Stauffenberg - Hitlerjahre
Claus von Stauffenberg galt bei seinen Kameraden schon vor 1933 als Anhänger der Hitler-Bewegung. Ebenso traten damals Oberstleutnant Stieff, Major Oster, Hauptmann von Treskow, Oberstleutnant Mertz von Quirnheim und Stauffenbergs Vetter Oberleutnant d.R. von Hofacker, die alle später in der Verschwörung gegen Hitler umgebracht wurden, für die "nationale Bewegung" ein. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler galt "die innere Verbundenheit der Reichswehr mit der nationalen Bewegung" als selbstverständlich.



In der Verwandtschaft der Stauffenberg-Familie gab es damals , wie in vielen anderen Familien auch, Anhänger wie Gegner des neuen Regimes. Nikolaus Graf Üxküll trat zum 1. Mai 1933 in die NSDAP ein, in der Hoffnung auf Einheit und ein wiedererstarktes Deutschland. Seine Schwester Alexandrine, Oberin des Roten Kreuzes, trat zur selben Zeit ebenfalls in die Partei ein. Franz Freiherr von Stauffenberg wurde 1937 "Parteigenosse". Stauffenbergs Onkel Berthold dagegen verfluchte Hitler.

Als man ihn zwingen wollte, auf seinem Schloss Greifenstein statt seiner Familienfahne das Hakenkreuzbanner zu hissen, rächte er sich auf seine Weise, ließ eine hohe Tanne fällen und mit einem winzigen Hakenkreuzfähnchen in den Schweineauslauf stellen.

Am 26. September 1933 heiratete Claus von Stauffenberg in Bamberg, mittlerweile zum Oberstleutnant befördert, Freiin Nina von Lerchenfeld. Trotz Stauffenbergs Nähe zu den Nazis hatte er doch eine innere Distanz, wenn auch aus reinem soldatischen Denken heraus.

Er beteiligte sich nicht am Jubel, als man anordnete, künftig den Reichsadler mit Hakenkreuz an Uniformen zu tragen. Er bezeichnete es als "verächtlich machen der alten Kokarde" und als "unwürdig, ein Parteiabzeichen zum Hoheitszeichen des Staates zu erheben."



Auch seine tiefe Freundschaft zu Stefan George gab Anlass zum Protest: Der Stürmer, das antisemitische Hetzblatt des Gauleiters Julius Streicher, schrieb: "Georges Dichtungen seien dem jüdischen Dadaismus ähnlich und er heiße eigentlich Heinrich Abele". Stauffenberg protestierte öffentlich: "Da so leicht Irrtümer und Disziplinwidrigkeiten unterwürdiger Nazis zum Staatsgesetz erhoben werden oder doch als solches angesehen werden, sei es einfach an der Zeit, sie auf sich selbst zu hetzen".

Am 6. Oktober 1936 begann Claus von Stauffenberg sein Studium an der Kriegsakademie in Berlin. Er wohnte mit seiner Frau und seinen 1934 und 1936 geborenen Söhnen Berthold und Heimeran in der Waltharistraße 20 in Berlin-Wannsee. In der Nähe, in Wilmersdorf wohnte auch sein Bruder Berthold mit Frau, der Vetter Caesar von Hofacker in Steglitz und Onkel Graf Üxküll in Zehlendorf. Im Haus des Onkels diskutierte Stauffenberg oft und leidenschaftlich mit Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, zu dieser Zeit noch stellvertretender Berliner Polizeipräsident, über Wehrpolitik.

Neben der Generalstabsausbildung dachte Stauffenberg viel über weltwirtschaftliche Fragen nach, las englische Zeitungen und interessierte sich eigentlich mehr für Politik als für Militärisches. Zum Abschluss des ersten Akademiejahres unternahm Claus von Stauffenbergs Jahrgang eine Generalstabsreise zu den ostpreußischen Schlachtfeldern von 1914/1915, Tannenberg und Gummbinnen. Seinem Freund Franz Mehnert schrieb er, noch geprägt von den Eindrücken der Reise: "Das wesentlichste und verpflichtendste Denkmal, die über das ganze Land verstreuten Gräber deutscher Soldaten". Die Marienburg des deutschen Ritterordens: "Ein spätes aber echtes Zeugnis des Reiches".

Anfang November 1937 wurde Berthold von Stauffenbergs Sohn Alfred geboren; am 20. Dezember war in Lautlingen Taufe, bei der Claus von Stauffenberg als Pate die Tischrede hielt. Er sprach von der Treue der Familie zum Staat und Souverän; mit den Worten seines Großvaters: "Es kommt nicht darauf an, was ihr treibt, sondern dass ihr es anständig treibt und euren Namen Ehre macht" untermauerte er seine Taufrede.

Alle Stauffenbergs suchten die Tradition ihrer Familie nachzuleben, jeder der Brüder auf seine Art. Es war eine Familie, in der man etwas war oder wurde. Vermögen und Erziehung beeinflusste das Denken und Fühlen der Stauffenbergs.
Auch Symptome des Wandels der Gegenwart taten ihr übriges, bis es zu der Schicksalsstunde 20. Juli 1944 kam. Berthold von Stauffenberg arbeitete mittlerweile die Priesenordnung vom 28. August 1939 aus, die während des ganzen Krieges galt. Seitdem war sein spezielles Fachgebiet das Seekriegsrecht.



Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen

Bei Kriegsausbruch wurde er Intendanturrat in der Völkerrechtsabteilung der 1. Abteilung der Seekriegsleitung im Oberkommando der Marine. Hier lernte er auch den gegen die Nationalsozialisten eingestellten Juristen Helmuth James Graf von Moltke kennen.

Moltke war seit September 1939 als Kriegsverwaltungsrat in Vizeadmiral Bürkners "Amtsgruppe Ausland" in dem von Admiral Canaris geleiteten Amt "Auslandsabwehr" im Oberkommando der Wehrmacht tätig. Er gehörte wie Berthold von Stauffenberg dem "Vorausschuss Kriegsrecht" an. Ein Mitarbeiter dieses Ausschusses schrieb später, Berthold von Stauffenberg habe viel Unrecht verhindert durch die einfache Existenz seiner Person, und weil er die Oberste Seekriegsleitung immer wieder durch seine ruhige Art von einer verhältnismäßig anständigen Kriegsführung überzeugen konnte.

Ehe der Vater Alfred Graf von Stauffenberg am 20. Dezember 1936 starb, nahm er seine Söhne noch einmal in die Pflicht und schwor sie wiederholt auf den Glanz und die Größe des Hauses Stauffenberg ein. 1936 heiratete Berthold von Stauffenberg Marie Classen, eine Ehe, die erst nach dem Tod des Vaters möglich wurde.

Auch Alexander Graf Stauffenberg heiratete kurz darauf Melitta Schiller am 11. August 1937 in Berlin-Wilmersdorf. Ihr Vater stammte aus einer angesehenen jüdischen Familie in Odessa. Melitta war schon vor dem ersten Weltkrieg nach Deutschland übersiedelt und studierte Mathematik und Physik. 1927 schloss sie in München mit Diplom und Flugzeugführer-Prüfungen ab. Sie beschäftigte sich bis Ende des Krieges mit aerodynamischen Fragen und erprobte in Testflügen Sturzfluggeräte bei der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt in Berlin-Adlershof.



Vor und während des Krieges führte sie mit den Sturzkampfbombern "Ju 87" und "Ju 88" weit über zweitausend Sturzflüge aus. Als furchtlose Fliegerin und überragende Ingenieurin wurde sie 1936 zum Flugkapitän geprüft, erhielt 1943 das Eiserne Kreuz II. Klasse und wurde für das EK I vorgeschlagen. Alexander Graf von Stauffenberg und Melitta Schiller hielten ihre Beziehung aus Gründen der "arischen" Gesetze vorher lange geheim.

Kurz nach der Eheschließung rückte Berthold Graf von Stauffenberg in die vorderste Reihe deutscher Juristen. Sein Zwillingsbruder Professor Alexander Graf von Stauffenberg war seit dem Historikertag 1937 zu einem der bekanntesten und unerschrockensten deutschen Historiker aufgestiegen. Rittmeister Claus von Stauffenberg hatte sich dagegen mit militärischen Studien einen großen Namen gemacht. Wegen der aufziehenden Kriegsgefahr in der Sudetenkrise dauerten die üblichen Abkommandierungen für die Absolventen der Kriegsakademie nicht mehr so lange wie früher. Rittmeister Graf Stauffenberg war daher nur zehn Tage in Göppingen und eine Woche bei der Fliegergruppe in Gießen eingesetzt. Kurz darauf, am 1. August 1938, wurde er zum Generalstab, als zweiter Generalstabsoffizier der 1. Leichten Division in Wuppertal abkommandiert. Hier wurde eine neue Panzerdivision aufgebaut.

Zu Stauffenbergs Aufgaben gehörten u.a. Versorgung der Truppe in Friedenszeiten, Mobilmachung, Presse, innenpolitische Angelegenheiten, Spionageabwehr, Aufbau und Ausrüstung. Stauffenbergs Dienstzimmertür stand immer offen. Jeder konnte bei ihm unangemeldet hereinkommen oder etwas besprechen.

Man sah ihn oft mit lachendem Gesicht und Brasilzigarre rauchend, lässig und alles andere als dem Stand eines Offiziers angemessen, hinter seinem Schreibtisch sitzend. In dieser Zeit vor dem Krieg sprach Claus von Stauffenberg oft von Hitler als Kleinbürger, dessen Untertan er nicht sein könne. "Man solle es ihm nicht als Arroganz auslegen, aber solches lasse die Tradition seiner Familie einfach nicht zu".

In Wirklichkeit dachte Claus von Stauffenberg an eine selbständige Führung der Nation durch das Heer, ohne Hitler und die Nationalsozialisten. Bekannten gegenüber äusserte er auch beiläufig aber ernst: "Der Narr macht Krieg". Er sprach von den Verlusten des ersten Weltkrieges und von der Gefahr für ein Volk, das in derselben Generation zweimal solche Verluste erleide.
Töliche Gefahr für Deutschland
Dann am 1. September 1939 zog Stauffenberg mit seiner 1. Leichten Division in den Krieg – der Polenfeldzug hatte begonnen! Stauffenberg berichtete am 10. September: "Es macht den Eindruck, als hätten wir eine große Schlacht gewonnen. Zur Zeit versuchen die Polen noch durchzubrechen, was wohl bei uns noch einige Verluste bringen wird, aber es wird in der Masse nicht mehr helfen. Es kann wieder ein Tannenberg werden". Als Stauffenberg aus dem Polenfeldzug zurückkam war er ebenso vom Sieg überrascht wie die anderen jungen Offiziere. Seit Anfang November lebte Stauffenberg, inzwischen Hauptmann im Generalstab, täglich in Erwartung des Abmarsches an die Westfront.

Nikolaus Graf von Üxküll, Stauffenbergs Onkel, und von Schulenburg sahen in der Fortsetzung des Krieges eine tödliche Gefahr für Deutschland. Üxküll sagte damals: "Hitler müsse verhaftet und vor Gericht gestellt werden". Ähnliche Überlegungen hatten viele Deutsche zu dieser Zeit.
Die Bombe tickt Georg - Elser macht ernst
Aber nur ein einzelner setzte damals seine Gedanken in die Tat um: Georg Elser. Er mißtraute Hitler von Anfang an. Nach der Sudetenkrise 1938 entschließt sich Elser, Hitler zu töten. Er will die Verhältnisse der Arbeiterschaft verbessern und einen Krieg verhindern.

Der Gedanke der Beseitigung der Nazi-Führung ließ ihn damals nicht zur Ruhe kommen und bereits im Herbst 1938 faßte er den festen Entschluss ein Bombenattentat vorzubereiten. Johann Georg Elser wurde am 4. Januar 1903 in Hermaringen/Württemberg als Sohn eines Landwirt und Holzhändlers geboren. Elser ist ein begabter Tüftler und bei seiner Arbeit ein Perfektionist. Nach dem Attentat wurde Elser, als Sonderhäftling "bewährt", um ihn nach gewonnenem Krieg in einem großen Prozeß als Marionette ausländischer Geheimdienste verurteilen zu können.

Am 6. April 1945 ergeht der zynische Befehl an die KZ-Lagerleitung in Dachau, dass Elser "bei einem der nächsten Bombenangriffe tödlich verunglücken" solle, damit er dem Feind nicht in die Hände fällt. Am 8. November 1939 baute Elser unbemerkt die Bombe im Münchner Bürgerbraukelller ein. Abends am 9. November kommt Hitler und spricht vor seiner begeisterten Gefolgsschaft. Hinter seinem Rücken tickt die Elser-Bombe.

Doch Hitler hat es eilig. Er spricht kürzer als sonst, will nach Berlin zurück. Drei Monate zuvor sind deutsche Truppen in Polen einmarschiert, jetzt plant Hitler den Angriff auf Frankreich. 21.07 Uhr: Hitler verläßt mit der gesamten Führungsriege den Bürgerbraukeller. 13 Minuten später explodierte die Bombe.

Pünktlich und präzise wie von Elser geplant. Aber nur zur falschen Zeit. Die Saaldecke stürzt herunter. Dort wo Hitlers Rednerpult stand, türmte sich eine meterhoher Schutthaufen. Elser hat sein Ziel um sieben Minuten verfehlt.



Acht Menschen, darunter eine Kellnerin, kamen zu Tode, 63 Personen wurden teils schwer verletzt. Elser wurde noch am Abend des Anschlages verhaftet und als "Sonderhäftling" zunächst ins KZ Sachsenhausen gebracht, dann nach Dachau. Vermutlich ist er am 9. April 1945 in Dachau erschossen worden. Das fehlgeschlagene Attentat bestärkte Hitler im Glauben, von der Vorsehung auserwählt zu sein. Vom 10. bis 31. Mai 1940 rollte nun der Frankreichfeldzug. Der Feldzugplan "Sichelschnitt" brachte Claus von Stauffenberg, nachdem die Maginotlinie durchbrochen war, mit der 6. Panzer-Division bis an die Maas.
Wunderkind im Generalstab
Am 24. Mai schrieb Stauffenberg nach Lautlingen, er habe mit Rippentropp Kaffee getrunken. Der Außenminister habe "einen ganz passablen Eindruck gemacht, ein großer Löwe sei er allerdings bestimmt nicht". Rippentropp besuchte bei dieser Gelegenheit die SS-Standarte "Deutschland", in der sein Sohn Rudolf diente.

Claus von Stauffenberg wurde zu seinem eigenen Bedauern mitten im Frankreich-Feldzug in die Organisationsabteilung des Generalstabes des Heeres versetzt. Die Versetzung war jedoch eine Auszeichnung für Stauffenbergs Leistungen. Seine Division hatte im Feldzug entscheidenden Anteil an den Erfolgen der Operationen im Westen. Claus von Stauffenberg hielt jetzt den Krieg im wesentlichen für gewonnen. "Hitler habe zwar bei der Einkesselung von Dünkirchen einen Fehler gemacht – er wird ihn nicht wiederholen", so Stauffenberg zuversichtlich.

Es gab in dieser Zeit kaum Kritiker Claus von Stauffenbergs, der als Wunderkind des Generalstabes galt. Seine Gewohnheit, die Abendarbeit zu unterbrechen und ein George-Gedicht vorzutragen, trug zu seinem Ruf eines außerordentlichen und geistigen Menschen bei, aber das Bekenntnis zu Stefan Georges-Dichtungen empfand auch mancher als preziös.

Am 31. Juli 1940 befahl Hitler, den Angriff gegen Rußland vorzubereiten. Berthold Graf Stauffenberg schrieb seiner Frau: "An den Feldzug gegen England glaube jetzt niemand mehr. Der Krieg wird sich jetzt wohl in anderer Richtung entwickeln".
Hauptmann Claus von Stauffenberg, im Generalstab, strahlte jedoch Zuversicht aus. Mitte November war er für ein paar Tage in Bamberg, wo seine Frau an seinem 33. Geburtstag eine Tochter zur Welt brachte. Zum 1. Januar 1941 wurde Stauffenberg zum Major im Generalstab befördert.

Seit Mitte Februar 1941 kämpften deutsche Truppen unter Generalleutnant Rommel in Libyen gegen die Truppen Englands. Am 6. April begann der Feldzug gegen Griechenland und zugleich gegen Jugoslawien, am 20. Mai das Luftlandeunternehmen auf Kreta. Stauffenbergs Vetter Graf Alfred gehörte mit zum Fallschirmjäger-Sturmregiment, das auf Kreta absprang. Am 22. Juli 1941 begann der Angriff auf Rußland.
Das Reich im Siegestaumel
Helmut James Graf Moltke, jetzt Kriegsverwaltungsrat im Amt Ausland/Abwehr im Oberkommando der Wehrmacht, traf Anfang September mit einem Vetter Stauffenbergs aus Wilflingen, Hans Christoph Freiherr von Stauffenberg, zusammen: ein Treffen, das von Stauffenbergs Verwandtem Karl Ludwig Freiherr von Guttenberg in die Wege geleitet wurde. Moltke suchte insgeheim Mitstreiter zur Vorbereitung auf den Sturz der nationalsozialistischen Diktatur.

Er sprach von Guttenberg an: "Sie haben doch einen Vetter im Führerhauptquartier. Wäre mit dem nichts zu machen?" Claus von Stauffenberg, darauf angesprochen, erklärte: "Zuerst müssen wir den Krieg gewinnen." Er hoffe noch im Strom der Siege, "das Gesetz des Handelns an sich zu reißen".

Dann erlitt der Oberbefehlshaber des Heeres Generalfeldmarschall von Brauchitsch am 9. November 1941 einen schweren Herzanfall. Hitler nutzte sofort diese Tatsache, entließ seinen obersten Heerführer und übernahm gleichzeitig den unmittelbaren Befehl über das Heer selbst. Der böhmische Gefreite des Ersten Weltkriegs war nun der ranghöchste Soldat im deutschem Heer.

Claus von Stauffenberg schrieb hierzu seiner Schwiegermutter, der Rücktritt des Oberbefehlshabers des Heeres sei nicht so schwerwiegend, denn der Führer habe sich seit langem die Entscheidung über fast alle Fragen der Kriegsführung selbst vorbehalten – das liege "in der Natur einer derart überragenden willensstarken Persönlichkeit". Diese Aussage war das letzte positive Bild, das Claus von Stauffenberg von Hitler noch zu zeichnen vermochte.

Im April 1942 schlug seine Meinung rigoros um. Er zeigte sich empört über die unmenschliche Behandlung der Zivilbevölkerung in Rußland, die massenhafte Ermordung sogenannter rassisch Minderwertiger, besonders Juden und über das Hinsterben von Millionen kriegsgefangener Soldaten der Roten Armee.
Risse in Hitlers Reich
Er nahm immer mehr Informationen auf, über ein Lager in Auschwitz, in dem man Juden in Öfen verbrannte und in Gaskammern tötete. Front-Offiziere versicherten ihm, wie SS-Angehörige Juden in einem ukrainischen Dorf zusammen trieben, sie auf ein Feld hinausführten, ihr eigenes Massengrab ausheben ließen und sie dann erschossen. Claus von Stauffenberg sprach, von diesen grauenhaften Informationen geprägt, jetzt oft im vertrauten Kreis über die Notwendigkeit, Hitler zu stürzen.



Er berief sich auf seine Ehre als Offizier und auf den größten und wichtigsten Philosophen des Hochmittelalters, Thomas von Aquin, der den Tyrannenmord unter gewissen Bedingungen für erlaubt und verdienstvoll erklärt hatte. Stauffenberg setzte sich weiter so heftig für die Beseitigung Hitlers ein, dass seine Anwesenheit im Generalstab für seine damaligen Kameraden und Mitarbeiter beunruhigend und gefährlich wurde. Stauffenberg äußerte bald selbst, es werde Zeit, dass er hier verschwinde.

Seiner Frau schrieb er, "er müsste sich einige Zeit an die Front zurückziehen". Generaloberst Zeitzler verfügte dann auch im Herbst 1942 Stauffenbergs Frontverwendung. Stauffenberg kam nach Afrika, wo er sofort seinem Divisions-Kommandeur Generalmajor von Broich sagte, der Boden in Deutschland sei ihm "langsam etwas zu heiss" geworden. Jetzt bewegte er sich wiederum, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes auf heißem Boden im heiß umkämpften Afrika, wo er während eines Fronteinsatzes schwer verwundet wurde.

Am Chabita-Khetati-Pass geriet Stauffenberg in ein Inferno von brennenden Fahrzeugen und Jagdbomberbeschuss, hier schlug fast seine letzte Stunde. Die brennenden Fahrzeuge, die von den Jagdbombern immer wieder ins Fadenkreuz genommen wurden, waren für die Piloten eine leichte Beute. Tote und Verwundete konnten nicht mehr geborgen werden, Munition explodierte. Stauffenberg fuhr in seinem Horch-Kübelwagen stehend, zwischen den angegriffenen Einheiten hin und her und gab Anweisungen, um sie aus der Tiefflieger-Falle zu führen.



Dann wurde auch Stauffenbergs Fahrzeug beschossen und Stauffenberg schwer verletzt. Er wurde sofort zum Feldlazarett 200 bei Sfax transportiert. Die rechte Hand wurde über dem Gelenk amputiert, der kleine und der Ringfinger der linken Hand und das linke Auge mussten ebenfalls amputiert werden. Später verlegte man Stauffenberg ins Kriegslazarett 950 nach Tunis-Carthago. Über Livorno kam Stauffenberg im Lazarettzug dann ins Reserve-Lazarett München I. Ein Strom von Verwandten, Freunden und Kameraden zog durch das Münchner Krankenzimmer.

In den langen Wochen im Lazarett hörte man von Stauffenberg immer wieder sagen: "Wir müssen Deutschland retten" und "Wir sind als Generalstäbler alle mit verantwortlich". Bisher endete sein Ziel, den Umsturz unter Führung des Heeres durchzuführen, in Enttäuschungen. Claus von Stauffenberg hatte sich in den Jahren 1939 bis 1942 für die bestehende vorwiegend zivile Verschwörung nicht begeistern lassen. Was er von dieser wußte, war auch nur oberflächlich und für ihn wenig vertrauenserweckend.

Viele der Widerständler saßen in Haft, andere waren ständig von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) überwacht. Die meisten Beteiligten waren Nichtsoldaten, Politiker und Zivilisten, die nicht zum stauffenbergschen Freundeskreis gehörten. Vor Claus von Stauffenbergs Eintritt in den aktiven Widerstand mühten sich viele Beteiligte trotz zweier Attentatsversuchen vergeblich, einen Umsturzplan voranzubringen.

Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, dessen Aufforderungen zum direkten Sturz Hitlers Stauffenberg früher ausgewichen war, stand jetzt, 1943 mitten im Umsturzversuch. Nach dem Stalingrad-Desaster und dem Widerstand der Geschwister Scholl und ihrer Hinrichtung in München waren 1943 wieder Putschgerüchte im Umlauf, die die Machthaber nervös machten. Bei einem Verhör äusserte sich ein verhafteter Offizier, der rebellische Reden geführt hatte, gegenüber der Gestapo, Graf von Schulenburg suche "zuverlässige" Offiziere für Umsturzbestrebungen.
Deutschland treibt der Katastrophe entgegen
Am 2. April um 2.30 Uhr wurde dann auch Schulenburg verhaftet. Von der Schulenburg berief sich auf seine alte Parteizugehörigkeit und seine Stellung, stritt alles ab und wurde schon am Vormittag wieder aus der Haft entlassen. Drei Tage danach wurde die Gruppe um Generalmajor Oster, Dohnanyi, Dietrich Bonhoeffer und Joseph im Amt Ausland/Abwehr des OKW durch die Verhaftung Dohnanyis, Bonhoeffers und Müllers zerschlagen. Die Gestapo hatte Devisenvergehen entdeckt, die mit den Bemühungen der Gruppe zusammenhingen, jüdischen Familien die Flucht in die Schweiz zu ermöglichen.

1943 drehte sich das Verschwörerkarussell auf höchsten Touren. Schulenburg drängte, endlich Initiativen zu ergreifen. Es stellte sich jedoch heraus, dass nicht einmal über das Wo und Wie zum Attentat in der "zentralen Widerstands-Leitung" Einigkeit herrschte. Inzwischen scheiterte die letzte große deutsche Offensive im Osten (Unternehmen Zitadelle) in der Panzerschlacht von Kursk.
Am 10. Juli landeten neun alliierte Divisionen auf Sizilien; damit war die deutsche Südflanke gefährdet. Am 13. Juli befahl Hitler den Abbruch der Schlacht von Kursk. Kräfte der Ostfront sollen nach Westen abgezogen werden, wie damals schon während des Ersten Weltkrieges, als der kaiserliche Generalstab ebenfalls vergeblich versucht hatte, einer drohenden Niederlage durch Truppenverlegungen zu entgehen.

Oberst im Generalstab Hennig von Treskow, erster Generalstabsoffizier im Oberkommando der Heeresgruppe Mitte, versuchte schon seit längerer Zeit, seinen Oberbefehlshaber Generalmarschall von Kluge und Generalfeldmarschall von Manstein für die neuen Umsturzpläne zu gewinnen, denn die Zeit wurde immer knapper und die drohende Niederlage des Zweiten Weltkrieg stand bevor.
Es war ein zähes Ringen. Auch der ehemalige Oberbürgermeister von Leipzig Goerdeler versuchte, über Generaloberst Guderian und General von Manstein für den Umsturz zu werben. Erfolglos. Guderian bekam damals von Hitler einen Gutshof von 947 Hektar im Wert von 1.230.011 Reichsmark geschenkt. Auf Generalfeldmarschall von Rundstedt, dem Oberbefehlshaber West, konnte man nicht hoffen. Auch er hatte Geld von Hitler angenommen. Allerdings ließ er die Verschwörer wissen, sie könnten tun was sie wollten, er werde nur nicht die Rolle des alten Hindenburg spielen.



Treskow ging wieder an die Front. In Berlin wurde dann Margarethe von Oven, die als Sekretärin im Kommando der Heeresgruppe Mitte arbeitete, seine Nachrichtenübermitterin für die Berliner Verschwörer. Als von Treskow Generalfeldmarschall Kluge gegenüber äusserte: "Hitler müsse weg", entgegnete Kluge, hierzu könne er sich nicht durchringen.

Der Feldmarschall hatte ebenfalls von Hitler 250.000 Reichsmark geschenkt bekommen. Treskow ließ jetzt erkennen, wie anrüchig das Geldgeschenk wäre, wenn er nun nichts gegen den Verderber Deutschlands unternehmen würde, darauf sagte Kluge impulsiv: "Kinder ihr habt mich!"

Ende Juli 1943 schien der Staatsstreich direkt bevor zu stehen. Treskow kam nach Berlin und berichtete, auch Kluge sei jetzt "entschlossen" – überzeugt durch das Scheitern der Kursk-Offensive, den katastrophalen Mangel an Ersatz und auch durch den Vorwurf das er sich von Hitler zum sechzigsten Geburtstag Geld hatte schenken lassen.

Kluge würde dem Befehlshaber des Ersatzheeres die Besetzung der Schlüsselstellen der Regierung befehlen. Am selben Tag erging Befehl: – "sofort durch Sonderkuriere zu befördern!" – an die stellvertretenden Generalkommandos und Wehrmachtkommandos zur raschen Aufstellung kampfkräftiger Alarmeinheiten im ganzen Heimatgebiet und in den besetzten Gebieten im Fall "innerer Unruhen": Stichwort "Walküre".

Die Bearbeitung für die Bedürfnisse des Umsturzes im Berliner Wehrkreis III nach Anweisungen Stauffenbergs begannen sofort. Treskow sagte gegenüber seiner Frau jetzt: "Ich bin froh, dass endlich jemand in der Heimat da ist, der die Dinge tatkräftig in die Hand nimmt und nicht alles, wie bisher geschehen, in tausend Kanälen versickern läßt."
Wir wollen ein anderes Deutschland
Anfang August 1943 erklärte von Treskow Goerdeler gegenüber, "1944 stehen die Russen mit Sicherheit an der ostpreußischen Grenze". Goerdeler bat darauf seinen Freund, den schwedischen Bankier Jakob Wallenberg, die Bereitschaft Churchills zu sondieren, mit Nach-Hitler-Deutschland gemeinsame Sache gegen den Bolschewismus zu machen. "In Annahme schneller Attentatsdurchführung sollte Wallenberg den Anglo-Amerikanern vorschlagen, Berlin und Stuttgart (wegen Robert Bosch, der Goerdelers Gönner war) sowie Leipzig – es waren für Goedeler die Zentren der Umsturzbewegungen – bis 15. Oktober 1943 nicht ernstlich zu bombardieren."

Doch das geplante Attentat verzögerte sich. Stauffenberg lernte bei der Attentatsplanung Graf Schwein von Schwanenfeld, Eduard Brückelmeier, Eugen Gerstenmaier, Carl Friedrich Goerdeler, Jens Peter Jensen, Ulrich von Hassel, Johannes Popitz, Herman Maaß, Julius Ueber, Wilhelm Leuschner, Jakob Kaiser und Max Habermann kennen. Neue Umsturzpläne wurden diskutiert und formuliert und unter konspirativen Bedingungen niedergeschrieben, verworfen und wieder neu gefasst.

In dem in dieser Zeit niedergeschriebenen "Aufruf an das Deutsche Volk", heißt es jetzt: Hitler sei nicht mehr vom deutschen Volk gerufen, sondern "durch Intrigen schlimmster Art" an die Spitze der Regierung gekommen, habe ungeheuerliche Verschwendung, Schulden und Mangel über Deutschland gebracht und habe, um sich an der Macht zu halten, eine Schreckensherrschaft errichtet, die göttlichen Gebote verhöhnt, das Recht zerstört und das Glück von Millionen vernichtet.
Ehre und Würde, Freiheit und Leben anderer für nichtig erachtet, durch grausame Massenmorde den guten Namen Deutschland besudelt, das Volk ins Unglück gestürzt, mit seinem angemaßten Feldherrengenie die tapferen Soldaten ins Verderben geführt; Verrat am deutschen Volke und an seiner Seele habe Hitler begangen durch die totale Beugung des Rechts, die Verhöhnung der edlen Forderungen, dass Gemeinnutz vor Eigennutz zu gehen habe, durch schamlose Korruption. Seine vor zehn Jahren geleisteten Eide habe Hitler durch Verletzung göttlichen und menschlichen Rechts unzählige Male gebrochen.
"Unserer Väter wären wir nicht würdig, von unseren Kindern müßten wir verachtet werden, wenn wir nicht den Mut hätten, alles, aber auch alles zu tun, um die furchtbare Gefahr von uns abzuwenden und wieder Achtung vor uns selbst zu erringen. Der Grundsatz des Handelns aus Gewissensgründen und zur Rettung der Ehre war damit vor alle Zweckerwägungen gesetzt."
Die vorläufigen Ziele der neuen Regierung gälten, bis das deutsche Volk darüber entscheiden könne. Ziel der neuen Regierung sei "die wahre, auf Achtung, Hilfsbereitschaft und soziale Gerechtigkeit gegründete Gemeinschaft des Volkes", Recht und Freiheit, also die Wiederherstellung der in der Verfassung garantierten Grundrechte der Person, ferner Sauberkeit in der Regierung und Verwaltung und die Wiederherstellung der Ehre der Deutschen in der Gemeinschaft der Völker.
Die Schuldigen, die den guten Ruf des deutschen Volkes geschändet und soviel Unglück über das deutsche und andere Völker gebracht haben, würden bestraft werden. Die neue Regierung wolle "der Hoffnungslosigkeit, dass dieser Krieg noch unendlich weitergehen müsse, ein Ende machen"; sie erstrebe einen gerechten Frieden mit friedlicher Zusammenarbeit der Völker. Jeder solle seine Pflicht erfüllen, um das Vaterland zu retten".

Gleichzeitig wurde auch ein "Aufruf an die Wehrmacht" von Beck, Treskow und Stauffenberg ausgearbeitet. Generaloberst Beck sollte darin als Reichsverweser und Oberster Befehlshaber der Wehrmacht erklären, der Glaube der Soldaten an einen gerechten Krieg der Wiedergutmachung des Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg geschehenen Unrechts und zur Sicherung der Freiheit sei von der bisherigen Regierung gewissenlos mißbraucht worden, mißbraucht zu maßlosen Zielen, Eroberungen und Ausbeutung der unterjochten Länder und Völker.

Die bisherige Führung habe so niemals so hieß es hier, zu einem Frieden mit den übrigen Völkern gelangen können, statt dessen überall Haß gesät. Hitler habe sich angemaßt, Feldherr zu sein, obwohl er das zur Führung eines Millionenheeres erforderliche Können niemals "auf den verschiedenen Stufenleitern harten militärischen Dienstes erlernt" habe; er habe "durch Eigensinn, Unfähigkeit und Maßlosigkeit" der Wehrmacht die schwersten vermeidbaren Opfer verursacht, den Untergang der 6. Armee in Stalingrad, den Zusammenbruch des Unternehmens in Nordafrika und die vergeblichen Opfer auf Sizilien. "Hunderttausende braver Soldaten büßten für Vermessenheit und Eitelkeit eines einzelnen mit Leben, Gesundheit oder Verlust der Freiheit.
Viele höhere Führer seien zurückgetreten, manche aus dem Leben geschieden, andere beseitigt worden, weil sie gewarnt hatten oder Verantwortung für die "gewissenlose, unfähige Führung" nicht tragen wollten. Es dürfe so nicht weitergehen, wenn man nicht von der Jugend, den eigenen Kindern, verdammt werden wolle, weil man den Mut zur Rettung des Vaterlandes nicht aufgebracht hätte. Schließlich: "Wir müssen handeln, weil – und das wiegt am schwersten in Eurem Rücken Verbrechen begangen wurden, die den Ehrenschild des deutschen Volkes beflecken und seinen in der Welt erworbenen guten Ruf beschädigt."

Der Aufruf versprach zum Schluss, der Oberste Befehlshaber werde nur noch Opfer verlangen, die zur Verteidigung nötig seien, sich mit Hilfe sachkundiger Männer um einen dauerhaften Ausgleich mit allen Völkern bemühen, im Rücken der Front wieder Recht und Anstand einführen. Eine Kurzfassung derselben Gedanken mit der Überschrift "Deutsche Soldaten!" wurde für den vorgesehenen Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Generalfeldmarschall von Witzleben, geschrieben.