Da gab es soviel, was die die Mehrheit des deutschen Volkes bis 1933 ablehnte: Parteiengezänk, der quasselnde Reichstag, die Raffkes und Schieber, natürlich die Juden und die Bolschewisten, die Ausbeuter in den Fabriken, die Stehkragenproletarier, und nicht zu vergessen der zersetzende Intellektualismus - und die Arbeitslosigkeit, Hunger, Elend, Inflation und... und... und... und dann kam der neue starke Mann.

Der machte alles anders, so schien es. Und er selbst sagte das auch, ebenso wie die Männer, die für ihn sprachen - laut, beschwörend, einprägsam und glaubhaft. "Herr, du sieh wir haben uns geändert", dröhnte es aus den Lautsprechern über den von Menschen starrenden, maikühlen Marktplatz. "Das deutsche Volk ist nicht mehr das Volk der Ehrlosigkeit, der Schande, der Selbstzerfleischung, der Kleinmütigkeit und Kleingläubigkeit. Nein Herr, das deutsche Volk ist wieder stark in seinem Willen, stark in seiner Beharrlichkeit, stark im Ertragen aller Opfer. Herr, wir lassen nicht von dir! Nun segne unseren Kampf um unsere Freiheit und damit unser deutsches Volk und Vaterland..."
Hitlers Appell an den Herrgott, wie an diesem 1. Mai, wiederholte sich nicht mehr. Aber das Volk glaubte wieder, jedenfalls Millionen unter ihnen, dass der Führer es mit Gottes Hilfe schaffen wird, ihnen zu geben, wofür sie ihn gewählt haben: Arbeit und Brot - und Frieden, innen und außen. Es gibt keine Klassen mehr, keine Standesunterschiede - so Hitlers Theorie -, es gibt nur noch ein deutsches Volk, gegliedert in Berufsstände. Eine alles gleichmachende Revolution ist eingeleitet.
Frauen ins Heim an den Herd
Ganze Bündel von Maßnahmen sind vorgesehen: Ausgabe von einer Milliarde Arbeitsschatzanweisungen, ein Wohnbauprogramm, Steuerfreiheit für Neuanschaffungen in industriellen und gewerblichen Betrieben, Überführung weiblicher Arbeitskräfte in die Hauswirtschaft, Einführungen von Ehestandsdarlehen, um die Familiengründung zu beleben und gleichzeitig der Konsumgütererzeugung neue Anreize zu geben, Steuerfreiheit bei der Anschaffung von Autos.
Für die an ewige Preis- und Absatzkrise leidenden Landwirtschaft geschieht ähnliches mit dem Gesetz zur Neubildung des deutschen Bauerntums und der Schaffung des "Reichsnährstandes" - der Parallelorganisation zur "Arbeitsfront". Damit wird die gesamte deutsche Landwirtschaft vom Kleinbauern bis zum Großgrundbesitzer unter ein Dach gestellt, die ihr den kostendeckenden Erzeugerpreis sichert.

Jetzt endlich geschieht etwas in Deutschland, allein dieses Gefühl gibt den Massen Auftrieb. Von sechs Millionen Arbeitslosen wird ein Drittel bereits 1933 wieder in den Arbeitsprozess eingegliedert. Dazu kommt die von Dr. Goebbels meisterhaft gelenkte Propaganda. Daneben vollzieht sich noch etwas anderes: Der Aufstieg des "Kleinen Mannes" - die Massen gewinnen ein ganz neues Erlebnis der Selbstbestätigung: "Kleine Leute" werden in unzähligen Funktionen des neuen Parteiapparates beschäftigt, gerüstet mit der Autorität des Parteiabzeichens, mit Uniform, in den besseren Rängen sogar mit Dienstpistole.
Auch eine riesige Freizeitorganisation wird von der "Arbeitsfront" konzipiert mit Theater, Konzert, Sport und Urlaubsreisen. So etwas hatte es weder im Kaiserreich noch in der demokratischen Republik von Weimar gegeben.
Reaktionen im Ausland stoppen Boykott gegen Juden
Neben diesem grellen Licht gab es auch Schatten. Es gibt unregulierte, aber um so heftigere Judenverfolgung und einen allgemeinen - wegen der Reaktion im Ausland - eilends wieder gestoppten Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April 1933.
Der Monat, in dem die "Arbeiterschlacht" beginnt, ist auch jener Monat, in dem die Sozialdemokraten verboten werden, in dem sogar die verbandelten konservativen Deutschnationalen zur Auflösung genötigt werden. Die Zahl der anpassungswilligen Opportunisten, der Überläufer zum Nationalsozialisten ist enorm. Die Nation ist von einem Rausch der Begeisterung erfasst. Sicher, Polizei und SA griffen jetzt härter durch, gelegentlich zu hart, aber für "Otto Normalverbraucher" galt das alles positiv. "Jetzt kann man doch wieder ohne Angst nachts über die Straße gehen", der meist gesprochene Satz dieser Zeit.

Schnell war absehbar, dass vor allem Politiker, die vor 1933 in Amt und Würden gekommen waren, sich anpassen oder gehen mussten. Im Tailfinger Gemeinderat wurde unzweideutig kritisiert, dass Bürgermeister Höfel ja immer noch DDP-Mitglied sei. Höfel erklärte, er werde aus der Partei austreten, wenn der Gemeinderat es wünsche. In der Ebinger Stadtspitze dagegen bahnte sich eine einfachere Lösung an: Oberbürgermeister Spanagel erklärte kurz und knapp, er trete in den Ruhestand. Neuwahlen wie einst kämen Gott sei Dank nicht mehr in Frage, kommentierte der Albbote nach seinem Rücktritt.
Denn über die Bestellung des Stadtoberhauptes entscheide nur noch die Regierung. Doch das machte die Neuernennung in Ebingen nicht einfacher. Zunächst bewarben sich 15 Kandidaten. Doch bei der Gemeinderatssitzung im Februar 1934 ergab sich eine überraschende Wende. Zunächst stellten sich der Noch-Bürgermeister von Besigheim Hayer und als verspätet gemeldete Bewerber, der Balinger Rechtsanwalt Dr. Herrmann vor. Die NSDAP beriet. Das Resümee: Rechtsanwalt Herrmann würde der NSDAP-Linie durchaus entsprechen, während Bürgermeister Hayer als tüchtiger und erfahrener Experte galt. Allerdings wurde bei ihm die starke, nationalsozialistische Weltanschauung vermisst.
Eine kleine Sensation: Parteiloser wird Bürgermeister
Doch während der Fraktionsbesprechung meldete der Balinger Kreisleiter Kiener seine Kandidatur an. Prompt wurde er als Nummer Eins auf die Kandidatenliste gesetzt. Das Stuttgarter Innenministerium stimmte diesem Vorschlag jedoch nicht zu. Es lobte zwar den Kreisleiter als entschiedenen Kämpfer der Sache, aber das Ministerium bevorzugte "an der Spitze der Stadt einen erfahrenen, rechts- und verwaltungskundigen Bürgermeister zu sehen". Reichsstatthalter und Staatsministerium stimmten daher für den parteilosen Hayer und erklärten ihn am 26. Februar 1934 zum Ebinger Bürgermeister.

Die Rathäuser kamen schnell in den Griff der Nationalsozialisten. Durch das vorläufige Gesetz zur Gleichschaltung der Länder mit dem Reich vom 31. Januar 1933 wurden die Gemeinderäte aufgelöst. Sie sollten alle neu besetzt werden, wobei das kommunale Stimmenverhältnis bei der März-Reichstagswahl den Ausschlag geben sollte. Eine Zwickmühle für die Nazis, denn wenn Stadträte anderer Parteien nicht freiwillig ausschieden oder in die NSDAP-Fraktion überwechselten, hatten die eine ungewollte Opposition.
So in Ebingen. Am 19. Mai legten die vier Sozialdemokraten im Gemeinderat zwar ihre Mandate nieder, aber die zwei Stadträte der DDP dachten nicht daran, es ihren SPD-Kollegen gleichzutun. Adolf Konzelmann und Fritz Haux blieben im Gemeinderat. Da Haux im Oktober 1933 noch in Schutzhaft war, sollte zunächst Konzelmann seinen Verzicht erklären. Mit Haux rechnete man nicht mehr.
Gemeinderat soll gleichgeschaltet werden
Im Gemeinderat forderte NSDAP-Stadtrat Müller Konzelmann zum Mandatsverzicht auf: "Ebingen sei wohl noch die einzige Stadt, in welcher demokratische Vertreter im Gemeinderat sitzen. Die Partei selbst sei verschwunden und der Marxismus, dessen Anhängsel sie war, erledigt". Adolf Konzelmann konterte und erklärte, dass er als freier, ungebundener Mann auf das Rathaus gekommen sei. Er wolle auch am Aufbau mitarbeiten - aber als Mitglied der demokratischen Partei, für die er gewählt sei. Ein schwieriger Brocken für die "neuen Herren".
Also konzentrierte man sich auf Haux, der ja saß. Zumindest den wollte man jetzt loswerden. Die Nazis hofften, dass gegen Haux genug Belastungsmaterial vorlag, um ihn aus dem Gemeinderat zu verdrängen. Der Stuttgarter Ministerialabteilung für Bezirks- und Körperschaftsverwaltung wurden alle möglichen und unmöglichen Gründe vorgetragen. Aber von dort kam keine Schützenhilfe, ganz im Gegenteil: Haux wurde von der Württembergischen Polizei auch noch bescheinigt, dass er nach seiner Entlassung aus der Schutzhaft im Gemeinderat tragbar sei. Formal waren die beiden DDP-Mitglieder also noch im Ratsgremium, als am 26. Juni 1934 der neue Gemeinderat eingeführt wurde. Man hatte die zwei nicht eingeladen, weil ihr Verfahren in Stuttgart noch nicht abgeschlossen war.
Es gab letztlich aber auch bei der Ebinger Verwaltung Bedenken, die DDP-Mitglieder mit ihrem hohen Ansehen allzu rigide aus dem Gemeinderat zu vertreiben. Ende September 1934 empfahl daher Bürgermeister Spanagel der Ministerialabteilung dringend, "im Interesse der Ruhe bis auf weiteres, möglichst aber bis zum Inkrafttreten der zu erwartenden Reichsgemeindeordnung die Angelegenheit nicht weiter zu betreiben." Erst mit der Einführung der Deutschen Gemeindeordnung könnte den DDP-Gemeinderäten dann auch verwaltungsrechtlich der Zutritt ins Rathaus verwehrt werden.
"Sauberkeit der Verwaltung" gefordert
Bei den Sonntagsreden im Ebinger und Tailfinger Gemeinderat zur Einführung der neuen Gemeindeordnung im April 1935 setzten die Nationalsozialisten die neuen Maximen. So stellte Ebingens Bürgermeister Hayer ein Fünf-Punkte-Programm auf, das hauptsächlich auf "Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit" und absolute "Sauberkeit der Verwaltung" ausgerichtet sei. Ähnliches war auch in Tailfingen zu hören.
Doch es menschelte überall und die Ratsherren - so die neue Bezeichnung der bisherigen Gemeinderäte - taten sich schwer, die kommunalpolitischen Händel zu vermeiden: Immer wieder stand der Fall Höfel im Mittelpunkt. Schon vor 1933 war ja beim Oberamt Balingen aktenkundig, dass Höfel das Leben zu genießen wusste milde ausgedrückt.
Doch die Nazis störte eigentlich viel mehr, dass er in der Weimarer Republik als Anhänger der Deutschen Demokratischen Partei agierte. Zwar wechselte er 1933 gerade noch zur NSDAP über, doch insgeheim galt er weiter als Wendehals. Neben seinem politischen Selbsterhaltungstrieb hatte Höfel aber auch das Zeug zum fähigen Kommunalpolitiker.
Zum Beispiel bei der Stadterhebung: Sicherlich wäre Tailfingen 1930 nicht so schnell zur Stadt geworden, wenn Höfel nicht ständig gedrängt und gleichzeitig politisch klug taktiert hätte. Das brachte dem Tailfinger Bürgermeister die Mehrheit der Wähler und hielt die Nationalsozialisten davon ab, ihn sofort 1933 abzusetzen. Auch als ein NSDAP-Blockleiter behauptete, der Bürgermeister sei der Kranzzerschneider gewesen, drehten die Nazis Höfel daraus keinen Strick. Obwohl dies zur damaligen Zeit unabhängig vom Wahrheitsgehalt durchaus möglich gewesen wäre. Die NSDAP hielt aber Höfel noch die Stange, doch war es mit der Geduld bald vorbei.
NSDAP will Bürgermeister Höfel zu Fall bringen
Schließlich mussten sie dringend ihr angekündigtes Saubermann-Image beweisen. Kreisleiter Stingel erklärte dazu auf einer Fraktionssitzung in Balingen: "Ich will, dass der Nationalsozialismus hier nicht dauernd durch derartige Vorkommnisse des Bürgermeisters geschädigt wird."
Über das "Verhalten des Bürgermeisters Höfel" beriet am 20. September 1934 der Gemeinderat unter Vorsitz von Polizeidirektor Sinn, dem Amtsverweser des Oberamts Balingen mit dem Balinger Kreisleiter Kiener. Höfel musste den Raum verlassen, danach wurden fünf Anzeigen gegen ihn erörtert. Die Vorwürfe reichten aber nicht aus, um Höfel abzusetzen. Auch die Zeugen gegen Höfel passten den Nazis nicht, denn sie waren alles andere als glühende Nazi-Anhänger.
So musste Kreisleiter Kiener gestehen, dass einer der Zeugen, Polizeimeister Renz, besser geschwiegen hätte, denn er habe ja der SPP und den Gewerkschaften Bücher gestiftet. Kiener wollte sich nicht weiter mit dem, wie er sich ausdrückte, Berufsstänkerern herumschlagen. Außerdem war die Stimmung in Tailfingen alles andere als Nazi-günstig. Während die Tailfinger zwar fleißig zu den Aufmärschen gingen, war eine weitergehende Resonanz aber nicht festzustellen.

Kreisleiter Kiener zu der Sammlung am Tag der nationalen Solidarität: "Das Ergebnis zeuge dafür, dass in Tailfingen eine Gruppe vorhanden sei, die passiven Widerstand leiste. Man kann sich nicht in etwas hinein lavieren lassen, was nachher der Partei schade. Keime der marxistischen Anschauung sitzen noch in Tailfingen."
Ortsgruppenleiter gegen Bürgermeister
Diese Angst beschäftigte die Nationalsozialisten noch einige Zeit. Sie befürchteten auch, dass sie mit der Absetzung des sehr beliebten Bürgermeisters bei den Tailfingern viel Vertrauen verlieren würden. Das gipfelte in der Feststellung von Stadtrat Schneider, dass Höfel "heute nochmals von der Einwohnerschaft gewählt würde".
Es wurde immer deutlicher, dass auch ein Großteil der Räte Sympathien für Höfel offenkundig wurden. Das bestätigte auch Polizeidirektor Sinn: "Zu seiner Freude könne er feststellen, dass der Mann, der kein todwürdiges Verbrechen begangen habe, das Vertrauen der Gemeinde besitze". Jetzt wurden sogar Stimmen laut, die sich für Höfel und gegen den Ortsgruppenleiter aussprachen. Ortsgruppenleiter Stingel sei "zu gut und zu schwach".
Allein Stingel drohte darauf seinen Rücktritt an. "Die Personen, die gegen ihn seien, seien nicht seine Freunde, einige davon aber die des Bürgermeisters." Die Spannungen in der Partei stiegen an. Das Vertrauensvotum für Höfel war eine richtige Niederlage für den Ortsgruppenleiter, auch wenn er seine Rücktrittsdrohung nicht war machte.
Höfel provoziert im SA-Hemd
Höfel hingegen ließ sich von alledem nicht richtig beeindrucken, eher schon, wie seit eh und je, von einem guten Viertele. Als er dann an Fasnacht im Braunhemd der SA mit übergezogenem Strickpullover wieder eine Nacht durchfeierte, wurde es den Nationalsozialisten endgültig zu viel. Ultimativ forderten sie seinen Rücktritt. Ortsgruppenleiter Stingel machte mobil.
Diesmal mit Rückendeckung der Kreisleitung. Die hatte sogar schon mit einem "jetzt ist es genug"-Schreiben beim Oberamt interveniert. In diesem Brief wies der Kreisleiter darauf hin, dass der Vorgang Höfel inzwischen die Bezirksdimensionen gesprengt habe. "Bemerken möchte sich noch, dass der ganze Fall von der Gauleitung der NSDAP Stuttgart bereits verfolgt wird und wie ich heute erfahre, ein Anschußverfahren aus der Partei gegen Höfel eingeleitet worden ist."
Auch die Ministerialabteilung der Aufsichtsbehörde wurde eingeschaltet, hier war der Landrat zwar Höfel gegenüber positiver eingestellt, doch tun konnte er nichts mehr für ihn. Die Ära Höfel war zu Ende.
Den Bogen überspannt
Der Dienststrafhof bestätigte Ende Juli 1936 die Amtsenthebung des Tailfinger Bürgermeisters. Es hatte auch nichts genützt, dass Landrat Sinn schon vorher Höfel kräftig in Schutz nahm. Er schrieb unter anderem an die Stuttgarter Ministerialbehörde: "Seine Fehler insbesondere sein Hang zum Wirtshaussitzen, sind in Tailfingen genau bekannt, und trotzdem besitzt er heute das Vertrauen beim großen Teil der Bevölkerung. Möglicherweise ist gerade dieses Wirtshaussitzen, wo er mit allen Schichten der Bevölkerung gleichermaßen zusammen saß, neben seiner fachlichen Leistung mit ein Grund für seine Volkstümlichkeit gewesen."
Die Partei statuierte ein Exempel mit Höfel, der bei der NSDAP ungeliebte Ex-Demokrat flog raus. Volksheld war eben nur einer: Adolf Hitler. Und der war auch über alle Maßen beliebt. Sogar das Time-Magazin in New York schrieb in diesen Tagen, als Höfel gehen musste, in der Kolumne "Die nächst beste Sache": "Treue Nazis erzählen sich voller Ernst die Geschichte eines bedeutenden Industriellen, der seine bedrückte Tochter aufmuntern wollte, sie könne sich zum Geburtstag alles wünschen. "Vater du bist reich", erwiderte sie, "aber leider kannst du mir nicht geben was ich mir wünsche." "Was wünscht du dir denn?" "Oh, wenn ich doch vom Führer ein Kind haben könnte!"
Ein ganz spezielles Attentat
Vielen zartbeseiteten 'Gretchen' geht es ebenso. Letzte Woche saß der "Hübsche Adolf" im Olympischen Schwimmstadion, als ein dralles Weibsbild aus Norwalk, Californien, eine gewisse Mrs. Carla George de Vries, die angeblich undurchdringliche Absperrkette der schwarzuniformierten SS-Wache des Diktators durchbrach und ihm ihr Autogrammbuch zuwarf. Hitler unterschrieb folgsam. Plötzlich hielt jedoch die Menge der 18.000 Zuschauer den Atem an. Mrs. de Vries schien den Führer einmal, zweimal, dreimal zu umschlingen. Sie legte die Arme um seinen Hals und küsste ihn herzhaft ab.
Weder der greise, streng dreinblickende Feldmarschall August von Mackensen, der rechts neben Hitler saß, noch Innenminister Dr. Wilhelm Frick zur linken machte Anstalten, diesen möglichen Anschlag auf den Führer abzuwehren. Voller Schrecken auf ihren jungenhaften Nazi-Gesichtern eilten die apfelbäckigen SS-Wachen herbei. Doch die Küsserin aus Californien hatte sich schon gelöst. Sie durfte zu ihrem Mann zurücklaufen, der die ganze Szene mit seiner Amateur-Kamera gefilmt hatte. "Hitler", begeisterte sich Mrs. de Vries, "war niemals so nett!"
Bei den Olympischen Spiele war eben die Welt zu Gast in Berlin. Um sich vor unangenehmen Überraschungen zu schützen, hatte das Reichssicherheitshauptamt (RSH) eine allgemeine Postzensur für die Olympiateilnehmer eingeführt.
Auf dem Postamt Charlottenburg wurden die eingehenden Briefe gesichtet und, falls sie auf politische Zustände in Deutschland hinwiesen, aus dem Verkehr gezogen. Die Bildberichterstatter sollten nur fotografieren, was in das Muster der NS-Propaganda passte. Hier schritt Goebbels zur Vorzensur. Nur deutsche Pressefotografen waren offiziell zugelassen. Ausländische Fotografen durften sich aus einem Pool vorsortierter Bilder bedienen. So bekam damals kein deutscher Zeitungsleser jene Szene aus dem olympischen Schwimmstadion zu sehen, in der Hitler von einer begeisterten amerikanischen Hausfrau geküsst wurde.

Die Olympische Spiele rollten mit üblichem Propagandarummel weiter, alle Welt schaute nach Berlin und in Tailfingen rollte das Karussell um den neuen Bürgermeisterkandidaten weitaus weniger beobachtet auf höchsten Touren. So richtig in Fahrt kam man hier, als Ortsgruppenleiter Stingel sich selbst auf Platz eins der Kandidatenliste setzte.
Zwar waren 13 Bewerbungen auf den ausgeschriebenen Bürgermeisterposten eingegangen, doch wie in der neuen Gemeindeordnung vorgeschrieben kamen nur drei Bewerber in die enge Auswahl, darunter eben auch Stingel. Er stieß aber keinesfalls auf ungeteilte Zustimmung. Eigentlich sah nur der Truchtelfinger Ortsgruppenleiter in ihm den richtigen Mann, "weil er schon über 250 Versammlungen der NSDAP abgehalten hat und außerdem Träger des goldenen Parteiabzeichens ist."
Wer wird neuer Bürgermeister?
Ob die bloße Parteikarriere ausreichte, um Bürgermeister zu werden, davon waren nicht alle Ratsherren überzeugt. Kopfzerbrechen bereitete auch, dass der "Fall Höfel" mit dem Aufstieg des Ortsgruppenleiters in Verbindung gebracht werden könne. Ratsherr Knopflich erklärte, ihm wäre lieber gewesen, wenn Stingel sich nicht beworben hätte. Sein Argument: Bei den Tailfingern herrsche die Meinung, dass Bürgermeister Höfel hätte gehen müssen, um Ortsgruppenleiter Stingel Platz zu machen. Dem Ortsgruppenleiter fehle das gewisse Gefühl, um mit der Einwohnerschaft ein richtiges Verständnis zu finden, so auch Ratsherr Schöller.
Letztlich standen sieben der 13 Ratsherren für Stingel, sechs jedoch hatten mehr oder weniger schwere Bedenken gegen den Ortsgruppenleiter als Bürgermeister. Jedenfalls warf man Kreisleiter Kiener vor, dass er keine andere Meinung als seine eigene habe gelten lassen. Die rüde Art, wie Kiener den Tailfingern ihren Ortsgruppenleiter als Bürgermeister aufzwingen wollte, gab zu Spekulationen Anlass, dass er Tailfingen gewaltsam niederhalten wolle "aus Berechnung heraus, dass Balingen die Oberamtsstadt bleibe".
Kiener wehrte sich natürlich gegen diese Vorwürfe und betonte immer wieder, dass der Ortsgruppenleiter ein Nationalsozialist der ersten Stunde sei und die Partei als "Ordensgemeinschaft" doch hinter ihm stehen solle. Doch genau das taten die Ratsherren immer noch nicht. Selbst bei der Gauleitung in Stuttgart äußerte man unter der Hand: "...dass Ortsgruppenleiter Stingel mit den Oberlehrern hätte zufrieden sein können". Denn Stingel war erst unter den Nationalsozialisten zum Oberlehrer befördert worden. In diesem Zusammenhang brachte auch Ratsherr Gotthilf Ammann vor, dass man gerade bei den Arbeitern die Unterstützung Stingels als Bonzentum wertete.
Ortsgruppenleiter Stingel setzt sich nicht durch
Schnell wurde auch deutlich, woher die Aversion gegen Stingel bei den Arbeitern stammte. Sie machten den Ortsgruppenleiter dafür verantwortlich, dass so viele Tailfinger wegen des zerschnittenen SA-Kranzes auf den Heuberg kamen. Kreisleiter Kiener hatte jetzt die Nase voll vom Tailfinger Bürgermeisterroulette. Er verkündete kurz und knapp: "Wer in Tailfingen Bürgermeister wird, wird einzig und allein dem Stuttgarter Innenministerium überlassen!" Stingel wurde abgelehnt! Nach der offiziellen Begründung, so hieß es, sei es erforderlich, die wenigen bewährten Parteigenossen unter den Lehrern bei ihrem Beruf an hervorragende Positionen zu stellen.
Stingel war beleidigt und kündigte seinen Rückzug aus der Kommunalpolitik an: "Ich brauche nicht mehr Ortsgruppenleiter sein und kann mich auf meinen Lorbeeren ausruhen!" Eugen Maurer wurde als Bürgermeister eingesetzt und es gab keine weiteren Widerstände. Es sollte "endlich wieder einmal Ruhe einkehren", - wie Arthur Blickle es für alle formulierte.
Doch im März 1937 kam es erneut zu Auseinandersetzungen: Maurer wurde wegen abfälliger Bemerkungen über "führende Persönlichkeiten in Partei und Staat" und wegen Meinungsverschiedenheiten mit dem Ortsgruppenleiter in einem Dienststrafverfahren angeklagt. Das Verfahren wurde eingestellt, weil die Zeugenaussagen kein eindeutiges Ergebnis erbrachten. Man verwies darauf, dass die Bereinigung dieser Angelegenheit jetzt nur noch Sache der Partei sei.
Es war schwierig für die Nationalsozialisten, in Tailfingen die selbst gesetzten Ansprüche von "sauberer Verwaltung" in die Tat umzusetzen. Das zeigten die komplizierten Umstände der Ernennung des Bürgermeisters. Einerseits mussten sich die Nazis an den großen Verlautbarungen von einer effizienten Verwaltung messen lassen. Andererseits warteten die sogenannten "alten Kämpfer" auf ihre Chance, obwohl sie nicht im mindesten die angesprochenen Qualitäten aufwiesen und nur mit einer niedrigen Parteinummer glänzen konnten.
In Tailfingen fassen die Nazis nicht richtig Fuss
Dass in Tailfingen ausgerechnet die neuen Ratsherren ein gewaltiges Gegengewicht stellten, war in der NS-Gemeindeordnung nicht vorgesehen. Gerade in Gemeinden, in denen die NSDAP erst mit der Gleichschaltung als führende Partei installiert wurde, fehlte es den Nationalsozialisten an fähigen Politikern. Doch das war nicht das schlimmste für die Nazis.
Ein Teil ihrer Anhänger erwies sich als Belastung für die Partei, weil sie sich als reine Querulanten herausstellten. Letztendlich blieb der NSDAP gar nichts anderes übrig, als Kompromisse zu schließen, um die Gemeinden nicht in ein Verwaltungschaos zu stürzen. Man plädierte sogar für einen Zusammenschluss von Ebingen, Tailfingen und Truchtelfingen, weil diese drei Gemeinden ein zusammen hängendes Wirtschaftsgebiet bildeten. Die Diskussion mutete nahezu modern an: Zweckverbände für die Gas-, Wasser- und Elektrizitätsversorgung wurden vorgeschlagen, um eine Vereinheitlichung und Lastenverteilung wichtiger Versorgungseinrichtungen zu erreichen.
Man diskutierte für und wider und zunächst blieb alles beim alten. Bis zum 21. Juni 1934, hinter den Kulissen waren die Weichen schon längst gestellt, und die Gemeinderäte von Truchtelfingen und Tailfingen kamen nur noch zusammen, um dem 13 seitigen Eingemeindungsvertrag zuzustimmen. "Nieder mit der Kirchturmspolitik", hieß das Credo der Nationalsozialisten, gegen das keiner der Räte mehr so richtig opponieren wollte.
Außerhalb der Rathausmeinung hatten die Nazis in den Albstadtorten aber auch so ihre Last, bis das hitlerische Unterdrückungssystem reibungslos funktionierte. Ein kleiner Jugendstreich sollte große Folgen haben: Einige Buben des katholischen Jungmännervereins Ebingen zogen bei einer Nachtwanderung auf den Ochsenberg die Pflöcke eines Zeltes heraus, in dem Hitlerjungen schliefen. In ruhigeren Zeiten wäre die nächtliche Aktion sicher als "Pfadfinderromantik" ad acta gelegt worden. Doch nicht im Jahre 1935. Die Jungmänner wurden inhaftiert und vor Gericht gestellt.

Das Amtsgericht ließ die Jugendlichen zwar schnell wieder frei, allerdings begründete die württembergische Polizei mit dieser Aktion sofort das Verbot der katholischen Jungmännervereine im ganzen Bezirk Balingen. So kam auch das Vereinswesen unter die Räder des Nationalsozialismus. Wer nicht für die Nazis war, war gegen sie, so lautete die Formel. Das bekamen viele der Ebinger und Tailfinger Vereine zu spüren, so auch die Tailfinger Stadtkapelle: 1933 wollte die Hälfte der Musiker aufhören, weil sie nicht in die NSDAP wollten. Es kam zu einem Kompromiss: Nur der Vorstand trat vorerst in die Partei ein. Bald bekamen die Musiker braune Uniformen verpasst und aus der Stadtkapelle wurde der Musikzug der NSDAP, die N. S. Kapelle. 1934 kehrten insgesamt 16 Mann dieser Kapelle den Rücken, weil "sie sich dem neuen Zeitgeist nicht anpassen konnten", wie der damalige Schriftführer Benz 1935 in seinem Protokollbuch vermerkte.
Dass auch die Heimatzeitungen als wichtige Multiplikatoren zu den ersten gehörten, denen sich die Nazis annahmen, hat keinen mehr verwundert. Überraschender Weise hielt sich aber die Tailfinger Zeitung bis 1939, was sicherlich nicht nur zutreffend mit den "besonderen" Tailfinger Verhältnissen zu erklären ist.
Das Ende der Tailfinger Zeitung
Bis 1937 brauchten die Nazis in Tailfingen Ruhe. Es gab ja schon genug Unruhe im Rathaus. Eine Einstellung der Tailfinger Zeitung hätte wieder für neue Aufregung gesorgt. So schob die Kreisleitung ihre Entscheidung vor sich her, was auch nicht sonderlich schwer fiel, denn die Tailfinger Zeitung hat nie richtig gegen die NSDAP vom Leder gezogen. Doch zum Schluss nützte dies dem Blatt auch nichts mehr.
Nicht nur in Balingen, Ebingen und Tailfingen stritten NS-Funktionäre. Auch in Berlin fetzten sich drei Männer aus der Führungsspitze des Dritten Reiches bis 1938. Es ging um das blutigste und grausamste Kapitel im Hitler-Reich: Wer sollte die Verantwortung für die Judenpolitik tragen - Chefpropagandist Joseph Goebbels, Generaloberst Hermann Göring und der oberste Sicherheitspolizist Reinhard Heydrich.
Hermann Göring in Ebingen
Am 7. November 1938 half ein Zufall dem Reichspropagandaminister, das Gesetz des Handelns an sich zu reißen: Der 17 jährige Jude Grünspan verletzte den Dritten Sekretär an der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath tödlich. Für die Nacht vom 8. auf den 9. November inszenierte Goebbels das Pogrom der "Reichskristallnacht." Göring wetterte gegen diese "Demonstration." Und Heydrich witterte gar eine Chance, Goebbels stürzen zu helfen, weil die SS "diese ganze Aktion als ausgesprochen unanständig" empfand.
Chefantisemit Adolf Hitler deckte seinen Paladin Goebbels und die Aktion der Reichskristallnacht. Demonstrativ besuchte er ihn in dessen Privatwohnung und zeigte sich mit ihm abends im Berliner Schillertheater. Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus: Über die Folgen der Reichskristallnacht wurden sich die zerstrittenen Naziführer schnell einig.
Reichskristallnacht - der Hass wird publik
Für die entstandenen Schäden wurde der deutschen Judenheit eine Buße von 1,25 Milliarden Mark auferlegt. Doch zuvor brannten die Synagogen. Die bunten Glasfenster der jüdischen Gotteshäuser gingen zu Bruch; ebenso die Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte. Die Juden selbst wurden von der SA traktiert und verprügelt.
Allein die SS verhaftete rund 30.000 begüterte Juden, sperrte sie kurzfristig ins KZ, um sie so schnell zur Auswanderung zu pressen. Für die Bevölkerung kam das Pogrom völlig überraschend und viele verhielten sich passiv und angewidert. Das Geräusch splitternden Glases begleitete den Weg der nächtlichen Terrorkommandos. Daher der Name "Reichskristallnacht."
Im Gegensatz zu den benachbarten Orten Hechingen und Haigerloch, wo die Nazis gnadenlos wüteten, wohnten in Ebingen und Tailfingen zum Zeitpunkt der "Reichskristallnacht" relativ wenig Juden. Während der dreißiger Jahre waren hier noch über 25 Einwohner jüdischen Glaubens. In Tailfingen der jüdische Arzt Dr. Klatschko und seine Familie und in Ebingen existierten vier jüdischen Geschäfte: Das Wäschegeschäft Gideon, das Schuhhaus Grünberg, die Wäschevertretung Hirsch und die Viehhandlung Weil.
Die beiden Einheitspreisgeschäfte Kadep und Wohlwert sowie Grünberg gaben schon frühzeitig 1933 auf, beim ersten Judenboykott-Aufruf. Die übrigen drei Geschäfte taten dies erst Ende 1938, als nach der "Reichskristallnacht" ein Weiterleben in der Stadt nicht mehr möglich schien. Viele, die konnten, wanderten aus, andere wurden schon damals verhaftet.

Eine Jüdin, die bis 1935 in Ebingen gemeldet war, ermordeten die Nazis im gleichen Jahr in Auschwitz. Nach der "Reichskristallnacht" wurden aus Ebingen fünf jüdische Einwohner nach Riga in das Reichskommissariat Ostland verschleppt. Für sie setzte sich mit der Deportation über das Stuttgarter Sammellager Killesberg nach Riga ein Leidensweg fort, den sie nicht überlebten - für "tot erklärt" - wie es zynisch im Amtsdeutsch hieß.