Bis es zum Attentat vom 20. Juli 1944 kam, hatte man mehrfach im Offizierkreis, vergeblich versucht, Hitler umzubringen. Einmal wollte Schlabendorf, Oberst von Kleist, Hauptmann Eggert, Oberstleutnant von Voß, Major von Oertzen, Rittmeister von Breitenbusch und Oberstleutnant von Boddien gleichzeitig Hitler mit Pistolen erschießen.
Aber Hitler ließ sich nicht wie geplant dazu bewegen, die Heeresgruppe Mitte an der Front zu besuchen. Oder ein anderes Mal, bei einer Lagebesprechung auf Hitlers Berghof, bei der die SS plötzlich den Zutritt für Ordonnanzoffiziere verwehrte und so dieses Attentat auch nicht gelang. Man musste umkehren und mit der vorbereiteten Bombe den Berghof verlassen. Unterdessen verlor die Umsturzbewegung den fördernden Chef des Amtes Abwehr, Admiral Canaris. Ihm war die Gestapo und der Geheimdienst der SS zu nah auf den Fersen. Er konnte nicht mehr viel für die Widerständler tun, ohne sie direkt zu gefährden.
Eine Episode am Rande, die später noch einmal bedeutsamer werden sollte: Ende Juni 1944 erteilte Generalleutnant von Hase einem gewissen Major Remmer einen Verweis, als das Wachbataillon unter Remmers Kommando an einer Sonnwendfeier bei Goebels teilnahm, anstatt sich an den Löscharbeiten nach einem Luftangriff auf Berlin zu beteiligen.
Als Mitverschwörer Graf Helldorf, mittlerweile Polizeipräsident von Berlin, später von Hase vor Remmer als Nazi warnte: "Remmer trage an seiner Uniform das Goldene Hitlerjugend-Abzeichen", fand er kein Gehör. Generalleutnant von Hase war überzeugt, Remmer werde die "Walküre-Befehle" ausführen, wie jeder andere Major in der Wehrmacht. Am 6. Juli 1944 nahm Stauffenberg wieder auf dem "Berghof" an zwei Sonderbesprechungen teil.
Hier trug Stauffenberg Hitler den "Walküre-Plan" vor. Hitler hieß den Plan gut und entschied, dass die militärischen Oberbefehlshaber die gesamte militärische und die zivile Gewalt ausüben, auch gegenüber allen Gauleitern. Damit war der Weg für den inneren Umsturz von Hitler selbst geebnet. Aber es gab neue Hindernisse: Die Generalfeldmarschälle von Kluge und Rommel bestanden bei Generaloberst Beck darauf, dass Göring und Himmler zugleich mit Hitler ausgeschaltet werden müssten.
Das Verlangen der vor kurzem in die Umsturzpläne eingeweihten Heerführer war nicht unbegründet. Aber dass Himmler und Göring gleichzeitig bei Hitler anwesend waren, war äußerst selten. Stauffenberg setzte sich über diese Vorbedingung später hinweg. Jeder spürte Claus von Stauffenbergs Anspannung seine Nerven lagen blank.
Am 16. Juli 1944 kamen bei Stauffenberg in Wannsee sein Bruder Berthold, Fritz-Dietloff Graf Schulenburg, Trott, Hofacker, Mertz, Schwerin und Hansen zusammen. Sie sprachen über Lösungen und eine Alternative zum Attentat nach den bisherigen Fehlschlägen und Enttäuschungen. Alle waren zermürbt, ganz abgesehen von der Tatsache, ständig entdeckt und verhaftet werden zu können.
Einen Tag später wurde Rommel bei einem Tieffliegerangriff an der Westfront schwer verletzt. Am selben Tag wurde im Reichssicherheitshauptamt die Verhaftung Goerderlers beschlossen. Stauffenberg erfuhr, dass er am 20. Juli 1944 wieder in die "Wolfschanze" sollte, um Hitler vorzutragen. Jetzt waren die Würfel gefallen. Claus von Stauffenbergs Fahrer Schweitzer musste bei Oberstleutnant Fritz von der Lanken in Potsdam eine Aktentasche abholen.
Rommel entscheidet sich gegen Hitler
Es war die Tasche mit dem Sprengstoff, die der Oberleutnant zwischen den Attentatsanläufen immer wieder verwahren musste. Stauffenbergs Frau Nina war zwischenzeitlich mit den Kindern nach Lautlingen gefahren. Als Stauffenberg am 19. Juli abends versuchte, sie in Lautlingen zu erreichen, waren dort wegen gefallener Bomben die Telefonleitungen gesperrt.
Am nächsten Morgen um 7 Uhr fuhr Schweitzer Claus von Stauffenberg und seinen Bruder Berthold, der ihn bis zum Flugplatz begleiten wollte, nach Rangsdorf. Hier warteten schon Haeften und Stieff. Die Kuriermaschine flog wegen Nebels erst gegen 8 Uhr los und landete um 10.15 Uhr in Rastenburg.
Die Pläne für "Walküre" waren geschmiedet und der Aufruf an Volk und Wehrmacht geschrieben. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Admiral Canaris noch vor seiner Ausschaltung Adolf Hitler den Umsturzplan unter der Bezeichnung "Walküre" offerierte. Canaris' Plan sah vor, dass im Falle eines Aufstandes der Millionen Fremdarbeiter das Ersatzheer die Sicherung in Deutschland übernehmen sollte. Ein solcher Aufstand war zwar höchst unwahrscheinlich, da die Fremd- und Zwangsarbeiter unbewaffnet und nicht organisiert waren. Aber der mißtrauische Hitler sah überall Gefahren und ging sofort auf Canaris' Plan ein.
So wurde der Plan "Walküre" eine vollendete Tarnung für den Widerstand und zum Grundstock des inneren Umsturzes. Dass Feldmarschall Erwin Rommel jetzt in den Kreis der Hitlergegner trat, war für die Widerstandsführer um Claus von Stauffenberg eine große Überraschung. Im Januar 1944 war Rommel gerade Oberbefehlshaber der Heeresgruppe B im Westen geworden. In Frankreich traf er häufig mit zwei alten Freunden zusammen: General Alexander von Falkenhausen, Militärgouverneur von Belgien und Nordfrankreich, und General Karl Heinrich von Stülpnagel, Militärgouverneur von Frankreich. Beide gehörten schon länger zum Widerstand. Um Rommel zu gewinnen, zogen sie Rommels Freund Dr. Karl Strölin, Oberbürgermeister von Stuttgart, hinzu. Dieser war von seinem Amtskollegen Dr. Goerderler für die Widerstands-Bewegung gewonnen worden.
Ende Februar 1944 trafen sich Strölin und Rommel in Herrlingen bei Ulm, sie führten ein Vier-Augengespräch. Strölin zu Rommel: "Sie sind der populärste General und im Ausland geachtet. Sie sind der einzige, der einen Bürgerkrieg in Deutschland verhindern kann. Sie müssen dem Widerstand Ihren Namen leihen." Nach einigen Überlegungen fasste Rommel seinen Entschluss. Er sagte zu Strölin: "Ich glaube, es ist meine Pflicht, Deutschland zu Hilfe zu kommen."
Die Hauptschwierigkeiten für die Widerständler lagen jedoch weiterhin in Berlin. Claus von Stauffenberg, der Stratege, legte großen Wert auf den zeitlichen Ablauf zur Inbesitznahme der Hauptstadt. Die Stunde X war die kritischste.

In kurzer Zeit mussten Nachrichtenstellen und Sendestationen, die Telegrafen- und Telefonämter, die Reichskanzlei, die Ministerien und das SS-Hauptquartier besetzt werden. Goebbels und SS-Offiziere mussten festgenommen werden. Das Hauptquartier in Rastenburg war zu isolieren, damit nicht Göring, Himmler oder einer der Generäle wie Keitel oder Jodel die Macht an sich reißen konnten.
Es war jetzt mittlerweile 12.37 Uhr am 20. Juli 1944 in Rastenburg. Claus von Stauffenberg trat an den Kartentisch im Führerhauptquartier heran und stellte sich zwischen General Kortenbach von der Luftwaffe und Oberst Heinz Brand. Er setzte die Aktentasche mit der scharf gemachten Bombe auf dem Boden ab und schob sie unter den Tisch, so dass sie etwa 1.30 Meter von Hitler entfernt stand. Jetzt würde die Bombe innerhalb von 5 Minuten automatisch zünden.
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Niemand bemerkte richtig, dass Stauffenberg die Lagebesprechung verlassen hatte. Als Oberst Brand sich über den Tisch lehnen wollte, stand ihm Stauffenbergs dicke Aktentasche im Weg. Er versuchte sie mit dem Fuß zu verschieben, nahm sie in die Hand und stellte sie an die Hitler abgewandte Seite des massiven Eichensockels. Diese scheinbar unbedeutende Verschiebung der Aktentasche mit der Bombe, die Hitler wahrscheinlich vor dem Tod bewahrte, kostete Brand das Leben.
Keitel blickte sich nach Stauffenberg um, der nunmehr Hitler vortragen sollte. Aber Stauffenberg war nicht mehr da. Der Flüssigkeitszeitzünder fraß sich unaufhörlich zum Sprengstoff durch. Keitel erinnerte sich später, dass Stauffenberg im Vorraum mit einem Feldwebel des Telefondienstes gesprochen hatte, und verließ den Raum, um Stauffenberg hereinzuholen.
Der Feldwebel sagte: Stauffenberg habe eilends die Führerbaracke verlassen. Keitel, leicht verdutzt, kehrte aber ohne zu zögern in den Konferenzraum zurück. General Heusinger beendete gerade seinen Bericht über die Lage im Osten: "Der Russe dreht gerade mit starken Kräften westlich der Düna nach Norden ein... Wenn jetzt nicht endlich die Heeresgruppe zurückgenommen wird, dann werden wir eine Katastrophe..." genau in diesem Augenblick 12.42 Uhr detonierte ohrenbetäubend die Bombe.

Stauffenberg hielt sich zu diesem Zeitpunkt 200 Meter weiter entfernt im Dienstzimmer General Fellgiebels im Bunker 88 auf und blickte immer wieder nervös auf seine Armbanduhr. Dann der ohrenbetäubende Knall. Jetzt konnte jeder die gewaltige Explosion wahrnehmen und sah die Führerbaracke in Rauch und Flammen stehen. Menschen wurden ins Freie hinausgeschleudert und Trümmer flogen durch die Luft. Stauffenberg zweifelte nicht im geringsten daran, dass alle tot oder schwer verwundet sein müssten. Für Claus von Stauffenberg ging es jetzt darum, so schnell wir möglich aus dem Führerhauptquartier herauszukommen.
Die Wachen an den Kontrollstellen hatten die Explosion auch gesehen oder gehört und alle Ausgänge geschlossen. Stauffenbergs Wagen wurde angehalten. Er stieg aus und verlangte den diensthabenden Offizier zu sprechen, in dessen Anwesenheit tat er so, als telefonierte er. Stauffenberg sprach kurz, legte den Hörer auf und sagte: "Leutnant, ich darf passieren."
Stauffenberg hatte geblufft, aber mit Erfolg. Der Leutnant trug in das Wachbuch ein: "12.44 Uhr Oberst Stauffenberg passiert" und gab offenbar zum nächsten Tor die Weisung, den Wagen durchzulassen. Im dritten Sperrkreis, an der letzten Schranke, war man bereits im Alarmzustand, es waren spanische Reiter und Doppelposten aufgestellt. Hier wollte Oberfeldwebel Kolbe Stauffenberg partout nicht durchlassen.
Wieder verlangte Stauffenberg telefonieren zu dürfen. Auch dieses Telefonat war ein Bluff... Er durfte wieder passieren. Stauffenberg und Haeftern rasten dann im Wagen zum Flugplatz. Hier war noch keine Alarmmeldung eingelaufen. Das Flugzeug war startbereit und hob wenige Minuten später mit beiden Männern in Richtung Berlin ab. Es war jetzt kurz nach 13 Uhr. Die nächsten drei Stunden müssen Claus von Stauffenberg und Haeften endlos erschienen sein..
Während die Heinkelmaschine nach Westen flog, hofften beide, dass es Fellgiebel gelungen sei, das entscheidende Stichwort "Walküre" nach Berlin durchzugeben. Mit Bordfunkmittel war Berlin nicht anzusprechen. So musste sich Stauffenberg darauf verlassen, dass alles nach Plan lief... Um 15.45 Uhr landete die Maschine in Rangsdorf bei Berlin. Claus von Stauffenberg rief sofort General Olbricht an, aber es war nichts geschehen.
Fellgiebel hatte zwar kurz nach 13 Uhr das Stichwort durch telefoniert, aber die Verbindung war schlecht und in Berlin war nicht klar, ob Hitler tot sei. Stauffenberg war entsetzt. Die Räder des geplanten inneren Umsturzes standen still. Bis 15.45 Uhr hatten die Verschwörer in Berlin nichts unternommen.
Es waren keine Truppen ausgerückt, keine Befehle an die Wehrkreiskommandos in anderen Städten ergangen. Seltsam war auch, dass niemand daran gedacht hatte, die Rundfunkgebäude, Telefon- und Telegrafenämter zu besetzen. Claus von Stauffenbergs Ankunft auf dem Flugplatz Rangsdorf brachte alle Eingeweihten sofort in Schwung.
Er drängte Olbrich, nicht auf sein Eintreffen in der Bendlerstraße zu warten die Fahrt vom Flugplatz dauerte mindestens 45 Minuten , sondern unverzüglich "Walküre" auszulösen. Nach Ausgabe der ersten Befehle ging Olbricht zu Fromm und eröffnete ihm, Fellgiebel habe die Nachricht von Hitlers Tod durchgegeben. Fromm, der Befehlshaber des Einsatzheeres, war in diesem Augenblick der wichtigste Mann für den inneren Umsturz.
Aber er zögerte: Ehe er sich entschließe, wolle er einen definitiven Beweis für Hitlers Tod haben. Aber Hitler lebte noch. Oberst Brand hatte ihm, ohne es zu ahnen, das Leben gerettet. Hitler war sichtlich erschüttert, aber nur leicht verletzt. Sein Haar war versengt, am rechten Bein hatte er Brandwunden, sein rechter Arm war zeitweise gelähmt, sein Trommelfell geplatzt und sein Rücken erlitt Prellungen durch ein herabstürzendes Stück Decke.

Er war kaum wiederzuerkennen, als er, am Arm Keitels mit geschwärztem Gesicht, rauchendem Haar und zerfetzter Hose aus der zerstörten, brennenden Lagebaracke auftauchte. In diesem Augenblick machte Olbricht einen verhängnisvollen Fehler in Berlin. Kühn nahm er das Telefon und verlangte ein sogenanntes "Blitzgespräch" mit Generalfeldmarschall Keitel im Führerhauptquartier "Wolfsschanze".
Zu seiner größten Überraschung meldete sich Keitel sofort. Fromm, der neben ihm stand, übernahm sofort den Hörer. Fromm: "Was ist im Hauptquartier los? In Berlin gehen wilde Gerüchte um". Keitel: "Was soll hier los sein? Es ist alles in Ordnung". Fromm: "Mir ist eben gemeldet worden, der Führer sei einem Attentat zum Opfer gefallen". Keitel: "Das ist Unsinn!".
"Es hat zwar ein Attentat stattgefunden, es ist aber zum Glück fehlgeschlagen. Der Führer lebt und ist nur unwesentlich verletzt". Von nun an war Fromm für den Umsturz nicht mehr zu haben, und die Folgen waren katastrophal. Keiner verbreitete die Proklamationen die abgefassten Aufrufe blieben in der Schublade. Der Umsturzplan "Walküre" lief zäh wie Honig. Die Räder des inneren Umsturzes bewegten sich im Schneckentempo. Auch im Wehrbereichskommando 5 in Stuttgart wurde "Walküre" verschlafen. Angeblich war hier nur der Oberkellner des Hotels Graf Zeppelin in die Pläne eingeweiht.
Claus von Stauffenberg sprach mit seinem Vetter Oberstleutnant Cäsar von Hofacker in General Stülpnagels Hauptquartier in Paris. Stülpnagel entwickelte hier jedoch mehr Energie als die Generäle des Widerstands im Zentrum des eigentlichen Aufstands. Bis Einbruch der Dunkelheit hatte er in Paris sämtliche SS- und Sicherheitsdienstleute, 1200 an der Zahl, darunter den gefürchteten SS-General Karl Oberg, verhaftet und hinter Schloss und Riegel gebracht.
Wären die Widerständler um Graf Stauffenberg in Berlin an jenem Nachmittag mit gleicher Energie und Planmäßigkeit vorgegangen, hätte die Geschichte einen anderen Verlauf nehmen können. Kurz nach 16 Uhr gab der Kommandant von Berlin, General von Hase, dem Kommandeur des Wachbataillons "Großdeutschland" den Befehl, seine Truppen in Marschbereitschaft zu setzen. Der besagte Kommandeur und Ritterkreuzträger Major Otto Remmer sollte an diesem Tag seine entscheidende Rolle spielen anders jedoch als der Widerstand es ihm zugedacht hatte. Remmer, der nicht zum eingeweihten Kreis der Widerständler gehörte, setzte weisungsgemäß im Sinne des Walkürenplans General von Hases Befehl um und riegelte das Regierungsviertel und das SS-Reichssicherheitshauptamt ab.
Im Propagandaministerium war Goebbels gerade von Hitler angerufen worden mit der Anweisung, so bald wie möglich über den Rundfunk bekannt zu geben, dass der Anschlag auf Hitler missglückt sei. Offenbar erfuhr Goebbels hierbei zum ersten Mal vom Attentat auf Adolf Hitler im ostpreußischen Rastenburg. Er schaute zum Fenster hinaus. Was er dort sah, war alarmierend: Soldaten des Wachbataillons waren im Begriff, das Ministerium zu umstellen. Goebbels, geistesgegenwärtig, befahl, sofort den kommandierenden Offizier zu ihm zu schicken.
Während die Widerstandsgruppe im Oberkommando der Wehrmacht dabei war, mit Generälen in ganz Europa Verbindung herzustellen und an Major Remmer im Regierungsviertel keinen Gedanken verschwendeten, nahm sich Goebbels den Major vor, der ihn eigentlich verhaften sollte. Er ermahnte den jungen Offizier sofort auf seinen Treueeid auf den Führer, nahm sein Telefon und ließ sich nochmals mit Hitler verbinden. Goebbels übergab Remmer rasch den Telefonhörer.

"Ob er seine Stimme erkenne" fragte Adolf Hitler den Major. Remmer schlug die Hacken zusammen und Hitler befahl ihm, den Aufstand niederzuschlagen. Gleichzeitig beförderte Hitler den Major zum Oberst. Remmer zog sein Bataillon aus dem Regierungsviertel zurück, besetzte die Kommandantur von Berlin, verhaftete den Kommandanten von Hase, schickte Erkundungstrupps aus und machte sich selbst auf den Weg in die Bendlerstraße zum OKW, um die Hauptverschwörer festnehmen zu können. General Fromm, selbst mit einer Pistole bewaffnet, verhaftete nach einer wilden Schießerei und nachdem Claus von Stauffenberg angeschossen war, Beck, Hoepner, Olbricht und Mertz von Quirnheim. Beck griff nach seiner eigenen Waffe und sagte ruhig: "Ich werde die Konsequenz selber ziehen".
Er drückte den Abzug, aber die Kugel streifte nur seinen Kopf. Leicht blutend sank er in einen Sessel. "Helft dem alten Herren", befahl General Fromm. Nunmehr wandte sich Fromm den verhafteten Offizieren zu: "Und sie meine Herren, wenn sie noch etwas aufzuschreiben haben, sie haben noch einen Augenblick Zeit".
Dann verkündete Fromm, er habe "Im Namen des Führers" ein Standgericht einberufen, das soeben gegen vier Offiziere das Todesurteil ausgesprochen habe: Oberst im Generalstab Mertz von Quirnheim, General der Infanterie Olbricht, "diesen Oberst dessen Namen ich nicht kenne und dieser Oberstleutnant". Er deutete dabei auf Claus Schenk von Stauffenberg und Oberstleutnant Haeften. Im Hof des Oberkommandos der Wehrmacht, im trüben Licht der abgeblendeten Scheinwerfer einiger Wehrmachts-LKW's wurden die vier Offiziere gnadenlos erschossen. Stauffenberg starb mit dem Ruf: "Es lebe unser heiliges Deutschland."
Nach der Exekution befahl Fromm einem Offizier, den bewusstlosen Oberst Beck zu erschießen. Soldaten des Wachbataillons brachten die fünf erschossenen Offiziere auf einem Lastwagen zum Friedhof der Matthäikirche in Schöneberg, wo sie mit ihren Uniformen und Ehrenabzeichen eilig verscharrt wurden.
Tags darauf ließ Heinrich Himmler sie von der SS schändlicher Weise wieder ausgraben, verbrennen und die Asche über die Felder streuen. Mitternacht war inzwischen vorüber. Der einzig ernsthafte Aufstand, der in elfeinhalb Jahren nationalsozialistischer Herrschaft gegen Hitler versucht wurde, war nach elfeinhalb Stunden blutig erstickt worden. SS-Sondereinsatzführer Otto Skovzeny, bekannt durch die Befreiung Mussolinis auf dem Gran Sasso, untersagte weitere Hinrichtungen, um durch Verhöre und Folter mehr über die Widerstandsgruppe um Claus Graf von Stauffenberg erfahren zu können. Kurz vor 1 Uhr Nacht ertönte über alle deutschen Sender Adolf Hitlers kehlige Stimme durch die Sommernacht:
"Deutsche Volksgenossen!"
Wenn ich heute zu Ihnen spreche, dann geschieht es besonders aus zwei Gründen: erstens, damit Sie meine Stimme hören und wissen, dass ich selbst unverletzt und gesund bin, zweitens, damit sie aber auch das Nähere erfahren über ein Verbrechen, das in der deutschen Geschichte seinesgleichen sucht.
Eine ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer Offiziere hat ein Komplott geschmiedet, um mich zu beseitigen und zugleich mit mir den Stab der deutschen Wehrmachtsführung auszurotten. Die Bombe, die von Oberst Graf Stauffenberg gelegt wurde, krepierte zwei Meter an meiner rechten Seite. Sie hat eine Reihe mir treu ergebener Mitarbeiter sehr schwer verletzt, einer ist gestorben. Ich selbst bin völlig unverletzt bis auf ganz kleine Hautabschürfungen, Prellungen oder Verbrennungen. Ich fasse es als eine Bestätigung des Auftrages der Vorsehung auf..
Der Kreis, den diese Usurpatoren darstellen, ist ein denkbar kleiner. Er hat mit der deutschen Wehrmacht und vor allem mit dem deutschen Volk nichts zu tun. Es ist ein ganz kleiner Klüngel verbrecherischer Elemente, die jetzt unbarmherzig ausgerottet werden. Ich befehle daher in diesem Augenblick: erstens, dass keine Militärstelle, kein Führer einer Truppe, kein Soldat irgendeinem Befehl dieser Usurpatoren zu gehorchen hat, dass im Gegenteil jeder verpflichtet ist, den Übermittler oder den Geber eines solchen Befehls entweder sofort zu verhaften oder bei Widerstand augenblicklich niederzumachen...
Diesmal wird nun so abgerechnet, wie wir es als Nationalsozialisten gewöhnt sind."
Aktion Gitter: Blutrichter Freisler spricht Todesurteile
Eine Welle von Verfolgungen fegte über Deutschland. Der Volksgerichtshof tagte sechs Monate lang ununterbrochen. Fast 5000 Personen wurden hingerichtet. Die Hinrichtung der führenden Widerständler sie wurden mit einer Schlinge aus Klavierdraht an Fleischerhaken zu Tode gequält wurde auf Befehl Hitlers gefilmt.
Nur Generalfeldmarschall Erwin Rommel musste diesen unwürdigen Weg nicht gehen. Obwohl Hitler vor Wut tobte, befürchtete er, dass die Verhaftung seines populären Feldmarschalls einen Skandal auslösen würde. Der Führer gab ihm die Wahl zwischen Gift oder Volksgerichtshof.

Indem Rommel den Gifttod wählte, hatte er die Gewissheit, dass man seine Familie unbehelligt lassen würde das deutsche Volk betrauerte ihn. Der Gipfel des Zynismus: Hitler ließ bekanntgeben, dass Rommel "seinen Kriegsverletzungen erlegen sei" und ordnete an, Rommel mit allen Ehren beizusetzen. Generalfeldmarschall von Rundstedt ließ sich sogar bei seiner Gedenkrede für Rommel zu dem Satz hinreißen: "Sein Herz gehörte dem Führer."
Kurz nach dem 20. Juli 1944 schrieb Goebbels in sein Tagebuch: "Bedenklich stimmt nicht nur die Tatsache, dass der Führer sehr alt geworden ist. Er macht vor allem im Hinblick auf seine Schmerzen einen direkt gebrechlichen Eindruck. Sein Wesen ist von einer außerordentlichen Güte gekennzeichnet. Ich habe ihn nie von einer so innerlichen Wärme gesehen. Man muss ihn direkt liebhaben. Er ist das größte geschichtliche Genie, das in unserer Zeit lebt. Wir werden mit ihm zum Siege kommen oder mit ihm heroisch untergehen."
Was in Berthold Graf Stauffenberg vorging, während sein Bruder hinausgeführt und erschossen wurde, ist nicht vorstellbar. Für ihn begann jetzt eine Leidenszeit von einundzwanzig Tagen in Gestapohaft. Die Akten über seinen Prozeß sind verschollen. Am 10. August wurde Berthold Graf von Stauffenberg mit Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg und Korvettenkapitän Alfred Kranzfelder vom "Volksgerichtshof" verurteilt und befehlsgemäß nach Hitlers Anweisungen auf grausame Weise erhängt. Cäsar von Hofacker stand am 30. August vor dem "Volksgerichtshof". Als ihm der berüchtigte Roland Freisler während seiner Verteidigung mit der typischen grellen Beschimpfung ins Wort fallen wollte, sagte Hofacker: "Sie schweigen jetzt, Herr Freisler, den heute geht es um meinen Kopf. In einem Jahr um Ihren."

Alexander Graf von Stauffenberg wurde in Athen verhaftet und ebenfalls zum Verhör nach Berlin gebracht. Obwohl sich seine Nichtbeteiligung herausstellte, wurde er wie alle in Sippenhaft genommen. Alexander von Stauffenberg konnte kurz vor seiner Festsetzung noch seine Frau Melitta anrufen. Wenige Stunden später wurde sie selbst verhaftet. Kurze Zeit war sie zusammen mit Claus von Stauffenbergs Witwe im Gestapo-Gefängnis Alexanderplatz in Berlin. Melitta von Stauffenberg kam am 2. September 1944 wieder frei, ihre Arbeitskraft wurde von den Nazis als "kriegswichtig" eingestuft. Alexander von Stauffenberg wurde dagegen weiter festgehalten.
Dem exzessiven Terror der Gestapo und der SS nach dem Anschlag auf Hitler folgte im großen Stil die Inhaftierung von Familienmitgliedern der Widerständler. In Buchenwald, wenige Kilometer von Weimar, der Stadt, die wie keine andere im Bewusstsein der Welt für ihre Tradition des bürgerlichen Humanismus bekannt ist, auf dem Ettersberg, wurde für viele Familien jetzt das "Sonderlager Fichtenhain" zur Endstation der Freiheit.
Isa Vermehren, auch im Zuge der Aktion 'Gitter' in Sippenhaft genommen, erinnert sich noch genau an ihre Ankunft in Buchenwald: Nach einigen hundert Schritt stieß ich auf eine Mauer, deren Tür sich uns auf ein Klopfzeichen hin öffnete, und schon war ich mitten im Schoße der deutschen Sippenhäftlinge aufgenommen. Es dauerte einige Tage bis ich mich zurecht fand unter diesen vielköpfigen Familien; Stauffenbergs waren allein mit zehn Namensträger vertreten, und dabei fehlte noch die Frau des Widerständlers, Gräfin Nina, die eine Zeitlang mit uns in Ravensbrück gewesen war, wo sie uns alle bezaubert hatte durch die anmutige Würde ihrer Haltung.
Sie verließ Ravensbrück, als sie zur Entbindung nach Potsdam ins Josephsstift gebracht wurde, wo sie eine Tochter, ihr fünftes Kind, zur Welt brachte, der sie den Namen Constanze gab Goerderlers waren zu acht, Frau von Hofacker zusammen mit ihren beiden ältesten Kindern, Baronin Hammerstein mit ihren beiden jüngsten Kindern, Frau Pastor Schröder mit ihren drei unmündigen Kindern im Alter von zehn, sieben und vier Jahren. Weiter war dort der alte Fritz Thyssen mit seiner Frau, überdies konnten wir ein Wiedersehen feiern mit Frau Halder und zwei Häftlingen, die wir aus Potsdam kannten.

Im Frühjahr 1945 wurde zusätzlich der SS-Arrest von Buchenwald für "Sonderhäftlinge" des Reichssicherheitshauptamtes geräumt. Unter ihnen befanden sich Dietrich Bonhoeffer, General Friedrich von Ratenau und Hauptmann Ludwig Gehre von der Abwehr, die wie auch Admiral Wilhelm Canaris in KZ-Flossenbürg ermordet wurden.
Fast bis zum Ende des Krieges konnte sich Melitta von Stauffenberg schützend um ihren Mann Alexander und andere "Sippenhäftlinge" kümmern. Sie nützte ihre kriegswichtige Stellung selbstbewußt um Verwandte zu besuchen und um Lebensmittel zu verteilen.
Sie flog tagsüber im Namen der Luftwaffe Sturzflüge mit der Ju 88 und Nachtflüge mit der Ardo 96, der Focker-Wulf 190 und dem Turbinenjäger ME 262. Außerdem arbeitete sie jetzt an einem Nachtlandegerät für die ME.
Dadurch konnte sie sich Vollmachten für ihre "Privatflüge" erschwindeln. Meist flog sie mit dem berühmten Fiesler "Storch", der fast überall landen konnte. Zweimal flog sie nach Buchenwald. Obwohl sie durch ihre Arbeit die nötigen Genehmigungen hatte, stand sie immer mit einem Fuß vor dem Kriegsgericht. Die Nazis hätten niemals bewußt solche Flüge zugelassen. Nach der Geburt von Claus von Stauffenbergs Tochter Constanze kam seine Witwe Nina mit dem Kind bis April 1945 in das Sankt-Josephs-Krankenhaus in Potsdam.
Melitta von Stauffenberg besuchte sie per Fahrrad, das Eiserne Kreuz am Band und das Flugzeugführerabzeichen in Gold mit Brillianten prangten provokant an ihrer Uniformjacke. Der Chefarzt, der als Fliegerarzt früher bei Göring gewesen war, erkannte Melitta von Stauffenberg und gewährte daraufhin auf Grund seiner Stellung und aus Achtung vor ihrer Leistung, Nina von Stauffenberg und der kleinen Constanze jede mögliche Hilfe.
Wie hatte sich das Leben der Familie von Stauffenberg plötzlich verändert? Unter dem unsäglichen Begriff "Sippenhaft" setzte nach dem Attentat eine Apokalypse der Verfolgung ein, die alle Beteiligten des Widerstandes und ihre Familien mit voller Wucht traf. Hierbei starb auch der 85jährige Stauffenberg-Onkel Berthold 1944 in der Einzelhaft in Würzburg.
Stauffenbergs Bewußtsein, dass die Elite einer Nation die Verpflichtung hat, Wege zu weisen und Vorbild zu sein, war für die Nationalsozialisten immer unbedeutend gewesen. Deutschland steuerte auf den erträumten Untergang des gesamten Nationalsozialismus zu. So war die Tat des 20. Juli 1944 für Claus von Stauffenberg ein Dienst an der Allgemeinheit, ein Dienst bis zur letzten Konsequenz. Fast alle Verwandten der Gebrüder Stauffenberg kamen in Sippenhaft, ihre Kinder und die des Vetters Cäsar von Hofacker wurden von der SS verschleppt, nach Bad Sachsa im Harz.
Hier entdeckte sie auch Melitta von Stauffenberg. Ihre "Hilfs- und Erkundungsflüge" endeten in doppeltem Sinne tragisch: Die mutige Pilotin wurde am 8. April 1945 mit ihrer unbewaffneten Maschine, einer Bücker 181, bei Straßkirchen von einem amerikanischen Jäger von hinten abgeschossen. Sie landete noch "ordnungsgemäß" und starb zwei Stunden später an ihren schweren Schussverletzungen. Der letzte Flug galt ihrem Mann Alexander von Stauffenberg.
Caroline von Stauffenberg aus der Familie von Üxküll-Gyllenband, die Mutter von Claus, Berthold und Alexander, erfuhr am 21. Juli 1944 in Lautlingen, dass ihr Sohn Claus von Stauffenberg als Führer des Widerstands in der Nacht erschossen worden war. Und erst im Dezember erfuhr sie vom Tod ihres zweiten Sohnes Berthold und ihres Bruders Nikolaus.
Obwohl sie von der Attentatsbewegung keine Informationen hatte, erklärte sie im Dezember 1944 einem der wenigen Besucher auf Schloss Lautlingen am Südfuß der Schwäbischen Alb "ich wußte von der Tat meines Sohnes und ich billige sie". 1948 wurde ihr einziger überlebender Sohn Alexander Graf Stauffenberg auf den Lehrstuhl für Alte Geschichte der Ludwig-Maximilians-Universität in München berufen und vollendete sein großes Werk über das griechische Sizilien "Trinakria".
In den fünfziger Jahren engagierte er sich als einer der ersten im Kampf gegen die wachsende Gefährdung der Welt durch Atomkraft. Nach kurzer Krankheit starb er 1963. Heute leben die Angehörigen der Familie von Stauffenberg hauptsächlich in Jettingen bei Bamberg, Australien, London und New York.

An den Toten des 20. Juli 1944 ist der Widerstand sichtbar geworden. Diese Toten vermögen nichts zu rechtfertigen, was in Deutschland geschah. Aber ihre Taten und Opfer sind das Fundament unserer heutigen Bundesrepublik. Die Frauen und Männer des deutschen Widerstandes starben in einer Zeit, in der das Sterben einer ganzen Nation von Hitlers Regime in Kauf genommen wurde in einer Zeit, die von Massenmord und Massentod gekennzeichnet ist.
Es waren Frauen und Männer aus Familien ältester Tradition Frauen und Männer aus der Arbeiterschaft die politischen Andersdenkenden aus allen Schichten des Bürgertums und Mitglieder der Kirchen, ein Querschnitt durch die wirkliche Elite unseres Volkes, der sich vor dem 20. Juli fand und am 20. Juli handelte.

Millionen starben an den Kriegsschauplätzen, verbrannten in den Bombennächten und fielen dem erbarmungslosen Terrorsystem zum Opfer. Wenn wir uns nach besten Kräften bemühen, an der Wahrung der demokratischen Ordnung unseres öffentlichen Lebens mitzuwirken, Ausländerhaß und Nationalsozialismus nicht tolerieren, dann ist das Leben und Sterben der Stauffenberg-Familie und ihrer Mitstreitern nicht vergeblich gewesen.
Im April 1945 besetzten französische Truppen Lautlingen, auch hier wurde geplündert und vergewaltigt, die Wut der Sieger über Hitler-Deutschland, die Greuel die ihnen zuvor selbst angetan wurde, war nicht vergessen.
Die Rache der Krieger traf die Kapitulanten. Sechshundert Dorfbewohner flüchteten sich ins Schloss der alten Gräfin Stauffenberg, hier fanden sie Schutz.