Gottes neue Sturmabteilung
Jeder Christ weiß: Jesus ist Sohn einer jüdischen Mutter aus Nazareth und das liegt in Galiläa, dem nördlichsten Teil des Westjordanlandes. In biblischer Zeit rümpften echte Juden die Nase über die Galiläer: Sie waren so etwas wie "Beute-Preußen" aus dem Norden.

Als der Antisemitismus gegen Ende des Ersten Weltkrieges neue Hochzeiten erlebte, nahmen die Chefideologen die besondere Stellung der Galiäer zum Anlaß, "zu beweisen", dass in den Adern des historischen Jesus kein Tropfen jüdisches Blutes gewesen sein. Je nach Glaubensstand machte man sich seinen eigenen Reim daraus: Sofern die einen an die Jungfrauengeburt glaubten, unterstrich man einfach die Abkunft Mariens aus der nichtjüdischen Unterschicht Galiläas, die doch angeblich arisch war, der Heilige Geist als Vater bereitete auch keine Schwierigkeiten, da rassisch nicht vorbelastet.



Oder, sofern man die Jungfrauengeburt als Dogma verwarf, machte man Jesus schlicht zum unehelichen Kind aus einer arisch-galiläischen mit einer arisch-römischen Verbindung. Alles weitere fügte sich fast von selbst. Als Jesus nach Judäa gewandert sei, habe er das bereits in dem Bewusstsein getan, dort auf dem jüdischen Schafott sterben zu müssen.

"Jesus als erstes prominentes Opfer des jüdischen Hasses auf Nichtjüdische," so die nationalsozialistische Sprachregelung. Was lag daher näher, als arteigene Frömmigkeit zu pflegen, Gott auf deutsche Art zu suchen und Jesus als arischen Helden zu verkünden. Dass sich evangelische Christen gegen ihre Glaubensgenossen jüdischen Ursprungs wandten, gab es jedoch nicht erst seit Hitlers Machtübernahme. Schon Ende der zwanziger Jahre hatte sich eine neue Glaubensbewegung aufgetan, die sich "Deutsche Christen" (DC) nannte. Die Deutschen Christen wollten Gott auf deutsche Art suchen und waren gegen alles, was sie als gefährlich für das reine deutsche Volkstum ansahen: "...also besonders gegen das Jüdische in Religion und Staat."

Als im Herbst 1932 die Kirchenwahlen bevorstanden, entfesselten die Deutschen Christen einen Wahlkampf getreulich nach den Mustern der NSDAP. Überall marschierten Theologiestudenten, Pfarrer und Laien in die Kirchen ein in brauner Uniform, feldmarschmäßig ausgerüstet, den Tornister auf dem Rücken – gelegentlich sogar mit umgeschnallter Pistole oder geschultertem Karabiner. "Gottes neue Sturm-Abteilung", so nannten sie sich stolz. Evangelische Jugendgruppen, die weiterhin fest zur Weimarer Demokratie standen, wurden buchstäblich zerschlagen.

Auch in Württemberg standen viele Pfarrer den Rechtsparteien durchaus positiv gegenüber. Selbst, damals noch Kirchenpräsident und später Landesbischof Theophil D. Wurm ließ sich zu Beginn der Weimarer Republik für die "Bürgerpartei", dem württembergischen Flügel der DNVP, in den Stuttgarter Landtag wählen. Als dann die Rechtsparteien mit Hitler kooperierten, unterstützte auch Wurm dies uneingeschränkt. Bei der Verfolgung politischer Gegner und auch Juden griff die Kirchenleitung trotz der Proteste einzelner Pfarrer nicht ein. Proteste aus Stuttgart hörte man erst, als die Gleichschaltung auch vor der Landeskirche nicht halt machte.

Als die Deutschen Christen (DC) eine zentralistische von Hitler abhängige Reichskirche schaffen wollten, verstärkte dies den Druck auf die Landeskirche immer mehr und mehr, sie bliesen zur Entscheidungsschlacht: Sie forderte die "freiwillige" Eingliederung der Landeskirchen. Nun brach der Kampf erst richtig los. Die ersten innerkirchlichen Gruppen organisierten sich, als es um eine neue Kirchenverfassung und um Wahlen des Reichsbischofs ging. Für die DC¹ler war alles klar: An der Spitze der nach dem Führerprinzip neu organisierten Reichskirche gehörte der Königsberger Militärpfarrer Ludwig Müller. Er hatte sich auf seine Weise als qualifiziert erwiesen, mit Sätzen wie "unser Reichskanzler Adolf Hitler ist für uns alle ein Gottesgeschenk". Neutrale und Antinazi-Protestanten präsentierten einen Gegenkandidaten: Friedrich von Bodelschwingh, Sohn des berühmten Gründers der Betheler Anstalten.

Die Vertreter aus elf Landeskirchen gaben ihm ihre Stimme. Acht stimmten dagegen mit nein. Schon wenige Tage später rannten die Deutschen Christen in Berlin auf die Straße. Sie forderten Bodelschwinghs Rücktritt. "Formfehler" bei der Wahl wurden vorgeschoben und Parteigenosse August Jäger zum Staatskommissar für kirchliche Angelegenheiten ins Amt gehievt. Bodelschwingh trat sofort zurück.



Das Ergebnis der Neuwahlen stand bereits schon vorher fest. Ludwig Müller wird statt Bodelschwingh Reichsbischof. Mit entsprechendem Druck unterstützt vom gesamten nationalsozialistischen Propagandaapparat trieben die Nazis über 80 Prozent aller getauften Christen an die Wahlurnen. Was Ludwig Müller nach seiner Wahl mit dem zynischen Satz kommentierte: "Welch Wunder durch Gottes Fügung." Schon als Hitler in die Reichskanzlei einzog, riefen die Deutschen Christen schon lauthals nach der Gleichschaltung der Kirche. Und noch besser: ihr Chefideologe Reinhold Krause rief im Berliner Sportpalast zur zweiten Reformation auf. Begeistert ist das Echo der zwanzigtausend auf Pastor Krauses neues Heidentum.

Abschaffung des Kruzifixes, entsprechend der deutsch-christlichen Grundüberzeugung, dass "kein Volk sein Ideal ans Kreuz schlägt". Entfernung des Alten Testamentes aus der Bibel, da es eh nur "jüdische Lohnmoral, Viehhändler- und Zuhältergeschichten" enthalte. In der alten märkischen Feldsteinkirche St. Anna in Berlin-Dahlen kämpft Pfarrer Niemöller vehement gegen diese braunen Thesen.

Niemöller, hochdekorierter U-Boot-Kommandant des Ersten Weltkrieges und sicher deutschnational eingestellt, ist jedoch entschieden dagegen, dass sich seine Kirche vom Evangelium löst und an den Staat bindet. Niemöller und sein von ihm ins Leben gerufene Pfarrer-Notbund bieten sogar Paroli. Sie nennen das, was bei den Deutschen Christen die "zweite Reformation" heißt, beim richtigen Namen: "Gotteslästerung und heidnische Überheblichkeit". Selbst Hitlers persönlicher Freund und Gefolgsmann Reichsbischof Ludwig Müller ist verärgert über die Sportpalast-Resolution Reinhold Krauses. Entsteht jetzt eine Nazi- und eine Antinazikirche? Keinesfalls.



Ein Jahr lang bemühte sich Reichskanzler Hitler, von Haus aus Katholik und angeblich auf dem Boden eines "positiven Christentums" stehend, die beiden großen Konfessionen auf seine Seite zu ziehen. Hitler versprach den evangelischen Kirchenstreit bei zu legen. Aber er dachte im Grunde gar nicht daran. In einem vertraulichen Bericht vom 5. Januar 1934 heißt es: "Gestern hat ein Besuch beim Führer seitens eines alten Kriegskameraden stattgefunden... Der Führer ist in höchster Erregung gewesen, er wolle überhaupt nichts mehr wissen von der evangelischen Kirche und werde weder einen Bischof noch einen Reichsbischof empfangen. Die Kirche soll tun, was sie wolle, er sei schwer enttäuscht über sie... Der Reichsbischof hat am Führer keinen Rückhalt mehr, die Kirche muß sich selbst helfen."

Die Stimmung in Kirchenkreisen wurde immer frostiger, auch Landesbischof Theopil Wurm wurde nun nach und nach entmachtet. Zunächst leitete ein Berliner Konsitorialpräsident die Landeskirche. Wurm übte nur noch seine geistlichen Rechte aus.

Da sich der formal beurlaubte nicht nazikonforme Wurm den Weisungen von oben nicht fügte, holte man als geistlichen Kommissar den Ebinger Stadtpfarrer Krauß nach Stuttgart. Krauß, der schon in Ebingen vehement für die Deutschen Christen eintrat, wurde mit der neuen Aufpasserrolle in Stuttgart belohnt. Seine Arbeit in Ebingen hatte große Erfolge vorzuweisen, denn nicht wenige Einwohner ließen sich für die Naziprotestanten werben.



Allerdings spürt die gläubige Basis lange nichts von den Auseinandersetzungen zwischen der Landeskirche und Deutscher Christenführung. Das lag sicher auch daran, dass die württembergische Landeskirche lange Zeit den Ausgleich mit den nationalsozialistischen Protestanten suchte. Die Auseinandersetzungen lassen sich besonders in Ebingen gut verfolgen, weil Krauß eben hier Stadtpfarrer war. Allerdings blieben die Mißhelligkeiten im großen und ganzen auf Pfarrer und Kirchengemeinderat beschränkt. Immer stärker befehdeten sich die Kirchenmänner aber hinter den Kulissen.

Diese Tendenz nahm noch zu, als am 17. September 1934 das württembergische Innenministerium eine Verordnung erließ, die Pfarrern und Kirchenratsmitgliedern verbot, alle den Kirchenstreit betreffenden Auseinandersetzungen öffentlich zu führen. Nur wenig später durften sich auch die Kanzelverkündigungen nicht mehr mit dem Kirchenkampf befassen. In ganz Württemberg stellte sich jetzt die Mehrheit der Pfarrer (etwa 950), in Tübingen alle Theologiestudenten und auch die Professoren hinter Wurm. Diesen Vertrauensbeweis für den aufrichtigen Landesbischof teilten prompt die Ebinger Stadtpfarrer Kieser, Jahn und Stadtvikar Schmitthenner ihren Gläubigen mit.

Als sich der Konflikt um den Landesbischof nach seiner Beurlaubung zu spitzte, meldeten sich die Anhänger beider Gruppierungen jetzt auch wieder in der Öffentlichkeit zu Wort. Das Flugblatt des Stuttgarter Oberkirchenrats veröffentlichte kein Geringerer als Theodor Müller. Der einst erste NSDAP-Gemeinderat und Hauptlehrer war inzwischen zum Rektor in Göppingen und Leiter der Kirchenrats-Pressestelle aufgestiegen und mischte getreu seiner nationalsozialistischen Gesinnung auch auf dieser Ebene wieder kräftig mit.



Teilweise kam es sogar zu Handgreiflichkeiten – Versammlungsverbote blieben unbeachtet und immer öfter griff die Polizei ein. Wurm polarisierte die Massen über wegen seiner Absetzungsdebatte. Dem Reichsstatthalter und Gauleiter Murr wurde das zu viel und er verhängte über Wurm die Schutzhaft "in mildester Form": Hausarrest. Was im einzelnen sich bei den Protesten tat, zeigt besonders das Beispiel der kleinen Gemeinde Truchtelfingen: Pfarrer Hafner wollte im Gemeindehaus über die Situation der Kirche sprechen. Einladungszettel wurden verteilt, damit die Zusammenkunft als geschlossene Veranstaltung angesehen werden konnte. Trotzdem verbot die Polizei diese Versammlung. Gleichzeitig suchte Bürgermeister Höfel im Polizeiwagen mit SA-Begleitung den Truchtelfinger Pfarrer, der zu diesem Zeitpunkt gerade spazieren ging: Höfel suchte ihn so auffällig, dass der Eindruck entstand, der Geistliche solle verhaftet werden.

Er wollte ihm jedoch nur noch einmal mitteilen, dass die Versammlung verboten sei. Diese "Suchaktion" sorgte in Truchtelfingen für genügend Aufregung. Die Einwohner, die am Sonntag einladungsgemäß zum Gemeindehaus kamen, wurden von der Polizei heimgeschickt. Jetzt waren die Truchtelfinger davon überzeugt, dass ihr Pfarrer verhaftet werde. So versammelten sich tags darauf gut 400 Menschen vor dem Pfarrhaus um Häfner, ein Solidaritätsständchen zu singen. Die einheimische Polizei wurde mit der Menge jedoch nicht fertig, nachdem der Truchtelfinger SA-Sturm den Befehl zum Eingreifen verweigerte, man kannte sich wohl zu gut untereinander. 30 SS-Leute rückten danach von Ebingen an, während der Volkszorn vor dem Pfarrhaus immer höhere Wogen schlug.

Die angeforderte Kampftruppe aus Ebingen verhaftete den Pfarrer und gleichzeitig unzählige Demonstranten. Doch der Platz im Rathaus reichte für alle Festgenommenen nicht mehr aus und so ließ man einen Großteil der Leute wieder frei. Um kein weiteres Öl ins Feuer zu gießen, bemühte sich das Dekanat in Balingen danach, dass Pfarrer Hafner nicht beurlaubt werde. "Denn jeder DC-Pfarrer, der in Truchtelfingen eingesetzt werde, habe in der Gemeinde keine Chance auf Gehör."

Auch in Ebingen ging es parallel hoch her, 900 Zuhörer kamen in die Kirche und eine regelrechte Versammlungswelle für die Landeskirche kam in Gang. Als dann sogar der deutsche Außenminister zugunsten der Landeskirche intervenierte lud Hitler den bayerischen wie auch den württembergischen Landesbischof nach Berlin einlud. Danach war der Kirchenkampf auf Seiten der Landeskirche entschieden und die unterlegene Reichskirche konnte nur noch die Gerichte bemühen. Der Führer hielt sich fortan raus.

Danach kam auch Pfarrer Krauß wieder nach Ebingen zurück, was die Landeskirchenanhänger nicht gern sahen. Viele Kirchgänger brächten ihm als Seelsorger nicht mehr das nötige Vertrauen entgegen, äußerte der Ebinger Kirchengemeinderat jetzt. Man begann sogar eine Unterschriftensammlung gegen den Ebinger DC-Pfarrer. Schlussendlich akzeptierte der Kirchengemeinderat Krauß doch, als er versprach, von der Kanzel keine kirchenpolitischen Kämpfe mehr zu führen. Zu einem regelrechten Triumph gestaltete sich danach der Besuch des Landesbichofs Anfang 1935.

Vor der Ebinger Kapellkirche predigte er hier vor 2000 Anhängern. Da aber die DC¹ler als Organisation bestehen blieben, zogen sie nach. Im April 1935 kündigte Krauß den Besuch des Reichsbischofs Müller an. Bürgermeister Hayer, der sich auf die Seite der Landeskirche engagiert hatte, sollte nun auch den DC-Bischof empfangen.

Zunächst weigerte er sich dies zu tun, musste dann aber auf Druck der NSDAP nachgeben. Beim Empfang ließ er es sich jedoch nicht nehmen, vorsichtige Kritik am Expansionsstreben der Reichskirche zu üben. "Auch Sie Herr Reichsbischof werden in ihrem Amt schon da und dort die Schwaben kennengelernt haben, aber Sie werden mir doch recht geben, wenn ich sage, dass der Schwabe in seiner Art und seinem Wesen manchem norddeutschen Volksgenossen nicht ohne weiteres ganz begreiflich ist. Das sei beim Ebinger vielleicht noch mehr der Fall als anderswo. Auf ihn mache nur das Wahre und Echte Eindruck."

Bürgermeister Hayer bezog sich natürlich auf den Glauben seiner Landeskirche, und um gleichzeitig seine Staatstreue zu beweisen, zitierte er aus Hitlers "Mein Kampf": "Der Glaube sei häufig die einzige Grundlage einer sittlichen Weltanschauung überhaupt." Hayer weiter in seiner Rede: "Das Vorgehen der DC wirke leider manchmal trennend und verbitternd. Es wird übersehen, dass es gerade auf dem Gebiet des Glaubens gilt, die Freiheit des anderen zu achten und das auf diesem Gebiet also mit irgendwelchem Zwang nichts Gutes und Bleibendes zu erreichen ist".

Mit der Zeit distanzierten sich selbst immer mehr Nazis von den Deutschen Christen. Als im Januar 1937 Krauß als Religionslehrer nach Bad Cannstatt ging, fehlte dem Ebinger DC-Kern sein führender Kopf. Allerdings kann nichts darüber hinweg täuschen, dass die Nationalsozialisten im Kampf gegen die Kirche, wie sie vor 1933 bestand, erfolgreich waren. Immer weniger Gläubige kamen zum Gottesdienst.

In der Ebinger Kirchengemeinde stellte man 1939 fest: "Das Fehlen der Männer, besondere der jungen Männer macht sich deutlich bemerkbar: Eine Auswirkung der mannigfaltigen politischen Dienste am Sonntag und der zunehmenden Ächtung des kirchlichen Lebens." Die gezielten Diffamierungen zeigten eben doch ihre Wirkung, denn freistellen, um in die Kirche zu gehen, ließen sich die Ebinger von ihrer politischen Arbeit nur selten. Gleichzeitig besuchte der alter "Gemeindekern" treuer als früher die Gottesdienste. An Pfarrer Martin Niemöller nahm Hitler persönlich Rache. Er ließ ihm 1938 den Prozeß machen und ihn bis zum Ende des Dritten Reiches im KZ schmachten.



Vorher am 10. Dezember 1933 wurde das Konkordat zwischen dem Deutschen Reich und dem Heiligen Stuhl ratifiziert. Und damit war auch das gute Einvernehmen zwischen Staat und katholischer Kirche zu Ende, jedenfalls was den Staat betraf. Kirchliche Verbände und Vereine wurden aufgelöst. Die katholische Jugend in die Hitlerjugende überführt. Priester Verleumdet und verhaftet.

Politische Äußerungen als Wiederaufleben des politischen Katholizismus verboten. In einer Adresse an den Reichskanzler, die ihresgleichen an Rückgratslosigkeit sucht, erbaten nun Deutschlands Bischöfe Belehrung über den Unterschied religiöser und politischer Äußerungen. Zu den ganz wenigen Katholiken, die Rückrat behielten, gehörte der Führer der katholischen Aktion, der Berliner Ministerialrat Dr. Erich Klausener.

Auf dem Berliner Katholikentag vom 24. Juni 1934 unterzeichnete er zwar noch das Grußtelegramm von 50.000 Katholiken an den Reichskanzler Adolf Hitler, in dem vom "Gelöbnis treuester Arbeit für Volk und Vaterland" die Rede war. Aber Klauseners Referat vor den 50.000 war bereits eindeutig. Er grenzte ab, was abzugrenzen Not tat: Nationalsozialistische Weltanschauung und christlicher Glaube. Eine Woche später war Erich Klausener tot. Im Zuge des sogenannten Röhm-Putsches hatte ihn ein Todeskommando gleich mit hingerichtet.

Ein Schock, mit dem niemand gerechnet hatte. Denn um an die Macht zu kommen hatte Hitler die Katholiken dringend gebraucht. Als er vor dem Reichstag die Abgeordneten um die verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit für sein Ermächtigungsgesetz einschwor, blickte er hoffnungsvoll zum katholischen Zentrumsblock. Er beschwor staatsmännisch die "religiös-sittlichen Grundwerte", er faselte von "den beiden christlichen Konfessionen als wichtigsten Faktoren zur Erhaltung unseres Volkstums", aber er warnte auch unverhohlen, als er seinen Satz heraus polterte: "Meine Sorge gilt dem aufrichtigen Zusammenleben zwischen Kirche und Staat".



Das Zentrum stimmte bei Hitler mit. Nach einer windelweichen Erklärung des höchst anpassungsfähigen Zentrumsvorsitzenden Kaas (der auch noch kräftig vom Vizekanzler Franz von Papen bearbeitet wurde, Papen ehemals selbst Zentrumsmann und gläubiger Katholik lockte hier Kaas mit Versprechungen in die Falle) hoben alle katholischen Abgeordneten brav die Hand für Hitlers Ermächtigung, sprich: für das Ende des Parlamentarismus in Deutschland.

Erst als der Knüppel der Gleichschaltung auch massiv gegen die Kirchen geschwungen wurde, bahnte sich erstes Misstrauen zwischen vielen Christen und dem neuen Nazi-Staat an.