
Nahezu geschlossen marschierten ab 1933 über fünf Millionen Kinder von ihrem zehnten Lebensjahr an in nationalsozialistischen Jugendorganisationen mit. Dass einige fehlten, weil sie Juden waren oder von anders denkenden Eltern zurückgehalten wurden, fiel in der großen Menge nicht auf.
Der Erste Weltkrieg und Reparationen hatten damals Deutschland ins Elend gestürzt. Die Weltwirtschaftskrise der Jahre 1929 bis 1932 steigerte die Belastungen ins Unerträgliche. Banken brachen zusammen, Firmen machten Bankrott, Fabriken mußten schließen. Massenarbeitslosigkeit brach aus.
Die politische Bühne für Adolf Hitler war bereitet. Kein Staatsstreich, sondern eine demokratische Wahl verhalf dem Diktator an die Macht. Mit Parolen wie Arbeit und Brot oder Die Juden sind unser Unglück brachten die Nationalsozialisten die große Mehrheit der Deutschen Bevölkerung hinter sich. Sie waren einem propagandistischen Trommelfeuer ausgesetzt, wie man es bis dahin nicht gekannt hatte. In den Zeitungen, im Rundfunk, im Kino und selbst in zahlreichen Kirchen wurde der Nationalsozialismus als beste Staatsform der Welt gepriesen.
Der neue NS-Staat hatte die Jugend sofort total verplant - von der Hitlerjugend in den Reichsarbeitsdienst, von dort in die Wehrmacht oder in Frauenorganisationen, dann in die Partei, die SA oder die SS. In den Jugendorganisationen arbeitete die Propaganda perfekt und perfide.
Pubertäre Unsicherheit wurde ausgenutzt um blinde Begeisterung zu wecken. Geschickt wurde Ideelles mit Ideologischem verbunden Wandervogelromantik mit Welteroberungsplänen, Liebe zu Deutschland mit Hass gegen fremde Völker, Kameradschaft mit blindem Gehorsam.

Als Hitler nicht genug Männer für seinen Krieg hatte, kam bei führenden Nazis schnell die Idee auf, nun auch Jugendliche an die Kanonen zu stellen.
Dass Eltern, Lehrer, Geistliche und die deutsche Intelligenz sich gegen diesen Mißbrauch von Kindern nicht erhoben, gehört zu den dunkelsten Kapiteln der jüngeren deutschen Geschichte. Zum Schluß zogen sogar Vierzehnjährige, Dreizehnjährige und Zwölfjährige in die Schlachten um Deutschland.
Sogar nach der Kapitulation ging das Sterben unter den ideologisch verblendeten Kindersoldaten weiter. Viele kamen bei Werwolf-Einsätzen um oder wurden als Partisanen standrechtlich erschossen.
Für die Überlebenden war mit der Kapitulation von 1945 nicht nur Hitler-Deutschland, sondern ihre Welt zusammengebrochen.
Es entstand ein Generationenkonflikt mit dem wir heute noch leben. Wie konnte jemand etwas zu sagen haben, der erst unter Hitler und nun unter Adenauer Beamter war? Was war zu halten von Offizieren, die einst Kinder befehligten und die nun ihre Laufbahn bei Bundeswehr oder in der Volksarmee fortsetzten?
Was waren das für Journalisten, deren Name man aus NS-Zeitungen kannte und die nun ihre Feder in den Dienst der freiheitlichen Grundordnung stellten?
Wer von den Befürwortern einer freien Marktwirtschaft hatte Giftgas nach Auschwitz geliefert, wer die SS-Uniformen geschneidert, wer die Kanonen für den Überfall auf Polen verkauft? Das war Zündstoff genug für einen Aufstand gegen die Väter. Aber er hat nicht stattgefunden.
Viele blieben lange im politischen Abseits, weil sie ihre ganze Kraft brauchten, die eigene Existenz zu sichern. In der DDR fühlte sich die ältere Generation durch den Kommunismus und seiner brutalen Bürokratie an den Nationalsozialisten erinnert. Die westdeutsche Demokratie diffamierte sich durch Altnazis, die wieder führende Positionen einnahmen.
Erst als Ende der sechziger Jahre die Studenten auf die Barrikaden gingen, als eine Außerparlamentarische Opposition (APO) gegen die Große Koalition ihre ehemaligen NSDAP-Mitglieder und gegen Notstandsgesetze protestierten, wachte auch ein Teil der älteren Generation aus der politischen Lethargie auf.
Viele fühlten sich dieser Nachkriegsjugend verbunden, aber große Veränderungen haben sie nicht mehr zu bewirken vermocht. Schaudernd zogen sie sich in ihre Eigenheime zurück, als die Proteste in sinnlosem Terrorismus gipfelten. Ist in diesen Jahren die deutsche Demokratie vorangekommen, das Leben in Deutschland freier und menschenwürdiger geworden?
Ja, aber die Demokratie ist nicht aus den Wolken gefallen und es dürfte auch klar geworden sein, dass sie ebenso wenig in den Sternen geschrieben stand. Wenn wir jetzt wieder mit dem Rechtsradikalismus neue Verirrungen zulassen ist das Leiden unter Hitler und der Kampf gegen die Diktatur ohne Sinn geblieben.