk geboten worden sei". Sie ging mit ihren Söhnen noch am späten Abend in die Kirche. Claus brach in Tränen aus und sagte: "Mein Deutschland kann nicht untergehen und wenn es jetzt auch sinkt es muss sich wieder stark und groß erheben es gibt noch einen Gott". Auch Alexander war erschüttert und verzweifelt, Berthold äußerste sich nicht. Württembergs König Wilhelm II., vom Volk verehrt und geliebt, hatte schon 1913 ahnungsvoll erwähnt, er werde wohl der letzte Regierende seines Hauses sein.
Doch als die Novemberrevolution von 1918 über das Land zog, wollte der württembergische König keinen Tropfen Blut seiner Landeskinder mehr opfern. Er lehnte den Vorschlag des Generaladjutanten Generalleutnant von Graevenitz ab, Maschinengewehre und Truppen in die Stuttgarter Residenz, das Wilhelmspalais, verlegen zu lassen.
Eine Republik könne nicht aus einzelnen Monarchien weiter bestehen, so der württembergische König, mit dem Kaiser fielen auch die übrigen Fürsten. Gräfin Stauffenberg erinnerte sich noch ganz genau an diesen 6. November 1918 in Stuttgart. "Am Vormittag, Umzüge am Schlossplatz... Am Nachmittag ist das Ministerium dicht umlagert. Ich gehe mit den Kindern aus und wir sehen den König, der ganz allein mit seinem Hund in dem Garten spazieren geht vom Publikum ehrbietig gegrüßt".

Für den 9. November wurden Volksversammlungen und Aufmärsche der SPD und Freigewerkschaften erwartet, die den König zur Abdankung bewegen sollten. Am selben Tag proklamierte Württembergs König Wilhelm II. die Wahl einer konstituierenden Landesversammlung zur Entscheidung über die künftige Regierungsform im Land. Die November-Revolution 1918 stieß auch bei Stuttgarter Arbeitern und Soldaten auf große Resonanz. Sie demonstrierten mit roten Konkarden und Mützen in der Innenstadt, setzten dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal eine Zipfelmütze auf und klemmten dem Standbild eine rote Fahne unter den Arm.
Wilde Reden und Rote Fahnen
Gegen 11 Uhr vormittags, als die Minister beim König im Stuttgarter Wilhelmspalast waren, drängte die Menge in die königliche Residenz. Die Wachen ließen sich entwaffnen, Leibarzt Dr. Gußemann, Kabinettschef Freiherr von Neurath, Oberhofmarschall Graf Stauffenberg und die Dienerschaft hinderten die aufgebrachte Menge zum König vorzudringen. Die königliche Standarte mit den drei schwarzen Hirschhörnern auf gelben Grund wurde eingeholt, die rote Fahne mit Gewalt über dem Königshaus gehisst. Revolutionsposten zogen am Palast auf, und die Menge zerstreute sich langsam. Der König dankte zwar nicht ab, wollte aber auch nicht weiter unter der roten Fahne residieren und beschloss Stuttgart zu verlassen.
Die Familie Stauffenberg erlebte diesen 9. November 1918 aus nächster Nähe: Um 10 Uhr standen in der ganzen Stadt die Straßenbahnen still, "die Menschenmenge wogte um das Alte Schloss hin und her, am Kaiser-Wilhelm-Denkmal wurden wilde Reden gehalten." Später stürmte die Menge den Wilhelmsbau, wo sich die in Bereitschaft liegenden Soldaten entwaffnen ließen.

Man sah die Königsstandarte niedergehen. Am Nachmittag ging Caroline Gräfin Stauffenberg zur Königin. Ein "kleiner Kerl" vom Soldatenrat ließ sie mit devoter Verbeugung zur Königin hinein. Der König kam hinzu und sagte, "er wolle, und man könnte endlich wegfahren, er habe ja hier nichts mehr zu schaffen".
Und dann weiter zu Stauffenbergs Mutter, "Sie müssen doch wirklich sagen, ich klebe nicht an diesem Posten, aber so wegzukommen, das ganze Militär hat mich ja verlassen" und dabei rollten ihm Tränen in den weißen Bart. Am Abend fuhren der König, die Königin und ihre Begleitung in zwei Autos nach Bebenhausen ab. Mit im Tross Oberfeldmarschall Graf Stauffenberg, der Flügeladjutant von Rom, der Generaladjutant von Graevenitz, sowie Kammerherr und Hofdame.
Voraus und hinterher fuhren rote Garden. Dank der Weitsicht Stauffenbergs verlief die Übersiedlung ohne Zwischenfälle. Um neun Uhr abends waren alle sicher in Bebenhausen. Die Stauffenberg-Kinder erlebten dies alles persönlich mit. Tumulte, Entwaffnungen und das Aufziehen der roten Fahnen. Mit dem 30. November ging auch für die Familie Stauffenberg eine Ära innerhalb der Monarchie mit tiefem gesellschaftlichem Bruch ihrer Stellung in königlichen Diensten zu Ende. Sie hatten Jahrhunderte lang regierenden Monarchen gedient.
Sie waren selbst Herren gewesen über Untertanen, Bauern und Diener. Die königlichen Domänen, Wälder und sonstiges Krongut wie die Schlösser in Ludwigsburg und Stuttgart gingen in den Besitz des Staates über. Der Adel wurde zwar nicht enteignet, aber den Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches untergeordnet. Graf Stauffenberg verhandelte nun als Bevollmächtigter des entmachteten Königs mit der neuen württembergischen Landesregierung und vereinbarte die Jahresrente für König und Königin sowie die künftigen Besitzverhältnisse. Wilhelm II. legte danach die Krone freiwillig nieder.
Dichtung und Wahrheit
Die politische Lage war völlig unsicher. Der König aber wollte, entgegen dem Rat seiner Getreuen, das Land nicht verlassen. Die Königin fuhr nach Lautlingen auf das Stauffenberg-Schloss und übergab ihren Schmuck der Gräfin von Stauffenberg, die ihn erst unter dem Bett versteckte und dann am Körper verborgen in die Schweiz brachte. In der Stauffenberg-Familie diskutierte man über die politische Entwicklung einerseits mit positivem Interesse und andererseits mit völliger Ablehnung wie: "Die neue Regierung ist ein Lumpenpack".
Erster Präsident in Württemberg war jetzt der 70-jährige Wilhelm Blos. "Erst hatten wir bloß den Wilhelm, jetzt haben wir den Wilhelm Blos", hieß es im Volksmund. Aber die November-Revolution brachte auch mehr: den Frauen endlich das aktive und passive Wahlrecht, Arbeiterinnen den Acht-Stunden-Tag. Die "kleinen Leute" konnten seitdem auch in der Wilhelma und im Wald zwischen Solitude und Bärenschlössle spazieren gehen. Die königlichen Privilegien erloschen. Jetzt war das Volk am Zug.
Die drei Stauffenberg-Brüder erhielten wieder Privatunterricht im "Türmle": An der Gartenmauer des Schlosses in Lautlingen wurde gemeinsam gefrühstückt und diskutiert. Claus steckte immer voller "Theorien". Hauslehrerin Elisabet Dipper führte mit ihm oft lange Unterhaltungen. Einmal sagte er: "Wenn ich an die Ewigkeit denke, werde ich immer traurig, bei der die vor einem liegt, noch viel mehr bei der Verflossenen, weil die einen selbst angeht. Ewigkeit kann man eben nicht denken."

"Claus von Stauffenberg war schon ein besonderer Junge," sagte die Hauslehrerin immer wieder. Doch alle Stauffenbergs hatten, jeder Einzelne für sich, besondere Begabungen und Neigungen. Auch die großen Dichter der Zeit zogen die Brüder jetzt besonders an. Daran mögen die Ansprüche der Mutter ihren Anteil gehabt haben. Sie stand damals in Korrespondenz mit Rilke, der bei ihrem Verwandten, dem Münchner Arzt Dr. Wilhelm Freiherr Schenk von Stauffenberg, in Behandlung war.
In der Schule beschäftigte man sich mit Conrad Ferdinand Meyer und Martin Heidegger. Berthold, Alexander und die Freunde Theodor Pfitzer und Hans-Ulrich Marchtaler veranstalteten "Faust-Abende" und lasen Werke von Hebbel und Kleist, natürlich Rilkes "Cornet" und interpretierten Verse von Hoffmannsthal.
Der Dichter Stefan George trat über Familienfreundschaften zu dieser Zeit auch in "stauffenbergsche Kreise" ein. George beschäftigte sich damit, die deutsche Dichtung nach den Vorbildern Pindar und Hölderlin zu erneuern. Zur Jahrhundertwende bildete sich um George ein Kreis von Freunden und Verehrern, dem auch jüdische Schriftsteller wie Wolfskehl, Gundolf (der später als Professor dem Propagandaminister Goebbels das Promotions-Thema gab) und von Hoffmannsthal angehörten. Auf Veranlassung von Goebbels wurde auch ein Stefan George-Preis gestiftet, der allerdings nur einmal verliehen wurde, im Jahre 1934.
Die Familie von Stauffenberg wohnte jetzt, wegen der Arbeit des Vaters, in der herzoglichen Rentkammer, Jägerstraße 18, beim Stuttgarter Hauptbahnhof, dem damals modernsten Bau des bekannten Architekten Paul Bonatz. Berthold und Alexander gingen weiter in Stuttgart zur Schule, Claus blieb mit den Üxküll-Grafenkindern in Lautlingen und erhielt von Elsbet Miller Privatunterricht.
Berthold las Sprenglers soeben erschienenes Buch "Preußentum und Sozialismus" und bereitete in den Weihnachtsferien ein Referat über germanische und christliche Schöpfungsmythen vor. Claus begeisterte sich für Architektur und zeichnete Häuser. Gemeinsam mit Freunden spielten die Brüder kleine Rollen in Szenen aus Hölderlins "Empedokles" und aus Hoffmannsthals "Tod des Tizian". Auch der vierte Akt von Shakespeares "Julius Cäsar" stand auf dem Privat-Spielplan der Stauffenberg-Kinder in Lautlingen.
1920 gaben die drei Brüder sogar eine handgeschriebene und selbst vervielfältigte Zeitung heraus: "Hermes". Bertholds Beitrag hierzu verglich den 1. Weltkrieg mit dem siebenjährigen Krieg. Alexander lieferte Gedichte und ein Märchenfragment, Claus ließ sich mit Ansichten über Arbeitslosenunterstützung vernehmen, die wahrscheinlich von seinem Vater stammten.
In diesen Jahren bis zu Beginn des Studiums gehörten die Zwillinge und Claus von Stauffenberg den Neupfadfindern an. Sie wanderten viel, lasen am Feuer vor dem Zelt "Der Stern des Bundes" von Stefan George, sangen Landsknechtlieder, sprachen über das Schicksal des Reiches und von der Volksgemeinschaft. Damals hatte Berthold von Stauffenberg schon Stefan George persönlich kennengelernt.
Claus nahm in allem am Leben der älteren Brüder teil, spielte, redete, las mit ihnen und begeisterte sich auch für Stefan George, den Lyriker der deutschen Neuromantik. George, 1868 in Büdesheim (Hessen) geboren, Sohn eines Gastwirts und Weinbauers, war seit 1888 auf Reisen durch Europa ohne festen Wohnsitz. Ein Umstand, der die Mutter der Stauffenberg-Brüder nicht gerade begeisterte. George studierte in Paris, Berlin, München und Wien. Zu seinem Bekanntenkreis gehörten Mallarmé, Verlaine, Rodin und Hugo von Hoffmannsthal. Seit 1900 vertrat George eine strenge Lebensführung auf der Grundlage der Männerfreundschaft mit einer gleichgesinnten Elite.
Der Vertrag von Versailles -
die ersten Hakenkreuze tauchen auf
Im Mai 1923 immatrikulierten sich Berthold und Alexander von Stauffenberg an der Universität Heidelberg. Zuvor schrieben sie in Briefen, wie auch später ihr Bruder Claus, was sie für ihre Pflicht angesichts der Lage der Nation hielten. Vorbehalte gegen den neuen Staat hinderten nicht daran, den Dienst für Vaterland und Volk zu ihrem Lebenszweck zu machen.
Die Alternative, Landwirtschaft, wäre für alle Brüder nicht in Frage gekommen. Zu Lautlingen gehörten zwei Pachthöfe von je etwa 150 Hektar. Claus von Stauffenberg hierzu später: "So ein Landbesitz habe nur die Aufgabe, der Familie die Ausbildung der Kinder für den Staatsdienst als Offiziere, Beamte oder in freien Berufen zu ermöglichen". Alle drei wollten Berufe erlernen, die ihren "bedeutenden, geistigen Anlagen" gemäß waren, wozu die Mutter sie bewusst erzogen hatte. Die Stauffenberg-Brüder beanspruchten daher mit Selbstverständlichkeit ihren Platz an herausragenden Stellen für den Dienst am deutschen Volk.
Angesichts der französisch-belgischen Besetzung des Ruhrgebietes am 11. Januar 1923 ging ein nationaler Aufschrei durch ganz Deutschland. Generaloberst von Seekt, Chef des deutschen Heeres, das durch den Versailler Vertrag auf 100.000 Mann beschränkt war, sah sich durch die Besetzung politisch "befreit" und Deutschland in den Stand der Notwehr versetzt. Seekt erlaubte daraufhin die Ausbildung von Reservisten in der sogenannten "Schwarzen Reichswehr". Die interalliierten Militär-Kontrollkommissionen wurden unter Vorwänden nicht mehr zur Kontrolle in die deutschen Kasernen gelassen. So ließ sich die damals völkerrechtlich illegale Reservistenausbildung abschirmen.
Berthold von Stauffenberg ging nach Schwäbisch Gmünd zum Ausbildungs-Bataillion des Infanterie-Regiments 13. Später stand in der Kandidatenliste für die höhere Justizdienstprüfung bei ihm unter seinem Namen zu lesen "nicht gedient" vermutlich wegen der Geheimhaltung der "schwarzen" illegalen Ausbildung. Alexander diente später in der 4. (Badischen) Eskadron unter Rittmeister Leo Freiherr Geyr von Schweppenburg. "Zum Soldaten sei er nicht geboren", fand aber die Reiterei wundervoll. Danach schrieb sich Berthold von Stauffenberg in Jena für die Fächer Jura und Philologie ein. Sein Bruder Alexander ging zum Wintersemester nach Tübingen und studierte Rechts- und Wirtschaftswissenschaften.

Im Januar 1923 gingen in ganz Deutschland die Ruhrbesetzung, die "schwarze Reservistenausbildung", Kommunistenaufstände in Sachsen und Thüringen, das Rumoren der "nationalen Kampfverbände" in Bayern und der Hitler-Putsch in München am Volk nicht spurlos vorüber. In den Stuttgarter Schulen tauchte manches schwarz-weiß-rote Band oder Hakenkreuz an Rockaufschlägen auf. Auch im Eberhard-Ludwig-Gymnasium wurde es unruhig, obwohl der Direktor Hermann Binder streng für Burgfrieden sorgte. Schüler des Karls-Gymnasiums mit schwarz-weiß-roten Bändern provozierten auf der Hauptstädter Straße die schwarz-rot-golden orientierten "Volks-" und "Bürger"-Schüler.
Als erster der Stauffenberg-Brüder trat Berthold nach dem Sturz der Monarchie in höchste Staatsämter ein. Ab 1. März 1929 wurde er vom Justizdienst beurlaubt, um eine Assistentenstelle am Kaiser-Wilhelm-Institut für ausländisches, öffentliches Recht und Völkerrecht einzunehmen. 1931 empfahl ihn sein Institut an den ständigen Internationalen Gerichtshof, wo er im Büro des Kanzlers Ake Hammarsskjöld seine Arbeit aufnahm.
Alexander Graf Stauffenberg war hingegen seit 1931 Privatdozent für alte Geschichte, später außerordentlicher Professor in Würzburg. Bis 1933 war er beim "Wehrstahlhelm", dann trat er in den 2. Sturm der Brigade 79 der SA ein. Wegen seiner unvorsichtigen Haltung gegenüber dem nationalsozialistischen Regime, aus der er keinen Hehl machte, hatte er wenig Kontakt mit seinen alten Freunden. Er stürzte sich auch in dieser Situation vor allem in seine wissenschaftlichen Arbeiten.
Vorsehung - Abitur und Offiziersausbildung
Am 21. Oktober 1925 beantragte Claus von Stauffenberg in Württemberg die Zulassung zur Reifeprüfung als außerordentlicher Teilnehmer. In der Anmeldungs- und Zeugnisliste für die Reifeprüfung ließ Claus als Berufsziel "Offizier" eintragen. Claus bestand die Prüfung, und seine Abiturzeugnisse lagen über dem Klassendurchschnitt. Im Mai 1926 umschrieb Alexander in einem Gedicht über seinen Bruder (mit einem bemerkenswerten Anflug von Vorahnung), wie der Soldatenberuf seiner Meinung nach Claus von Stauffenbergs Natur entsprach und dem seinem Bruder eigenen:
"unstillbaren Drang
nach Taten so fern
bis Du an Deinem Herzen
den findest noch im
Untergang".
Nach seinem anschließenden Eintritt in das 17. (Bayerische) Reiterregiment in Bamberg schrieb Claus von Stauffenberg seinem Vater, ihm sei klar gewesen, dass die ersten Jahre "nicht sehr schön" sein würden, es sei ja "für unsereins nicht leicht längere Zeit hindurch den 'Gemeinen' zu spielen" und auf das Geistige weitgehend zu verzichten. Wie die meisten seiner Kameraden liebte er die Weimarer Republik nicht. Zu tief saß die Liebe zur Monarchie und das Miterlebte am Stuttgarter Königshof aus seiner Jugendzeit.
Nach der Grundausbildung ging Claus von Stauffenberg auf die Infanterie-Schule nach Dresden. Kommandeur war hier Oberst Alexander von Falkenhausen. Im Fach Taktik bestach Stauffenberg seine Kameraden immer wieder. Hierzu gehörte auch Manfred von Brauchitsch, Neffe des späteren Oberbefehlshabers des Heeres.
Wenn der Taktiklehrer Hauptmann Dietl, später populären Generalmajor der Gebirgsjägertruppe, der Narvik verteidigte und als erster Wehrmachtssoldat mit dem Eichenlaub ausgezeichnet wurde, wieder einmal im Hörsaal "Lagebeurteilung, Entschluss und Begründung" verlangte, und wenn "Stauf" dann formulierte, war Stille im Saal und Dietl hatte nichts hinzuzufügen.
Stauffenberg hatte diese Erfolge auch seinem Charme, seiner Schulbildung, "seiner literarischen Beschäftigung und kühnen Brillanz" zu verdanken. Brauchitsch, der lieber Motorrad fuhr, wenn Stauffenberg sein Cello spielte, konnte sich nicht vorstellen, warum ein so den Musen zugeneigter Mensch wie "Stauf" eigentlich Offizier werden wollte. Stauffenberg fuhr in dieser Zeit oft nach Berlin, um Lesungen von Stefan George zu hören, der mit seinen Versionen von einem kommenden neuen Reich und seiner schroffen Ablehnung von Marxismus und Demokratie stark auf die immer wiederkehrenden Rechte und nationalsozialistische Kreise wirkte.

Hier traf Stauffenberg auch oft seine Brüder Berthold und Alexander. Am Ende der Offiziersausbildung (1. August 1929) ging Stauffenberg als Oberfähnrich ab. Als Sechsbester des Kriegsschuljahrgangs und als Bester der Kavallerie bekam er nach der Offiziersprüfung in Hannover den Ehrensäbel "für hervorragende Leistungen". Er kehrte zum Bamberger-Regiment zurück und wurde hier am 1. Januar 1930 zum Leutnant befördert.
Claus von Stauffenbergs nächstes Ziel hieß nun: Generalstabsoffizier werden. Doch zuvor standen Manöver auf dem Ausbildungsprogramm, im Mai 1930 in Munsterlager; Mitte September am Main und an der Saale, mit dem krönendem Abschluss eines Paradegalopps in Linie vor dem Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg.
Claus von Stauffenbergs Reiterregiment hatte sich bravourös hervorgetan, in dem seine Kompanie ohne Hilfsmittel die tiefe Saale überquerte und der Infanterie und der weit rückwärts stehenden Artillerie, der sogenannten "roten Seite", erfolgreich in den Rücken fiel.
Am 15. November 1930 verlobte sich Leutnant Graf Claus von Stauffenberg mit Nina Freiin von Lerchenfeld, Tochter eines mit dem Regiment verbundenen früheren königlich bayerischen Kämmerers und kaiserlichen Generalkonsuls. Seiner Schwiegermutter in spe zitierte Claus von Stauffenberg gegenüber Friedrich den Großen, der gesagt habe, für einen Offizier sei eine Frau ein notwendiges Übel.
Krieger sollten nicht heiraten, doch müsse wenigstens in Frieden den Bedürfnissen nach Familie und Nachwuchs Genüge getan werden.
Dreizehn Jahre nach dem 1. Weltkrieg stand das Deutsche Reich noch immer unter Aufsicht der Siegermächte. Nicht nur in der Reichswehr empfand man diese Tatsache als demütigend angesichts der viel größeren Heere kleiner Nachbarstaaten wie Polen und der Tschechoslowakei und mit dem gegen Deutschland verbündeten Frankreich, das alleine mehr als 600.000 Mann unter Waffen hielt, während Deutschland überhaupt keine Reservisten ausbilden durfte.

In diesen Jahren zwischen 1930 und 1932 bildeten Claus von Stauffenberg und sein Regimentskamerad von Pezold in nächtlichen Felddienstübungen wie überall in der Reichswehr heimlich SA-Leute aus. Der Zusammenbruch der Weltwirtschaft 1929 hatte auch in Deutschland schwere wirtschaftliche, soziale und politische Folgen. 1932 setzte die Arbeitslosigkeit Millionen Menschen der Verelendung aus. Viele mussten pro Tag von sechzig Pfennig pro Person leben.
Leutnant Graf Stauffenberg glaubte jetzt mehr als seine Brüder, dass die Nationalsozialisten Deutschland wieder stark machen werden. Die Weimarer Republik bietet für ihn dazu keine Möglichkeiten. In Artikel 22 des NSDAP-Parteiprogramms wurde die Bildung eines großen Volksheeres gefordert, davon war ein Teil des Offizierskorps natürlich fasziniert.