

aus: Bild - 28.01.2010
Israels Präsident im Bundestag
Shimon Peres: "Der Holocaust ist ein ewiges Warnzeichen!"
Parlamentarier versammelten sich zum Holocaust-Gedenktag
Von Paul Ronzheimer
Seine persönliche Geschichte ist ergreifend, erschütternd, unfassbar.
Der israelische Präsident Shimon Peres in Deutschland - ein 86-Jähriger rührt den Deutschen Bundestag mit einer historischen Rede.
Es ist so still wie sonst fast nie im hohen Haus, als Peres um 12. 27 Uhr ans Rednerpult des Bundestages schreitet. Vor ihm sitzen Bundestagspräsident Norbert Lammert, Bundespräsident Horst Köhler, Kanzlerin Angela Merkel.
Das gesamte Kabinett ist versammelt, viele Ehrengäste, der Bundestag bis auf den letzten Platz gefüllt. Sie alle blicken mit höchstem Respekt und großer Bewunderung auf den Mann aus Israel, der als dritter israelischer Präsident vor dem Bundestag spricht.
Es ist das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Der Moment, an dem Deutschland innehält.
Peres spricht auf Hebräisch, seine Stimme ist eindringlich. Es geht um den Holocaust, Deutschlands Verantwortung, das Gedenken und die Zukunft. Doch es gibt einen Moment in seiner Rede, da wird Peres’ sehr persönlich. So persönlich, dass es ganz besonders unter die Haut geht. Er erzählt von seinem Großvater, der von Nazis ermordet wurde, verbrannt in einer Synagoge.
"Ich sehe ihn noch vor mir mit seinem weißen Bart und seinen dunklen Augenbrauen, eingehüllt in den Gebetsmantel, inmitten aller Betenden in der Synagoge in meinem Geburtsstädtchen Wiszniewo in Weißrussland…"
Der Moment des Abschieds auf seinem Bahnhof, Peres schaut seinen Großvater ein letztes Mal an - und die Szene blieb für immer in seinem Kopf: "Die Lokomotive pfiff und die Bahn fuhr los. Ich blickte meinem Großvater durchs Fenster nach, bis seine Gestalt verschwand. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah."
Kurze Zeit später fallen die Nazis in der Stadt ein, befehlen allen Juden, sich in der Synagoge zu versammeln. Es ist Peres’ Großvater, der als erstes hineingeht. "Er war in dem Gebetsmantel eingehüllt, in dem ich mich schon als Kind eingewickelt hatte." Die Türen der Synagoge wurden von den Nazis von außen verriegelt und das Holzgebäude einfach angezündet. "Von der gesamten Familie blieben nur glühende Asche und Rauch. Keiner hat überlebt."
Denen, die ihm im Bundestag zuhören, stockt der Atem. Was für eine Geschichte, was für Worte von einer großen Persönlichkeit…
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aus: Neues Deutschland - 02.02.2010
Aufstehen und Sitzenbleiben
Die Peres-Rede spitzt den Streit der LINKEN über den Nahost-Konflikt zu
Von Wolfgang Hübner
Altes Thema, neuer Anlass: An der Haltung der Linkspartei zum Nahost-Konflikt scheiden sich wieder einmal die Geister der Genossen. Jetzt spielt der Konflikt in die Neuformierung der Parteispitze hinein.
Streit in der LINKEN eskaliert, Grabenkämpfe in der Linksfraktion - solche Schlagzeilen machen sich gut, so lange die Leser noch die jüngsten Auseinandersetzungen in der Parteispitze im Kopf haben. Diesmal handelt es sich um einen Konflikt mit Zeitzünder. Denn immerhin vier Tage vergingen, bis einer Zeitung auffiel (oder ihr zugetragen wurde), dass sich nach der Rede des israelischen Präsidenten Shimon Peres am 27. Januar im Bundestag nicht alle Abgeordneten zum stehenden Beifall erhoben hatten. Sahra Wagenknecht und zwei weitere Frauen aus der Linksfraktion blieben sitzen, so die "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS); die dort ebenfalls genannte Heike Hänsel teilte empört mit, sie habe aus terminlichen Gründen gar nicht teilgenommen. Weil das Blatt den Links-Abgeordneten Michael Leutert zitiert, schwirren unter Genossen gleich wieder Denunziationsvorwürfe.
Die FAS erkennt in dem verweigerten Beifall ein Zeichen dafür, "dass der Antizionismus in der Linkspartei alles andere als überwunden ist". Leutert stützt diese Lesart zumindest teilweise und bringt das Ganze auch noch in Zusammenhang mit der Debatte um die künftige Führung der LINKEN: Wer am Auschwitz-Gedenktag nicht willens sei, Israels Präsident im Bundestag "den nötigen Respekt zu bezeugen, der ist für mich nicht wählbar", zitiert ihn die FAS. Das zielt auf Wagenknecht, die als stellvertretende Parteivorsitzende vorgesehen ist, und wohl auch auf Christine Buchholz, die derzeit dem Parteivorstand angehört. Die Linkspartei wählt im Mai einen neuen Vorstand.
Sahra Wagenknecht erklärte auf ND-Anfrage, sie habe sich in der Gedenkstunde des Bundestages durchaus von ihren Platz erhoben, um die Opfer des Holocaust zu ehren - als Parlamentspräsident Norbert Lammert sprach und Shimon Peres begrüßt wurde. Nach der Peres-Rede sei sie sitzen geblieben, weil sie "problematische Passagen" enthalten habe - etwa die Behauptung, Iran besitze Atomraketen. Beobachtern der Veranstaltung zufolge gab es noch mehr Abgeordnete nicht nur in der Linksfraktion, die sich nach dieser Rede nicht zum Beifall erhoben.
Kritik an Peres kam auch von anderer Seite. Die Initiative "Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost" veröffentlichte einen Brief israelischer Bürger unter der Überschrift "Shimon Peres spricht nicht in unserem Namen!". Peres wird darin als "dienstältester Propagandist von israelischen Regierungen" bezeichnet, die für Siedlungsbau in Palästinenser-Gebieten und für Krieg in Gaza und Libanon stehen. Peres, "der sich zahlreicher schwerer Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht" habe, spreche nicht für alle, auch nicht für alle israelischen Juden. Kritisiert wird zugleich die "schädliche und unmoralische Nahost-Politik" der Bundesregierung. Deutschland habe nicht nur eine moralische Verpflichtung gegenüber Juden, sondern auch gegenüber palästinensischen und libanesischen Zivilisten.
Nach Ansicht der Jüdischen Stimme wäre an Stelle von Präsident Peres der UN-Berichterstatter Richard Goldstone eine geeigneter Gedenkredner für den 27. Januar gewesen. Der südafrikanische Jurist hatte für die Vereinten Nationen die Menschenrechtverletzungen während des Gaza-Krieges vor gut einem Jahr ermittelt und aufgelistet - Vergehen der Hamas und der israelischen Armee. Hätte Goldstone im Bundestag gesprochen, wären womöglich ganz andere Abgeordnete sitzen geblieben. Aber das wäre wohl kaum jemandem eine Schlagzeile wert gewesen.
quelle: Neues Deutschland
aus: Bild - 30.01.2010
Respektlos
Heftige Kritik an Wagenknecht
Beim Besuch des israelischen Staatspräsidenten im Bundestag standen alle auf - nur Wagenknecht und ihre Partei-Kolleginnen nicht!
Das Verhalten der designierten Linkspartei-Vizechefin Sahra Wagenknecht gegenüber Israels Staatspräsident Shimon Peres - jetzt hat es auch heftige Kritik in der Links-Fraktion ausgelöst.
"Wer am Tag der Befreiung von Auschwitz nicht willens ist, während der Gedenkstunde im Deutschen Bundestag dem israelischen Staatspräsidenten und Friedensnobelpreisträger Shimon Peres den nötigen Respekt zu bezeugen, der ist für mich nicht wählbar", sagte der sächsische Bundestagabgeordnete Michael Leutert der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Leutert stellte damit die Eignung Wagenknechts für ein Führungsamt in der Partei in Frage.
Hintergrund: Wagenknecht war am Mittwoch gemeinsam mit ihren Fraktionskolleginnen Christine Buchholz, Heike Hänsel und Sevim Dagdelen demonstrativ sitzen geblieben, während sich die übrigen Abgeordneten des Bundestags zu Ehren von Peres erhoben hatten.
Die vier Politikerinnen werden dem fundamentalistischen Flügel der Fraktion zugerechnet.
Wagenknecht soll auf einem Bundesparteitag im Mai zur Partei-Vize gewählt werden. Die bisherige Sprecherin der Kommunistischen Plattform in der Linkspartei wurde im September erstmals in den Bundestag gewählt und vertritt ihre Fraktion als wirtschaftspolitische Sprecherin.
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aus: Die Tageszeitung - 02.02.2010
Peres-Auftritt im Parlament
Linkspartei zofft sich wegen Israel
Nach Shimon Peres' Rede im Bundestag erhoben sich sämtliche Anwesenden. Nur Sahra Wagenknecht und Christine Buchholz blieben sitzen. Jetzt hagelt es Kritik an ihnen.VON STEFAN REINECKE
BERLIN taz | In der Linkspartei gibt es Streit um die Haltung zu Israel und das Gedenken an den Holocaust. Am vergangenen Mittwoch redete Schimon Peres, der israelische Staatspräsident, anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz im Bundestag. Peres Großvater wurde von den Nazis ermordet. Nach seiner Ansprache erhoben sich die Parlamentarier - doch die Linksparteipolitikerinnen Sahra Wagenknecht und Christine Buchholz blieben demonstrativ sitzen. Solche Verweigerungsgesten sind im parlamentarischen Raum am Auschwitz-Gedenktag bislang nur von der NPD bekannt. Wagenknecht ist Wortführerin der Kommunistischen Plattform und will im Mai zur Vizechefin der Linkspartei gewählt werden. Buchholz kommt aus dem trotzkistischen Marx21-Umfeld.
Wagenknecht veröffentlichte am Montag eine Erklärung, in der sie ihr Verhalten rechtfertigt. "Zum Gedenken an die Opfer des Holocausts" sei sie im Bundestag selbstverständlich aufgestanden - nach Peres Rede allerdings nicht, weil sie "einem Staatsmann, der selbst für Krieg mitverantwortlich ist, einen solchen Respekt nicht zollen kann". Wagenknecht weiter: "Mein Verhalten bedeutet in keinster Weise, dass ich dem Anlass der Rede, dem Gedenken an das von Deutschen verübte Verbrechen des Holocausts, den Respekt versage. Vor den Opfern der Schoa verneige ich mich in tiefer Demut." Ähnlich will, laut einer Mitarbeiterin, auch Buchholz ihr Verhalten verstanden wissen, die derzeit im Ausland ist. Von Sevim Dagdelen, deren Name auch genannt wurde, war keine Stellungnahme zu erhalten. Auch sie ist derzeit im Ausland. Heike Hänsel, der in der FAS vorgeworfen wurde, nach Peres Rede sitzengeblieben zu sein, bezeichnete dies als Falschmeldung. Sie war am Mittwoch nicht im Plenum.
Klaus Lederer, Landeschef der Linkspartei in Berlin, kritisiert Wagenknecht und Buchholz scharf. Der taz sagte er: "Wenn der Staatspräsident Israels am 27. Januar im Bundestag redet, dann ist es absolut inakzeptabel, ihm die Ehre zu verweigern." Dies sei, unabhängig davon, was man von der konkreten Politik Israels hält, "politisch kleingeistig".
Der Linkspartei-Abgeordnete Michael Leutert bekundete, er halte Wagenknecht als Vizeparteichefin für ungeeignet. Dieses Verhalten, so Leutert zur taz, war "einfach nur peinlich".
quelle: Die Tageszeitung
aus: afp-Meldung - 27.01.2010
Sirenen läuten Gedenken an Holocaust-Opfer in Auschwitz ein
(AFP) - Auschwitz-Birkenau - Heulende Sirenen haben im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz den Beginn der Gedenkfeiern an die Opfer des Nationalsozialismus markiert. 65 Jahre nach der Befreiung des Lagers hätten die Überlebenden ein Recht zu glauben, dass ihr Leiden einen Sinn gehabt habe, nämlich eine "bessere Zukunft für alle Europäer" aufzubauen, sagte der frühere polnische Außenminister und Auschwitz-Überlebende Wladyslaw Bartoszewski.
Anlässlich des Gedenktags zur Befreiung des Lagers durch die Rote Armee versammelten sich zahlreiche Holocaust-Überlebende und Politiker an dem historischen Ort. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wollte in einer Rede ebenso der Opfer gedenken wie Polens Ministerpräsident Donald Tusk und Präsident Lech Kaczynski.
US-Präsident Barack Obama rief in einer Videobotschaft zum "Widerstand gegen den Antisemitismus und die Ignoranz" auf. Die Botschaft wurde in Krakau bei einer Veranstaltung des Europäischen Jüdischen Kongresses anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus ausgestrahlt. Die Vereinten Nationen hatten den Tag auf den 27. Januar festgesetzt, da an diesem Tag im Jahr 1945 das Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee befreit wurde. Die Befreiung jährt sich in diesem Jahr zum 65. Mal.
quelle: afp-Meldung
aus: Die Tageszeitung - 27.01.2010
65 Jahre Befreiung KZ Auschwitz
Niedertracht gehört dazu
Beim Auschwitz-Gedenken im Bundestag plädiert der Historiker Feliks Tych dafür, Verrat und Kollaboration bei der Betrachtung der Judenverfolgung stärker als bisher zu beleuchten.
VON CHRISTIAN SEMLER
BERLIN taz | Zur diesjährigen Gedenkfeier im Bundestag anlässlich des 65. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz waren zwei Redner geladen: der israelische Staatspräsident Schimon Peres, der aus dem heute zu Weißrussland gehörenden Teil Ostpolens stammt, und der polnisch-jüdische Historiker Feliks Tych.
Beide sind dem Tod knapp entronnen, beider Familien wurden fast zur Gänze von den Deutschen umgebracht. Peres entstammt einer tief gläubigen rabbinischen Familie, Tych einem aufgeklärten Elternhaus. Beide stehen exemplarisch für das vernichtete osteuropäische Judentum.
Peres warnte in seiner Rede davor, das Judentum nur im Zeichen der rauchenden Krematorien zu sehen, und beschwor das große geistige und künstlerische Potenzial, das nicht zuletzt Deutschland verlorengegangen sei.
Er sieht den Staat Israel als Antwort auf die Hoffnungen und die Sehnsucht der Ermordeten. Das schwierige Verhältnis Israels zu den Überlebenden des Holocaust spielte in seiner Rede keine Rolle.
Der Kern des Antisemitismus liegt für Peres im Hass auf die humanen geistigen Grundlagen des Judentums. Weshalb es die Aufgabe aller demokratischen Staaten sei, gegen antihumane Potentaten wie Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad Stellung zu beziehen.
Das Verhältnis Israels zu Deutschland beschwor Peres mit hymnischen Worten. Von Adenauer, "dem Vater der deutschen Demokratie", bis zu Angela Merkels "aufrichtigen Worten" nichts als Sonnenschein.
Politisch setzte sich Peres nachdrücklich für eine Friedenslösung auf der Basis zweier Staaten ein. In dem Optimismus, mit der er einen friedlichen Nahen Osten beschwor, war politische Distanz zur gegenwärtigen israelischen Regierung zu spüren.
Der Historiker Feliks Tych, der zweite Redner, war Spezialist für die Geschichte der revolutionären Arbeiterbewegung und Rosa Luxemburg, ehe er sich der Erforschung des Judentums zuwandte, auch als Direktor des jüdischen historischen Instituts in Warschau.
Tych ließ keinen Zweifel an der Singularität der Naziverbrechen zu und betonte, dass 40.000 Juden (wie er selbst) von Polen gerettet worden seien. Dann aber entwickelte er ein bedrückendes Panorama von Niedertracht, Bereicherung und Pogromen selbst in Nachkriegspolen.
Er plädierte dafür, dass eine europäische Geschichte des Holocaust nur dann wahrhaftig sei, wenn diese Verrat und Kollaboration einschließe.
quelle: Die Tageszeitung
aus: Polskaweb.eu - 25.01.2010
Auschwitz Diebstahl - Schwede nicht gefunden
KRAKAU - Der im Zusammenhang mit dem Diebstahl der Auschwitz- Aufschrift "Arbeit macht frei" von der Staatsanwaltschaft Krakau angeblich gesuchte schwedische Neonazi Anders Högström, ist weiterhin nur ein Phantom. Nach Agenturmeldungen hatte das schwedische Justizministerium am Montag mitgeteilt, dass man garnicht wisse, ob sich der der Gesuchte überhaupt in Schweden aufhalte. Polnische Medien beschreiben das neue Szenario mit wenigen Worten: "Die Schweden sind mißtrauisch geworden". "Polskaweb" sieht schon seit dem Bekanntwerden des weltbewegenden Diebstahls der Gedenktafel, eine ganze Reihe von Mysteriositäten.
Schwedische Behörden hatten auch bereits am vergangenen Freitag einen Europäischen Haftbefehl (EAW) aus Polen gegen den vermeintlichen Haupttäter gerüffelt, nachdem man festgestellt hatte, dass das Dokument zahlreiche Verfahrensfehler enthielt. Der Krakauer Staatsanwaltschaft wurde auch nahegelegt, nun in Zusammenarbeit mit der schwedischen Justiz zu prüfen, ob Högström sich tatsächlich in Schweden oder in einem anderen europäischen Land aufhalte.
Die Tafel mit der historischen Inschrift "Arbeit macht frei" über dem Tor des ehemaligen deutschen Konzentrationslager Auschwitz wurde am frühen Morgen des 18. Dezember 2009 gestohlen. Kurze Zeit später konnte man in einem Dorf bei Torun (Thorn) fünf angeblich am Diebstahl beteiligte Männer festnehmen. Aus der kürzlich verfassten Anklageschrift gegen die Diebe geht hervor, dass der Auftraggeber der Tat ein schwedischer Neo-Nazi Namens Anders Högström sei.
quelle: Polskaweb.eu
aus: Polskaweb.eu - 22.01.2010
Auschwitz- Diebstahl: Viele Fragen offen
KRAKAU - Für die meisten Medien und ihre Leser ist der spektakuläre Diebstahl der Auschwitz- Tafel mit der hämischen Aufschrift "Arbeit macht frei" gelaufen. Die Tat sei aufgeklärt, das Schild wieder an seinem Platze, die Täter sitzen in Haft und gegen den Hintermann des Verbrechens, einem bekannten "Neo-Nazi", ermittele die schwedische Polizei, nach Eingang eines polnischen Amtshilfeersuchens. Von einem früher genannten britischen Hehler, ist heute nicht mehr die Rede. Jetzt soll dem polnischen Teil der Bande, angeblichen Eierdieben, von denen bisher kein Foto oder eine Stimme zu bekommen war, der Prozess gemacht werden. Auf die Ermittlungsergebnisse aus Schweden, um den vielzitierten Haupttäter Anders Högström, will man nicht mehr warten, obwohl die Zeit überhaupt nicht drängt, denn auf den Diebstahl "nationalen Erbes" stehen in Polen bis zu 10 Jahre Haft.
Am Donnerstag wurde angeblich ein EU- Haftbefehl von der Staatsanwaltschaft Krakau gegen Anders Högström beantragt. Hierüber berichten auch die Medien in Schweden, die bisher fast alle Informationen in dem Kriminalfall, polnischen Zeitungen entnahmen. Von der schwedischen Polizei hat man bisher so gut wie nichts über das "Superhirn" und den "Jahrhundertdiebstahl" in Auschwitz gehört, in dieser Hinsicht gleicht die schwedische Beteiligung an dem Desaster, immer noch einem Phantom. Auch die Verteilung der Belohnungen für die Wiederbeschaffung von "Arbeit macht frei" stimmt etwas nachdenklich, denn das Kultusministerium in Warschau konnte den ausgelobten Betrag in Höhe von 100 000 Zloty nicht auszahlen, da die Polizei in Krakau die Namen der Hinweisgeber nicht an das Minsiterium herausgeben wollte. "Die Helden wollen "anonym" bleiben" - hiess es.
Am Donnerstag berichtete dann der polnische Nachrichten- Sender TVN, dass die Polizei selbst, sich "diskret" um die Zustellung der Belohnung an zwei Personen gekümmert habe. Das Kultusministerium habe vorab einem diesbezüglichen Vorschlag aus Krakau zugestimmt. Die Behörden behaupteten bisher immer, dass es Nachbarn waren, welche die entscheidenden Hinweise auf Täter und Verbleib der Gedenk-Tafel gegeben hatten. Doch der angebliche Hintermann aus Schweden soll mehrmals selbst verkündet haben, dass er derjenige war, welcher der polnischen Polizei schon kurz nach der Tat die Entscheidenen Hinweise lieferte. Ob Högström je nach Polen ausgeliefert oder gar dort verurteilt wird, wissen wir nicht. Eins ist aber klar, dass es bisher in der Sache mehr Ungereimtheiten, denn klare und sachliche Aussagen der polnischen Behörden gab. Man darf als gespannt sein, wie tatsächlich alles weiter geht.
quelle: Polskaweb.eu
aus: Die Tageszeitung - 25.01.2010
Nazis in Dortmund
Tief im Westen
Neonazi-Attacken werden oft als ausschließliches Ostproblem wahrgenommen. Doch militante Neonazis und No-go-Areas gibt es auch in Dortmund.
VON CIGDEM AKYOL
Das Schönste? Das sei die Unterstützung durch Freunde und die Familie, sagt Stefan Pötter. Das Schlimmste? Das sei die Ignoranz der Polizei, der Politiker, der Nachbarn - ja eigentlich das Wegducken der Gesellschaft.
Am unbegreiflichsten aber sei, "dass die es geschafft haben, uns aus der Stadt zu vertreiben", bilanziert der Dortmunder. Dabei schwankt seine Stimme zwischen Nicht-wahrhaben-Wollen und Verzweiflung. "Die" - das sind die Rechtsextremisten, die Familie Pötter schikanieren.
Stefan Pötter bittet um Anonymität, er will sich und seine Familie schützen. Zwar haben die Lokalmedien über seine Geschichte berichtet, "aber die Öffentlichkeit hat uns bisher nicht geholfen". Kurz wütete ein Flächenbrand der Empörung, Politiker und Kirchenvertreter setzten ihre Betroffenheitsmiene auf. Der Skandal kam ins Rollen und verpuffte rasch.
Und Familie Pötter wird immer noch von Nazis bedroht, die ihre Aktivitäten durch ihr Engagement gestört sehen. Denn immer wieder, wenn Stefan Pötter antisemitische Schmierereien, Plakate und Aufkleber von Rechtsextremen sieht, entfernt er diese. Der Mediziner hat früher schon an Friedensdemonstrationen teilgenommen, war 1981 im Bonner Hofgarten dabei, als 300.000 Menschen für die atomare Abrüstung demonstrierten. Er ist politisch nicht organisiert, der 53-Jährige vertraute der Demokratie. Bis zum letzten Jahr.
Als er im April 2009 mal wieder einen Naziaufkleber abknibbelt, merkt er, wie er von drei Rechten beobachtet wird. Er ruft die Polizei, aber die Männer sind schon verschwunden. Die Lage spitzt sich zu, im August werfen Unbekannte nachts einen Stein durch sein Küchenfenster, und im Oktober wird das Auto demoliert, mit einem Hakenkreuz beschmiert.
Dann hängen in der Stadt Plakate mit einem Foto von Stefan Pötter und seiner Tochter, auf denen vor den "Linksextremisten" gewarnt wird - wie bei einer Kopfgeldjagd. Die Anschrift der Familie wird auf einer Naziwebsite veröffentlicht, die Schule der Tochter genannt.
In die Mitte der Gesellschaft
Es geht etwas vor in Dortmund, und es ist durchaus beunruhigend. Hier hat sich der rechtsradikale Rand in die Mitte der Gesellschaft gemogelt. Dabei werden Probleme mit Rechten gerne als Ostproblem wahrgenommen.
Die Zahl der registrierten rechtsextremistischen Delikte hat sich in Dortmund in den letzten Jahren mehr als verdoppelt. 2005 wurden 184 Straftaten mit einem rechten Hintergrund gemeldet, 2008 waren es schon 402. Seit den Kommunalwahlen 2009 sitzt je ein Vertreter der rechtsextremen DVU und der NPD im Rat. Mitten im Ruhrgebiet.
Mitten im Westen, in einer Stadt mit 600.000 Einwohnern hat sich zwischen grauen Plattenbauten und gepflegten Eigenheimen ein Wohlfühlraum rechter Gesinnungsgenossen entwickelt.
"Dortmund ist eine Stadt, in der die Auseinandersetzung zwischen rechtsextremen und demokratischen Kräften öffentlich und offensiv geführt wird", heißt es in der Studie zum Rechtsextremismus in Dortmund, die von der Universität Bielefeld 2009 veröffentlicht wurde. In der Untersuchung wird deutlich, dass der Rechtsextremismus in der Stadt in Bewegung ist: "Die Stadt mit ihrer Tradition als Arbeiterhochburg und ,Herzkammer' steht stellvertretend für die Zukunft des Ruhrgebiets. Was hier passiert, strahlt auf die Nachbarstädte aus.
Entsprechend wichtig ist es den örtlichen rechtsextremen Strukturen, hier an Einfluss und Macht zu gewinnen." Dabei seien die "Autonomen Nationalisten" momentan die handlungsfähigste rechte Gruppe. Neben Berlin sei Dortmund eine Hochburg dieser Gruppierung, so die Studie.
Lange bestimmte die sogenannte Borussenfront die Neonazi-Szene in Dortmund. Die Autonomen Nationalisten (AN) sind eine vergleichsweise junge rechtsextreme Bewegung in der Region. Bei Demonstrationen treten sie mit Palästinensertuch, Sonnenbrille und Che-Guevara-T-Shirts auf.
Die äußerliche Anpassung an die linksautonome Szene geht einher mit einer Anpassung der Aktionsformen. Bei Aufmärschen ahmen sie den "schwarzen Block" der linken Autonomen nach. Sie übernehmen Motive aus der linken Szene und fügen lediglich rechtsextreme Parolen hinzu. Dadurch üben sie auf Jugendliche eine stärkere Anziehungskraft aus als die konventionelle rechte Szene, hieß es dazu 2009 aus dem Bundesinnenministerium.
Seit drei Jahren verkauft ein Wortführer der Dortmunder AN im Internet rechtsextremes Propagandamaterial. Bei seiner Existenzgründung wurde er von der städtischen Arge gefördert. Die mehrheitlich jungen AN versuchen die Dortmunder Jugend für sich zu interessieren, indem sie in der ganzen Stadt Klebezettel mit nationalistischen Sprüchen oder etwa der Forderung nach "Todesstrafe für Kinderschänder" verteilen.
Sie suchen sich gezielt einzelne Familien oder Einrichtungen aus und attackieren diese. Damit will man ganze Stadtteile einschüchtern und eine sogenannte nationale Zone schaffen, um sich frei bewegen zu können. Sie erobern in ihrer Gegend Macht über den Alltag. Bestimmen, wer sich frei bewegen kann und wer nicht.
Ursula und Wolfgang Richter wundert diese Entwicklung nicht. Bereits vor 20 Jahren - damals wurden ihre Fensterscheiben eingeschlagen - wurden sie von Rechten schikaniert. Seitdem wird das Haus des Ehepaars, das sich im Dortmunder Bündnis gegen Rechts engagiert, in größeren Abständen mit Steinen oder Farbbeuteln attackiert, oder sie bekommen Drohbriefe. An ihre Hauswand waren 2007 und 2008 zu Weihnachten Graffiti geschmiert: "Ein frohes Fest! Die Anti-Antifa". Die Anti-Antifa ist ein Bündnis von Rechtsextremisten, das Daten von politischen Gegnern sammelt und veröffentlicht.
Und was machen die Politiker? Der ehemalige Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD), der letzte Woche wegen seiner umstrittenen Wahl die Amtsgeschäfte niederlegen musste, leugnet das Problem zwar nicht, sorgt sich aber eher um das Image der Stadt als um die Opfer rechtsextremer Bewegungen.
Er erzählt lieber von seinem Engagement gegen rechts, betont immer wieder, wie viel Geld die Stadt in Initiativen gegen rechts investiere. Für Projekte gegen Nazis hat die Stadt im letzten Jahr 100.000 Euro zur Verfügung gestellt - 0,03 Prozent des städtischen Haushaltsvolumens. Zusätzlich gibt es seit 2007 die städtische Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie, in der gegen braunes Gedankengut gearbeitet wird.
"Alles nur Symbolpolitik", kritisiert Dagmar Piotrowski, eine Mutter, deren Sohn Raphael mehrfach von Rechten angegriffen wurde; seine Daten wurden ebenfalls online veröffentlicht. Genau wie Stefan Pötter knibbelt auch der 18-Jährige Naziaufkleber ab. Ein Polizist warf dem Schüler vor, er sei doch selber schuld, wenn er sich engagiere und deswegen attackiert werde, sagt Raphael.
Auch Stefan Pötter fühlt sich von den Behörden alleingelassen. "Wozu ist eigentlich die Polizei da?", fragt er und bemüht sich erst gar nicht zu vermitteln. "Wenn ich eine Anzeige aufgebe, läuft es doch nur unter Sachbeschädigung oder Belästigung", klagt er an.
Wolfgang Wieland von der Polizei in Dortmund sagt: "Wir ermittelten gegen unbekannt." Natürlich könne wegen des politischen Engagements der Familie ein rechter Hintergrund vermutet werden, räumt er ein, die drei Anzeigen der Familie seien aber mittlerweile an die Staatsanwaltschaft weitergegeben worden.
Gegen seinen Vorgesetzten, Polizeipräsident Hans Schulze, initiierte die Linke-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke mit dem Bündnis gegen Rechts 2008 eine Unterschriftenaktion, weil dieser "durch sein Fehlverhalten dazu beigetragen hat, dass sich in Dortmund eine stetig wachsende und extrem gewaltbereite Neonazi-Szene etablieren konnte". Die Aktion wurde nicht weiterverfolgt. "Die Einstellung dieser Angelegenheit zeigt doch, dass die Kritik an Hans Schulze nicht von der Mehrheit erhoben wird", entgegnet Ingolf Möhring, Schulzes Stellvertreter, auf den Vorwurf, die Dortmunder Polizei sei auf dem rechten Auge blind.
Das "Andersdenkende" - also Linke - von den AN verfolgt werden, spürt Hasan Sahin regelmäßig. Der gebürtige Türke betreibt das Literaturcafé Taranta Babu seit 30 Jahren. Allein seit Ende 2007 hat es sieben Anschläge auf das Geschäft gegeben - ob diese von Rechtsextremisten verübt wurden, ist zwar unklar, aber mehrfach wurden Nazisymbole hinterlassen.
Hasan Sahin geht noch nicht mal jedes Mal zur Polizei, wenn er Hakenkreuze an der Hauswand findet. Sahin hat die Farbe griffbereit im Keller stehen. Und wie oft er Jugendliche mit Hitlergruß an seiner Bücherei vorbeiziehen sieht, das zählt er schon gar nicht mehr. Von den vielen Anwohnern will niemand etwas gemerkt haben, das macht Hasan Sahin Sorge. "Die Stadt ist eine Hochburg der Rechten. Aber der Polizeipräsident und der Bürgermeister wollen das nicht wahrhaben."
Wie soll es weitergehen?
Hasan Sahin ist verzweifelt, er denkt über neue Sicherheitsmaßnahmen für sein Geschäft nach.
Das Ehepaar Richter wird sich weiterhin gegen rechts engagieren.
Auch Raphael Piotrowski denkt nicht ans Aufgeben. "Sonst haben die Nazis erreicht, was sie wollen."
Stefan Pötter ist vorsichtiger geworden. Er sieht sich ein paarmal um, wenn er am Bahnhof ist. Aus dem Haus, in dem sie 15 Jahre lebten, ist die Familie ausgezogen, sie planen "Vorkehrungen", die er nicht konkretisieren will. Der Schwebezustand nimmt ihn nervlich mit.
Ob er nach all dem Ärger noch mal so handeln würde? "Es ist unsere Aufgabe als Deutsche, wir haben eine Vergangenheit, die sich nie wiederholen darf", sagt er und klingt entschlossen. Stefan Pötter sagt aber auch: "Manchmal habe ich schon Zweifel. Im Magen bleibt ein Unbehagen."
quelle: Die Tageszeitung
aus: Dagens Nyheter - 21.01.2010
Stulen Auschwitz-skylt återlämnad
KRAKOWDen stulna Arbeit macht frei-skylten återlämnades idag till Auschwitz-museet samtidigt som den polska åklagaren skickade i väg sin europeiska arrestingsorder för Anders Högström.- Han riskerar tio år fängelse, säger Krakow-åklageren Artur Wrona.
Presskonferensen i Krakows polishus inleddes med att polistekniker i vita rockar och vita handskar bar in den svarta järnskylten och placerade delarna på ett bord klätt med en grön duk. Vid stölden hade tjuvarna sågat isär den ord för ord, men inte fått med ”i:et” i ”frei”.
Skylten stals veckan före jul och återfanns tre dygn senare i norra Polen. Fem polacker greps, men den som misstänks ha initierat stölden är den avhoppade svenske nazistledaren Anders Högström, 34 år.
Polackernas motiv var pengar, tror Krakow-åklagaren Artur Wrona.
-De skulle ha fått motsvarande 125 000 kronor för jobbet, säger han till DN.
Och vad var Högströms motiv?
-Det vet vi inte. Det är därför vi vill höra honom, säger Artur Wrona, som i dagsläget inte tror att det finns någon ytterligare inblandad.
På torsdagen skickade åklgarmyndigheten i Krakow i väg en så kallad europeisk arrestingsorder gällande Anders Högström till kollegerna i Stockholm.
Artur Wrona understryker att det inte handlar om någon vanlig stöld, skylten vid förintelselägret Auschwitz´ entré är en del av det polska nationella arvet. Därför riskerar Högström maximalt tio års fängelse om det visar sig att han varit hjärnan bakom verket.
Efter presskonferesen packades de dyrbara skyltdelarna omsorgsfullt in i lådor för vidarebedfordran till Auschwitz sex mil sydväst om Krakow.
Jan Lewenhagen, DN:s korrespondent
quelle: Dagens Nyheter
aus: afp - 20.01.2010
Sicherheitsdienst-Chef des Museums Auschwitz entlassen
Warschau - Nach dem Diebstahl des Schriftzuges "Arbeit macht frei" im ehemaligen KZ Auschwitz hat die Museumsleitung den Chef des Sicherheitdienstes entlassen entlassen. Zur Begründung sagte ein Museumssprecher, der Wachdienst habe nach Entdecken des Diebstahls sehr lange gewartet, bevor die Polizei gerufen wurde. Zwei weitere Bewacher wurden suspendiert.
Der Schriftzug war am 18. Dezember gestohlen und zwei Tage später im Norden Polens wiedergefunden worden. Fünf Verdächtige wurden bereits festgenommen. Ihnen drohen zehn Jahre Haft.
quelle: afp-Meldung
aus: afp - 20.01.2010
"Arbeit-macht-frei"-Schriftzug zurück beim Auschwitz-Museum
Warschau - Der gestohlene Schriftzug "Arbeit macht frei" aus dem NS-Konzentrationslager Auschwitz ist dem dortigen Museum rechtzeitig zu den Gedenkfeiern am kommenden Mittwoch zurückgegeben worden. Wie Museumssprecher Bartosz Bartyzel mitteilte, prüfen Experten nun den Zustand des von den Dieben in drei Teile zerlegten Schriftzugs. Danach werde die Museumsleitung zusammen mit dem Internationalen Auschwitz-Komitee entscheiden, ob die Nazi-Parole an ihren ursprünglichen Standort zurückkehre oder nicht.
Unmittelbar nach dem Diebstahl am 18. Dezember hatte die Museumsleitung eine Kopie des Schriftzugs über dem Tor zum früheren KZ anbringen lassen. Am 21. Dezember hatte die polnische Polizei den entwendeten Schriftzug wiedergefunden und fünf verdächtige Polen festgenommen. Ihnen drohen bis zu zehn Jahren Gefängnis.
Die Staatsanwaltschaft Krakau forderte die Überstellung eines in den Medien als Anders Högström bezeichneten Schweden nach Polen. Der frühere Neonazi-Führer gilt als Drahtzieher des Diebstahls. Im KZ Auschwitz und dem benachbarten Vernichtungslager Birkenau im besetzten Polen ermordeten die Nationalsozialisten zwischen 1940 und 1945 etwa 1,1 Millionen Menschen. Die allermeisten Opfer waren Juden. Am 27. Januar 1945 befreite die Roten Armee das Lager.
quelle: afp-Meldung
aus: Bild - 19.01.2010
Deutsch-israelische Konsultationen in Berlin
Versöhnung am Holocaust-Mahnmal
Historisches Treffen von Premier Netanjahu und Kanzlerin Merkel
Es war ein historischer Moment. An diesem grauen Januartag pilgerten die Kabinette von Deutschland und Israel gemeinsam zum Holocaust-Mahnmal, dem großen Stelenfeld, im Berliner Zentrum. Eine wahrhaft große Geste politischer Versöhnung zwischen Deutschen und Juden!
Aus Sorge vor Störungen wurde das Gelände in der Nähe des Brandenburger Tores von der Polizei weiträumig abgesperrt.
Grund für den hohen Staatsbesuch: die ersten deutsch-israelischen Regierungskonsultationen auf deutschem Boden. Die Kanzlerin und der israelische Premier leiten die gemeinsame Kabinetts-Sitzung - 65 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs.
Netanjahu ist mit fünf Ministern angereist, darunter Außenminister Avigdor Lieberman, Verteidigungsminister Ehud Barak sowie Handels- und Industrieminister Benjamin Ben Elieser.
Themen: Im Mittelpunkt der Gespräche steht der Friedensprozess im Nahen Osten, wo es seit Jahren kaum noch Fortschritte gibt. Auch der Streit um den Siedlungsbau der Israelis in den besetzten Palästinensergebieten dürfte zur Sprache kommen.
Weiterhin der Atomstreit mit dem Iran und die Rüstungszusammenarbeit mit Deutschland. Medienberichten zufolge hat Israel ein sechstes U-Boot der Dolphin-Klasse mit modernem Brennstoffzellen-Antrieb in Deutschland bestellt. Weiter geht es um die Bereiche Umwelt, Forschung und erneuerbare Energien, den Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und die Kooperation bei Entwicklungsprojekten in Afrika.
Vor der gemeinsamen Kabinetts-Sitzung finden Einzelgespräche der Minister statt - so trifft etwa Außenminister Guido Westerwelle (48, FDP) seinen Amtskollegen Lieberman.
Die Konsultationen waren ursprünglich schon für Ende November geplant, doch musste Netanjahu wegen hohen Fiebers auf ärztlichen Rat hin kurzfristig absagen.
Die ersten deutsch-israelischen Regierungskonsultationen hatten im März 2008 in Jerusalem stattgefunden. Damals war ein jährlicher Turnus für die Treffen vereinbart worden.
Gemeinsame Kabinettssitzungen in regelmäßigen Abständen führt die Bundesregierung nur mit sechs Ländern durch: zweimal im Jahr mit Frankreich und jährlich mit Israel, Italien, Spanien, Polen und Russland.
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aus: Polskaweb.eu - 18.01.2010
Gestohlener Monet war Kriegsbeute
POSEN - Die polnische Polizei hat nach fast zehn Jahren den Diebstahl eines Gemäldes des französischen Impressionisten Claude Monet offenbar aufgeklärt und auch das Meisterwerk mit dem Titel "Strand von Pourville" unbeschädigt zurückerlangen können - berichtete - sagte ein Sprecher des Nationalmuseum im westpolnischen Posen (Poznan) am Mittwoch Vormittag der Presse. Der mutmaßliche Täter, Robert Z. (41) konnte jetzt im Süden Polens festgenommen worden. Er galt nach einem Hinweis vom Dezember schon als verdächtig, da er nur wenige Tage vor dem Verschwinden des Gemäldes in Posen, eine Zeichnung des Kunstwerkes gefertigt haben soll. Während des Diebstahls hatter er das Bild aus seinem Rahmen getrennt und durch eine wertlose Kopie ersetzt.
Nicht versichert
Das Gemälde aus dem Jahre 1882 wurde kurz vor seinem Verschwinden von der Versicherung auf einen Wert von einer Million Dollar geschätzt, dennoch liess das Nationalmuseum damals das wertvolle Stück nicht versichern und stand so mit dem Schaden erst einmal alleine da. Kurz nach dem Diebstahl, im September 2000, gaben Museum und Polizei den Wert des Monets mit Wert 7 Millionen Dollar an, warum es heute viel weniger sein soll ist unbekannt.
Monet Gemälde war Kriegsbeute
Das Kunstwerk gehörte eigentlich dem Deutschen Museum in Posen, dessen Direktor das Bild im Jahre 1906 angeschafft hatte. Während der Vertreibung der Deutschen aus ihren Ost- Gebieten und Posen, erklärte Polen deren kulturelle Hinterlassenschaften und jegliche Wertgegenstände welche die Zwangsauszuweisenden nicht mitnehmen durften oder konnten, zum nationalen Erbe. Vorab hatte aber auch schon die rote Armee und ihre Verbündete Tausende Waggons mit im Reich "beschlagnahmten" Eigentum der Deutschen, in den Osten geschickt.
quelle: Polskaweb.eu
aus: Polskaweb.eu - 07.01.2010
Auschwitz: Ist das der Kopf der Bande ?
KRAKAU - der weltbewegende Diebstahl der Gedenktafel am Haupteingang des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Auschwitz entwickelt sich zur Seifenoper. Anlass hierzu lieferte in erster Linie zuständige Polizisten in Kleinpolen, die sich in Pressekonferenzen mehr als einmal deutlich wiedersprachen und hiermit Raum für nicht nachvollziehbare Spekulationen der in- und ausländischen Medien schufen. Die neueste Version der Behörden, zu lesen in der "Gazeta Wyborcza", möchten wir unseren Lesern ersparen, denn aus unserer Sicht haben auch die neuesten Veröffentlichungen von Ermittlungsergebnissen der polnischen Polizei und der Medien in ihren Merkwürdigkeiten noch lange nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Auszugsweise zitiert heisst es nun am Donnerstag zu einer Recherche der "GW", dass es sich bei den Dieben um eine Dorf- Gang handelte, die nicht wusste was sie eigentlich stahl.
Der 29-jährige Töpfer Marcin A. mit dem Spitznahmen "Soczewa", aus dem Dorf Czerników bei Torun, soll demnach angeblich der Hauptverantwortliche des Auschwitz-Tafel-Diebstahls sein. Seine Gehilfen, ein sich oft in Holland aufhaltender 34-jähriger Mann namens Pawel S. , genannt auch "Skowronek" und zwei weitere Dorfbewohner mit den übersetzten Spitznamen "Junge Maus" und "alte Maus. Die Gang vervollständigtes sich durch einen gewissen Vladimir Z., einem Einwanderer vom Balkan.
Marcin A. und Pawel S. gingen vor zwei Jahren, auf der Suche nach "einträchtiger Arbeit", nach Schweden. Dort trafen sie auf den als angeblichen Hintermann des Diebstahls genannten 35-jährigen Anders H., der bis vor 10 Jahren Vorsitzender einer angeblich Neo- Nazistischen Gruppierung gewesen sein soll. Man sprach über Handelskontakte und Export von Baumaterialien nach Polen. Später sei es dann womöglich um den Diebstahl der historischen Auschwitz- Tafel gegangen - schreibt "Gazeta Wyborcza", die diese Erkenntnisse bei einem Besuch in der Dorfkneipe von Czerników gewonnen haben will.
In der Quintessenz von jüngsten Berichten der "GZ" und der zuständigen Polizei werden nun die "dummen" Diebe zu Opfern des Schweden. Die Behörden behaupteten bisher stets, dass es Nachbarn waren, welche die entscheidenden Hinweise auf die Täter gegeben hatten. Belohnungen sind bereits in Verteilung und selbst die an den Ermittlungen beteiligten Beamten bekamen vom polnischen Premier persönlich neue Uhren als Zeichen der Anerkennung zum schnellen Fahndunsgerfolg überreicht. Doch der Schwede selbst gibt angeblich an, dass er derjenige war, der die polnische Polizei schon kurz nach der Tat aufklärte und telefonisch fortwährend begleitete.
Ob Anders H. nun auch die Belohnungen für sich beansprucht ist nicht bekannt. Wenn es sich alles so verhalten hat, wie man jetzt in den neuesten Versionen suggeriert, dann wäre der ganze Auschwitz- Klau nur ein sehr übler Scherz des Schweden gewesen, dessen Folgen er erst einmal selbst nicht überblickte. In diesem Falle sitzen seine Opfer, die Täter, nun im Gefängnis und er bei einem schwedischen Star- Anwalt. Bleiben die widersprüchlichen Pressemeldungen der polnischen Ermittlungsbehörden, und u.a. im Zusammenhang mit dem erst einmal verschwundenem Amtshilfeersuchen an Schweden, was wiederum auf mögliche politische Hintergründe und Manipulationen hinweist.
Aufgefallen war in dem Zusammenhang auch, dass die Behörden den Trend in den Medien sehr genau beobachteten, und anschliessend dann auch zu wirren Spekulationen Ermittlungen einleiteten. Mit Spannung erwarten wir nun auf die Lösung: "Scherz oder verkorkstes Politikum", denn die ganze "Neo Nazi" Geschichte kann hinten und vorne nicht stimmen. Und was war überhaupt mit den 60 Millionen Euro, welche die deutsche Regierung am Tage des Diebstahls für Auschwitz bereitstellte ?
Update: Freitag 8.1.2010
In schwedischen Medien sind derzeit erste Fotos des angeblichen Anstifters vom Auschwitz-Diebstahl, Anders Högström, im Umlauf. Er soll angeblich in Schweden sehr bekannt sein und sich seit Jahren demokratisch- politisch engagieren. Er war laut "Aftonbladet" offizieller Gast in unzähligen Talk- Shows und Großveranstaltungen. Die Polizei in Kleinpolen gab derweil offiziell bekannt, dass Högströms Hinweise weder zur Festnahme der Diebe, noch zur Wiedererlangung der historischen Aufschrift geführt haben. Dies deutet wieder nun einmal auf mögliche Trittbrettfahrerei des Schweden hin. Aber wer hat denn dann den Auftrag zum Diebstahl der Tafel erteilt ?
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aus: Die Welt - 15.01.2010
Rechte Szene im Aufwind
Schwedens Neonazis und der Auschwitz-Diebstahl
Ein prominenter Aussteiger aus der Neonazi-Szene steht angeblich hinter dem Diebstahl des Auschwitz-Schriftzuges. Der Schwede soll versucht haben, den Dieben einen Käufer zu vermitteln. Das Geld sollten seine Gesinnungsgenossen bekommen. Die sind politisch im Aufwind - und könnten sogar ins Parlament einziehen.
Von E. Jung und C. Bomsdorf
Als Anders Högström die Bühne der Globenarena im Stockholmer Süden betritt, blickt er in 9000 Gesichter. Unter den Gästen der Gala „Ganz Schweden - Künstler gegen Nazis“ befinden sich Persönlichkeiten wie Kronprinzessin Viktoria und der schwedische Ministerpräsident. Als Glanzpunkt des Abends jedoch gilt Högström selbst. Sie feiern ihn als Helden, weil er sich von der rechten Szene losgesagt hat und öffentlichkeitswirksam aus der Nationalsozialistischen Front ausgetreten ist.
Heute, neun Jahre, einen Ehrenpreis und zahlreiche Interviews später, ist die Situation eine andere. Högström wurde eingeholt von seiner rechten Vergangenheit. Der 34-Jährige wird verdächtigt, Drahtzieher des Diebstahls in der polnischen Gedenkstätte Auschwitz zu sein. Dort war in der Nacht zum 18. Dezember vergangenen Jahres der historische Schriftzug „Arbeit macht frei“ vom Eingangstor entwendet worden. Högström, da sind sich zumindest die Ermittler in Polen sicher, soll unter anderem versucht haben, den Dieben einen Käufer zu vermitteln. Mit dem Geld sollte die Neonazi-Szene unterstützt werden.
Das Paradoxe: Ein Großteil der Geschichte stammt von Högström selbst. Vor ein paar Tagen trat er an die schwedische Zeitung „Aftonbladet“ heran und präsentierte sich als der Mann, der durch seine Hinweise an die polnische Polizei die Entlarvung der Täter erst möglich gemacht hat. „Ich wollte den Coup vereiteln. Darauf bin ich stolz“, sagte er der Zeitung. Ist Högström also wieder der Held, so wie vor neun Jahren?
Viele bezweifeln das. Noch immer sind Verflechtungen Högströms mit der rechten Szene vorhanden. Medienberichten zufolge soll er nach wie vor eng mit Lars Göran Wahlström befreundet sein, eine bekannte Größe im nationalsozialistischen Milieu Schwedens. Auch seine Ausstiegsgeschichte verliert an Glaubwürdigkeit. „Es kann sein, dass er geblufft hat“, sagt etwa Kent Lindahl, Gründer der Organisation Exit, der Zeitung „Aftonbladet“.
Möglich also, wenn nicht gar wahrscheinlich, dass der mutmaßliche Hintermann des Ausschwitz-Diebstahls immer noch Teil des rechtsextremen Milieus ist, das sich in Schweden derzeit im Aufwind befindet. Zwar hat sich die Nationalsozialistische Front, an deren Spitze Högström einst stand, vor zwei Jahren aufgelöst. Die Nachfolgeorganisation Folkfronten konnte sich jedoch binnen kurzer Zeit und mit 1500 gesammelten Unterschriften zur politischen Partei wandeln.
Der parteipolitisch weitaus schlagkräftigere und besser organisierte Teil der rechten Szene in Schweden sind die Sverigedemokraterna (Die Schwedendemokraten, SD). Lange war der politische Einfluss der SD vor allem auf Südschweden beschränkt, doch bei der Reichstagswahl im Herbst haben sie realistische Chancen, ins nationale Parlament einzuziehen. Aktuelle Umfragen sehen die Partei bei etwa fünf Prozent der Wählerstimmen - genug, um in Schweden Abgeordnete zu stellen. Bei der Wahl im September 2006 war die Partei nur auf knapp drei Prozent gekommen und konnte deshalb nicht ins Parlament einziehen.
Zwar dürfte sich der politische Einfluss der SD auch dann in Grenzen halten, schließlich haben die etablierten Parteien bereits angekündigt, nicht mit ihr zusammenarbeiten zu wollen. Der Einzug der SD wäre aber für Schweden allemal ein Schock. Denn bis auf 1991, als es die Neuen Demokraten mit gut sechs Prozent der Stimmen in den Reichstag schafften und sich dort für eine Mandatsperiode halten konnten, hat in der jüngeren Vergangenheit noch nie eine rechtspopulistische Partei die Vier-Prozent-Hürde nehmen können.
Anders als in den anderen nordischen Ländern hatte es die organisierte Rechte in Schweden lange erheblich schwerer, in der Öffentlichkeit wahrgenommen und akzeptiert zu werden. Während die Rechtspopulisten in Dänemark und Norwegen seit Jahrzehnten eine mitunter starke Rolle in der Debatte spielen, waren sie in Schweden bisher ein Randphänomen. Nun befinden sie sich auch dort auf dem Vormarsch.
In den Medien sind die Rechtspopulisten bereits angekommen. Als sich etwa die Vorsitzende der Sozialdemokraten, Mona Sahlin, zum Fernsehduell mit SD-Chef Jimmie Åkesson bereiterklärte, war das für diesen ein Ritterschlag. Im vergangenen Jahr schrieb Åkesson einen Gastbeitrag für „Aftonbladet“, wofür das Blatt heftig kritisiert wurde. Und am Donnerstagabend dann darf der SD-Parteisekretär Björn Söder mit einem Vertreter der Grünen im Fernsehen streiten.
Immerhin: Die Partei wird als Gegner ernst genommen. Was bei Anders Högströms Geschichte über seine Hilfeleistung bei der Aufklärung des Auschwitz-Diebstahls schwer fällt. Die polnische Staatsanwaltschaft will einen europäischen Haftbefehl beantragen und den 34-Jährigen in Polen vor Gericht stellen.
quelle: Die Welt
Schwedischer Auschwitz-Dieb soll vor Gericht kommen
Der mutmaßliche schwedische Drahtzieher des Diebstahls in der Gedenkstätte Auschwitz, Anders Högström, soll in Polen vor Gericht gestellt werden. Zwei polnische Tatverdächtige hätten den Mann als den Auftraggeber erkannt, meldete die Polnische Presse-Agentur (PAP). Die Krakauer Staatsanwaltschaft habe eine 14-tägige Haft für den Schweden beantragt.
Der mutmaßliche schwedische Drahtzieher des Diebstahls in der Gedenkstätte Auschwitz, Anders Högström, soll in Polen vor Gericht gestellt werden. Zwei polnische Tatverdächtige hätten den Mann als den Auftraggeber erkannt, meldete die Polnische Presse-Agentur (PAP). Die Krakauer Staatsanwaltschaft habe eine 14-tägige Haft für den Schweden beantragt. Der historische Schriftzug "Arbeit macht frei" war vom Eingangstor der Gedenkstätte in der Nacht zum 18. Dezember entwendet worden. Der 34-jährige Högström soll laut Medienberichten bis 1999 die Nationalsozialistische Front (NSF) geleitet haben. dpa
quelle: Die Welt
aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung - 16.01.2010
Kriegsverbrecher
Anklagen gegen zwei mutmaßliche NS-Täter?
Von Friedrich Schmidt
16. Januar 2010 John Demjanjuk ist der erste, aber womöglich nicht mehr lange der einzige frühere „Hilfswillige“ der SS aus der Ukraine, Russland, dem Baltikum, Ungarn oder Rumänien, dem in Deutschland, mehr als sechseinhalb Jahrzehnte nach dem Holocaust, der Prozess gemacht wird. Wie der Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, Kurt Schrimm, der F.A.Z. am Freitag sagte, hat seine Behörde, die die Anklage gegen Demjanjuk - Beihilfe zum vieltausendfachen Mord im Vernichtungslager Sobibor 1943 - vorbereitete, nun die Vorermittlungen gegen zwei weitere mutmaßliche NS-Verbrecher abgeschlossen: gegen den 89 Jahre alten, nahe Bonn in Nordrhein-Westfalen lebenden Samuel K. und den 1921 in Polen geborenen, in Troy im amerikanischen Bundesstaat Michigan lebenden Iwan Kalymon.
Die Akten im Fall K., der in Sichelberg an der Wolga als Volksdeutscher geboren wurde, hat die Zentrale Stelle nach Angaben Schrimms an die Staatsanwaltschaft Dortmund abgegeben, die in Nordrhein-Westfalen für die Verfolgung mutmaßlicher NS-Verbrecher zuständig ist und nun entscheiden muss, ob sie gegen K. Anklage erhebt. Vor dem Münchner Verfahren gegen Demjanjuk war K. im Juni 2009 vernommen worden; im März soll er dort als Zeuge aussagen. Wie Demjanjuk geriet K. als Soldat der Roten Armee in deutsche Kriegsgefangenschaft und rettete sich, wie Demjanjuk, aus den mörderischen Bedingungen im Lager Chelm in deutsche Dienste. Wie Demjanjuk wurde K. im SS-Lager Trawniki ausgebildet.
Er war nach eigenen Angaben im Vernichtungslager Belzec eingesetzt, neben Sobibor und Treblinka einem der drei Vernichtungslager der „Aktion Reinhardt“, bei der etwa zwei Millionen Juden ermordet wurden. Ihm macht die Zentrale Stelle, so Schrimm, „praktisch den gleichen Vorwurf wie Demjanjuk“: Beihilfe zum vieltausendfachen Mord an Juden in einem Vernichtungslager. Im Fall K. hätten die Ermittler indes, anders als bei Demjanjuk, keinen „Glücksgriff“ in Form von Transportlisten mit den Namen von Opfern getan; deshalb erstrecke sich der Tatvorwurf auf eine unbestimmte Anzahl von Opfern. Insgesamt wurden in Belzec mehr als 400.000 Menschen ermordet. K. bewachte später jüdische Arbeitskommandos in Warschau, war bei Kriegsende in der Tschechoslowakei und ließ sich später im Rheinland nieder. Er hat die deutsche Staatsangehörigkeit.
Anders ist es im Fall Iwan Kalymons. Aus München - an die dortige Staatsanwaltschaft gibt die Zentrale Stelle die Akten in seinem Fall ab, weil dort sein letzter gesicherter Aufenthaltsort in Deutschland war - emigrierte er in die Vereinigten Staaten. Sein Einspruch gegen die vom Office of Special Investigations (OSI), einer Sonderbehörde des Justizministeriums, betriebene Aberkennung der amerikanischen Staatsangehörigkeit scheiterte im Herbst 2008. Kalymon, der der ukrainischen Minderheit in Polen angehörte, ging im Alter von 18 Jahren nach Wien, wo er auf einem Bauernhof half. Danach arbeitete er zwei Jahre in Hannover. Später tauchte er in Lemberg auf, wo er den Deutschen nach Überzeugung der Ermittler als Hilfspolizist diente.
Kalymon werfen die Ludwigsburger vor, eigenhändig mindestens einen Mord begangen zu haben: Im August 1942 soll er seinen Vorgesetzten in einer Notiz von einem Einsatz unterrichtet haben, bei dem er „dienstlich während der ,Judenaktion' am 14.8.1942 um 19 Uhr die Waffe eingesetzt und vier Stück Munition verwendet“ habe, „wobei ich eine Person verletzt und eine getötet habe“. Ende Januar soll ein Mitarbeiter der Zentralen Stelle nach Lemberg reisen und die Unterschrift unter dieser Notiz mit der Unterschrift unter dort aufbewahrte Dokumente vergleichen. Das soll zeigen, dass es sich um denselben Kalymon handelt. „Das Ergebnis dieses Handschriftenvergleichs werden wir nachreichen“, so Schrimm, der aber von der Identität überzeugt ist.
Auslieferung nur bei „Interesse an Strafverfolgung“
Nach Angaben des OSI hat die Behörde bisher 107 mutmaßliche NS-Verbrecher vor Immigrationsgerichte gebracht, um ihnen ihre Staatsangehörigkeit abzuerkennen. Die Gerichte ordnen in diesen Fällen die Abschiebung an - in das Land der Geburt oder in das Land, in dem sie sich vor der Ausreise in die Vereinigten Staaten aufgehalten hatten. In vielen Fällen ist das Deutschland. Nach Auskunft des Auswärtigen Amts stimmt Berlin einer Aufnahme mutmaßlicher NS-Verbrecher aber nur zu, wenn diese die deutsche Staatsangehörigkeit haben oder hatten oder ein „Interesse an einer Strafverfolgung“ besteht. Das bedeutet: Eine Staatsanwaltschaft muss so gründlich ermittelt haben, dass eine Verurteilung durch ein deutsches Gericht zu vermuten ist. Mehrfach gab es in der Vergangenheit von amerikanischer Seite Bitten an Berlin, staatenlose, mutmaßliche NS-Verbrecher aufzunehmen; doch erst im Fall Demjanjuk gab Deutschland dem Begehren statt.
Kurt Schrimm hebt hervor, dass es für die Einleitung von Vorermittlungen nicht darauf ankomme, dass die Männer einst - wie laut Anklage Demjanjuk - in Trawniki ausgebildet wurden, „sondern darauf, wo diese Leute später waren“. Denn nur in den Vernichtungslagern waren, so die Ludwigsburger Ermittler, alle Männer in deutschen Diensten an den Morden zumindest beteiligt. Unter dieser Prämisse könnte der Prozess gegen Demjanjuk nicht der letzte NS-Prozess in Deutschland sein.
Text: F.A.Z.
quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
aus: Der Spiegel - 16.01.2010
NS-Verbrechen
Justiz ermittelt gegen Ex-Bundesbeamten wegen Holocaust-Verdacht
In Deutschland könnte sich ein spektakulärer Holocaust-Prozess anbahnen. Samuel K. soll im Vernichtungslager Belzec an der Ermordung von rund 430.000 Juden mitgewirkt haben. Später arbeitete er in einem Bundesministerium - nach SPIEGEL-Informationen prüft die Staatsanwaltschaft eine Anklage.
Hamburg - Er soll "einer der größten Mörder" im Vernichtungslager Belzec gewesen sein: Samuel K., jahrelang Mitarbeiter in einem Bundesministerium, heute 88 Jahre alt. Nach SPIEGEL-Informationen hat die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg ihre Vorermittlungen gegen Samuel K. abgeschlossen und einen 80 Seiten starken Bericht erstellt. Sie gibt dieser Tage das Verfahren an die Staatsanwaltschaft Dortmund ab, die bald Anklage erheben könnte.
Parallel zum Münchner Gerichtsverfahren gegen den mutmaßlichen SS-Gehilfen John Demjanjuk bahnt sich damit ein weiterer spektakulärer Holocaust-Prozess in Deutschland an.
K. soll zwischen Ende November 1941 und Frühjahr 1943 als Aufseher im Vernichtungslager Belzec an der Ermordung von mindestens 430.000 Juden mitgewirkt haben. Als Zugwachmann mit der Erkennungsnummer 213 durfte der Volksdeutsche wohl eine Pistole tragen und Untergebene befehligen.
Erst zum Demjanjuk-Prozess tauchte K.s Name wieder auf
Ein ehemaliger, mittlerweile verstorbener Kamerad hat ausgesagt, dass K. außerdem selbst Juden erschossen hat, einmal Angehörige eines Arbeitskommandos und einmal Häftlinge nach einem Fluchtversuch. Ein Überlebender von Belzec nannte ihn laut Ermittlungsbericht "einen der größten Mörder" im Lager.
K. lebt als Ruhestandsbeamter in der Nähe von Bonn, zuvor arbeitete er als Amtsgehilfe im dortigen Bundesministerium für Raumordnung und Städtebau. Geboren wurde er 1921 in der damaligen Sowjetunion, in deutsche Dienste trat er als gefangener Sowjetsoldat im Sommer 1941. Drei Jahre später erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft.
Obwohl K. in der Vergangenheit mehrfach als Zeuge in anderen Verfahren aussagte, geriet er selbst nie ins Visier der Justiz. Erst zum Demjanjuk-Prozess tauchte sein Name wieder auf, im vergangenen Sommer vernahmen ihn Beamte des Bayerischen Landeskriminalamtes. In der Folge trug eine Ludwigsburger Ermittlerin belastendes Material zusammen, vor allem Dokumente, die das US-Justizministerium in osteuropäischen Archiven gesammelt hatte.
wal
quelle: Der Spiegel
aus: Stuttgarter Nachrichten - 12.01.2010
Miep Gies
Anne Franks Helferin ist tot
Amsterdam - Die Retterin des weltberühmten Tagebuchs der Anne Frank ist tot. Die in Österreich geborene Wahl-Holländerin Miep Gies starb am Montagabend - einen Monat vor ihrem 101. Geburtstag - in einem niederländischen Pflegeheim, wie ihr Sohn Paul Gies mitteilte. Sie war die letzte noch lebende Helferin der jüdischen Familie Frank, die sich im Zweiten Weltkrieg in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckt hatte, bis sie verraten und von den Nazis in ein Konzentrationslager deportiert wurde.
Unter ständiger Lebensgefahr hatte Gies die Franks und weitere versteckte Juden versorgt. Die am 15. Februar 1909 als Hermine Santrouschitz in Wien geborene Helferin bewahrte das Tagebuch, das Anne von 1942 bis 1944 als junges Mädchen im Hinterhaus der Prinsengracht 263 geschrieben hatte, vor dem Zugriff der Gestapo. Nur Stunden nach der Verhaftung der Franks ging Gies am 4. August 1944 noch einmal in das Versteck und nahm die Aufzeichnungen an sich.
Anne Frank starb Anfang März 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus - kurz vor ihrem 16. Geburtstag und nur wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Nach dem Krieg übergab Miep Gies das Tagebuch an Anne Franks Vater Otto, der als einziges Familienmitglied überlebt hatte. Er sorgte Jahre später für die Veröffentlichung der Aufzeichnungen seiner Tochter, die seitdem immer wieder Menschen in aller Welt tief bewegen.
Über die Helferin hatte Anne Frank am 11. Juli 1943 in ihr Tagebuch geschrieben: "Miep schleppt sich ab wie ein Packesel. Fast jeden Tag treibt sie irgendwo Gemüse auf und bringt es in großen Einkaufstaschen auf dem Fahrrad mit. Sie ist es auch, die jeden Samstag fünf Bücher aus der Bibliothek bringt. Sehnsüchtig warten wir immer auf den Samstag, weil dann die Bücher kommen, wie kleine Kinder auf ein Geschenk."
Gies wurde vielfach geehrt - unter anderem durch den Staat Israel, mit dem niederländischen Ritterorden von Oranien-Nassau sowie mit dem Bundesverdienstkreuz I. Klasse. Im Oktober vergangenen Jahres benannte die Internationale Astronomische Union einen Asteroiden nach Miep Gies.
Die 100-Jährige lebte seit einiger Zeit zurückgezogen in ihrem Haus in der niederländischen Provinz Friesland. Zu ihrem letzten Geburtstag hatte sie Grüße und Glückwünsche aus allen Teilen der Welt bekommen. Bis ins hohe Alter berichtete sie immer wieder auch bei öffentlichen Auftritten über ihre Erlebnisse mit Anne Frank und die Verfolgung der Juden in den Niederlanden durch die deutschen Besatzer.
dpa
quelle: Stuttgarter Nachrichten
aus: Die Welt - 09.01.2010
Zentrum für Vertreibung
Die Deutschen haben sich vom Osten abgewandt
Es steckt eine eigentümliche Kälte in der Haltung der Gesellschaft zur Vertreibung. Warum ist der Schmerz, den viele Deutsche empfinden, der Mehrheit offensichtlich lästig? Warum ahnt sie nichts von seiner nagenden Kraft? Sicher hat es mit der Ostabwendung zu tun, die die Geschichte der Bundesrepublik begleitete.
Von Thomas Schmid
In dieser Umgebung wäre das Zentrum gegen Vertreibungen, für das Erika Steinbach seit mehr als zehn Jahren kämpft, gut aufgehoben. Es soll - nomen est omen? - in das Deutschlandhaus in Berlin einziehen. Geeignet ist die Gegend, weil sie von Geschichte imprägniert ist - und heute etwas Entlegenes, leicht Zerzaustes hat.
Schräg gegenüber steht die Ruine des Anhalter Bahnhofs, dessen prachtvoller, technisch anspruchsvoller Neubau 1880 in Anwesenheit von Kaiser und Kanzler eingeweiht wurde, im Volksmund hieß er „Tor zum Süden“. Er lag einmal mitten im urbanen Getriebe der Hauptstadt, die Leuchtreklame, die seit 1931 auf dem Dach des Deutschlandhauses für Odol warb, war eine regelrechte Touristenattraktion.
Doch es war derselbe Anhalter Bahnhof, von dem aus ab 1942 insgesamt fast 10.000 Juden in sogenannten Alterstransporten in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte der schwer beschädigte Bahnhof 1952 seinen nur noch spärlichen Betrieb ein, sieben Jahre später wurde er gesprengt, nur Bürgerprotesten ist zu verdanken, dass wenigstens die Frontwand des Sackbahnhofs stehen blieb. Die Gegend, die heute einen unschlüssigen Charakter hat, aber längst nicht mehr so räudig wirkt wie einst viele mauernahe Zonen Berlins, steht für gute und schlechte Seiten deutscher Geschichte.
Hier also soll das Zentrum gegen Vertreibungen hin - sofern es denn wirklich kommt. Es sieht nämlich so aus, als würde sich das Projekt nie aus dem giftigen Nebel der Querelen und Verdächtigungen befreien können, der es von Beginn an umgibt. Längst ist aus ihm eine Prestigefrage geworden, die sich verselbstständigt hat.
Wer an das Zentrum denkt, denkt nicht zuerst an die Vertreibungen, eine der großen Kollektiverfahrungen der Deutschen und vieler anderer Völker im 20. Jahrhundert. Sondern man denkt an Erika Steinbach, diese hartnäckige, strategisch kühl planende Frau, der es gelungen ist, ihr Vorhaben gegen größte Widerstände auf den Weg zu bringen, ja durchzusetzen - und die doch zugleich selbst das größte Hindernis auf dem Weg zu dessen Verwirklichung zu sein scheint: überlebensgroß, Erika Steinbach.
Man hätte das Zentrum schnell und gut und übrigens auch im Einvernehmen mit unseren östlichen Nachbarn verwirklichen können. Doch dem Vorhaben wohnte von Anfang an die Logik der Eskalation inne, und zwar nicht wegen Frau Steinbach. Sondern weil im Grunde - von den Betreibern abgesehen - niemand es wollte. Allen erschien es überflüssig, störend. Es bog die Aufmerksamkeit zurück auf etwas zwar Schlimmes, um das man aber nicht allzu viel Aufhebens machen wollte.
Das Thema war ja kontaminiert, wer es aufbrachte, geriet ziemlich schnell in den Verdacht des Revisionismus, des Abwägens zwischen Holocaust und Vertreibung. Es war ein schmutziger, sperriger, verdorbener Gegenstand.
Und es nützte auch nichts, dass der SPD-Politiker und -intellektuelle Peter Glotz - ganz und gar kein nationalistischer Deutscher, aber ein aus Eger (heute Cheb und in der tschechischen Republik gelegen) Vertriebener - von Anfang an dabei war. Hätte man nicht nachdenklich werden können, dass ein so erznüchterner Mensch wie Peter Glotz, der sich jede Sentimentalität strikt verbot, in späten Jahren dem schwierigen Problem der verlorenen Heimat vorsichtig auf der Spur war?
Der sich strikt weigerte, die Vertreibungserfahrung zu politischen Nachhutgefechten zu nutzen. Und der im Vorwort zu seinem Buch „Vertreibung“ doch schrieb: „Das Thema verlangt eine neue - offenere - Sprache. Wir müssen unsere Verletzungen zeigen, damit die andere Seite die ihren zeigt. Nur so ist Verständigung möglich. In vielen Kreisen - gerade in den gutwilligen - hat sich die Meinung durchgesetzt, Takt bedeute, dass man sich auf ein politisch korrektes Gesäusel beschränke, ein allgemeines, niemand schmerzendes Versöhnungsgerede.“
Als ziemlich spät in der Geschichte der Bundesrepublik die Einsicht wuchs, dass die Deutschen planvoll und ohne jede Rücksicht den Genozid am jüdischen Volk betrieben hatten, machte sich allmählich ein ernst empfundenes Entsetzen breit. Und es sieht so aus, als sei dieser ungeheure Zivilisationsbruch inzwischen tief im Bewusstsein der Mehrheit angekommen. Es ist wirklich Empathie im Spiel.
Die Zahl derer, die sich bis ans Ende ihrer Tage für dieses deutsche Menschheitsverbrechen auch dann schämen, wenn sie Nachgeborene sind, ist beträchtlich. Umso mehr verwundert es, dass der Transfer dieses Empathievermögens auf eine dramatische Erfahrung des eigenen Volkes, die Vertreibung, kaum möglich zu sein scheint. Hier ist es eher so, dass das Sache der Betroffenen (für die es heute die seltsame Bezeichnung „Erlebnisgeneration“ gibt) und ihrer Familien bleibt. Wie kam das?
Sicher hat es mit der Ostabwendung zu tun, welche die Bewusstseinsgeschichte der Bundesrepublik begleitete. 1945 endete die so glanzvolle wie auch problematische Geschichte der deutschen Ostsiedlung. Ein Traditionsstrang brach gewaltsam ab, eine fühlbare Realität wurde Geschichte, Erinnerung, wurde etwas, das fortan weit weg war.
Im Westen hat man das wohl leichter verkraftet, als das den Vertriebenen selbst möglich war. So gerne wir heute die Geschichten der gelungenen Integration hören und - siehe vor allem Bayern - uns vergegenwärtigen, dass es oft die fremden Deutschen waren, die dem Wiederaufbau den ganz besonderen Schwung gaben: Es bleibt die Tatsache, dass die Vertriebenen, die lange Jahre als solche für jedermann zu erkennen, zu erfühlen waren, mit ihrer bloßen Existenz einen Verlust, ein Scheitern, eine Amputation verkörperten. Viele wollten da nicht so genau hinschauen, die Leute sollten doch bitte schnell ankommen und ihren alten Leidenskram wegschließen und untereinander pflegen.
An die Vertreibung der Deutschen zu erinnern und Schmerz darüber zu empfinden gilt vielen Deutschen als rückwärtsgewandt. Wer reif ist und die Lektionen der Geschichte gelernt hat, der kann und soll sich - so ein nicht eben schmaler Konsens - vom eigensinnigen Beharren auf altem Leid befreien.
Es steckt eine eigentümliche Kälte in dieser Haltung. Und eine Ahnungslosigkeit gegenüber der nagenden Kraft des Verlustschmerzes. Vielleicht war es angesichts dieser Härte nur einer Frau wie Erika Steinbach, die auch Härte kennt, möglich, das Zentrum gegen Vertreibungen bis an die Schwelle der Verwirklichung zu treiben.
quelle: Die Welt
aus: New York Times 13.01.2010
Poland: Mastermind of Auschwitz Theft Identified
By THE ASSOCIATED PRESS
Published: January 13, 2010
Polish prosecutors say they have identified the mastermind of last month’s theft of the sign over the gate at Auschwitz and will seek his arrest and extradition. The sign, which was found Dec. 20 cut in three pieces, says "Arbeit Macht Frei,” or "Work Sets You Free.” Artur Wrona, the Krakow prosecutor, said Wednesday that Swedish prosecutors had identified the suspect as Anders H., a Swede; Polish prosecutors withheld his last name. Five Poles are under arrest in the theft.
quelle: New York Times
Polska medier: Högström kan få tio års fängelse
WARSZAWA/STOCHOLM. De fem polacker som misstänks för stölden av Auschwitzskylten riskerar tio års fängelse.
Svensken Anders Högström misstänks för anstiftan till brott.
Sent i går eftermiddag hade det fortfarande inte kommit någon europeisk arresteringsorder till Riksåklagaren. Enligt polska medier misstänks den avhoppade nazistledaren Anders Högström, 34, för anstiftan till brott. Men han har fortfarande inte delgivits misstanke.
”Avslöjade det hela”
I Polen beskrivs han som huvudmannen bakom stölden av ”Arbeit macht frei”-skylten som stals vid entrén till koncentrationslägret Auschwitz. Men till Aftonbladet har han gett en annan version.
- Jag är stolt över att jag har avslöjat det här och stoppat det hela, sa han i Aftonbladet i går.
Han har sagt att han skulle förmedla kontakt med en köpare som var beredd att betala flera miljoner för skylten.
Flera tipssamtal
Den polska polisen bekräftar att de fick flera tipssamtal strax innan tjuvarna kunde gripas.
Men belöningen på motsvarande omkring 280 000 svenska kronor kommer att betalas ut till två polacker.
Jurister i Polen tror att Anders Högström tog kontakt med polisen för att få ett så lindrigt straff som möjligt, skriver nyhetsbyrån PAP.
De fem polacker som greps efter stölden riskerar nu uppemot tio års fängelse.
- De är misstänkta för stöld av viktigt kulturellt föremål som har stor betydelse för landet, säger polisinspektör Marek Wozniaczka på polisen i Krakow.
Vill ha svensk hjälp
Det är oklart vilket straff Anders Högström kan få om han delges misstanke och döms för inblandning i kuppen, men det kan röra sig om lika mycket, enligt polska medier.
Polisen i Polen vill också ha hjälp av den svenska polisen att förhöra Högströms gode man Lars Göran Wahlström. Det var i hans hus som Anders Högström träffade den polske ledaren för kuppen, rapporterar radiokanalen RMF FM.
Enligt Karin Rosander, informationsdirektör på åklagarmyndigheten, behandlas nu Polens begäran om rättshjälp.
Zbigniew Kuczynski Kristina Edblom
quelle: Aftonbladet
aus: Süddeutsche Zeitung - 08.01.2010
Neonazi half bei Diebstahl
Stockholm - Ein ehemaliger Rechtsextremisten-Führer aus Schweden hat laut Medienberichten behauptet, als Verbindungsmann beim Diebstahl des Schriftzugs "Arbeit macht frei" vom Tor des ehemaligen KZ Auschwitz vorgesehen gewesen zu sein. "Ich sollte den Schriftzug aus Polen herausholen. Ich sollte der Verbindungsmann sein und ihn verkaufen", zitierte das schwedische Boulevardblatt Expressen am Donnerstag einen Mann, der als "Ex-Naziführer" bezeichnet wurde. Laut polnischen Zeitungen handelt es sich um den 33-jährigen Anders Högström, der von 1994 bis 1999 Chef der Nationalsozialistischen Front war. Er kehrte der Partei der schwedischen Zeitung zufolge mithilfe der Aussteigerorganisation Exit den Rücken. Laut Expressen sollten mit dem Verkauf des Schriftzugs Millionen schwedische Kronen erlöst werden, um Anschläge gegen die schwedische Regierung und das Parlament zu finanzieren. Das Blatt zitierte Högström jedoch mit den Worten, damit habe er nichts zu tun. Er habe vielmehr sofort die Polizei informiert, nachdem der Schriftzug gestohlen worden war. AFP
quelle: Süddeutsche Zeitung
aus: Voice of America - 06.01.2010
Europe
Poland Eyes Swedish Suspects in Auschwitz Sign Theft
Polish prosecutors say they want to question three people in Sweden about last month's theft of the Nazi sign at the former Auschwitz death camp.
Prosecutor Artur Wrona said Wednesday that two of the individuals are considered suspects in the crime. One of the men is suspected of masterminding the theft, while the other is believed to have provided the thieves with a getaway car.
The prosecutor said Polish authorities have asked Sweden to confirm the suspects' identities. He said there is enough evidence to charge one of them, and possibly both.
He said media speculation that the suspects are neo-Nazis has not been confirmed.
Polish police arrested five Polish men just days after the sign was stolen from what is now the Auschwitz museum. They also recovered the sign, which had been cut into three pieces.
Sweden said Tuesday that it had received a request from Poland to investigate the theft of the sign, which reads in German, "Arbeit macht frei" - meaning "work will set you free." More than one million people, most of them Jews, died at Auschwitz.
Police say the five Polish suspects in custody range in age from 20 to 39 and have criminal records. Charged with theft and damage, they face up to 10 years in prison if convicted.
Some information for this report was provided by AFP, AP and Reuters.
quelle: Voice of America
aus: Die Welt - 03.01.2010
Auschwitz-Diebstahl
Angeblich wollte Brite den Schriftzug kaufen
Hinter dem Diebstahl des Schriftzuges "Arbeit macht frei" vom Eingangstor der KZ-Gedenkstätte Auschwitz steckt angeblich ein britischer Nazi-Sympathisant. Laut Medienberichten wurde das Schild gestohlen, um es an einen wohlhabenden Sammler von Nazi-Erinnerungen in Großbritannien zu verkaufen.
Das berichtet die britische Boulevard-Zeitung "Sunday Mirror“. Der Schriftzug sollte demnach über eine Gruppe schwedischer Rechtsextremisten weiter an den Sammler gehen.
Das Boulevardblatt beruft sich auf eine nicht näher genannte Quelle in Schweden, wonach der Brite seine Kontakte in die Neonazi-Szene spielen ließ und kundtat, viel Geld für das Schild zahlen zu wollen.
Demnach sollte das Schild in einem Keller in Stockholm versteckt und dort von dem Briten abgeholt werden. Mit dem Geld des Sammlers hätten Neonazis Anschläge in Schweden finanzieren wollen.
Bereits am Mittwoch hatten Medien berichtet, dass der schwedische Geheimdienst nach Hintermännern des Diebstahls sucht. Ein Sprecher des polizeilichen Geheimdienstes bestätigte allerdings nur, dass Berichten über angebliche Pläne für Anschläge schwedischer Neonazis nachgegangen werde.
Die historische Aufschrift zur Verhöhnung der Gefangenen war in der Nacht zum 18. Dezember entwendet worden. Fünf mutmaßliche Diebe wurden drei Tage später festgenommen. Der beschädigte Schriftzug wurde in einem Wald gefunden.
quelle: Die Welt
aus: Die Welt - 21.12.2009
"Arbeit macht frei"-Schild
Diebe der Auschwitz-Inschrift sind keine Neo-Nazis
Die Diebe, die den historischen Schriftzug "Arbeit macht frei" vom Eingangstor der KZ-Gedenkstätte in Auschwitz entwendet haben, sind nach Einschätzung der polnischen Polizei keine Neonazis. Stattdessen seien sie wegen Raubüberfällen vorbestraft. Die Inschrift wurde von ihnen zersägt - und zwar "Wort für Wort".
Der Auschwitz-Schriftzug „Arbeit macht frei“ wurde nach Angaben der polnischen Polizei nicht von Neo-Nazis gestohlen. Die fünf Verdächtigen hätten das eiserne Schild zweifelsfrei aus kriminellen Motiven gestohlen, erklärte der Krakauer Polizeichef Andrzej Rokita. Es sei noch unklar, ob die Männer zu der Tat angestiftet worden seien. „Wir können sagen, dass keiner der fünf einer Neo-Nazi-Gruppe angehört.“
Die fünf Männer im Alter zwischen 20 und 39 Jahren waren am Sonntagabend in Gdynia (Gdingen) sowie bei Wloclawek festgenommen worden. Sie hätten keinen Widerstand geleistet, sagte Rokita weiter. Der Schriftzug wurde in einem Versteck im Wald im Norden des Landes gefunden. Nach Angaben der Polizei ist die stählerne Aufschrift kurz nach dem Diebstahl zersägt worden, „Wort für Wort“.
Die Nachbildung des Schriftzuges, der gegenwärtig über dem Eingang platziert sei, werde dort noch belassen, bis das Original wieder zusammengesetzt und die neuen Sicherheitsmaßnahmen um die Gedenkstätte ausgearbeitet seien. Das Gelände ist mit Überwachungskameras ausgestattet. Die Nachtaufnahmen des Diebstahls sind polnischen Medienberichten zufolge für eine Auswertung allerdings unbrauchbar. Auch das Eingangstor werde von Kameras gefilmt, aber die Bilder seien nur live im Internet zu sehen und würden nicht aufgezeichnet.
Die Täter hatten am Freitagmorgen den historischen Schriftzug abmontiert und unbemerkt vom Gelände des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Auschwitz entwendet. Die Aufschrift „Arbeit macht frei“, die über den Einfahrten zahlreicher Konzentrationslager angebracht wurde, gilt als zynisches Symbol für die Gräueltaten der Nazis, die Millionen von Menschen ermordeten.
Der zynische Satz war am Freitagmorgen vom Eingangstor des ehemaligen Konzentrationslagers entwendet worden, in dem etwa 1,5 Millionen Menschen von deutschen Nationalsozialisten ermordet wurden, die meisten von ihnen Juden. Der Diebstahl löste in Deutschland, Polen und Israel sowie in jüdischen Gemeinden weltweit Empörung aus.
quelle: Die Welt
aus: Der Tagesspiegel - 21.12.2009
Polen
Gestohlener Auschwitz-Schriftzug wiedergefunden
Drei Tage nach dem Diebstahl ist der eiserne Schriftzug "Arbeit macht frei" der KZ-Gedenkstätte Auschwitz wieder da. Die polnische Polizei nahm fünf Verdächtige fest.
Weithin Erleichterung: Die Polizei konnte den gestohlenen Schriftzug "Arbeit macht frei" vom Eingangstor des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz sicherstellen. Das Schild sei am Sonntagabend in einer Stadt in Nordpolen entdeckt worden, sagte eine Polizeisprecherin. Wie die polnische Presseagentur PAP berichtet, haben die Diebe den Schriftzug in drei Teile zerlegt.
Wie die Polizei weiter mitteilte, nahmen Beamte fünf Verdächtige fest. Die Männer sind zwischen 20 und 39 Jahre alt. "Wir können sagen, dass keiner der fünf einer Neo-Nazi-Gruppe angehört", sagte der Polizeichef von Krakau. Die Verdächtigen hätten das eiserne Schild stattdessen zweifelsfrei aus kriminellen Motiven gestohlen. Es sei jedoch noch unklar, ob die Männer zu der Tat angestiftet worden seien.
Die Täter hatten den historischen Schriftzug am Freitagmorgen abmontiert und unbemerkt vom Gelände der KZ-Gedenkstätte weggebracht. Das Auschwitz-Museum, die Polizei und anonyme Spender setzten eine Belohnung von rund 27.500 Euro für Hinweise zur Wiederbeschaffung des Schriftzuges aus. Mehrere Dutzend Beamte der Krakauer Polizei waren an der Fahndung beteiligt.
Der Diebstahl hatte weltweit für Empörung gesorgt. Der Präsident der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem in Israel, Avner Schalev, sprach von einem Anschlag auf die Erinnerung an die Judenvernichtung. Der Präsident des Auschwitz-Komitees, Noach Flug, bezeichnete den Diebstahl als ein sehr schlechtes Zeichen. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu rief Polens Behörden auf, die Täter zu fassen. Der polnische Regierungschef Donald Tusk versprach, den Fall mit "absoluter Priorität" zu behandeln.
Der Sprecher des Auschwitz-Museums, Pawel Sawicki, sagte, der Schriftzug solle wieder über dem Eingangstor aufgehängt werden. Vorher seien aber noch Restaurationsarbeiten erforderlich. Auch müssten die Sicherheitsvorkehrungen verbessert werden. Sawicki ließ offen, ob das Originalschild noch vor dem 65. Jahrestag der Befreiung des KZs durch die sowjetischen Soldaten am 27. Januar 1945 angebracht werden kann. Jetzt hängt über dem Tor eine Kopie.
In Auschwitz kamen etwa 1,5 Millionen Menschen zu Tode, die meisten von ihnen Juden. Die Gefangenen betraten das KZ gewöhnlich durch ein Tor, über dem - wie in vielen anderen Konzentrationslagern - der Spruch "Arbeit macht frei" hing. Die Formulierung wurde zum Symbol für die zynischen Täuschungsmanöver, mit denen die Nationalsozialisten ihre Opfer vor der Ermordung in falscher Sicherheit wiegten. Viele Gefangene wähnten sich zunächst in einem Arbeits- und nicht in einem Vernichtungslager.
quelle: Der Tagesspiegel
aus: Der Spiegel - 18.12.2009
"Arbeit macht frei"-Klau in Auschwitz
"Das ist eine Kriegserklärung"
Der Diebstahl des "Arbeit macht frei"-Schriftzugs in Auschwitz löst international Empörung aus. Die Bundesregierung verurteilt die Tat, israelische Politiker vermuten einen antisemitischen Hintergrund - die Diebe gingen gezielt vor und hatten offenbar leichtes Spiel.
Warschau - Die Diebe kamen in den frühen Morgenstunden - und sie waren sehr gut vorbereitet: Bei eisigen Temperaturen montierten sie den metallenen Schriftzug "Arbeit macht frei" vom Eingangstor des früheren Konzentrationslagers Auschwitz, schafften die Konstruktion durch eine Lücke im Zaun nach draußen und fuhren in einem Transporter davon.
Seitdem fehlt von ihnen jede Spur.
Die schwache Beleuchtung an der Gedenkstätte, die zum Teil noch aus den vierziger Jahren stammen soll, hat den Diebstahl wahrscheinlich erleichtert. Eine Sicherheitskamera sendete zwar Bilder, diese wurden jedoch nicht aufgezeichnet, berichtete der polnische Fernsehsender TVP.
Die Polizei geht von zwei bis drei Tätern aus, da der Coup von einem Einzelnen nicht habe ausgeführt werden können. Über die Hintergründe des Diebstahls und eine mögliche antisemitische Motivation ist bislang nichts bekannt.
"Das ist kein Diebstahl, das ist eine Entweihung dieses Ortes", sagte Museumssprecher Pawel Sawicki. Das Schild wurde durch einen Nachbau ersetzt.
Vor allem in Israel hat der Raub für große Empörung gesorgt. Es handele sich um eine "scheußliche Tat", die auf eine "Entweihung" hinauslaufe, sagte Vizeregierungschef Silvan Schalom. Dadurch werde "der Hass und die Gewalt gegen Juden deutlich".
"Ein großer Schmerz"
Noch drastischere Worte fand Avner Shalev, Präsident der Gedenkstätte Jad Vaschem in Jerusalem: "Dieser Akt bedeutet eine echte Kriegserklärung. Wir kennen die Identität der Diebe nicht, aber ich gehe davon aus, dass es sich um Neonazis handelt", sagte Shalev.
Die Außenminister von Deutschland und Polen verurteilten den Diebstahl. Der polnische Ressortchef Radoslaw Sikorski sagte nach einem Treffen am Freitag in Berlin: "Es ist etwas Kriminelles, was passiert ist. Wir hoffen sehr, dass die Täter unverzüglich festgenommen werden."
Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) fügte hinzu: "Das ist eine schändliche Tat, die verfolgt werden muss."
Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, bezeichnete die Tat als "geschmacklos und schockierend". Der Diebstahl sei für alle Überlebenden und Nachkommen von Überlebenden des Holocausts "ein großer Schmerz". Er gehe davon aus, dass die zuständigen Behörden in Polen die Täter schnell fassten und dafür sorgten, "dass so etwas in Zukunft nicht mehr passiert".
Getarnter Akt des Protestes
Die polnische Polizei hat an den Straßen von Auschwitz Beamte postiert, um große Autos und Lieferwagen zu kontrollieren. Die Bänder der Überwachungskameras der Gedenkstätte werden ausgewertet. Für Hinweise, die zur Festnahme der Täter führen können, wurde eine Belohnung von 5000 Zloty (rund 1200 Euro) ausgesetzt.
Der Schriftzug "Arbeit macht frei" war etwa ein halbes Jahr nach der Gründung des Lagers im Juni 1940 auf deutschen Befehl von polnischen Häftlingen angefertigt worden. Unter der Leitung des Häftlings Jan Liwacz haben die Gefangenen als getarnten Akt des Protestes den Buchstaben "B" auf den Kopf gestellt.
Der Schriftzug gilt heute als zynisches Symbol für das Leid von Millionen Menschen in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten. In Auschwitz und dem benachbarten KZ Birkenau ermordeten die Nationalsozialisten mehr als 1,1 Millionen Menschen. Die meisten der Opfer waren Juden.
hut/dpa/APD/AFP
quelle: Der Spiegel
aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung - 18.12.2009
Auschwitz-Schriftzug gestohlen
Keine normalen Metalldiebe
Von Reinhard Veser
18. Dezember 2009 Der zynische Schriftzug „Arbeit macht frei“ über dem Eingang zum Konzentrationslager Auschwitz ist eines der Symbole der nationalsozialistischen Verbrechen. Zugleich enthält das Tor, zu dessen Herstellung polnische politische Häftlingen gezwungen worden waren, ein Zeichen des Widerstands der wehrlosen Häftlinge: Das „B“ in Arbeit steht auf dem Kopf. Am Freitag morgen entdeckten Wächter der Gedenkstätte, dass der fast fünf Meter lange Schriftzug fehlte - er war gestohlen worden. Der Diebstahl rief große Empörung hervor, denn dass es sich bei den Tätern nicht um einfache Metalldiebe handeln kann, gilt als sicher, auch wenn am Freitag von ihnen noch jede Spur fehlte. „Das ist kein Diebstahl, das ist eine Entweihung dieses Ortes“, sagte ein Museumssprecher. Ähnliche Worte wählte auch die israelische Regierung, die die „scheußliche Tat“ verurteilte. Der Leiter der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem Avner Shalev sprach von einer „Kriegserklärung“ vermutlich von Neonazis. Bestürzt äußerte sich auch die Bundesregierung. Ein Sprecher des Auswärtigen Amtes äußerte die Hoffnung, dass die Tat bald aufgeklärt werde.
Polens Präsident Lech Kaczynski äußerte sich wie viele andere polnische Politiker entrüstet über einen Anschlag auf das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus - selten konnte man in den vergangenen Jahren die polnische Politik lagerübergreifend mit derart gleichlautenden Erklärungen vernehmen. Ministerpräsident Donald Tusk ordnete „schnellstmögliche Aufklärung“ an.
Besucher bekommen nun eine Kopie zu sehen
Die Polizei leitete sofort nach Bekanntwerden des Diebstahls, der vermutlich zwischen drei und fünf Uhr in der Nacht verübt wurde, eine Großfahndung ein und kontrollierte an Straßensperren Autos. Die Frage, wie es überhaupt zu dem Diebstahl kommen konnte, beschäftigte derweil das ganze Land - aus Spuren im Schnee schließt die Polizei, dass die vermutlich mindestens drei Diebe den Schriftzug als Ganzes durch ein Loch im Zaun der Gedenkstätte abtransportiert haben. Das Gelände des Lagers Auschwitz wird zwar zum Teil von Kameras überwacht, aber die Kamera, die das Eingangstor erfasst, kann laut Berichten polnischer Medien Bilder nur direkt übertragen, aber nicht aufzeichnen. Gefragt wird nun, ob die Gedenkstätte von genügend Wachleuten bewacht werde - und wo sie in der kalten Winternacht gewesen seien. In polnischen Medien wurde spekuliert, es könne sich um eine Tat auf Bestellung gehandelt haben. Sicher ist nach Angaben der Polizei und der Museumsleitung auf jeden Fall, dass die Täter gut vorbereitet waren und genau wussten, auf welchen Wegen sie sich zu bewegen und wie sie vorzugehen hatten.
Die Besucher des Museums bekamen das Tor indes schon am Mittwoch so zu sehen, wie es seit den Verbrechen der Nationalsozialisten, die dort zwischen 1940 und 1941 mehr als eine Million Menschen ermordeten, aussah. Die Museumsleitung ließ eine Kopie anbringen, die angefertigt worden war, als das Original vor einigen Jahren restauriert wurde.
Die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten der Bundesländer hatten erst Anfang der Woche beschlossen, dass Deutschland die Erhaltung der Gedenkstätte unterstützen wird, indem es sich mit insgesamt 60 Millionen Euro an der im Sommer gegründeten Internationalen Auschwitz-Stiftung beteiligt.
Text: FAZ.NET
quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
aus: Frankfurter Rundschau - 18.12.2009
Diebstahl in Auschwitz
Das wahre Mahnmal
Von Peter Michalzik
Überall auf der Welt, in Israel, in Polen, in den USA und selbstverständlich auch in Deutschland ist der Diebstahl der drei Worte von Auschwitz bedauernd, bestürzt und verstört verurteilt worden. Es ist nicht nur "Vandalismus", es ist nicht nur "peinlich", es ist auch ein Anschlag auf die Erinnerung selbst, wie Avner Shalev, der Präsident der Gedenkstätte Yad Vashem sagt. Er vermutet "eine Eskalation jener Elemente, die uns in die dunkleren Tage zurückführen wollen."
Wie auch immer es ist, durch diesen Diebstahl geschieht etwas sehr Merkwürdiges. Wie immer, wenn etwas verschwindet, wird das Verschwundene präsent und die Erinnerung deutlicher. Einige Täter, deren Motive weiterhin vollkommen unklar sind und in die man sich auch nicht hineinversetzen möchte, montieren ein Schild ab, ein eisernes Gestänge, aus dem die drei Worte "Arbeit macht frei" geformt wurden, und schon stehen Worte wie "Endlösung" wieder vibrierend im Raum, diese perfide, anmaßende, himmelschreiende Selbstgerechtigkeit, mit der die Nationalsozialisten die Juden vernichtet haben. Dieser verquaste Messianismus, mit dem sie an ihr tödliches Handwerk gingen. Schon ist die Wunde Auschwitz wieder offen. Es handelt sich um den Diebstahl eines Symbols.
"Arbeit macht frei", jedes für sich genommen schöne deutsche Wort, steht zusammengelesen wie nichts anderes für den Nationalsozialismus und die versuchte Vernichtung der Juden. In Dachau und anderen Lagern war der Sinnspruch, so muss man es ja wohl nennen, ebenfalls über dem Eingang oder anderswo zu lesen. "Jedem das Seine" stand entsprechend in Buchenwald.
Warum den Nazis der Spruch "Arbeit macht frei" so gut gefiel, ist nie wirklich bekannt geworden. "Arbeit macht frei", so hieß ein Roman von Lorenz Diefenbach, der, bereits 1873 veröffentlicht, nichts von Zielen oder Ideen der Nazis vorwegnahm. Diefenbachs Buch ist ein vergleichsweise typischer, etwas schlichter Erziehungsroman, in dem ein Krimineller wieder auf den Pfad der Tugend zurückkehrt. Was ihm dabei wesentlich hilft: Er geht einer geregelten Tätigkeit nach.
Das umgedrehte "B"
Ende 1940, kurz nachdem das Lager Auschwitz gegründet worden war, war auch schon der schmiedeeiserne Schriftzug über dem Eingang angebracht worden. Polnische Häftlinge mussten ihn anfertigen. Das umgedrehte "B", das dabei in dem Wort "Arbeit" steht, wurde immer wieder als ein verdeckter, stiller Akt des Widerstands der Häftlinge verstanden.
"Zynismus" ist das Wort, das einem zu der Wendung über dem Eingang am ehesten einfällt, die die Nazis den drei Worten Diefenbachs gegeben haben. Aber "Zynismus" ist viel zu schwach. "Arbeit macht frei", das brachte die Moral, wenn man denn von einer solchen sprechen will, der Nazis auf den Punkt, das ist die Formel der Rechtfertigung, das ist ihr Selbstbild.
Der Diebstahl macht jetzt bewusst, was schon immer klar war, was aber nun viel deutlicher ist: Es handelt sich bei diesem Spruch um ein Symbol von überragender Bedeutung. Er steht nicht nur für Auschwitz, er steht nicht nur für das Vernichtungswerk, er steht nicht nur für die Nazis, er ist, mehr als das Berliner Mahnmal für die ermordeten Juden, mehr als das Brandenburger Tor, das deutsche Symbol schlechthin. Er ist das klarste Zeichen der bitter gebrochenen Geschichte, mit der wir nun mal leben müssen.
"Arbeit macht frei", der Satz ist das wahre Mahnmal. Was man mit verschiedensten Mahnmalen versucht hat herzustellen, hier ist es. "Arbeit macht frei" und "Jedem das Seine" über den Toren von Auschwitz und Buchenwald, darin klingt das Echo des Spruches "Erkenne dich selbst!" an, der angeblich über dem Eingang zur antiken Welt gestanden haben soll. Es ist das Echo eines emphatischen Menschseins, einer Verheißung, es ist dieses Echo eines Entwicklungsversprechens, das den Spruch der Nazis so ganz besonders perfide macht.
Imre Kertesz, der ungarische Schriftsteller, der Auschwitz und Buchenwald überlebt hat, der in seinen Büchern die zugleich schärfste, radikalste und versöhnlichste Reaktion auf das Geschehene gefunden hat, hat den Eingang nach Buchenwald sehr genau beschrieben. "Doch dann fiel mein Blick auf dichten Gitterdraht, darauf auf ein prächtiges, sich zwischen zwei mächtigen Steinsäulen öffnendes eisernes Tor mit einem verglasten, irgendwie an die Kommandobrücke von Schiffen erinnernden Aufbau darüber, und gleich darauf schritt ich darunter auch schon hindurch: ich war im Konzentrationslager Buchenwald angekommen."
Messianismus der Nazis
Kertesz hat in seinem "Roman eines Schicksallosen" mit diesem Ton der Verheißung auf den politischen Messianismus der Nazis präzise reagiert. Sein Buch akzeptiert den Messianismus und nimmt ihn ganz naiv auf: "Ich habe in früher Kindheit gelernt, dass ich meiner Heimat am besten diene, wenn ich Zwangsarbeit leiste und mich danach ausrotten lasse." Kertsez hat das Lager als Verheißung beschrieben.
Er erst hat uns das volle Ausmaß der drei Worte von Auschwitz lesen und erkennen lassen. Er hat eine Antwort gefunden. Nun sind diese Worte gestohlen - und noch gestern wurden sie sofort durch eine Replik ersetzt, als ob diese Worte niemals verschwinden dürften.
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Copyright © FR-online.de 2009
Dokument erstellt am 18.12.2009 um 16:38:05 Uhr
Letzte Änderung am 19.12.2009 um 10:44:51 Uhr
Erscheinungsdatum 18.12.2009 | Ausgabe: d
quelle: Frankfurter Rundschau
aus: Der Spiegel - 27.12.2009
Kontrollierte Explosion
Experten machen Bombe in Vechta unschädlich
Spektakuläre Aktion im niedersächsischen Vechta: Weil eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gesprengt werden sollte, mussten Tausende Menschen ihre Wohnungen verlassen. Sogar zwei Gefängnisse wurden geräumt.
Vechta - Bange Momente, doch dann war der Fluch der Vergangenheit zu Ende. Mit einer kontrollierten Sprengung machten Fachleute des Kampfmittelräumdienstes am Sonntagnachmittag eine Zehn-Zentner-Bombe aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs unschädlich. Verantwortlich für die Aktion war Sprengmeister Thomas Gesk. Nach eigenen Angaben arbeitet der 51-Jährige seit fast 20 Jahren mit Blindgängern, 630 davon hat er entschärft. Doch Routine habe sich in all den Jahren nicht eingestellt, sagt Gesk - zum Glück: "Wenn es Routine wird, macht man Fehler und das ist dann der letzte Fehler, den man macht."
Anders als von der Stadt Vechta erhofft konnte der Blindgänger nicht an Ort und Stelle entschärft werden. Der Zünder war zu stark beschädigt. Der Bombenfundplatz war extra durch eine Wand aus 20 Seecontainern und aufgestapelten Strohballen abgeschirmt worden. Doch die Experten brachten die Bombe von dort sicherheitshalber per Tieflader an einen eigens eingerichteten Sprengplatz - und zündeten sie dort.
Zuvor hatten Tausende Menschen ihr Zuhause zeitweise verlassen müssen. Die Evakuierung hatte schon am frühen Morgen begonnen. Während viele Vechtaer die Situation nutzten, um Verwandte zu besuchen oder Ausflüge zu unternehmen, hatten die Insassen der beiden Gefängnisse in der niedersächsischen Stadt keine Wahl. Die 140 Frauen und 320 Männer wurden per Bus in Haftanstalten nach Hannover, Oldenburg und Meppen gebracht.
Mehr als 600 Einsatzkräfte beteiligt
Dort verbrachten die Gefangenen die Zeit mit Sport, Fernsehen, Gesellschaftsspielen und gemeinsamem Kochen. Die Mitarbeiter der beiden Justizvollzugsanstalten (JVA) mussten ebenfalls die Gebäude verlassen. Der Leiter der Männer-JVA, Rainer Karsten, schloss persönlich die Eingangspforte von außen ab.
Mehr als 600 Einsatzkräfte von Polizei, Feuerwehr, Rotem Kreuz und Technischem Hilfswerk sorgten dafür, den einen Kilometer um den Fundort gezogenen Sicherheitsbereich zu räumen. Die Helfer klingelten an jeder Haustür, um sicherzugehen, dass sich niemand mehr in der Gefahrenzone aufhält. Eine Schule war eigens zum Evakuierungszentrum umfunktioniert worden.
Dass auf einem Feld am Rande der Vechtaer Innenstadt in knapp fünf Metern Tiefe eine amerikanische Fliegerbombe liegen könnte, hatte sich bei der Auswertung von Luftbildaufnahmen ergeben. Der Flugplatz der Stadt war während des Zweiten Weltkriegs Ziel von Bombardements gewesen.
chs/dpa/ddp
quelle: Der Spiegel
aus: afp - 21.12.2009
Papst verurteilt Judenverfolgung durch Nationalsozialisten
Papst Benedikt XVI. hat nach der Kritik jüdischer Gemeinden am Vorantreiben der Seligsprechung des umstrittenen Papstes Pius XII. die antisemitischen Verbrechen der Nationalsozialisten erneut verurteilt. In einer Rede vor Vertretern der Kurie in Rom erinnerte Benedikt XVI. an seinen Besuch der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem im Mai. Dies sei eine "erschütternde Begegnung mit der Grausamkeit des menschlichen Fehlens, mit dem Hass einer verblendeten Ideologie, die ohne jede Rechtfertigung Millionen dem Tod ausgeliefert hat", gewesen.
Die Nazis hätten letztlich versucht, "Gott von der Erde zu verjagen, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Gott von Jesus Christus", sagte der Papst und hob damit die gemeinsamen Wurzeln von Judentum und Christentum hervor. Benedikt XVI. hatte Pius XII. am Samstag den "heroischen Tugendgrad" zuerkannt. Dies ist ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Seligsprechung. Bei jüdischen Gemeinden in Deutschland, Frankreich und in Rom hatte die Entscheidung Kritik hervorgerufen.
Kritiker werfen Pius XII., der während des Zweiten Weltkriegs amtierte, vor, angesichts der Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten geschwiegen zu haben. Auch auf einer Erklärtafel in Jad Vaschem ist dies zu lesen. Verteidiger des Vatikans halten dem entgegen, Pius XII. habe vielen Juden in Europa das Leben gerettet, indem er ihnen die Aufnahme in kirchliche Institutionen ermöglicht habe. Außerdem habe das Oberhaupt der katholischen Kirche das Los der Juden durch öffentliche Kritik an der NS-Politik nicht noch verschlimmern wollen.
quelle: afp-Meldung
aus: Der Spiegel - 21.12.2009
Monografie
Britische Zeitungen diffamieren deutschen Hitler-Forscher
Der deutsche Historiker Joachim Riecker hat ein Buch über Hitlers Judenhass geschrieben. Britische Zeitungen veröffentlichten entstellende Artikel zu der Monografie. Jetzt kämpft der seriöse Forscher um seinen Ruf. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE zeigt sich Riecker entsetzt - und erwartet eine Korrektur.
SPIEGEL ONLINE: Herr Riecker, Sie haben ein Buch über Hitler und den Holocaust geschrieben. Ihre zentrale These in "Hitlers 9. November" lautet, die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg sei einer der hauptsächlichen Gründe für Hitlers antisemitischen Wahn. Nun haben das Boulevardblatt "Daily Mail" und die Zeitung "Daily Telegraph" behauptet, Sie hätten in Ihrem Buch geschrieben, ursächlich für den Judenhass sei die "falsche Behandlung" der Mutter Hitlers durch den jüdischen Hausarzt. Sie werden sogar wörtlich zitiert. Hat die "Daily Mail" je mit Ihnen gesprochen?
Riecker: Nein. Der Autor bezog seine Informationen offenbar von einer obskuren österreichischen Website mit englischsprachigen Artikeln, auf der mein Buch fehlerhaft rezensiert wurde. Dort waren die mir zugeschriebenen Zitate erstmals zu lesen.
SPIEGEL ONLINE: Wer Ihr Buch aufmerksam liest, findet keinen Hinweis darauf, dass Sie die These des US-Historikers Binion stützen, der den Judenhass Hitlers unter anderem auch auf die Behandlungsmethoden des Hausarztes zurückführt. Sie weisen ihn sogar in einem Kapitel explizit zurück. Trotzdem werden Sie von "Daily Mail" mit den Worten zitiert, Hitler habe "diesem jüdischen Arzt nie vergeben" und sei deshalb zum Antisemiten geworden.
Riecker: Diese Behauptung ist schlichtweg Unsinn. Der Allgemeinarzt Eduard Bloch, der 1907 Hitlers Mutter behandelt hatte, lebte bei der Besetzung Österreichs durch die Wehrmacht 1938 noch immer in Linz. Er wurde unter den Schutz der Gestapo gestellt, konnte seinen Besitz regulär verkaufen und 1940 mit seiner Ehefrau in die USA emigrieren. Die Historikerin Brigitte Hamann hat kürzlich ein Buch über Eduard Bloch veröffentlicht und zitiert Hitler sogar mit der Bemerkung, der ehemalige Hausarzt seiner Mutter sei "ein Edeljude".
SPIEGEL ONLINE: Welche Folgen hatte die Meldung der "Daily Mail" für Sie?
Riecker: Unter Berufung auf die "Daily Mail" wurden die mir fälschlich zugeschriebenen Zitate weltweit von mehreren Zeitungen verbreitet, so etwa von der "Times of India" oder der großen israelischen Tageszeitung "Haaretz" - und zwar jedes Mal unter Nennung meines Namens. Auch in Informationsdiensten der israelischen Regierung sind sie bereits zu lesen, so auch auf der Website von Israels Botschaft beim Vatikan.
SPIEGEL ONLINE: Auch die Bloggerszene hat ungeprüft die Darstellung der "Daily Mail" übernommen. Fürchten Sie um Ihren Ruf als seriöser Journalist der "Märkischen Allgemeinen Zeitung", die zum Verlag der renommierten "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" gehört?
Riecker: Natürlich. Der Holocaust ist ein hoch sensibles Thema. Ein Autor kann durch solche Falschmeldungen schnell als unseriös gelten. Schlimmeres möchte ich mir jetzt gar nicht vorstellen.
SPIEGEL ONLINE: Werden Sie juristisch gegen die "Daily Mail" vorgehen?
Riecker: Diese Möglichkeit halte ich mir offen. Zunächst einmal erwarte ich, dass "Daily Mail" und die übrigen Zeitungen einen Artikel veröffentlichen, der die Thesen meines Buches korrekt wiedergibt. Es gibt entsprechende Gespräche. Mittlerweile ist im "Telegraph" eine Korrektur erschienen. Der Schaden, der durch die Berichterstattung in anderen Medien entstanden ist, kann dadurch nicht wieder gut gemacht werden. Speziell im Hinblick auf Israel empfinde ich das als sehr bedauerlich.
Das Interview führte Severin Weiland
quelle: Der Spiegel
aus: Der Spiegel - 04.12.2009
Hitler-Monografie
Der Wahn vom vergifteten Volkskörper
Woher rührte Hitlers wahnsinniger Judenhass? Der Journalist Joachim Riecker sucht die Antwort in der historischen Zäsur des Ersten Weltkriegs. Und in einem persönlichen Trauma des Diktators. Eine aufschlussreiche Erklärung des Fanatismus aus dem Geist der Paranoia.
Von Severin Weiland
Am 12. Dezember 1941, einen Tag nach seiner Kriegserklärung an die USA, versammelte Hitler in der Berliner Reichskanzlei die Gau- und Reichsleiter. Anschließend schrieb Propagandaminister Joseph Goebbels in sein Tagebuch: "Bezüglich der Judenfrage ist der Führer entschlossen, reinen Tisch zu machen. Er hat den Juden prophezeit, dass, wenn sie noch einmal einen Weltkrieg herbeiführen würden, sie dabei ihre Vernichtung erleben würden. Das ist keine Phrase gewesen. Der Weltkrieg ist da, die Vernichtung des Judentums muss die notwendige Folge sein."
Zuletzt hat der britische Historiker Ian Kershaw in seinem Buch "Wendepunkte" jenen Monat beschrieben, in dem Hitler die Tötungen radikalisierte. Seit dem Überfall auf die UdSSR im Sommer 1941 wüteten in den eroberten Gebieten bereits die Einsatzgruppen. Nun wurde die industrielle Vernichtung in Angriff genommen, wenige Wochen später begannen die organisatorischen Vorbereitungen auf der geheimen Wannseekonferenz, zu der SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich geladen hatte.
Dass der Massenmord - ob durch die SS, mit Hilfe oder Duldung der Wehrmacht oder dem zivilen Verwaltungsapparat - mit letzter Konsequenz durchgeführt wurde, ist bestens dokumentiert. Nach einer mittlerweile unüberschaubaren Menge an Publikationen bleibt dennoch die Frage: Wieso trieb Hitler den Judenmord so obsessiv voran?
Joachim Riecker, 46, Hauptstadtredakteur der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" in Potsdam und Korrespondent der "Neuen Zürcher Zeitung", wurde mit dieser Frage 1995 konfrontiert. Auf einer Zugfahrt, nach einem Gespräch über die NS-Zeit, wandte sich eine junge Frau an ihn: "Was hatte er eigentlich gegen die Juden?"
Trauma und Paranoia
Riecker hat diese simple Frage nicht mehr losgelassen. In seinem Buch "Hitlers 9. November" versucht er sich nun an einer Antwort. Seine These: Der Judenhass Hitlers speiste sich aus der Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Der promovierte Historiker hat eine Fülle von Zitaten, Reden und Äußerungen Hitlers zusammengetragen. Sie drehen sich um einen Kern: Die Juden seien schuld gewesen am 9. November 1918, als im Deutschen Reich die Republik ausgerufen wurde und das Land in die Revolutionswirren hineintaumelte.
Aufstieg und Fall Hitlers verbindet Riecker konsequent mit dem antisemitischen Wahn des Diktators und seiner deutschen (und auch europäischen) Helfer. Vieles ist bekannt, doch immer wieder erschütternd neu zu lesen. In seinem Weltbild verglich sich Hitler mit einem Tuberkulose-Arzt. Hitler habe die Tötung der Juden als "Heilung", erst Deutschlands, dann ganz Europas gesehen, so Riecker.
Bemerkenswert und streitbar ist der Blick auf die innige Beziehung Hitlers zur Mutter. Sie starb 1907 an Brustkrebs, damals wurde eine Blutvergiftung angenommen. Die Krankheit und der qualvolle Tod - für den Autor durchaus ein Schlüsselmoment. Riecker geht es hierbei nicht um Psychologisierung. In den Reden Hitlers fiel ihm auf, dass auffallend oft das Bild von der "Vergiftung" des "Volkskörpers" verwendet wurde. Nur ein damals gängiges völkisches Klischee? Im Falle Hitlers erhält es, so deutet es Riecker, eine zusätzliche, persönliche Note.
Die These ist nicht neu. Der US-Historiker Rudolph Binion hat Hitlers Hass auf die Juden sogar aus der angeblich falschen Behandlung der Mutter durch den jüdischen Hausarzt Eduard Bloch zu erklären versucht. Riecker folgt ihm darin nicht. Schließlich habe Hitler den Mediziner später in die USA ausreisen lassen. Doch was aus dem Umstand des Todes der Mutter folgte, waren sprachliche Muster. Noch im Bunker, kurz vor seinem Selbstmord, tauchen sie im politischen Testament auf - etwa im Begriff vom Judentum als "Weltvergifter aller Völker".
"Deutschland, tote Mutter" hat Riecker das Kapitel in Anlehnung an Brechts "O Deutschland, bleiche Mutter" überschrieben. Die Gleichsetzung ist durchaus stimmig: Theatralisch überhöhte Hitler die Unterzeichnung des Waffenstillstands 1918 in "Mein Kampf": "Seit dem Tage, da ich am Grabe der Mutter gestanden, hatte ich nicht mehr geweint."
Das ganze Ausmaß des Massenmordes wurde erst nach 1945 deutlich. Doch wer in Deutschland hören wollte, der konnte selbst in den öffentlichen Reden jene Vernichtungsexzesse erahnen, die Hitler schließlich Wirklichkeit werden ließ. Die nachträgliche Analyse dieser Schreckensmetaphorik gehört zur Pflicht und Aufgabe des geschichtskritischen Diskurses. Joachim Riecker hat ihn um ein aufschlussreiches Buch bereichert.
Joachim Riecker: "Hitlers 9. November. Wie der Erste Weltkrieg zum Holocaust führte", Wolf Jobst Siedler Verlag jr., 295 Seiten, 22 Euro
quelle: Der Spiegel
Sarrazin - der Zentralrat der Juden irrt
von Ernst Cramer, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer Stiftung
Stephan Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden, bescheinigte Thilo Sarrazin eine geistige Nähe "zum Nationalsozialismus, zum Gedankengut von Hitler, Göring und Goebbels". Warum das nicht richtig ist.
Dass sich der Zentralrat der Juden zu Wort meldet, wenn es in Deutschland um echte oder vermeintliche Feindlichkeit gegenüber divergenten Gruppen geht, ist verständlich und notwendig.
Aber was der Generalsekretär des Zentralrats, der sonst so besonnene Stephan Kramer, zu den Äußerungen Thilo Sarrazins, des früheren Berliner Finanzsenators und heutigen Vorstandsmitglieds der Bundesbank, sagte, zeugt von erstaunlich wenig politischem Wissen und taktischem Feingefühl.
Die Debatte um richtige Einwanderunspolitik weiterführen
Kramer nannte Bemerkungen von Sarrazin "volksverhetzend" und bescheinigte ihm eine geistige Nähe "zum Nationalsozialismus, zum Gedankengut von Hitler, Göring und Goebbels". Das ist einfach nicht richtig. Denn gegenüber dem, was Hitler und seine Handlanger hauptsächlich über Juden, aber auch über Polen und andere, gesagt haben, sind die schlimmsten Entgleisungen Sarrazins noch goldene Worte.
Der ehemalige Berliner Senator ist ein Kenner der Situation in der deutschen Hauptstadt. In Vielem, was er schrieb - und was manche Kritiker entweder nicht lasen oder nicht zur Kenntnis nahmen - hat er Recht, auch wenn seine Wortwahl oft falsch war und Verärgerung hervorrufen musste.
Die Debatte um eine richtige Einwanderungspolitik in Deutschland und ebenso um die angemessene Reaktion der Zuwanderer ist jetzt entfacht. Sie sollte weitergeführt werden. Für viele auf allen Seiten bedeutet das Umdenken, auf jeden Fall Kompromissbereitschaft.
Das trifft übrigens auch für die Juden in Deutschland zu, deren große Mehrheit Immigranten aus der früheren Sowjetunion sind. Auch deren Integration lässt viel zu wünschen übrig. Da bleibt - auch für Stephan Kramer - noch viel zu tun.
quelle: Die Welt
aus: Die Tageszeitung - 10.10.2009
Skandal um Bundesbanker Sarrazin
Zentralrat der Juden fordert Rücktritt
Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden wirft Bundesbank-Vorstand Sarrazin wegen seiner abfälligen Äußerungen über Migranten Nähe zum Nationalsozialismus vor.
VON SABINE AM ORDE
Der Zentralrat der Juden in Deutschland hat die Debatte um die rassistischen Äußerungen von Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin neu angefacht: Der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, warf Sarrazin am Freitag Nähe zum Nationalsozialismus vor.
"Ich habe den Eindruck, dass Sarrazin mit seinen Äußerungen Göring, Goebbels und Hitler eine große Ehre macht", sagte Kramer in gewohnt pointierter Weise auf einer gemeinsamen Pressekonferenz des Zentralrats mit der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD). "Er steht in geistiger Reihe mit diesen Herren." Die Äußerungen des ehemaligen Berliner Finanzsenators seien "perfide, infam, volksverhetzend und muslimfeindlich." TGD-Chaf Kenan Kolat forderte erneut den Rücktritt Sarrazins.
Kramer und Kolat reagierten damit auf ein Interview mit Sarrazin, das vor gut einer Woche in der Zeitschrift Lettre International erschienen ist - und seit dem für viel Wirbel sorgt. "Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert", sagt Sarrazin unter anderem in dem Interview. Und: "Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate." Gefallen würde es ihm, "wenn es osteuropäische Juden wären, mit einem 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung". Inzwischen hat Sarrazin sich für seine Wortwahl entschuldigt.
TGD-Chef Kolat reicht das nicht. Er hat Bundesbankpräsident Axel Weber nun in einem Brief um ein Gespräch gebeten, in dem er seiner Rücktrittsforderung Nachdruck verleihen will. Man könne es nicht mehr hinnehmen, dass solche Äußerungen mit beredtem Schweigen beantwortet würden, so Kolat. "Die Verbitterung und Enttäuschung ist bei uns sehr groß. Aber wir werden gegen Diskriminierung kämpfen bis zum Umfallen." Weber hatte versucht, Sarrazin von der Veröffentlichung abzuhalten, und sich direkt nach Erscheinen des Interviews ungewöhnlich deutlich von seinem Vorstandsmitglied distanziert.
Sarrazin selbst lehnte einen Rücktritt am Freitag erneut ab. Er werde am Montag wie üblich in seinem Bundesbank-Büro in Frankfurt arbeiten, wo ein Stapel von Akten auf ihn warte, sagte er nach einem Auftritt bei einem Kongress in Berlin. "Ich habe alles gesagt, was ich sagen wollte", sagte er und lehnte eine erneute Stellungnahme ab.
Kolat und Kramer räumten ein, dass es Probleme bei der Integration von Migranten gebe - bei jüdischen Einwanderern aus der Sowjetunion ebenso wie bei jenen aus der Türkei. Darüber werde seit langem diskutiert und vieles dagegen getan. "Aber Äußerungen wie die von Sarrazin helfen dabei nicht", sagte Kolat. "Sie führen nur dazu, dass sich engagierte Migranten vor den Kopf gestoßen fühlen und zurückziehen." Unterdessen prüft die Berliner Staatsanwaltschaft eine Anzeige gegen Sarrazin wegen Volksverhetzung.
quelle: Die Tageszeitung
aus: Bild - 21.12.2009
BILD-Interview mit dem Vorsitzenden der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem
Darum sind die Auschwitz-Baupläne so wichtig für Israel
Heute übergibt BILD die historischen Dokumente an Ministerpräsident Netanjahu
Von H.-J. VEHLEWALD
BILD: Die Original-Baupläne des KZ Auschwitz kommen in das Land der Opfer - was bedeutet das für Juden in Israel?
Avner Shalev: Diese Pläne sind ein sehr wichtiges Symbol für den Staat Israel und für einen wichtigen Teil unserer Identität: den Holocaust der Nazis an den Juden. Die Dokumente zeigen, was Menschen einander antun können - ein Zeichen, wie viel Böses auch im Menschen stecken kann.
Auch wenn es in ganz Europa viele Lager und Ghettos gab: Auschwitz-Birkenau war das größte der NS-Vernichtungslager.
Mehr als eine Million Juden wurden dort ermordet. Deshalb ruft kaum ein anderes Stichwort so viele Gefühle bei Juden in Israel wach wie der Name "Auschwitz".
BILD: Was war Ihre erste Reaktion, als Sie hörten, dass so lange nach Ende des 2. Weltkriegs Originalpläne zu Auschwitz entdeckt wurden?
Shalev: Zunächst konnte ich es kaum glauben: ein so bedeutender, spannender Fund nach so langer Zeit! Es kommt wirklich nicht häufig vor, dass Akten von solcher Tragweite irgendwo in einem Büro, einer Wohnung oder einem Keller entdeckt werden. Ein wirklich unglaublicher Vorgang!
Der Fund zeigt auch, dass wir im Yad-Vashem-Zentrum mit der vollständigen Dokumentation noch lange nicht am Ziel sind. Wir werden auch weiterhin alle Akten und Dokumente sammeln, um sie auf dem "Berg der Erinnerung" in Jerusalem für die Nachwelt zu bewahren.
Um so dankbarer bin ich der BILD-Zeitung und dem Axel Springer Verlag, dass sie die Verantwortung übernommen haben und die Pläne unserer Einrichtung zur Verfügung stellen.
BILD: Was wird Yad Vashem mit den Plänen tun?
Shalev: Entsprechend unserem staatlichen Auftrag werden wir die Pläne historisch auswerten, wichtige Erkenntnisse für die Forschung dokumentieren - und auch für die Schulung von Historikern nutzen, die weltweit zum Thema Shoah und Holocaust lehren und dafür in eigenen Seminaren in Yad Vashem ausgebildet werden.
BILD: Welche Erkenntnisse finden sich in den entdeckten Auschwitz-Plänen?
Shalev: Die Pläne, die von Frühjahr 1941 bis ins Jahr 1942 datieren, zeigen, mit welcher Geschwindigkeit und eiskalter Systematik die Nazis die beschlossene "Endlösung der Judenfrage", den Massenmord an Millionen Juden verfolgt und umgesetzt haben. Zugleich lassen sich die verschiedenen Um- und Ausbaustufen des KZ vom Kriegsgefangenen-Camp bis hin zum Arbeits- und Vernichtungslager anhand der Pläne sehr gut verfolgen.
BILD: Wann werden Sie die Pläne der Öffentlichkeit in Israel präsentieren?
Shalev: Dafür haben wir den internationalen Holocaust- Gedenktag vorgesehen: den 27. Januar 2010.
quelle: Bild
aus: Bild - 08.11.2009
BILD zeigt Dokumente des Grauens, die jetzt in Berlin gefunden wurden
Die Baupläne von Auschwitz
Es sind Dokumente des Grauens. Akkurat gezeichnet. Lagepläne, Grundrisse und Seitenansichten von Gebäuden, alles auf vergilbtem Papier, meist im Maßstab 1:100. Es sind Pläne des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Auschwitz.
Von RALF GEORG REUTH
Die Original-Unterlagen, die BILD zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 veröffentlicht, wurden angeblich bei der Entrümpelung einer Berliner Wohnung gefunden. Sie stammen aus den Jahren 1941 bis 1943 und wurden BILD jetzt zugänglich gemacht.
Bei den Unterlagen handelt es sich um 28 großformatige Pläne auf Papier. Sie zeigen u.a. das berüchtigte Eingangstor am Ende der Eisenbahnrampe.
Häftlingsbaracken. Eine "Entlausungsanlage" mit "Gaskammer". Ein Krematorium und Übersichtspläne des "Interessengebietes" der SS.
Einen der Lagepläne hat der damalige "Reichsführer SS" und Chef-Organisator des Völkermords, Heinrich Himmler, persönlich abgezeichnet - mit grünem Stift.
Der Leitende Archivdirektor des Bundesarchivs in Berlin, Dr. Hans-Dieter Kreikamp, misst dem Dokumenten-Fund eine "außerordentliche Bedeutung" bei. Kreikamp zu BILD: "Die Pläne sind die authentischen Zeugnisse des systematisch geplanten Völkermordes an den europäischen Juden."
Die Dokumente enthüllen aber auch: Jeder, der mit Planung und Bau des Konzentrationslagers im Entferntesten befasst war, wusste, dass hier Menschen fabrikmäßig vergast werden sollten. Die Unterlagen widerlegen darüber hinaus auch die allerletzten Holocaust-Leugner.
Das erschütterndste Dokument des Grauens: der Plan einer "Entlausungsanlage". Von einem "Auskleideraum" führen Türen in einen "Wasch- und Brauseraum" und von dort in einen "Ankleideraum".
Vom Ankleideraum gehen aber auch Türen in zwei "Vorräume" und von dort durch "Schleusen" in eine "Gaskammer". Schwarz auf weiß steht es auf dem Plan: "GASKAMMER".
Dass in der 11,66 mal 11,20 Meter großen "Gaskammer" nicht Kleidungsstücke mit dem bei der SS üblichen Blausäure-Mittel entlaust, sondern Menschen vergast werden sollten, muss als sehr wahrscheinlich angenommen werden. Denn der Plan, der von einem "Häftling Nr. 127" in Auschwitz gezeichnet wurde, stammt vom 8. November 1941. Zu diesem Zeitpunkt experimentierte Lagerkommandant Rudolf Höß bereits mit dem Blausäuremittel "Zyklon B", mit dem er im Stammlager Auschwitz kranke Häftlinge und russische Kriegsgefangene ermorden ließ.
Bemerkenswert an dem Plan, der von der "Bauleitung der Waffen-SS und Polizei" in Auftrag gegeben wurde, ist noch etwas anderes: Er belegt einmal mehr, dass der fabrikmäßige Massenmord an den europäischen Juden nicht erst mit der sogenannten Wannsee-Konferenz im Januar 1942 beschlossen wurde, sondern weitaus früher.
Ob die "Entlausungsanlage" in Auschwitz-Birkenau genau so wie in den Plänen aufgezeichnet gebaut wurde, ist nicht bekannt. Sicher ist: Die Massenvergasungen von europäischen Juden in Auschwitz begannen im Frühjahr 1942 in einem ehemaligen Bauernhaus, dem sogenannten "Roten Haus".
Der 1947 in Auschwitz hingerichtete Lagerkommandant Höß sagte dazu während seines Prozesses aus: "Die Ankommenden mussten sich ausziehen: Sie gingen auch zuerst ganz ruhig in die Räume ... Bis dann einige doch stutzig wurden und von Ersticken, von Vernichtung sprachen: Es entstand dann sofort eine Art Panik. Doch schnell wurden die noch draußen Stehenden in die Kammern hineingetrieben und (die Türen) zugeschraubt."
Höß weiter: "Bei den nächsten Transporten wurde von vornherein nach den unruhigen Geistern gefahndet und diese nicht aus den Augen gelassen. Machte sich Unruhe bemerkbar, so wurden die Unruheverbreiter unauffällig hinter das Haus geführt und dort mit einem Kleinkalibergewehr getötet, das war von den anderen nicht zu vernehmen."
Die ermordeten Juden wurden 1942 zunächst in Erdgruben verbrannt. Bereits im Oktober des Vorjahres wurde der Bau eines großen Krematoriums erwogen. Im November entstanden dann die ersten Zeichnungen. Der BILD vorliegende Plan zeigt einen ersten Entwurf mit Seitenansichten und Grundrissen, wiederum im Maßstab 1:100.
Besonders aufschlussreich: die Zeichnung des Kellergeschosses. Sie zeigt die Sockel für die Verbrennungsöfen, die später von der Erfurter Firma "Topf und Söhne" geliefert wurden.
Auf dem Plan ist auch der "L.Keller" (Leichenkeller) skizziert. Er misst eine Breite von acht Metern. Auf seine Länge hatten sich die Planer der Waffen-SS nicht festgelegt. "Länge nach anfallendem Bedarf", ist dort zu lesen.
Insgesamt entstanden in dem Vernichtungslager vier Groß-Krematorien. Die überwiegende Zahl der in Auschwitz Ermordeten - es handelt sich um etwa eine Million Menschen - wurden hier eingeäschert, nachdem den Leichen Haare abgeschnitten und Goldzähne ausgebrochen wurden.
Geblieben von ihnen sind nur Namen in den Totenbüchern und die mahnende Erinnerung.
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aus: Bild - 19.10.2009
Israels Baupläne des KZ Auschwitz an Israels Regierungschef übergeben
Netanjahu dankt BILD für ein "Geschenk der Wahrheit"
Es war ein bewegender, ein historischer Moment! Israels Premier Benjamin Netanjahu gestern zu Besuch bei BILD. In einer feierlichen Zeremonie nahm der israelische Regierungschef 29 Original-Baupläne des KZ Auschwitz entgegen, die BILD 2008 entdeckt und erworben hatte.
Netanjahu bedankte sich bei BILD und dem Verlag Axel Springer für "diese wichtigen historischen Dokumente", die er als "Geschenk der Wahrheit" verstehe. Kanzlerin Angela Merkel würdigte die Übergabe der Pläne von BILD an Netanjahu als "wichtiges Zeichen". Merkel: "Ich bin selber davon sehr berührt."
Gestern Vormittag, kurz nach 11 Uhr. Höchste Sicherheitsstufe rund um das Springer-Gebäude in Berlin. Hunderte Polizisten und Scharfschützen sichern alle Zufahrten.
Um 11.04 Uhr fährt die Kolonne des Regierungschefs vor (zwei Dutzend Limousinen, Sicherheitsfahrzeuge). Netanjahu entsteigt einem gepanzerten Mercedes-Pullman, wird von BILD-Chefredakteur Kai Diekmann begrüßt.
Im 19. Stock, im Journalistenclub des Verlages, dann die Übergabe: Im Beisein des israelischen Botschafters Yoram Ben-Zeev, von Würdenträgern jüdischer Gemeinden und des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie Vertretern von Aufsichtsrat, Vorstand und Verlag Axel Springer, nahm Netanjahu 29 Baupläne und Planskizzen des KZ Auschwitz entgegen.
BILD-Chefredakteur Kai Diekmann erklärte , die Übergabe der Pläne an den Staat Israel sei "im Geiste des Verlagsgründers Axel Springer", der sich stets für die Erinnerung an den Holocaust und für die Aussöhnung mit Israel eingesetzt hatte. "Denn nur wer die Vergangenheit kennt, kann verantwortungsvoll die Zukunft gestalten", sagte Diekmann.
Netanjahu und seine Ehefrau Sara, die einen großen Teil ihrer Familie durch den Holocaust verloren hat, ließen sich die Pläne von Historiker und BILD-Chefkorrespondent Ralf Georg Reuth eingehend erläutern.
Netanjahus Minister Yossi Peled, als jüdisches Kind in Belgien vor den Nazis versteckt, fand auf den Plänen auch den berüchtigten "Block 10" des NS-Arztes Josef Mengele, in dem seine Mutter grausamen Experimenten unterzogen wurde.
"Es ist unglaublich bewegend, diese Pläne in Händen zu halten", erklärte der Vorsitzende der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, in deren Archiv die Baupläne aufbewahrt werden sollen. "Diese Dokumente in die Obhut des Staates Israel zu geben, ist eine historische Entscheidung, für die wir sehr dankbar sind."
Netanjahu und Ehefrau Sara trugen sich anschließend ins Gästebuch des Verlages ein, dankten "für die standhafte Unterstützung für Israel und für die Verteidigung der historischen Wahrheit über den Holocaust".
Nach dem Besuch bei BILD traf Netanjahu Kanzlerin Angela Merkel, berichtete ihr von der Übergabe der historischen Pläne, die ihn "fast ein bisschen sprachlos" gemacht habe. Merkel: "Der Ministerpräsident hat mir von der bewegenden Übergabe erzählt und ich muss sagen, ich bin selber davon sehr berührt. Ich denke, es war ein wichtiges Zeichen."
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aus: Bild - 19.10.2009
Israels Premier zu Gast im Verlag Axel Springer
BILD erklärt Benjamin Netanjahu die KZ-Baupläne
Dokumente werden in die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem überführt
Von Ralf Georg Reuth
Yossi Peled ist wie magisch angezogen von dem runden Tisch, auf dem die Lagepläne und Bauzeichnungen von Auschwitz liegen.
Doch noch ehe der offizielle Teil der Veranstaltung überhaupt beginnt, versucht sich Peled auf den Blaupausen zu orientieren. "Wo ist Block 10", fragt er immer wieder. Und er fügt noch an: "Hier ist meine Mutter gewesen." Sie sei ein Opfer des berüchtigten KZ-Arztes Joseph Mengele gewesen. Menschenversuche!
Die innere Erregung steht Peled ins Gesicht geschrieben, dem hochrangigen Mitglied der israelischen Delegation um Premierminister Benjamin Netanjahu. Sie ist in das Verlagsgebäude der Axel Springer AG gekommen, um 29 Pläne und Bauzeichnungen von Auschwitz und einer anderen nationalsozialistischen Mordfabrik in Empfang zu nehmen.
Es sind die ersten Pläne dieser Art, die in Deutschland gefunden wurden. Und der Verlag hat sich entschieden, sie der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem zu übereignen.
Peled, der einen Plan von Auschwitz-Birkenau in Händen hält, sucht immer noch nach Block 10. Ich weise ihn auf einen großen vergilbten Plan des Stammlagers vom April 1942 hin. Viele Details weist er aus. Doch die Nummern der Blocks gibt es darauf nicht. Aber eine Quarantänestation ist eingezeichnet und ein Medizinischer Bereich. Hier muss es gewesen sein. Oder vielleicht doch im Block daneben?
Ein paar Minuten später, als die ersten Reden gehalten und die Pläne Netanjahu symbolisch übergeben sind, stehen sie alle um den ovalen Tisch: Der Premierminister, seine Ehefrau, der Direktor von Yad Vashem und ich, der den Gästen die Dokumente erklären soll. Ich zeige ihnen den Plan von Birkenau vom Oktober 1941. 144 Baracken, daneben noch ein paar Dutzend des Frauenlagers. Dazwischen die Eisenbahngleise, die Rampe, wo die berüchtigten Selektionen stattfanden.
Die Krematorien und Gaskammern sind nicht eingezeichnet in den Plan, nur eine überdimensionierte Leichenhalle. Ich weise den Premierminister auf die große Fotografie an der Stellwand hin. Es ist ein Luftbild der Amerikaner. Dort sind sie zu sehen.
Netanjahu will wissen, von wann das Foto ist. "Vom Dezember 1944!" Zu diesem Zeitpunkt verwischten die Täter ihre Spuren, denn die russische Front rückte näher heran an das Vernichtungslager, in dem eine Million Menschen ermordet wurden.
Sara Netanjahu, die Frau des israelischen Premierministers, ist sichtlich betroffen. Die Familie ihres Vaters war in einem deutschen Konzentrationslager ausgelöscht worden. Was sie wohl denkt? Der systematisch geplante und durchgeführte Völkermord, wie er sich in den Plänen widerspiegelt, bleibt wohl auch ihr unbegreiflich.
Ich zeigte ihnen das Haus von Rudolf Höss. Der Lagerkommandant von Auschwitz führte dort mit seiner Familie ein scheinbar ganz normales bürgerliches Leben. Und ich zeigte ihnen das Krematorium des Stammlagers, in dessen Kellern die Menschen vergast wurden. Ganze hundert Meter liegen zwischen beiden Gebäuden. Die Gäste fragen nach, wollen es nicht glauben. Doch es war so.
Der Premierminister interessiert sich für das riesige Gebäude auf einem anderen Plan. Es ist eine Kommandantur, in der die Verwaltung für das "Interessengebiet Auschwitz" untergebracht werden sollte. Hier ist die Gästewohnung des Reichsführers SS mit eigener Empfangshalle. Dort auf der Rückseite des anderen Plans die grüne Paraphe des Mannes, der den Völkermord organisierte.
Genau gegenüber der Himmler-Wohnung ist auf dem Plan ein Casino für die höheren SS-Ränge eingezeichnet. Der elektrische Zaun des Häftlingsbereichs grenzt direkt an. Netanjahu schüttelt den Kopf und schweigt. Die Gebäude - sage ich ihm - seien niemals gebaut worden. Denn Hitlers Krieg verlief anders als dieser es sich vorgestellt hatte. Gott sei Dank!
Unterdessen hat Yossi Peled den Block 10 gefunden, wie er glaubt. Er hat es aus der Erinnerung rekonstruiert, war er doch schon in Auschwitz. Seine Mutter hatte übrigens die Hölle überlebt.
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aus: Die Tagesschau - 15.01.2010
Humanitäre Hilfe für Deportierte
NS-Opfer fordern Entschädigung von Deutscher Bahn
Polnische NS-Opfer fordern von der Deutschen Bahn Entschädigung für ihre Deportation im Zweiten Weltkrieg: Der Vereins ehemaliger Politischer Häftlinge von Hitlerschen Gefängnissen und Konzentrationslagern erwartet von dem Unternehmen eine "Geste der Versöhnung". Ein Bahn-Sprecher verwies darauf, dass das Unternehmen bereits mehrere Millionen Euro in den Zwangsarbeiter-Entschädigungsfonds eingezahlt habe.
Von Ludger Kazmierczak, ARD Studio Warschau
Stanislaw Zalewski erinnert sich nicht gerne an seine erste Reise in einem deutschen Zug. Als junger Mann wurde der heute 84-jährige von den Nazis nach Auschwitz verschleppt - in einem Waggon der Deutschen Reichsbahn: "Wir waren in dem Waggon so dicht zusammengepfercht, dass nur ein Teil von uns sitzen konnte. Die anderen mussten stehen. Wenn die Stehenden sich setzten, mussten die anderen aufstehen. Die Notdurft wurde in einer Ecke des Waggons verrichtet. Einen Tag und eine Nacht hat die Reise nach Auschwitz-Birkenau gedauert - ohne Essen und Trinken. Es gab nur ein kleines vergittertes Fenster. Mehr muss ich nicht sagen."
Bisher noch keine Entschädigung für Deportation
Der aus einer Bürgerinitiative hervorgegangene deutsche Verein "Zug der Erinnerung" hat jüngst ein Gutachten erstellen lassen, aus dem hervorgeht, dass die Deutsche Reichsbahn an den Massendeportationen damals umgerechnet fast 450 Millionen Euro verdient hat. Es sei das erste Mal, so Vereinschef Hans-Rüdiger Minow, dass die "Mordbeihilfe" der Reichsbahn genau beziffert worden ist. "Das hat uns auf die Frage gebracht: Sind diese Menschen eigentlich je entschädigt worden - wenn man dieses Wort gebrauchen will - für die Leiden ihrer Deportation? Wir haben festgestellt Nein."
Bahn will Polen-Geschäft ausweiten
Der Gedanke, dass die Deutsche Bahn AG ihr Polen-Geschäft ausweitet, ist für viele Opfer des nationalsozialistischen Terrors nur schwer zu ertragen. Opferverbände haben das deutsche Unternehmen daher aufgefordert, mehr für die heute hoch betagten Überlebenden der Nazi-Barbarei zu tun.
Kein Geld, sondern humanitäre Hilfe
Stanislaw Zalewski vom Verband ehemaliger politischer Häftlinge der NS-Gefängnisse und Konzentrationslager betont, dass es den noch verbliebenen 7000 Mitgliedern seiner Organisation dabei nicht nur ums Geld gehe: "Wir sprechen nicht von einer Entschädigung oder von Leistungen, sondern von einer sozialen, humanitären Hilfe. Wir wollen an die Deutsche Bahn keine Forderungen stellen oder gar gegen das Unternehmen klagen. Wir zählen auf eine Geste des guten Willens. Es wäre gut, wenn ein Fonds für Humanitäre Hilfe entstehen würde."
Den heute teilweise über 80- und 90-jährigen NS-Opfern gehe es finanziell oftmals sehr schlecht, erklärt Hans-Rüdiger Minow. Diese Männer und Frauen lebten meist von einer kleinen Rente und hätten es verdient, ihren Lebensabend würdiger zu verbringen, so der Vorsitzende des "Vereins Zug der Erinnerung": "Dies alles zeigt, dass es eine Notwendigkeit gibt, nicht ein abstraktes Interesse, keine Revanche, sondern die Bitte darum, das Schicksal und die Lage dieser Menschen zu berücksichtigen. Das ist nach unserer Meinung bislang nicht ausreichend geschehen."
Bahn verweist auf frühere Zahlungen
Die Deutsche Bahn hat sehr zurückhaltend auf die Forderungen aus Polen reagiert. Konzernsprecher Oliver Schumacher erklärte gegenüber der Nachrichtenagentur PAP, dass die Bahn AG kein Rechtsnachfolger der Reichsbahn sei. Das Unternehmen stehe aber zu seiner historischen Verantwortung, so Schumacher. Er verweist darauf, dass die Bahn sich mit einem mehrstelligen Millionenbetrag an einer Stiftung zur Entschädigung von Zwangarbeitern beteiligt habe und sich darüber hinaus in anderen Projekten engagiere. In diesem Jahr will das Unternehmen im Zusammenhang mit einer Ausstellung in Nürnberg einen Schüleraustausch zwischen Polen und Deutschen unterstützen.
quelle: Die Tagesschau
aus: Der Spiegel - 10.12.2009
Mengele-Opfer
Der Mann, der nie mehr zum Arzt wollte
Seit seinem 20. Lebensjahr verweigerte Jitzchak Ganon jeden Arztbesuch. Selbst nach einem Herzinfarkt wehrte sich der Israeli dagegen, ins Krankenhaus gebracht zu werden. Erst nach der Operation nannte er den Grund seiner Panik vor den Männern in Weiß: KZ-Arzt Josef Mengele.
Aus Petach Tikwa berichtet Christoph Schult
Ein dürres Männchen, die weinrote Strickjacke ein wenig zu groß, die Beine wie Streichhölzer in den brauen Hosen. Jitzchak Ganon hat sich zurecht gemacht, er ist frisch rasiert, sein weißer Oberlippenbart fein gestutzt. Der 85-Jährige sitzt auf einem grauen Sofa, ein Kissen stützt seinen Rücken. Er ist zu schwach, um sich zu erheben. Aber er lässt es sich nicht nehmen, seinen Gast auf Deutsch zu begrüßen: "Guten Tag."
Das Sprechen fällt ihm schwer. "Langsam, Abba", sagt seine Tochter Iris und stellt ihm einen Becher Wasser hin. Ihr Vater habe sich in seinem ganzen Leben nie beschwert über irgendwelche Schmerzen, sagt sie.
Vor einem Monat sei er dann von seinem morgendlichen Spaziergang zurückgekommen und habe sich hingelegt. "Papa, bist du krank?", fragte Iris. "Nein, nur ein bisschen müde", sagte Jitzchak Ganon und legte sich schlafen. Nach ein paar Stunden war er immer noch müde. "Ich brauche keinen Arzt", wehrte er ab.
Am nächsten Morgen ging es ihm noch schlechter, da holten Frau und Tochter doch einen Arzt. Der sprach von einer Viruserkrankung und schrieb ihm eine Überweisung ins Krankenhaus. Jitzchak Ganon wehrte sich, doch zum ersten Mal spürte er, dass sein Leben in Gefahr war. Irgendwann gab er den Widerstand auf.
Die Familie brachte ihn ins Scharon-Krankenhaus seiner Heimatstadt Petach Tikwa bei Tel Aviv. Kaum war er angekommen, verlor er das Bewusstsein. Herzinfarkt, diagnostizierten die Ärzte. Mit Hilfe von Ballons wurden die verstopften Blutgefäße geweitet, anschließend setzten ihm die Ärzte fünf Stents ein. "Wir dachten, er würde die OP nicht überleben", sagt Dr. Eli Lev, "vor allem, weil er nur eine Niere hat."
Als Jitzchak Ganon nach der Operation zu sich kam, erzählte er den Ärzten, wo er die andere Niere verlor. Und warum er 65 Jahre lang nicht in Behandlung war. Ein Reporter der israelischen Zeitung "Maariv" hörte davon. Und jetzt, vier Wochen nach der OP, ist Jitzchak Ganon bereit, seine Geschichte zum ersten Mal einem deutschen Journalisten zu erzählen.
Die Zahl 182558 ist in seine Haut geritzt
Er streckt seinen Rücken und blickt auf das Foto an der Wohnzimmerwand. Es zeigt die Akropolis in Athen. "Ich komme aus Arta, einer Kleinstadt in Nordgriechenland. Es geschah am Samstag, den 25. März 1944. Wir hatten gerade die Kerzen angezündet, um den Sabbat zu segnen, als ein SS-Mann und ein griechischer Polizist ins Haus eindrangen. Sie sagten, wir sollten uns für einen Ausflug fein machen."
Der 85-Jährige krempelt den Ärmel seines Hemds hoch und entblößt den linken Unterarm. Mit dunkelblauer Tinte ist dort die Zahl 182558 in die Haut geritzt.
Zwei Wochen dauert der Transport nach Auschwitz. Der kranke Vater stirbt auf der Fahrt. Nach der Ankunft müssen sie sich ausziehen und werden untersucht, die Mutter und fünf Geschwister werden ins Gas geschickt.
Jitzchak Ganon wird ins Krankenhaus von Auschwitz-Birkenau gebracht. Hier verrichtet der Arzt Josef Mengele, genannt der "Todesengel", seine grausamen Experimente an jüdischen Häftlingen.
Ganon muss sich auf einen Tisch legen, wird festgebunden. Ohne Narkose öffnet Mengele seinen Unterleib und schneidet ihm eine Niere heraus. "Ich sah die Niere in seinen Händen pulsieren und weinte wie ein Verrückter", erzählt Ganon. "Ich schrie das 'Höre Israel' (5. Buch Mose, Kapitel 6, jüdisches "Glaubensbekenntnis"). Ich betete, dass ich sterben möge, um nicht länger zu leiden."
"Wann immer er krank wurde, sagte er, dass es nur die Müdigkeit sei"
Nach der "Operation" musste er ohne Schmerzmittel in der Näherei des KZ arbeiten, unter anderem gehört das Reinigen blutiger Operationsbestecke zu seinen Aufgaben. Sechseinhalb Monate verbrachte Jitzchak Ganon in dem Krankenhaus. Einmal musste er eine ganze Nacht lang in einem Becken mit eiskaltem Wasser verbringen, weil Mengele seine Lungenfunktion "prüfen" wollte.
Als sie keine Verwendung mehr für ihn hatten, schickten die Nazis ihn in die Gaskammer. Er überlebte durch einen Zufall. Ganon hatte die Nummer 201 erhalten, doch die Gaskammer fasste nur 200 Menschen.
Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz-Birkenau durch sowjetische Truppen befreit. Jitzchak Ganon kehrte in seine Heimat Griechenland zurück, traf seine einzigen überlebenden Geschwister wieder, einen Bruder und eine Schwester, und wanderte 1949 nach Israel aus. Er heiratete. Und er schwor sich, niemals mehr zu einem Arzt zu gehen. "Wann immer er krank wurde, auch wenn er schwer litt", sagt seine Frau Ahuva, "sagte er, dass es nur die Müdigkeit sei."
Aber jetzt ist Ganon doch froh, dass er nach dem Herzinfarkt ins Krankenhaus kam. Eine Woche nach der OP bekam er noch einen Infarkt und dann einen Herzschrittmacher. "Wenn die Ärzte nicht gewesen wären", sagt er - und lächelt zum ersten Mal, "wäre ich jetzt tot." Jitzchak Ganon hat überlebt, zum zweiten Mal.
quelle: Der Spiegel
aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung - 22.12.2009
Demjanjuk-Prozess
Empörtes Raunen
Von Friedrich Schmidt, München
22. Dezember 2009 Wer Konflikte scheut und in Diskussionen lieber klein beigibt, als für seine Position zu streiten, für den ist der Beruf des Strafverteidigers nichts. Das Recht des Angeklagten auf einen Verteidiger geht eben nicht zwangsläufig mit dem Respekt der Öffentlichkeit einher. Geht es gar um Mord, mag sich manch ein Anwalt auf seinem Platz nahe dem mutmaßlichen Täter recht einsam fühlen. Einige Verteidiger zeigen in dieser Lage Feingefühl, bringen bedächtig ihre Argumente vor und vermeiden es, die Konfrontation, die einem Strafprozess ohnehin innewohnt, ohne Not zu verstärken. Andere wählen den Frontalangriff, begleiten ihre Anträge mit scharfen Worten. Nach den ersten vier Sitzungstagen im Verfahren gegen John Demjanjuk, der vor dem Landgericht München II wegen Beihilfe zum Mord an 27.900 Menschen im nationalsozialistischen Vernichtungslager Sobibor angeklagt ist, ist klar, dass Ulrich Busch, der Wahlverteidiger Demjanjuks, zu dieser zweiten Gruppe gehört.
Schon zum Prozessauftakt vor drei Wochen rief Busch ein empörtes Raunen der Zuschauer hervor, als er den gebürtigen Ukrainer Demjanjuk und die anderen „Hilfswilligen“, die sich aus der Todesnot der deutschen Kriegsgefangenenlager in den Dienst der SS flüchteten, mit den jüdischen Opfern des Holocausts verglich: Man dürfe neben dem Holocaust an den Juden nicht den „millionenfachen Holocaust an den sowjetischen Kriegsgefangenen“ vergessen, dessen sich Deutschland schuldig gemacht habe. Busch sah seinen Mandanten, dem die Staatsanwaltschaft vorwirft, in Sobibor zwischen März und September 1943 „an allen Stadien der Vernichtungsprozesses“ mitgewirkt zu haben, „auf gleicher Stufe“ mit dem (anwesenden) Nebenkläger Thomas Blatt, der das Lager überlebte, weil ein SS-Mann den damals Fünfzehnjährigen zu seinem „Schuhputzjungen“ erwählte.
Konfrontative Linie der Verteidigung
Man könnte es dezenter verdeutlichen, dass Demjanjuk zunächst, das ist unbestritten, ein Opfer der Deutschen war - gerade in einem Saal, in dem etliche ihre Familie im Holocaust verloren haben. Aber auch am Dienstag verfolgt Busch, neben dem Demjanjuks Pflichtverteidiger Günther Maull im Verfahren fast so dauerhaft schweigt wie der Angeklagte, seine konfrontative Linie weiter. Im Schwurgerichtssaal des Münchner Strafjustizzentrums beantragt Busch abermals, das Verfahren auszusetzen, und wirft den drei Berufsrichtern Befangenheit wegen „sachwillkürlichen“ Verhaltens vor - im Kern mit den Argumenten, mit denen er die zu Beginn des Verfahrens gestellten Anträge begründet hatte, die das Gericht am Montagnachmittag abgelehnt hatte. Sein Mandant sei „Opfer eines internationalen Justizkomplotts“, sagt Busch auch und kritisiert mit Blick auf das israelische Todesurteil aus dem Jahr 1988 gegen Demjanjuk: „Unterlagen aus dem Sumpf des mutmaßlichen versuchten Justizmordes können nicht verwendet werden.“ 1993 hatte der Oberste Gerichtshof Israels das Urteil aufgehoben, der befand, dass Demjanjuk Opfer einer Verwechslung geworden war. Den Kölner Strafrechtsprofessor Cornelius Nestler, der im Münchner Prozess etliche Nebenkläger vertritt, erinnern die Anträge des Verteidigers an ein „Tonband“.
Dabei deuten sich zwischen den beiden Verteidigern Demjanjuks Spannungen an. Nestler gibt eine Erklärung zu den Gründen ab, warum die Nebenkläger als Zeugen vernommen werden: Von Seiten der Verteidigung sei die Befürchtung geäußert worden, es könnten sich, unter falscher Identität, „Trittbrettfahrer“ zu den Nebenklägern gesellen. Busch fordert Nestler auf, zu sagen, welcher der beiden Verteidiger diese Befürchtung geäußert habe - er werde ohnehin schon in der Öffentlichkeit diffamiert. Maull sagt, er habe es angeregt, um der Gefahr entgegenzuwirken, dass der Eindruck entstehe, es gebe „Trittbrettfahrer“. Dem sei nun „auf wunderbare Weise entgegengewirkt“ worden, sagt Nestler.
Zeugenaussagen unter Tränen
Mit weiteren Aussagen der Nebenkläger nimmt der Prozess, dem der Angeklagte heute wieder von seinem Bett an einer hinteren Wand des Saales folgt, seinen Lauf. Der 67 Jahre alte Nebenkläger Rudi Westerveld berichtet, er habe den Holocaust nur überlebt, weil die Eltern ihn - im Alter von nur fünf Monaten - noch rechtzeitig bei einem befreundeten Ehepaar unterbrachten, als sie selbst angeblich zum Arbeitsdienst nach Polen einberufen wurden. Nur zwei Wochen später seien seine Mutter und sein Vater in Sobibor ermordet worden. Er selbst habe in späteren Jahren einen Sohn verloren, sagt Westerveld unter Tränen - deshalb könne er nachfühlen, was seine Eltern bei der Weggabe ihres Sohnes empfunden haben müssen. Der 69 Jahre alte Robert Fransmann liest eine Liste mit Namen von Familienangehörigen vor, die in Sobibor ermordet wurden, unter ihnen auch seine Eltern.
Im Januar soll in München Thomas Blatt aussagen, der zwar keine Erinnerung an Demjanjuk hat, aber die Bedingungen in Sobibor schildern soll: Er entkam bei dem Häftlingsaufstand im Oktober 1943. Doch schon an diesem Dienstag sagt ein Nebenkläger aus, der selbst in Sobibor war: der 88 Jahre alte Jules Schelvis. Am 1. Juni 1943 brach der Transport aus dem niederländischen Lager Westerbork auf, der ihn und seine Familie, auch seine 20 Jahre alte Frau Rachel, nach Sobibor brachte. In dem Güterwaggon seien nur ein Wasserfass und ein leeres Fass zum Verrichten der Notdurft gewesen. Nach drei Tagen in Sobibor angekommen, trennte ein SS-Mann die etwa 3000 Menschen nach Männern und Frauen. „Ich konnte sie nicht mehr küssen oder grüßen“, sagt Schelvis über seine Frau - er sah sie nie wieder. Er schaffte es, in eine Gruppe von Juden zu kommen, die zur Arbeit in andere Lager gebracht wurde. Als Schelvis von dem Grauen erzählt, das er später bei der „Liquidierung“ des Gettos Radom erlebte, muss er innehalten. Zu groß ist der Schmerz.
Text: F.A.Z.
quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung - 01.12.2009
Demjanjuk-Prozess
Ohne Erinnerung an die Eltern
Von Friedrich Schmidt, München
01. Dezember 2009 Ein Hochzeitspaar lächelt von dem Schwarzweiß-Foto, das auf dem Tisch vor Marcus Degen liegt. Es zeigt seine Eltern, Louis Degen und Rebecca Degen-Berger, am Tag ihrer Hochzeit, dem 8. April 1937. Links daneben, auf ein weißes Blatt Papier, hat Marcus Degen ein Bild von seinem älteren Bruder Isaias geklebt, der am 13. Dezember 1939 geboren wurde. Als die Eltern erfuhren, wohin sie die deutschen Besatzer der Niederlande bringen wollten, ins „Kamp Westerbork“, vertrauten sie ihren 1942 in Amsterdam geborenen Sohn Marcus einem Großonkel und seiner Frau an, einer Deutschen. Arglos sagten sie sich: Wenn wir im „Kamp“ arbeiten müssen, können wir gewiss auf einen Dreijährigen achtgeben, aber auf einen Säugling nicht.
Noch in Amsterdam, kam die Mutter jeden Tag, um ihr Kind zu stillen; über Postkarten erkundigten sich die Eltern, ob es dem „Neffen“ auch gut gehe. „Sie dürfen uns immer schreiben“, heißt es auf der letzten Karte der Degens aus dem „Polizeilichen Judendurchgangslager Westerbork“. Es ist das letzte Zeugnis, das Marcus Degen von seinen Eltern hat. Am 6. April 1943 wurden sie mit Isaias nach Sobibor im deutsch besetzten Polen deportiert, im verriegelten Güterzug, ausweislich der Transportliste gemeinsam mit 1989 weiteren Juden. Drei Tage dauerte der Transport. Dann, am 9. April 1943, wurde Degens Familie in den Gaskammern des Vernichtungslagers mit Motorabgasen erstickt.
„Gefühllos und unbarmherzig“
Wenn Marcus Degen, einer der Nebenkläger, an diesem Dienstag im Schwurgerichtssaal des Münchner Strafjustizzentrums steht, dann weil er glaubt, dass der Mann, der dort vorne auf einer orangefarbenen Krankentrage liegt, vor mehr als 66 Jahren einer derjenigen gewesen sein könnte, der Louis, Rebecca und Isaias in den Tod getrieben hat - als sogenannter Wachmann, als Scherge der SS. Dass dieser Iwan Demjanjuk, der mittlerweile John heißt und 89 Jahre alt ist, eine Mitschuld daran trägt, dass er als Waise aufgewachsen ist, bei Pflegeeltern. Er sei für seine Eltern und seinen Bruder hierher nach München gekommen, sagt Degen: „Wenn Demjanjuk schuldig ist, soll er verurteilt werden - egal, wie hoch die Strafe ist.“
Es ist der zweite Tag des Prozesses gegen John Demjanjuk, der sich vor dem Landgericht München II gegen den Vorwurf der Beihilfe zum Mord an 27.900 Menschen verteidigen lässt. Zum Prozessauftakt am Montag waren die zweimal 90 Minuten - die nach dem Befund des ärztlichen Sachverständigen maximale Verhandlungsfähigkeit Demjanjuks - geprägt von dem Befangenheitsantrag der Verteidigung und Ausführungen über den Gesundheitszustand des Angeklagten. Der gebürtige Ukrainer und jetzige Staatenlose soll unter anderem an Bluthochdruck, Herzinsuffizienz, Gicht und einer Vorform der Leukämie leiden. Die Erörterung der juristischen und medizinischen Gebrechen dieses Falls beanspruchte soviel Zeit, dass die beiden Staatsanwälte nicht mehr dazu kamen, ihre Anklageschrift zu verlesen.
Doch zunächst stellt Demjanjuks Verteidiger Ulrich Busch auch am Dienstag Anträge auf Einstellung und auf Aussetzung des Verfahrens - im Wesentlichen mit den Argumenten, mit denen er erfolglos versucht hatte, beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe das Verfahren zu stoppen: Demjanjuk sei bereits in Israel für dieselben Taten angeklagt und verurteilt worden, die nun in München zur Verhandlung stehen. Zudem sei die „Zwangsdeportation“ Demjanjuks aus den Vereinigten Staaten nach Deutschland im Mai illegal gewesen und das Verfahren in München somit nicht zulässig. In mehreren Ländern seien Ermittlungsverfahren gegen Demjanjuk angestrengt und wieder eingestellt worden: „Es ist ein juristisches Faszinosum, dass eine Vielzahl von Richtern keinen Tatverdacht erkennen kann, die Staatsanwälte in München aber aus demselben Beweismaterial einen erdrückenden Tatverdacht herleiten wollen.“
Auf der Liege, gegen die er mittlerweile den Rollstuhl eingetauscht hat, und mit geschlossenen Augen lauscht Demjanjuk dann doch noch der Anklage, die ihm die Dolmetscherin übersetzt. Demjanjuk habe die Menschen „gefühllos und unbarmherzig“ in die Gaskammern getrieben, „weil er selbst deren Tötung aus rasseideologischen Gründen wollte“, sagt der Staatsanwalt. Außerdem habe Demjanjuk gewusst, dass den Juden aus den Niederlanden „planmäßig ihre Tötung verschwiegen wurde, ihnen vielmehr vorgespiegelt wurde, dass es sich bei den Gaskammern um Duschen handelte“.
Aus den Niederlanden kommen die meisten der hier in München anwesenden 23 Nebenkläger, die hinter ihren Anwälten sitzen; auch ihre Familien wurden aus Westerbork in Zügen nach Sobibor gebracht. Es geht ihnen um die letzte Gelegenheit, um die Welt über die Mordmaschinerie aufzuklären, wie der 82 Jahre alte Thomas Blatt sagt, der seine Eltern und seinen Bruder in Sobibor verlor und selber bei dem Häftlingsaufstand im Oktober 1943 entkommen konnte. Ein Wachmann wie Demjanjuk war „jemand, der Leute mit Bajonetten in die Gaskammer getrieben hat“, sagt Blatt. Es wäre unmöglich gewesen, so viele Menschen zu vernichten, wenn die SS nicht die Hilfe der ukrainischen Wachmannschaften gehabt hätte.
Milde Urteile gegen die Befehlshaber
Blatt, der schon im ersten Sobibor-Verfahren vor dem Landgericht Hagen als Zeuge geladen war, erinnert sich im Münchner Schwurgerichtssaal an die milden Urteile gegen die Männer, die mutmaßlich die Befehlshaber Demjanjuks waren - und, wenn überhaupt, nur wenige Jahre Haft für hunderttausendfache Morde bekamen. Blatt hofft, dass Demjanjuk doch noch selbst sprechen wird. „Er war in der Mitte der Hölle - er soll erzählen!“ Der aber schweigt, auch als ihn der Vorsitzende Richter Ralph Alt nach dem beschriebenen Grauen der Gaskammern noch einmal über seine Verfahrensrechte belehrt. Dafür stellen Vertreter der Nebenkläger den Antrag, die Anklage auf versuchte Beihilfe zum Mord zu erweitern - wegen der Menschen, die schon in den Zügen gestorben seien.
Die übrige Zeit der Verhandlung gehört den Opfern und ihren Angehörigen. Mit nüchterner Stimme liest Richter Alt aus den Transportlisten aus Westerbork vor, das Ankunftsdatum, die Blätter im betreffenden Leitz-Aktenordner, den ersten und den letzten Namen auf der Liste, die immer weit über tausend Namen umfasst; die Namen der Angehörigen der Nebenkläger liest er eigens vor. Und später hat der Richter die schwierige Aufgabe, die angereisten Nebenkläger als Zeugen zu befragen, von denen einige sich nicht mehr an ihre Eltern erinnern können.
Text: F.A.Z.
quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung
aus: Der Stern - 12.12.2009
Videospiel "Saboteur":
Vive la résistance!
Der Zweite Weltkrieg ist eins der beliebtesten Themen für Actionspiele. Nach etlichen Versionen von Schlachtfeld-Geballer widmet sich "Saboteur" einem bislang wenig beachteten Aspekt der NS-Zeit: der Widerstandsbewegung in den Gassen des besetzten Paris.
Von Nina Ernst
Wer Actionspiele mag, könnte fast der Illusion erliegen, selbst dabei gewesen zu sein; so viele Shooter gibt es über den Zweiten Weltkrieg. Die Schlachten, Waffen und Uniformen der Epoche sind Spielern bestens bekannt, wenn auch nicht die Angst und Verzweiflung im Schützengraben. In all den Ego-Shootern wurde jede Schlacht bereits zig Male geschlagen, jedes noch so kleine Schlachtfeld virtuell nachgebildet. Kein Wunder, dass immer mehr Spieler die Flinte ins virtuelle Korn werfen, das ewige Geballer zwischen Nazis, Russen und US-Soldaten nicht mehr sehen können. Nun bringt das Spiel "Saboteur" frischen Wind in die Versoftung dieser düsteren Epoche: Als Widerstandskämpfer verbreitet der Spieler Hoffnung in den Gassen des besetzten Paris.
Tom French ist Chefdesigner von "Saboteur" und findet es verständlich, dass Produzenten von Filmen und Spielen immer wieder den Zweiten Weltkrieg aufgreifen. Weil es hier dem Betracher besonders leicht fällt, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. "Für Videospiele sind Nazis einfach die größten Bösewichte aller Zeiten und geben so hervorragende Feinde ab", sagt French.
Der 35-Jährige findet das Thema ebenfalls spannend, meint aber, dass schon genug Geschichten über die beteiligten Soldaten erzählt wurden. "In Wirklichkeit haben nicht alle Kämpfe gegen die Nazis nur auf dem Schlachtfeld stattgefunden. Es gibt so viele persönliche Geschichten von Leuten, die hinter den Kulissen gegen die Machthaber gekämpft haben", sagt French.
Reales Vorbild
Wie zum Beispiel die des britischen Rennfahrers William Grover-Williams, der in den 30er Jahren für das Bugatti-Team gefahren ist und anschließend in Paris als Saboteur agiert hat. Das ideale Vorbild für Hauptfigur Sean Devlin, einen irischen Rennfahrer und Automechaniker. Der interessiert sich zunächst nicht für Politik, sondern nur für Frauen, Autos und seine Kumpels. Nachdem die Nazis seinen Freund umgebracht haben, versteckt er sich in einem Pariser Nachtclub und ergibt sich seinem Schicksal.
So wie ein Großteil der Stadt, die aus Angst vor den Nazibesatzern in eine Starre gefallen zu sein scheint. Ob rund um den Eiffelturm, im Wohngebiet oder Geschäftsviertel: Der Schrecken der Bewohner ist fast in jedem Winkel von Paris spürbar. Überall patrouillieren Soldaten, Kontrollposten blockieren Straßenkreuzungen, die Stadt ist in Schwarz-Weiß getaucht. In der tristen Kulisse im Film-Noir-Stil leuchten die Symbole der Nazis in bedrohlichem Rot. Die beklemmende Stimmung scheint für den Spieler fast greifbar.
Devlin macht zufällig Bekanntschaft mit der Pariser Widerstandsbewegung und beschließt, Rache zu üben. Nicht wie aus vielen Spielen gewohnt als übermächtiger Held mit großer Waffe, sondern als unauffälliger Saboteur. Er klettert auf Dächer, um Wachposten auszuschalten, fährt mit dem Auto durch die Stadt, um Brücken zu sprengen und Gefangene zu befreien. Fliegen Devlins Aktionen auf, heißt es Gas geben und sich möglichst weit weg von den Nazis verstecken. Ist der Alarm beendet, kann der Widerstandskämpfer zurückschleichen und sein Werk vollenden. Erfolgreiche Sabotageakte bringen die Hoffnung in den jeweiligen Stadtteil und die Farbe auf den Bildschirm zurück.
Das motiviert den Spieler und ist sehr stimmungsvoll inszeniert. Devlin ist mit seinen markigen Sprüchen allerdings eher ein Macho als ein vielschichtiger Charakter. Auch das an die "Grand Theft Auto"-Reihe erinnernde Spielprinzip ist technisch nicht ganz so ausgereift wie beim großen Vorbild. Trotzdem ist es eine interessante, neue Spielerfahrung, Teil der Widerstandsbewegung zu sein und die Nazis unbemerkt zu sabotieren. French sagt: "Die Hauptaussage des Spiels ist, dass jeder zum Helden werden kann." Selbst dann, wenn er wie Devlin früher unpolitisch war und Missstände einfach ignoriert hat.
Neue Facetten einer dunklen Zeit
Früher hat die Unterhaltungsindustrie sich für die NS-Zeit hauptsächlich dann interessiert, wenn es um die Darstellung der Grausamkeit des Krieges auf dem Schlachtfeld ging. Filme wie "Inglorious Basterds" zeigen, dass diese Epoche noch mehr interessante Aspekte zu bieten hat. Die Diskussion, ob die Nazizeit unterhaltsam oder spannend dargestellt werden darf, legt sich. Trotzdem ist der Widerstand der 40er Jahre noch immer ein ungewohnt ernsthaftes Thema für ein Videospiel. Designer Tom French sieht darin einen neuen Trend. Das Medium Spiel werde langsam erwachsen, meint der Entwickler: "Es ist eine großartige Zeit für Videospiele. Sie entwickeln sich langsam zu einer Kunstform wie der Film." Deshalb ist die Zeit gekommen, in der neben Kindersoftware, Retrogames und seichter Unterhaltung auch ernsthafte Themen aufgegriffen werden dürfen.
In erster Linie soll "Saboteur" laut French ein unterhaltsames Videospiel statt sachlicher Dokumentation sein. Deshalb sind Autos, Gebäude und Handlungen auch nicht bis ins kleinste Detail historisch korrekt nachgebildet, sondern nur an die Wirklichkeit angelehnt. Spielwelt und Ereignisse sind aber so überzeugend inszeniert, dass sich der Spieler sofort in die Epoche versetzt fühlt: von den Tänzerinnen im Nachtclub über die Tangomusik im Autoradio bis hin zu den alten Häusern mit den rauchenden Schornsteinen. Das virtuelle Paris ist eine Reise wert.
Saboteur
Hersteller/Vertrieb: Pandemic/Electronic Arts
Genre: Action
Plattform: PC, PS3, Xbox 360
Preis: 50 bis 60 Euro
Altersfreigabe: ab 18 Jahren
quelle: Der Stern
aus: Der Spiegel - 12.12.2009
Thor-Steinar-Persiflage
Heinar, der Weltkriegsverliererbesieger
"Storch Heinar" legt sich mit Thor Steinar an: Eine Initiative gegen den Rechtsextremismus verulkt das Modelabel, das unter Neonazis als Erkennungszeichen gilt. Der Textilhersteller klagt - doch der freche Storch plant schon die nächste Aktion.
Von Holger Wille
Hamburg - Storch Heinar ist im wahrsten Sinne des Wortes ein hässlicher Vogel. Er hat eine schmale Brust, seine schwarzen Haare sind streng gescheitelt und auf seinem Schnabel wächst ein Zweifingerbart. Heinar ist ein "Führer"-Vogel. Doch trotz seiner Hässlichkeit ist er berühmt: Die Bewegung Endstation Rechts, ein Internetportal gegen Rechtsextremismus, machte den Namen zur Modemarke. Als Persiflage auf die aktuelle Neonazi-Mode. Der Bekleidungsfirma MediaTex passt das überhaupt nicht.
MediaTex ist im brandenburgischen Zeesen ansässig. Die Firma produziert Jacken, Hosen, Pullover und Mützen, die in der rechtsextremen Szene äußerst beliebt sind. Das Label bedient sich nordischer Runen, überhaupt hat es die nordische Mythologie dem Unternehmen angetan: Auf einem Pullover ist ein Wikingerschiff abgebildet. Darunter steht der Schriftzug "Sturm und Drang".
Der brandenburgische Verfassungsschutz bezeichnete die Marke als "identitätsstiftendes Erkennungszeichen" der rechtsextremen Szene. Das Symbol der Marke ist ein Kreuz mit zwei Punkten auf einem grauen Untergrund. Laut Unterlagen, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, ärgert MediaTex neben der Ähnlichkeit des Namens vor allem das Symbol: Auf dem Motiv von "Endstation Rechts" streckt Storch Heinar die Flügel links und rechts in die Höhe, in der Mitte liegt ein Ei. Die Firma findet offenbar, dass dieses Bild dem Thor-Steinar-Kreuz sehr nahe komme. Die Gegenseite sieht das anders, beharrt auf dem deutlichen Unterschied zwischen den Marken. Den Streit wird nun wohl ein Gericht entscheiden.
Zum laufenden Verfahren gegen Endstation Rechts will sich das Unternehmen nicht äußern. Nur so viel: "Jeder, der versucht, sich an unserer Marke zu bereichern, wird abgemahnt."
Der Verkauf des frechen T-Shirts soll Prozesskosten finanzieren
Vorsorglich hat die Bewegung Endstation Rechts schon einmal T-Shirts drucken lassen, die man im Internet vertreiben will. Sie zeigen Storch Heinar mit Stahlhelm, umrahmt vom Schriftzug "Weltkriegsverliererbesieger".
Das Motto erinnert an eine Aktion des Fußballclubs St. Pauli. In Anlehnung an den Sieg gegen den damaligen Weltpokalsieger Bayern München druckte der Verein T-Shirts mit dem Slogan "Weltpokalsieger-Besieger." Der Erlös floss in die klamme Kasse des Vereins.
Mit dem Geld aus den neuen "Besieger-Shirts" will Endstation Rechts mögliche Prozesskosten finanzieren. Gleichzeitig startet die Bewegung eine SMS-Spendenaktion. Wer das Wort "Storch" an Nummer 81190 schickt, spendet 3 Euro für die Aktion.
quelle: Der Spiegel