Textauszug aus dem Buch
"Görlitz unterm Hakenkreuz"
ISBN: 978-3-938706-17-6
Vergessene Nazibeute unter der Peterskirche?
Walter Scholze aus Klein-Neundorf war gerade erst 16 Jahre alt und lernte im zweiten Lehrjahr bei "Frisörmeister Zippel". Als "Spezial-Damen-Frisör" in der Bismarckstraße 27 hatte Paul Zippel eine erlesene Kundschaft. "Wir erstarrten regelrecht vor Ehrfurcht, als der hochausgezeichnete und als Fliegerass berühmte Oberst Rudel damals seine Frau in unserem Frisörladen abholte. Frau Rudel war Stammkundin bei Paul Zippel", erzählt Walter Scholze selbst heute noch etwas beeindruckt.
Rudel war eine große Nummer in der Stadt, jedes Kind kannte ihn.
Kurze Zeit darauf, am 4. August 1944, wurde Scholze zusammen mit 200 Görlitzer Hitlerjungs als Fronthelfer nach Kraschen, Kreis Groß Wartenberg bei Oels, zu Schanzarbeiten an die vermeintliche Hauptkampflinie einberufen. Die ganze Aktion lief unter dem Tarnnamen "Untgernehmen Bartold". Das HJ-Unternehmen mit dem Einsatznamen Bartold (der Name Bartold ist vermutlich dem Buchtitel "Voigt Bartold" entliehen, einer Romanfigur, die im 13. Jahrhundert Siedler nach Schlesien führte) hatte die Aufgabe, eine Verteidigungslinie zu schaffen, die unter Leitung der Organisation Todt (OT) von der Ostsee bis zu den Karpaten reichen sollte: Panzergraben, doppelter "Flandernzaun" (Stacheldraht) und schließlich ein übermannshoher Schützengraben mit MG-Ständen sollten die Rote Armee vom Eindringen ins Reichsgebiet abhalten.
Aus dem Großraum Breslau und ganz Niederschlesien kamen viele Hitlerjungs zum Bartold-Einsatz, auch vom Görlitzer HJ-Bann 19, den Lothar Stammnitz später als Bannführer leitete (nach dem Krieg wurde Stammnitz 2. Sekretär der SED-Bezirksleitung Dresden und später Mitglied des Zentralkomitees der SED).
Woran sich Walter Scholze genau erinnern kann, außer dem langweiligen Wache "Unter Spaten" stehen: "Spendierte die Görlitzer Bäckerinnung zum Erntedankfest jedem von uns einen großen Blechkuchen". Das war ein riesiges Fest, denn ein so großer Kuchen war Ende 1944 eben schon eine echte Rarität. Ansonsten erfolgte die Verpflegung durch den "Hilfszug Hermann Göring". Die Köche waren zur Fremdarbeit im Reich verpflichtete Niederländer.
Alle Schanzarbeiten durch die Hitlerjungen, jeweils immer auf einer Strecke von ca. 1000 Metern, wurden ausschließlich mit Spaten, Schaufel und Spitzhacke durchgeführt. Ein halbes Jahr später wurde die Hitlerjungen aus Görlitz zur weiteren Ausbildung in ein Lager des Reichsarbeitsdienstes in die Nähe von Muskau transportiert.
Wegen des schnellen Vorstoßens der Sowjetarmee wurden die jungen Leute vom Unternehmen "Bertold" eilig nach Westen an die Rhon verlegt. Von hier aus überstellte man den jetzt auch als Arbeitsmann mit blaugrauem Drillichanzug ausgestatteten Scholze nahtlos zur Wehrmacht nach Iglau (Jihlava).
Walter Scholze wurde am 8. Mai 1945, am Tag der deutschen Kapitulation, in Böhmen gefangen genommen und bei den Amerikanern, so sagt er, gab es fast jeden Tag "Backpfeifen" für die ehemaligen Kindersoldaten.
Aus dem alliierten Internierungslager Friedberg bei Passau entlassen machte sich Scholze dann im Juni 1945 zu Fuß nach Görlitz auf, gut 800 Kilometer weit.
Hart drückten auch hier die Sorgen um Brot und Heizmaterial. Doch der junge Walter Scholze hatte Glück, die sowjetische Militärverwaltung beschäftigte ihn sofort als Friseur. In seinem roten Papier-Ausweis Nr. 8 stand, dass er zu keiner anderen Arbeit heranzuziehen sei, unterschrieben vom Stadtkommandanten von Görlitz, Oberst der Roten Armee Nestrow. Eine Art Freibrief für die Existenzsicherung in dieser ungewissen Zeit.
In den Käuferschlangen vor den Brotläden, in den kalten Versammlungsräumen der Gaststätten und in den überfüllten Wohnungen bei den allabendlichen Strommsperren drehte sich indes alles um das Thema: Warum ist es so gekommen? Wo ist der Ausweg? Wo kriegen wir was zu essen her?
Man will jetzt nur noch Frieden und schnell den Neuaufbau. In den Tagen des allgemeinen Durcheinanders tragen Scholze und der ehemalige junge Panzer-Pionierleutnant und Ritterkreuzträger Heinz Richter, in Klein-Neudorf. Hier kam es zu einem vertrauten Gespräch zwischen den beiden. Der ehemalige Hitlerjunge und der hoch dekorierte Leutnant kannten sich schon länger, sie waren vor dem Krieg Nachbarskinder. Man sprach intensiv über die letzten Tage des Krieges und die eigenen Erlebnisse. Jeder hatte seine Geschichte.
Der Leutnant jedoch erzählte Scholze unglaubliches: Er, so Heinz Richter, hatet in den letzten Kriegstagen den Befehl, einige versiegelte Kisten in den unterirdischen Gängen der Görlitzer Peterskirche zu verstecken. Die Kisten durften nur von Offizieren transportiert werden, so der Auftrag. Mit Wäscheleinen ausgerüstet ging das "Richter-Kommando" in die Katakomben. Die Wäscheleinen dienten dazu, wieder schnell aus dem unterirdischen Labyrinth herauszufinden.
Die geheimnisvollen Kisten wurden schließlich unter der Peterskirche eingelagert. Danach wurde der Eingang zugemauert und fachgerecht verputzt. Beide sprachen danach nicht mehr über die geheimnisvolle Aktion.
Heinz Richter verstarb 1996 in Görlitz. Sie hatten aber keine Ahnung, was sich in den geheimnisvollen Kisten verborgen haben könnte. Vermutlich wegen der sowjetischen Besatzungsmacht und dann unter der DDR-Herrschaft war es für Richter und Scholze zu gefährlich, direkt mit einem angeblichen Nazigeheimnis in Verbindung gebracht zu werden. Also schwiegen sie lieber und ließen die Kisten Kisten sein.
So geriet Leutnant Richters "Operation Peterskirche" bei Walter Scholz und Heinz Richter über die Jahre hinweg auch in Vergessenheit.
Erst beim aktuellen Interview zum Buch "Görlitz unterm Hakenkreuz" im Restaurant "Schwibbogen", so versicherte Walter Scholze (83), kam ihm die Erinnerung and ie damalige Zeit wieder richtig zu Bewußtsein. Man denkt ja nicht ständig, so lange Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, an die Ereignisse der letzten Kriegstage. Etwa später in eine stadtbekannte Kirche zu marschieren, um nach ein paar Kisten zu suchen, war für Walter Scholze und den ehemaligen Wehrmachtsleutnant völlig undenkbar.
Das können eventuell jetzt offizielle Stellen tun. Gemunkelt wird immer noch so einiges über die Nazigeheimnisse in Görlitz: Mal wurden mehrere Wehrmachts-LKW am Untermarkt vor dem "Braunen Hirsch" beim Entladen beobachtet, ein andermal sollen Luftwaffentransport-LKWs, einer davon wurde mit Kunstschätzen beladen udn bei Zittau zerschossen aufgefunden, durch die Stadt gerollt sein.
Heinz Richter und Walter Scholze schwiegen die ganze Zeit und verdrängten die Erlebnisse aus dem "Dritten Reich": Der Leutnant bis zu seinem Tod und Walter Scholze jüngst bis zum Interview im Restaurant "Schwibbogen" am Vorabend des 20. Jahrestages der Deutschen Einheit.
Es gibt heute noch weitere Hinweise aus anderen Quellen: So soll beispielsweise in den tiefen Kellern (drei Untergeschosse) des Patrizierhauses St. Jonathan am Untermarkt (beherbergt jetzt eine exzellente Gastronomie in den oberen Stockwerken) zur selben ZEit als Leutnant Richter seiner geheimen Mission nachging, eni unterirdischer Zugang von der Wehrmacht in Richtung Peterskirche zugemauert worden sein, so die überlieferte Aussage eines ehemaligen NS-Blockwarts aus der Peterstraße.
mit freundlicher Genehmigung des WELBUCH Verlag, Dresden