Und führ' uns gleich ins Dritte Reich


20 Kabinette und 12 Reichskanzler hatte die Weimarer Republik in wenigen Jahren verschlissen. Doch dabei hatten die zahllose Demokraten dieser glücklosen Republik eines aus dem Auge verloren: Den Willen des Volkes. Es hatte genug von den nicht enden wollenden parlamentarischen Auseinandersetzungen, dem politischen Theoretisieren, den andauernd auf's neue angesetzten Wahlen. Viele Deutsche träumten nach der Niederlage 1918 im 1. Weltkrieg wieder von der Einheit des Reiches, hofften nach der schweren, existenzbedrohenden Wirtschaftskrise der 20er-Jahre auf zukunftsorientierte Stabilität und warteten daher auf den starken Mann.

Die Parteien dagegen rieben sich im Palament gegenseitig auf - demokratische, konservative, sozialistische und kommunistische Kräfte waren so mit sich selbst beschäftigt, dass sie die Gefahr von rechts außen zunächst übersahen. Dabei hätte die Republik deutlich gewarnt sein müssen. Schon am 30. April 1928 schrieb Joseph Goebbels in der von ihm herausgegebenen Zeitung 'Der Angriff': "Wir gehen in den Reichstag hinein, um uns im Waffenarsenal der Demokratie mit deren eigenen Waffen zu versorgen...so wird der Staat selbst in Zukunft unseren Kampfapparat ausstatten und besolden... Wir kommen als Feinde! Wie der Wolf in die Schafherde einbricht, so kommen wir. Jetzt seid ihr nicht mehr unter Euch!"
"Ausländer" Hitler wird Regierungsrat
Hitler war vom 25. April 1925 bis Februar 1932 staatenlos. Damit befand er sich als Parteipolitiker mit Ambitionen auf die Staatsführung in einer denkbar einer schlechten Position. Da ihn zudem der bayerische Landtag sowie der Reichstag wegen Bedrohung und Störung der öffentlichen Ordnung als "lästigen" Ausländer ausweisen wollten, musste seine Partei dringend Abhilfe schaffen. Einflußreiche Parteigenossen griffen ein.

Am 25. Februar ernannte ihn das Land Braunschweig kurzerhand zum Regierungsrat und verlieh ihm damit automatisch die deutsche Staatsbürgerschaft. Zuvor erfolgte noch der Versuch, ihn als außerordentlichen Professor für "organische Gesellschaftslehre und Politik" an der Technischen Hochschule Braunschweig zu berufen. Dieser Plan schlug jedoch fehl, nicht nur wegen fehlender Examina, sondern auch aus Furcht vor Unruhen in der Hochschule. Die Ideologie des Nationalsozialismus hatte mittlerweile nicht nur bayerische Bierkeller erdröhnen lassen, sondern auch die Studierstuben vernebelt. Gleichzeitig wurden die Auseinandersetzungen zwischen den Parteivertretern immer erbitterter und persönliche Diffamierungen unter den Kandidaten standen auf der Tagesordnung.



Als sich der Tailfinger Bürgermeister Höfel 1932 für den Landtag aufstellen ließ, konterte die NSDAP-Presse, indem sie penibel ein "Sündenregister" des Bürgermeisters auflistete und nicht öffentliche Informationen aus dem Oberamt verwendete: "Noch vor einigen Wochen politisch sehr, sehr gleichgültig, weil Wein, Weib und Gesang ihm angenehmer erschienen, aber heute Landtagswahl, Politiker von reinstem Wasser, ein plötzlich rasend gewordener Nazifresser."
Nazi-Hetze gegen Bürgermeister
Weiter wurde unter der Hand erzählt: "Drei Anzeigen zwischen 1927 und 1930, zwei Verwarnungen und eine Geldstrafe wegen häufiger Trunkenheit lagen gegen Höfel bei Oberamt Balingen vor". Wer hier aus dem Oberamt der Sympathisant der Nazis war blieb unklar, denn die Publizisten verschlüsselten ihre öffentlich ausgebreiteten Informationen: "Das unmoralische Verhalten dieses staatsparteilichen Kandidaten innerhalb und außerhalb der Gemeinde habe verschiedentlich Anstoß erregt." Aber per Mund-zu-Mund-Propaganda und durch den vorausgegangenen Wein-Weib-Gesang-Artikel wußte jeder Bescheid.

Durch die komplizierte Wahlkreis-Geometrie - die Stimmen der liberalen Staatspartei im Oberamt Balingen zählten zum Schwenninger Wahlkreis - wurde Höfel nicht gewählt. Höfels Partei verlor gegen Ende der Weimarer Republik bei Reichstagswahlen immer stärker an Zustimmung bei den Ebingern und Tailfingern.

Stattdessen dominierten die radikalen Parteien, vor allem die Kommunisten. Die Ebinger Stimmergebnisse bis 1932, auf das Reich übertragen, hätten eine Konfrontation zwischen Hitler und Rätesystem bedeutet, denn in Ebingen waren die Kommunisten immer stärker und die Nazis immer schwächer als im Querschnitt der Republik. In Tailfingen zeigten sich ganz ähnliche Stimmverhältnisse. 40 Prozent der Tailfinger Wähler stimmten noch am 6. November 1932 für die kommunistische Partei. Bei der nächsten Wahl 1933 kam es dann zum Einbruch: Mit 21 Prozent schafften die Kommunisten noch auf die Hälfte ihres Traumergebnisses.
Strassenschlachten und "Knüppel frei"
Wer am lautesten brüllte, bekam auch die meisten Stimmen. Diese Gefahr erkannten die gemäßigten Parteien erst, als es schon zu spät war. Die Kommunisten standen mittlerweile schon total unter physischen und psychischen Druck von rechts. Ohne Fäuste ging nichts mehr. Zwar schwangen sie prominente Redner wie Goebbels und Thälmann nur am Pult zur Unterstreichung ihrer Thesen große Reden, doch flogen die Fäuste bei den Massen, die den politischen Kampf auf die Straße trugen. Und wenn die Polizei eintraf, war es oft zu spät. Dann hieß es zwar noch "Knüppel frei" und "Nachsetzen!" Aber die Anstifter und Schläger waren längst in alle Winde zerstreut. Übrig blieben die Opfer, Verwundete und viele Tote.

Doch um in dieser Zeit an die Macht zu kommen, reichten Gewalt und Fanatismus, nicht aus. Hitler musste noch zu weiteren Mitteln greifen. Die Millionen Wählerstimmen alleine waren es nicht, die ihn stützten. Ihnen stand noch immer eine größere Millionenzahl Stimmen gegenüber, die nicht für Hitler votierten.

Auch in der Arbeiterstadt Ebingen konnte sich die NSDAP bei freien Wahlen nie deutlich gegenüber anderen Parteien absetzen, das Ergebnis blieb stets äußerst knapp für Hitlers Partei.



In diesen Tagen zählte die Ebinger NSDAP gerade einmal 100 Mitglieder. Und Hitler war in ganz Deutschland unterwegs, um weitere Anhänger zu werben. So in Detmold, wo er eine Stunde verspätet auftrat, doch die Menge hat ausgeharrt. Die Stimmung im überfüllten Saal war ausgezeichnet. Hitler hielt eine seiner fulminanten Wahlreden und rief am Ende seiner vernichtenden Kritik an den Politikern der Weimarer Republik mit überschlagender Stimme: "Behaltet die Regierung, ich greife nach dem Volke. Die Tür zur Wilhelmstraße werde ich mir mit diesem Volke selbst aufstoßen."
Die Hintertreppe zur Macht
Wie so oft hatte auch dieses Mal der Führer seinen Zuhörern nicht die ganze Wahrheit gesagt. Tatsächlich hatte Hitler längst begriffen, dass er nur mit Volkesstimme, also auf demokratischem Weg, nicht an die Regierung kommen würde. Es blieben ihm nur Umwege zur Macht, er musste über die Hintertreppe. Um eine solche zu erklimmen, verspätete er sich bei seinem Wahlkampfauftritt in Detmold: Ein konspiratives Treffen am vormittag. Bankier Freiherr von Schröder ließ Hitler in Bad Godesberg abholen und zur Kölner Privatwohnung es Geldbarons bringen. Wenig später stieg dort ein magerer Herr aus einem unauffälligen Taxi: Franz von Papen, prominenter Katholik, reicher Verleger und engster Vertrauter des Reichspräsidenten Generalfeldmarschall Paul von Beneckendorff und Hindenburg. Papen war bis wenige Wochen zuvor Kanzler des Deutschen Reiches, ehe er seinem Gönner Schleicher das Amt hatte überlassen müssen.

Kurt von Schleicher war der intriganteste und politisierendste General der Reichswehr, dessen einziges Hobby seine Kameraden vom 3. Garderegiment zu Fuß waren. Mit allen Mitteln strebte von Papen jetzt zurück zur Macht. Mit Hitlers Hilfe wollte er Schleicher das Amt wieder abjagen. Im Studierzimmer des Bankiers vereinbarten die Männer, dem Reichspräsidenten ein Kabinett vorzuschlagen, in dem Kanzler (Hitler) und Vizekanzler (Papen) gleiche Rechte haben sollten.



Am gleichen Tag empfing auch Reichskanzler Schleicher einen heimlichen Besucher und geleitete ihn - sorgfältig vor der Öffentlichkeit abgeschirmt - zum Reichspräsidenten. Es war Georg Strasser, bis vor kurzem noch zweiter Mann in Hitlers Partei. Ihn hatte Schleicher zum Vizekanzler berufen wollen, um damit die NSDAP zu spalten. Nachdem Hitler diesen Plan sogleich durchkreuzte und Strasser in der Partei isolierte, gab der entnervt auf und zog sich ganz aus der Politik zurück.

Nächster folgenschwerer Akt für Schleicher in Folge: Der Gewerkschaftsvorsitzende Theodor Kipart trifft sich SPD- Vorstandsmitglied Breitscheid. Hier heißt es: "Die Parteileitung der SPD lehnt jede Zusammenarbeit mit dem Reaktionär Schleicher ab und sie erwartet die gleiche Haltung von den Gewerkschaften". Seither hatte Schleicher nur noch Feinde, und die Industrie verübelte ihm die Gewerkschaftskontakte. Sie setzte die von ihr abhängigen Deutschnationalen (DNVP) unter Druck und veranlaßte deren Vorsitzenden Hugenberg, sich mit Hitler zu verständigen.
Hindenburg: "Hitler ist doch kein Staatsmann"
Hitler erschien jetzt allen als das kleinere politische Übel. Auch der Reichspräsident von Hindenburg wandte sich von Schleicher ab, der sich mit seinen Standesgenossen, den Großgrundbesitzern, angelegt hatte. Aber so eifrig sich von Papen auch bemühte, er konnte Hindenburg die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler nicht abringen. Hindenburg sträubte sich nach wie vor gegen Hitler: "Der ist doch kein Staatsmann", meinte er, "Postminister meinetwegen".

Die nächste Finte musste her: Für den Abend des 22. Januar 1933 habe Oskar von Hindenburg, der Sohn des Reichspräsidenten, und Staatssekretär Otto Meißner (Typ: stiernackig und anpassungsfähig, diente schon unter Ebert und wurde auch bei Hitler später wieder Staatssekretär) für sich und ihre Damen eine Loge in der Berliner Staatsoper reservieren lassen.

Erich Kleiber dirigierte Richard Wagners Jugendwerk "Das Liebesverbot". In der Pause ergehen sich die Herrschaften im Foyer und legen großen Wert darauf gesehen zu werden. Dann kehren alle in die Loge zurück. Erst als es dunkel wird, verlassen die Herren das Opernhaus durch einen Nebeneingang, die Damen bleiben als Statistinnen zurück. Meißner und Oskar von Hindenburg halten ein Taxi an und lassen sich nach Dahlem fahren. Noch vor dem Ziel steigen sie aus und gehen das letzte Stück zu Fuß. Sie erreichen die Villa des Hitlervertrauten von Ribbentropp, in der Hitler, Göring und Papen schon auf die Gäste warten. Nach einem Glas Sekt zur Begrüßung bittet Hitler den jungen Hindenburg in ein Nebenzimmer.
Der Lohn: 5.000 Morgen Land
Als sie nach einer Stunde in den Salon zu den anderen Gästen zurückkehren, machen sie - so erinnerte sich später Meißner - den Eindruck von Männern, die über "letzte Dinge" gesprochen haben. Nach einem abschließenden Essen verlassen Meißner und der junge Hindenburg das Haus. Auf der Rückfahrt sagt Otto von Hindenburg: "Ich fürchte, um diesen Hitler werden wir nicht mehr herumkommen." Einige Monate später, als Hitler fest im Sattel sitzt, werden den Hindenburgs 5.000 Morgen Land, das an ihr ostpreußisches Gut Neudeck angrenzt, aus dem Staatsbesitz kostenlos und steuerfrei überschrieben.

Als Hitler in Deutschland Reichskanzler wurde, gab es in Deutschland praktisch fünf Parteien. Neben Hitlers NSDAP hielten sich noch ungebrochen, mit Hunderttausenden von Mitgliedern und Millionen von Wählern, die Sozialdemokraten, das Zentrum, die Kommunisten und die Deutschnationalen. Bei den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 blieben die vier Parteien immer noch deutlich in der Mehrheit.

Hitlers Partei kam trotz "Regierungsbonus" und Wahlterror nur auf 43,9 Prozent. Trotzdem konnte vier Monate später am 14. Juli, ohne Widerspruch oder Widerstand, gemeinsam mit der für die 2/3 Mehrheit im Reichstag notigen Zentrumspartei unter Parteivorsitz von Prälat Kaas, ein Gesetz verkündet werden, das kurz und knapp bestimmte: "In Deutschland besteht als einzige politische Partei die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei".
Verhängnisvoll: Der Reichstagsbrand
Zuvor kam den Nazis noch der Reichstagsbrand regelrecht zu Hilfe. Der holländische Rätekommunist glaubte, der Proletarier müsse sein Leben allein bestimmen - ohne Staatsbürokratie und Parteiapparat. Durch Arbeitsunfähigkeit war er in der Obdachlosenwelt ultralinker Sektierer eingebunden, wollte deshalb ein Fanal setzten. Was er nicht ahnte, als er seine Kohlenanzünder in den Reichstag warf: Die Einzeltat kam seinen politischen Gegnern, den Nationalsozialisten ganz und gar passend. Sie zog die größte Kommunistenhatz in Deutschland nach sich.

Wie ein plötzlich aufziehendes Gewitter brach der Reichstagsbrand über alle Kommunisten herein. Von den 81 kommunistischen Abgeordneten, die am 5. März 1933 trotzdem noch gewählt worden waren, konnte keiner mehr antreten: Alle waren im KZ, auf der Flucht oder im Versteck. Das galt nicht nur für Berlin, im ganzen Land wurde jetzt Jagd auf Kommunisten, Sozialisten und Gewerkschaftler gemacht, obgleich die NSDAP sich als Arbeiterpartei ausgab.



Auch in der Provinz kam es zu Konflikten mit Arbeitern und Gewerkschaftlern. In Tailfingen, wo beinahe die Hälfte der Wähler für die Kommunisten stimmte und gegen die Nazis opponierte, fand man auch sofort einen Anlaß zur örtlichen Kommunistenhatz. Der Berliner Reichstagsbrand konnte ja hier nicht als Grund herhalten. So wurde ein Kranz am Gefallenendenkmal, von der SA in Tailfingen niedergelegt und von Unbekannten zerschnitten, zum willkommenen Verfolgungsfanal.

Ein Täter wurde nicht gesehen, geschweige denn festgestellt. Doch die Schuldzuweisung war klar: Es waren die vaterlandsfeindlichen Kommunisten. Auch Bürgermeister Höfel kam schnell mit dem "Sündenbock"-Denken zurecht. Er fürchtete "spontan", dass die Sicherheit in Tailfingen nicht mehr gewährleistet sei, "dass auch hier noch eine Anzahl unlauterer Elemente ihr Unwesen treibt", so Höfel. Er forderte mit Unterstützung des Oberamts Balingen 14 SA-Leute an. Danach zogen verstärkt Patrouillen durch die Stadt - und am Montag zeigte sich der Sinn der ganzen Aktion: Morgens gegen 5 Uhr verhafteten Tailfinger, verstärkt durch Balinger und Ebinger Polizisten 21 ortsbekannte Kommunisten.
Tailfinger Kommunisten ins KZ
Sie wurden eilig in das neue Konzentrationslager Heuberg überstellt. Einen Tag später verstärkte die Polizei den Druck: Unterstaatssekretär Mattheis, zuständig für die Polizei des Landes Württemberg, besuchte Ebingen und Tailfingen. Hier drohte er mit weiteren Polizeimaßnahmen: Sollten "Umtriebe oder Äußerungen gegen die Regierung oder gegen die deutsche Bewegung festzustellen sein", so Mattheis, werden sofort 100 Polizisten nach Tailfingen beordert, um jeden Verdächtigen festzunehmen und zur Zwangsarbeit einziehen zu lassen. Mattheis begnügte sich aber nicht mit der drakonischen Strafandrohung, sondern verlieh ihr mit der Einquartierung von weiteren 25 SS-Uniformierten Nachdruck. Der Unterstaatssekretär traf auch mit Bürgermeister Höfel zusammen. Ihm machte er unmissverständlich klar, dass er den Gemeinderat auflösen werde, wenn das Ratsgremium versuche "Aufbaumaßnahmen zu sabotieren" oder sich den Anordnungen der Reichs- und Landesregierung entziehe. Höfel ermahnte daraufhin seine Stadträte, forderte sie zur Mitarbeit in den Gremien auf und verbat sich jegliche Stammtisch-Kritik.

SPD-Stadtrat Eisele formulierte diesbezüglich resigniert seine Meinung: "Er stehe auf dem Standpunkt, dass sich das deutsche Volk am 5. März 1933 für die jetzige Regierung entschieden habe, weshalb es keinen Sinn habe, dieser Regierung Schwierigkeiten zu machen".

Die meisten Stadträte hätten gern die Friedhofskranz-Zerschneidung nicht so dramatisch beurteilt: "Lausbubenstreich einfach". Mit massivem Polizeieinsatz waren die wenigsten einverstanden, selbst der als Nazi-freundlich bekannte Stadtrat Ammann meldete zarte Kritik an. So meinte Karl Ammann, dass im großen und ganzen die Politik vom Rathaus ferngehalten worden sei. Und weiter: "Der politische Umsturz sei sehr rasch gekommen, weshalb sich mancher Ausdruck aus Verärgerung tue, der nicht so gemeint sei. Wenn er die Polizeibehörde wäre, würde er deshalb nicht so scharf vorgehen".
Die Stunde der Denunzianten
Die größere Polizeipräsenz, für die Nazis stets willkommen, brachte automatisch eine zusätzliche Komponente: Ein blühendes Denunziantentum entstand. Anonyme Angeber, wie es in der Tailfinger Zeitung hieß, bemühten sich, "angesehene Bürger der Stadt, andere sogar bei auswärtigen Behörden anzuschwärzen. Zwar warnte die Polizei, dass sie gegen jeden Gerüchteverbreiter vorgehen werde, doch die ansteigende Zahl der Verhaftungen ließ daraus schließen, dass ein gewaltiger Unterschied zwischen angesehenen Bürgern und Arbeitern bestand.



"Halt die Schnauze, sonst kommst du ins KZ". Das war die Sprache des Terrors und der Angst von Anfang an. Viel wusste man ja nicht von den Konzentrationslagern, selbst wenn sie vor der Haustür waren, wie auf dem Heuberg. Nur Gerüchte waren zu hören - ganz und gar verharmlosende ebenso, wie ungeheuerlich übertreibende. Wer wieder entlassen wurde, schwieg. Musste schweigen. Und wer in "Schutzhaft" blieb, konnte nichts sagen.

Allein am 22. Und 23. März 1933 wurden 19 Tailfinger in Schutzhaft genommen. Die Verhaftungsaktionen sollen solange weitergehen, "bis die Bevölkerung begriffen habe, die Verächtlichmachung der Regierung und deren führender Männer in Äußerungen und auf der Straße oder an den Biertischen zu unterlassen und den Willen dieser zu respektieren".

Bis Anfang Mai 1933 wurden etwa 50 Tailfinger Einwohner verhaftet. Sie saßen auf dem Heuberg, weil man ihnen insgeheim Verbindungen zu Kommunisten zum Vorwurf machte. Am 3. Mai 1933 wies daher der Tailfinger Bürgermeister Höfel in einem Brief an das Balinger Oberamt darauf hin, dass "unter der Auswirkung der nationalen Revolution" über 50 Tailfinger in Schutzhaft seien, "eine Zahl, die im Verhältnis zur Größe der Einwohnerzahl überaus groß ist." Höfel bat das Oberamt darum, die Gefangenen vom Heuberg freizulassen, die keine "ausgesprochenen kommunistischen Funktionäre seien".
1933 - Schon zehn Nazis im Tailfinger Gemeinderat
Der Tailfinger Bürgermeister glaubte, dass mit einer Freilassung der "Schutzhäftlinge" eine Neuorientierung in der Gemeinde zum Nationalsozialismus positiv beeinflusst werde. Höfel betonte, dass auch im Gemeinderat inzwischen zehn Nationalsozialisten und keine Sozialdemokraten mehr wirkten. Er befürwortete unbedingt die Entlassung der damals noch 43 inhaftierten Tailfinger vom Heuberg. Auch der Freilassung der zehn Kommunisten, die darunter waren, stellte sich der Gemeinderat nicht entgegen. "Sollte der eine oder andere nach Auffassung der Lagerleitung - die damals noch hauptsächlich unter Polizeiverwaltung stand - entsprechend seinem Verhalten in Schutzhaft für die Entlassung in Betracht kommen, so steht unsererseits nichts im Wege".

Zwei Tage später bestätigte der Sonderkommissar beim Oberamt Balingen die Freilassung von 33 Häftlingen. Schwieriger sah es mit der Entlassung der Kommunisten aus, sie zog sich zu mindesten in einem Fall sogar bis Ende 1934 hin. So schaltete sich im Fall des Arbeiters August Bitzer auch der NSDAP-Ortsgruppenleiter Stingel ein. Er fragte bei Höfel an, weshalb Bitzer verurteilt worden sei. Darüber konnte der Bürgermeister zunächst zwar keine Auskunft geben, aber etwa drei Monate später berichtete Höfel seinem Ortsgruppenleiter: "Bitzer sei wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt, aber angestiftet habe ihn der Ebinger Kommunist Gonser.

Bitzer war lange Zeit arbeitslos und kam dadurch in die Hände kommunistischer Agitatoren, von denen der frühere Stadtrat Reinhold Gonser in Ebingen der gefährlichste sei," so Höfel. "Nun war aber Gonser schon entlassen worden und in Tailfingen könne kein Mensch verstehen, dass August Bitzer, welcher sicher nur ein Werkzeug dieses Hauptagitators war, weiterhin seiner Freiheit beraubt sein soll." Der Tailfinger Bürgermeister plädierte dafür, die Haft sofort aufzuheben. Immer noch nicht wusste man in Tailfingen, wer nun den SA-Kranz auf dem Friedhof zerschnitten hatte, aber der "kleine Reichstagsbrand" war offensichtlich der beste Grund, die "Hexenjagd" gegen Tailfinger Arbeiter weiter einzuleiten.
Verhaftungen auch in Ebingen
Ähnlich hart wie in Tailfingen griffen die Nationalsozialisten auch in Ebingen durch. Auf Anordnung des Landespolizei-Kriminalamtes verhaftete man am 10. März 1933 im Bezirk Hechingen 30 Mitglieder der kommunistischen Partei. Davon kamen allein zehn aus Ebingen, auch die beiden Stadträte Gonser und Frey. Dass die starke KP-Opposition der Arbeiterstadt auch außerhalb bekannt war, zeigte ein Gerücht, das in Tübingen aufkam: Einen Tag nach der Verhaftungswelle fragte die Tübinger Zeitungsredaktion bei ihren Kollegen vom Albboten an, ob das Rathaus in Ebingen schon angezündet worden sei. Offenbar hatte irgendjemand in Tübingen von der Verhaftungswelle gegen Ebinger Kommunisten Wind bekommen und sich hieraus seinen Vers gemacht.



Tatsache war, Unterkommissar Mattheis ließ am 17. März 1933 das Ebinger Rathaus besetzen. Dieser Akt erinnerte den Redakteur des Albboten an eine Kriegshandlung: "Die Stadt Ebingen bot", so schrieb er, "gestern Nachmittag das Bild einer militärischen Besetzung." Und weiter: "gegen 3 Uhr nachmittags rückten auf Lastwagen auswärtige SA- und SS-Mannschaften an, die zum großen Teil mit Karabinern bewaffnet waren und das Ebinger Rathaus besetzten." Dabei musste sogar die Markstraße gesperrt werden," weil sich eine riesige Menschenmenge in der Nähe des Rathauses angesammelt hatte, "die aber von Polizei im Verein mit SA in Ruhe und Ordnung gehalten wurde."

Nach dieser Machtdemonstration stürmte die SA auch das Gewerkschaftshaus und verbrannte Fahnen und Abzeichen. Sieben Kommunisten wurden hierbei verhaftet, darunter auch Fridolin Reiber, einer der bekanntesten Ebinger Kommunisten. Gleichzeitig wurde der alte Ebinger Polizeiapparat demontiert und durch linientreue Hilfspolizisten von SA und SS ersetzt.

Die Übergriffe nahmen zu. Verfolgt wurden jetzt auch Sympathisanten der KP. Als ein Unbekannter einen Ebinger Gasmann niederschlug, war die Tätergruppe schnell eingegrenzt: "Die Kommunisten wollten einen Anschlag auf das Gaswerk verüben", hieß es daraufhin wieder, ein weiterer Grund, Kommunisten in Ebingen zu verhaften. Außer den Arbeitern und Sozialisten gerieten jetzt auch wieder demokratische Politiker ins Visier der Nazis. Der prominenteste unter ihnen war sicherlich Fritz Haux, Besitzer der Firma Gebr. Haux. Die Nationalsozialisten gingen hier aber eher nach dem Motto "Zuckerbrot und Peitsche" vor, sie wollten ja nicht alle gegen sich aufbringen.
SA marschiert durch Ebingen
Immerhin waren durch das harte Eingreifen gegen Sozialisten und Kommunisten auch die Demokraten als städtische Führungsschicht in Ebingen nicht ungeschoren davon gekommen. Bis dato konnten sie im Rathaus mit anderen gewählten Vertretern respektvoll zusammen arbeiten. Wie in der Weimarer Demokratie üblich, zum Wohl der Stadt. Doch die Nazis ließen außer der NSDAP keine anderen Parteien mehr gelten. Aber noch brauchten sie die in der Verwaltung erfahrenen Kommunalpolitiker - bis zur Gleichschaltung.

Das Räderwerk in den Rathäusern sollte Stück für Stück ersetzt werden. Der neue NS-Ministerpräsident Mergenthaler wertete den Ruf des ganzen Gemeinwesens dann gezielt wieder auf, als er höchstpersönlich in der Alb-Stadt erschien um die Ehrenbürgerwürde entgegen zu nehmen. Eigentlich nichts besonderes nach der Machtübernahme, denn NS-Größen wurden im ganzen Land und Reich zu Ehrenbürgern ernannt.

Doch der Besuch Mergenthalers in Ebingen war nicht nur reine Routine. Der Hintergrund war sicherlich der, dass in Ebingen die Bindungen zum Nationalsozialismus nicht sehr stark waren, eher oppositionell ausgerichtet. Jedenfalls reiste Mergenthaler nicht ohne den Hintergedanken nach Ebingen, Werbung in eigener Sache zu machen.

Die Turnhalle war voll und die Kundgebung wurde in acht weitere Räume übertragen. Milde wirkte auch die Ansprache Mergenthalers: "Es ist bitter notwendig, dass unter das Vergangene ein Strich gezogen wird. Wir wollen nicht zurück schauen, sondern vorwärts schauen auf die Aufgaben, die wir gemeinsam zu lösen haben." Auch der Berichterstatter des Albboten zog ein positives Resümee. Keinen Zweifel habe er, "dass der gestrige Abend dazu beigetragen hat, dass auch in Ebingen die Reihen dichter werden."
Anonymer Widerstand und ziviler Ungehorsam
Als Barometer für diese Einschätzung konnte die Volksabstimmung etwa zweieinhalb Wochen später gelten. Trotz der Umstände, dass es keine freien Wahlen mehr waren, erhielten die Nationalsozialisten in Ebingen wieder einen Dämpfer. Hier bekam die NSDAP sowohl bei der Abstimmung über die Politik Hitlers als auch bei den gleichzeitigen Reichstagswahlen die meisten ungültigen Stimmen im Bezirk: 6 Prozent der Ebinger gaben bei der Volksabstimmung einen ungültigen Stimmzettel ab, bei den Reichstagswahlen sogar 12 Prozent.

Im Gegensatz zu anonymen Wahlen war offener Widerstand gefährlicher denn je. Nicht nur Tailfinger und Ebinger Nazi-Gegner, sondern auch politisch Gefangene aus dem ganzen Land wurden auf den Heuberg transportiert. Mit dem KZ Heuberg, dem ersten Konzentrationslager in Württemberg auf dem Truppenübungsplatz bei Stetten am kalten Markt, schalteten die Nationalsozialisten den aktiven Kern der Opposition aus, soweit er sich nicht in die Emigration oder in den Untergrund retten konnte. Schon am 15. März 1933 teilte der Reichskommissar für die württembergische Polizei, Dietrich von Jagow in Stuttgart der Presse mit, er beabsichtige für die bereits verhafteten Kommunisten auf dem Heuberg ein Konzentrationslager einzurichten.

Der Heuberg diente dem Kaiserheer bis 1918 als Kaserne und Truppenübungsplatz. Nach der Revolution stand ein großer Teil leer, im Rest war ein Kinderheim untergebracht. Dietrich von Jagow konnte also auf einen quasi leerstehenden Komplex zurückgreifen.



Die ersten Wachmannschaften setzten sich aus 500 Mann Hilfspolizei und 65 Schutzpolizisten zusammen. Die Leitung des Lagers lag aber mit Sturmführer Major a. D. Kaufmann schon von Anfang an praktisch in den Händen der SA. Zwar gab es in der Anfangszeit auch schon Quälereien von "Schutzhäftlingen" aber erst nach Ostern 1933, als mit dem SA-Führer Oberstleutnant a. D. Karl Buck die SA das Lager vollständig übernahm, wurde die Folter zur Regel. Das neu eingerichtete Schutzhaftlager rückte auch auf der Schwäbischen Alb in den Blickpunkt des Interesses.

Über einen Feldgottesdienst der SA auf dem Heuberg berichtete die Tailfinger Zeitung: "Im Kontrast zu diesem feierlichen bunten Bild über dem die schwarzweißrote Reichskriegsflaggen stolz im Winde wehte, standen die großen Transporte von Schutzhäftlingen, die just um diese Zeit aus allen Gegenden Württembergs auf großem Omnibussen eintrafen und die teilweise verdrossenen, gleichmütigen Gesichter der Kommunisten, die aus den Türen der großen Wohnbaracken lugten."
Pressekonferenz im Schutzhaftlager
Die Nationalsozialisten wollten ihre Verhaftungsaktionen in einem möglichst günstigen Licht erscheinen lassen, um die Bevölkerung nicht noch mehr zu spalten. Denn die inhaftierten Arbeiter waren ja schließlich keine gewöhnlichen Kriminellen. So hat auch das Polizeipräsidium Stuttgart eilig Vertreter der Landespresse zu einer Besichtigung des Schutzhaftlagers eingeladen. Vor Beginn der Fahrt begrüßte Polizeipräsident Klaiber die Pressevertreter und erklärte unter anderem: "Das württembergische Landeskriminalpolizeiamt hat schon seit längerer Zeit vorgesehen, die kommunistischen Funktionäre auf einen Schlag fest zu nehmen. Ein telefonisches Stichwort genügte auch, um zur selben Stunde etwa 500 Funktionäre zu verhaften."

Auch die zweite Welle von Festnahmen war längst vorbereitet. Durch die nationale Revolution wurde der Personenkreis aber wesentlich erweitert. Da die Gefängnisse in Städten und Gemeinden nicht ausreichten, mussten Konzentrationslager geschaffen werden, wozu sich das Heuberglager am besten eignete, da hier massive Gebäude und alle Einrichtungen für die Verpflegung schon vorhanden waren. Der Polizeipräsident teilte weiter mit, dass alle Schutzhaftfälle vom Landeskriminalpolizeiamt in Stuttgart genau nachgeprüft werden.

Er hoffe, so erklärte er weiter, in Bälde eine größere Zahl wieder entlassen zu können, während eine "Stammkundschaft" noch längere Zeit auf dem Heuberg verbleiben müsse. Wie lange dies dauere, stehe noch nicht fest. Die Schutzhaft auf dem Heuberg solle keine Strafe, aber auch kein reines Sommervergnügen sein. Ein Teil der Gefangenen ist in Schutzhaft, um sich selbst zu schützen, der weitaus größere Teil aber, um die Bevölkerung vor ihnen zu schützen, weil von ihnen angenommen wird, dass sie die nationale Erhebung stören...
SA-Terror gegen politische Gefangene
Doch im Lager ging es alles andere als "schutzwürdig" zu: Ein besonderes Vergnügen bereitete es den SA-Bewachern, den Häftlingen Angst einzujagen. So kam eines Abends der SA-Mann Sabatier mit gezogener Pistole in den Bau 19 und drohte alle zu erschießen, weil jemand aus dem Fenster geschaut hätte.

Seine Begleitmannschaft blieb unter der Türe stehen und entsicherte ihre Karabiner. Nachdem Sabatier sich ausgetobt hatte, verließ er das Gebäude unter Gebrüll: "Wir kommen wieder - dann Gnade euch Gott." Solche Auftritte gab es jeden Tag. Ende September wurde eine Gruppe ehemaliger Landtagsabgeordneter, Stadträte, Beamte, Lehrer und ehemalige Funktionäre der KPD und SPD ins Freie getrieben und mit viel Geschrei und Prügel im Laufschritt in den etwa 300 Meter entfernten Bau 23 gejagt.

Bau 23 gehörte wie Bau 19 zu den Strafbauten. Hier angekommen, mussten die Häftlinge stundenlang mit dem Gesicht zur Wand stehen. Die SA-Bewacher fanden ihren Spaß daran, die Köpfe der Gefangenen von hinten an die Wand zu stoßen, bis ihre Gesichter zerschunden waren und bluteten. Unter diesen Gefangenen waren auch der kommunistische Landtagsabgeordnete Albert Fischer aus Metzingen und der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Dr. Kurt Schumacher.

Andere Häftlinge, die wegen Geringfügigkeiten aufgefallen waren, z. B. wegen "schlechtem Bettenbau", "schlechter Haltung beim Antreten" oder anderer Kleinigkeiten, die der SA als Widersetzlichkeit erschien, mussten den Kopf in das Feuerloch des Ofens strecken und 50 mal in den Kamin rufen: "Ich bin ein roter Hund." Brach der Häftling zusammen, wurde er mit einem Kübel Wasser übergossen und die Tortur begann von neuem. Die übliche Lagerstrafe, tagelanges Einsperren "im Bunker" bei halber oder ohne Kost, die Abkommandierung zu einer besonders schweren Arbeit im Steinbruch, beim Straßenbau oder zu besonders ekliger Arbeit, vor allen dem Entleeren der Latrinen, geschah immer auf Befehl des Kommandanten Buck.



Auch Gustl Sontheimer aus Stuttgart-Bad Cannstatt wurde oft dem Latrinenkommando zugeteilt. Er reagierte darauf auf seine Art. Um seine Autorität gegenüber den SA-Leuten zu heben, trug Lagerkommandant Buck stets das Eiserne Kreuz erster Klasse aus dem Ersten Weltkrieg an seiner Joppe. Sontheimer ließ sich daraufhin mit einem Wäschepaket seine Kriegsorden schicken.

Beim nächsten Latrinenputzen erschien er als Vaterlandsverräter eingestufte Schutzhäftling ebenfalls mit dem EK 1 und dazu mit der goldenen Militärverdienstmedaille, der höchsten württembergischen Kriegsauszeichnung. Karl Buck schäumte vor Wut und befahl Sontheimer, die Orden sofort abzunehmen. Doch Sontheimer erwiderte sarkastisch: "Der Führer hat doch erklärt, der Dank des Vaterlandes für alle Weltkriegsteilnehmer ist im Dritten Reich jedem gewiß und die Tapferkeitsauszeichnungen sind wieder in Ehren zu tragen." Trotzdem: Sontheimer musste die Orden wieder nach Hause schicken und weiter Latrine putzen.

Besonders grausam setzte Buck Simon Laibowitsch aus Eberbach am Neckar zu. Laibowitsch war Jude und das war für die SA-Meute Grund genug, ihm einer "Sonderbehandlung" zu unterziehen. Laibowitsch war nicht besonders kräftig und erkrankte auf dem Transport von Heidelberg nach Konstanz. Der Arzt im Polizeigefängnis Konstanz gab ihm ein paar Beruhigungspillen und ohne ihn weiter zu untersuchen schickte er ihn auf den Heuberg. Dort kam er mit weiteren Verhafteten am 7. September 1933 an. Mit dem üblichen Procedere wurden sie von Karl Buck empfangen und mit Befehl: "Im Laufschritt ihr roten Hunde" in den Strafblock 19 getrieben.

Laibowitsch konnte jedoch nicht so schnell laufen wie die anderen und stürzte mehrmals zu Boden. Die SA-Begleitung traktierte ihn mit abgenommen Koppeln und Fußtritten. Übel zugerichtet kam er schlussendlich im Strafbau an. Zwei Kameraden mussten ihn hineintragen. Nachmittags mussten diese neu angekommenen Häftlinge auf dem Hof antreten, um Brennholz auf den Speicher zu schaffen. Buck kontrollierte die Arbeit persönlich und befahl gnadenlos, dass die vollen Körbe und Eimer im Laufschritt wegzutragen seien. Als ihm gemeldet wurde, dass Laibowitsch krank auf dem Zimmer lag, befahl er sofort: "Raus mit dem Saujuden."

Laibowitsch wurde von zwei SA-Männern in den Hof geschleppt. Er sollte zwei Eimer Holz auf den Speicher schleppen. Dabei brach er zusammen. Buck schimpfte sofort los: "Faulpelz, Simulant und dreckiges Judenschwein", das erst einmal gewaschen werden müsse. Diese Ansage Bucks wurde sofort mit sichtlicher sadistischer Wollust von den SA-Leuten umgesetzt. Man riss Laibowitsch die Kleider vom Leib, schleppte ihn zu einem Brunnentrog. Zwei Mann hoben ihn hoch und tauchten ihn ins kalte Wasser, während zwei andere ihn mit groben Wurzelbürsten solange bearbeiteten, bis er bewusstlos war.
Auf dem Heuberg zu Tode gequält
Am Abend wurde Laibowitsch dem Lagerarzt vorgeführt. Der Arzt, der schon manches gewohnt war, rief entsetzt aus: "Mensch wer schickt denn sie auf den Heuberg, was hat man mit ihnen gemacht?" Aus der Arztbaracke kehrte Laibowitsch nicht mehr zurück.

Am anderen Morgen holte ein SA-Mann seine Habseligkeiten aus dem Bau 19 ab. Laibowitsch war an inneren Verletzungen verstorben. Ohne Angaben der Todesursache ist Simon Laibowitsch am 9. September 1933 beim Standesamt in Stetten am Kalten Markt als verstorben eingetragen. Seine Ehefrau erfuhr erst sieben Monate später, dass ihr Mann auf dem Heuberg verstorben war.

Alles in allem blieb die Information über das Lager und die Vorgänge darin war mehr als spärlich. Die Angst der Menschen, auf den Heuberg verschleppt zu werden, war das probateste Mittel der Nazis, mit der Opposition im Land fertig zu werden. In Tailfingen drohte der NS-Polizeikommissar offen damit, die Arbeiter so lange im Lager zu behalten, bis Ruhe eingekehrt war: "Es ist mir bekannt geworden, dass gegen die Schutzmaßnahmen von verschiedener Seiten gehetzt wird. Ich mache darauf aufmerksam, dass hierdurch die Lage der Schutzhäftlinge auf dem Heuberg nicht gebessert wird. Entlassungen gibt es erst, wenn hier absolute Ruhe eingetreten ist".

Ein Ebinger zumindest arrangierte sich verblüffend schnell mit der Situation auf dem Heuberg. Geschäftstüchtig inserierte der Wirt des Gasthauses "Zum Deutschen Kaiser" in der Tübinger Chronik, um für die Besucher der Inhaftierten zur Einkehr in sein Lokal zu werben: "Alle Heuberg-Besucher sowie Ausflügler treffen sich im Gasthaus zum Deutschen Kaiser" hieß es in seiner Reklame.

Im Zuge der Aufrüstung benötigte die Reichswehr das Gelände des Heubergs bereits Ende 1933 wieder. Die württembergischen Inhaftierten kamen in das alte Festungswerk auf dem Oberen Kuhberg bei Ulm und die Badischen in das frühere Arbeitslager für Jugendliche, auf dem Staatlichen Hofgut Ankenbuck bei Bad Dürrheim.

In der kurzen Zeit des Bestehens des Schutzhaftlagers Heuberg von Mitte März bis Ende November 1933 hielt die SA in diesem KZ um die 15.000 Menschen gefangen. Etwa 40 von ihnen fanden dort in dieser Zeit den Tod.

Lagerkommandant Karl Buck befehligte später das KZ auf dem Oberen Kuhberg und danach das KZ Welzheim. Von dort aus inspizierte er auch mehrere Konzentrationslager im besetzten Frankreich. Nach dem Krieg von den Franzosen dreimal zum Tode verurteilt, wurde er 1955 den deutschen Behörden übergeben, die ihn freiließen. Doch damit war die Geschichte des Heuberg noch nicht zu Ende.
Vom KZ zum Bewährungsbattallion 999
Mussolini kam auf den Heuberg und General H. A. Wlassow, der mit gefangenen Russen dann unter deutscher Führung gegen Stalin kämpfte. Auf dem Heuberg wurden weiter Soldaten ausgebildet, wie schon zu Kaisers Zeiten. Auch viele ehemalige KZ-Häftlinge trafen sich auf dem Heuberg wieder. Diesmal nicht als Häftlinge, sondern als "Strafsoldaten" Adolf Hitlers im Bewährungsbattaillon 999.

Bis Mitte des Jahres 1944 wurde 38 solcher Bataillone mit einer Gesamtstärke von etwa 34.000 Mann aufgestellt. Der Truppenübungsplatz Heuberg wurde zu einer Ausbildungsstätte der "besonderen Art." Ehemalige Häftlinge, die ihre Strafe längst verbüßt hatten, bekamen den Gestellungsbefehl. Gefängnisse und Zuchthäuser wurden nach wehrtüchtigen Gefangenen durchforscht, die sofort in geschlossenen Transporten auf den Heuberg kamen.

Die Behandlung der 999er unterschied sich nur wenig von der Qual der früheren KZ-Häftlinge von 1933, die in denselben Baracken hausten. Der übliche Wehrmachtsdrill wurde hier zur sadistischen Orgie gesteigert. Besuche im Lager waren nicht gestattet und Ausgangserlaubnis gab es selten, Frauen, die ihre Männer, Mütter, die ihre Söhne besuchen wollten, konnten oft nur durch den Stacheldraht mit ihnen reden. Die geringsten Vergehen oder Ausgangsüberschreitungen mussten mit dem Tode bezahlt werden.

In der Zeit von Dezember 1942 bis 17. November 1943 wurden laut Eintragungen im Standesamtsregister von Stetten am Kalten Markt 39 Strafbataillonssoldaten auf dem Heuberg erschossen: Walter Hofer, Alex Zaworski. Albert Otto Tesch, Heinrich Suck, Julius Mohrholz, Walter Gumbel, Kurt Ast, Max Friedrich Hilche, Ludwig Köthel, Willi Güttner, Helmut Jordan, Johann Deutsch, Wilhelm Braunwald, Engelhard Brehen, Fritz Bräutigam, Wilhelm Wedel, Johann Seewald, Hans Hermann, Johann Kamda, Johann Zwigel, Heinrich Bernhauer, Josef Kaderka, Günter Birkholz, Paul Klarkowski, Zinner, Josef Melicher, Karl Birster, Karl Käsmadel, Günter Schröder, Wilhelm Nibb, Friedrich Ahrens, Nikolaus Küntzeler, Kurt Schwebig, Horst Pfüller, Alios Groh, Boleslaw Chabowski und Stefan Krist. Der jüngste der erschossenen "Bewährungs-Soldaten" war gerade 20 Jahre und der älteste nicht über 40 Jahre.

Der Einsatz der Strafdivision an der Front glich dem eines verlorenen und aufgegebenen Haufen; es war und blieb ein Himmelfahrtskommando. Um den fehlenden Kampfeswillen zu erzwingen und die Disziplin aufrecht zu erhalten; wurde befohlen, für jeden Überläufer aus den Strafbataillonen zehn Mann aus den eigenen Reihen zu erschießen.



Heuberg war neben Dachau damals das bekannteste Konzentrationslager in Deutschland. Der Heuberg ist eine Hochfläche im südwestlichen Teil der Schwäbischen Alb. Das letzte dramatische Kapitel der Hitlerherrschaft auf dem Heuberg wurde von keinem geringeren als von Heinrich Himmlers SS selbst eingeläutet: Geheimprojekt "Natter", eine bemannte "Wunderwaffe". Auf ihr sollten "Himmler Nibelungen auf Raketen" gen alliierte Bomberpulks fliegen. Direkt mitten rein. Zuletzt sollten sie sogar von der Autobahn Stuttgart-München, bei Kirchheim fliegen. Von den ersten Raketenjägern sind heute bei Kirchheim nur noch einige Betonkrümel übriggeblieben, verottete Startrampen-Fundamente und eine Rekonstruktion der Natter aus ehemaligen wieder gefundenen Originalteilen zusammengebaut im Deutschen Museum zu München ausgestellt.

Bis am 8. Mai 1945 die Waffen in Europa schwiegen wurde die Natter hauptsächlich mit Hochdruck an drei Standorten gebaut. Das Hauptwerk befand sich in Waldsee. Die zweite Fertigungsstätte war die Wolf & Hirt GmbH in Nabern und als dritte kam noch das Möbelwerk Kühn & Leffler in Gräfenroda (Thüringen) hinzu. Die Firma Eberspächer lieferte für die Natter die 48-schüssige Wabenbewaffnung für R4M-Raketengeschosse.

US-Truppen erbeuteten mindestens drei komplette "Sperrholz"-Wunderwaffenraketen eine davon wurde eine davon der Sojwetunion übergeben. Die beiden anderen stehen in amerikanischen Militärarsenalen.

Am 1. März 1945 startete bei Stetten a. k. M., also auf dem Heuberg, die erste bemannte Rakete der Welt: Die Bachem Ba-349 "Natter".