Anno 1919 ereigneten sich drei zunächst eher unscheinbare Begebenheiten, die jedoch die fernere Zukunft entscheidend prägen sollten. Der Sohn eines Dorfschmieds gründete in Mailand einen politisch-militärischen Kampfverband. Die Leute nannten sich Fasciten! Ein Österreicher verkündete den Deutschen, dass er sie aus ihrer Niederlage erretten werde. Ein Mann namens Gandhi erklärte, dass er die Kolonialherrschaft der Engländer gewaltlos zu Ende bringen werde.
Wer, außer einem Comte de Toquerille, hätte philosophische Vermutungen anstellen können, dass alle drei Narren seien. Doch er sollte sich täuschen: Es waren nicht drei Narren. Es war ein Narr, ein Verbrecher und ein Heiliger. Von dem Narren ist nicht viel geblieben. Der Verbrecher ließ Tote und Trümmer zurück. Der Heilige wird heute noch von Millionen verehrt. Zur gleichen Zeit eroberte der Bubikopf die Welt. Die "Roaring Twentis" wurden zur großen Fun & Spass-Epoche der Reichen und federboa-geschmückten Schönen. Der Charleston swingte von Berlin bis Paris, zwischen Wolfenbüttel und Wanne-Eickel. Es geschahen aber auch noch viele andere Dinge und es gehörte zu dieser Zeit, dass Schwachsinn leicht Weltgeltung erlangen konnte.

Nichts war für die damalige Zeit in Deutschland charakteristischer als die Schicksale der entlassenen Offiziere der preußischen Monarchie. Gardeobristen sahen sich genötigt, die Vertretung von Schnapsfabriken zu übernehmen. Die eleganten Kavallerieleutnants wurden Gigolos in den internationalen Bars. Die Generalstäbler machten Karriere in Industrie und Presse. Doch die Nullen auf den Banknoten vermehrten mit immer größerer Geschwindigkeit: Inflation war angesagt. Hamsterfahrten hatten Konjunktur. Oft tauschte man Eier, Milch, Fleisch oder Butter nur gegen Kaufhaus- oder Fabrikware ein. Keiner wollte mehr Papiergeld. In Tailfingen trafen sich regelmäßig die Bauern vor der Bauernscheuer um zu tauschen, Waren gegen Lebensmittel. Als dann die Gemeinden, auch Ebingen und Tailfingen, mit dem Drucken von Notgeld begannen, nahm die finanzielle Situation ihre letzten chaotischen Züge an.
Vom Charleston in die Wirtschaftskrise
Noch ging es aber den Unternehmen relativ gut - sie konnten für geringe Löhne produzieren und mussten ihre Kredite nur zum Nominalwert zurückzahlen. Viele Ebinger und Tailfinger Unternehmen bauten in dieser Zeit ihre Fabriken aus. Haux und Balthas Blickle eine Spinnerei, Groz ein Lager- und Bürogebäude. Gottlieb Ott Sohn erweiterte sein Färbereigebäude, die Waagenfirma ASE zog neue Werksbauten in der Gartenstraße hoch und Christian Schöller richtete im Tailfinger Stammhaus eine neue Bleicherei ein.

Doch die Arbeiter demonstrierten, ihnen ging es durchweg schlecht. Mit 50 - 100 Millionen Vorschuß am Wochenende, waren sie nicht mehr in der Lage, für ihre kleinen Kinder die Milch für eine paar Tage zu beschaffen. Steine flogen in Richtung Unternehmervillen und Fabriken. Dann verdüsterte sich die wirtschaftliche Situation schlagartig. Die Weltwirtschaftskrise ergriff auch Balingen und Tailfingen.
Die Arbeitslosigkeit steigt rapide - Kurzarbeit überall. In ganz Deutschland werden jetzt Aktionen von rechts wie links lauter. Vor allem die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) hat in den Arbeiterstädten Ebingen und Tailfingen großen Zulauf. Die Nationalsozialisten spielten noch keine markante Rolle. Man traf sich zu kleinen Kundgebungen in Hinterzimmern, sang das Deutschlandlied und die Wacht am Rhein. Mehr als 50 Mann kamen kaum zusammen.
Erste Nazi-Treffen in der Schule
Die ersten Nazis versammelten sich in Truchtelfingen. Hier war Hauptlehrer Fritz Scholl einer der ersten Wortführer Hitlers. Sein Kollege Theodor Rößle stellte sogar einen Schulraum zur Verfügung, um "zur Besprechung der bösen Zeiten und der gegenseitigen Aufrichtung" unter sich zu sein. Am 2. Oktober 1923 kam es dann zur Gründung der NSDAP-Ortsgruppe Ebingen mit zunächst nur 20 Mitgliedern. Erst 1929 wurde es wieder laut um Hitler. Bis zu diesem Zeitpunkt war die NSDAP in weiten Kreisen der bürgerlichen Rechten - das heißt DNVP, DVP und den sogenannten nationalen Verbänden - nicht "salonfähig gewesen". Schließlich galten die NS-Führernach dem mißglückte Hitler-Putsch 1923 in München als erfolglose Dilettanten. Hitler hatte die in der Mitte der zwanziger Jahre völlig zerstrittene NSDAP nach seiner Rückkehr aus der Landsberger "Festungshaft" reorganisiert. Der Weg der Partei zur Macht sollte über die Wahlen laufen.
Schwere Wahlschlappe für die Nazis
Was der NSDAP, die bei den Reichstagswahlen im Mai 1928 nur 2,8 Prozent der Stimmen errang, für eine breite Wählerwerbung fehlte, war vor allem Geld, Zugangsmöglichkeiten zu Massenmedien und politische Verbündete. Von den im Reichstag vertretenen Parteien kam für die NSDAP die Deutsche Nationale Volkspartei (DNVP), sie stand am weitesten Rechts, als politischer Partner am ehesten in Frage. Sie hatte nicht nur viel Kapital sondern durch Hugenberg, bis 1919 Generaldirektor der Friedrich Krupp AG, auch bedeutende Medienmacht. Hugenbergs Multi-Medienkonzern war einst mit finanziellen Mitteln der Schwerindustrie aufgebaut worden. Sein Konzern umfaßte Anzeigengesellschaften, Nachrichtenagenturen, Materndienste, Tages- und Wochenzeitungen, Beratungsgesellschaften und Zeitungsbanken. Hinzu kam seit 1927 die größte Filmgesellschaft der Weimarer Republik, die Ufa. Im deutschen Reich gab es 1928 rund 3.360 Zeitungen.
Fast die Hälfte davon war auf die Nachrichten und Korrespondenzdienste der Telegraphen Union eine der Hugenberg-Gesellschaften abonniert. Über 500 Zeitungen wurden von Hugenbergs Gesellschaften der Wirtschaftsstelle der Provinzpresse (Wipro) und seinem Zentralbüro für die deutsche Presse mit Matern beliefert. Für die kapitalschwache Provinzpresse waren Matern eine enorme Arbeitserleichterung, weil vorgefertigte Nachrichten und Kommentare gesetzt geliefert wurden und am Ort nur noch ausgegossen werden mussten. Das teure Setzen entfiel.
Hugenbergs Maxime: Der "nationale Gedanken und die Wiederdurchsetzung des germanischen Persönlichkeitsgedanken in Kultur und Wirtschaft". Hugenberg verfügte über ein hoch differenziertes publizistisches Instrumentarium, das gezielte Pressekampagnen mit einem weitreichenden Radius ermöglichte. Mit diesem Hintergrund übernahm Hugenberg die Führung der DNVP. Seine Partei führte schon früh im wahrsten Sinne des Wortes "mörderische" Kampagnen gegen die demokratischen Politiker Matthias Erzberger und Walter Rathenau - beide fielen Attentaten Rechtsradikaler zum Opfer. 1929 entschloß sich Hugenberg erstmals, mit Hitler zusammenzugehen. Ihre Gesinnung war zu ähnlich, der Steigbügelhalter des Dritten Reichs war geboren.
Mit Hugenberg kam das Kapital
Hitler profitierte davon in mehrfacher Weise. Zum einem wurde ihm nun von aller Welt Seriosität attestiert - nicht nur von dem deutschnationalen Parteivorsitzenden Hugenberg, sondern auch von der Führungsspitze des Stahlhelm, dem hochdekorierte Weltkriegsveteranen angehörten und dessen Ehrenmitglied der konservative Reichspräsident Hindenburg war. Zum anderen wurde Hitler der Zugang zu industriellen Geldgebern erleichtert. Schließlich trommelten die Medien des Hugenberg-Konzerns auch für Hitler. Das stärkte das Selbstbewußtsein der Braunhemden enorm und ihre Aktionen wurden immer dreister.
Noch gab es kritische Stimmen, doch deren Ende war abzusehen. Als die Polizei Jungnazis festsetzte, die Hauswände und Gartenmauern mit roter Farbe beschmierten, bedauerte der "Neue Albbote" vor allem, dass die "...Hetzer und Aufputscher dieser jugendlichen Dummköpfe wieder leer ausgehen". Man dürfe sich über die Dreistigkeit der Wirrköpfe nicht wundern, denn "der württembergische Staat besolde ja sogar ihre Führer und Verführer und vertraut ihnen die Erziehung der Jugend an".

Damit machte der Albbote-Redakteur unmißverständlich deutlich, dass ausgerechnet einige Lehrer zu den ersten Nazis gehörten. Auch der eifrigste Ebinger Nationalsozialist war Hauptschullehrer: Theodor Müller. Er dachte nicht im geringsten daran, parteipolitische Agitationen vom Schulbetrieb zu trennen. Bei einer nationalsozialistischen Kundgebung ließ Lehrer Müller, der auch Stadtrat war, Flugschriften und Plakate der NSDAP von seinen Schülern verteilen. Im Gemeinderat kam es jetzt zum Disput, ob Schulkinder für einen politischen Kampf benutzt werden dürfen. Sie durften.
Nazis werden als Lehrer geduldet
Eine Untersuchung des Oberschulamts ergab, dass sich der Lehrer "während seiner Schulzeit keine Verfehlungen zu Schulden kommen ließ" - daher sehe es keine Veranlassung gegen Theodor Müller vorzugehen. Damit war die Sache eigentlich vom Tisch und für Müller glimpflich verlaufen - hätte er sich nicht in seiner Eigenschaft als Stadtrat bei seinem Ratskollegen Notz auf spezielle Weise bedankt: "Ich danke ihnen für ihr mannhaftes Verhalten gegenüber der Lumpengesellschaft da oben!" Die "Lumpengesellschaft", nämlich der Gemeinderat, stellte daraufhin eine Strafantrag wegen Verleumdung. Die NSDAP benutzte damals jeden Verbündeten, wie dieser Vorgang zeigte, Helfer und Geld um an die Macht zu kommen. Gefördert vom Mittelstand, der auf beiden Augen blind war.
Die Erziehung in der Weimarer Republik hielt weitgehend an autoritären Vorstellungen der Kaiserzeit fest. So wurde die Jugend eine leichte Beute für die NSDAP, dann trotz der straff organisierten sozialistischen und kommunistischen Arbeiterjugend tendierte am Ende der Weimarer Republik die Masse der Jugendlichen nach rechts. Sie erlag rasch dem Kraftmeiertum der Nationalsozialisten mit seinem oberflächlichen Reiz des "NEUEN".
Auch die von der "Bündischen Jugend" inspirierte Landkommune auf den Vogelhof am Südrand der schwäbischen Alb versuchte alles zu leben, was damals in Schwange war. Man war gleichzeitig alternativ und völkisch, betrieb die Vielehe, pflegte die Nacktkultur, organisierte sich genossenschaftlich, widmete sich der Aufzucht einer gesunden Rasse, glaubte an ein "arisches" Christentum und trug als Emblem das Hakenkreuz. Sie traten später der NSDAP bei, allerdings ohne dort Furore zu machen.
Die Hitlerjugend übernahm viele Formen der Jugendbewegung. Jugendliche aber, die ihrer alten Organisation treu blieben, wurden das Opfer brutaler Verfolgung. Sowohl die Geschwister Scholl als auch Claus Schenk von Stauffenberg waren "Jugendbewegte".
Hitler macht Leihgaben und Geschenke zu Geld
Furore machte in diesen Tagen nur Adolf Hitler selbst. So berichtete die Münchner Post von 3. April 1923 von den "in Hitler verschossenen Weibern", die Hitler Geld liehen oder spendeten und Zuwendungen nicht immer nur in blanker Münze leisteten. Nicht wenige vermögende Gönnerinnen überließen Hitler wertvolle Kunstgegenstände und Schmuck, über den er frei verfügen konnte. Die Wertgegenstände, die Hitler von den "in ihn verschossene" Vertreterinnen zur Verfügung gestellt bekam, bieten ihm gewöhnliche Sicherheit für Darlehen, durch die er seine Partei in den schwierigen Anfangs-Zeiten über Wasser hält. Was ein Auszug aus dem Darlehens- und Überweisungsvertrag, den der Geschäftsführer der NSADP in Hitlers Auftrag mit dem Kaffeefabrikanten Richard Frank im Sommer 1923 schloß, exemplarisch belegt. "Als Sicherheit für das Darlehen" von 6000 Schweizer Franken, heißt es dort, "überträgt Herr Adolf Hitler an Herrn Richard Frank das Eigentum an dem im Bankhaus Heinrich Eckert in München...hinterlegten... Wertgegenständen...
Einen Smaragdanhänger mit Platin und Brillanten
Platinkettchen
Einen Saphirring in Platin mit Brillanten
Einen Rubinring in Platin mit Brillanten
Einen Brillantring (Solitäre)
Brillanten in Silber gefaßt, Ring 14 kar. Gold
Eine venezianische Reliefspitze handgenäht ( 17. Jahrhundert)
Eine rotseidene spanische Flügeldecke mit Goldstickereien".
Doch das große Geld kam überwiegend von Herrn Jedermann. Alle führenden NSDAP-Männer nahmen Geld, wo immer sie es bekamen, und verbrauchten es dann, teils für sich selbst, teils für die Partei, ohne dass der Schatzmeister auch nur davon erfuhr. Es gab keine zentrale Spendenbuchführung, nicht einmal eine geheime. Anfangs, solange sich die Aktivitäten der Hitlerpartei und ihrer Untergruppierungen auf den Raum München beschränkten, bekam sie auch Geld von bayerischen, meist hocharistokratischen Großgrundbesitzern und später war es ein Teil der nord- und westdeutschen Gutsbesitzer, die zehntausendmarkweise ihr Scherflein beisteuerten.

Obwohl die Zahl derer, die Hitler und andere NSDAP-Größen finanzierten, groß war, so beteiligte sich doch die überwiegende Mehrheit nicht an diesen Sponsoring-Aktivitäten. Teils aus Überzeugung, teils mangels Möglichkeit. So gab es eine breite Schicht, die daran so gut wie gar keinen Anteil hatte - obwohl sie als einzige im Parteinamen der NSDAP erwähnt war: Die deutsche Arbeiterschaft. Und die ging regelmäßig auf die Straße. Im Januar 1931 veranstalteten die Nationalsozialisten wieder einmal eine Kundgebung in Ebingen, bei der Theodor Müller abermals von seinen Schülern Flugblätter verteilen ließ. Dem voraus ging ein SA-Umzug, gegen den die Kommunisten demonstrierten.
Straßenkämpfe in Ebingen
Vor der Turnhalle kam es dann zu Zusammenstößen, was nicht ohne Verletzte abging. Der Neue Albbote kommentierte: "...nach dem Polizeibericht liegt die Schuld bei den Kommunisten, nach unserer Meinung liegt die Schuld nicht minder bei denjenigen, die durch provozierende Umzüge und anmaßendes Auftreten die Erregung schaffen, in der solche Ausschreitungen gedeihen". Durch diese Straßenkämpfe kam Ebingen landesweit ins Gespräch oder wie der Neue Albbote formulierte: "zu einer vorübergehenden Berühmtheit, eine traurige zwar, aber immerhin..."
Es wurde über "Raubüberfall", "Rotmord" und Terrorakte der aufgehetzten Kommune berichtet. Während der Neue Albbote wegen seiner Berichterstattung in die Schußlinie der Kritik bei den Nazis kam, begleitete der konservative Albbote unter dem Titel: "Das kommende Deutschland marschiert," die Auftritte der "braunen Kämpfer" zustimmend. Die Begeisterung der Zeitung für die Nazis war so groß, dass man ihnen im Blatt die sogenannte "Nationalsozialistische Ecke" anbot: Eine regelrechte Pressefehde zwischen den beiden Blättern kam auf.
Während der Albbote zunächst vorsichtig, dann immer kräftiger durch braunen Anstrich ein neues Profil gewann, blieb der Neue Albbote seiner liberalen Linie treu. Er stand der demokratisch konservativen Partei nahe und wurde wohl auch von Lokalmatador Friedrich Haux gesponsert.
Ende Januar zogen auch die Tailfinger durch ihre Stadt. Ein Protestzug von etwa 1000 Beschäftigten richtete sich nicht nur gegen den Lohnabbau, es mischten sich auch parteipolitische Töne unter die Forderungen der Menge: "Heil Moskau" und "Nieder Hitler"-Rufe waren zu hören. Ebinger Polizei und NSDAP-Saalschutz sorgte mittlerweile aller Orten gemeinsam für "Ruhe und Ordnung", so weit es ging.
Die Neue Albbote-Redaktion wunderte sich immer mehr darüber, dass die Nazis ausgerechnet nach der Polizei jenes Staates riefen, den sie so hart bekämpften. Hier zeigt sich direkt auf lokaler Ebene, wie wackelig das Haus der Demokratie in der Weimarer Republik gebaut war. Die Dienstanweisungen der Ebinger Polizisten waren oft fernab jeglicher demokratischer Prinzipien. Den Nazis wurde geholfen, die Kommunisten verfolgt. In Balingen kam es bei einer geplanten Nazi-Kundgebung nur deswegen nicht zu größeren Zusammenstößen, weil in letzter Minute ein provokant wirkender SA-Fackelzug abgesagt wurde.

In diesen Jahren der Weltwirtschaftskrise drifteten die Ebinger Arbeiter immer weiter nach links. Dabei wurde die kommunistische Partei Deutschlands (KPD) zum Sammelbecken derjenigen, die sich als Proletarier fühlten. Dieser Klassenbegriff füllte sich, je schlechter die Lage wurde mit neuem Leben. Der Rest hingegen, außer den Sozialdemokraten, hatte quasi über Nacht ein vermeintliches Ziel gefunden: Hitler. Er schien der lang ersehnte "Befreier" zu sein, der nun endlich wirtschaftlich etwas bewegen würde.
Die Politiker des Bürgertums erschienen dagegen farblos und ohne Dynamik. Reichskanzler Brüning blieb strikt bei seiner Sparpolitik: Das Massenelend wurde spürbar verschärft anstatt gemildert. Die notverordneten Steuererhöhungen einerseits, Lohn- und Gehaltskürzungen sowie Preissenkungen andererseits entzogen dem Wirtschaftskreislauf, was er am dringendsten brauchte, nämlich Geld.
Brüning hielt die Krise für einen Weg, den ehemaligen Siegermächte ein total verarmtes Deutschland vor Augen zu führen. Mit dem Nachweis der deutschen Zahlungsunfähigkeit wollte Brüning die Streichung der Reparationszahlungen erzwingen und damit auch das "System von Versailles" zum Einsturz zu bringen. Gelänge das, dann wäre Hitler der Propaganda-Wind aus den Segeln genommen.
Die "Rote Bombe"
Alle demokratischen Parteien der Weimarer Republik zogen weitest gehend mit, nur am rechten und linken Rand des Parteienspektrums kamen andere Leitbilder auf. Im Raum Ebingen, Tailfingen und Balingen gingen allerdings die Kommunisten einen äußerst populären Weg. Zwar verherrlichten sie das Sowjetsystem, aber sie setzten sich so ungewöhnlich stark für die Arbeiter ein, dass ihre Anziehungskraft deutlich stieg. Ihr Zaubermittel hieß die "Rote Bombe": eine Kampfzeitung für die Bezirke Ebingen, Tailfingen und Balingen war der regionale Schlüssel zum publizistischen Erfolg.

Herausgeber waren die Ebinger Kommunisten, erst Fridolin Reiber und dann Reinhold Gonser. Vom Juli 1931 bis 1933 erschien die "Rote Bombe" wöchentlich und sorgte hauptsächlich bei Unternehmern für Verdruß. In der so genannten Arbeiterkorrespondenz wurde über die Situation in den Betrieben berichtet: Lohnabbau, Entlassungen oder auch Verschärfungen beim Akkord waren die Themen.
Die Autoren waren Betriebsangehörige selbst, die anonym blieben. Ihre Berichte hatten eine enorme Wirkung, denn diese Informationen standen in keiner anderen Zeitung. Die Aufzählung der Firmen, über die geschrieben wurde, las sich wie ein Who is Who nicht nur der Ebinger Industrie. Gerade weil das Blatt einen politisch gefärbten Enthüllungsjournalismus betrieb stand es im Rampenlicht des Interesses. Wie unbeholfen die Unternehmen auf die Arbeiterberichte reagierten, zeigte Haux geradezu exemplarisch.
So beklagten sich die Blattmacher in der Ausgabe vom 1. April 1932 über die Gepflogenheiten beim Trikotunternehmen Gebr. Haux, den Betriebsrat ein Schriftstück unterzeichnen zu lassen, in welchem festgelegt war: Jeder Arbeiter und jede Arbeiterin, die mangelhafte Arbeit abliefert, hatte sich als fristlos entlassen zu betrachten. Doch der Betriebsrat war keinesfalls mit dieser Regelung einverstanden. Und so blieb diese Auseinandersetzung nicht betriebsintern, die "Rote Bombe" veröffentlichte die Kontroverse.
Als letztes Gegenmittel verbot Haux den Kauf des roten Kampfblattes und drohte Beschäftigte zu entlassen, die weiterhin die "Bombe" kauften. Dies meldete das KPD-Blatt anschließend als Gerücht, bemerkte aber gleichzeitig, dass es wohl auf Wahrheit beruhe, da vor der Fabrik kein Exemplar mehr verkauft wurde. Auch unter der Belegschaft der Tailfinger Firma Martin Ammann kochte es nach einem "Bombe"-Artikel vom 8. Dezember 1932. Firmenchef Martin Ammann wollte zu seinem 70. Geburtstag den Arbeitern gestaffelt nach ihrer Zugehörigkeitsdauer ein Geldgeschenk machen: Das reichte von 20 Mark für "Beschäftigte im Betrieb über 15 Jahre" bis zu 3 Mark für "im Betrieb kurze Zeit".
Die "Rote Bombe" rechnete dann öffentlich vor: "Der Lohnraub bei der Trikotfabrik habe im vergangenen Jahr rund 25 Prozent betragen, 300 Personen seien im Betrieb und durchschnittlich erhalte man 10 Mark zurück. Was der "humane Chef" in einem Jahr bloß an abgezweigten Lohngeldern verdient beweise folgende Rechnung: 300 Personen Belegschaft, Durchschnittsverdienst 20 Mark. Lohnabbau im letzten Jahr durchschnittlich 25 Prozent - das ergibt für die "humane" Firma einen Gewinn von 75.000 Mark. Davon verschenkt er jetzt 3.000 Mark. Der Juniorchef Stadtrat Karl Ammann "schenkt" sich etwas anderes dafür: ein "Waldschlösschen". Mit dieser Berichterstattung fuhr die "Rote Bombe" schwere Geschütze auf. Die Firma wehrte sich natürlich, jedoch ohne die veröffentlichte Zahlen zu korrigieren. "Die Betriebsversammlung erließ einen gemeinsamen Beschluß": Mit Entrüstung nehme man Stellung gegen die Angriffe in der "Roten Bombe". Und weiter: "Das überraschende und reichliche Geschenk unseres Seniorchefs hat jeden Einzelnen ohne Ausnahme sichtlich erfreut. Wir verurteilen eine derartige, auch das Ansehen der Arbeiterschaft schädigende Hetzerei, die jedem rechtlich denkenden Menschen unwürdig erscheint." Bei der vorausgegangenen Abstimmung im Betrieb waren nur 151 Belegschaftsmitglieder für das "Geburtstagsgeschenk" des Seniorchefs.
Als NSDAP-Stadtrat Müller Anfang 1932 Strafantrag wegen beleidigender Berichterstattung gegen die "Rote Bombe" beantragen wollte, erklärte DDP-Stadtrat Haux, dass die NSDAP-Bezirkszeitung "Der Wille" dem KP-Blatt in nichts nachstehe. Doch das nützte nichts mehr. Mitte Februar 1933 wurde die "Rote Bombe" wegen "Beschimpfung und böswilliger Verächtlichmachung leitender Beamter des Reichs" für zwei Monate verboten.
Die "Bombe" tickt nicht mehr
Mit der Machtübernahme Hitlers kam dann das endgültige Aus. Für den Schuhmacher Müller, dem Verfasser einer der letzten Berichte - hier wurde zum Generalstreik aufgerufen - hatte es noch ein Nachspiel. Er und der Schriftsetzer Karl Lang wurden angeklagt: Beiden wurde Vorbereitung zum Hochverrat vorgeworfen und das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte sie zu 16 Monaten Gefängnis.

Doch bevor es dazu kam, liefen noch alle Regionalblätter zu Höchstform auf: Die einen für, die anderen gegen Hitler - Agitation in Reinkultur. Die Unterscheidung zwischen Kommentaren und Nachrichten, wie heute üblich, kannte man nicht. Dass die "Rote Bombe" dabei besonders geschickt polemisierte, ärgerte vor allem die Nazis. Und sie wehrten sich - nicht mit Argumenten sondern mit der Faust.
Im März 1932 berichtete der Albbote, dass ihr Schriftleiter jetzt schon zum zweiten Mal überfallen worden sei. Drei Mann der Ebinger SA wollten dem Schriftleiter Mayer einen Denkzettel verpassen. Während sich zwei zurückhielten, ging ein SA-Mann auf Mayer los. Ein Ebinger Passant sprang dazwischen und statt Mayer erhielt nun SA-Mann Jäger eine Tracht Prügel. Doch damit nicht genug: Einige Tage später kamen die Nazis wieder, diesmal direkt in die Geschäftsräume des "Neuen Albboten", um sich Schriftführer Mayer noch einmal vorzunehmen. Bei der Rangelei zog die SA wiederum den Kürzeren. Hirschwirt Schadt einer der SA-Wortführer verabschiedete sich von Mayer mit den Worten: "der muss verrecken".
Die Presse wird gleichgeschaltet
Der Fall kam vor das Schöffengericht Balingen. Der beteiligte SA-Aktivist Jäger wurde, nachdem er den Überfall zugegeben hatte, zu zwei Monaten und zehn Tagen Gefängnis verurteilt. Doch die Tage des Neuen Albboten waren trotzdem gezählt. Die NSDAP-Postille "Der Wille" verkündete den "Neuen" unverblümt: "Wenn sich bei dem Presseempfang in Stuttgart der württembergische Ministerpräsident für einen Weiterbestand der Provinzpresse ausgesprochen hatte, so waren damit bestimmt nicht Zeitungen vom Schlage des "Neuen Albboten" gemeint, der bekanntlich bis jetzt eine schamlose Lügenhetze gegen das ganze nationale Deutschland getrieben hat, und der jetzt nur der Not gehorchend äußerlich seinen Ton ändert, der aber innerlich genau dasselbe marxistische Hetzblatt geblieben ist".

Zum Verhängnis wurde dem "Neuen Albboten" letztlich eine Meldung über den Wahlkampf. Die NS-Zeitung "Der Wille" über ihre ungeliebte Konkurrenz: "Mitte des Monats habe die liberale Zeitung eine Fassung eines Wahlzettels veröffentlicht, mit dem über die Politik Adolf Hitlers abgestimmt werden sollte - aber in einer Form, die von der amtlichen abwich.
Ob Setzer, Redakteurhelfer oder Absicht, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Jedenfalls bekam der abgebildete Wahlzetteltext durch geringfügige Auslassung einen völlig anderen Sinn. Die Aktion erweckte den Eindruck als ob der "Neue Albbote" - nicht ungeschickt - an die eigene Urteilsfähigkeit der Wähler als letzte Instanz der Entscheidung appellieren wollte. Originaltext: "Billigst Du, deutscher Mann und Du, deutsche Frau, diese Politik Deiner Reichsregierung, und bist Du bereit, sie als den Ausdruck Deiner eigenen Auffassung und Deines eigenen Willens zu erklären und Dich feierlich zu ihr zu bekennen?". Dagegen der Text im Neuen Albboten: "Billigst Du, deutscher Mann und Du, deutsche Frau, die Politik Deiner eigenen Auffassung, und Deines eigenen Willens zu erklären und Dich feierlich zu ihr zu bekennen?"
Das Stuttgarter Innenministerium wertete die verfälschte Darstellung als Verhöhnung eines amtlichen Stimmzettels. Die Polizei verbot darauf am 23. Oktober 1933 den "Neuen Albboten". Die SS besetzte die Redaktionsräume, beide Schriftleiter und der Setzer kamen in "Schutzhaft".
Noch ein letztes Mal erschien am 24. Oktober 1933 der "Neue Albbote" mit einer Sondernummer, um über das Verbot der Zeitung zu informieren. Verantwortlich war dafür Erwin Rümmelin, der ehemalige Schriftleiter, der mittlerweile zur Konkurrenzzeitung gewechselt war. "Zufällig" am gleichen Tag wurde auch er in Schutzhaft genommen, weil er in der Wirtschaft "Heil Moskau" gerufen haben soll. Somit war die letzte demokratische Publikation in Ebingen endgültig mundtot.